Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017

Festspiele Reichenau: Doderers Dämonen

Juli 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein glänzend gespieltes Gesellschaftsporträt

Johanna Arrouas, Joseph Lorenz, Sascha O.Weis. Bild: Festspiele Reichenau

Die Quapp hält endlich das ihr zugedachte Testament in Händen: Johanna Arrouas mit „Geyrenhoff“ Joseph Lorenz und „Kajetan Schlaggenberg“ Sascha Oskar Weis. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Auch dieses Jahr brachten die Festspiele Reichenau eine großartige Romandramatisierung zur Uraufführung. Nach Doderers „Strudlhofstiege“ 2009 hat sich Autor und Schauspieler Nicolaus Hagg nun mit dessen „Dämonen“ gleichsam eine Art Fortsetzung vorgenommen und versucht das beinah 1400 Seiten starke Meisterwerk auf eine mögliche Essenz zu komprimieren. Die Übung ist gelungen. Haggs Bühnenfassung erzählt stringent und mit kaum mehr als einem Dutzend Figuren die wichtigsten Episoden aus Doderers Großstadtepos.

Er hat die Studien aus dem Huren- und Verbrechermilieu der Brigittenau bewusst gestrichen und sich auf die großbürgerlichen bis aristokratischen Kreise in der Wiener Innenstadt konzentriert. Die Menschen, die Hagg zeigt, sind Kriegsversehrte, vor allem die Männer Gefangene ihrer Welt von gestern, während die Frauen in eine Moderne aufbrechen, im Kopf schon aufgebrochen sind, ohne zu wissen, dass ihnen alsbald der Weg dorthin abgeschnitten werden wird. Und doch ist es, als ahnten diese noch an der Vergangenheit laborierenden Figuren bereits den kommenden, größeren Schrecken. Was hier entworfen wurde, sind keine psychologisch bis ins Detail ausgearbeiteten Einzelbilder, sondern ein umfassendes Gesellschaftsporträt. Es ist, als wollte Hagg eine kollektive Geschichtsgedächtnislücke schließen, über eine Zeit, deren Ursache und Wirkung in den Köpfen gern auf ein Jahrzehnt später verlegt wird. Deren Ungeist in Österreich aber schon viel früher und ohne Einfluss „von außen“ hochkochte und der immer noch köchelt.

Auch mit Augenmerk darauf sind „Doderers Dämonen“ in Reichenau eine wichtige Inszenierung. Vorgenommen von Regisseur Hermann Beil, der mit feiner Hand ein fabelhaftes Ensemble durch dieses fabelhafte Ensemblestück geleitet. Denn die eine Hauptrolle gibt es nicht. Beil zeigt eine Szenenfolge, einen sich rasch drehenden Reigen, aus dem von Hagg mit je unterschiedlicher Temperatur und Temperament vier Handlungsstränge hervorgehoben sind:

Johanna Arrouas, David Oberkogler, Johanna Prosl, Julia Stemberger und Sascha Oskar Weis. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Johanna Arrouas, David Oberkogler, Johanna Prosl, Julia Stemberger und Sascha Oskar Weis. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

André Pohl, Thomas Kamper, Rainer Frieb, Joseph Lorenz. Bild: Festspiele Reichenau

Die Intrige rund um die Quapp fliegt auf: André Pohl, Thomas Kamper, Rainer Frieb und Joseph Lorenz. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Den der Mary K., deren Straßenbahnunfall den Fluchtpunkt der „Strudlhofstiege“ bildet und die nun mit einer Beinprothese zu leben und jenseits aller Standesunterschiede den Arbeiter Leonhard Kakabsa lieben lernt – sie in jeder Hinsicht eine der schönsten Personen, die Doderer je erdacht hat. Den des René Stangeler, 2009 noch von Hagg selbst gespielt, und seiner schwierigen Beziehung zu Mitmenschen im Allgemeinen und der Jüdin Grete Siebenschein im Besonderen. Kajetan Schlaggenberg und seine Schwäche für die „dicken Damen“ – von Hagg nicht eine Sekunde ins Lächerliche gezogen, sondern als Synonym für einen Gemütszustand ernst genommen. Und die Geschichte der „Quapp“, Charlotte Schlaggenberg, rund um die sich ein Krimi um ein unterschlagenes Testament und ein sagenhaftes Vermögen entspinnt. Dies alles festgehalten in der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff.

Er ist, gemeinsam mit Stangeler und Schlaggenberg, ein drittes Alter Ego Doderers. Und das Kreativduo Hagg/Beil veranlasst ihn seine Erinnerungen statt erst 1955 bereits 1945 in einem halbzerstörten Nachkriegskaffeehaus Revue passieren zu lassen. Doderers „Dämonen“ beleuchtet das Jahr 1926/27, die Geschehnisse bis zum Schattendorfer Urteil und zum Justizpalastbrand. Am 30. Jänner 1927 hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs in dem kleinen burgenländischen Ort eine Versammlung abgehalten, die von Mitgliedern der politisch rechten Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreich beschossen wurde. Es gab Tote, darunter ein sechsjähriges Kind. Die Täter wurden von einem Geschworenengericht freigesprochen, was die gewalttätigen Ausschreitungen in Wien zur Folge hatte.

Wie Gespenster der Vergangenheit tauchen nun erst Stimmen, dann die Charaktere aus Geyrenhoffs Gedächtnis auf und beginnen aus einer Distanz von tausend Jahren von Neuem ihr Spiel. In ihren Gesprächen berichten sie von sich und ihrem gewesenen Schicksal; Hagg hat den Tonfall dieser Tage gut getroffen, er mengt leisen Humor unter Doderers Melancholie, lässt seine Figuren zwischen Seelengüte und Sarkasmus changieren, und freilich ist‘s seine Perfidie, dass Hoffnung auf vier Liebeshappyends gemacht wird, und man doch nicht weiß, wie es mit all diesen ans Herz Gewachsenen nach Ende des Abends, nach Ende des Dritten Reichs ausgegangen sein wird. „Doderers Dämonen“ sind Nachrichten aus einer untergegangenen Welt, und in ihr Menschen beim Versuch, das Glück für sich neu zu erfinden. Manche werden scheitern müssen …

Julia Stemberger, Philipp Stix. Bild: Festspiele Reichenau

Mary K. bekennt sich zu ihrer großen Liebe, dem Arbeiter Kakabsa: Julia Stemberger und Philipp Stix. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Die Schauspieler in Reichenau sind wie stets hochkarätig. Und Beil lässt seinen ersten Kräften Raum zum Spielen. Allen voran brilliert Julia Stemberger als Mary K., die sich mit Mut und Mutterwitz nicht von ihrem Lebenswillen abschneiden lässt, egal welche Steine ihr in den Weg geworfen werden. Ihr zur Seite steht Philipp Stix als Leonhard Kakabsa, der prototypische Fall eines romantisierten Arbeiters. Er hat sich selbst ermächtigt, dieser beinah Dostojewski’sche neue Mensch, der sich Latein beibringt und den Weltaltas studiert. Stix ist einer der Sympathieträger im Stück.

Neben David Oberkogler als zwischen Wut und Weichheit schwankender Stangeler, der knurrig die tiefen Gefühle zu verbergen sucht, die er für seine Grete, dargestellt von Karin Kofler, hegt. Der große Peter Matić hat als ihr Vater mit seinen trocken dargebrachten Sagern zur ganzen Angelegenheit die Lacher auf seiner Seite. Sascha Oskar Weis gehorcht als Kajetan Schlaggenberg seiner Obsession für die weiblichen Rundungen; er ist ein Mann mit Herz, auch wenn’s ihm ab und an in die Hose rutscht. Seine Schwester schließlich, die Quapp, gestaltet Johanna Arrouas als emanzipierte Frau, die weiß, was sie will – und sei’s der ungarische Diplomat Geza Orkay (David Jakob). Die Intrige rund um sie veranstalten André Pohl als milder Teufel und Thomas Kamper als ängstlicher Bösewicht, aufgedeckt wird sie von „Wachtmeister“ Rainer Frieb und natürlich Geyrenhoff, dem Joseph Lorenz mit gewohnter Prägnanz Profil und Grandezza verleiht und dem mit der Friederike Ruthmayr von Fanny Stavjanik auch noch eine späte Ehe ins Haus steht.

Doderers „Dämonen“ können in ihrer Bühnenfassung in Reichenau auf ganzer Linie reüssieren. Das ist dem geistreich pointierten Plot ebenso wie dem ihn heiter-skurril umsetzenden Cast zu danken. Die Festspiele zeigen, was sie am besten können, nämlich auf den Konversationston fokussiertes, hervorragendes Schauspielertheater. Hermann Beil hat mit viel Gespür für Hagg/Doderers Sprachmelodien und -färbungen die Figuren durch eben diese Eigenheiten charakterisiert und inszeniert. Mehr ist für die gelungene Aufführung auch nicht nötig. Den zugegeben gewaltigen Rest kann man ja nun im Buch nachlesen, denn nicht zuletzt darauf macht der Abend Lust – Lust auf mehr Doderer.

Nicolaus Hagg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20209

www.festspiele-reichenau.com

Wien, 7. 7. 2016

Festspiele Stockerau: Der Diener zweier Herren

Juni 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Okan Cömert tanzt den Truffaldino

Claudia Waldherr (Columbina), Okan Cömert (Truffaldino). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Columbina hat sich in Truffaldino verguckt, der freut sich über eine Frau mit fixem Einkommen: Claudia Waldherr und Okan Cömert. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Los geht’s bereits, bevor es überhaupt anfängt. Während die Zuschauer auf die Tribünenplätze strömen, tun die Schauspieler eben selbiges auf der Bühne, entschuldigen sich für ihr Zuspätkommen, beginnen sich auf den Abend vorzubereiten. Kostüm und Makeup werden an- und aufgelegt, der Menschheit Würde ist in ihre Hand gegeben, und während die oben noch diskutieren, wie sie ihre Rollen anlegen werden, ist denen unten längst klar … hintergründig.

Intendant Zeno Stanek hat bei den Festspielen Stockerau Goldonis „Diener zweier Herren“ inszeniert, die Textfassung ist von Karl Ferdinand Kratzl und Stanek, und der lässt sein Ensemble dabei Theater auf dem Theater spielen. Diskussionen um den siebenten Zwerg, hier natürlich: Venezianer, inklusive. Christoph F. Krutzler fungiert als Regisseur. Sozusagen. Denn eigentlich ist er auch Brighella, der Wirt zum Goldenen Kirchturm, als Padrone also in zweierlei Hinsicht Brötchengeber. Katharina Stemberger ist sein Star, und la Diva ist angetreten, um unterm Stockerauer Campanile die Beatrice zu geben. Aber, ach!, Goldoni will hier keiner spielen. Denn die Fama macht die Runde, „der Herr Direktor“ säße just heute im Publikum, auf der Suche nach frischen Talenten, und so produziert sich ein jeder auf Teufel komm‘ raus. „Romeo und Julia“ will man zeigen, einige machen sich Hoffnungen auf „Hamlet“, Stechen und Hauen und Lieben und Sterben, doch es wird Comedia dell’arte – uäh. „Wehe einer spielt auf Engagement“, warnt Brighella-Krutzler seine Truppe.

Welch ein Einfall, Goldonis Komödienmeisterwerk in diesen Bühnenrahmen zu packen; der Kunstgriff verdoppelt was immer es an Verwirrung und Verwechslung, Wortwitz und Situationskomik schon gibt, er macht diesen Wirbelwird von einem Stück zum mitreißenden Orkan. Dabei haben Kratzl und Stanek Goldoni tatsächlich nur beim Wort genommen, denn gerade ihr Aus-der-Rolle-Fallen ermöglicht es dessen Lustspielpersonal von Possenreißern zu Charakteren zu avancieren, hinter jeder namentlich festgelegten Stereo-Type steckt hier ein Mensch mit all seinen Sorgen und Nöten, und die sind so zeitgemäß wie zeitlos. Sitten ändern sich selten. Und so kann, während die Musik von Andi Senn und Thomas Berghammer die lazzi mit lässigen Jazztönen begleitet, der großartige Krutzler alle Leiden eines Regisseurs ausleben.

Katharina Stemberger (Beatrice), Horst Heiss (Pantalone), Alexander T.T. Mueller (Dottore), Christoph F. Krutzler (Brighella), Naemi Latzer (Rosa), Tobias Eiselt (Silvio), Claudia Waldherr (Columbina). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Das Auftauchen Beatrices sorgt in Venedig für Aufruhr: Katharina Stemberger, Horst Heiss, Alexander T.T. Mueller, Christoph F. Krutzler, Naemi Latzer, Tobias Eiselt und Claudia Waldherr. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Katharina Stemberger (Beatrice), Horst Heiss (Pantalone), Claudia Waldherr (Columbina), Okan Cömert (Truffaldino). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Truffaldino verstrickt sich immer mehr in seinem Lügengebilde: Katharina Stemberger, Horst Heiss, Claudia Waldherr und Okan Cömert. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Der eine Darsteller hat seinen Text vergessen und braucht den Souffleur, zwei lachen einander aus, im Glauben der jeweils andere und nicht etwa sie selber würden schmieren. Tobias Eiselt prahlt mit seinen Fechtkünsten, obwohl laut Vorlage sein Silvio die Degenführung gar nicht beherrscht. Okan Cömert als Truffaldino bricht inmitten der schönsten Clownerie in den Sein-oder-Nichtsein-Monolog aus. „Nur weil deine Karriere vorbei ist, brauchst du meine nicht zu zerstören“, herrscht ein Jungmime die arrivierte Kollegin Stemberger an. Jedenfalls, das Ganze ist der nackte Wahnsinn. Ein Zirkus, in dem jeder so gut er kann versucht, das Publikum durch Beiseitereden auf seine Seite zu ziehen und zum Komplizen für die ureigenen Interessen zu machen. Und in dem Okan Cömert die Glanznummer ist.

Der Vorjahresabsolvent des Max-Reinhardt-Seminars ist eine Theaterentdeckung. Zuletzt am Volkstheater in Thomas Köcks „Isabelle H.“ zu sehen, kann er nun endlich sein clowneskes Können ausspielen. Und wie. Cömert tanzt und rappt den Truffaldino, er singt, unter anderem Rossinis Figaro-Arie „Largo al factotum“ und halb „My fair Lady“, er schwankt zwischen subversiv und subaltern, und saust so von einem Herrn zu anderem.

Weil der Diener zweier Herren klassenkämpferisch den Kapitalismus für seine Zwecke zu nutzen sucht, muss er nämlich im Rundherum um den Kirchplatz einiges an Kilometern machen. Das ist die Strafe dafür, dass er nach Beatrices auch in die Dienste ihres Geliebten Florindo getreten ist. Florindo wird beschuldigt, deren Bruder Federico Rasponi getötet zu haben, und ist ergo geflohen. Als Mann verkleidet reist ihm Beatrice nach. Ohne dass die beiden Liebenden voneinander wissen, nehmen sie sich im selben Wirtshaus Zimmer. Truffaldino wird zu beider Diener und gerät so in zahlreiche Schwierigkeiten, aus denen er sich nur durch Lügen retten kann. Katastrophe sozusagen komödiantisch vorprogrammiert.

In diesem Setting gibt Horst Heiss einen auf Plateauschuhe gestellten Pantalone, was seine ohnedies schon imposante Erscheinung im Wortsinn noch weiter erhöht. Der Geschäftsmann mit dem dehnbaren Ehrbegriff hatte seine Tochter bereits dem Rasponi zugedacht, nach dessen Ableben verspricht er sie aber dem Silvio. Als nun Beatrice als Federico auftaucht, sitzt er in einer Patsche, für die nicht nur der eifersüchtige und stolze Silvio-Eiselt, sondern auch Alexander T.T. Mueller als dessen Vater Rache fordern. Der paragraphenfeste Dottore weiß sich dabei von Naemi Latzer als raunzig liebende Rosa unterstützt, deren Zofe Columbina wiederum, gespielt von Claudia Waldherr als kunterbuntes Kammerkätzchen, will den Truffaldino ehelichen. Beatrice, die durch Gaunerei zu ihrem Recht kommen will, und ihr schnöseliger Florindo, Daniel Keberle angetan als Ludwig-XIV-Klon, bilden das melodramatische Paar. Mit großer Spielfreude und viel Hang zur Skurrilität gehen die Schauspieler zu Werke. Sie machen Staneks Aufführung zum luftigen Sommerspaß, für den das Publikum schließlich mit viel Jubel und Applaus dankte.

Dass Truffaldino am Ende seinen Willen – und die Frau kriegt, ist klar. Columbina muss ihn nun nicht nur aus-, sondern auch erhalten. So wie Beatrice ihren mittellosen Florindo und Rosa den arbeitsscheuen Silvio. Denn freilich gibt’s ein dreifaches Happy End für die Herren. Vor allem Silvio hat das große Los gezogen. Sein Schwiegervater in spe ist schließlich, so sagt er, der „Kaufmann von Venedig“. Na dann. Ein Bravo allen Beteiligten!

www.festspiele-stockerau.at

Wien, 29. 6. 2016

Festspiele Reichenau: Nicolaus Hagg im Gespräch

Mai 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er dramatisiert Heimito von Doderers „Dämonen“

Nicolaus Hagg: Bild: Sepp Gallauer

Nicolaus Hagg: Bild: Sepp Gallauer

Der Schauspieler und Autor Nicolaus Hagg hat für die Festspiele Reichenau eine Bühnenfassung von Heimito von Doderers Hauptwerk „Die Dämonen“ erarbeitet. Nach der „Strudlhofstiege“ 2009 oder „Anna Karenina“ 2012 ist dies eine weitere Dramatisierung aus seiner Hand. Doderers eng an die „Strudlhofstiege“ anschließender Roman erzählt aus den Jahren 1926/27 in Wien und von einer Clique, den „Unsrigen“, einer besseren Gesellschaft, und ihrem irren Beziehungsgeflecht.

Unter den unzähligen Intrigen die ausladendste, ist die der Charlotte von Schlaggenberg, genannt „Quapp“, die als ungefähr letzte erfährt, dass sie Erbin eines Millionenvermögens ist, das ihr beinahe unterschlagen worden wäre. Das alles wird als Rückblick geschildert, ein Sektionsrat Geyrenhoff erinnert sich in den 1950er-Jahren in einer Chronik an die Geschehnisse. „Doderers Dämonen“ wird am 4. Juli bei den Festspielen Reichenau uraufgeführt. Es inszeniert Hermann Beil. Es spielen Joseph Lorenz den Geyrenhoff, sowie unter anderem Julia Stemberger, Johanna Arrouas, André Pohl, Peter Matić, Rainer Frieb, Thomas Kamper, Sascha Oskar Weis und David Oberkogler. Nicolaus Hagg im Gespräch:

MM: Sie haben die Romandramatisierungen bei den Festspielen Reichenau zu einer eigenen Kunstform erhoben. Was ist der Reiz daran?

Nicolaus Hagg: Diese Romane selbst. Sich in diese Themen und in die Vielfältigkeit der Figuren hineinzutigern. Man hält sich nicht damit auf, eigene Handlungsstränge zu erfinden, sondern man kann sich direkt auf einen Dialog werfen. Man kann sich auf die Reduktion konzentrieren, die die Bühne braucht, ohne sich einen Kopf machen zu müssen, wie es dann weitergeht. Sich im Detail verlieren zu können, das ist der große Reiz daran. Ich erlebe bei diesen Dramatisierungen die Literatur noch einmal intensiver. Ich habe Doderer schon als Pubertierender gelesen und hab‘ mir das alles damals sehr filmisch vorgestellt, nun stelle ich es mir theatralisch vor.

MM: Nun werden Romandramatisierungen von manchen Theaterschaffenden als Modeerscheinung betrachtet. Andererseits sagte kürzlich ein Intendant und Regisseur, er greife zu großen Romanen, weil es zu wenige gute neue Stücke gibt. Wie denken Sie darüber?

Hagg: Ich mache diese Arbeit noch gar nicht so lange, dass ich mich nicht auch als Teil der „Modeerscheinung“ begreifen müsste. Bei Intendanten herrscht halt auch der Glaube, besser ein bekannter Buchtitel als ein ungekanntes Stück. Ich weiß nicht, ob das konkurrieren muss. Es gibt gute neue Stücke und gute Romandramatisierungen. Natürlich gibt es da einen gewissen Wildwuchs, ich habe diesbezüglich Aufträge auch schon zurückgelegt, weil ich das vorgeschlagene Buch für nicht dramatisierbar hielt. Das wird schließlich trotzdem gemacht, funktioniert aber auf einer Bühne nicht, wie ich meine. Dann gibt es unglaublich monströse Bücher, wie die „Dämonen“ von Doderer, wo’s geht. Man kann ihn wie einen Hollywoodfilmautor begreifen, und wenn man auf eines seiner Bücher mit Lust hingreift, wird daraus ein eigenes Stück.

MM: Hollywood, weil er so monumental entwirft?

Hagg: Ja, die Romane sind wie Treatments zu Monumentalschinken. „Die Strudlhofstiege“ oder „Die Dämonen“, dies auch ein Hinweis an den Österreichischen Rundfunk, gehören nicht als Hörspiel ins Radio, sondern als Serie ins Fernsehen. Das ist ein riesiges Stück österreichischer Geschichte, von der wir weit davon entfernt sind, sie aufgearbeitet zu haben. Wie sich dieser Tage politisch zeigt. Das sind Sechzigteiler, da könnte ich ein einheimisches „Downton Abbey“ draus basteln.

MM: Apropos, politisch: Ist Doderer diesbezüglich eine schwierige Liebe? Wie steht es mit den „Dämonen“, die ihn gejagt haben?

Hagg: Für mich ist es keine schwierige Liebe. Das ist schließlich Weltliteratur. Außerdem lache ich zwei, drei Mal pro Seite laut auf, ich finde Formulierungen, die sind so unglaublich toll, das ist schon herrlich. Ich habe für Reichenau ja schon „Die Strudlhofstiege“ gemacht, aber „Die Dämonen“ liest man vier, fünf Mal, und jedes Mal ist es ein anderes Buch. Das ist mir noch nie passiert. Doderer verändert die Menschen, die ihn lesen, er verändert ihre Horizonte. Der Buchhändler in Gloggnitz hat 2009 so viele Exemplare der „Strudlhofstiege“ verkauft, dass ihn der Verlag gefragt hat, ob er damit heizt. Ich hoffe, dass uns nun etwas Ähnliches gelingt. Die bewusstseinserweiternde Droge Doderer sollte man mehr unter die Leute werfen.

MM: Was nun keine wirkliche Antwort auf meine Frage war: Doderer hat „Die Dämonen“ um heikle Passagen erleichtert. Alles, wo’s um „die Reinheit des Blutes“ geht hat er beispielsweise nachträglich gestrichen. Ich habe Rezensionen von 1957 bis 2012 gelesen, es ist interessant, dass ausgerechnet bei diesem Autor die NSDAP-Mitgliedschaft vergeben und vergessen scheint …

Hagg: Er hat Stellen getilgt, ja, heute werden ganze Bücher umgeschrieben, aber nicht von den Autoren, sondern von den Verlagen, weil böse, nicht mehr opportune Worte drinnen vorkommen. Doderer ist 1933 in die NSDAP eingetreten, um überhaupt einmal ein Buch zu verkaufen, 1941 aber wieder ausgetreten. 1941 war das Jahr mit den meisten Eintritten in die NSDAP. Da war der Frankreichfeldzug gewonnen, da war der Hitler-Stalin-Pakt beschlossen, Hitler war ein Superstar, ein unverwundbarer Siegfried der deutschen Geschichte – und Doderer dreht sich um und geht. Da traut sich einer aus dem Verein auszusteigen! Gegen den habe ich politisch nichts. Aus einem sehr nationalen Umfeld kommend, seine Schwester war eine Nazi bis zum Tod, war er nicht einmal ein politisch Suchender. Ich glaube, wir haben genug damit zu tun, uns die Täter dieser Zeit anzuschauen. Wenn wir auch noch die Opportunisten unter die Lupe nehmen, werden wir nie fertig. Vielleicht sollten wir, die glauben, die Vergangenheit zu kennen und aus ihr gelernt zu haben, nicht im Blick zurück verharren. Wir sollten uns die Täter von heute anschauen. Die Täter, die munter und in Scharen durch die blaue Vordertür hereinkommen, während wir immer noch beim braunen Hintertürl hinausschauen.

MM: Doderer hat aus seiner Vergangenheit auch nie ein Hehl gemacht.

Hagg: Ich denke, sein Werk spricht für sich. In den „Dämonen“ ist das große Fanal die Schüsse von Schattendorf und das darauffolgende Urteil und mit ihm einhergehend der Brand des Justizpalastes und seine zig Toten. Wo die junge, die jungfräuliche Republik auf die eigenen Leute hat schießen lassen. Das war der Anfang vom Ende der ersten Republik.  Das heißt, dass unsere Schuld am Tod, am Mord der Republik viel früher beginnt, als die Ausrede des Austrofaschismus und vor allem des Anschlusses, die Ausrede, erst ein von der Dollfuß-Nummer, dann von Hitler überfallenes Land gewesen zu sein, zulassen. Da ist Doderer g’scheiter als andere. Die Kleingeistigkeit der Bevölkerung und der Parteipolitik, die er in ganz vielen Zeilen aufzeigt, auch in den „Wasserfällen von Slunj“, die zerstört das Große. Er, mit dem Blick aufs Große, kann das erkennen. Das ist die wichtige historische Information aus diesem Werk. Und die ist doch sehr früh hingeschrieben dafür, dass man es in Österreich immer noch nicht zur Kenntnis genommen hat.

MM: Kann das kein Zufall sein, dass man in Zeiten wie diesen einen Roman wie diesen in die Hand nimmt?

Hagg: Natürlich. Den Loidolts und mir war nach der „Strudlhofstiege“ immer klar, dass wir auch „Die Dämonen“ machen wollen. Vor eineinhalb Jahren hatten wir das Gefühl, da beginnt etwas sich loszutreten, in Ungarn, aber auch bei uns, an Geschichtsverdrängung, an Radikalisierung, an Lagerbildung, sodass wir sagen: So, jetzt. Wobei mir immer noch leid ist, dass wir „Die Dämonen“, die ja zwei durch den Donaukanal getrennte Romane sind, nicht in der Fülle zeigen können, sondern uns auf den 9. Bezirk beschränken. Das hat vielleicht auch mit einer Reichenau-Tradition zu tun, aber auf die Brigittenau mit ihren noch einmal 30, 40 Figuren, haben wir bei dieser Dramatisierung verzichtet.

"Doderers Dämonen" mit Julia Stemberger, Peter Matic, Joseph Lorenz, Johanna Arrouas und David Oberkogler. Bild: Festspiele Reichenau

„Doderers Dämonen“ mit Julia Stemberger, Peter Matic, Joseph Lorenz, Johanna Arrouas und David Oberkogler. Bild: Festspiele Reichenau

MM: Womit Sie meine nächste Frage schon ansprechen: „Die Unsrigen“ flechten unzählige wilde Intrigenstränge. Was haben Sie daraus gefiltert? Welche Geschichte aus dem Konvolut an Geschichten erzählen Sie uns?

Hagg: In erster Linie die Geschichte der Charlotte von Schlaggenberg. Die „Quapp“-Geschichte ist der dramaturgische rote Faden. Dazu die drei Männer: Geyrenhoff, als Chronist eigentlich die langweiligste, oder besser gesagt: schwierigste Figur, weil er so untheatralisch ist, aber an ihm interessiert mich sein Kriegstrauma. Schlaggenberg und die Fantasie der „Dicken Damen“, die ich sehr ernst genommen habe als große Sehnsucht nach einer Mütterlichkeit. Und Stangeler, der ebenfalls mit versehrter Seele aus dem Krieg zurückkommt. Bei den beiden anderen Männern lässt Doderer es nur erahnen, sie haben im Roman nur kurz Platz, darüber zu sprechen, aber bei Stangeler ist das Trauma sein Grundmotiv. Und es wird von außen überwunden werden – durch eine großartige Frau, die an ihn glaubt. Er kathartisiert sich im Roman über 60 Seiten. Dafür, glaube ich, ist der ganze Roman geschrieben. Darin liegt Doderers ganze erruptive Gestaltungskraft.

MM: Die sich aus seinem eigenen Kriegstrauma speist?

Hagg: Er war jung im Ersten Weltkrieg, dann in Sibirien in russischer Kriegsgefangenschaft, hat grauenhafte Dinge erlebt, und ist zu Fuß von dort nach Haus gegangen. Er hat jahrelang nichts anderes gesehen, als den Tod. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Sein Werk liest sich wie eine Fortsetzung dieser Erlebnisse.

MM: Sie haben in der „Strudlhofstiege“ den Stangeler noch selbst gespielt. Jetzt nicht?

Hagg: Nein. Es hat Vor- und Nachteile im eigenen Stück zu spielen. Damals, mit Maria Happel als Regisseurin, ging das gut. Die hatte so irre Ideen, dass sie mich völlig vergessen ließ, dass der Text einmal von mir war, weil ohnedies was ganz anderes daraus entstanden ist. Diesmal wollte ich nicht dabei sein, weil mir der Text zu nahe ist. David Oberkogler ist mein „Nachfolger“ als Stangeler … Er wird das besser machen, als ich es gekonnt hätte. Ich habe ehrlich gesagt schon beim Schreiben an ihn gedacht, weil er diese verzweifelte Streitlust, diesen akademischen Wissendurst, die Wut des Stangeler, aber auch seine Weichheit, seine Tiefe sehr repräsentiert. Da gibt es Sätze … die stehen schon dort, weil ich gewusst habe, dass sie der Oberkogler sprechen wird, die könnte ich gar nicht sagen.

MM: Das klingt, als ob Sie in Produktionsfragen gefragt sind?

Hagg: Das klingt nach einer Liebeserklärung an David Oberkogler. Aber, ja, natürlich spricht man über Besetzungen. Und wenn alles erst im Entstehen ist, ich aber schon weiß, wohin eine Figur geht, ist es gut, ein Gesicht dazu zu haben. Ansonsten gehe ich nicht einmal auf Leseproben. Ich rauche nicht mehr. Was soll ich tun, wenn ich mich aufrege? (Er lacht.)

MM: Können Sie also gut Kindsweglegung betreiben? Manchen Dramatikern muss man die Stücke ja beinah aus den Händen stemmen.

Hagg: Ja! Ich habe wirklich schon nervöse Ausschläge bekommen, wenn ich ein Stück abgegeben habe. Diesmal habe ich gesagt, ich kann nicht dabei sein, weil ich ein echtes kleines Kind habe. Ich hatte mit Regisseur Hermann Beil davor sehr schöne Gespräche, bei ihm wird alles in besten Händen sein. Außerdem bin ich selber in recht intensiven Proben.

MM: Sie selber spielen in Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“. Es inszeniert Helmut Wiesner, Sie sind …

Hagg: … der Wirt. Wir proben seit Mitte Mai, mit einem toll vorbereiteten Miguel Herz-Kestranek als Nebel, der vorne am Bug steht und weit daher leuchtet. Marcello de Nardo, frisch aus den USA zurück, wo er das Theater, glaube ich, sehr vermisst hat, spielt mit viel Elan den Marchese Vincelli. Ich selber stehe am dritten Mast und schau‘, dass ich auch einmal ein Segel aufziehe. Der Wirt ist eine hübsche kleine Rolle, ich hoffe, dass es gut wird.

MM: Abgesehen davon, dass es kleine Rollen ja nicht gibt, haben Sie also beschlossen den Reichenau-Aufenthalt diesmal zur Sommerfrische zu nutzen, und das schwere Gepäck bei anderen abzustellen?

Hagg: Ich hoffe, dass das schwere Gepäck auch leicht daherkommen wird. Denn auch „Die Dämonen“ haben etwas Komödienhaftes. Soweit Komödie in Österreich überhaupt entstehen kann. Wir haben mehr Talent für die politische Posse, für die Satire, für die Lyrik. Obwohl: Es gibt auch einen Thomas Bernhard der immer Komödien geschrieben hat. Oder Wolfgang Bauer, in dessen „Magic Afternoon“ beispielsweise sich tatsächlich die Gesellschaft spiegelt, obwohl es komödienhaft daher kommt. Aber sonst sind wir mit Komödien nicht sehr gesegnet. Aber wir haben eine große Erzählertradition in Österreich. Joseph Roth würde ich furchtbar gern machen, oder Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ noch einmal dramatisieren, auch Doderers „Die Wasserfälle von Slunj“. Und vielleicht einen eigenen Prosatext schreiben, einmal – oder bald. Aber in Reichenau, da haben Sie schon recht, ist Sommer angesagt. Wir wohnen dort seit sieben Jahren an einem märchenhaften Platz, in einem alten großen Haus aus der Zeit um 1800. Unten fließt die Schwarza vorbei, da gehe ich mit meinen Söhnen Wasserrutschen auf Autoreifen. Es gibt Momente, an denen ich mich tatsächlich im Jänner schon nach Reichenau träume und sehne.

Nicolaus Hagg in der Volksopern-Erfolgsproduktion "Der Kongress tanzt": Als Finanzminister mit "Fürstin" Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Nicolaus Hagg in der Volksopern-Erfolgsproduktion „Der Kongress tanzt“: Als Finanzminister mit „Fürstin“ Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

MM: Und danach der eigene Roman. Wollen Sie sich aufs Schreiben fokussieren? Was sind Ihre nächsten Pläne?

Hagg: Was Reichenau betrifft, bereiten wir schon etwas Neues für 2018 vor. Ich kann nichts verraten, nur so viel: Die Festspiele wollen sich in der Zeit weiter vorwärts bewegen und mit den Stücken näher an das Jahr 1938 heranrücken, was mir sehr entgegenkommt, weil das eine Welt ist, die ich schreibend nun gut kennengelernt habe. Dann bin ich ja an der Volksoper engagiert, spiele wieder „Anatevka“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19898), „The Sound of Music“ und „Der Kongress tanzt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17709). Für diese Möglichkeit bin ich sehr dankbar, weil ich das Haus sehr liebe, weil das Klima rund um Robert Meyer toll ist, und weil ich ein bisserl auf dem Bankerl sitzen und die Aussicht genießen kann. Ich habe ein heimatliches Gefühl, wenn ich an die Volksoper denke, ich verbinde mit ihr ja auch eine persönliche Liebe. Aber die Schreiberei ist schon eine große Sehnsucht. Da möchte ich schon noch so manches erzählen. Egal in welcher Form. Ich bin in einem Alter, wo ich das eine noch nicht loslassen kann und das andere nicht mehr missen möchte. Die fixe Verpflichtung an der Volksoper ermöglicht mir, innezuhalten und nachzuschauen, wohin der Weg mich führen wird. Also, ein eigener längerer Prosatext, ja, mal schauen … Allerdings ist dann die Gefahr, dass einer daherkommt und ihn dramatisiert. (Er lacht.)

www.festspiele-reichenau.com

Wien, 24. 5. 2016