Theater zum Fürchten: Tea & Sympathy

Oktober 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandwiches, Scones und spleenige Satire

Queen Victoria und ihre geliebten Briten: Florian Lebek, Lotte Loebenstein, Jacqueline Rehak und Matti Melchinger. Bild: Bettina Frenzel

Bevor Großbritannien sich endgültig aus Europa brexit und ganz seiner Splendid Isolation hingibt, lässt Theater-zum-Fürchten-Prinzipal Bruno Max das Vereinigte Königreich noch einmal ordentlich hochleben. „Tea & Sympathy“ heißt die diesjährige Dinnerproduktion, die nun am Wiener Spielort, der Scala, Premiere hatte, und die das Publikum zu Sandwiches und Scones und natürlich der Inselbewohner innig geliebtes Aufgussgetränk in einen Original Tea Room einlädt.

Der heiße Blättersud ist sozusagen Leitmotiv des Abends, erläutert werden unter anderem die Fragen, wie der Tee nach England kam, und die nach der richtigen Zubereitung. Dazu gibt es Zehn Gebote vom British Institute for Tea and Infusions – und das gibt es tatsächlich. Zwei Mal hinhören und hinschauen muss man bei diesem Defilee von Exzentrikern, Dandys und Blaustrümpfen, von Butlern, Punks und Blaublütern nämlich, um festzustellen, wer spleenige Idee exzellenter Satiriker ist und welcher schrullige Zeitgenosse wirklich einmal existiert hat.

Vorweg: Die von Dame Edith Sitwell, selber „Staatengründerin“ und Verfasserin abstrakter Gedichte, mittels Abhandlung festgehalten Aristokraten haben ihre Abenteuer erlebt. Vom Bären-Zureiten bis zum Tauchen bis zur Ohnmacht, vom Alienforscher bis zum Anti-Auto-Parteivorsitzenden. Die großartige Lotte Loebenstein leiht der originellen historischen Gestalt ihre Stimme, und wird sich später als Queen Victoria darüber wundern, dass ihr „Butler“ Jörg Stelling bewusst macht, dass Englands Stil und Glanz aus fremden, blutig niedergeworfenen und kolonialisierten Ländern kommt. Keine Bruno-Max-Inszenierung ohne Gesellschaftskritik.

Nach Dame Edith Sitwell zählt Jörg Stelling die „Britischen Exzentriker“ auf. Bild: Bettina Frenzel

Florian Lebek und Christina Saginth in Monty Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“-Sketch. Bild: Bettina Frenzel

Neben dem Königshaus, fabelhaft „The Four Georges“ als erste Boygroup, kommen auch Samuel Pepys aus seinen Tagebüchern von 1662, ein Lord Clarendon und die New Yorker Kunstfigur Lord Whimsy mit ihrer Furcht vor dem Casual Friday zu Wort. George Bernard Shaw, James Whistler und Oscar Wilde treten auf, da wird’s brilliantly witty, ein Lieblingswort, weil es im Deutschen keines gibt, dass Intellekt so eng an Irrwitz knüpft, Lewis Carroll, dessen „Mad Tea Party“ aus „Alice im Wunderland“ herrlich interpretiert wird, wird mit seiner Vorliebe für Fotos nackter Kinder vorgeführt, George Orwell darf weniger verfänglich über „A Nice Cup Of Tea“ sinnieren.

Stets trifft in dieser Aufführung Understatement auf Stiff Upper Lip, besonders in Monthy Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“, weniger im „Dreckige Gabel Sketch“, ersterer von Florian Lebek und Christina Saginth aufs Feinste dargeboten, während Jacqueline Rehak gekonnt an Loriots – der grandiose Humorist hat als einziger Ausländer seinen Auftritt – „Zwei Cousinen“ scheitert. Sie wissen schon: „Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham …“

Mit Johanna Rehm, RRemi Brandner, Christoph Prückner und Matti Melchinger schlüpft das spielfreudige Ensemble von Figur zu Figur, aus Kostüm in Kostüm. Das britische Fernsehen wird ebenso veralbert, wie der Naked Gardening Day. Und auch, dass Punk nicht tot ist, wird eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wie der Abend, mit Frizz Fischer am Klavier, musikalisch überhaupt top ist. Man singt Buchanans „Everybody Stops For Tea“ bis Youmans‘ und Caesars Evergreen „Tea For Two“, klampft The Who – und wandelt den großen Queen-Hit kurzerhand in „I Want To Drink Tea“ um.

Die Mad Tea Party aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“: Christoph Prückner, Jacqueline Rehak und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

In all dem Jubel, Trubel, Heiterkeit vergisst Bruno Max den schwelenden Zeitgeist nicht. Der von ihm ins Programm genommene Text „Brexit?“ des derzeit erfolgreichsten irischen Comedy-Trios „Foil, Arms and Hog“ alias Sean Finnegan, Conor McKenna und Sean Flanagan gehört zum Bösesten der Kleinkunstbranche, und bei den Originalstatements aus Politikerinterviews zieht es einem sowieso die Schuhe von den Füßen.

Derart Wendehälsisches ist auch hierzulande nicht unbekannt. Was die staatsführerische Zukunft betrifft, kann man’s also nur very british machen: Abwarten und Tee trinken.

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  1. 10. 2018

Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

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  1. 2. 2018

Theater zum Fürchten: Cena Claudiana

April 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei Bruno Max geht’s zu wie im alten Rom

Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer (M.) lädt als Kaiser Claudius zur Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Giftige Pilze gibt es am Ende nur für Claudius, für das Publikum stattdessen Ente in Fischsauce, pikante lukanische Wurst und einen luxuriös mit Garum gewürzten Bohneneintopf. Das Theater zum Fürchten lädt zur diesjährigen Dinner- theaterproduktion, der insgesamt neunten, und diesmal entführt Prinzipal Bruno Max ins antike Rom.

„Cena Claudiana“, das letzte Gastmahl des Kaiser Claudius, heißt die erfolgreiche Aufführung, die nach einer ausverkauften Spielserie am Stadttheater Mödling nun in der Wiener Scala Station macht. Nach Motiven aus Robert Ranke-Graves‘ 1100-Seiten-Roman „Ich, Claudius – Kaiser und Gott“ wird die Geschichte der vier ersten Kaiser Roms erzählt, der Nachfolger Julius Cäsars, Augustus, Tiberius, Caligula und Claudius.

Und wie die erzählt wird. Bei Bruno Max julisch-claudischer Familienaufstellung geht’s zu wie im alten Rom. Mit mehr Sex & Crime als eine Fernsehserie füllen könnte, wiewohl es die weiland mit Derek Jacobi, John Hurt und Patrick Stewart natürlich gegeben hat. So viele Seiten das Buch, so viele widersprüchliche Charakterzüge werden von Claudius überliefert. Der Mann, der, was ihm unter Zeitgenossen durchaus zum Vorwurf gemacht wurde, ausschließlich Frauen liebte, umsichtig und klug regierte und beinah moderne Gesetze erließ, der ein Herz für Sklaven hatte, Freigelassene an die wichtigsten Positionen seines Reiches setzte, Britannien eroberte, stotterte, hinkte, mit dem Kopf zuckte, ein debiler Krüppel, der mit Begeisterung der Folter und Hinrichtung seiner Feinde beiwohnte, verwahrlost, ignorant, böswillig, ein Gelehrter, der maßgebliche historische Schriften verfasste, und der posthum von Seneca in der „Apocolocyntosis“, der Verkürbissung des Divus Claudius, einer der boshaftesten Satiren, die je auf einen Herrscher geschrieben worden ist, verspottet wurde. Bruno Max entschied sich, seinen Claudius zum Sympathiemenschen zu machen.

Eliot Bolch und Franz Weichenberger: Bild: Bettina Frenzel

Kind Claudius, Eliot Bolch, mit Franz Weichenberger als Großvater Kaiser Augustus: Bild: Bettina Frenzel

Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Caligula verspottet die sterbende Livia: Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer schlüpft in die Rolle des Claudius. Er ruft die Zuschauer aus einer fernen Zukunft als Zeugen an, will ihnen seine Version der Historie näherbringen, tatsächlich schrieb Claudius eine achtbändige Autobiografie, die verschollen ist, und so der Nachwelt ein Vermächtnis hinterlassen, das ihn ins rechte Licht rückt: Der wegen seiner körperlichen Behinderung ungeliebte Sohn und Enkel, den es auf den Kaiserthron quasi gespült hat, obwohl er im Innersten überzeugter Anhänger der Republik war. Dafür hat Bühnenraumverzauberer Marcus Ganser die Domus Augustana für all die gezeigten Intrigen und Interessenskonflikte nacherfunden, einen Spiel-Platz, der mit beinah einem Dutzend Podesten von der Palatinvilla bis zur Gladiatorenkampfarena alles sein kann, mittendrin eine Liegestatt und mitten im Geschehen wie stets bei diesen Abenden das Publikum, immer aufmerksam, um gezückten Schwertern und im Zorn geschleuderten Schriftrollen auszuweichen. Welch ein Spektakel, diese spannenden und schwarzhumorigen Geschichtsstunden, mehr als drei sind es, denn es gibt schließlich eine Menge zu berichten. Kammerer wechselt von der Erzählerposition in die Spielhandlung und retour, in einzelnen Episoden erklärt er, was anno 10 vor bis 54 nach Christus geschah.

Dreizehn Erwachsene und vier Kinder als Schauspieler gestalten mit ihm die Vornehmen des Imperiums. Das vorzügliche Ensemble wird angeführt von Bettina Soriat als Augustus-Gattin und Claudius‘ Großmutter Livia und Randolf Destaller als Claudius‘ Neffe und Amtsvorgänger Caligula. Erstere eine begnadet bösartige Alte, die Spielmacherin, die bis zu ihrem Ableben die Fäden in der Familie in der Hand hat, über Abfall von der Gnade und Verbannung und damit gleichsam über Leben und Tod bestimmt. Eine gruselige, großartige Leistung, die auch zur Lieblingsszene der Aufführung führt: Livia und die Giftmischerin Martina beim Fachsimpeln über unheilsame Kräuter. Zweiterer ein aalglatter, blondgelockter Schönling, der’s mit jedem und jeder tut, heißt vor allem mit Tiberius, wenn es seinen Allmachtsfantasien dient. Bis ihn der Wahnsinn ereilt. Wie er über der sterbenden Livia triumphiert, „überrascht“ und gerührt die Kaiserwürde entgegennimmt, nur um sich später zu Gott Zeus zu erklären – Destaller spielt das mit einem Understatement, mit einer Elegance, die bestechend ist.

Benjamin Ulbrich changiert zwischen der Lichtgestalt Drusus, Claudius‘ Vater, und dem machtgierigen Gardepräfekt Sejanus, der seiner eigenen Verschwörung zum Opfer fällt. Franz Weichenberger ist ein honoriger Augustus, der seine Kinder an sein Herz zieht und danach auf öden Inseln aussetzt, Christian Kainradl ein zunehmend der Last der Verantwortung überdrüssiger Tiberius, Thomas Marchart der von der Verwandtschaft verratene Augustus-Enkel Postumus. Manuel Dragan spielt einen besonnenen Ratgeber Herodes Agrippa, den späteren König von Judäa und Samarien, der gemeinsam mit Claudius erzogen wurde und einer seiner engsten Freunde und Vertrauten war. Neben Livia sind auch die übrigen Frauen mit Marion Rottenhofer als moralisch fast einwandfreier Claudius-Mutter Antonia, Samatha Steppan als Schwammerlaussucherin Agrippina und Carina Thesak als Caligulas inzestuös geliebte Schwester Drusilla die eigentlichen Kaisermacher.

Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Augustus verbannt seine Tochter: Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich: Hier endet die Sejanische Verschwörung. Bild: Bettina Frenzel

Nicht alles, was Ranke-Graves so vor sich hin schildert, hat historisch Bestand, auch ist seine Veröffentlichung aus dem Jahr 1934 in vielen Teilen wissenschaftlich überholt und korrigiert, aber Spaß muss sein. Und für den sorgen in der Scala Jörg Stelling als griechischer Wahrsager, Christoph Prückner als syrische Giftmischerin und der wunderbare Günter Tolar als Sklave Praxis, der sich nicht nur um das Wohlergehen der jeweiligen Kaiser, sondern auch um das der Gäste kümmert, auf dass der Gewürzwein im Becher nicht versiegen möge!, und nicht zuletzt deshalb eindringlich zum Latrinenbesuch in der Pause aufruft.

Zum Schluss wird er als Tourist Guide durch den Palast führen und wissen, dass die Geschichte nach Claudius mit dem seltsamen Sterben seines Sohnes Britannicus und also Stiefsohn Nero als Nachfolger keine bessere Wendung nahm. Entzückend sind die Kinderdarsteller als jugendliche Alter Egos, allen voran Enya Zechner, dem als Kind Claudius die schwere Aufgabe zufällt, dessen Ticks zu gestalten.

So ergeht sich der Stamm mit den zwei Sorten Früchten, den bitteren und den süßen, in der gegenseitigen Schändung und Abschlachtung, Verbündete sind rar, Schmeichler und Spitzel überall, und Thronanwärter sterben schnell. „Spiel‘ so lang du kannst den Idioten.“ Das ist der Rat, den Claudius mehrmals in seinem Leben hört. Er macht ihn zu seiner Überlebensstrategie, laviert sich durch zwischen Geistererscheinungen und grausiger Zauberei, in einer Welt, in der die Frage „Besorgst du es mir?“ entweder Liebe machen oder Gift herbeischaffen meint. „Rom hat dich verdient“, sagen die Prätorianer schließlich, als sie ihm als letztem Verbliebenen der Sippe mehr zum Jux die höchste Würde antragen. Und nach jüngsten Erkenntnissen dürfte dies tatsächlich ein Glück für die ewige Stadt gewesen sein. Verdient lässt ihn ergo Bruno Max einen gnädigeren Gifttod sterben als Zeitzeugen berichten. „Cena Claudiana“ ist einmal mehr ein gelungener Theaterabend für alle Sinne. Und wie jedes Jahr wurde er vom Publikum als Höhepunkt der Scala-Saison mit großem Applaus bedankt. Man darf gespannt sein, was sich das Theater zum Fürchten für die nächste Spielzeit ausdenken wird.

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Wien, 24. 4. 2016

Theater zum Fürchten: Othello

Januar 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gegen die gängigen Klischees gespielt

Alexander Rossi, Tino Führer, Roman Binder, Selina Ströbele, Christina Saginth (v.l.n.r.) Bild: Bettina Frenzel

Alexander Rossi, Tino Führer, Roman Binder, Selina Ströbele und Christina Saginth (v.l.n.r.)
Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max kann auf seiner Shakespeare-To-Do-Liste ein weiteres Projekt als erfolgreich abgeschlossen abhaken: „Othello“. Das Theater zum Fürchten zeigt die Tragödie des „Mohren von Venedig“ nach dem Stadttheater Mödling nun in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Und wie von Bruno Max und seiner Truppe nicht anders zu erwarten, bricht man mit den gängigen Klischees über den afrikanischen General.

Was über weite Strecken dem Spiel von Tino Führer zuzuschreiben ist, der sich als Glücksfall für die Rolle und das Theater erweist. Der Hamburger Schauspieler ist zwar optisch ein wahrer schwarzer Feldherr, hat es aber dank seiner darstellerischen Kompetenz – und der Max’schen Regie – nicht nötig, „wüst“ oder „wild“ zu sein – was hat man nicht schon alles an zähnefletschenden und augenrollenden mehr oder weniger „edlen Wilden“ gesehen -, sondern er gestaltet einfach und sensibel das Leid eines Liebenden jenseits aller Fragen nach Hautfarbe und Herkunft. Die Klischees und Vorurteile, mit denen die anderen Figuren argumentieren, spielt Führer schlicht nicht. Mit Othellos „Rasse“ haben hier nur die Rassisten ein Problem; er selbst sieht sich nicht als Fremden, bis er immer wieder daraufhin gewiesen wird, dass er einer ist. Dann aber läuft „der Neger“ Amok, was wiederum die vorgefassten Meinungen bestätigt. Ein starkes Statement zur Zeit.

Die Handlung ist ebenfalls in die Gegenwart verlegt. Der Doge, Jörg Stelling, beruft seine Mannen in eine computergesteuerte Kommandozentrale ein, einen War Room, auf dessen Monitoren die Warnung DefCon 3 blinkt. Zypern ist eine Insel im Kriegszustand, die Bilder sind wie aus dem besetzten Bagdad, das Hauptquartier der Besatzungsmacht ist die mit Stacheldraht und Suchscheinwerfern und Scharfschützen gesicherte Green Zone. Man trägt Tarnfarbe Dessert, Klara Steinhausers Bianca ist Soldatin, Randolf Destallers Rodrigo verkleidet sich mit Fotoapparat als Embedded Journalist. Das alles geht gewaltfrei, ohne den britischen Barden in ein unsinniges Neu zu nötigen, wiewohl die Herren Schlegel-Baudissin-Tieck immer wieder schlüssig unterbrochen werden. Und wenn einmal zum Ruf, ein Schiff lege an, Hubschraubergeräusche zu hören sind, dann ist auch das charmant. Othello ist halt im Hafen in den Heli umgestiegen.

Diesen gibt Führer als selbstbewussten, professionellen Militär. Sein Othello ist ein Pragmatiker, selbst noch als Mörder und Selbstmörder. Souverän kann der Spezialist für heikle Einsätze über die Alltagsrassismen seiner Umgebung hinweghören, auch dass er als „Heid‘ und Sklav'“ bei Brabantio nicht vom gern gesehenen Gast zum gern gesehenen Schwiegersohn avancieren konnte, versucht er mit einer versöhnend hingestreckten Hand auszugleichen. Er hat sich nur einer Untat schuldig gemacht: Er will Liebe machen, statt Krieg treiben. Bierdosen gehen in der Runde, die Betten werden bereitet. Selten zuvor haben Inszenierungen so deutlich dargelegt, dass es dem Zypern-Kommando eklatant an Disziplin und Moral mangelt.

Was Jagos Plänen sehr entgegen kommt. Alexander Rossi brilliert in dieser Rolle; er ist der Spielmacher des Abends. Gemeinsam mit Georg Kusztrichs Brabantio vertritt er die zwei Gesichter von Xenophobie: der Senator die ängstliche gegenüber dem, was ihm andersartig scheint, der bei der Beförderung übergangene Fähnrich die aggressive, diese Ängste weiter schürende. Rossi spielt nicht den „Schurken“, sein Jago ist ein einwandfreier, schmieriger Intrigant, ein Meister der Zwischentöne, ein gewiefter Taktiker, der anderen seine Meinungen ins Hirn pflanzt, ohne dass sie es recht merken. Eine gelungene – ebenfalls klischeefrei aktuelle – Interpretation dieser Figur.

Roman Binder darf als Cassio der gute Mensch, der Held der Geschichte sein, eine leichte Übung für den Schauspieler, der schon als Person so sympathisch rüberkommt. Dass hier die Bianca aber weder Kurtisane, noch „Äffchen“ ist, kratzt doch an seinem rechtschaffenen Image. Noch eine von Bruno Max in dieses Schwarzweiß-Spiel eingefügte Grauschattierung. In diesem Sinne deutet auch Christina Saginth Jagos Ehefrau Emilia: als enttäuscht und verletzt über die abgekühlte Leidenschaft ihres Mannes, als loyal bis zum äußersten, aber als es dazu kommt, als reine Seele, die – wenn auch zu spät – das Richtige tut. Hat man Emilia auch schon als Mitintrigantin gesehen, diese hier ist es definitiv nicht. Selina Ströbele ist als Desdemona ein Society-Girlie ohne Falsch und Arg, zu kindlich, um die Veränderungen, die um sie stattfinden zu begreifen. Als ihr Multikultiglück platzt, legt sie sich fast wie ein Opferlamm auf die Schlachtbank.

Und der „Mohr“? Will an seinem Ende nur noch eines, und das ist epochenübergreifend gültig: Gesehen werden, als das, was er ist. Ohne, dass die Patriotrischen Europäer etwas skandalisieren oder die Willkommenskulturschaffenden etwas schönreden. Mehr kann man über „Othello“ dieser Tage nicht sagen.

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Wien, 10. 1. 2016

Theater zum Fürchten: Diese Bretter sollen brennen!

September 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Theaterarzt ist nur einen Lacher entfernt

Loriots "An der Opernkasse": Julian Schneider, Jörg Stelling, Gabi Stomprowski, Bernie Feit und Hermann J. Kogler Bild: Bettina Frenzel

Loriots „An der Opernkasse“: Julian Schneider, Jörg Stelling, Gabi Stomprowski, Bernie Feit und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

„Wie legen Sie ihn an?“ – „Hintergründig.“ Es darf an diesem Abend auch der vierte Zwerg nicht fehlen. Helmut Qualtingers „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben …“ ist einer der Texte, die Bruno Max und Marcus Ganser für ihre Revue „Diese Bretter sollen brennen!“ rausgesucht haben. Hassgesänge und Liebeslieder auf das Theater aus zweitausendfünfhundert Jahren, die das Theater zum Fürchten nun an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, zum Besten gibt. Zum Allerbesten.

Herr Prinzipal und sein Leib- und Magenregisseur präsentieren ein Panoptikum der Bühnenverrückten. Die Diva und die Rampensau, die Selbstdarsteller und die Entleiber, im Unterschied zu denen, die über Leichen gehen, selbst wenn das Stück keine vorschreibt, die Autoenthusiasten und die Publikumslieblinge. Große Satiregaranten und Berufszyniker wie Erich Kästner, Thomas „Was hier, in dieser muffigen Atmosphäre?“ Bernhard und Daniil Charms verschaffen sich gewaltig Theaterluft, aber auch köstliche Kleindarsteller ballen ohnmächtig die unterbeschäftigten Fäuste. Dargeboten werden Wahrheit und inszenierter Wahnsinn, die Qualen der Quälgeister, die Nöte der Nutzlosen, Kämpfe, Krämpfe, die ganz großen Gefühle sowieso, sowie Bestechungsversuche beim Beleuchter. Wenn’s Zwerchfell reißt, ist das Programm. Der Theaterarzt ist nur einen Lacher entfernt.

Ganser und Max gelingt naturgemäß viel mehr als dramaturgische Nummernreihung, sie verknüpfen die Nummern zu einem Reigen, „Putting it Together“ à la Stephen Sondheim. Den Reigen haben sie ganz reizend verwienerischt, er hat seine schönsten Momente, wenn die Schauspieler vermeintlich etwas von sich erzählen. Ach, das liebt man als Publikum, diesen Schlüssellochblick in die Kulissen. Auch wenn die Gaukler einem was vorgaukeln, ist der frische Wind ums Auge doch die Bindehaut, an der sich die Begeisterung fürs Dramatische entzündet. So darf Irene Halenka im heimischen Seewinkel vom Schauspielerdasein träumen, doch auch ein Besuch von Mr. Karps Method-Acting-Kurs brachte sie nicht in Marvin Hamlischs „Chorus Line“. Klara Steinhauser versucht mit ihrer beeindruckenden Musicalstimme die Klippen eines Vorsingens zu umschiffen. Laut Jason Robert Brown tut sie das schon „Die letzten fünf Jahre“ und glaubt: „Es geht was voran!“ Leider wird der Spagat, den der Beruf einem oft ab-, hier tatsächlich verlangt. Ja, in dieser Produktion wird sich auch körperlich nicht geschont. Und (fast) keine Kosten gescheut. Für Monty Python’s Tortenwurf- und Brett-vorm-Kopf-Szenen wurde mit Kathleer Bauer sogar eine Choreografin verpflichtet.

Gabi Stomprowski fragt sich zwar mit Eric Idle „Was ist mit meiner Rolle los?“, weiß aber, dass es keine schlechten, sondern nur schlechtes Licht gibt. Als Vollblut kann sie schließlich auch aus einer Ein-Satz-Rolle alles und zwar wirklich alles raus holen. Und sollte man hier nicht verstehen sie schätzen zu wissen, wirft sie trotzig den Kopf zurück, dann eben Deutschland. Bitte keine gefährlichen Drohungen. Was „die Piefke“ dem Theaterbetrieb mit ihrer Betriebsamkeit angetan haben, erklärt niemand besser als Jörg „Maria“ Schelling mit Ephraim Kishon. Seit 38 Jahren die Stütze des Hauses – an dieser Stelle leichtes Oskar-Werner-Näseln mitdenken – lässt sich der Kammerschauspieler von einem Deutschen mit Doppelnamen doch kein X für ein U, nicht wahr, schließlich wäre auch Gert Voss kein Gegner, nicht wahr. Julian Schneider stimmt das „Lamento für einen jungen Schauspieler“ an.

Die Zunft nimmt sich auch an den Randzonen herzerwärmend unernst. Theaterleiter und Theaterkritiker werden, letztere von Mel Brooks, als ebenbürtig ahnungslos enttarnt. Das Publikum weiß nach Loriot nicht, was es will, aber das will es unbedingt. Billeteurinnen wissen, was sie wollen, kriegen’s aber nicht. Einzig die seltsame Spezies der Bühnenportiere entgeht hier der E-Loge. Dabei hat man noch keinen kennengelernt, der nicht Herr übers Haus war. Hermann J. Kogler ist als „Der Souffleur“ der wahre Auskenner; aus André Hellers Chanson ist die titelgebende Textzeile. Der großartige Bernie Feit groovt sich mit Christian Tschirners „Dramaturgen-Rap“ ein. Eine Ironie. Heute ist der Dramaturg vielerorts nur noch der Assi von Regieassi. Apropos, grooven: Feit, mit britischer Bardenperücke, und Kogler führen an Stelle von Rowan Atkinson und Hugh Laurie auch noch vor, wie es zu Shakespeares „Sein oder Nichtsein“ kam – ein paar kleine Striche. Musikalisch begleitet werden Bruno Max‘ glorreiche Bühnen-Sieben von Andreas Brencic am Klavier, Julius Chitta am Bass und Fritz Rainer am Schlagzeug. Schneider und Feit greifen zum Schluss auch noch selbst in die Saiten. Für etwaige p. t. Sponsoren. Bei der Kunst geht’s eben immer um die Wurscht.

„Wenn Sie einen Schauspieler sehen, sagen Sie ihm etwas nettes“, heißt es an einer Stelle. Nun, die Wahrheit wird’s wohl auch tun: Sie waren glänzend!

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Wien, 27. 9. 2015