Theater zum Fürchten: Der Herr der Zwiebelringe

November 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tollkühns“ Meisterwerk zum Totlachen

Die Helden sind unzufrieden mit ihrem Gamemaster: Randolf Destaller, Robert Elsinger, Hendrik Winkler, Benjamin Ulbrich, Eva-Maria Scholz, Hans-Jürgen Bertram, Thomas Marchart und Samantha Steppan. Bild: Bettina Frenzel

Witziger und geistreicher als gestern Abend kann ein Fasching kaum beginnen. In der Scala, der Wiener Spielstätte des Theaters zum Fürchten, hatte rechtzeitig zum 11. 11. die aktuelle Dinnerproduktion „Der Herr der Zwiebelringe“ Premiere. Und es war köstlich zu sehen, wie genüsslich Intendant und Regisseur Bruno Max sich die gesamten heiligen Schriften von J.R.R. Tolkien aneignete.

Wie er sie verwurstete, und unter Beimengung der Gewürzmischung H.N. Beard und D.C. Kennedy, mit einem Schuss Saturday Night Live und einer Prise College Humour Network als Festschmaus kredenzte. Zwölf Darsteller und zwei Stunden braucht Bruno Max nun für seinen „endlosen Waldspaziergang durch magische Welten“, eine liebenswerte und feinsinnige Persiflage, die die Herzen der höchst amüsierten Gäste im Wirtshaus zum Grindigen Eber höherschlagen ließ.

Gespielt wird wie immer mitten unter ihnen, denn Bruno Max hat sich fürs Abenteuer einen Kniff einfallen lassen: Randolf Destaller fungiert als Gamemaster, der mit dem D20-Würfel über das Schicksal der Geschöpfe „Tollkühns“ in Oberuntererde verfügt. Da kann’s schon mal sein, dass bei einer Vier alle einen Schnupfen kriegen, oder bei 14 alle eine Runde aussetzen müssen, weil Glamrock seinen Zaubererhut verloren hat, und der gesucht werden muss. Kein Wunder also, dass die Helden bald mit ihrem Spielleiter Streit anfangen.

Die Helden, die da sind: Bingo Windbeutel und Spam Semmelschmarrn, Thomas Marchart und Robert Elsinger, zwei illegale Pfeifensubstanzen rauchende Wobbits, der eine genervt und depressiv, der andere naiv und notgeil. Der vergesslich-senile Zauberer Glamrock, Hans-Jürgen Bertram. Amalgan, Benjamin Ulbrich, ein selbstverliebt-dämlicher Waldläufer. Der Elb Lemongrass, Hendrik Winkler, der sich selbst über seine sexuelle Orientierung nicht so sicher ist (großartig auch das aus Markennamen bestehende Elbisch, das er mit seiner Königin Migraene spricht). Perlon, Eva-Maria Scholz, der martialische Zwerg. Und zwecks Frauenquote: W-Lana, Samantha Steppan, die WaldläuferIn.

Bingo findet das Geschöpf Scrotum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und Lemongrass und Perlon endlich zueinander: Eva-Maria Scholz, Hendrik Winkler, Samantha Steppan und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Glamrock und der Bullprog von Mordio: Hans-Jürgen Bertram und Helmut Frauenlob. Bild: Bettina Frenzel

Bingo, bedroht von den Schwarzen Reitern: Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Absolutes Highlight des Abends ist Peter Fuchs als ehemaliger Schmierkaas, nun genannt Scrotum. Sind schon die anderen Darsteller optisch bestens Peter Jackson, so beweist Bruno Max mit der Figur Scrotum, dass er kein ausgeklügeltes CGI braucht, um atemberaubende Kreaturen und Bilder zu erschaffen. Fantasy ist eben eine Frage der Fantasie!

Die glorreichen Sieben brechen also auf, um Onkel Dildos Großen Ring im Berg der Verdammnis zu versenken, und treffen dabei wie vorgesehen auf allerlei düstere Wesen: Synonym, der Thesaurus, wird von Glamrock mit einem uralten Kartentrick besiegt, der alle ein Level höher bringt. Mit dem Bullprog von Mordio allerdings stürzt er in die Tiefe. Bingo wird von den Schwarzen Reitern bedroht, aber setzt er seine Nerd-Brille auf, müssen sich die Orks im Wortsinn totlachen. Als er aus dem Ring, um ihn sicher zu verwahren, einen Prinz Albert macht, erweist sich das bald als weniger gute Idee. Die Kampfschafreiterin von Ray Ban, Anna Sagaischek, eilt zur Hilfe. Doch gefährlich ist’s, den Satz zu sagen: Hier spu(c)kts ja wirklich!

Derweil muss sich W-Lana über eine Bikini-Rüstüng von Zwerg Dralon ärgern, doch Lemongrass und Perlon finden in der Gefahr endlich zueinander. Die Seherein AchundWeh, Jackie Rehak, sieht zu viel Gutes, auch Hillary Clinton als US-Präsidenten, dafür will der Truchsess von Danclor, Helmut Frauenlob als Donald-Trump-Klon, der Truppe nur Böses, und außerdem eine Mauer gegen die Orks bauen, die Sagrotan bezahlen soll. Der entpuppt sich schließlich als Großunternehmer mit Globalisierungsbestrebungen, der den schwach werdenden Helden eine Gewinnbeteiligung anbietet. Doch der Streit mit dem Gamemaster eskaliert, Alea iacta est, wie einer von Glamrocks lateinischen Sprüchen lauten würde, und so sind am Ende alle …

Noch schnell zum Menü: Es gibt Ente auf Elbenart (Warnhinweis: kann Spuren von Zwergen enthalten), Wobbinger Rotkraut mit Preisselbeeren, Erdtuffeln aus dem Sauenland, Berserker-Met – und natürlich Zwiebelringe.

Bruno Max im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27073

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  1. 11. 2017

Theater zum Fürchten: Tschechow in Jalta

April 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär’s ein Original vom russischen Dramendichter

Philosophieren und politisieren am Meer: Florian Graf als Gorki, Dirk Warme als Tschechow und Hendrik Winkler als Bunin. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, derzeit als österreichische Erstaufführung „Tschechow in Jalta“. Das ist auch deswegen charmant, weil die älteste und größte freie Theatercompagnie des Landes heuer schon Tschechows „Onkel Wanja“ auf dem Programm hatte, inszeniert vom selben Regisseur, Rüdiger Hentzschel.

Und mit Dirk Warme als Wanja, nun Tschechow, Rainer Doppler als Ástrow, nun Nemirowitsch-Dantschenko, oder Sonja Kreibich als Sonja, nun als Stanislawski-Gattin Lilina, auch vom identen Personal gespielt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24032). „Tschechow in Jalta“ stammt aus den Federn der britischen Dramatiker John Driver und Jeffrey Haddow. Sie haben verschiedenste Quellen genau studiert, Olga Knippers Memoiren und ihren Briefwechsel mit Tschechow, die Lebenserinnerungen seiner Schwester Mascha, Aufzeichnungen von Stanislawski und des Tschechow-Freundes und späteren Nobelpreisträgers Bunin – die beiden haben in ihr Stück so zahlreich biografische Details eingearbeitet, dass man versucht ist zu sagen: So wird es ja wohl gewesen sein.

Der Plot ist schnell erzählt und beruht auf einer wahren Episode aus Tschechows Leben im April 1900: Der unheilbar an Schwindsucht erkrankte Arzt und Autor lebt zur Kur auf Jalta. Er verbringt seine Tage mit den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und Ivan Alexejewitsch Bunin. Da kommt unerwarteter und äußerst aufdringlicher Besuch: Das gesamte Moskauer Künstlertheater reist an, um dem „verehrten Meister“ seine Aufwartung zu machen und in der Stadt „Onkel Wanja“ aufzuführen. Allen voran der egozentrische Direktor Stanislawski, der sich als sensibler Künstler gibt, doch seine eigene Frau seelisch verkümmern lässt, mit von der Partie ist aber auch die Diva Olga Knipper, die so gern Frau Tschechow werden möchte. Weitere Rotten lästiger Schauspieler verleiden Tschechow die Rekonvaleszenz, und schließlich treibt sich auch noch die Geheimpolizei in der Nachbarschaft herum, weil so viel Theatertieren auf einem Fleck sowieso nicht zu trauen ist.

Drei Frauen um Tschechow: Sonja Kreibich als Lilina Stanislawski, Birgit Linauer als Mascha und Monica Anna Cammerlander als Olga Knipper. Bild: Bettina Frenzel

Der ewige Konflikt Autor gegen Theaterdirektoren: Rainer Doppler als Nemirowitsch, Randolf Destaller als Stanislwaski und „Gorki“ Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Driver und Haddow haben ein Stück geschaffen, das alle Elemente enthält, wie sie Tschechow selbst mit Vorliebe schrieb. Motive aus „Die Möwe“, „Die drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ schimmern durch die Handlung, Tschechows ewige Selbstbehauptung „Ich schreibe Komödien“ und ergo seine Unzufriedenheit mit den Regiearbeiten Stanislawskis und dessen Hang zu „langweiligen Pausen“ und Tränenauflösung des Publikums, die seltsame Ménage à trois mit seiner altjungferlichen Schwester Mascha und seiner heiß angebeteten Olga.

Nichts tut sich, keiner bewegt sich, alles ist Ennui, die Sorgen sind die einer vorrevolutionären Bourgeoise, nicht eines geknechteten Volkes, und Sätze fallen, wie vom russischen Dichterfürsten original verfasst: „Wie können wir nur leben in dieser Hoffnungslosigkeit …?“ – „Tschechow in Jalta“ ist wie jeder Tschechow ein schönes Konversationsstück, nur ohne eigentlich ernsthaft Inhalt. Alles atmet Birkenallee und Balaleikaklänge, doch werden diese Klischees sofort mit kleinen boshaften Seitenhieben konterkariert.

Es geht um Eitelkeiten, Rivalität und Eifersüchteleien am Theater, die Jagd nach Erfolgsstücken und das Ringen um Auslastungszahlen. Es geht um den immerwährenden Konflikt Autor-Regisseur und Regisseur-Finanzdirektor – und die Schauspieler gegen alle, die sie an ihrer Mimenwürde zu kratzen wähnen. Es geht um Mascha will Bunin, der sie nicht, Lilina betrügt Stanislawski mit Nemirowitsch, dem ist aber der künstlerische Männerbund wichtiger, als der zu einer Frau, und am Ende findet sich doch zumindest ein großes Liebespaar.

Rüdiger Hentzschel inszeniert die Tragikomödie denn auch wie ein Tschechow-Drama. Sein Bühnenbild ist entzückend naturalistisch, ein an eine Nobelvilla angeschlossener Garten mit Meerblick, eine der schönsten Szenen die, wie Tschechow, Bunin und Gorki dieses Meer aus jeweils ihrer gesellschaftspolitischen Sicht beschreiben. Das sagt beinah schon so viel über die russische Seele und deren Verwandtschaften, wie das Studium des gesamten Tolstoi. Der Titan samt seiner an einer Magenverstimmung laborierenden Ehefrau schwebt übrigens über dem Stück – durch ewige Abwesenheit glänzend, aber scheußliche Porträts verschenkend.

Hentzschel hat wie stets mit seinem Ensemble exakt gearbeitet; er versteht es, mit zwei, drei Handgriffen eine Figur entstehen zu lassen, einen Charakter plastisch zu erzählen, und so genügt ihm auch hier wenig, um vieles auszudrücken. Dirk Warme ist ein von seinem Ruhm unangenehm berührter Star, ein ständiger Flüchtling vor der ihm drohenden Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. So spröde und unfreundlich er sich aber auch gibt, so lakonisch-trocken seine Antworten aufs Leben auch sind, kann der Humanist dennoch nicht verschleiern, dass für ihn der gute Mensch nicht vom großen Künstler zu trennen ist. Monica Anna Cammerlander gibt eine Olga, die, weniger karrieregeil als man’s dem Original mitunter unterstellt, diese besten Seiten im Manne wecken will.

Fjokla belauscht Lilina und Mascha in der Hoffnung auf gute Theatertipps: Samantha Steppan, Sonja Kreibich und Birgit Linauer. Bild: Bettina Frenzel

Florian Graf ist als Gorki ein Salonrevoluzzer, ein Beaujolais-Trinker in seidener Bauernbluse, sein Gegenstück, Hendrik Winkler als Bunin, ein zynischer Bonvivant, der sein Dasein als „bürgerlicher Dinosaurier“ wenigstens offen zur Schau trägt. Es macht Spaß, zu sehen, wie sehr manche Darsteller ihren Vorbildern auch optisch ähneln.

Allen voran Graf-Gorki, aber auch Rainer Doppler als MChAT-Verwaltungsdirektor und Lilina-Verführer Nemirowitsch oder Birgit Linauer als missgelaunte, weil immer von Neuem sitzengelassene Mascha. Randolf Destaller ist ein hinreißend selbstverliebter Stanislawski, der nicht ans Vaudeville glauben will. „Sie begreifen die Tiefe Ihrer eigenen Begabung nicht“, ruft er Tschechow auf dem Höhepunkt der Dramatik hochtrabend zu. („Die Wahrheit kann komisch sein, ja sie ist sogar lächerlich“, gibt Tschechow darauf, wie man weiß, zurück.) Später aber, als er von „Lilina“ Sonja Kreibich als Hahnrei enttarnt wird, wird er berührend kleinlaut sein.

Neben Florian Lebek und Max. G. Fischnaller als Schauspieler Luschki und Moskvin gelingt Samantha Steppan als Tschechows Dienstmädchen Fjokla ein Kabinettstückchen. Das so kokette wie naive Kammerkätzchen hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zur Bühne zu gehen, und so fällt sie – als Zeichen ihres „Talents“ – zu jeder unpassenden Gelegenheit und zum Erstaunen ihrer Umwelt in höchst hysterische Ohnmachten. Ein Spaß ist das. Einer, den man gesehen haben sollte.

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Wien, 26. 4. 2017

Seefestspiele Mörbisch: Viktoria und ihr Husar

Juli 8, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Weltreise mit wunderbaren Melodien

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Das ist tatsächlich großes Kino! Intendantin Dagmar Schellenberger zeigt bei den diesjährigen Seefestspielen Mörbisch „Viktoria und ihr Husar“ und was Regisseur Andreas Gergen und sein Ausstatter Christian Floeren dazu auf die Neusiedlerseebühne gestellt haben, übertrifft an Opulenz, so möchte man meinen, sogar noch die vergangenen Jahre.

Die beiden laden zu einer Weltreise mit den wunderbaren Melodien von Paul Abraham; sie entzünden lang bevor das eigentliche beginnt ein Feuerwerk an großartigen Ideen und kleinen Gimmicks. Da wechseln sich japanische Pagoden mit einem St. Petersburger Palais und später der ungarischen Puszta ab. Da kann ein Doppeldecker beinah wirklich fliegen, eine Beiwagenmaschine fast ohne Anschieben Fahrt aufnehmen. Da wackelt der goldene Buddha im Takt mit dem Kopf und glitzert der Eifelturm, aber hängt im Grammophon die Nadel, stocken Platte wie Ballett und es gibt kein Weiterkommen. Welch ein Spaß. Und jeder der Mitwirkenden hat Paprika im Blut.

Schellenberger selbst hat sich der Rolle der Viktoria verschrieben. Die ungarische Gräfin wurde Ehefrau des amerikanischen Gesandten John Cunlight, als sie ihren geliebten Husarenrittmeister Stefan Koltay gefallen glaubte. Doch der überlebt die russische Kriegsgefangenschaft und landet auf seiner Flucht just in der US-Botschaft in Tokio. Nun steht Viktoria vor der Gewissensfrage, welchen der beiden Männer sie von Herzen liebt. Schellenberger gestaltet ihren Part ganz Grande Dame mit Augenzwinkern, sie zeigt einmal mehr, wie unterhaltsam, bewegend und mitreißend Operette sein kann, wenn man das Genre im richtigen Maße ernst wie leicht nimmt.

Ihr zur Seite stehen Andreas Steppan als selbstloser Entsager Cunlight, der auch ohne klassische Operettenstimme den Kollegen punkto Ausstrahlung und Charme in nichts nachsteht. Und der fabelhafte Michael Heim als Koltay, der wiewohl im Vorspiel in der sibirischen Steppenlandschaft kurz von der Mikrofonierung gestört, seine Stimme schön zu führen weiß und als aufrechter Held und Ehrenmann berührt. Schließlich ist nicht alles eitel Wonne in diesem Werk, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, teils im bolschewistischen Russland und am Vorabend des Nationalsozialismus spielt.

Gergen lässt in einem ersten Bild Lager anklingen. Ein Innehalten und Nachdenken darüber, was Operette hätte sein können, wären ihre Schöpfer wie eben Abraham und seine Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda nicht von den Nazis vertrieben oder ermordet worden. Abraham, der einstige k.k.-Superstar, starb nach dem Exil in geistiger Umnachtung. Löhner-Beda wurde in Auschwitz totgeschlagen, weil Manager des Chemiekonzerns IG Farben seine Arbeitsleistung bemängelt hatten …

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Dem dramatischen Dreieck, die gewesene Liebesgeschichte zwischen Viktoria und Koltay erzählt Gergen mit einem Balletttänzerduo als wären’s Rückblenden, stehen zwei Buffopaare gegenüber. Alle vier machen sich mit überbordender Spielfreude und einer Prise Frivolität an ihre Rollen. Was ihnen die Lacher des Publikums sichert. Der sympathische Spaßvogel Andreas Sauerzapf und die quirlige Katrin Fuchs geben witzig-spritzig Koltays Burschen Janczi und das Kammerkätzchen Riquette. Verena Barth-Jurca ist als O Lia San entzückend; sie überzeugt nicht nur mit ihrem kristallklaren Sopran, etwa wenn sie ihrem Ferry die 1070 Regeln der glücklichen Ehe vorbetet, sondern auch in den Tanznummern.

Zweiundzwanzig davon hat Simon Eichenberger einfallsreich choreografiert, wie verlangt Foxtrott, Charleston und Csárdásschritte untergebracht, und der sie von den Solisten am gekonntesten umsetzt ist Peter Lesiak als Graf Ferry. Der Sänger der Wiener Volksoper, der dort zuletzt als leidenschaftlicher Student Perchik in „Anatevka“ auffiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19898), überzeugt auch in Mörbisch mit seiner temperamentvollen Art. Er zeigt nicht nur geradezu akrobatische Slapstickeinlagen, sondern steppt auch, dass es eine Freude ist. Mit dem Slowfox-Hit „Mausi, süß warst du heute Nacht“ samt einer Nagetierparade gestaltet er einen der Höhepunkte des Abends. Auch Statisten, Chor und Tänzer sind gut geprobt und vor allem ausgesprochen gut gelaunt.

Musikalische Weltreise von Japan ... Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Musik-Weltreise von Japan … Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

... bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

… bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

David Levi führt das Orchester mit flottem Dirigat durch den Abend. Er versteht es Folklore mit Jazz zu mixen, und überzeugt musikalisch vom Schlager à la „Meine Mama war aus Yokohama“ über die weit schwingenden Melodien von „Du warst der Stern meiner Nacht“ und „Nur ein Mädel gibt es auf der Welt“ zum melancholischen „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ bis zum feurigen Foxtrott „Ja so ein Mädel, ungarisches Mädel“. Da ist das Happy End schon in greifbarer Nähe, weil, wie könnt’s im Burgenland anders sein, im Wein die Wahrheit liegt.

„Viktoria und ihr Husar“ in Mörbisch ist ein üppiger Bilderbogen, der alles zu bieten hat, was die Tragikomik der Operette ausmacht. Er ist ein bissl schräg, etwas gefühlig, zwischendurch pathetisch, alles in allem sehr beschwingt – mit einem großen Schuß (Selbst-)Ironie. Eben ein auf allen Ebenen gelungener Abend. Es gibt noch für alle Spieltage und in beinah allen Preiskategorien Karten.

www.seefestspiele-moerbisch.at

Wien, 8. 7. 2016

Theater zum Fürchten: Cena Claudiana

April 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei Bruno Max geht’s zu wie im alten Rom

Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer (M.) lädt als Kaiser Claudius zur Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Giftige Pilze gibt es am Ende nur für Claudius, für das Publikum stattdessen Ente in Fischsauce, pikante lukanische Wurst und einen luxuriös mit Garum gewürzten Bohneneintopf. Das Theater zum Fürchten lädt zur diesjährigen Dinner- theaterproduktion, der insgesamt neunten, und diesmal entführt Prinzipal Bruno Max ins antike Rom.

„Cena Claudiana“, das letzte Gastmahl des Kaiser Claudius, heißt die erfolgreiche Aufführung, die nach einer ausverkauften Spielserie am Stadttheater Mödling nun in der Wiener Scala Station macht. Nach Motiven aus Robert Ranke-Graves‘ 1100-Seiten-Roman „Ich, Claudius – Kaiser und Gott“ wird die Geschichte der vier ersten Kaiser Roms erzählt, der Nachfolger Julius Cäsars, Augustus, Tiberius, Caligula und Claudius.

Und wie die erzählt wird. Bei Bruno Max julisch-claudischer Familienaufstellung geht’s zu wie im alten Rom. Mit mehr Sex & Crime als eine Fernsehserie füllen könnte, wiewohl es die weiland mit Derek Jacobi, John Hurt und Patrick Stewart natürlich gegeben hat. So viele Seiten das Buch, so viele widersprüchliche Charakterzüge werden von Claudius überliefert. Der Mann, der, was ihm unter Zeitgenossen durchaus zum Vorwurf gemacht wurde, ausschließlich Frauen liebte, umsichtig und klug regierte und beinah moderne Gesetze erließ, der ein Herz für Sklaven hatte, Freigelassene an die wichtigsten Positionen seines Reiches setzte, Britannien eroberte, stotterte, hinkte, mit dem Kopf zuckte, ein debiler Krüppel, der mit Begeisterung der Folter und Hinrichtung seiner Feinde beiwohnte, verwahrlost, ignorant, böswillig, ein Gelehrter, der maßgebliche historische Schriften verfasste, und der posthum von Seneca in der „Apocolocyntosis“, der Verkürbissung des Divus Claudius, einer der boshaftesten Satiren, die je auf einen Herrscher geschrieben worden ist, verspottet wurde. Bruno Max entschied sich, seinen Claudius zum Sympathiemenschen zu machen.

Eliot Bolch und Franz Weichenberger: Bild: Bettina Frenzel

Kind Claudius, Eliot Bolch, mit Franz Weichenberger als Großvater Kaiser Augustus: Bild: Bettina Frenzel

Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Caligula verspottet die sterbende Livia: Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer schlüpft in die Rolle des Claudius. Er ruft die Zuschauer aus einer fernen Zukunft als Zeugen an, will ihnen seine Version der Historie näherbringen, tatsächlich schrieb Claudius eine achtbändige Autobiografie, die verschollen ist, und so der Nachwelt ein Vermächtnis hinterlassen, das ihn ins rechte Licht rückt: Der wegen seiner körperlichen Behinderung ungeliebte Sohn und Enkel, den es auf den Kaiserthron quasi gespült hat, obwohl er im Innersten überzeugter Anhänger der Republik war. Dafür hat Bühnenraumverzauberer Marcus Ganser die Domus Augustana für all die gezeigten Intrigen und Interessenskonflikte nacherfunden, einen Spiel-Platz, der mit beinah einem Dutzend Podesten von der Palatinvilla bis zur Gladiatorenkampfarena alles sein kann, mittendrin eine Liegestatt und mitten im Geschehen wie stets bei diesen Abenden das Publikum, immer aufmerksam, um gezückten Schwertern und im Zorn geschleuderten Schriftrollen auszuweichen. Welch ein Spektakel, diese spannenden und schwarzhumorigen Geschichtsstunden, mehr als drei sind es, denn es gibt schließlich eine Menge zu berichten. Kammerer wechselt von der Erzählerposition in die Spielhandlung und retour, in einzelnen Episoden erklärt er, was anno 10 vor bis 54 nach Christus geschah.

Dreizehn Erwachsene und vier Kinder als Schauspieler gestalten mit ihm die Vornehmen des Imperiums. Das vorzügliche Ensemble wird angeführt von Bettina Soriat als Augustus-Gattin und Claudius‘ Großmutter Livia und Randolf Destaller als Claudius‘ Neffe und Amtsvorgänger Caligula. Erstere eine begnadet bösartige Alte, die Spielmacherin, die bis zu ihrem Ableben die Fäden in der Familie in der Hand hat, über Abfall von der Gnade und Verbannung und damit gleichsam über Leben und Tod bestimmt. Eine gruselige, großartige Leistung, die auch zur Lieblingsszene der Aufführung führt: Livia und die Giftmischerin Martina beim Fachsimpeln über unheilsame Kräuter. Zweiterer ein aalglatter, blondgelockter Schönling, der’s mit jedem und jeder tut, heißt vor allem mit Tiberius, wenn es seinen Allmachtsfantasien dient. Bis ihn der Wahnsinn ereilt. Wie er über der sterbenden Livia triumphiert, „überrascht“ und gerührt die Kaiserwürde entgegennimmt, nur um sich später zu Gott Zeus zu erklären – Destaller spielt das mit einem Understatement, mit einer Elegance, die bestechend ist.

Benjamin Ulbrich changiert zwischen der Lichtgestalt Drusus, Claudius‘ Vater, und dem machtgierigen Gardepräfekt Sejanus, der seiner eigenen Verschwörung zum Opfer fällt. Franz Weichenberger ist ein honoriger Augustus, der seine Kinder an sein Herz zieht und danach auf öden Inseln aussetzt, Christian Kainradl ein zunehmend der Last der Verantwortung überdrüssiger Tiberius, Thomas Marchart der von der Verwandtschaft verratene Augustus-Enkel Postumus. Manuel Dragan spielt einen besonnenen Ratgeber Herodes Agrippa, den späteren König von Judäa und Samarien, der gemeinsam mit Claudius erzogen wurde und einer seiner engsten Freunde und Vertrauten war. Neben Livia sind auch die übrigen Frauen mit Marion Rottenhofer als moralisch fast einwandfreier Claudius-Mutter Antonia, Samatha Steppan als Schwammerlaussucherin Agrippina und Carina Thesak als Caligulas inzestuös geliebte Schwester Drusilla die eigentlichen Kaisermacher.

Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Augustus verbannt seine Tochter: Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich: Hier endet die Sejanische Verschwörung. Bild: Bettina Frenzel

Nicht alles, was Ranke-Graves so vor sich hin schildert, hat historisch Bestand, auch ist seine Veröffentlichung aus dem Jahr 1934 in vielen Teilen wissenschaftlich überholt und korrigiert, aber Spaß muss sein. Und für den sorgen in der Scala Jörg Stelling als griechischer Wahrsager, Christoph Prückner als syrische Giftmischerin und der wunderbare Günter Tolar als Sklave Praxis, der sich nicht nur um das Wohlergehen der jeweiligen Kaiser, sondern auch um das der Gäste kümmert, auf dass der Gewürzwein im Becher nicht versiegen möge!, und nicht zuletzt deshalb eindringlich zum Latrinenbesuch in der Pause aufruft.

Zum Schluss wird er als Tourist Guide durch den Palast führen und wissen, dass die Geschichte nach Claudius mit dem seltsamen Sterben seines Sohnes Britannicus und also Stiefsohn Nero als Nachfolger keine bessere Wendung nahm. Entzückend sind die Kinderdarsteller als jugendliche Alter Egos, allen voran Enya Zechner, dem als Kind Claudius die schwere Aufgabe zufällt, dessen Ticks zu gestalten.

So ergeht sich der Stamm mit den zwei Sorten Früchten, den bitteren und den süßen, in der gegenseitigen Schändung und Abschlachtung, Verbündete sind rar, Schmeichler und Spitzel überall, und Thronanwärter sterben schnell. „Spiel‘ so lang du kannst den Idioten.“ Das ist der Rat, den Claudius mehrmals in seinem Leben hört. Er macht ihn zu seiner Überlebensstrategie, laviert sich durch zwischen Geistererscheinungen und grausiger Zauberei, in einer Welt, in der die Frage „Besorgst du es mir?“ entweder Liebe machen oder Gift herbeischaffen meint. „Rom hat dich verdient“, sagen die Prätorianer schließlich, als sie ihm als letztem Verbliebenen der Sippe mehr zum Jux die höchste Würde antragen. Und nach jüngsten Erkenntnissen dürfte dies tatsächlich ein Glück für die ewige Stadt gewesen sein. Verdient lässt ihn ergo Bruno Max einen gnädigeren Gifttod sterben als Zeitzeugen berichten. „Cena Claudiana“ ist einmal mehr ein gelungener Theaterabend für alle Sinne. Und wie jedes Jahr wurde er vom Publikum als Höhepunkt der Scala-Saison mit großem Applaus bedankt. Man darf gespannt sein, was sich das Theater zum Fürchten für die nächste Spielzeit ausdenken wird.

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Wien, 24. 4. 2016

Seefestspiele Mörbisch 2016: Viktoria und ihr Husar

April 20, 2016 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Dagmar Schellenberger präsentierte die Produktion

Die Stars von "Victoria und ihr Husar": Michael Heim, Dagmar Schellenberger und Andreas Steppan. Bild: Seefestspiele Mörbisch

Die Stars von „Viktoria und ihr Husar“: Michael Heim, Dagmar Schellenberger und Andreas Steppan. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Pin

Eine rare Perle der glamourösen Revue-Operette präsentierte Intendantin Dagmar Schellenberger Mittwoch Vormittag ihrem Publikum 2016. Nach 43 Jahren Pause verlieren, finden und lieben „Viktoria und ihr Husar“ einander wieder auf der Seebühne in Mörbisch.

Paul Abrahams Operette ist eine Geschichte mit Tiefgang, jede Menge Evergreens zum Mitsingen von „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“, „Mausi, süß warst du heute Nacht“ bis „Meine Mama war aus Yokohama“, spektakuläre Tanznummern und eine wahre Ausstattungsschlacht, die zwischen 7. Juli und 20. August für Glamour am Neusiedler See sorgen wird. „Ein Spektakel der besonderer Art“, verspricht die Intendantin.

Besondere Anforderungen gibt es an das Bühnenbild, denn „Viktoria und ihr Husar“ gleicht einer musikalischen Weltreise, die von Sibirien über Tokio nach St. Petersburg und schließlich zum großen Finale in die Puszta führt. „Diesen völlig unterschiedlichen Schauplätzen ist aber eines gemeinsam“, erklärt Christian Floeren, der Bühnenbild und Kostüme entworfen hat: „Jedes Bild ist um die zweiteilige Revuetreppe gruppiert – sie ist der Dreh- und Angelpunkt für die Tänzerinnen und Tänzer und kann mit LED fast wie eine Lichtwand ihre Farbe verändern.“

Das Bühnenbild wird opulent. Bild: Seefestspiele Mörbisch

Das Bühnenbild wird opulent. Bild: Christian Floeren

Nicht nur das Bühnenbild steht ganz im Zeichen der Tanzes, auch sonst werden bei den Seefestspielen 2016 völlig neue Maßstäbe gesetzt. Das Ballett besteht aus 50 Tänzerinnen und Tänzern, mit denen Choreograf Simon Eichenberger bereits seit dem Frühjahr die extrem aufwendigen Schrittfolgen erarbeitet. „Insgesamt haben wir einen sehr breiten Bogen von Folklore-Momenten bis hin zu amerikanischen Einflüssen aus Charleston und Foxtrott gespannt.“ 22 Tanznummern hat das Stück, da „müssen neben den 25 Tanzpaaren – so viele gab es noch nie in Mörbisch – auch alle Sängerinnen und Sänger rann“, sagt Dagmar Schellenberger, die die Gräfin „Viktoria“ singt, und sich am Ende zwischen zwei Männern entscheiden muss: ihrem Husar, Michael Heim, und dem US-Botschafter John Cunlight, Andreas Steppan.

Zu sehen sind in der Regie von Andreas Gergen neben Dagmar Schellenberger als Viktoria, Andreas Steppan als Botschafter und Michael Heim bzw. Garrie Davislim als Husarenrittmeister Stefan Koltay, Verena Barth-Jurca bzw. Theresa Dittmar und Jeffrey Treganza bzw. Peter Lesiak sowie Andreas Sauerzapf bzw. Timo Verse und Laura Scherwitzl bzw. Katrin Fuchs als die beiden Buffo-Paare. Die musikalische Leitung hat David Levi.

Intendantin Dagmar Schellenberger und ihr Mörbisch-Team. Bild: Seefestspiele Mörbisch

Intendantin Dagmar Schellenberger und ihr Mörbisch-Team. Bild: Jerzy Pin

Für alle, die den Inhalt nicht kennen sollten: Die ungarische Gräfin Viktoria führt eine komfortable, aber wenig leidenschaftliche Ehe mit John Cunlight, dem amerikanischen Botschafter in Tokio. In der Botschaft herrscht Aufbruchsstimmung, denn Cunlights Versetzung nach St. Petersburg steht unmittelbar bevor. In die Reisevorbereitungen hinein platzen zwei ungarische Soldaten, denen die Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft gelungen ist. Viktoria trifft dieser unerwartete Besuch mitten ins Herz – erkennt sie in einem der beiden Männer doch ihre große Liebe Stefan Koltay wieder, ihren Verlobten aus Jugendtagen, von dem sie dachte, dass er im Ersten Weltkrieg gefallen sei. Am Schluss siegt die Liebe und in Ungarn wird eine Dreifach-Hochzeit gefeiert.

www.seefestspiele.at

Wien, 20. 4. 2016