Landestheater NÖ: Die Nashörner

März 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Achterbahnfahrt durchs Absurditätenland

Wolfram Koch und Samuel Finzi Bild: Birgit Hupfeld

Das Stück zur Stunde: Wolfram Koch und Samuel Finzi erkennen die Ansteckungsgefahr durch die Rhinozerisits. Bild: Birgit Hupfeld

Vier Plätze von Finzi entfernt. Und dann für einen kurzen Moment direkt neben ihm, damit war der Abend quasi schon geglückt. Selbst, wenn es galt Zehen und Zähne zu retten, denn die Tuchfühlung mit einem entfesselten Vollkontaktschauspieler ist immer auch ein gewisses Sicherheitsrisiko – großartig! Das Landestheater Niederösterreich zeigte als Gastspiel der Ruhrfestspiele Recklinghausen Ionescos „Die Nashörner“ mit Samuel Finzi und Wolfram Koch.

Und Ruhrfestspiele-Intendant und Regisseur Frank Hoffmann lässt die erste halbe Stunde, das Straßen-Bild, mitten im Publikum stattfinden. Ein kurzer Fingerzeig, ja, wir alle sind anfällig für. Aber das war’s dann auch schon mit Totalitarismuskritik und Donnerwetter übers Mitläufertum und Rassenfrage und Rechts-, zwo, drei, vier Linksfaschismus, und man muss nur oft genug abbiegen, um von der einen auf die andere Seite zu kommen. Hoffmann hat verstanden, dass man anno 2016 dem Publikum der Welt wilden Wahnsinn nicht mehr vorführen muss. Also nimmt er mit seiner Inszenierung die einzig mögliche und vom Autor auch ausgewiesene Ausfahrt. Richtung absurdes Theater. Und die Darsteller darin als der Kasperl und sein Krokodil. Heißt in diesem Fall: Rhinozeros.

Das trampelt dann auch durch den Theatersaal, als Soundeffekt in der Dunkelheit, das Erscheckend-Unfassbare bleibt hier der Imaginationsgabe der Zuschauer und dem Fabuliervermögen der acht Schauspieler überlassen. Aber da ist man für die Übung von den beiden brillanten Entertainern Finzi als Hans und Koch als Behringer bereits bestens aufgewärmt, hat gelacht, wenn sich Finzis Falsettstimme in geiferndem Eifer überschlägt, seiner Akrobatiknummer an der Rampe szenenapplaudiert, und mit der rosa Plüschkatze der Hausfrau auf dem Vordersitz kokettiert, bevor sie zu einem anklagend blutroten Stofffetzen zermalmt wurde. Hoffmann setzt auf hohes Tempo und Stakkatotonfall. Auf Opernelemente und Clownerien. Und auf eine Rauferei mitten durch die Leute. Sein Abend ist eine rasante Achterbahnfahrt durch die Abgründe menschlicher Gesellschaften.

Subtil forscht er versteckteren Konturen des Textes nach, stellt Zusammenlebbarkeit als solches infrage, ein Konstrukt, von vornherein zum Scheitern verurteilt, wo der Mensch hingreift, macht er’s schon falsch. Dass er in all dem Witz und Gag und Feuerwerk immer im Auge hat, dass Ionescos Humor nicht schenkelklopflustig, sondern prekär komisch ist, macht die Qualität der Aufführung aus. Die Nashörner, sie sind bei Hoffmann nie eine Bedrohung, sie schleichen sich ein, wie zufällig. Werden von der Randerscheinung zur Konsensbewegung zum mehrheitsfähigen Politprinzip. Ionesco hat seine Dickhäutigen noch der Stimme beraubt, nun wählt die schweigende Mehrheit nicht nur in Deutschland Alternativen. Ein Skandal, eigentlich: „Die Nashörner“ sind schon wieder das Stück zur Stunde.

Gesächselt wird übrigens. Mit rollendem Parolen-Rrrr. Im zweiten, dem Büro-Bild, da tragen alle konformistisch Schnauzbart. Ein Holzwollesturm tobt, Jacqueline Macaulay ist eine sexy Sekretärin Daisy, Luc Feit ein ungesund aussehender Stech, Steve Karier ein besserwisserischer Wisser und Marc Baum ein pedantischer Schmetterling-Chef, Christiane Rausch kugelt als kegelrunde Frau Ochs vorbei, die Verwandlungen beginnen. Man will ja nicht Fremdsein in der eigenen Stadt. Und den Nashörnern geht’s um Heimat, Identität und – Umwelt. Das Ensemble mäandert sich hemmungslos skurril durch Szenen, Dialoge und Wertvorstellungen. Eine Trachtenkapelle tritt auf, einmal mit Rumtata, einmal stumm. Es wirkt im Zusammenhang gespenstisch, dieses Aufgehen, das Aufgeben des Individuums in der urwüchsigen Uniformität. In Recklinghausen marschierte ein Ruhrpott-Spielmannszug. In St. Pölten antworten die Schauspieler mit einer Schuhplatteleinlage. Es ist dem Landestheater einmal mehr hoch anzurechnen, dass es zusätzlich zum eigenen eindringlichen Spielplan politisch spannende Produktionen aus anderen Ländern in sein Haus einlädt.

Auch Hans schwenkt um. Samuel Finzi, im Fantasiecamouflageanzug samt neckischem Hütchen, baut sich einen Tischturm und fliegt am Schnürbodenhaken in seine schöne neue Welt. Für diese war er einfach zu Kraft-durch-Freude-strotzend. „Keine Ähnlichkeit, keine Ähnlichkeit …“, wiederholt Kochs Behringer am Ende mantraartig. Er will als Mensch für die Menschheit eintreten. Im Bühnenbild von Christoph Rasche sagt Wolfram Koch diese letzten Sätze eng eingesperrt zwischen Gitterzäunen, denn, ach, bereits Ionesco befürchtete, dass das Ende eines friedlichen Diskutierens längst angebrochen ist …

www.landestheater.net

www.ruhrfestspiele.com

Wien, 18. 3. 2016

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015

Judi Dench ist Philomena

März 19, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus M wird eine Mutter auf der Suche nach ihrem Kind

Judi Dench und Steve Coogan Bild: © 2013 THE WEINSTEIN COMPANY

Judi Dench und Steve Coogan
Bild: © 2013 THE WEINSTEIN COMPANY

Aus den James-Bond-Filmen ist sie draußen. Ein Glück. Denn nun kann sich Dame Judi Dench wieder künstlerisch wertvollen Filmen widmen. Der für vier Oscars und einen Golden Globe nominiert gewesene „Philomena“ von Regisseur Stephen Frears ist so einer. Und Frears packt wieder sein großes Können aus: eine tragische Geschichte mit so viel very britisch cheeriness indeed zu unterfüttern, dass es zwar die Herzen rührt, das Auditorium aber nicht im Tränenmeer ertrinkt.

Die Geschichte ist wahr, Ähnlichkeiten sind nicht zufällig, sondern sollen erkannt werden. Judi Dench spielt eine irische Mutter, deren unehelicher Sohn in den 50-Jahren von Nonnen der katholischen Kirche an reiche Amerikaner verkauft wurde. Der Erlös ging an die Klöster. Noch immer kiefelt Irland an diesem Skandal, aber in der Papsthochburg sind zwar viele Kläger, nur keine Richter zu finden. Im Jahr 2009 legte die irische Regierung einen Bericht über das Schicksal von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Institutionen vor, es geht um 35.000 Kinder, die in Schulen, Korrekturanstalten, Waisenhäusern einem als systematisch und ritualisiert beschriebenen Missbrauch seelischer, körperlicher, sexueller Art ausgeliefert waren. Wo Nonnen die Augen vor den Umtrieben pädophiler Priester und Mönche verschlossen oder Kinderkrankenhäuser und Waisenhäuser etwa dem BBC-Entertainer Jimmy Savile gegen Spendengelder freien Zugang zu Aberhunderten immer neuen Opfern gewährten. Dench/Philomena, mittlerweile in die Jahre gekommen, mit arthritischen Knien und Hüftleiden, will ihr Kind finden. Anthony. Und sucht dazu die Hilfe des früheren BBC-Korrespondent Martin Sixsmith (Steve Coogan), der überhaupt kein Interesse an human interest stories hat. Er war mal wer. Also bitte! Spindoktor von Tony Blair, Autor bitterböser Politsatiren. Doch wer kann Philomena schon widerstehen? Der wahre Sixsmith hat den Tatsachenroman „The Lost Child of Philomena Lee“ geschrieben.

Im Fim beginnt ein Roadmovie, in dem sich ihre naive Schwärmerei für Trivialliebesschmonzetten und seine zynischen Kommentare dazu aneinander reiben. Die Konfrontation des von einer Niederlage gekränkten Karrierejournalisten mit der einfachen Frau, die sich in den Niederungen ihres Lebens ein großes Herz bewahrt, gibt Stoff für köstliche Szenen und Dialoge. Sie verfolgen Anthonys Spur bis Washington. Dort ist er einflussreicher Politiker. Ein schwuler Republikaner! Doch er bleibt ein Schatten. Wie sich Mutter und Sohn suchen und verpassen, auch weil die Nonnen bösartig ihre Wege verwirren, ist der Stoff einer großen Tragödie. „Viele Leute sehen in dem Film eine Polemik gegen die katholische Kirche“, sagt Judi Dench im Interview. „Philomena hat trotz allem ihren Glauben nicht verloren. Diese Entscheidung ist ihr bestimmt nicht leicht gefallen. Aber sie hat verstanden, dass es besser ist zu vergeben, als ein Leben voller Hass zu führen.“

Rückblenden machen das Ausmaß der Grausamkeiten deutlich: Aus einem kurzen Liebeshimmel wird ein Abstieg in die Hölle. Von der Familie verstoßen, in einem Nonnenkloster kaserniert, entbindet Philomena wie Tausende Mädchen in ihrer Lage unter unsäglichen Bedingungen, sie leistet jahrelang Sklavenarbeit in einer Wäscherei, man entreißt ihr das Kind. In den sogenannten Magdalenenhäusern landeten Mädchen, Ausgestoßene einer Gesellschaft, die sich hinter moralischem Hochmut verschanzte. Die jungen Frauen wurden mit System zerstört. Kleidung konfisziert, Brüste abgebunden. Haare geschoren. Der persönliche Name ausgelöscht, ein Deckname verpasst. Sie wurde überrollt von einem perfiden System, in dem sich Sadismus und Habgier zu einem teuflischen Vernichtungswillen verschränkten. Die Strafe Gottes für die Wollust! Nannten das die Sisters of Mercy. Eine starke Szene: Wenn sich Philomena an den Ort ihrer kindlichen Finsternis zurückwagt, und dort durch das Gitter blickt, aus dem sie mitansehen musste, wie ihr Kind von Fremden in ein Auto gestopft und abtransportiert wurde. Unermeßlicher und gleichzeitig würdevoller kann Schmerz nicht aussehen. Judi Dench zeigt, wie noch das Schlimmste zu ertragen ist. Wie Philomena sagt: „Ich will Leute nicht hassen.“ Frage an Judi Dench: Philomena ist unglaubliches Unrecht widerfahren, dennoch ist sie überzeugt, dass nichts ohne Grund passiert. Was glauben Sie? Dench: „Ich glaube zumindest, dass sich der Sinn von Ereignissen, nicht im ersten Moment, sondern oft erst später erschließt. Ich habe daher für mich beschlossen, in allem das Positive zu sehen. Das scheint mir eine gesunde Lebensauffassung.“

TIPP:

Benjamin Black: Nicht frei von Sünde, 429 Seiten, übersetzt von Christa Schuenke. Kiepenheuer & Witsch.

Der Man-Booker-Preisträger John Banville hat unter dem Pseudonym Benjamin Black 2007 seinen ersten Krimi verfasst. Und natürlich ist es kein Whodunit im herkömmlichen Sinne. Der versoffene Pathologe Quirke findet eines Nachts die Leiche einer jungen Frau auf seinem Tisch. Lungenembolie wie auf dem Totenschein vermerkt? Kann nicht sein. Eher eine verpfuschte Geburt, ein Schicksal, das sie mit vielen jungen Frauen im Irland der Fünfzigerjahre teilte. Und so forscht der Totengott in Weiß unter Einsatz seines Lebens weiter. Denn er gerät nicht nur mit dem katholischen Establishment in Konflikt. Die Fäden laufen im tief verschneiten Boston inmitten der dortigen High Society zusammen. Ein Buch, atmosphärisch dicht, mitreißend und sprachlich brillant.

http://philomenamovie.com

www.philomena-film.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=kO-p40GHg6o

Die echte Philomena: www.youtube.com/watch?v=VkYzAEsUTEY

www.kiwi-verlag.de

Wien, 19. 3. 2014

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014

Wiener Festwochen: „Gift. Eine Ehegeschichte“

Mai 28, 2013 in Bühne

Trauer lässt sich nicht durch zwei teilen

Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen Bild: Phile Deprez

Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen
Bild: Phile Deprez

So leise, beinah unaufwändig kann eine Inszenierung sein. So schmerzlich, so intensiv, dann wieder irritierend lustig, bitter-komisch. So intim, weil zwei großartige Schauspieler diese Intimität zulassen. Und am Ende schließlich – auch Zuschauer müssen atmen – tröstend. Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, zeigt als Regisseur im Rahmen der Festwochen Lot Vekemans‘ „Gift. Eine Ehegeschichte“ im Theater Akzent. Dazu braucht er ein paar Bänke mit daran befestigsten Stühlen. Seine Ehefrau und auch künstlerisch kongeniale Partnerin Elsie de Brauw (die in Wien spätestens seit 2011 und „Opening Night“ von Ivo van Hove nach John Cassavetes ein Publikumsliebling ist) und Steven van Watermeulen als Antagonisten.

Die Ehegeschichte ist eigentlich eine Nach-der-Scheidungstory. Mann und Frau haben einander jahrelang nicht gesehen. Er ging in ein neues Leben, sie blieb im alten – wo der Tod des gemeinsamen Kindes ihr täglicher Begleiter ist. Nun soll das Grab umgebettet werden, weil Gift im Friedhofsboden gefunden wurde. Der Schlussstrich, von ihm einst als Selbstschutz gezogen, muss also wieder ausradiert werden. Alte Wunden brechen auf. Und die stinken bekanntlich am Schlimmsten. Verlust ist ein Eingeständnis für Verletzlichkeit. Das kann nicht jeder. Wenn der Tod kommt, stirbt die Liebe, beginnt die Trauer sich von innen nach außen zu fressen. Harte Töne schützen dann vor der eigenen Betroffenheit. Manche schweißt so ein Erlebnis zusammen. Bei Vekemans‘ Paar ist alles zu Gift geworden. Fremd und unverständlich bis zum Hass, dass der eine in eine Zukunft aufbrach, die andere in der Vergangenheit verrottet. Die Trauer ist zum letzten Grund ihrer Existenz geworden … Und diese Trauer lässt sich nicht durch zwei teilen …

Simons, Meister der kleinen Gesten für große Gefühle, lotet das Leiden bis zum Grund aus. Eine berührende Szene, wie van Watermeulen voll Ungeduld an den „Tatort“ kommt, sich gezwungen sieht, überhaupt hinzukommen. Auftritt Elsie de Brauw: Taumelnd wie eine Untote, mühevoll selbstbeherrscht, voll Zynismus über die Ungerechtigkeit der Welt an sich und die ihres Ex im Besonderen. Sie lässt ihm gar keinen anderen Platz als die Defensive. Simons lässt die beiden langsam, aber unaufhaltsam auf einen Höhepunkt zusteuern, der unkalkulierbar ist, der in einer Katastrophe enden könnte. Und Autorin Vekemans lässt nichts aus. Dass es Grau in so vielen Schattierungen gibt? – das peinliche Wiedersehen, das Niemals-Ansprechen-des-„Themas“, Beleigtheit auf beiden Seiten, Hohn und Spott, Galle und – ja, da ist es wieder: Gift. De Brauw und van Watermeulen spielen das nicht. Sie sind. Echt. Ehrlich.

Wie eine Stimme „von drüben“ (der verstorbene Sohn?) mutet dazu der Gesang von Countertenor Steve Dugardin an. A Cappella interpretiert er Lieder von John Dowland, der damit den Hof um Queen Elizabeth I. melancholisierte: „In darkness let me dwell“ oder „Flow my tears“. Wie ein intensives Habt-euch-wieder-lieb aus dem Totenreich. So intensiv wie der ganze Abend, der mit heftigem Applaus belohnt wurde. Allerdings, nur als Tipp: Frau Zuschauerin sollte sich die Nase pudern, bevor sie wieder ins Foyer tritt.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-in-agonie/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-the-wild-duck/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-le-retour/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

www.muenchner-kammerspiele.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 28. 5. 2013