Schauspielhaus Wien: Sommer

Februar 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckensherrschaft des Loop-Systems

Die Raumfahrerin gerät in die Fänge der Retro-Revolution und kämpft ums Überleben: Sophia Löffler mit Nehle Breer und Vera von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Es ist eine Science-Fiction-Satire über Selbstbewusstsein, die Sean Keller verfasst hat. Selbstbewusst sein, im Sinne von: um den eigenen Wert wissen, und als Bewusstsein von einem selbst als einheitliches Wesen. Doch die Frage „Wer bist du?“ erweist sich im Stück schnell als eine unlösbare. „Sommer“ heißt es, Keller gewann damit das Hans-Gratzer-Stipendium 2018, und Elsa-Sophie Jach, die am Schauspielhaus Wien zuletzt mit Thomas Köck und „die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=27228) erfolgreich war, hat es nun ebendort zwecks Uraufführung auf die Bühne gehoben. So überbordend der Text, so die Inszenierung. Die Bühne von Stephan Weber zeigt eine Art Future-Bar samt Claw Machine, an der Decke silberglänzende Sechsecke, an einer Seite ein Glaskubus, eine monströse Vitrine, auf deren Boden bereits das Ausstellungssubjekt kauert. Auftritt nun ein Chor, Nehle Breer, Vera von Gunten und Anna Rot, ein choreografiertes Kollektiv, Sprache, Bewegung, Ich-Erkenntnis präzise einstudiert – wobei, was letztere betrifft, das Vokalterzett für deren Beendigung plädiert. „Wir verlieren uns im Warten auf die bessere Zukunft“, schelten sie, da sie diesen Zustand längst überwunden haben, in Wahrheit das Publikum. Dem Individuum soll also ein Dasein als solches abgesprochen, aus einer Einzelidentität sollen viele gemacht werden.

Die Dystopie, die Keller im Wechsel von Wort-Kunst zu Wort-Gewalt entworfen hat, dreht sich im Weiteren um dieses Denkspiel: Individualismus als destruktiver Egoismus oder Gemeinschaftsgefühl als Gleichschaltung der Massen, einfacher formuliert: ein Wir vs ein Ich, ein Hergehören vs ein Fremdsein, ein Geschichtsvergessen vs ein Zukunft-Lernen. Die Story, zu entnehmen dem Programmheft, live verhandelt wird sie kaum, geht so: Das Jahr ist 3000, und da es der Erde davor schon recht schlecht ging, Stichwort: Ressourcenknappheit, hat sich ein Großteil von deren Bevölkerung ins Exil einer Weltraumkolonie begeben, wo man offenbar ein friedliches, freundschaftliches Leben lebt.

An der Claw Machine: Nehle Breer, Sophia Löffler, Anna Rot und Vera von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Beklemmende Tanzperformance im gläsernen Käfig: Esther Balfe. Bild: © Matthias Heschl

Die, die geblieben sind, haben sich als Strategie gegen die widrige Umwelt in einer neokommunistischen Gesellschaft organisiert, haben sich der Schreckensherrschaft eines restriktiven Loop-Systems unterworfen, das eine Zeitschleife betreibt, in der die historisch verklärten Jahre 2000 bis 2020 immer wieder von vorne ablaufen. Durch diesen Minkowski-Raum rennen die Menschen, wie das Huhn auf dem Möbiusband. Da entlässt Keller eine Rückkehrerin in die Szene. Eine Raumfahrerin mit Heiligenscheinhelm, die wissen will, wie’s „unten“ so ist, Sophie Löffler als Frau, die vom Himmel fiel – und die folglich vom Kollektiv mit aller Härte ans Kollektiv angepasst werden muss. Diese Ich-Erzählerin spricht im Irrealis, während sie versucht, halb von ihnen angezogen, halb abgestoßen, die Gruppenrituale zu begreifen.

Man darf Kellers Überfrachtungsstück nicht zu viel Stringenz unterstellen. Weder kümmert er sich um die Phänomene des Raumkontinuums noch des Zeitparadoxons, er schreibt so entfesselt, als hätten Ray Bradbury und Philip K. Dick nie einen Satz zu Papier gebracht, allerdings nimmt er es auch mit der innertextlichen Logik nicht allzu genau. Als würde das Fantastische nicht auch – zugegeben seinen eigenen – Regeln folgen. Derart gilt’s am besten: Nichts à la „Ground Control To Major Sean“ überinterpretieren, sich auf den Ideenreichtum von Elsa-Sophie Jach, die ganz hervorragende Arbeit leistet, einzu- und unterhalten zu lassen. Denn aberwitzig ist der Abend in seiner Verquertheit allemal.

Und während das Ich sich müht, den Code fürs Überleben zu finden und „die Abmachung“ zu kapieren, irgendwann sagt Löffler: „das Geheimnis der Anpassung ist, sich nicht zu wundern“, windet sich Tänzerin Esther Balfe als Gefangene hinter Glas, ihre Zuckungen wie unter Strom in dieser engen Biosphäre, eine Gepeinigte im Gehege ihrer exemplarischen Körperhaftigkeit. Deren Ablehnung Kulturhistoriker Hermann Glaser, gerade auf die Frau als solche bezogen, in seiner „Spießer-Ideologie“ als symptomatisch für die sozialpathologischen Aspekte der modernen Gesellschaft ansah. (Was nun doch gedeutelt ist …)

Die funkelnde Future-Bar unter dem silbernen Sechseckhimmel: Sophia Löffler, Vera von Gunten und Nehle Breer. Bild: © Matthias Heschl

Elsa-Sophie Jach bricht die schlafwandlerische Atmosphäre des Gesprochenen durch Balfes antagonistische Performance. Sie tut ambivalente Bilderwelten auf, von plötzlichen Ausbrüchen von Aggression und Autoaggression bis zum perfekt ausgeführten Zumba zu Backstreet Boys‘ „I Want It That Way“. Schließlich findet sich alles unterm Riesenrad in einem abgewrackten Orlando-Freizeitpark wieder. Ausgerechnet Florida.

Wo Widerstandskämpferinnen, die Astronautenanzüge von Giovanna Bollinger nun lässig um die Hüften geknotet, das Zeitzirkulieren durchbrechen wollen, indem sie über Cheats im Programm neue Portale und damit den Zugang zu einer anderen Wirklichkeit öffnen. Der Plan scheitert, die komplette Annullierung, Wunsch- und Albtraum Auslöschung finden statt. Gesellschaftliche Trägheitsgesetze haben die Retro-Revolution verunmöglicht. Die Menschen erscheinen in Tiermasken und hämmern auf den Boden à la „2001“-Monolith. Brainwashing accomplished.

„Sommer“, warum auch immer er so benannt ist, ist ein hochkomplexer, teilweise auch hermetischer Text, inspiriert inszeniert und mit großer Intensität darstellerisch dargeboten. Ob Sean Keller mit seinem „Sie werden assimiliert werden“ auch auf eine meinungsmacherische Politik, viele Köpfe, ein von bestimmten Medien bestimmter Gedanke, abzielt, ist beim Abgang aus dem Theater Diskussionsgegenstand. Dem „Widerstand ist zwecklos“ der Aufführung kann man sich jedenfalls nicht entziehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=vY5DAUhywhI

www.schauspielhaus.at

  1. 2. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Volkstheater: Die Zehn Gebote

Dezember 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gottes verlorene Seelen in ihren vorletzten Zuckungen

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen: Jutta Schwarz, Nadine Quittner und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dem Volkstheater beschert Stephan Kimmig mit „Die Zehn Gebote“ einen tadellosen Theaterabend. Gemeinsam mit Roland Koberg hat der Regisseur Krzysztof Kieślowskis zehnteiligen Filmzyklus „Dekalog“ für die Bühne bearbeitet, mit einer Prise mehr schwarzen Humors gewürzt, als er dem polnischen Filmemacher eigen war, und die Übung gilt als gelungen anzusehen. Im ersten Teil zwar noch ein bisschen träge, ist die Verschränkung der Szenen nach der Pause ganz fabelhaft.

Dazu agiert das achtköpfige Ensemble in mehr als 30 Rollen auf höchstem Niveau. 1988/89 hat Kieślowski, der später unter anderem mit der Drei-Farben-Trilogie internationalen Ruhm erlangte, sein Meisterwerk für das polnische Fernsehen produziert. Keine klassische Fernsehserie war‘s geworden, sondern zehn an die Bibel angelehnte Episoden, die das Leben in einer tristen Warschauer Neubausiedlung ausstellen. Vor allem aber freilich Liebe, Glaube, Eifersucht, Tod und Verbrechen.

Kimmig hält sich nicht an die Reihenfolge des Tanach. Er erzählt erst von Ewa und Janusz, die eine Affäre haben und ausgerechnet am Heiligen Abend Ewas verschwundenen Mann suchen müssen, in der Ahnung, dass er sich etwas angetan hat (Du sollst den Feiertag heiligen). Dann erfährt Anka, dass der Mann, den sie dafür hielt, nicht ihr leiblicher Vater ist, und versteht, warum sie ihm mehr Gefühle entgegenbringt, als schicklich ist (Du sollst Vater und Mutter ehren). Dorota macht von der chefärztlichen Diagnose, ob ihr krebskranker Mann sterben wird oder nicht, abhängig, ob sie das Kind ihres Geliebten abtreiben wird (Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen). Majka, die als Teenager schwanger wurde, entführt ihr Kind, das ihre Mutter aus Scham und Besitzgier als ihr eigenes ausgegeben hat (Du sollst nicht stehlen). Rechtsanwalt Piotr muss einen Mörder verteidigen, der dennoch hingerichtet werden wird (Du sollst nicht töten).

Du sollst nicht ehebrechen: Anja Herden und Peter Fasching … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und mit Jan Thümer in Dekalog sechs. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Später steigern sich zwei Brüder so sehr in den Philatelie-Fanatismus ihres verstorbenen Vaters, dass einer für eine Briefmarke sogar eine Niere gibt (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus). Der alleinerziehende Vater und Computernarr Krzysztof muss seinem Sohn erklären, was es mit dem Tod auf sich hat (Du sollst keine Götter haben neben mir). Roman erfährt, dass seine Impotenz unheilbar ist, und will seine Frau freigeben, doch die hat längst einen Geliebten (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib). Spanner Tomek beobachtet Magda bei ihren sexuellen Erlebnissen (Du sollst nicht ehebrechen). Und schließlich begegnet eine Holocaust-Überlebende der Frau, die ihr einst die Hilfe verweigert hat (Du sollst nicht falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten).

Kimmig lässt die Episoden ineinanderfließen. Zwei, manchmal drei von ihnen laufen wie gleichzeitig ab und offenbaren dabei ihre Doppelbödigkeit. Im Hintergrund die Lastwagenfahrerkabine, die man auch aus den Filmen kennt (Bühne: Oliver Helf), und auch die allegorische Figur, der Engel, in den Filmen war es der Schauspieler Artur Barciś, ist mit Jutta Schwarz allzeit auf der Bühne präsent. Kimmigs Arbeit ist sehr körperlich, er setzt auf Elemente aus dem Bewegungs- und Tanztheater, als lägen Gottes verlorene Seelen in ihren vorletzten Zuckungen. „Original-80er-Plattenbau“ sind die Kostüme und die Perücken von Anja Rabes.

So angetan zeigen Gábor Biedermann, Peter Fasching, Anja Herden, Lukas Holzhausen, Nadine Quittner, Seyneb Saleh und Jan Thümer Schauspielkunst vom Feinsten. Vor allem Volkstheater-Neuzugang Fasching versteht es, sich in Kimmigs Körperkonzept perfekt einzufügen. Es wird sich verrenkt und gereckt, jede Geste ein emotionaler Ausbruch von etwas Unausgesprochenem, des Unaussprechlichen auch, jede Gebärde ein Zeichen von von Umständen in die Enge getriebenen Menschen. Eine aufgeregte Inszenierung sind „Die Zehn Gebote“ zweifellos, eine ohne Ruhepole, eine durchchoreografierte, dennoch nie gekünstelte, was die Qualität der Darstellung unter Beweis stellt. Es wird sich verletzt und verziehen, und wie’s schon so ist, wenig geht hier gut aus, eine Geschichte sogar tragisch.

Du sollst Vater und Mutter ehren: Seyneb Saleh und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zwei Episoden stechen hervor: Anja Herden, Peter Fasching und Jan Thümer in Dekalog sechs, da kann das Publikum kurz befreit lachen, wenn sie ihren Stalker aufs Glatteis führt, bis er mit im Wortsinn heruntergelassener Hose flüchten muss. Und Dekalog acht, Nadine Quittner als Holocaust-Überlebende, die auf Seyneb Saleh trifft, die der Jüdin damals den Unterschlupf als „getauftes Kind“ nicht gewährte.

Dies, weil sie glaubte, die Menschen, die die Sache eingefädelt hatten, wären von der Gestapo, das Ganze eine Falle. Mit ihrer Verfehlung konfrontiert sagt diese Zofia den Satz, der als Leitmotiv über dem Abend steht: „Eine Situation, die uns zum Handeln zwingt, weckt entweder die Bosheit oder die Güte in uns auf.“

Peter Fasching im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27674

www.volkstheater.at

  1. 12. 2017

Neu am Volkstheater: Peter Fasching

Dezember 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt in „Die Zehn Gebote“ nach Krzysztof Kieślowski

Peter Fasching in „Die Zehn Gebote“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seit Beginn der Spielzeit 2017/18 ist Peter Fasching (mehr: www.volkstheater.at/person/peter-fasching/) Ensemblemitglied des Volkstheaters. Nach der aufsehenerregenden Aufführung von „Extremophil“ im Volx/Margareten hat er am Freitag mit „Die Zehn Gebote“ in der Regie von Stephan Kimmig die nächste Premiere. Ein Gespräch über Mörder, Moral, Musik – und Josef Hader als Einstiegsdroge:

MM: „Die Zehn Gebote“ sind nicht aus der Bibel …

Peter Fasching: Genau. Es ist nach einem Filmzyklus namens „Dekalog“ von Krzysztof Kieślowski. Wir nehmen die Geschichten, die Kieślowski verfilmt hat, nun für die Bühne und adaptieren sie. Gezeigt werden Menschen, die vor großen Problemen stehen, oder vor großen Fragen, die an die Zehn Gebote gebunden sind.

MM: Ihre Figur beispielsweise?

Fasching: Ich spiele fünf, davon zwei große Rollen. Eine behandelt zum Beispiel das Gebot „Du sollst nicht töten“, da wird von einem Rechtsanwalt erzählt, der einen Mörder verteidigen muss, der einen Taxifahrer bestialisch umgebracht hat, und jetzt zum Tode verurteilt wird. Also das Gebot trifft immer wieder zu. Bei uns lernt man erst den Rechtsanwalt kennen, der diese Geschichte erzählt, danach komme ich als Mörder. Kurz bevor ich erhängt werden soll. Die zweite ist ein junger Mann, der eine Frau durchs Fenster beobachtet, ganz obsessiv, heute würde man sagen, ein Stalker. Es hat jeder viel zu tun, es gibt viele Umzüge und sehr viele Perücken.

MM: Was soll uns am Kosmos Kieślowski heute interessieren?

Fasching: Die Universalität der Themen. Wir stellen die Frage: Wie leben wir zusammen? Was tun wir uns gegenseitig an? Wollen oder können wir nicht anders? Ganz eigenartig ist, wie viel sich die Figuren gegenseitig verzeihen. Es gibt wahnsinnige Verletzungen, aber auch sehr viel Vergebung. Das finde ich interessant zu spielen in einer Welt, in der sich gerade gegenseitig sehr wenig verziehen wird.

MM: Stephan Kimmig ist das, was man einen Starregisseur nennt. Wie ist arbeiten mit ihm?

Fasching: Ganz toll. Manchmal bricht schon Melancholie aus, weil wir wissen, am Freitag ist die Probenzeit vorbei. Man merkt, dass er schon sehr lange dabei ist, viel Erfahrung hat. Er schaut ganz sensibel. Eine Schauspielerin hat mal gesagt, sie wünsche sich von einem Regisseur „Luft unter die Flügel“, und das gibt er einem.

MM: In einem Interview sagt Kimmig, die Inszenierung würde von „expressiver Körperlichkeit“, mit Tanz und Musik sein. Das heißt, Sie sind gefordert?

Fasching: Wir sind sehr gefordert. Es gibt immer wieder Momente, wo die Sprache nicht mehr reicht, dann gibt es sehr expressive körperliche Einlagen, die einen als Spieler außer Atem bringen. Nach den drei Stunden ist man ziemlich durch.

MM: Seit Anna Badora das Volkstheater leitet, sind Aufführungen immer wieder nahe am Tanz. Etwas, das Ihnen entgegenkommt?

Fasching: Ich genieße das sehr. Ich habe in der Schauspielschule sehr gerne körperlich gespielt, in Bremen hat mir das sehr gefehlt. Ich habe manchmal versucht, es einzubauen, aber das kam nicht so gut an. Hier war „Extremophil“ meine erste Premiere und wir hatten gleich eine richtige Choreografie. In den „Zehn Geboten“ gibt es wiederum ganz freie Tanzgeschichten, ich finde das toll. Endlich wieder richtig sich austoben!

Mit Anja Herden in „Die Zehn Gebote“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Erste Premiere in Wien: In „Extremophil“. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Wie ist denn Ihre Leidenschaft zum Theater entfacht?

Fasching: Ich komme aus Braunau am Inn, und was sieht man dort als Theater? Die großen österreichischen Kabarettisten. Das hat mit 15, 16 angefangen, da habe ich meine ersten Erinnerungen an Abende mit Josef Hader. Der ja an der Grenze zwischen Theater und Kabarett sich bewegt, das hat mich total fasziniert. Wir haben dann Schultheater gespielt, auch in Linz eine Produktion gemacht – das war der Moment! „Andorra“ von Max Frisch, jeden Tag, eine Woche lang. Danach war ich so müde, wie noch nie, aber gleichzeitig dachte ich mir, am Montag könnt’s wieder losgehen. Da dachte ich erstmals: Vielleicht ist das ein Beruf?

MM: Hat Ihre Familie das auch so gesehen?

Fasching: (Er lacht.) Die waren eigentlich ganz cool. Viel später hat mir meine Mutter erzählt, dass sie dachte, das wird eh nix und dann kann er was Richtiges machen. Aber da ich gleich an der Otto-Falckenberg-Schule bestanden habe, war ihnen der Wind aus den Segeln genommen und alle Zweifel beseitigt.

MM: Sie haben den O.E. Hasse-Preis erhalten.

Fasching: Ja, das war für eine Arbeit mit Christiane Pohle, eine performative Inszenierung. Die Jury hat die Inszenierung gesehen, und beschlossen, dass ich den Preis kriegen soll.

MM: Dann Bremen, das Volkstheater ist „erst“ die zweite Station.

Fasching: Ja, das waren aber auch die einzigen Angebote – und natürlich zwei, die man sofort annimmt. Der Weg war vorgegeben. Ich habe Roland Koberg kennengelernt, als wir bei den Festwochen vor zwei Jahren den „Schwejk“ gespielt haben, seither verfolgte ich das Volkstheater, und war immer wieder hier, um mir die Inszenierungen anzusehen. „Lost and Found“ war das erste Stück, das ich hier gesehen habe – und es war einfach nur Wow!

MM: Was treibt Sie als Künstler an?

Fasching: Für mich ist wichtig, was ein Haus sich auf die Fahnen schreibt. Da geht es gar nicht darum, ob das ein das ein prominentes Haus oder eine kleine Bühne ist. Ich finde es toll, dass das Volkstheater ein Anliegen hat, und das auch rüberbringen kann. Hier sieht man, dass sich Humor und Inhalt nicht ausschließen, oder Zugänglichkeit und Inhalt. Das andere ist, wie gut dieses Ensemble ist. Das war in den ersten Wochen ganz eigenartig, weil ich als Fan plötzlich Teil davon war. Das Volkstheater macht Theater für die Stadt, hört hin, was gerade die Fragen und Probleme sind. Es gilt nicht nur, schöne Kunst zu machen, man muss auch eine Haltung haben und die mit Theaterstücken vertreten.

MM: Kieślowski hat ja in Interviews immer beteuert, er sei kein Moralist. Finden Sie, man darf in Zeiten wie diesen ruhig ein Moralist sein? Hat man ein Recht darauf?

Fasching: Man sollte auf jeden Fall Fragen aufwerfen, oder eine Aufmerksamkeit mal auf eine Sache lenken, die nicht so im allgemeinen Bewusstsein ist. Man kann extrem tagespolitisch sein, wie bei der Nestroy-Preisverleihung, oder wie in den „Zehn Geboten“ einen philosophischen Überbau zum Leben an sich bieten.

MM: Was machen Sie, wenn Sie nicht Theater spielen?

Fasching: Musik. Tatsächlich interessiere ich mich für Theatermusik. Damit habe ich schon in Bremen angefangen, ich habe mich an ein paar musikalische Leiter rangeschmissen, dann selber komponiert für ein Stück. Das ist ein schöner Ausgleich. Da kann man sich an einem freien Wochenende in Texten, Liedern und auch Computerprogrammen verlieren.

Mit Birgit Stöger in „Extremophil“. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Da könnten Sie ja eigentlich mal in der Roten Bar auftreten.

Fasching: Wir hatten neulich eine erste Veranstaltung von „Spiel mir das Lied“, da durfte ich zwei Weihnachtslieder interpretieren. Das schätze ich auch als Qualität am Volkstheater, das man so vielseitig sein kann, und das man als das, was man ist und kann, auch gesehen und geschätzt wird.

 

MM: Nach „Die Zehn Gebote“ sieht man Sie in einem Shakespeare.

Fasching: Im März kommt „Viel Lärm um nichts“, Sebastian Schug inszeniert, und ich spiele den Borachio, den Intriganten. Das wird meine erste komödiantische Rolle, zum allerersten Mal Komödienfach. Ich freue mich darauf, weil ich das gerne mag,und noch nie machen durfte. Vielleicht schließt sich da der Kreis zur Einstiegsdroge Josef Hader.

www.volkstheater.at

14. 12. 2017

Theater in der Josefstadt: Wie man Hasen jagt

September 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein vergnüglicher Abend über aberwitziges Fremdgehen

Léontine und Moricet beim Versuch eines Schäferstündchens: Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

Ein triebgesteuertes Chaos ist es, das Regisseur Folke Braband Donnerstagabend auf die Bühne der Josefstadt stellte. Der Erfolgsgarant an den Kammerspielen inszenierte erstmals am großen Haus, und das Ergebnis ist ganz großartig. Gegeben wird Georges Feydeaus Farce „Wie man Hasen jagt“, und Braband erfreut mit seiner inspirierten, präzisen Regie, die für Feydeaus so exakt komponierte Vaudeville-Stücke unerlässlich ist. Tempo und Timing stimmen, die Pointen sitzen punktgenau.

Und wie schön ist es erst, dass Braband mit leichter, aber treffsicherer Hand einen Abend zum feingeistigen Schmunzeln und nicht zum Schenkelklopfen gestaltet hat. Unterstützt in seinen Ideen wird der Regisseur von den hellwachen Josefstadt-Schauspielern, die die hohe Kunst der Komödie aus dem Effeff beherrschen. Allen voran Pauline Knof, Martin Niedermair und Roman Schmelzer.

In seinem Lust-Spiel zerpflückt Feydeau die Unsitten und die Scheinmoral einer besseren Gesellschaft. Gutbürgerlich-zufrieden könnte man sein, doch ach!, all diese saturierten Wohlstandsmenschen sind in ihrem Innersten einsame, seelisch erfrierende Wesen, voller Sehnen nach mehr.

Bei Feydeau sind alle immer auf der Suche nach dem kleinen Glück, am besten vermittels des kleinen Tod. Und so kommt es, dass Monsieur Duchotel vorgibt, regelmäßig aufs Land zu fahren, um zu jagen – angeblich mit seinem Freund Cassagne, während er in Wahrheit in Paris Madame Cassagne als einzigen Hasen weit und breit erlegt. Der Schwindel fliegt natürlich auf, und Duchotels Ehefrau Léontine beschließt sich per Seitensprung mit Hausfreund Moricet zu rächen.

Der stellt der Dame schon lange nach, und soll nun endlich zum Schuss kommen. Wie’s sein muss, treffen einander alle im selben Zimmer in der selben Absteige, inklusive eines Polizeikommissars, der im Auftrag von Cassagne dessen Frau als Ehebrecherin entlarven soll. Verwirrend nur, dass es deren mehrere gibt. Zum Durcheinander tragen bei: ein entlarvender Brief in der Tasche einer Hose, die ungünstiger Weise den Träger wechselt, fertige Fleischpasteten, wo es geschossenes Wild geben müsste, und Duchotels Neffe Gontran, der mit seinem Onkel eine Menge gemein hat, Stichwort: Geliebte …

Wenn in der Hosentasche ein entlarvender Brief steckt, …: Roman Schmelzer als Duchotel mit Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… muss man mitunter sogar zur Waffe greifen: Roman Schmelzer und Pauline Knof. Bild: Erich Reismann

Braband und sein Ensemble haben sichtlich Spaß an der Figurenüberzeichnung, jeder Charakter ist hier eine Type, vom Irrwitz der tumultösen Handlung umzingelt und ergo am Rande des Nervenzusammenbruchs. Je mehr der Abend Fahrt aufnimmt, umso mehr bröckelt die mühsam errichtete Lügenfassade. Die Not ihrer Figuren wird von den Darstellern dabei bitterernst genommen, dies das erste Komödien-Gebot, denn nur so kann Komik entstehen. Man ergeht sich in Versprechen und Versprechern, Hinters-Licht-Führungen und scheut auch vor Quer-übers-Bett-Stunts und Slapstick nicht zurück.

Mit Augenzwinkern ins Publikum und ab und an A-part-Sprechen will man dieses für sich als Komplizen gewinnen. Alles ist hier eindeutig zweideutig. Und für zusätzlich anrüchige Anspielungen sorgen Situationen beim Patronenstopfen und Flinteputzen, und fast so, als hätte der große Louis de Funès für diese Produktion Pate gestanden, erprobt man sich in dessen berühmten Dialog „Nein!“-„Doch!“-„Oh!. Gelungen auch das Bühnenbild von Stephan Dietrich, der als Kontrast zum steril-weißen, Vernunft verströmenden Wohnzimmer der Duchotels auf das sinnliche Bordellrot des Pariser Liebesnests setzt.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die wunderbare Pauline Knof als Léontine. Die hat in ihrer Anstrengung Gleiches mit Gleichem zu vergelten anfangs noch Skrupel, bis die Hüllen endlich fallen. Léontine gelten zweifellos Feydeaus Sympathien, sie ist intelligenter, schneller, entschiedener im Kopf, als die Männer, daher kann sie sie leicht gängeln. Knof stellt das fabelhaft dar. Den betrogenen Betrüger Duchotel gibt Roman Schmelzer als – zumindest anfangs noch – in sich ruhenden Herrn im Haus, als wendigen Seitenspringer, der überzeugt ist, sein Frauchen mit seinem Jägerlatein dumm zu halten. Als sich das Blatt wendet, bleibt ihm nicht mehr als um Gnade zu winseln.

Martin Niedermair gibt den Moricet, dieser ist Arzt und Poet – und damit eine der wenigen Feydeau-Schöpfungen, die einen veritablen Beruf hat, lebt man doch sonst beim französischen Dramatiker eher vom nicht näher definierten Vermögen. Niedermairs Moricet ist ein sympathischer Sehnsüchtler, ein fast naiver Schwerenöter, mutmaßlich mehr verliebt in die Vorstellung einer romantischen Liebe, als in Léontine. Dass der wunderbare Komödiant in heruntergelassenen Hosen beste Figur macht, versteht sich.

Die Gräfin Latour empfängt ihre Gäste, …: Elfriede Schüsseleder mit Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… Polizeikommissar Bridois verhört sie: Alexander Strobele mit Pauline Knof, Martin Niedermair und Jörg Reifmesser und Manuel Waitz als Polizisten. Bild: Erich Reismann

Neben diesem flotten Dreier begeistern: Tobias Reinthaller als Duchotels Neffe Gontran, ein Frechdachs, ein Schlitzohr und Schnorrer, dem die familiären Herzensirrungen und -wirrungen zu einem kleinen Vermögen verhelfen, bezahlt ihn doch jeder ausgiebig für sein Stillschweigen. Holger Schober, als Cassagne ein breiten Wiener Dialekt sprechender Simpel, der den Duchotel’schen Verwicklungen geistig nicht zu folgen vermag, und immer das Falsche zum falschesten Zeitpunkt sagt. Elfriede Schüsseleder als Gräfin Latour, nunmehr Hausmeisterin im Etablissement in Paris, wo sie beschwipst nach dem Rechten sieht.

Schüsseleder gestaltet die Rolle als kleines Glanzstück, ist sie es doch mit der Feydeau „ermahnt“ und aufzeigt, was aus den Untreuen wird (die Gräfin war weiland mit einem Dompteur vom Zirkus durchgebrannt). Alexander Strobele schließlich geht als strenger Polizeikommissar Bridois auf die Pirsch, ist aber ein Ehrenmann, der auch im Bemühen, den Durchblick zu behalten, durchaus über dieses und jenes hinwegsieht. Am Ende ist nicht alles gut, aber auf dem besten Wege dorthin. Geläutert ist freilich niemand, nur gefinkelter geworden im Erfinden von Alibis. Das Publikum dankte für die köstliche Unterhaltung mit großem Applaus.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=6y8RIVwutL4

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  1. 9. 2017