Jüdisches Museum Wien: Die drei mit dem Stift. Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges

Mai 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zeichnen als Werkzeug zum Überleben

Bil Spira, Zeichnung aus dem Lager Blechhammer, Gouache und Buntstifte auf Papier, 1944 © Imperial War Museum London

Ab 8. Mai zeigt das Jüdische Museum Wien Zeichnungen von Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges. „Die drei mit dem Stift“ eint ein gemeinsames Schicksal. Drei Künstler, die als jüdische Kinder in Wien aufwuchsen, ihre Heimat nach dem so genannten „Anschluss“ verlassen mussten und anderswo erfolgreich wurden – zwei in den USA, einer in Paris. Ihre Zeichenstifte setzten sie als Werkzeuge zum Überleben ein, als nicht nur friedliche Waffen.

Die drei, das ist zum einen Lily Renée, geboren 1921; sie entkam nach England und konnte sich in New York als Zeichnerin und Illustratorin von Kinderbüchern verwirklichen. Unter anderem machte sie aus der Comics-Superheldin Señorita Rio eine Kämpferin gegen Nazis und andere böse Mächte und schuf damit zur Kultfigur für Generationen von Fans.

Fotografie, Lily Renée, 1940er © Privatbesitz

Lily Renée, Titelblatt Fight Comics, Dezember 1946 © Privatbesitz Lily Renée

Das ist ferner Wilhelm „Bil“ Spira (1913-1999), Porträtist und Karikaturist, Maler und nicht zuletzt ein begnadeter Fälscher: Unzähligen in Vichy-Frankreich Gestrandeten fertigte er Visa und Pässe für eine Passage in die Freiheit an. Spira überlebte Verrat und Vernichtungslager, nach dem Krieg konnte er seine Karriere in Paris erfolgreich fortsetzen.

Bil Spira beim Porträtieren von Fans im Böhmischen Prater, 1938. © Wien Museum / Bild: Robert Haas

Bil Spira, Karikatur für die Arbeiter-Zeitung, 2. Juli 1933 © Jüdisches Museum Wien

Das ist schließlich Paul Peter Porges (1927-2016); als Kind bereits an der Wiener Kunstgewerbeschule, als Halbwüchsiger in der „Kinderrepublik“ und in Internierungslagern in Frankreich, als junger Mann in der Genfer Kunstschule. Mit Mutterwitz und dem Stift in der Hand schaffte er es in die Vereinigten Staaten und dort auf die großen Bühnen für Cartoonisten, allen voran den New Yorker und das Mad Magazine.

Paul Peter Porges, Zeichnung, Anschluss Heldenplatz, ca. 2000 © Jüdisches Museum Wien

Paul Peter Porges, mit Selbstporträt, während seiner Zeit bei der US-Army, 1951-52 © Jüdisches Museum Wien

Diese drei Zeichner haben Erstaunliches zu Papier gebracht – enthüllende Karikaturen und liebevolle Porträts, Satiren auf die Gesellschaft und Dokumente des Schreckens. Aus Wien stammend, mussten und konnten sie sich anderswo behaupten. Während der Flucht beziehungsweise Gefangenschaft und danach setzten sie ihre Fähigkeiten auch als künstlerische Waffen ein. Mit Feder, Bleistift und Pinsel, vor allem mit Witz und Courage, zeigten sie auf, was ist und was anders sein soll, was der Lächerlichkeit preiszugeben ist und was nicht vergessen werden darf. Das Jüdische Museum Wien zeigt eine repräsentative Auswahl an Arbeiten. Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges – für das österreichische Publikum neu entdeckt.

www.jmw.at

6. 5. 2019

Barocktage Stift Melk 2016: Ein Fest zu Pfingsten

April 29, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fünf Tipps aus dem Programm von Michael Schade

Der künstlerische Leiter des Festivals: Opernstar Michael Schade. Bild: photo-graphic-art

Festivalleiter: Opernstar Michael Schade. Bild: photo-graphic-art

Unter dem Motto „Le monde fantastique. Illusion und Wirklichkeit“ stehen die Internationalen Barocktage Stift Melk, die dieses Jahr am 12. Mai beginnen. Deren künstlerischer Leiter, Opernstar Michael Schade, hat ein Programm gewählt, das sich auch in der Location des Stiftes Melk widerspiegelt. „Unser Programm 2016 will dieses berauschende Prinzip aufnehmen, variieren und uns damit gleichzeitig inspirieren,“ erklärt Schade seine Pläne.

14 Konzerte wird er an fünf Tagen präsentieren, darunter erstmalig auch zwei für Kinder: „Mäuschen Max hört auf sein Herz“, eine barocke Tiergeschichte mit Musik von Johann Sebastian Bach und Johann Josef Fux und eigens komponierten Kinderliedern (12. und 13. Mai, Barockkeller).

Erst kürzlich wurde Schades Vertrag bis 2019 verlängert, was er „mit großer Freude, Dankbarkeit und einer Prise Stolz“ verkündet. „Ich brenne auf viele weitere Jahre der Zusammenarbeit. Melk ist etwas ganz besonderes. Mir scheint, dass jeder, der herkommt, die Stadt als besserer und zufriedenerer Mensch verlässt – so soll es auch bei den Barocktagen sein“, sagt er.

Wichtig ist ihm neben der Pflege der Alten Musik auch Brücken zwischen dieser und zeitgenössischer Interpretation zu schlagen, das will Schade mit der neu eingeführten Reihe „OffRoad Barock“ umsetzen: Das Janoska Ensemble, feat. Thomas Gansch, greift barocke Themen auf und interpretiert sie neu. Die Künstler verwenden moderne Instrumente und nähern sich der Alten Musik eigenwillig und dennoch lustvoll genau (16. Mai, Pfarrhof Melk).

Fünf Programmtipps:

Viele Veranstaltungen der Barocktage Melk sind ausverkauft. Hier einige Highlights, für die es noch Karten gibt:

Dum spiro, spero – Solange ich atme, hoffe ich. 14. Mai, Stiftskirche. Im pompösen Ambiente der barocken Stiftskirche begeben sich Orchester und Chor der Kölner Akademie auf eine Suche nach der Wahrheit. Berührende bis jubelnde Lobpreisungen Gottes stehen im Zentrum dieses Konzertes, das seinen Höhepunkt in Charpentiers Te Deum findet. Seine festliche Fanfare ist bekannt als Eurovisions-Melodie. Mit den Solisten Maïlys de Villoutreys, Myriam Arbouz und Countertenor Vincent Lièvre-Picard.

Unser Leben ist ein Schatten. 15. Mai, Stiftskirche. Ein ganz besonderes Erlebnis erwartet die Konzertbesucher in der nächtlichen Stiftskirche Melk: Der Arnold Schönberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner bietet neben Werken der Familie Bach auch die erstmalige öffentliche Aufführung der „Kleinen Litanei“ von Arvo Pärt. Das Werk wurde im Dezember in der Virgil Kapelle des Wiener Stephansdoms in geschlossener Gesellschaft uraufgeführt.

Das Janoska Ensemble interpretiert Barockklänge neu. Bild: © Julia Wesely

Das Janoska Ensemble interpretiert Barock neu. Bild: © Julia Wesely

Metamorphosen. 14. Mai, Kolomanisaal. In einem intimen Programm setzt sich das junge Ensemble NeoBarock mit unterschiedlichen Bach-Variationen auseinander und gibt bislang vermisste Bach-Triosonaten zum besten, die erahnen lassen, wie der Komponist sie gemeint und gefühlt haben könnte.

Schattenwelt. 15. Mai, Barockkeller. Ein Konzert als Hommage an den Schriftsteller Miguel de Cervantes, gestorben im April 1616, also vor 400 Jahren. Die Ouvertürensuite „Burlesque de Don Quixote“ von G.P. Telemann wird begleitet von einem Schattenspiel, in dem der tragische Held gegen die Windmühlen ankämpft, seiner großen Liebe nachtrauert und dabei Wahn und Wirklichkeit durcheinander bringt. Mit den Barocksolisten München, Dorothea Seel und dem Schatten- und Schauspieler Julian Button.

Règne, amour. 16. Mai, Kolomanisaal. Dass die Liebe immer siegt, zeigt das L´Orfeo Barockorchester, das 2016 sein 20-jähriges Jubiläum feiert, mit außergewöhnlichen Kompositionen Jean-Philipp Rameaus. Voll romantischer Thesen aus der antiken Sagenwelt ergibt das einen Klang, der die Zuhörer in ein magisches Traumuniversum entführt.

Nicht nur künstlerisch, auch geschäftlich sind die Barocktage erfolgreich. Das Vorjahresfestival mit insgesamt zwölf Konzerten, wurde von 3.200 Gästen besucht und brachte einen Kartenerlös von etwa 90.000 Euro ein. „Was uns aber neben Musik auf höchstem internationalen Niveau am Herzen liegt ist, dass unser Festival auch leistbar bleibt. Deswegen haben wir uns bewusst dazu entschlossen, dieses Jahr die Preise möglichst gering zu halten und auch attraktive Jugendkarten, für Jugendliche bis 26 Jahren von 15 bis maximal 25 Euro, anzubieten“, so Elisabeth Weigand, Geschäftsführerin der Wachau Kultur Melk.

Mehr zum Programm: www.mottingers-meinung.at/?p=16328

www.barocktagemelk.at

Wien, 29. 4. 2016

Internationale Barocktage Stift Melk 2016

November 27, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Schade lädt ein: Träumen unterm Trompe-l’œil

Michael Schade Bild: photo-graphic-art

Michael Schade
Bild: photo-graphic-art

„Barocke Musik ist eine Fundgrube. Das Schöne ist, dass man immer etwas Neues findet“, sagt Michael Schade, und: „Der schönste Job als künstlerischer Leiter ist zu träumen.“Am Freitag stellte der Opernsänger und Intendant der Internationalen Barocktage Stift Melk sein Programm für das kommende Jahr vor. 2016 findet das Festival zu Pfingsten, von 12. bis 16. Mai statt. Der Kartenverkauf beginnt am 7. Dezember.

Die Internationalen Barocktage Stift Melk stehen 2016 unter dem Motto „Le monde fantastique. Illusion und Wirklichkeit“; das Programm soll sich auch in der Location des Stiftes Melk widerspiegelt. Beim Bau des Benediktinerstiftes kam so manch architektonisches Gestaltungsmittel zum Zug, das bewusst das Auge des Betrachters täuscht – angefangen von Malereien, Trompe-l’œil genannt, die Decken höher erscheinen, Formen länger werden oder einfache Baumaterialien hochwertiger aussehen lassen. Schade: „Was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, halten wir für wirklich. Doch manchmal wird unser Geist überlistet. Unser Programm 2016 will dieses berauschende Prinzip aufnehmen, variieren und uns damit gleichzeitig inspirieren.“

Es gibt nächstes Jahr zwei Neuheiten: Gemeinsam mit dem Ensemble klangmemory wurde ein Konzept für ein Konzert für Kinder bis 6 Jahre entwickelt. „Mäuschen Max hört auf sein Herz“ ist eine barocke Tiergeschichte vom Suchen und Vertrauen, in dem Klänge und Melodien von Johann Sebastian Bach und Johann Josef Fux in traditionelle Kinderlieder und eigens komponierte Stücke eingewoben werden. „Mit dieser Neuerung wollen wir Kindern die Möglichkeit geben, barocke Musik und deren Schönheit kennenzulernen und somit einen neuen Zugang dazu eröffnen“, sagt Schade. Ähnliches – nämlich Brücken zwischen Alter Musik und zeitgenössischer Interpretation zu schlagen – will man auch mit der neuen Reihe „Off Road Barock“: Das Janoska Ensemble, feat. Thomas Gansch, greift barocke Themen auf und interpretiert diese neu. Die Künstler verwenden moderne Instrumente und nähern sich der Alten Musik eigenwillig und dennoch lustvoll genau.

Die Programmtipps:

„Die Perücken trügen“, 13. Mai, 20 Uhr, Kolomanisaal:  Zwei wahre Liebhaber des Barock, Daniel Hope und Roger Willemsen, stellen in einem Wettstreit zweier Kunstformen Musik und Dichtung nebeneinander. Der facettenreiche Musiker, der die Fähigkeit hat, Alte Musik neu zum Leben zu erwecken, im Zusammenspiel mit dem Bestsellerautor.

„Les fantasmes du monde“, 14. Mai, 22 Uhr, Gartenpavillon: Ein Abend über Illusion und Wirklichkeit – Wie stellte sich das Volk zu Zeiten des Barock das höfische Leben vor? Und wie gut wusste der Hof über das Leben des einfachen Volkes Bescheid? Die naive Vorstellung vom Leben „der anderen“ wird von Matthias Loibner dargestellt. Dabei spielt die Drehleier eine wichtige Rolle, die, einst Bauerninstrument, bald auch bei Hofe nicht mehr wegzudenken war.

„Flammes de magiciennes“, 15. Mai, 19.30 Uhr, Kolomanisaal: In einem atemberaubenden Konzert entführt Superstar Patricia Petibon das Publikum in die Welt großer Emotionen – von Leid und Hoffnungslosigkeit zu Liebe und Zuneigung.

„Selva morale e spirituale“, 16. Mai, 19.30 Uhr, Stiftskirche: Eine der Besonderheiten der Internationalen Barocktage ist, dass das Residenzorchester Concentus Musicus Wien, das traditionell stets unter Nikolaus Harnoncourt spielt, hier mit ausgewählten Dirigenten zusammenarbeitet. Dieses Mal gibt sich ein Shooting-Star die Ehre: Pablo Heras-Casado.

www.barocktagemelk.at

Wien, 27. 11. 2015

Stift Klosterneuburg: Hic et Nunc

April 23, 2014 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zehn künstlerische Interventionen im Jubiläumsjahr

va-hicetnuncAb 25. April werden an zehn bedeutsamen Orten im und rund um das Stift – unter anderem in der Stiftskirche, der Leopoldskapelle, im Marmorsaal und im Weinkeller – die Besucher im Jubiläumsjahr 2014 mit zeitgenössischen Kunstwerken konfrontiert. Künstlerinnen und Künstler reagieren auf die jeweiligen Räume und deren unterschiedliche geschichtliche und soziale Konnotation. Alle Arbeiten stehen unter dem Motto des Jubiläumsjahres „Glaube – Begegnung – Friede“.

Hauptanliegen dieses Projektes ist es zum einen, jeden, auch den flüchtigen Besucher des Stiftes, auf das Jubiläum hinzuweisen und gleichzeitig zu vermitteln, dass das Stift Klosterneuburg bei aller Rücksichtnahme auf die große Tradition im Hier und Jetzt agiert und im Sinne des geistlichen Stiftungsgedankens in die Zukunft weiterwirken möchte.

KünstlerInnen:
Mladen Bizumic im Marmorsaal, 1. Stock
Eva Chytilek im Kreuzgarten
Manuel Gorkiewicz im Aussenraum
Nilbar Güreş in der Sebastianikapelle
Christoph Meier im Apothekerhof
Maruša Sagadin mit Chris Fladung in der Sala terrena, Audioguide
Steinbrener/Dempf in der Stiftskirche
Nicole Wermers auf dem Vorplatz Sala terrena
Julia Willms im Weinkeller, Kellergeschoss
Clemens Wolf in der Leopoldskapelle / Verduner Altar

Führungen oder Dialogveranstaltung mit KünstlerInnen als Rundgang zu einzelnen Stationen oder als „Kunstfrühstücken“ im Stiftsatelier werden gerne organisiert.

www.stift-klosterneuburg.at

Wien, 23. 4. 2014

Klangraum Krems: Osterfestival IMAGO DEI

März 27, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Sehnsucht. Paradies“

Das Herz der Sufis vom Nil Bild: Promo

Das Herz der Sufis vom Nil
Bild: Promo

Das Kremser Osterfestival IMAGO DEI reflektiert ab 29. März  im mittelalterlichen Klangraum Krems Minoritenkirche und mit einem Gastspiel in Stift Melk die ewige Sehnsucht des Menschen nach einer Vervollkommnung des Lebens und die unterschiedlichen Vorstellungen vom Paradies verschiedener Glaubensrichtungen und Epochen:  ob als verlorene Urheimat, ob als diesseitiger Garten Eden, als imaginärer Zukunftsort im Jenseits oder als der Versuch, das Paradies in sich selbst zu finden. Bis Ostermontag stehen Chorwerke aus Estland, spirituelle Musik aus Ägypten und Indien, Werke aus uralten Codices und von zeitgenössischen Komponisten, Uraufführungen und Auftragswerke sowie eine künstlerische Interpretation des traditionellen Osterfeuers, Podiumsgespräche, Lesungen und  Filme auf dem Programm.

Die 15. Ausgabe steht heuer unter dem Motto SEHNSUCHT. PARADIES und versucht damit die Utopie einer menschlichen Existenz ohne Beschwerlichkeiten, Missstände und Nöte in den Mittelpunkt des Programms zu stellen. Seit Menschengedenken existiert der ewige Wunsch nach einer Vervollkommnung des Lebens, welcher im christlichen Abendland erstmals in der alttestamentarischen Geschichte von Adam und Eva dargestellt ist. Die Vorstellungen vom Paradies – ob als verlorene Urheimat, ob als diesseitiger Garten Eden, als imaginärer Zukunftsort im Jenseits oder im eigenen inneren Erleben – werden an sieben Abenden im Klangraum Krems Minoritenkirche und an einem Abend im Kolomanisaal des Stifts Melk in mehreren Uraufführungen, in spiritueller Musik aus Ägypten und Indien, in Kompositionen aus jahrhundertealten Codices und von zeitgenössischen Komponisten, in Tanzperformances, Lesungen und Filmprogrammen, Podiumsgesprächen sowie in einer künstlerischen Interpretation des traditionellen Osterfeuer reflektiert.
Der renommierte estnische philharmonische Kammerchor und das Tallinn Kammerorchester eröffnen das Programm  mit Arvo Pärts Vertonungen von Texten des Mönchs Siluan vom Berg Athos, in denen Adam den Verlust des Paradieses und der Verbindung zu Gott beklagt. Vor dem Konzert stellt sich Filmemacher Ulrich Seidl einem philosophisch-theologischen Diskurs über unterschiedliche Paradiesesvorstellungen. Das Paradies in sich selbst zu finden, es durch Kontemplation als etwas realistisch zu Erreichendes zu betrachten ist nicht nur spiritueller Hintergrund des indischen Dhrupad-Gesangs Ritwik Sanyals (4.4.), sondern auch des ihm verwandten Sufismus, wie ihn die Sufis vom Nil praktizieren (11.4.). Gesang und Tanz werden so zu Techniken, die Wahrheit, also die Verbindung zu Gott, im Diesseits wiederzufinden.
Peter  Simonischek erzählt mit Jean Gionos Kurzgeschichte „Der Mann mit den Bäumen“ von den Möglichkeiten der Menschen, ein irdisches Paradies zu schaffen (5.4./Stift Melk) – musikalisch umrahmt von sechs herausragenden Solisten des Klangforums Wien und der Camerata Salzburg mit Werken von Olivier Messiaen und Krzysztof Penderecki.
Das belgische Vokal-Ensemble Graindelavoix singt am 12.4. in mittelalterlichen Motetten aus den Musikhandschriften von Montpellier von den Gärten aus dem verlorenen Paradies. Am Karfreitag (18.4.) führt „Towards Silence“ eine Meditation für vier Streichquartette und eine tibetische Klangschale des erst im November 2013 verstorben britischen Komponisten John Tavener, auf den Weg zur Vereinigung des wahren Selbst mit der Weltseele, zur Einheit des Menschlichen und des Göttlichen (mit Medici Quartet, Koehne Quartett, Ensemble Lux, Minetti Quartett). Zuvor spielt jedes der vier Quartett ein Werk für Streichquartett, darunter die Uraufführung einer Auftragsarbeit des Festivals von John Tavener. Zum Höhepunkt des Osterfests, in der Osternacht am Karsamstag (19.4.), wird das Ritual des Osterfeuers vom japanischen Klangkünstler Akio Suzuki und der Tänzerin Hiromi Miyakita neu interpretiert, umrahmt von einem Reigen aus englischen Madrigalen, zeitgenössischen Kompositionen und den schwebenden Klängen des archaischen Semantrons und die orgelgleichen Sphärentöne der Paetzodflöten. Das Licht ist der Welt wiedergegeben. Kompositionen von William Byrd, Anthony Holborne, Michael Gordon sowie drei Uraufführungen von Werken von Burkhard Stangl, Pauline Oliveros und Gunter Schneider (mit Plenum, Paetzold Bassblockflöten Ensemble, Anna Clare Hauf, Mezzosopran, und Slagwerk Den Haag).

Zum Abschluss des Festivals erinnert lateinamerikanische Musik aus dem 17. und 18. Jhdt. an einen Versuch, das Paradies auf Erden zu errichten: Das chilenische Alte-Musik-Ensemble Capilla de Indias wird  am Ostermontag (21.4.) mit Kompositionen voll Lebensfreude aus dem Archiv der Kathedrale von Santiago de Chile, aus Missionen in Paraguay, Peru und Bolivien in die Utopien des Heiligen Experiments der Jesuiten führen.

www.klangraum.at  (Hier findet sich auch Info zu den neuen Shuttlebussen.)

Wien, 27. 3. 2014