Burgtheater: jedermann (stirbt)

Februar 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Finanzphilosophisches von Ferdinand Schmalz

Der Homo oeconomicus als ein Hedgefondshamster im Rad: Markus Hering als jedermann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Zum Ende hin das Bild. jedermann in der schwarz sich drehenden Röhre, die in die goldfleckige Wand eingelassen ist. Er diese zur Menschwerdung abschreitend, doch schneller und schneller dreht sich die Trommel, er muss nun laufen, der Hedgefondshamster im Rad, und strauchelt und stürzt und sagt, der Homo oeconomicus im Burnout-Modus: „Ich kann nicht mehr.“ Am Ende der Satz vom „schema sündenbock“.

Der jedermann, er stirbt, weil er zum Opfer wird, exemplarisch vorgeführt für eine ganze verkommene Schicht, die Gott nicht abträgt. Nur den einen … So ist das. Wenn Ferdinand Schmalz Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes über- und ergo fortschreibt. Und derart ein Zeitgeistzerrspiegel entsteht, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht. Vielmehr aktuelle Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Freitagabend war Uraufführung des Auftragswerks am Burgtheater, ein Abend, der mit großem Applaus und viel Bravo bedacht wurde. Inszeniert hat, Experte für Schwieriges, Stefan Bachmann (die reduzierte Bühne vom kongenialen Olaf Altmann, die mal goldenen, mal schwarzen Trachten-Kostüme von Esther Geremus wohl eine Reverenz an Salzburg).

Bachmann hat verstanden, dass Schmalz das barocküppige Moral-und-Anstand-Stück in eine moderne Moritat verwandelt hat. „jedermann (stirbt)“ befasst sich wie das Vorbild mit den weltwichtigen Fragen zu den allerletzten Dingen. Und gibt es keinen Glauben mehr, so immer noch die Hochmoral vom rechten Leben. Und den Allmächtigen – der hofft, so das Burgmotto für diese Saison, „es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht“ – und eine Sensenfrau und den Teufel sowieso.

Katharina Lorenz als jedermanns frau, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Barbara Petritsch als buhlschaft tod, Markus Hering als jedermann, Katharina Lorenz als jedermanns frau. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Letzterer tritt als gehörnte Masse auf. Schmalz hat Figuren neu gruppiert. Der Unterweltfürst ist nun eine (teuflisch) gute gesellschaft, die buhlschaft tod, der arme nachbar gott und die guten werke charity. Diese ganz erschöpft von den vielen -veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern … Ort und Tat verlegt Schmalz jenseits einer Festungsmauer, dahinter will sein jedermann ein Fest geben, er ein nicht näher definierter, es mit der Wirtschaft Treibender, ein Mann, der sich die Erde als Investment Untertan gemacht hat, ausgelaugt vom Schrauben an den Rädchen dieser Welt.

Doch vor den Toren brodelt es. Ein Finanzdebakel bahnt sich an, und Schmalz hat dazu viel Finanzphilosophisches zu sagen. Wie überhaupt seine Arbeit sehr sprachmächtig daherkommt, die überwältigend poetische Prosa und dazwischen die Reimlieder, die das Ensemble gemeinsam singt. Die allegorischen Figuren sind solche geblieben, ihre Handlungen wirken wie ritualisiert. Ein Totentanz und immer wieder eingefrorene Tableaux. Bachmanns Regie schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, löst deren Komplexität zwar nicht auf, aber konkretisiert durch Mehrstimmigkeit gekonnt dort, wo einem das Konstrukt sonst zu entgleiten drohen könnte. Und wie stets bei Bachmann ist das Ganze nicht ohne Humor.

Für diesen sorgen vor allem Markus Meyer und Sebastian Wendelin als dicker und dünner vetter, zwei Politiker, die Schulden für eine Parlamentskampagne angehäuft haben, erst schmeicheln und dann die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl jedermanns Konzerne übernehmen werden. Den jedermann gibt Markus Hering als Pragmatiker, ein Kapitalismussieger, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen. Katharina Lorenz und Elisabeth Augustin brillieren als dessen frau und mutter. Viel Zeit lässt sich Schmalz, um über Todesverdrängung zu berichten. Da passt es, dass Barbara Petritsch eine intensive buhlschaft tod ist, eine, die sich selbst Gauklerin nennt, wohl weil sie zum letzten Vorhang lädt.

Die (teuflisch) gute gesellschaft: Sebastian Wendelin als dünner vetter, Markus Meyer als dicker vetter, Elisabeth Augustin als jedermanns mutter, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott, Mavie Hörbiger als mammon/werke. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Oliver Stokowski spielt den armen nachbar gott als zum Fest gebetenen, erschöpften Bettler, Mavie Hörbiger hat ihre starken Momente als mammon, der über die Fortpflanzung des Geldes und über Rendite und Kredite referiert, und als gute werke aka exaltierte charity. Dass die Situation eskaliert ist klar, „den gläubigern fehlt es an glauben“. Schließlich der Aufruf, mit Geborgtem, sei’s Leben, Welt oder Geld, achtsam umzugehen.

Und, ach ja, der jedermann-Rufer ist diesmal seine frau. Absolution gibt es anno 2018 keine. Der Rest freut sich, während jedermann nun nackt aufgebahrt ist, aufs Erben: „der tod kann auch etwas nützliches sein – wenn er nicht einen selber trifft.“ Begeisterung im Publikum für diesen exzeptionell gelungenen Theaterabend!

www.burgtheater.at

  1. 2. 2018

Jeder stirbt für sich allein

November 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fallada-Verfilmung mit Emma Thompson

Nach dem Tod ihres Sohnes an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 18. November kommt die langerwartete Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Pérez in die heimischen Kinos, und es ist schon so, dass diese nunmehr fünfte Kinoarbeit über Hans Falladas erstmals 1947 erschienenen NS-Widerstandsroman eine kleine Enttäuschung ist. Zwar ist sie sogar weniger pathostriefend als befürchtet, doch umso mehr trifft einen, dass es dem Schweizer Regisseur und Drehbuchautor offenbar nicht möglich war über die letzte Hürde zu springen.

In Sets, die aussehen wie die Postkarten, die die Protagonisten schreiben, gedreht wurde einmal mehr in Görlitz, erzählt er in konservativen Bildern in einer für ein großes Publikum weichgespülten Fassung seine Story. Wenig ist noch übrig von der Drastik, der Schonungslosigkeit des Buches, ja, Pérez missversteht Falladas spröden Schreibstil, er geht allzu schematisch vor, er entwirft seine Charaktere grob wie Holzschnitte; er hat nicht verstanden, dass es bei Fallada gerade die vorgetäuschte Emotionslosigkeit der Figuren ist, die einen tief berührt und in die Handlung involviert. Und: Emma Thompson, diese großartige, hochintelligente Schauspielerin, ist keine Anna Quangel. Das deutsche „Muttchen“, das sich mit Näharbeiten ein bisschen was dazu verdient, die unpolitische, einfache Hausfrau, die sich nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront gegen Hitler radikalisiert, die nimmt man ihr nicht ab. Der Trost ist, dass dank ihres Starstatus der Film international Aufmerksamkeit auf sich ziehen und der Welt ein weiteres neues Bild des innerdeutschen Widerstands präsentieren wird. Ein schmerzlinderndes Moment, an das man sich schon bei Tom Cruises „Operation Walküre“ zum Stauffenberg-Attentat gehalten hat, sagte doch sogar die Thompson im Interview: „Ich bin groß geworden mit der Vorstellung, dass alle Deutschen Nazis gewesen sein mussten …“

Die Geschichte ist wahr. Fallada hat sie aus Gestapo-Akten. Otto und Elise Hampel verfassten zwischen September 1940 und September 1942 an die 300 Postkarten und 200 Handzettel, in denen sie zum zivilen Ungehorsam gegen das Dritte Reich, zur Sabotage wichtiger Kriegsarbeiten und zur Auflehnung gegen das Mörderregime aufriefen. „Freie Presse“ nannten sie sich und legten ihre Schriften in Treppenhäusern rund um ihr Wohnviertel in Berlin-Wedding aus. Der Tischlermeister und sein „Muttchen“ wurden von der Gestapo ausgeforscht und 1943 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ durch das Fallbeil hingerichtet. Am Nachkriegsbau Amsterdamer Straße 10, das ursprüngliche Wohnhaus der Hampels wurde durch eine Fliegerbombe zerstört, erinnert heute eine Gedenktafel an das Ehepaar.

Kommissar Escherich auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Kommissar Escherich ist fieberhaft auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Folter in der Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Hausgemeinschaft beschreibt Pérez getreu der literarischen Vorlage, sie ist ein Gesellschaftskaleidoskop, dreht sich um Mitläufer und Überzeugungstäter und eine jüdische Mieterin, der nach der Plünderung ihrer Wohnung und ihrem Selbstmord sogar noch das Armkettchen vom Handgelenk gerissen wird. Im Keller haust der Kleinkriminelle Enno, in der Beletage ein pensionierter Richter, dem es im entscheidenden Moment doch an Courage mangelt. Lars Rudolph und Joachim Bißmeier verstehen es diesen Nebenfiguren dramatisches, sogar tragisches Profil zu geben, ebenso wie Daniel Strässer, der einen von der Nazi-Ideologie durchdrungenen Ermittler spielt und Katrin Pollitt als mitfühlende Briefträgerin. Es sind ihre Aufblitzer, die den Film doch sehenswert machen. Und während Emma Thompson die Anna Quangel mit durchgehend gleichbleibend sorgenzerfurchtem Gesicht gestaltet, man muss allerdings gerechterweise sagen, dass Anna im Roman eine wesentlich aktivere Rolle als im Film zukommt, zeigt Brendan Gleeson die Möglichkeiten auf, die diese Figuren bieten.

In winzigen Nuancen lässt er erahnen, wie es im Inneren seines Handwerkers wirklich aussieht. Wortkarg ist er, ein stiller Ehrenmann, und beim Auslegen der Postkarten ausgestattet mit der Ruhe eines, der nichts mehr zu verlieren hat. Sein Überlebenselexier ist das Anschreiben gegen die „Hitlerei“ und dabei verleiht Gleeson dem Quangel unaufgeregt eine große Würde. Als sein Kontrahent ist Daniel Brühl zu sehen, als Kommissar Escherich ein Mann, der sich als Kriminalist versteht, nicht aber das dumbe Treiben der SS-Schreihälse. Wie er versucht, seinen professionellen Ehrgeiz, den Fall zu lösen, und sein moralisches Empfinden in Einklang zu bringen, ist tatsächlich der einzige interessante innere Konflikt in einem Film, der ansonsten wie am Schnürchen schnurrt.

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Wie Brühl sich vom Standartenführer als „Intellektueller“ beschimpfen lassen muss, ein Begriff, der auch im hiesigen Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten als Schmähwort benutzt wurde, wie er einem Verdächtigen den Gnadentod vor der Gestapofolter gibt, wie er schließlich für sich selbst die Konsequenzen zieht, in diesen Szenen ist der Schauspieler ganz bei Fallada.

Den man, nachdem man den Film gesehen hat, unbedingt zur Hand nehmen sollte, um auch dem Medium Film geschuldete gestrichene Handlungsstränge nachzulesen. Erst dann nämlich erschließt sich der ganze Kreis des Grauens, den das Dritte Reich um die Menschen zog. Ihm fallen auch völlig unbeteiligte, wie Hans‘ Ex-Verlobte, längst anderweitig verheiratet und Mutter, zum Opfer. Oder eine Tierhändlerin, die Enno aus sexuellen Gründen Unterschlupf gewährt. Oder eine kommunistische Zelle in der Holzfabrik, die nur ausgehoben wird, weil man Quangel bereits auf der Spur ist … All das würde den Rahmen des Films sprengen, all das ist aber wichtig, um zu verstehen, wie die Todesmaschinerie der Nazis funktionierte. An einer Stelle sagt Otto über die Postkarten: „Sie sind wie Sandkörner, die wir in diese Maschine füttern. Ein Korn hält die Maschine nicht an. Aber wenn man immer mehr hineintut, dann wird es mit der Zeit Auswirkungen auf die Maschine haben.“

www.jederstirbtfuersichallein.x-verleih.de

Wien, 17. 11. 2016

Joachim J. Vötter im Gespräch

Februar 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar spielt „Yorick stirbt“

Joachim J. Vötter Bild: Ernst Binder

Joachim J. Vötter
Bild: Ernst Binder

Der Dramatiker Joachim J. Vötter hat in seiner neuen Komödie „Yorick stirbt“ dem Wiener OFF-Theater-Star Hubsi Kramar eine Rolle auf den Leib geschrieben. Die Rolle des Theaterdirektors, der genug hat vom Theater,  ist auch eine Hommage an seinen langjährigen Freund und Förderer. Den Dichter spielt Markus Kofler, den Schauspieler Daniel Doujenis. Beide sind mit kryptischen Botschaften ins Theater bestellt worden, ohne wirklich zu wissen, wozu sie gebeten sind.

„Ich möchte die Herren daran erinnern, dass wir uns hier eingefunden haben, um die Welt zu Kleinholz zu machen und nicht, um uns zu verbrüdern!“, schnauzt der Direktor die beiden an und befiehlt ihnen, ihm beim Zertrümmern des Bühnenbildes zu helfen. Ein letztes Mal gibt er im Foyer seine Paraderolle als Adolf Hitler. Bevor der rote Vorhang fällt, holt er den Totenschädel aus dem Fundus, um Auge in Auge zu resümieren: „Ein Hauch von Leben rührt sich in dem weiten Dunkel. Wo die Gestirne unbeirrbar Jahrmillionen Jahre standen, bestaunen mich an ihrer Stelle Augen, um das an mir zu suchen, was Hamlet einst an dir gesucht: das entwichene Leben des geliebten Narren, auf dessen Rücken er als Kind wohl tausend Male ritt.“

Ernst M. Binder vom dramagraz inszeniert, einem Spezialisten für zeitgenössische Dramatiker, der an die 70 Theaterstücke uraufgeführt hat – darunter Texte von so renommierten Autoren wie Peter Handke, Elfriede Jelinek, Einar Schleef, Werner Schwab oder Gert Jonke; die Uraufführung findet am 2. März in Graz statt, Wien-Premiere ist am 16. März. Joachim J. Vötter im Gespräch:

MM: Wie kam Ihr Stück „Yorick stirbt“ zustande? Es ist sehr den momentanen Lebensumständen Hubsi Kramars angepasst: Er wollte nicht mehr Theaterdirektor sein, sondern „unter Obstbäume“ ziehen …

Joachim J. Vötter: Richtig. Als ich den Stückauftrag von Ernst Binder vom dramagraz bekommen habe, habe ich mich erst an anderen Stoffen versucht. Und einmal bin ich, nach einem Telefonat mit Hubsi, mitten in der Nacht aufgewacht und dachte daran, was alles passiert ist: Dass wir wirklich ein Theater, das 3raum, geschlossen, unser gemeinsames Bühnenbild in Form von großen Weltkarten zerlegt haben. Die derzeitige Wirtschaftkrise, die Weltverhökerung, das trifft unsere Situation im Stück ziemlich genau.

MM: Der Theaterdirektor …

Vötter: … ist sehr nahe an der Person Hubsi Kramar. Inklusive „Hitler beim Opernball“ oder Jesus Christus aus seiner Reihe „Dr. Helmut Zilk im Gespräch mit …“ Das gehört alles zu ihm. Aber: Nach 40 Jahren Theater habe ich absolutes Verständnis dafür, wenn sich einer einmal etwas zurückziehen möchte. Die Figur ist, wie Hubsi Kramar, eigentlich sehr heiter. Ich habe es erlebt, wie Hubert erblüht ist, nachdem die Last, Theaterdirektor zu sein, die er ja nie haben wollte, von seinen Schultern gefallen ist. Er entstieg wie Phönix aus der Asche und ist sehr entspannt. Und er hört ja nicht auf, Regie zu führen oder zu spielen.

MM: Welche Aufgabe haben die Figuren des Autors und des Schauspielers?

Vötter: Für die ist ein Theater zu verlieren, der Verlust von einem Stück Heimat. Der Schauspieler tut sich leichter, hat Engagements da und dort. Der Dichter ist trauriger. Wie’s in meinem Fall wirklich war. Sie reden lange um den heißen Brei herum, können sich nicht aufraffen, anzufangen, ihr geliebtes „Weltbild“ zu zerstören – und beginnen dann als erstes am Sessel des Theaterdirektors zu sägen, nicht nur sprichwörtlich, während nebenan die Abschiedsparty voll im Gang ist.

MM: Sie schreiben gerne Trilogien. Der Beginn der neuen wäre „Der Kopf im Rachen der Natur“ gewesen, in dem der Dichter tot ist und seinen Bruder, den Erben, nicht vom Reichtum im doppelten Wortsinn seines Wortschatzes überzeugen kann. Gibt’s einen Konnex?

Vötter: Ja. In „Kopf im Rachen der Natur“ ist der Dichter verschollen, wurde für tot erklärt, in „Yorick“ verlässt er das sich schließende Theater, voller Ideen im Kopf, um im nächsten, „Was wollen denn alle von Shakespeare?“, als Hauswart und Gärtner in Steinhof wieder aufzutauchen, an der Seite von August Strindberg. Es gibt da schon einen Faden, der die drei Stücke zusammenhält. Hubert sucht schon nach Möglichkeiten, es umzusetzen.

MM: Ihr Zusammentreffen mit Hubsi Kramar war eine Art dramatische Initialzündung. Wie sind Sie aneinander geraten?

Vötter: Ich war bei der Gunter-Falk-Gala in Graz, November 2002. Bei der Premierenfeier haben wir einander kennen gelernt. Ich hatte einen 1000-Seiten-Roman geschrieben, den wollte er unbedingt lesen, und war begeistert. Dann fragte er mich, ob ich fürs Theater schreiben möchte, und ich sagte launig: Das Theater kann mich mal. Und Hubert sagte: Du bist mein Mann. Darauf habe ich das erste Stück geschrieben, „Die Walzermembrane“. Und Hubert sagte: Das geht auf keinen Fall, allein das Bühnenbild und dieser Text … Er wollte nicht, aber die Förderung war schon da. Dann sagte er: Das geht aber nur mit einem herausragenden Schauspieler – und hat den Text Andreas Patton gegeben, in der Hoffnung, der sagt Nein. Andreas war aber ganz angetan, sprach von einem „ungeschliffenen Juwel“. Und so ging es weiter: mit „Schreber – eine Nervenromanze“, „Der Weltintendant“ und „Kopf im Rachen der Natur“…

MM: Ihre Texte sind eine Mischung aus intellektuellem Wortjonglieren, einem Spiel mit Ihrer umfassenden Bildung, Humor und der Schadenfreude am Scheitern der Figuren.

Vötter: Also Schadenfreude entspricht überhaupt nicht meinem Naturell. Ich bin stets solidarisch mit meinen scheiternden „Helden“, die letztendlich dadurch doch eine für sie wichtige Erkenntnis gewinnen, wie die auch immer gelagert sein mag, ich bin kein Moralist. Wenn ich zu schreiben beginne, bin ich sehr ernst bei der Sache, bei historischen Stoffen mit gebührenden Respekt, so wie ich etwa für das letzte Stück die Philosophen des Deutschen Idealismus studierte. Und wenn ich denke, ich habe das im Griff, halte ich mich an die Regel von Günter Brus: „Im eigentlichen bedeutet die Kunst des Schreibens nur, das Talent zu besitzen, die Vernunft so zu verprügeln, dass sie noch knapp am Leben bleibt“. Dabei stellt sich der Humor dann von selbst ein. Ich bin ja auch als Mensch nicht bierernst. Und: Ich bin ein Teamspieler. Die schlussendliche Leichtigkeit einer Aufführung ist den Schauspielern zu verdanken. Wenn deshalb einer bei einer Probe meint: Du, das kann ich so nicht sagen. Über den Satz stolpere ich jedes Mal. Na, dann ändern wir ihn eben. Die Schauspieler sind am Theater das Wichtigste, die halten alles zusammen.

MM: Sie haben ein Architekturstudium abgebrochen, um Autor werden zu können. Sind  von der Liebe zum dreidimensionalen Entwerfen, Gedankengebäude in die Dichtung gewechselt?

Vötter: Ich erlernte die Architektur noch als hochgradig künstlerisches Handwerk, voller Gerüche: Bleistifte, Tusche, Papiere, Farben. In der Mitte meines Studiums kamen die Computer. Damit war das Haptische, das Sinnliche draußen. So wollte ich die nächsten 40 Jahre meines Lebens nicht verbringen. Also ging ich zurück zu Tusche und Papier, zur Sinnlichkeit. Wobei Hubert alle meine Fähigkeiten nützt. Zum Beispiel beim Bühnenbildbauen, nach dem Motto: Endlich ein Autor, der einen Nagel in die Wand bringt (er lacht). Nein, im Ernst: ich bin ja ganz gegen dieses praktische Klischee, dass Autoren oder Geistesmenschen ausschließlich elfenbeintürmisch und lebensunpraktisch sind.

MM: Wenn Sie sich an den Schreibtisch setzen, was inspiriert, was interessiert Sie? Welche Inhalte sprechen Sie an?

Vötter: Ich habe ständig die Fühler ausgefahren. Daraus ergibt sich ein gewisses Reservoir, das ich in Notizbüchern aufbewahre. Und wenn jemand sagt, er hätte gern ein Stück, habe ich schon drei, vier Ideen parat, die ich ausarbeiten kann. Ich bin wie eine Biene, die sammelt, bis dann irgendwann der Honig fließt, oder auch nicht.

MM: Abschlussfrage: ganz was anderes: Auf Ihrer Facebookseite https://www.facebook.com/people/Joachim-J-V%C3%B6tter/100001915348833 ist ein Foto mit Alice Cooper. Wie kam’s dazu?

Vötter: Alice Cooper hat in Graz ein Konzert gegeben. Ich war bei der Pressekonferenz und er hat das Script von „Der Weltintendant“ unterschrieben. War ganz interessiert, worum’s da geht. Ich erzählte von Christoph Columbus. Und er sagte: Oh, I know Chris! Er meinte den Hollywoodregisseur. Ein sehr bewusst gesetzter Witz von diesem Gentleman. Wir haben geblödelt und geplaudert und dann haben wir das Foto gemacht.

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Wien, 20. 2. 2015