Kasino des Burgtheaters: Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei supersympathische Dancing Stars

Tango mit Pasión: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich Regisseurin Martina Gredler und Kostümbildnerin Lejla Ganic an Outfits für Markus Meyer ausgedacht haben, ist für sich genommen schon eine Show. Vom goldglitzernden Matador-Jäckchen über eine weiße Fantasieuniform mit Sisi-Enten-Shirt bis zu Jeanshotpants mit „Stars ans Stripes“-Leggins, so angetan wirbelt Meyer als Tanzlehrer Michael Minetti ins Leben der pensionierten Lehrerin Lily Harrison.

Andrea Eckert, die am Burgtheater in der Andrea-Breth-Inszenierung von „Die Ratten“ eine großartige Frau Knobbe gibt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521), spielt nun in dieser Kasino-Produktion die – zumindest anfangs – spaßgebremste Schülerin, die sich über den exaltierten Kerl, der da in ihrer Tür steht, nur erstaunen kann. Und während sie noch seinen verqueren Humor und seine sozialen Groschenweisheiten für gewöhnungsbedürftig hält, kippt er schon ins Unflätige, muss „die alte Schachtel“ aber letztlich um diesen Job anflehen, weil weit und breit kein anderer in Aussicht ist …

Ein Tüll-Traum für den Walzer: Andrea Eckert. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der exaltierte Michael: Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mit dem tragikomischen Feel-Good-Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ des US-Dramatikers Richard Alfieri geht Burg-Herrin Karin Bergmann ins Finale ihrer Direktionszeit. Dass die ansonsten aufs Experiment zugeschnittene Spielfläche auch als Parkett für leichte Theaterkost taugt, ist vor allem den supersympathischen Darstellern zu danken, Markus Meyer in Jugendjahren Turniertänzer, Andrea Eckert seit dem Alter von fünf „Tänzerin aus Leidenschaft“, die an Spielfreude mit Verve für ihre Figuren alles geben. Es ist im Stück nicht anders, als bei den Original-Dancing-Stars: Zwei verlorene Seelen zicken um die Wette, kommen sich beim Ankeifen menschlich aber durchaus näher.

Man will sich dem anderen gegenüber anders zeigen, als es tatsächlich ist, doch – von diesem Spannungsbogen profitiert das Ganze – nach und nach fallen die Masken, werden Schicksale enthüllt, kommen die kleineren Flunkereien und die größeren Unwahrheiten ans Licht. Mit jeder Trainingsstunde offenbaren die beiden mehr von sich, etwa, dass Lily gar keinen Tanzkurs, aber Gesellschaft braucht, um ihr zu viel an Zeit zu füllen, oder, dass Michael nicht nur am Broadway gescheitert ist, sondern in New York auch seine große Liebe Charly begraben musste. Bald ist es zwischen dem Schwulen und der Witwe ein gespielter Witz, wer die größere Bitch ist, und derart holen sich die Hitzköpfe gegenseitig aus den Schneckenhäusern der selbstgewählten Isolation.

Autor Alfieri versteht es in bester amerikanischer Well-made-Play-Manier die Themen Alter, Einsamkeit und Tod in Screwball-Pointen zu verpacken. Eine Krebskrise noch schnell, dann sind Lily und Michael BFF – Best Friends Forever. Neben Eckert und Meyer brilliert noch ein dritter Akteur, das schmissige Salonorchester, bestehend aus Lenny Dickson, Andreas Radovan, Emily Stewart sowie Alexander und Konstantin Wladigeroff, das swingen und rocken und grooven vom Feinsten kann. Bühnenbildnerin Sophie Lux deutet das Seniorenparadies Florida mit einem luftig-kühlen Luxusappartement an, in dem die Eckert in mal sexy, mal eleganten Kleidern die Frustration, auch Wut, ihrer Lily mit viel Elan ausstattet, was den Konfrontationen mit Meyers Michael natürlich Pepp gibt. Dieser gibt nicht nur in den Choreografien von Daniela Mühlbauer Vollgas, sondern auch im Komödiantischen.

Aus zickigen Tanzpartnern werden beste Freunde fürs Leben: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Lehrer glaubt er an die ganzheitliche Methode, weswegen er beim Tango „spanish“ lispelt und beim Walzer ins „Gnä’ Frau“ verfällt. Er schwoft und springinkerlt und kommt er durch die Tür, sind ihm die Lacher des Publikums schon sicher. Auch bei der spitzen Bemerkung, Lily schwärmt von einem früheren Wien-Besuch und den liebenswerten Leuten dort, die Österreicher seien ja bekanntlich stets ein anschlussfreudiges Völkchen gewesen …

„Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ im Kasino ist einfach rundum entzückend. „Wie beim Sex kommt alles auf die Ausführung an“, sagt Lily übers Tanzen an einer Stelle. Diesbezüglich ist an diesem Abend alles gelungen. TIPP: „Let’s Dance“ – zum Ende jeder Vorstellung lädt die Band das Publikum in den Ballroom, von denen jeder ein besonderes Motto hat: Am 31. Mai „Love and Peace and Dance“, am 1. Juni „Dance the Savoy“, am 11. Juni „Kasino Night Fever“ und am 16. Juni „Kasino Royal“. Ab 23 Uhr steht dann DJane Colette am Mischpult.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2019

Stewart O’Nan: Stadt der Geheimnisse

November 1, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nation, aus dem Terror geboren

Während dieser Tage wegen stockender Friedensverhandlungen die Palästinenser-Führung einmal mehr beschloss, Israel die Anerkennung als Staat zu entziehen, berichtet Stewart O’Nan in seinem aktuellen Buch „Stadt der Geheimnisse“ von der Stunde Null vor dessen Gründung. Auf 224 Seiten macht der US-Schriftsteller vor allem eines deutlich: das Gelobte Land ist aus dem Terror geboren. Hagana, Irgun und die Lochamei Cherut Jisrael alias Stern-Bande, „die Verteidigung“, die „Nationale Militärorganisation“ und die „Kämpfer für die Freiheit Israels“, bekriegen die britische Mandatsherrschaft, wo sie sie zu fassen kriegen. Vom Irgun-Anführer und späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin stammt auch das einleitende Zitat: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen.“

Dieses Himmelsgeschöpf hat Protagonist Brand nie gesehen. Er ist, was Gott betrifft, „einer, der nicht wusste, wie man fragt“. Brand ist lettischer Jude, als solcher interniert erst von den Nazis, dann von den Russen, seine gesamte Familie im Holocaust ermordet. 1947 gelangt er nach Jerusalem, und wird mit gefälschten Papieren als „Jossi“ Taxifahrer – im Auftrag der zionistischen Untergrundkämpfer.

Tagsüber fährt er Touristen zu den Besichtigungsstätten ihrer Pilgerreise, nächtens die Terroristen. So beginnt O’Nans düsterer Roman noir über einen persönlichen, wie einen politischen Kampf um Unabhängigkeit – und die Sehnsucht nach dem Erlöschen von Erinnerungen. Alle aber stehen hier am „offenen Grab der Vergangenheit“, und mit einer Szene über die Willkür und Gewalt britischer Soldaten bei einer Verkehrskontrolle, zieht einen der Autor sofort in Bann und mitten hinein in die Atmosphäre der Stadt.

„Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers“, formuliert O’Nan. Gefahr flirrt in der Luft, während der seelisch Kriegsversehrte von den Schuldgefühlen des Überlebthabenden und von Bildern erlebter Gräueltaten heimgesucht wird, Bildern von „nackten Toten, die wie Schweinekadaver aufeinandergeschichtet waren“, und vom „Kameraden Koppelmann“, der von einem KZ-Aufseher totgetreten worden war. Einmal, da ist Brand vom bloßen Chauffeur bei Einsätzen längst zum Mitattentäter avanciert, denkt er betroffen, er belle die Drohungen und Befehle an die Geiseln im verabscheuungswürdig vertrauten Tonfall dieses Peinigers.

Für „Eretz Israel“ wird ein E-Werk in die Luft gejagt, ein Zug mit Lohngeldern überfallen, ein Major entführt – was gründlich schief geht. Brand ist nur ein kleiner Fisch, in den tieferen Sinn der Aktionen ist er nie eingeweiht, die großen Zusammenhänge erfährt er nach den Anschlägen aus dem Radio, von der „Stimme des kämpfenden Zion“. Dann ist er zwar stolz, dabei gewesen zu sein, aber anders als seine Mitstreiter in der Zelle, der sleeke Anführer Asher, der hinter seiner Brille blinzelnde Lipschitz, die undurchsichtigen, unzertrennlichen Fein und Yellin, der charismatische Gideon, „weigerte er sich, wahrscheinlich, weil er Häftling gewesen war, Hinrichtungen als Waffe zu akzeptieren“. Neben den Männern kommen zwei Frauenfiguren vor – wie es sich für einen Spionagekrimi gehört, eine „geheimnisvolle Blonde“, und Eva, eine Prostituierte mit einer geheimnisumwitterten Narbe im Gesicht, zu der Brand eine komplizierte Beziehung unterhält.

Sie wird sich als involviert, wenn nicht sogar ausführendes Organ, beim Bombenanschlag auf das King David Hotel herausstellen, eine von O’Nan vorgenommene Zeitverschiebung, fand dieses von der Irgun verübte Attentat tatsächlich doch schon am 22. Juli 1946 statt, und während sich für Brand und damit den Leser allmählich entschlüsselt, wer aller zur Organisation gehört, Vermieterin, Lebensmittelhändler, sein Taxiunternehmer-Chef, gibt es innerhalb der Zelle Verhaftungen. Und plötzlich wird ein Verräter gesucht, und es gibt ein Mordopfer mit symbolträchtig herausgeschnittener Zunge …

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

„Die Stadt der Geheimnisse“ ist eine kompakte, schlicht und umstandslos erzählte Geschichte. O’Nans Schilderungen der Vorgänge hinter den Mauern der Jerusalemer Altstadt sehen durchs geistige Auge wie ein Schwarzweißfilm aus, als wäre dies hier ein literarischen Pendant zu Orson Welles‘ berühmten „Dritten Mann“. Als Subtext ist mitzulesen, wie Weltpolitik in einem Land gemacht wird, in dessen Bewohnern wie Besuchern die ganze Welt zusammenkommt. Der Konflikt, der das Buch in Gang setzt und den Rahmen zur Handlung bildet, das Gesetz, das Brand zum Illegalen macht, ist die jüdische Immigration in Palästina. Beziehungsweise deren Verhinderung durch die Briten, die sich weigerten weitere Visa auszustellen, und deren Blockade der Alija-Bet-Schiffe zur humanen Katastrophe führte. Gerade erst den Lagern entkommene Menschen wurden unter anderem auf Zypern zwangsinterniert.

Antiheld Brands Verlorenheit, der moralische Zwiespalt, in dem er wegen der Anschläge steckt, seine Unsicherheit, wo er stehen muss, soll, kann, verstärkt sich, je mehr der Krieg zu einem der Gesten wird: „Die offizielle Reaktion war ein Tanz der Propaganda. Die Jüdische Vertretung verurteilte die Irgun als Terrortruppe. Begin warf den Briten vor, dass sie nicht auf ihre Warnung gehört hätten, das Hotel evakuieren zu lassen. Die Briten behaupteten, sie hätten keine Warnung erhalten. Für Brand spielte es keine Rolle. Er hatte die Nase voll vom Krieg.“

Auf die Frage „Wie konnte man töten und sich immer noch gerecht nennen?“, diese bis heute, und das das Aktuelle an Stewart O’Nans historischem Roman, zwischen den im – auf die britische Mandatszeit zurückreichenden – Streit liegenden Lagern Israels und Palästinas ungeklärt, findet Brand schließlich für sich eine Antwort. Nicht länger Soldat sein, und auch nicht mehr Häftling, sondern frei. Denn die Mächtigen, so O’Nans Schluss, müssen immer bedenken, dass die Menschen eines wollen – Frieden …

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Auch für seine letzten beiden Romane „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235) und „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) wurde er von der Kritik gefeiert und eroberte sich in Österreich eine große Leserschaft.

Rowohlt, Stewart O‘Nan: „Stadt der Geheimnisse“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Gunkel.

stewart-onan.com

www.rowohlt.de

  1. 10. 2018

Logan: Hugh Jackman zum letzten Mal als X-Man

März 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wolverine braucht eine Lesebrille

Nicht mehr der Frischeste – Logan ist sichtlich gealtert und verwundbar geworden: Hugh Jackman mit Newcomerin Dafne Keen. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Nie hat jemand behauptet, dass Unverwundbarkeit vor dem Altern und dem Sterben schützt, also war logisch, dass es Wolverine irgendwann erwischen musste. Den Sezessions- und den Zweiten Weltkrieg (in dem er das Kind Erik Lehnsherr/Magneto aus dem KZ befreit) hat er hinter sich gebracht, auch Vietnam und diverse X-Men-Abenteuer. Nun hat Darsteller Hugh Jackman beschlossen, die Marvel-Figur, der er seit 18 Jahren Menschlichkeit verleiht, gehen zu lassen.

Mit „Logan“, ab 3. März in den heimischen Kinos zu sehen, bereitet der australische Schauspieler dem bei den Fans der Saga so beliebten Antihelden einen würdigen Abschied. Jackman ist seit den X-Men-Anfangstagen zu einem besseren, einem raffinierteren Schauspieler gereift, und so ist auch sein Zigarre kauender Einzelkämpfer charakterlich vielschichtiger geworden. Das einstige von tierischer Wut befeuerte Kraftwerk gibt unter Qualen den Geist auf. Zwar fährt Wolverine immer noch die Krallen aus – und dies härter, schneller und brutaler als jemals zuvor -, doch Logan ist erschöpft und verletzlich geworden. Das Blutvergießen betrifft auch sein eigenes, Auseinandersetzungen gehen nicht mehr ohne Blessuren aus, und nicht immer zu Logans Gunsten. Dazu plagt ihn die Altersweitsichtigkeit, gegen die er eine Lesebrille braucht.

Jackmans karge, zurückgenommene, fast möchte man sagen zerbrechliche Darstellung seiner „Lebensrolle“ ist überwältigend. Regisseur James Mangold hat mit dem leider letzten auch den besten Teil der Wolverine-Trilogie für die Leinwand gebannt. „Logan“ ist eine apokalyptische Dystopie mit – am Ende – Hoffnungsschimmer. Neben all den Protzern und Posern, die derzeit durch die Kinos poltern, ist dieser melancholisch-düstere, schmerzliche, in sandigem Sepia fotografierte Film eine Wohltat. Und ein Beleg dafür, dass das Superheldengenre auch mit Hirn zu befüllen ist.

Das Jahr ist 2029. Das erste Bild: Ein abgefuckter, dem Alkohol verfallener Logan verdingt sich als Luxuslimousinen-Chauffeur für reiche Las-Vegas-Touristen. Doch raus aus der Stadt, enthüllt sich sein Geheimnis. In einem Wassertank mitten im Nirgendwo der Wüste versteckt er den zweiten überlebenden X-Man, den dement gewordenen Charles Xavier – Patrick Stewart at his best. Der Sir und Shakespeare-Mime liefert ebenfalls seine intensivste schauspielerische Leistung als Professor X ab. Er gibt mit Verve den Kauz im Elendsquartier, der mit Medikamenten stillgelegt wird, weil er seine Kräfte nicht mehr beherrschen kann und deshalb schon Menschen zu Schaden gekommen sind.

Nicht nur Logan kann die Krallen ausfahren: Dafne Keen als Laura. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Ein gereizter Wolverine ist immer noch mordsgefährlich: Hugh Jackmann. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Doch „Amerikas meistgesuchter Mittneunziger“ hat noch lichte Momente, und in einem solchen erspürt er ein Mutantenmädchen, das Hilfe braucht. Newcomerin Dafne Keen spielt diese Laura, ein seltsam glubschäugiges Gör, der ein paar Bösewichte hinterher sind. Zum eigenen Schaden. Denn gereizt kann die Kleine ruckzuck die Metallfänge ausfahren, an Händen und an Füßen, kann ratzfatz eine ganze paramilitärische Einheit enthaupten, und gerade als man sich fragt, ob sich Adamantium vererbt, stellt sich heraus, es gibt mehr solcher Killerkinder. Gezüchtet als zukünftige Supersoldaten haben sie sich aber, weil von Natur aus gutmütig, als solche unbrauchbar erwiesen und werden deshalb der Reihe nach eingeschläfert. Einigen allerdings gelang die Flucht in den Norden – und zu ihnen will Laura.

Der Professor wird in einem Wassertank versteckt: Hugh Jackman mit Patrick Stewart als Charles Xavier. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Es entwickelt sich ein Familienroadmovie mit Opa X, Vater Wolverine und tatkräftigem Töchterlein, gegen den, was Schnetzeln und Metzeln betrifft, die X-Men-Serie reinstes Kuschelkino ist. Die Gegner haben keine Chance, Richard E. Grant als durchgeknallter Doktor und Boyd Holbrook als sein Cyborg auch darstellerisch nicht, sind ihre Figuren doch viel zu flach angelegt, um zu überzeugen – dies tatsächlich die große Schwachstelle des Films.

Doch dessen Herzstück – und Raum für den typischen Stan-Lee-Humor (der diesmal auf seinen Cameo-Auftritt verzichtete) – ist ohnedies die Beziehungskiste der drei Protagonisten. Nicht nur Patrick Stewart und Hugh Jackman liefern sich da gekonnt einen verbalen Schlagabtausch nach dem anderen, auch mit Dafne Keen klappt’s diesbezüglich bestens. Die Zwölfjährige ist in ihrer Rolle so mürrisch, missmutig und unberechenbar, mit einem Wort „verbiestert“, wie ihr Erzeuger. Jackman, Vater zweier Adoptivkinder, lässt seinen Logan an dessen ohnedies begrenzten pädagogischen Fähigkeiten scheitern. Er ist blind für das deutlich Erkennbare, und als er es endlich sieht, wird sein Opfer verlangt. Endlich nämlich wird das personifiziert, was von Anfang an in der Figur angelegt war: Wolverines Kampf mit sich selbst … nun zum Wohle der Kinder, der nächsten Generation X. Die erprobt unter seiner Anleitung schließlich doch ihre Fähigkeiten. Ihr letzter Kampf gegen die Schurken ist eine der beeindruckendsten Szenen des Films. Und daher mutmaßlich nicht das X-Men-Ende.

www.logan-derfilm.at

Wien, 1. 3. 2016

Das La MaMa Theatre New York spielt bei Art Carnuntum

Juni 20, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Piero Bordin holt sich Ellen Stewarts legendäre Truppe

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble. Bild: Theo Cote

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble. Bild: Theo Cote

Es ist wohl nicht übertrieben, Folgendes als Sensation zu bezeichnen: Piero Bordin, Gründer und Intendant des Art Carnuntum Welttheater- festivals, hat das La MaMa Theatre New York einmal mehr zu einem Gastspiel nach Nieder- österreich eingeladen. Bereits zum siebenten Mal wird Ellen Stewarts legendäre Truppe damit im römischen Amphitheater Petronell-Carnuntum auftreten.

Allerdings zum ersten Mal nach dem Tod der berühmten Schöpferin. Theaterikone Stewart verstarb 2011 im Alter von 92 Jahren, nun führt Mia Yoo das La MaMa in ihrem Sinne weiter. Am 17. Juli zeigt sie bei Art Carnuntum „Pylades“ von Pier Paolo Pasolini nach Aischylos, in der Inszenierung der kroatischen Regisseurin Ivica Buljan und mit der Originalbesetzung aus New York. Protagonist ist der vielfach ausgezeichnete Film- und Theaterschauspieler Marko Mandic. Mit ihm spielen Perry Yung, Chris Wild, Cary Gant, Eugene the Poogene, Maura Donahue, Valois Mickens, John Gutierrez, und Tunde Sho den Orestes. Mia Yoo selbst ist als Elektra zu sehen. Pylades ist in der griechischen Mythologie der Neffe des Agamemnon. Er ist der treue Gefährte und Freund des jungen Orestes, mit dem er zusammen aufwächst; später heiratet er dessen Schwester Elektra.

Dass Pasolini, der nie ein braves, didaktisches Theater anstrebte, sondern immer ein Theater des Skandals, die griechische Saga auf sich und für seine Zwecke ummünzte, versteht sich. Das Ende des „Pylades“-Drama liest sich wie ein Epitaph auf seinen gewaltsamen Tod: „Die Sonne geht auf über diesem erniedrigten Leib. Geh du! Geh in die alte Stadt, deren neue Geschichte ich nicht kennen will. Warum Schande und Ungewissheit fürchten? Vernunft, sei verflucht, und wer auch deine Gottheit ist, und jede Gottheit.“ Die US-Theaterkritiker jedenfalls waren von der Interpretation des Stücks durch das La MaMa so begeistert, dass sie sie nach ihrer Premiere im Dezember 2015 zur Inszenierung der Saison kürten.

Die Aufführung ist für Zuschauer ab 16 Jahren geeignet. Oder wie das La MaMa auf seiner Webseite schreibt: „Please note: this is a very physical performance and while there is no audience participation, the audience is very close to the action.“ Mehr zur Produktion, Videos und Pressestimmen: lamama.org/pylade/

Mia Yoo als Elektra und Marko Mandic als Pylades. Bild: Theo Cote

Mia Yoo als Elektra und Marko Mandic. Bild: Theo Cote

Mit "Orestes" Tunde Sho. Bild: Theo Cote

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Theo Cote

Am 4. August gibt es ein Wiedersehen mit Shakespeare’s Globe Theatre aus London. Nach dem fulminanten „Hamlet“ im April (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19057) zeigen die Briten nun „The Two Gentlemen of Verona“ aus der Feder ihres Barden. In der Inszenierung von Nick Bagnall präsentiert das exzellente Ensemble mit viel Musik, Liedern, Romantik und Chaos diese zügellose Neuproduktion und katapultiert so Shakespeares anarchische Komödie in die heutige Zeit.

Für den 27. August hat Piero Bordin selbst einen Text verfasst. „The Summit / Der Gipfel“ oder  „Die Tetrarchen: 4 Kaiser – ein Imperium“ heißt sein Stück, das im Amphitheater in seiner Regie uraufgeführt wird. Gegeben wird eine theatralische Zeitreise durch 1700 Jahre Weltgeschichte. Zu einem Ereignis, welches die Welt veränderte und bis heute prägt, nämlich einem Gipfeltreffen der Mächtigen der damaligen Welt und die dabei erfolgte Neuregelung der Herrschaft über das gesamte Römische Imperium. Und dies am historischen Originalschauplatz: in Carnuntum. Die hier entstandene Machtaufteilung führte innerhalb kürzester Zeit zu einem unglaublichen Wandel: zum Ende der Christenverfolgungen und zur Religionsfreiheit. Bordin erkannte diese Zusammenhänge und fasste sie bereits in seinem mehrjährigen internationalen kulturhistorischen Projekt “Die Kaiser von Carnuntum” zusammen. 2014 gab es dafür von der Europäischen Kommission das erste “Europäische Kulturerbe-Siegel”, nun wird Bordin seine Forschungsergebnisse für die Bühne einrichten. Man darf gespannt sein …

www.artcarnuntum.at

Wien, 20. 6. 2016

Stewart O’Nan: Westlich des Sunset

Mai 19, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Literarisches Requiem für F. Scott Fitzgerald

978-3-498-05045-0Ein Vanitas-Motiv. In Los Angeles hat es wieder einmal ein Erdbeben gegeben. Auch die Hollywood-Studios sind betroffen, und am nächsten Tag diskutieren Kulissenschieber über die Wiederverwertbarkeit ihres Arbeitsstoffes. Das Segeltuch in der Schlammpfütze, ein Jade-Buddha, dessen gerissene Haut ihn nunmehr als Schaumstoffgeschöpf ausweist, wird davon etwas zu retten sein? Oder ist das Schicksal der Religionsgründerattrappe besiegelt? Techniker denken praktisch. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod.

F. Scott Fitzgerald am Kamin, die Faust verkrampft über der gekrampften Brust, die letzte Herzattacke – und ein letzter Gedanke: „Ich bin noch nicht fertig.“ Es ist das Jahr 1940 und ein angefangener Roman liegt in der Schublade und Nazi-Deutschland ist auf dem Vormarsch. Während der einstmals gefeierte US-Schriftsteller versucht aus seiner Vergangenheit etwas Neues zu generieren, erhebt sich in Europa eine schreckliche Zukunft, der Zweite Weltkrieg dämmert herauf und bald wird es erste Gräuelmeldungen geben …

Stewart O’Nan hat mit seinem Roman „Westlich des Sunset“ ein Requiem für F. Scott Fitzgerald geschrieben, dessen Tonfall eine einzige Erinnerung, eine Sentimentalität, eine Sehnsucht. Denn als das Buch beginnt, hat der Autor des „Großen Gatsby“ definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Seine Traurigkeit über gülden gewesene Tage hängt über den Seiten, Tage, in denen seine extravaganten Eskapaden Bilder für Glamourzeitschriften lieferten, nun entpuppt sich der Glamour als Tand, der schicke Roadster ist nur noch ein gebrauchter Ford. Fitzgerald ist bankrott, seine Frau Zelda, von ihrer psychiatrischen Familiengeschichte eingeholt, in ein Nervensanatorium eingewiesen, das Schulgeld für Tochter Scottie nicht mehr zu bezahlen. Fitzgerald versucht es an einem Ort, an dem er zuvor schon zwei Mal gescheitert ist: in Hollywood. Ein Gnadenbrot als Drehbuchautor. Er wird wieder scheitern. Diesmal existentiell scheitern. „Für mich war es, als würde ein großer Bildhauer dafür engagiert werden, als Klempner zu arbeiten. Er hatte keine Ahnung, wie er die verdammten Rohre verlegen sollte“, soll Regisseur Billy Wilder gesagt haben.

„Westlich des Sunset“ ist O’Nans bisher schönst geschriebenes Buch. Eines, das sich so angenehm liest, als ließe man kühles Wasser über die Handgelenke laufen. Eine traurige Ballade darüber, wie das Leben sein kann, wenn man nicht sorgfältig darauf aufpasst, mit einem Refrain, der, weil dies Teil seiner selbst ist, sich wiederholt und wiederholt. Fitzgerald arbeitet an einem Treatment, der Auftrag wird ihm entzogen, er trinkt, Zelda dreht am Rad, er trinkt mehr, er muss deswegen bei seiner Geliebten zu Kreuze kriechen … Die gibt es auch. Sheilah Graham, eine Societyreporterin. Und mit ihr noch mehr Schuldgefühle. Das Gewissen beißt ins kranke Herz. Das alles vor einer aufwendigen Traumfabriksdekoration, Filmpremieren in Grauman’s Chinese Theatre, teure Partys im Cocoanut Grove, Mittagessen in der Studiokantine mit Dorothy Parker und den anderen Intellektuellen, Zynikern und Chauvinisten, dazu passendes Namedropping von Humphrey Bogart bis Ernst Hemingway. Man ist verwundert, dass in diesem einzigen Riesenbesäufnis je ein Film zustande kam. „Das war das Problem mit Hollywood: Alles verwandelte sich in einen Plot“, lässt O’Nan seinen Protagonisten sagen. Ein Satz, gut erdacht für einen, der sein ganzes Sein in eine Fiktion von Glück und Reichtum verwandeln wollte. Mitunter fließt staubtrockener Humor durch die hochprozentige Erzählung. Die Hoffnung, dass morgen alles besser ist, trügt.

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Fitzgerald hat sich vergeudet. An eine Welt, die ihn einst und er sie mit ausladenden Gesten umarmte. Es war seine größte Schwäche, dass er sich selber nicht widerstehen konnte. Hemingway dient der Erdung. Mit seinen Schilderungen aus Spanien, später Frankreich. Im Zusammenspiel der beiden „Kontinente“ entwickelt O’Nans Geschichte erst ihre emotionale Sprengkraft. Und im Aufeinanderprall mit dem dritten. Die wenigen Besuche Fitzgeralds bei Zelda sind die stärksten Szenen. Eindrücklich zeigt O’Nan in ihnen, wie eine fürs Leben geglaubte Liebe durch immer neue Erschütterungen porös wird – die Erdbeben und das Herz, Thema auch hier – bis sich die Liebe in etwas anderes verwandelt. In Mitleid und Mißbehagen.

Mit kühnen Strichen entwirft der Autor seine Figur. „Ein Gestrauchelter muss eine unzumutbare Last an Erwartungen tragen“, schreibt Fitzgerald an Zelda, und er meint sich, nicht sie. In diesen Teilen ist O’Nan ein Verzweiflungsbuch von besonderer Qualität gelungen. Zensur und Selbstzensur werden beschrieben, aus der Erzählung „Untreue“ wird für die Doch-nicht-Verfilmung mit Joan Crawford das Script „Treue“.

Reinecke heißt Hitlers Mann in Hollywood. Er achtet darauf, dass das Dritte Reich im US-Kino nicht zu schlecht wegkommt. Wer glaubt, in Hollywood sei der Kampf gegen den Faschismus eine Selbstverständlichkeit gewesen, täuscht sich aber wie. Lesern verlangt O’Nan dabei auch einiges an Vorwissen ab. Am Ende aber wird sein Roman viel mehr gewesen sein, als eine Biografie der letzten drei Lebensjahre Fitzgeralds. Er ist auf einer Metaebene die Schilderung eines Künstlerschicksals, deren Antiheld die Reise in die Zukunft nicht anreisen kann. Fitzgerald muss sterben, weil er sich überlebt hat. Sein Stil, seine Art Stoffe anzugehen, sind nicht mehr gefragt. Er und die verwehte Elegance, die der verlebte Dandy nach wie vor auszustrahlen wagt, gelten als nicht mehr zeitgemäß, die Hyänen haben von den Löwen die Herrschaft übernommen. Metro-Goldwyn-Mayer bringt 1940 die Komödie „Comrade X“ mit Clark Gable und Hedy Lamarr heraus. Als Gable scherzt, nun seien Nazi-Panzer zumindest auf der Kinoleinwand in Russland einmarschiert, weiß er noch nicht, wie nah er der Wahrheit ist. Doch da ist F. Scott Fitzgerald schon gegangen. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod. Schriftsteller leben einfach nicht praktisch.

Über den Autor:
Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut.

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Westlich des Sunset“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

www.rowohlt.de

Wien, 19. 5. 2016