Akademietheater: Heisenberg

Dezember 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Unschärferelation im Zwischenmenschlichen

Ein Heisenberg-Teilchen ins Auge bekommen? Caroline Peters als Georgie Burns schaut Burghart Klaußner als Alex Priest tief in ebendieses. Bild: © Sebastian Hoppe

Mit 20. Jänner wird die bis dato als Gastspiel des Düsseldorfer Schauspielhauses dargebotene Produktion „Heisenberg“ fix ins Repertoire des Burgtheaters übernommen, und sich die Inszenierung mit Caroline Peters und Burghart Klaußner am Akademietheater anzusehen, sollte ebenso fix unter den diesjährigen Neujahrsvorsätzen aufgenommen werden. Denn der Abend ist schlichtweg fabelhaft. Regisseurin Lore Stefanek macht bei der

deutschsprachigen Erstaufführung aus dem Zwei-Personen-Stück von Simon Stephens eine Screwball Comedy – der Beziehungsschmäh von den Gegensätzen, die sich anziehen, dabei wohltemperiert, fein ziseliert, so dass die beiden Schauspielstars besten Boulevard bieten, wortwitzig, situationskomisch, schrullig, liebenswert von der ersten bis zur letzten der 90 Minuten, ohne dem Antagonistenpaar aber seine leise Melancholie zu nehmen. Die Story ist bekannt, es ist die von den Öffis, in denen einem plötzlich ein Unbekannter ein Ohr abkaut. Bei Stephens ist das Georgie Burns, die am Londoner Bahnhof St. Pancras den ihr völlig fremden Alex Priest auf den Nacken küsst. Ein Versehen, eine Verwechslung beteuert sie sofort verschämt.

Doch ist dem tatsächlich so?, lauert die exaltierte Amerikanerin dem 33 Jahre älteren, irisch-stämmigen Fleischhauer schließlich alsbald in seinem Laden auf. Mit einer neuen Lebensgeschichte als zuvor, nämlich der, nicht sexy Servierkraft in einem Islingtoner Nobelrestaurant, sondern schmucklose Sekretärin an einer Volksschule zu sein. Es bleibt im Laufe der Begegnungen dem Publikum überlassen, zu entscheiden, was an Georgie Dichtung und Wahrheit ist, und genau diese Verunsicherung ob des nie vorhersehbaren Verhaltens dieser Frau bringt wieder Leben in den festgefahrenen Alltag des Mannes, ihr unstetes Wesen wird für ihn zur befreienden Unordnung. Dass Peters und Klaußner das fabelhaft verkörpern, bedarf eigentlich keiner Erwähnung. Sie als Biografien-Erfinderin und Plaudertasche bewältigt bravourös den Balanceakt auf dem schmalen Grat zum Overacting. Er gibt den lakonischen Stoiker, porträtiert mit hängenden Schultern und ebensolchen Mundwinkeln allerdings einen, der Emotionen aus seinem Dasein zu verbannen trachtet – und doch von ihnen überrannt wird.

Nicht zufällig greift sich Klaußner immer wieder ans Herz, eine wunderbar doppeldeutige Geste für Alex‘ Überforderung, seine Herausforderung durch Georgie. Hinreißend ist das, wenn Sprachspieler Stephens seine Charaktere sagen lässt „Finden Sie mich anstrengend, aber liebenswert?“ oder „Ich fühle nicht, ich denke!“, worauf Georgie Alex „intellektualisiert“ nennt. Die Peters spielt mit Verve eine flirrende Nervensäge, deren Hände genauso aufdringlich durch den Raum flattern wie ihre Sprüche, wenn sie ihn mit einem bemerkenswerten Mix aus mitfühlend-oberflächlich auffordert, sich ihr endlich zu öffnen, und trotz dieser verrückten Volten spiegelt ihre Georgie stets eine abgrundtiefe Einsamkeit, in den Augen ihre Sehnsucht nach Nähe und Halt, im Dick-Auftragen ihre Dünnhäutigkeit.

Der Fleischhauer ist misstrauisch. Bild: © Sebastian Hoppe

Georgie sucht Alex und seinen Laden. Bild: © Sebastian Hoppe

Erschöpfung nach dem ersten Mal. Bild: © Sebastian Hoppe

Doch noch ein Happy End. Bild: © Sebastian Hoppe

Werner Heisenberg übrigens, der titelgebende, war Quantenphysiker und Nobelpreisträger, und postulierte als seine wichtigste These die Unschärferelation, mit der er, kurz gesagt, der Welt ihre Berechenbarkeit absprach, da nie exakt bestimmt werden könne, an welchem Ort und dort mit welchem Impuls sich ein Teilchen aufhalte, ja, dass diese Teilchen sich unter Beobachtung sogar anders verhielten, als ohne Observation. Den Verweis auf die abstrakte Dimension seines Textes hat Stephens Georgie in den Mund gelegt, es geht in diesen Zeilen um ihren nach New Jersey abgehauenen Sohn Jason und 15.000 Pfund, um die sie Alex erleichtern will – hier also der Hintergedanke zum vielleicht gar nicht zufälligen Stationsschmatzer.

Und so, wie ein naturwissenschaftliches Experiment den Gegenstand seiner Untersuchung beeinflusst, so werden aus Georgie und Alex zwei Bühnenquanten, die über die Unschärferelation im Zwischenmenschlichen verhandeln – bei gegenseitiger Anpassung des vom jeweils anderen betrachteten und bewerteten Benehmens. So abstrakt diese Heisenberg-Idee, so abstrakt das Setting von Janina Audick, ein Laufsteg, der Fleischhauerei, Tanzsaal, Schlafzimmer sein kann, vorne eine überdimensionale Digitaluhr, hinten eine Steilwand, und hinter dieser Sinnsprüche wie Goethes „Es hört doch jeder nur, was er versteht“. Auf dieser schmalen Spielstätte gestattet Lore Stefanek ab und an auch etwas Slapstick.

Etwa, wenn Peters Klaußner wie einen Fisch an imaginierter Angel einholt, oder er seinen Musikgeschmack der vergangenen 50 Jahre swingt, rockt, rhythm ’n‘ bluest, rappt … ein Kabinettstück von Klaußner im Gene-Vincent-T-Shirt, sein Brummbär Alex, der sich zunehmend behaglich fühlt. Der schönste und für diese Arbeit bezeichnendste Moment, liegt in der Love-Story, die sich logischerweise anbahnt, erst die elegische Erschöpfung nach dem ersten Mal – nach langer Zeit wieder, dann ein lautstark vorgetäuschter Orgasmus für die rundum lauschenden Nachbarn. Es ist diese Art Tragikömodie, die „Heisenberg“ ausmacht, und Stefaneks Entscheidung, schnickschnacklos auf ihre Darsteller zu fokussieren, holt einen hautnah an Peters und Klaußner heran.

Die Frage, wie exakt man einen anderen Menschen bestimmen kann, wie genau beobachten, ohne ihn aus den Augen zu verlieren, ohne ihn in seinen Möglichkeiten einzuschränken, beantwortet Georgie, als Alex zum Schluss doch noch sein Innerstes preisgeben will, ihn unterbrechend mit den grandiosen Liebesworten: „Das genügt mir, mehr brauche ich nicht, mehr muss ich nicht wissen.“ Denn der scheint’s so unbewegliche Alex kommt am Ende zu einer überraschenden Entscheidung, und das bedeutet, dass es für Georgie und ihn zumindest auf unbestimmte Zeit ein relativ unscharfes Happy End geben wird.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019

Schauspielhaus Wien: Möglicherweise gab es einen Zwischenfall

November 7, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie schnell man Anders denkt

Steffen Link, Vassilissa Reznikoff im Video und an der Wand, Sophia Löffler Bild: © Matthias Heschl

Steffen Link, Vassilissa Reznikoff im Video und an der Wand, Sophia Löffler
Bild: © Matthias Heschl

Da ist es passiert. Als vom „europäischen Projekt“ die Rede war und davon, es zu schützen, etwas zu bewegen und verändern zu wollen. Als man innerlich applaudierte und schon über die Sinnhaftigkeit des politischen Mordes philosophierte. Da kam der eine entlarvende Satz und – es ist Breivik. Wie schnell man Anders denkt. Wo man doch dachte, man sei gefeit gegen dieses „Ich mag ihn nicht, aber in einem hat er schon recht“, gegen dieses rausgerotzte HaaaCee – Gesundheit! Perfide, ein Publikum so in die Falle zu locken. Böse. Bravo. Das ist, ist ihm zu unterstellen, genau, was Chris Thorpe will, geht es doch auch in seinem Bühnensolo „Confirmation“, das er am 15. November im Schauspielhaus Wien performen wird, um die dünne Linie zwischen Argument und Agitation.

Der neue Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen holt den gefeierten britischen Dramatiker endlich nach Wien, die zweite Produktion am Haus war seine Premiere: „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ als deutschsprachige Erstaufführung. Passend ins Konzept, weil sich auch Thorpe dem Devised Theatre verschrieben hat, bei dem Autorschaft Gemeinschaftswerk ist. Thorpe ist so poetisch wie politisch, sein Text ausgeatmetes Statement, am Anfang war das Wort, dann Literatur. Papier werden sie noch essen auf der Bühne. Dort stehen vier, eigentlich drei und eine geteilte, Figuren nebeneinander, die ineinander monologisieren und, wie es Regisseur Marco Štorman wunderbar gelöst hat, in Dialog treten, ohne miteinander zu sprechen. Die Geste ist im Politischen bedeutsam. Jeder Blick zählt eine Stimme. Auftreten: Die Politikerin, ehemals Bürgerrechtlerin, nun Diktatorin, die sich mit einem Volksaufstand konfrontiert sieht. Der Mann, ein Geheimdienstler?, nein: Fotograf Jeff Widener, der einen Mann beobachtet, der sich mit seinen Einkaufssackerln vor die auf den Platz zurollenden Panzer stellt. Die Flüchtlingsfrau im Flugzeug. Jemand wird verhört. In einem Verschlag, versteckte Kamera.

Thorpe hat Text montiert, eine Assoziationsfläche freigeschaltet. Anders Breivik und Boko Haram, die Ceaușescus auf dem Balkon, der Al-Shabaab-Mörder Mohammed Ahmed Mohamed, der sich mit einer Burka unkenntlich machte und so Scotland Yard entkam, auch Al-Qaida und IS haben sich schon gedragt, Putin, Breschnew, Bokassa …  Der Tank Man auf dem Tian’an Men Platz. Ob er exekutiert wurde? „Er lebt noch, das ist so ein Gefühl von mir“, sagte Widener. Eine Folterversuchsanordnung mit Klebeband. Štorman erzählt zu Thorpes Story seine eigenen Bildgeschichten. Ein Film läuft ab. Der Mensch als Aufmarsch in Auflaufform. Am Ende suchen die drei Schauspieler als Forensiker in Schutzkleidung nach den Überresten des Flugzeugsabsturzes. Wie Astronauten sehen sie aus, als ließe sich das alles nur von außen begreifen. Die Flüchtlingsfrau … „… gab es einen Zwischenfall“. Lockerbie ist immer noch eine offene Wunde.

Vassilissa Reznikoff spielt diese Schutzsuchende, Steffen Link den Fotografen, dem eine Momentaufnahme des für einen Moment wichtigsten Mannes der Welt gelang, Sophia Löffler die ans Mikrophon geklammerte Politikerin. Ich habe nur meine Pflicht erfüllt. An Schreibtischen sitzend beginnen sie, langsam, leise, singen Thorpes verstörend melancholische Sprachmelodie. Mit der professionellen Freundlichkeit von Krankenbetreuern konterkarieren sie die Grauenhaftigkeit des Geschilderten. Doch das eskaliert, das muss explodieren. Der Text wird dichter. Intensiv erzählen sie dann von sich und den anderen, schauen sich nach Bestätigung um, geben einander Halt, Schutz suchen sie alle, die Opfer und die Täter und die um Objektivität ringenden Beobachter. Der indonesische Journalist und Menschenrechtsaktivist Seno Gumira Ajidarma hat so einen Roman über Ost-Timor geschrieben, er heißt „Jazz, Parfüm & Der Zwischenfallwww.mottingers-meinung.at/?p=15341

Wieder reingefallen, die Historie dient der Bespiegelung. Thorpe verweist auf Behauptung, verweist auf die Wahrnehmung von Ereignissen und wie diese sie wandelt. War da was? „Möglicherweise gab es einen ….“ Die Situation beklemmt, die Zeit steht. Stille. „Ich wollte eine Art Pause schaffen, um nachzudenken“, sagte Breivik. Wie ein perverser Krimi ist das, man will wissen, wie und wer und wie zusammen, und muss nicht Antworten suchen, sondern neue Fragen stellen. Das Foto wird als Instrument der Manipulation entlarvt. Die Nachricht. „Als ich die erste Zeitung schließen musste, tat ich es, weil ich an Pressefreiheit glaube.“ Berührend, beinah schön, das Schlussbild, wenn die Darsteller aus ihrer Kleidung steigen und damit und den Stühlen die Toten formen. Thorpe zeigt alle Spielarten von Terror. Um Ordnung zu erhalten, um sie zu (zer)stören. Mit Terror ist ein Staat zu machen. Thorpe erzählt von Führerwahn und Staatsstreichverblendung und schleichendem Faschismus. Sein Stück nimmt jede Sicherheit. Es dringt unterm Bewusstsein vor ins Hirn. Die Schweigespirale dreht sich. Pegida reißt das Maul auf. Simon Stephens sagt: „Nobody makes me think harder than Chris Thorpe“. Also!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0I37ltgF3d8

TIPP: Chris Thorpe spielt am 15. 11. „Confirmation“: www.youtube.com/watch?v=l4VRYMM0bKo

Auftakt im Schauspielhaus Wien, Rezension „Punk & Politik“: www.mottingers-meinung.at/?p=15730

www.schauspielhaus.at

Wien, 7. 11. 2015

Volkstheater: Supergute Tage

Juni 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wunderbarer Verstand

Matthias Mamedof Bild: © Christoph Sebastian

Matthias Mamedof
Bild: © Christoph Sebastian

Am Anfang des zweiten Teils fällt der Satz. „Das ist ein Buch und kein Theaterstück“, protestiert Christopher. Ja, das hatte man sich vor der Pause schon eineinhalb lange Stunden lang gedacht. Doch gerade an der Stelle, wo der Satz gesagt wird, ist er eigentlich unfair, weil Matthias Kaschigs Inszenierung nach der Pause endlich in Fahrt kommt.

Stardramatiker Simon Stephens versuchte sich daran, den (im englischen Sprachraum) Bestsellerroman „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ von Mark Haddon zum Stück zu machen. Das heißt nun „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ und hatte am Volkstheater Österreichische Erstaufführung. Stephens, früher Sozialarbeiter in einer Einrichtung für Jugendliche mit Problemen, hat das Buch entschmalzt und – wie’s seine Art ist – zum Sozialdrama umgearbeitet. Das ist gut. Die Story hat mit Genie und Wahnsinn zu tun. Mit  Überwindung. Von sich selbst und den Lügen, die einem die Umwelt auftischt. Der 15-jährige Christopher Boone (Matthias Mamedof) hat das Asperger-Syndrom, eine leichte Form von Autismus. Der Hund der Nachbarin wird mit einer Heugabel ermordet. Christopher schwört, diesen Mord aufzuklären und pilgert von Haustür zu Haustür, um Beweise zu sammeln. Die Lösung des Falls ist dann schrecklicher als angenommen. Und enthüllt weitere Furchtbarkeiten: Christopher, der bei seinem Vater (Patrick O. Beck) lebt, glaubte seine Mutter (Martina Stilp) tot, dabei ist sie mit einem anderen, dem Nachbarn mit dem nunmehr toten Hund, durchgebrannt. All das strömt auf den Buben ein, während er sich – als einziger an seiner Förderschule jemals – auf einen Mathematiktest vorbereitet. Ein Platz auf dem College wartet auf ihn … also quasi A Beautiful Mind ohne Russell Crowe.

Christopher schreibt über all dies ein Buch, das „Lehrerin“ Annette Isabella Holzmann vorliest. Die Figuren folgen der von ihr vorgetragenen Handlung. Marschieren dazu – warum auch immer – wie „Irre“, einmal als Zombies, über die Bühne. Stilp „redet“ die Briefe, die sie ihrem Sohn jahrelang schrieb und die der Vater in seinem Kleiderkasten, wo Christopher sie findet, versteckte selber. Es wird also viel erzählt in diesem ersten Teil. Mehr als ein Theaterstück aushält. Dazu kommt die Pilgerschaft des Protagonisten, von netter Nachbarin (Claudia Sabitzer glänzt in unzähligen Rollen von labil bis senil) zu verständnisvollem Polizisten (Thomas Bauer, ebenfalls mehrere Figuren verkörpernd, wieder einmal so vielseitig, wie er kann. Und sehr schön kann er spooky! Und noch schöner den Golden Retriever, den Christopher am Ende geschenkt bekommt ;-)) und retour. Das dauert. Und nichts tut sich. Keiner hat was gesehen, keiner weiß was. Gähn!

Das einzige, das sich bewegt, ist das Bühnenbild (Michael Böhler). Einerseits steril, wie die Wände einer Nervenheilanstalt (bitte nicht schon wieder nach den „Letzten Tagen …“), ist es andererseits ein Tetrisspiel, dessen Elemente raus- oder reingeschoben als Schubladen, Hocker, abnehmbare Behältnisse dienen. Darauf werden auch (Video: Francis Eggert und Vera Knab) poetische Bilder projiziert. Der Sternenhimmel, ein schwarzes Loch, das alle Erwachsenen verschlingt, Smiley Icons, die London Underground – Christoper begibt sich auf die Suche nach seiner Mutter – und und und … Eigentlich ist das Bühnenbild der Hauptdarsteller des Abends. Nein. Das stimmt nicht. Der ist und bleibt Matthias Mamedof, der eine großartige Fallstudie hinlegt. Er ist ebenso entzückend wie beängstigend. Niemals pathetisch, weinerlich, weil ja nicht „krank“, er folgt nur seiner eigenen Logik. Und die ist oft logischer als die konventionelle. Eine fulminante Leistung. Der Patrick O. Beck als seinen Sohn überbehütender, gegen alle Widerstände fördernder, dennoch manchmal überforderter Vater in nichts nachsteht. Auch Martina Stilp überzeugt als Mutter, die vom ersten in den zweiten Teil ihren Weg aus der Belastung, einen Teenager zu haben, der sich bei Schwierigkeiten auf den Boden wirft, schreit, um sich schlägt, nicht beruhigen, nicht berühren lässt, finden muss.

Alles in allem wären die Tage supergut, wenn man aus der ersten Hälfte ein wenig Luft abließe, heißt: den Teil um etwa 20 Minuten straffte. Aber es war ja gerade erst Premiere. Und damit ist noch nicht aller Tage Abend.

www.volkstheater.at

Wiener Festwochen

Februar 8, 2013 in Bühne

29.03.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/6

Halb Europa im Krimikuddelmuddel

Die EU funktioniert. Am Theater zumindest perfekt.
Selbst dann, besonders dann, wenn es sich deren nicht
ganz so perfektes Funktionieren zum Thema gewählt
hat.

Drei in Wien gern gesehene Gäste präsentieren sich heuer mit einer gemeinsamen Arbeit: Der englische Dramatiker Simon Stephens hat ein Stück geschrieben, das Regisseur Sebastian Nübling mit Schauspielern der estnischen Truppe Teater NO99, der Münchner Kammerspiele und des Londoner Lyric Hammersmith Theatre auf die Bühne hebt.

Lustig ist das nicht. Aber aberwitzig, schwarzhumorig, eine bitterböse Parabel.

Vereinter kann Europa kaum mehr sein als in diesem Dreiländerprojekt. Das nicht nur in drei Sprachen gespielt wird, sondern auch mit allen Klischees spielt, die es vom „halbseidenen“ Baltikum übers „korrekte“ Deutschland bis zum „coolen“ Großbritannien gibt.

Three Kingdoms, so der Titel, ist ein Krimi. Einer, in dem es um internationalen Menschenhandel, Zwangsprostitution und eine brutale Pornoindustrie geht. In der Themse wird der abgesägte Kopf einer „Ost- Nutte“ gefunden – die hatte ihn wohl zu weit Richtung Freiheit vorgestreckt …

Lustig ist das nicht. Aber aberwitzig, schwarzhumorig, eine bitterböse Parabel über Zustand und Zerfall innerhalb von Grenzen, die es auf dem Papier gar nicht mehr geben soll. Ein Kuddelmuddel, eine Sprachverwirrung von babylonischen Ausmaßen. Zwei Londoner Polizisten, der großartige Nick Tennant und Ferdy Roberts, wie von Edgar Wallace erfunden, machen sich also auf, um auf dem Festland nach dem Rechten zu sehen. Den treffen sie dann auch, in Form eines mephistophelischen deutschen Beamten, der die arglosen Inselbewohner in einen sumpfigen Tallinner Albtraum treibt. In dem es die Darsteller vom NO99 gewohnt gekonnt akrobatisch treiben. Die Lösung des Rätsels ist – phänomenal. Mehr sei nicht verraten.

Nur, dass mit Three Kingdoms ein Theaterexperiment von besonderer Klasse probiert wird. Ausprobieren!

Interview mit Elisabeth Orth und Daniel Strässer

Februar 8, 2013 in Bühne

29.04.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/6

„Wastwater“: Jeder hat Leichen im Keller

Am Sonntag hat Simon Stephens‘ Bühnentriptychon „Wastwater“ Premiere. Elisabeth Orth und Daniel Sträßer im Gespräch.

Wastwater, das ist der tiefste See in England. Still, unheimlich, nie von Tageslicht erhellt. Simon Stephens’ Großvater wusste Horrorgeschichten darüber. Leichen sollen da unten liegen, die nicht geborgen werden können. Manche von freiwillig, manche von unfreiwillig ins Wasser gegangenen. Der britische Erfolgsdramatiker nannte ein Stück danach – obwohl es in und um den Flughafen Heathrow angesiedelt ist. „Wastwater“ ist ein Triptychon der Angst.

Drei Paare treffen in drei Episoden aufeinander. In der ersten verabschiedet eine Ziehmutter ihren Pflegesohn, der auf Nimmerwiedersehen wegfliegt. In der zweiten entgleist ein Blind Date im Flughafenhotel zum Sado-Maso-Spiel. In der dritten warten Käufer und Verkäuferin in einer Lagerhalle auf eine Lieferung von den Philippinen. Ein Kind.

Stephan Kimmig inszeniert am Akademietheater die österreichische Erstaufführung mit Andrea Clausen und Peter Knaack, Mavie Hörbiger und Tilo Nest. Szene eins spielen Grande Dame Elisabeth Orth und Daniel Sträßer, der 25-Jährige, den Burg-Chef Matthias Hartmann direkt von der Schauspielschule weg zum neuen „Romeo“ machte.

KURIER: Herr Sträßer, ist Harry eine Figur, wie Sie sie mögen?

Daniel Sträßer: Eine tolle Figur. Bei der ersten Lektüre des Stücks – in einer schlaflosen Vollmondnacht – ist mir gleich diese besondere Stimmung aufgefallen. Harry war mir sympathisch, aber auch unheimlich; ich habe viel an dem zerbrechlichen Charakter nicht verstanden. Je mehr ich mich mit der Rolle beschäftige, umso tiefer wird sie. Die Metapher Wastwater ist ja die Aufgabe an den Schauspieler: Diesen See zu spielen. Harry – Harry-See.

Im Vergleich zu den folgenden Episoden könnte man glauben, Ihre ist die harmlose. Dem ist natürlich nicht so. Gibt es auch in dieser Szene eine sexuelle Komponente?

Elisabeth Orth: Die gibt es wahrscheinlich immer von Pflegemüttern zu Pflegesöhnen. Harmlos würde ich nicht zu Frieda sagen. Ohne Harm: Ja. Harry ist ihr letztes Pflegekind, das, um das sie die größte Sorge hat. Als sie diesen besonders schwierigen, der Polizei bekannten Jungen aufgenommen hat, muss mehr als Liebe aufgeflammt sein. Etwas in der Art von: Der könnte mich am meisten brauchen. Was für ihr Ego gut war. Das kommt zwischen den Zeilen durch.

Das Stück spielt nicht umsonst in Flughafennähe. Ein Transitort, den man durcheilt, ohne zu kommunizieren. Ist es das, was die Figuren im Stück tun: Sprechen, aber nicht miteinander reden?

Orth: Ja, und ich hoffe, als Zuschauer merkt man, wie schwer es ist. Obwohl die Situation einfach ist: Wir verabschieden uns, er geht.

Sträßer: Das ist Harrys Thema: Sein Trieb. Er hat bei Frieda ein Zuhause gefunden, aber das ersetzt nicht, was er verloren hat: Sein Elternhaus, seine Wurzeln. Er ist auf der Flucht, er muss immer weg. Er sucht – die Frage ist nur was. Ich glaube, er wird ewig rastlos bleiben.

Im Stück hat jeder eine Leiche im Keller und wenn`s er selber ist. Der Text ist verrätselt und trotzdem klar. Wie spielt man Doppelbödigkeit?

Sträßer: Ja, da ist ein großer, bewegter Untergrund und darüber ruhige Oberfläche …

Orth:… auf der man nicht sicher steht. Man ist ständig am Kippen. Man hält sich an den Dialog und weiß, in der übernächsten Zeile wird das Gesagte nicht mehr stimmen. Das bedingt beim Spielen, dass man sehr in den anderen hineinhört.

Sträßer: Es ist eine Herausforderung, weil man selber so viel mehr über die Figur weiß, als man dem Publikum sagt. Denn natürlich hängen die Episoden zusammen.

Und zwar durch Ihre Figur. Sie sind gut beschäftigt, spielen derzeit auch „Romeo und Julia“ und „Endstation Sehnsucht“, werden von Publikum und Presse gelobt. Ist es so, wie Sie sich`s vorgestellt haben?

Sträßer: Ich war nicht größenwahnsinnig genug, mir vorzustellen, dass ich mal am Burgtheater spiele. Für mich ist mit diesen großen Kollegen spielen zu dürfen einfach enorm gut. Das macht mich besser, das bringt mich weiter. Ich bin hier ganz toll aufgenommen worden.

Sie sind nun unter den Herren im Ensemble der jüngste. Der Dramaturg dieser Produktion, Klaus Missbach, ist Ihr „Entdecker“.

Sträßer: Er war beim Theatertreffen der deutschsprachigen Schauspielschulen 2011 in der Jury. Und zwei Tage später rief das Burgtheater an. Am Abend vor dem Vorsprechen war ich das erste Mal im Haus, am dritten Rang. Dabei wollte ich ursprünglich Opernsänger werden, ich habe auch klassisch Fagott gelernt und in Saarbrücken Musikwissenschaften studiert. Dann bin ich zum Glück in die Schauspielklasse am Salzburger Mozarteum gewechselt …

Frau Orth, Sie haben einige Kollegen auf ihrem Weg begleitet. Wie ist die Jugend?

Orth: Die Jugend ist jung. Und das hat viele Facetten. Es gibt fleißige, es gibt faule, arrogante. Manche mauern, lehnen ab, viele sind offen. Es kann wahnsinnig viel verdorben werden, wenn die Begleitung nicht aufpasst, wenn sie sich selber zu wichtig nimmt. Es gehört eine gewisse Form von Hingabe dazu, wenn man mit jungen Leuten spielt. Wer’s nimmt, wird gut. Daniel nimmt’s.

Sträßer: Ja. Wir sind ein gutes Doppel, glaube ich.