Orpheum Wien – Thomas Stipsits: Stinatzer Delikatessen. Quasi ein Best Of

Februar 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und immer noch kein Freibad

Bild: pertramer.at

Es gibt also immer noch kein Freibad in Stinatz, auf diesen Umstand zwingt es den dortigen Tourismusbeauftragten bei seinem Premierenauftritt im Orpheum Wien hinzuweisen. Man weiß schließlich Freunde und Gönner anwesend, und vielleicht ja … Geber? Ach ja, der Mann heißt Thomas Stipsits und ist hauptberuflich Kabarettist und Schauspieler, in erster Linie aber auch ein seiner Marktgemeinde Verbundener.

Als solcher hat er nun eine südburgenländische Perlenreihe geknüpft. „Stinatzer Delikatessen – Quasi ein Best Of“ heißt sie, und präsentiert sozusagen Pikantes aus bisherigen Programmen, gewürzt mit Ausblicken auf das kommende neue. Über einheimische Eigenheiten erzählt der Stipsits ja besonders gern, und auch diesmal malt er wieder ein lebhaftes Bild vom Leben zwischen Thujen, Jägerzaun und Waschbetonplatten. Man erfährt, wie Online-Banking bei der Stinatzer Raika funktioniert, Wissenwertes über den Kampf der Showgiganten ORF vs katholische Kirche, und viel übers kroatische Erbe.

An den schönsten Stellen packt Stipsits über die eigene Familie aus, Papa, Oma und die im Publikum sitzende Gattin, die ihm beim Schlussapplaus ganz schön Kontra gibt. Hier wird sich nicht geschont, hier wird Spaß gemacht, dass es eine Freude ist. Doch die Zeichen der Zeit sind auch an ihm nicht ohne Weiteres vorübergegangen, und so flicht Stipsits ein paar aktuell ernst gemeinte Einsprengsel in seinen launigen Text. Über Flüchtlingssketche bei Faschingssitzungen, die Kurz-Führung der Balkanroute und die Retro-Regierung insgesamt. Freilich darf auch der allseits bekannte Jörg-Haider-Herzensfreund nicht fehlen.

Stipsits turnt durch Dialekte, er sprintet durch Sprachfehler und Verständigungsprobleme. Ein gutes Dutzend seiner Figuren hat er diesmal mit dabei, und so gibt es ein Wiedersehen/Wiederhören mit Unteroffizier Steinschleifer und dem Ex-Lehrer, weil Krautkenner Feichtinger Joe, mit Tiroler Schützen und griechischen Wirten. Als besonderes Schmankerl serviert Stipsits einen nagelneuen steirischen Sirtaki. Dies in atemberaubenden Tempo. Und ohne sich, wie eigentlich angekündigt, zu verhaspeln.

Überhaupt greift Stipsits wieder gern und viel zur Gitarre, bringt ein Achtzigerjahre-Medley von „Flinserl im Ohr“/„Felicita“ – bis „Rauchverbot“/“In The Army Now“, singt für seinen Sohn Kinderlieder à la Grönemeyer oder Rolling Stones, und – dies schon die Zugabe – intoniert Nachweihnachtliches im Stil von Wanda oder Bilderbuch. Stipsits zeigt sich einmal mehr als Entertainer, der im Wortsinn alle Stückln spielt. In diesem Sinne: Selten so gelacht.

www.stipsits.com

  1. 2. 2018

Thomas Stipsits: Das Glück hat einen Vogel

September 28, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

26 Geschichten von der Gunst des Schicksals

„Ungefähr zur selben Zeit …“ So beginnt jede der Kurzgeschichten, die Thomas Stipsits für sein erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“ aufgeschrieben hat. Der Kabarettist und Schauspieler wagt sich als Autor auf neues Terrain, sagt er, doch ist es kein ihm völlig unbekanntes. Denn ein Geschichtenerzähler, das ist Stipsits auch in seinen Bühnenprogrammen; die Figuren seiner im Großen und Ganzen Mittelstandsstorys kennt er also gut – er spielt sie ja auch. Und so kommen einem die Charaktere im Buch durchaus vertraut vor. Es sind Stipsits Humor und sein großes Herz, der aus ihnen und mittels derer er über sie spricht, die die Verwandtschaft herstellen.

Die Geschichten handeln vom Glück. Nicht von dem, das der Wiener „a Masn“ nennt, sondern vom Glücksgefühl, vom Glücklichsein und – ganz wichtig – vom Schokoglück. Stipsits schreibt über die Gunst des Schicksals. Sie widerfährt 26 Menschen, von A wie Andreas bis Z wie Zita, die beiden gleichsam eine Klammer fürs Buch. Der Augustin-Verkäufer und die Upper-Class-Tussi waren in der gleichen Schulklasse.

Nun ist er völlig abgesandelt und sie reich verheiratet. „Das Schicksal schlug aus wie ein panisches Pferd. Die große Sehnsucht nach einem guten Leben, Reichtum und endlosem Vergnügen gepaart mit Phlegma hatte in Andreas Lebensgeschichte tiefe Wunden hinterlassen“, schreibt Stipsits. Der im Übrigen alle seine Figuren liebt. Er wünscht ihnen nur das beste, was anderes würde er mutmaßlich gar nicht aushalten, und so gibt es für Zita Läuterung im noblen Dirndlladen und für Andreas ein Happy End. Sipsits erfindet für seine Geschöpfe vielfältige, ideenreiche Settings, manche der Momentaufnahmen sind flott und fröhlich, manche melancholisch, manche lassen sich Zeit, bis sie ihr Geheimnis preisgeben, die eine oder andere verweigert sich dem ganz, Stipsits Sprache dabei stets präzise und prägnant in der Beschreibung.

Bild: pixabay.com

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Wer den Autor vom Kabarett kennt, wird einige seiner Lieblingsthemen und -dinge wiederfinden. Thujen kommen natürlich vor, Karpathos kommt vor, Stinatz ist selbstverständlich ein Schauplatz, wo im Wirtshaus die „Färbel“-Abende stattfinden, und der Wirt bei diesem Kartenspiel während des angeblichen Vortrags kroatischer Volkslieder betrügt: „Es versteht sich von selbst, dass er keine kroatischen Weisen sang, sondern eher Chansons mit dem Inhalt: ,Der hat a Herz-As, der hat a Pik-Sieben …‘ Für diese Leistungen verrechnete er seinen Stinatzer Kartenkomplizen stolze 25 Prozent der Einnahmen.“ Es gibt wie in „Triest“ einige jener Sätze, denen es keine Beachtung zu schenken gilt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Wir haben damals nichts gehabt. Wenn du nicht aufisst, scheint morgen nicht die Sonne … Und eine Hommage an die Mistkübler der MA48, diese „Helden der Kehrrichterei“, die dank ihres Koloniatruppen-Matras „ignorieren, ignorieren, ignorieren“ hysterisch hupende Autofahrer – na, eben – ignorieren können.

Alle seine Geschichten seien im Kern wirklich wahr, ob selbst erlebt oder erzählt bekommen, so Stipsits. Und so kann man bei ihm nachlesen, wie man unliebsame Einladungen möglichst elegant ausschlägt, wie ein Durchschnittstyp sich ein Megaweib sichert, auch wenn die keines ist, was es bedeutet, wenn man im Haus gegenüber drei Mal den selben Mord mitansehen muss, und wie man sich verhalten sollte, wenn die Seitensprung-Konkurrenz kein anderer als ER ist.

Bild: pixabay.com

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Stipsits kramt anstandslos auch im Privaten. Christian verfährt sich auf dem Weg zum Nova-Rock-Soundcheck und begegnet einer jungen, geheimnisvollen Frau. Emil hat noch eine Besprechung mit dem Big Boss, bevor er seinen neuen Job antritt; seine neuen „Bediensteten“ werden eine derzeit noch schreiende blonde Frau und ein nervös auf und ab tigernder Mann sein. Katharina kämpft mit einer Diät und ihrem Schokoaufstrichgusto, während sie die „Ich schau, ob ich zugenommen habe“-Hose im Schrank beäugt. Eine solche hat man selber auch. Sie hängt neben dem „Jö, ich habe abgenommen“-Rock, dieser ein Fake, weil mit Gummizugbund … Unter M ist Stipsits nicht Manuel, sondern Michael eingefallen, ein Kabarettkollege, der nach einem Auftritt in der ausverkauften Stadthalle die lieblos angerichtete Wurstplatte im Backstage-Bereich bejammert, diese ein bekanntes Kleinkünstlertrauma, bevor er im Pub seines Vertrauens eine hochnäsige Burgschauspielerin zur Schnecke macht. Nia würde man drauf kommen, wer da gemeint ist. Hansi Hinterseer erscheint als er selbst, und ist so herzlich wie in echt.

Zu guter Letzt erst das I, das Ich. Dazu nicht Alexander von Biczos „Vogerl“-Zitat, sondern die Nöstlinger: „Glück ist was für Augenblicke“. So kann man bei dieser Lektüre von Geschichte zu Geschichte, von Augenblick zu Augenblick glücklich sein. Thomas Stipsits hat ein Buch geschrieben, das einem im vor der Tür stehenden Herbst die Seele wärmen wird.

Über den Autor:
Thomas Stipsits, 1983 in Leoben geboren, schrieb bereits in der Schule Lieder und kleine Sketche. 2000 erhielt er den Kärntner Kleinkunstpreis. 2004, gemeinsam mit Klaus Eckel, Pepi Hopf und Martin Kosch den Österreichischen Kabarettförderpreis. Sein Programm „Griechenland“ feierte Anfang 2006 Premiere, aktuell tritt er zusammen mit Manuel Rubey und seinem Bruder Christian mit dem Programm „Gott & Söhne“ auf. Er ist in zahlreichen Fernsehproduktionen („Braunschlag“, „Tatort“, „Vorstadtweiber“) und Kinofilmen (aktuell: „Baumschlager“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26085) zu sehen und tritt regelmäßig in „Was gibt es Neues?“ auf. Zusammen mit seiner Frau Katharina Straßer gestaltete er im ORF die Comedy-Serie „Gemischtes Doppel“. Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn, Emil. Als Musiker tritt er mit Ulli Bäer und Willi Gansterer mit der Danzer-Hommage „Von Danzer bis Stinatz“ auf.

Ueberreuter Sachbuch, Thomas Stipsits: „Das Glück hat einen Vogel“, Kurzgeschichten, 160 Seiten.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.stipsits.com

  1. 9. 2017

Baumschlager

September 18, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Stipsits als schürzenjägerischer UNO-Soldat

Drei Engel für Baumschlager: Meyrav Feldman, Moran Rosenblatt, Thomas Stipsits und Sólveig Arnarsdóttir. Bild: © Dor Film

Der Name ist Baumschlager, Werner Baumschlager, und der hat in 100 Minuten Film mutmaßlich mehr Sex als James Bond in 55 Jahren Kinogeschichte. Er hat’s beruflich aber auch einfacher, ist er doch kein Superspion, der beständig gegen Welteroberer oder -zerstörer kämpfen muss, sondern führt das beschauliche Leben eines österreichischen UN-Soldaten an der blauen Linie, der Grenze zwischen Israel und dem Libanon.

Dass er dort so viel Chaos anrichtet, dass sich die Blauhelme schließlich aus der Pufferzone auf dem Golan zurückziehen (tatsächlich verließ das Austrian Battalion, seit 1974 ununterbrochen mit dem größten Truppenkontingent vor Ort im Einsatz, im Wahljahr 2013 überstürzt die Waffenstillstandszone), ist aber ein böswilliges Gerücht … Harald Sicheritz‘ hinterlistige Satire „Baumschlager“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. In der Titelrolle, seiner ersten Kinohauptrolle: Kabarettist und Schauspieler Thomas Stipsits.

Der gerät als patscherter Bundesheer-Hauptmann im Nahen Osten in die Bredouille, teils in eine selbstverschuldete, teils wird er zum Spielball der sich gegenüberstehenden Generalstäbe und ihrer friedensfeindlichen Pläne. Denn mit der Waffenruhe hat hier niemand so richtig Freude, weder die UN-Kräfte (Baumschlagers Untergebene müssen mit dem Abzug ihre lukrative Hanfplantage aufgeben), noch das israelische oder das libanesische Militär. Mit „Baumschlager“ ist Sicheritz ein schwarzhumoriges Lustspiel gelungen, das gewieft die tagtäglichen Verhältnisse in einer der langlebigsten Krisenregionen dieser Erde darstellt; die dortigen komischen Verhältnisse hatten eine solch komödiantische Darstellung längst verdient.

Das Drehbuch dieser österreichisch-israelischen Koproduktion stammt von der jungen israelischen Autorin Maayan Oz, die die von ihr beschriebenen absurden Situationen vermutlich aus dem Effeff kennt, und daher den Figuren auch noch im größten Aberwitz zutiefst menschliche Züge verleihen konnte. Gleichzeitig zeigt Oz eine klare, wenn für den Film auch zugespitzte, Haltung zu Militär, der UNO – und Kriegsprofiteuren aller Seiten. Seien sie Gauner oder Geschäftsleute oder die Schnittmenge aus beidem. Der Film ist vielsprachig und als solcher zu empfehlen, mit sehr geglückten Untertiteln – aus „Shut up“ beispielsweise wird ein sehr einheimisches „Gusch, jetzt“ -, es gibt aber auch eine rein deutschsprachige Fassung. „Baumschlager“, das hat auch etwas verweht Nostalgisches, weiß auch nicht wie, aber irgendwie muss man an Heinz Conrads denken, der in seiner 1970er-Jahre-Sonntagmorgensendung im Radio immer auch „unsere Burschen auf den Golan-Höhen“ grüßte …

Ranias zukünftiger Ehemann liebt Kriegsspielchen …: Shadi Mar’i und Thomas Stipsits. Bild: © Dor Film

… genauso wie die israelische Soldatin Sigal: Thomas Stipsits und Meyrav Feldman. Bild © Dor Film

Apropos, Lust-Spiel: Werner Baumschlager ist der Typ Mann, der nach dem Sex höflich fragt, ob’s eh gefallen hat. Als Soldat mit hohem Pflichtbewusstsein und einem gerüttelt Maß an Akkuratesse ausgestattet, will er privat nur eines: alle um sich glücklich machen – und natürlich auch sich selbst. So kam’s wohl, dass er in eine Doppelliebesaffäre gestolpert ist, eine bilaterale noch dazu, ist doch die eine Geliebte die israelische Soldatin Sigal (Meyrav Feldman als „die Harte“) und die andere die libanesische Generalstochter Rania (Moran Rosenblatt als „die Zarte“).

Damit nicht genug, wartet im österreichischen Middle of Nowhere Gerti Drassl als brave Ehefrau Martha. Es kommt der Weihnachtsurlaub und, während sich Martha noch freut, dass Werner plötzlich ein paar neue Handgriffe im Bett beherrscht, ohne zu ahnen, dass er sich für die um Kopf und Kragen schnackselt, ein Erpresserbrief: „Go back to Israel and wait for instructions“, steht da zu einigen scharfen Sexfotos von Baumschlager und Sigal. Also zurück an die Front.

Wo sich die turbulenten Ereignisse überschlagen: Die Erpresser entpuppen sich als georgisch-israelisches Vater-Sohn-Gespann (Eyal Rozales und  Kobi Farag), die Baumschlager zwingen, mit Kokain präparierte Orangen aus dem Libanon nach Israel zu schmuggeln, denn er als UN-Soldat werde gewiss nicht kontrolliert. Martha, misstrauisch geworden, beschwert sich in Wien bei Werners Vorgesetzter – die nur bestätigen kann, dass die Erlaubnis für den Heimaturlaub aufrecht ist. Also fliegt Martha in den Nahen Osten, um selber nach dem Rechten zu sehen. Mittlerweile entpuppt sich der „Orangenhändler“, Baumeister Ali, als Ranias zukünftiger Schwiegervater und sein Sohn, der „arrangierte“ Verlobte, als schießwütiger Vollpfosten.

Die UNO ihrerseits, durch Marthas Auftritt aufgeschreckt, setzt zwei Agenten (Sólveig Arnarsdóttir und Bond-Bösewicht Anatole Taubman) auf Baumschlager an. Dessen drei Frauen treffen auf und geraten handgreiflich aneinander. Und während die Militärs auf beiden Seiten (herrlich: der israelisch-arabische Superstar Norman Issa als libanesischer General, ergo Berufszyniker, und Ranias Vater Mussa) überlegen, wie man den Schürzenjäger Baumschlager zum Spion hochstilisieren könnte, damit endlich wieder geschossen werden kann, fressen Ziegen die rauschgiftigen Orangen – oder doch nicht? …

Das Weihnachtsfest in Österreich ist kurz, Baumschlager muss zurück an die Liebesfront: Thomas Stipsits und Gerti Drassl. © Dor Film / Bild: Hubert Mican

Immer wieder überraschende, skurrile, aber durchaus nicht ganz unrealistische Irrungen und Wirrungen nehmen als „Mission Baumschlager“ ihren Lauf. Neben der österreichischen Besetzung Thomas Stipsits und Gerti Drassl, und Gastauftritten von Martina Spitzer als Marthas Mutter und Proschat Madani als Ranias Mutter, bestechen sowohl Meyrav Feldman als auch Moran Rosenblatt.

Stipsits stattet seinen Baumschlager mit dem ihm eigenen tollpatschig-charmanten Schmäh aus, und macht ihn zu einem so grundguten, liebenswerten Menschen, dass er einem fast leid tut in dem Schlamassel, den er mitangerichtet hat. Warum sich die Frauen reihenweise in seinen Werner verlieben, macht Stipsits mit seiner sympathischen Darstellung klar. Dass sich die Militärs angesichts seiner panischen Handlungen fragen, ob „Boomschlager“ ein Idiot ist, ist begreiflich, aber nicht gerecht. Stipsits spielt das herrlich, mit einer beinah stoischen Ruhe und immer alle beschwichtigend, als hätte sein Baumschlager inmitten dieser Riesenintrige gar nicht mehr die Kraft, sich groß aufzuregen.

Gerti Drassl glänzt mit ihrem reduzierten Spiel als so eifersüchtige wie besorgte Martha, die auf der Reise ihren Mann erst spät, vor allem und zuerst aber sich selbst findet. Und obendrein den Beduinen Saud (Zohar Liba) und seine fremd-gefährliche und exotische Welt. Wunderbar etwa die Szene, in der Martha in Sauds stinkertem Auto einen Wunder-Baum aufhängt. Meyrav Feldman und Moran Rosenblatt als Sigal und Rania wiederum benutzen Baumschlager als Türöffner zu ihren jeweiligen Lebensträumen, will erstere doch über ihn bei der UN-Friedenstruppe eingestellt werden, und zweitere mit ihm ihrem verrückten Verlobten Richtung Österreich entfliehen. Anatole Taubman wiederum gibt alles in einer besonders fordernden Rolle: Sein UNO‐Agent Max Lang muss als Geisel im Irak Schlimmes erlebt haben, denn immer wenn orientalische Musik erklingt, muss er sich nackt ausziehen und eine Ziege … naja … beglücken.

Harald Sicheritz braucht für seinen Film weder Klamauk noch Slapstick, die Plots sind auch so bizarr genug. Wie er und Drehbuchautorin Maayan Oz eine komplexe politische Situation in die Schwierigkeiten eines einzelnen übersetzen, ist meisterlich. Der Vereinte-Nationen-Mann Werner Baumschlager hat seine eigene Idee davon, wie man die Nationen vereinen kann. Make love, not war. Was den Film „Baumschlager“ betrifft, so kann man sich nur der Meinung von Gerti Drassl anschließen: „Ich finde, es ist eine sehr feine, mannigfaltige Komödie geworden, die auch sehr überrascht!“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=YnKEMwxCCv8

www.baumschlager.derfilm.at

BUCHTIPP:

Heute erscheint bei Ueberreuter Thomas Stipsits erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“. Darin beleuchtet er in 26 Geschichten humorvoll und hintersinnig die Suche nach dem Glück im Leben. Die Geschichten über Menschen von A wie Andreas bis Z wie Zita werden raffiniert miteinander verknüpft und beleuchten als Momentaufnahmen großes und kleines Glück. Denn: Ein Sonnenuntergang am Meer, ein gutes Glas Rotwein oder ein Lotto-Dreier – was Glück für den Einzelnen bedeutet, kann unterschiedlicher nicht sein … (Buchrezension folgt).

Am 19. September gibt Thomas Stipsits ab 18 Uhr in der Buchhandlung Thalia W3 eine Signierstunde. Der Eintritt ist frei.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.thalia.at/shop/home/filialen/showDetails/6411/

18. 9. 2017

Altes Geld

November 3, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Frei von der Leber weg? Es war fad.

Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner Bild: ORF/Superfilm

Ein finsterer Geselle als Lichtblick: Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner
Bild: ORF/Superfilm

Im anschließenden Kulturmontag kam ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner das Wort Überhöhung über die zugespitzten Lippen. Ja, wenn’s denn so … Wochenbeginn war’s und „Altes Geld“ war und bin ich böse, weil mir das Herzerl nicht übergegangen ist? Frei von der Leber weg: Es war fad.

Nun ist es natürlich ein guter Schmäh, vor der Fernsehausstrahlung die DVDs rauszubringen, die freilich Platin holen, weil die Leute schneller sein wollen als der Küniglberg sein kann, und David Schalko kaufen, wenn David Schalko draufsteht. Nun ist es der noch viel bessere Schmäh, auf stattgefundenen Flimmit-VoD-Erfolgen rumzureiten, also quasi im Öffentlich-Rechtlichen einen aufgewärmten Schas zu trommeln, den sich die letzten, also ich, die’s noch nicht gesehen haben, anschauen, weil die Zuschauer ob des bisherigen Hypes David Schalko sehen wollen, wo David Schalko drin ist. Die Leber galt, nur so nebenbei, den alten Griechen als Sitz des Lebens; heute gilt als verstorben, wer hirntot ist. Man spricht dann auch von „coma dépassé“, einem irreversiblen Koma.

Apropos, „Altes Geld“. Das ist sehr langsam und ziemlich leise. Vermutlich, weil der Zynismus selten schnell und nie laut ist. Bis sich was entwickelt, und es entwickelt sich kaum was, und das in Nichtlustig, weil bei keinem Tempo auch keine, so sie vorhanden gewesen wären, Pointen zünden können, kann man getrost drei Mal Limonade holen und vier Mal Lulu gehen. Oder je nach Blase umgekehrt. Die Lücke der dafür privat zuständigen, beim ORF fehlenden Werbepausen ist somit praktisch gefüllt. Es gibt viele Stehsätze. „Es gibt keine Pazifisten, nur Menschen ohne Waffen“. „Ich will nicht deinen Tod, ich wünschte es hätte dich nie gegeben“. „Humanismus ist, was übrigbleibt, wenn Effizienz weg fällt“. Vastehst, Oida? Pampf! Irgendwo kränzelte einer den Lorbeer „Altes Geld“ sei der heimische Denver-Clan, und wiewohl der schon eine Fernsehflatulenz, ich komm‘ einfach nicht von heißer Luft und Wind machen los – bitte um Verzeihung, war, ist „Altes Geld“ doch eher Rosamunde-Pilcher-Dynasty. Fallon und Jeff verlassen die Party und gehen mit der Kippe in den Garten an der Klippe. Fallon beginnt den Joint zu rauchen.  Jeff: „Das ist ja Stoff, Fallon.“ Fallon:“Da hast du recht.“ Jeff: „Was ist, wenn uns jemand sieht?“ Fallon:“Keine Sorge, ich habe genug, das reicht für alle.“ So viel zu Serien – high – light.

Zurück zu „Geld. Macht. Liebe.“ Das topbesetzte Schauspielerensemble agiert als die typischen Stereo-Typen. Udo Kier, sprachlos hinter Sonnenbrillen, teilt sich den einen irren Blick brüderlich mit Robert Palfrader, der als Psychopath auftritt. Ebenso überraschend der Einsatz von Nicholas Ofczarek als Arsch vom Dienst und von Thomas Stipsits als Hoperdatsch. Herbert Föttinger ist ein versoffener, süffisanter Bürgermeister, Simon Schwarz ein geschmeidiger Grüner. Immerhin zukunftsvisionärrisch sah Schalko das Gesundheitsressort schon wie Nieren wandern. Es kann aber statt Verkehr auch Bildung werden. Johannes Krisch, Florian Teichtmeister, Cornelius Obonya und Ursula Strauss spielen außerdem mit. Michael Maertens gibt einen Dr. Seltsam. „Hier bringt sich erstaunlicherweise niemand um“ ist ein Serienzitat. Sunnyi Melles spielt die upperclassig Unterkühlte und Nora von Waldstätten kann punkto Gesichtsfarbe sogar noch blasser sein als sie.

Nur Manuel Rubey erfindet sich mit blonder Perücke beißend neu, als Apfel, der dann doch nicht so weit vom Stamm gefallen ist, ein raubtiergefährlich Schimmernder unter aalglatter Oberfläche; er ist auf den ersten Licht-Blick nur an der Stimme identifizierbar. Ah ja, Dr. Seltsam: Worum geht’s? Der Kier hat Geld und braucht eine neue Leber und wird sein Vermögen dem vererben, der ihm eine bringt. Der Kier ist Nazi-Bub mit Führerfahrzeug im Fuhrpark und jüdischer Schwester am Telefon, sein Vater passender Weise mit Gas, für den Entweichler kann ich aber nix, reich geworden. Außerdem gibt’s Ost-Ganoven, Afrika und Analverkehr und eine Kampfszene in Peckinpah-Zeitlupe. Untertourig fast voll aufs Pedal steigen soll angeblich Sprit sparen.

Was gefällt, außer dem Dark-Duck-Club und seinem Codesatz „Hedy Lamarr ist eine geile Sau“, ist dieses Wien und Umgebung ohne Wiedererkennungswert, dieses nirgendwo überall in seinen kalten Farben, das seine Schattenspiele auf den Gesichtern aufführt, die unkonventionellen Kameraperspektiven, die schiefen Winkel und die schrägen Einstellungen. Es kann nur besser werden. Wöchentliche Ausstrahlung heißt ja, dass man sich an alles gewöhnt. Nach den ersten beiden Folgen gilt für das als „auf eine krude Art lustvoll“ angepriesene, aber noch: Eh, für die Masochisten unter den Serientätern.

Zum Nachjammern: tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-1-Folge-Buschtrommeln/10892981

tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-2-Folge-Alpha/10893003

Wien, 3. 11. 2015

Thomas Stipsits und Manuel Rubey: Gott & Söhne

Oktober 1, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Da ist schon sehr viel Schönes dabei

Manuel Rubey, Thomas Stipsits Bild: Ernesto Gelles

Experten des modernen Tanztheaters: Manuel Rubey, Thomas Stipsits
Bild: Ernesto Gelles

Man kann sich nicht immer alles fertig machen. Man muss nach einem Megaerfolg Erwartungen durchbrechen und Voraussagen durchkreuzen. Man muss es langsam angehen und sich neu denken. Dachten mutmaßlich auch Thomas Stipsits und Manuel Rubey und luden statt zum zweiten gemeinsamen Streich in ihre Schreibwerkstatt in den Wiener Stadtsaal. Eine Premiere, einem Shooting- und einem Star der heimischen Kabarettszene beim Schöpfungsakt über die Schulter schauen zu dürfen.

 

Bei den Geburtswehen, der Rauspressung ihres neuen Programms „Gott & Söhne“. Diese  Schmerzensmännerschlingel! Die Gebärposition ist der Pezziball mit dem sich jeder Mangel an Stringenz, jede Ungereimtheit versiert ausbalancieren lässt. Der geneigte Geburtspartner im Publikum schwankt zwischen Frage: „Was wird das, wenn’s fertig ist?“ und Anfeuerung: „Da ist schon sehr viel Schönes dabei!“ Wird schon. Gleich hammas. Einmal noch. Löschen und neu aufsetzen haben die beiden ohnedies zum Teil ihres Computer-Spiels gemacht. Das Programm schreibt sich zwar wie von selbst, aber auch das schreibt sich nicht von selbst.

In „Gott & Söhne“ sollen die freud-, eher die leidvollen Erfahrungen der vergangenen vier Jahre eingeflossen sein. Tournee. Bis Hinterpfuiteufel, der deshalb freilich auch vorkommen muss. Da lernt man sich und den anderen und ein paar nicht so sehr andere kennen. Stipsits und Rubey bekamen für „Triest“ den Österreichischen Kabarettpreis, nun ist ihnen bang um den Erhalt des Erfolgs. Also schließen sie mit den zwielichtigen Seelenhändlern „Gott & Söhne“, Stipsits-Bruder und Techniker seines Vertrauens Christian ist deren Chef aus dem Off, einen dubiosen Vertrag: Glück als Heilsversprechen. Statt „Pointe, Pointe, Pointe“ will man diesmal die großen Themen bieten. „Häusl bauen und Grillen“. Aber da hat der Waldorfer – Alfred Dorfer wird übrigens Regie führen, eine spannende Aufgabe, auf die er sich freuen kann – die Rechnung ohne die Rampensau gemacht. Weshalb es auf offener Bühne zum offenen Konflikt kommt. Er geht ma so am … andererseits ohne ihn … ein Höhepunkt unter Herren. Und apropos Autoorgasmus: Darum soll’s dann auch gehen, wenn die Sache ausgegoren sein wird – die sieben Todsünden. Weder Weill noch Brecht und schon gar nicht Brad Pitt, sondern Hochmut, Neid, Zorn, Maßlosigkeit, lalala, als Streichliste aufm Schiefertaferl.

Aus dieser frühmittelalterlichen Idee, Stipsits ist 32, Rubey 36 Jahre alt, entsteht ein Figuren-Reigen, ein Totentanz, weil ohne Splatter geht beim Stipsits gar nix, aus recycelten Bekannten. Der umweltsichere Burgenländer und der nachhaltige Wahlwaldviertler machen sogar die Gebrüder Friedrich zu Wiedergängern. Auch ein Straßensänger, den wohl die Cosa Nostra untot machte, geistert durch die surrealistische Story, die eine oder andere Bauernschachposition wird wiederbelebt. Am Kabarett-PC ist nichts p.c. Von asylantenfeindlichen Ausländern bis zum lispelnd-schwulen Zungenschlag. Ein Panoptikum an Perversen. Und Herbert Prohaska. Und Herbert Föttinger als Taxifahrer. Und ein Herr-Karl-Zitat. Lebensblöd- und andere Weisheiten. Flucht mittels Fiaker. Und der Aufruf, Österreich möge bitte nur beim Heurigen blau sein. Lauter wirklich Wichtiges zum vogelwilden Strauß gebunden. Der Wir-haben’s-eh-lustig-mitanaund-Virus schlägt in dieser Kleinkunstsaison früh zu. Ganz Impro versuchen’s die beiden auch mit modernem Tanztheater. Zur Auflockerung. Die Körperübung ist gelungen. Die zwei sind halt zwei Sympathler.

„Gott & Söhne“ fehlt zu Monty Python nur der heilandische Fingerzeig. Is ja schon ein Maria Hilf! im Text. Was bei der Tournee im Auftrag des Herrn je nach Nähe zur nächsten Kirche … für St. Pölten bietet sich da themenbezogen des Heiligen Franziskus‘ „Gruß an die Tugenden“ an. Wird schon. Gleich hammas. Atmen, pressen, sich auf die Probe stellen. Einmal noch. Working is progressing, oder wie das heißt. Das Leben ist eine Regieanweisung. Forza, Fredi!

www.stipsits.com

www.manuelrubey.com

www.stadtsaal.com

Wien, 1. 10. 2015