Spencer: Kristen Stewart brilliert als Lady Diana

Januar 13, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Befreiungsschlag am Weihnachtstag

Kristen Stewart als Lady Diana. Bild: © Pablo Larraín, Polyfilm

Die Kamera von Claire Mathon starrt auf grau-vereiste Wiesen. Aus der Stille schwillt der Sound an. Militärjeeps brettern auf ein Herrenhaus zu, in den Militärkisten statt Waffen Lebensmittel. Cut. Nun kurvt ein Porsche deutlich verwirrt durch ebendiese Landschaft. Bei einem Imbiss wird angehalten. Bewehrt mit ihrem Chanel-Täschchen tritt sie ein. Die scheuen Blicke zur Seite, das verlegene Lächeln, die schüchterne, nichtsdestotrotz

standesbewusste Art sich zu präsentieren – doch, das ist sie, Lady Diana – oder besser gesagt Kristen Stewart, die für den Film „Spencer“, der am 13. Jänner in die Kinos kommt, in diese Rolle schlüpfte. Rolle, man wird es sehen, in vielerlei Hinsicht, und Stewart, gewesener Twilight-Star und zuletzt grandios als Jean Seberg, brilliert auch als Königin der Herzen. Man kann die Wandlungsfähigkeit der US-Schauspielerin nur bewundern. Das Jahr ist 1991, also weiter weg von der Traumhochzeit als zum Schockmoment, an dem Di in einem Tunnel unter Paris aus einem gecrashten Mercedes geborgen wurde. Und die Anmerkung mit den Militärjeeps ergibt sich, weil der chilenische Regisseur Pablo Larraín seinen Film wie einen D-Day inszeniert hat.

Ein letztes Gefecht auf der Queen Gut Sandringham, wohin Ma’am die gesamte königliche Familie zum Weihnachtsfest befohlen hat, auch die eigentlich von Charles bereits getrenntlebende Diana. Und vorsorglich den Kriegsveteranen Major Alistair Gregory, Timothy Spall mit dem Flair gestrenger Fürsorge, der ein Argusauge sowohl auf Paparazzi als auch auf die für gewöhnlich entgleisende Prinzessin haben soll. Er wird sie dennoch nicht verhindern können, die Panik- und bulimischen Kotzattacken, die Tagalbträume, die Fluchtversuche, die Geistererscheinungen der Seelenverwandten Anne Boleyn.

„Ich weiß absolut nicht, wo ich bin“, haucht Stewart im Imbiss einen Satz mit Symbolcharakter. Ihre Verlorenheit ist Teil einer Selbstinszenierung, pathetisch und subversiv – eine aufgeschobene, verdrängte Rückkehr in die Gefilde ihres Vaters. Nach elf Gängen und sieben Outfit-Wechseln weiß sie immerhin, wohin sie will. Weg. Larraín hat intensiv recherchiert, das muss man sich angesichts der skurrilen Traditionen rund um Elizabeth II. immer wieder klar machen. Im bitterkalten Schloss, denn die Royals setzen auf Decken statt Heizung, steht eine Sitzwaage, auf der sich alle wiegen lassen müssen, da nur, wer über die Feiertage drei Pfund zugenommen hat, beweist, dass ihm das Fest gefallen hat.

Prinz Albert führte dies einst als Scherz ein, die Queen machte daraus blutigen Ernst – und eine unlösbare Aufgabe für Diana. Larraín zeigt eine vor Nervosität und Unwohlsein vibrierende Prinzessin, Stewart spielt die Diana verzweifelt zynisch und mit Mühe ihren Zorn unterdrückend, jeder Augenaufschlag, jeder Seufzer ist eine Anklage gegen die liebe Familie. „Verärgerst du sie gern?“, fragt Jack Nielen als Prinz William an einer Stelle. „Ja, schrecklich gern“, antwortet sie. Es ist dies einer der Momente des Films, die darauf hindeuten, wie Diana den damals 9-jährigen William mit ihren psychischen Problemen überfrachtet, daneben Harry, der mehr mitkriegt, als die beiden denken.

Drei Tage gilt es in royaler Geiselhaft zu überstehen. In einer großartigen Szene, dem Wenn-Blicke-töten-könnten-Weihnachtsdinner, wird die festliche Tafel zum Gefechtsstand. Kein Wort fällt. Diana wird von der Vision mitgerissen, sie reiße sich die Perlenkette vom Hals, hat doch Charles Camilla exakt die gleiche geschenkt, und fresse die Perlen mit der Suppe in sich hinein. Derlei Surreales durchbricht die Handlung immer wieder. Diana tanzt durch Paläste, Diana in der Ruine ihres Elternhauses als glückliches Kind. Die alte Jacke ihres Vaters hat die Queen einer Vogelscheuche zugedacht. Diana nimmt sie ab und mit.

Diana im Kinderzimmer von „William“ Jack Nielen und „Harry“ Freddie Spry. Bild: © Pablo Larraín, Polyfilm

Letzter Versuch einer Aussprache mit „Charles“ Jack Farthing. Bild: © Frederic Batier, Polyfilm

Sean Harris will Diana als Küchenchef Darren mit Leckerbissen zum Essen verführen. Bild: © Pablo Larraín, Polyfilm

Timothy Spall ist grandios als väterlich-strenger Major Alistar Gregory. Bild: © Pablo Larraín, Polyfilm

Mit ihrer Kammerzofe und Vertrauten „Maggie“ Sally Hawkins. Bild: © Pablo Larraín, Polyfilm

Die liebe Familie: vorne Elizabeth Berrington als Prinzessin Anne, Stella Gonet als Queen und die österreichische Schauspielerin Lore Stefanek als Queen Mum. Bild: © Pablo Larraín, Polyfilm

Lieblosigkeiten im goldenen Käfig. Royales Mobbing. Und totale Überwachung. Die sieben Garderoben sind fein säuberlich nach ihrem Verwendungszweck beschriftet, als Diana für den Kirchgang eine nicht dafür vorgesehene wählt, steht der ganze Haushalt Kopf. Die Nachricht vom textilen Ungehorsam wird sogar an Charles herangetragen. Jeder Fauxpas wird protokolliert. Dann, vor der Kirche, jene Lady Di die die Medien manipuliert, für ihre Zwecke nutzt (das diesbezüglich legendäre BBC-Interview soll ja durch Lug und Trug zustande gekommen sein) und gleichzeitig das ihr verpasste Image verabscheut. Für die Royals ist der Presse Bevorzugung Dianas ein frivoles Vergehen.

Die Kamera jedenfalls kann sich an Kristen Stewarts Gesicht nicht sattsehen, und diese verkörpert Dianas physische wie psychische Fragilität perfekt, mit gehetztem Blick, immerzu rennend, durch Korridore und Nebelwände mit verkrampft hochgezogenen Schultern, in der Speisekammer gierig Süßspeisen in sich hineinstopfend, dann das Hochwürgen. Bemerkenswert ist, dass Larraín die Royals, angetreten von Prinz Philip bis Sarah Ferguson, zu Statisten, zu stummen Dienern seiner Sache macht. Schweigen ist bekanntermaßen die erste Tugend der königlichen Familie.

Lediglich Stella Gonet als Queen sind ein paar Worte gegönnt und selbstverständlich hat Jack Farthing als Charles seine Szenen. Farthing spielt den Thronfolger mit indignierter Distanz. Verständnis findet Diana bei ihren besorgten Vertrauten. Larraín nimmt sich ausführlich Zeit für Dianas Gespräche mit dem Personal: Sean Harris als Küchenchef Darren, der besondere Leckerbissen für seine Prinzessin zubereitet, die er zum Essen verführen will. Sally Hawkins ganz wunderbar als Kammerzofe Maggie, die außer fürs Ankleiden für seelischen Rückhalt und ermutigenden Zuspruch zuständig ist. Einer der schönsten Momente des Films ist, wenn die beiden wie Freundinnen über den Strand spazieren. Schließlich Timothy Spall anrührend, väterlich und liebevoll-streng als Major Alistair Gregory, der Aufpasser, dem sein Observationsobjekt mehr und mehr ans Herz wächst. „I watch so that others do not see“, sagt er.

„Spencer“ ist eine Studie königlicher Klaustrophobie, das Psychogramm einer Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Kristen Stewart hat sich Dianas kokett-ikonische Posen zu eigen gemacht. Ihre geheimnisvolle Aura und ihre magnetische Ausstrahlung führen die Schauspielerin in darstellerisch neue, lichte Höhen. Kurz gefasst: Die Oscarnominierung winkt! Der große britische Film-Szenenbildner Guy Hendrix Dyas, die renommierte Kostümbildner Jacqueline Durran und die fabelhafte Arbeit der Maskenbilderin Wakana Yoshihara tun ein Übriges, damit die Atmosphäre stimmt. „Spencer“ erreicht die emotionale Extravaganz eines erstklassigen Melodramas und ist zugleich eine historische Fantasie, eine politische Fabel und eine schwarze Sittenkomödie.

Am Ende – Achtung: Spoiler! – vergattert Charles sehr zum Unmut Dianas Sohn William zur Fasanenjagd. Sie wird wie aus dem Nichts auftauchen, die Vögel verscheuchen, damit vor dem Abschuss retten und ihre beiden Söhne in den Porsche verfrachten. Nächster Stopp: ein Fast-Food-Lokal. Sie bestellt beim Drive-In und als sie nach dem Namen gefragt wird, verwendet sie ihren Mädchennamen: „Spencer!“

www.spencer-themovie.com

13. 1.  2022

Volkstheater/Bezirke: Der Weibsteufel

September 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den „Blut-und-Boden-Dichter“ endgültig enterdet

Katrin Grumeth als „Aufpulverin“, die sich emanzipiert. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

„Wenn ich ein Vogel wär …“ singt das Weib zu Beginn. Was sie dann tun würde, ist deutlich: auf und allen Zwängen ihres Geschlechts davonfliegen, in eine Zukunft möglichst ohne Aufpasser, Antreiber, Ausbeuter, Männer nur, wenn zum Zwecke des Sex selbst gewählt. Dass dies zumindest zu Textende gelungen scheint, weiß, wer Karl Schönherrs Drama „Der Weibsteufel“ kennt.

Das Volkstheater eröffnet seine Bezirketour 2018/19 damit, und Regisseurin Christina Rast hat die alpine Dreiecksgeschichte des als „Blut-und-Boden-Dichter“ reklamierten Dramatikers mit ihrer reduzierten Inszenierung, mit ihrer minimalistischen Interpretation von Schönherrs wuchtigem Stück, endgültig enterdet. Auf spartanischer Bühne – wiewohl die Einfassung aus schwarzen Bändern von Rast und Stella Krausz szenisch eine Menge leistet – lässt Rast ihre Sicht des Spiels ablaufen.

Ein Geschäftsmann steht da, einer, der einem gehörten Gerücht folgend seine Frau veranlasst, seinem Konkurrenten gehörig den Kopf zu verdrehen. In der Darstellung von Lukas Holzhausen gibt sich der „Kapitalfuchs“ als Manager eines Großschmuggelunternehmens, geht’s nach seinem Willen, hat er fürs Leben lapidar nur das eine Wort: „Passt!“ Die Schwächlichkeit des Mandls stellt Holzhausen nicht allzu sehr aus, dafür dessen Schläue. Mit der will er den „Gimpel“ Grenzjäger in die Falle locken. In einer albtraumhaften Szene tritt das Trio infernal denn auch mit Vogelköpfen auf – die Frau als Geier, der Grenzjäger als Adler, der Mann als Rabe.

Der Kampf heißt Kopf gegen Kraftlackel. Der schmiedet seinerseits ein Komplott, um sich „sein Sterndl“ zu verdienen, Christian Clauß spielt ihn als Harte-Schale-weicher-Kern-Kerl, der sich nach Liebe, Nachwuchs und seiner Pfeife sehnt, alles Wünsche, die ihm der Weibsteufel auch allzu schnell zu erfüllen bereit wäre. Denn die in muffiger Ehestube eingesperrte Frau wittert das Testosteron wie ein wildes Tier seine Beute. Es folgt beinah akrobatischer Beischlaf.

Für den Mann „Passt!“ noch alles: Lukas Holzhausen und Katrin Grumeth. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Doch schon lauert der Grenzjäger auf seine Chance: Christian Clauß und Katrin Grumeth. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Was Christina Rast jedoch tatsächlich erzählt, ist die Geschichte einer Emanzipation. Und so ist ihre „Weibsteufel“-Aufführung auch der Abend der Katrin Grumeth. Wie eine Urgewalt sprengt sie die männlichen Konfliktzonen, entledigt sich der ihr zugedachten Projekte und Begierden, dreht den Spieß einfach um, wird von der „Aufpulverin“ zur Manipulatorin. Eine fulminante schauspielerische Leistung, in der Grumeth eine subtile Sinnlichkeit durch die Sprödheit ihrer Figur blitzen lässt.

Aus Geplänkel wird Gefahr, wunderbar, wie Holzhausen, Clauß und Grumeth all die falschen Töne richtig treffen, wie sie, durch Männerfantasien entfesselt, in die Hitze gerät, wie die Männer einander lauernd umringen, um die Chance zum Zuschlagen als jeweils erster wahrzunehmen. Bald wird den beiden klar, dass sie hier Kräfte entfesselt haben, die sie nicht bezähmen können. Aus stoischer Überlegenheit wird zunehmend schiere Verzweiflung.

Dieweil kleidet Grumeth die Bühne mit Plastikplanen aus. Denn Blut wird fließen, einer tot sein, einer im Gefängnis, und sie das schmucke Haus am Marktplatz erben. Schnell zieht sich das Weib die grünen Putzhandschuhe an, bevor sie’s an die Wand sprayt: Passt!

www.volkstheater.at

  1. 9. 2018

Julian Pölsler im Gespräch über „Wir töten Stella“

September 26, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Art „Tatort“-Dramatik wollte er nicht

Regisseur und Drehbuchautor Julian Pölsler am Set der „Wir töten Stella“-Dreharbeiten. Bild: ©Thimfilm / Dieter Nagl

Mit „Wir töten Stella“ kommt am 29. September die zweite Verfilmung eines Marlen-Haushofer-Stoffs durch Julian Pölsler in die österreichischen Kinos. In ihrer Novelle erzählt die oberösterreichische Autorin von der Studentin Stella, unerfahren und jung, und wie sie ahnungslos ihrem Untergang entgegengeht. Sie wird für ein Studienjahr „Logiergast“ in einer mit ihren Eltern befreundeten Familie. Hausherr Richard verführt sie, seine Frau Anna beobachtet die Affäre mit kühlem Blick.

Stella wird das Opfer einer kaputten, bürgerlichen Familienidylle, die mit allen Mitteln aufrechterhalten werden muss. Annas Niederschrift der eigenen Mitschuld ist die beklemmende Bestandsaufnahme einer einsamen Antiheldin, Ehefrau und Mutter. Es spielen Martina Gedeck, Matthias Brandt, Mala Emde und Julius Haag. Julian Pölsler im Gespräch:

MM: Was finden Sie an Marlen Haushofer, dass Sie nach „Die Wand“ mit „Wir töten Stella“ schon den zweiten Text von ihr verfilmen?

Julian Pölsler: Das suche ich mir ja nicht aus, die Stoffe suchen sich mich aus – anscheinend. Was mir zum einen gefällt ist die Sprache, das ist große österreichische Literatur, zum anderen finde ich die Frauenthematik spannend. Das ist eine Welt, die mir fremd ist, und ich habe es gerne, wenn ich im Kino in solche Welten versetzt werden. Im Übrigen sind es eigentlich drei Ich-Erzählungen, die zusammengehören: „Die Wand“ ist der dritte, „Wir töten Stella“ ist der zweite und „Die Mansarde“ ist der erste.

MM: Sie haben Ihren Film in einer unbestimmten Jetztzeit angesiedelt; die Novelle ist aus dem Jahr 1958. Damals war „Wir töten Stella“ zweifellos ein gewagter Titel. Hat das Moralapostel auf den Plan gerufen?

Pölsler: Ja, freilich, viele Apostel. Weil viele gemeint haben, die Thematik sei überholt, was ich bis heute nicht finde, das Thema ist aktueller denn je. Außerdem gab es Aufregung, weil eine Frau die „Heldin“ ist, die so passiv ist. Man ist ja bemüht, Bilder von Frauen zu zeigen, die sehr aktiv sind; ich finde Haushofer berichtet darüber, wie Frauen die dehnbaren Wände die sie seit Jahrhunderten umgeben, durchbrechen. Darum ist es mir im Film auch gegangen. Ich bin nicht für die vordergründige, emanzipatorisch-kämpferische Art, die Weise, die die Haushofer gewählt hat, ist leiser – und nachhaltiger vor allem. Darum ist der Stoff auch noch immer aktuell.

MM: Die Figuren im Film sind im Wortsinn sprachlos, dafür gibt es einen ausführlich Off-Text, bei dem Sie ganz bei Haushofer geblieben sind, bei dieser poetischen und brutalen Sprache.

Pölsler: Das war mir wichtig. Das habe ich bei der „Wand“ schon gemacht, und das habe ich auch bei der „Mansarde“ vor. Ich finde die Stilistik sehr wichtig. Wenn man „Stella“ aufmerksam liest, merkt man, wie sich Haushofers sprachliche Stilmittel durch ihre Arbeiten ziehen. Das umzusetzen, darauf muss man in den Filmen wert legen.

MM: Anna, die Figur, die Martina Gedeck spielt, gibt die Temperatur des Films vor?

Pölsler: Ja, allerdings, das ist die Protagonistin. Das Spannende ist, dass sie so passiv ist, dass sie alles über sich ergehen lässt – anscheinend, aber sie ist die einzige, die aus dem Drama ihre Lehren zieht und diesen Bericht schreibt, den sie uns dann mitteilt. Damit wir vielleicht nicht die Fehler machen, die sie gemacht hat. Deshalb hält sie das alles fest.

MM: Es ist das zweite Mal, dass Martina Gedeck Haushofer spielt. War es einfach, Sie zu diesem Dreh zu bitten?

Pölsler: Ja, sie hat ja von Anfang an gewusst, dass es drei Teile sind. Während der „Wand“ habe ich ihr schon erzählt von der Trilogie, deshalb war sie schon vorbereitet. Wir können beruflich gut miteinander. Sie ist eine ganz tolle Schauspielerin, und es ist spannend mit ihr zu arbeiten. Das Problem bei Martina Gedeck ist, dass sie so viel beschäftigt ist, und da ist es nicht leicht, einen Termin zu finden, an dem sie Zeit hat. Aber wir haben es geschafft.

MM: Und „Die Mansarde“ werden Sie auch gemeinsam machen?

Pölsler: An und für sich ja. Aber jetzt arbeite ich einmal an einem Christine-Lavant-Stoff und dann an einem Robert-Seethaler-Stoff, und dann ist es Zeit für den Abschluss der Haushofer-Trilogie.

Anna schreibt ihre Lebensbeichte auf: Martina Gedeck. Bild: © Thimfilm

Matthias Brandt als Familienvater Richard: ein gefährliches Raubtier mit jovialem Auftreten. Bild: © Thimfilm

Mala Emde spielt die Stella mit hoher Intensität. Bild: © Thimfilm

MM: Während dieser ganzen Handlung, auch angesichts dieser Mitleidlosigkeit, die Anna zweifellos hat, dachte ich mir: Das sind so gutsituierte Leute, die ein Spiel spielen, dass sie nicht verlieren können.

Pölsler: Die verlieren schon auch, und was da passiert, ist, glaube ich, auch kein Phänomen der besseren Gesellschaft. So etwas kann es durch alle Schichten geben, nur würde es dort eben anders verhandelt werden.

MM: In der Novelle ist Anna mehr „Haustrampel“, eine bessere Dienstbotin des Gatten …

Pölsler: Ich habe die Figur moderner gemacht, aber nichtsdestotrotz die Problematik eins zu eins beibehalten.

MM: Stella wiederum ist der ungewünschte Eindringling, die sich mit dem Stehsatz „Störe ich?“ permanent für ihre Existenz entschuldigt. Sie wird von Mala Emde dargestellt. Wie sind Sie auf sie gekommen?

Pölsler: Ich wollte eigentlich eine Österreicherin für die Stella haben, habe auch ein paar gecastet, aber die richtige war nicht dabei. Mala Emde hat mich aufgrund ihrer starken Persönlichkeit überzeugt, die sie aber auch zurückfahren kann, wenn es erforderlich ist. Was sie im Film über Strecken muss, weil Stella, genauso wie Anna, durch Passivität gekennzeichnet ist. Sie spricht ja auch kaum. Das arme Mädel tut nichts schlimmes, außer, dass sie sich verliebt – und daraus entsteht größtes Unglück. Da stolpern lauter Menschen in Dinge, für die sie nichts können. Aber auch Richard, Annas Ehemann und Stellas Verführer oder Vergewaltiger, kann nichts dafür. Bei der Frau, die der hat …

MM: Das ist die männliche Perspektive.

Pölsler: Nein, das ist Haushofer, die Figuren zeigt, die nicht die Kraft aufbringen, die Wand, die sie einengt zu durchschlagen. Allen voran natürlich Anna.

MM: Wie sehr spricht Haushofer in ihren Texten von Emanzipation?

Pölsler: Sehr stark, nur auf eine sehr stille, subtile Art. Sie ist nicht umsonst eine Gallionsfigur der Frauenemanzipation geworden, und dann der Frauenbewegung der 1980er-Jahre, als man sie wiederentdeckt hat.

MM: Wie’s mit Stella endet, ist von Anfang an klar, denn Sie beginnen mit einem starken Bild: Die Kamera umkreist den Leichnam, zeigt auf der einen Seite ein schönes, auf der anderen Seite ein bis zum Skelett entstelltes Gesicht. Ein Memento mori?

Pölsler: Ja, weil Tod und Leben so eng bei einander liegen, und weil wir das so gerne vergessen. Man muss immer daran denken, dass der Tod zum Leben gehört.

MM: Sie haben für die Frauenfiguren und für den Film generell ein „Farbleitsystem“ entwickelt. Alles, was Martin Gedeck betrifft, ist in Blautönen gehalten, Mala Emde durchkreuzt diese Farbe mit ihren roten Kleidern; die Stadt ist blass, das Salzkammergut strahlend und farbintensiv.

Pölsler: Nicht das Salzkammergut, die Natur. Ich habe das auch mit dem Garten von Annas und Richards Haus gemacht, aber Anna geht ja nie in den Garten hinaus, sie steht immer nur am Fenster. Was die Frauen betrifft, haben Sie recht. Das hat mehrere Gründe. Zum einen steht Martina Gedeck die Farbe Blau sehr, und es passt auch zu Anna – was Kühles, Distanziertes. Die Farben habe ich eigentlich aus der Haushofer übernommen, bei ihr stürzt Stella in ihrem roten Mantel in einen gelben LKW. Den habe ich auch, ich habe mich brav an die Haushofer gehalten.

Julian Pölsler hinter der Kamera … Bild: ©Thimfilm / Dieter Nagl

… und mit Martina Gedeck. Bild: ©Thimfilm / Dieter Nagl

MM: Und diese schön fotografierte Natur, mit der docken Sie an der „Wand“ an?

Pölsler: Ja, das ist etwas, das ich übernommen habe. Sie sagen „andocken“, ich sage, ich habe mich stilistisch angenähert.

MM: Richard wird gespielt von Matthias Brandt. Mir fiel dazu ein: das Raubtier mit der randlosen Brille. Nun sagen Sie, er kann nichts dafür.

Pölsler: Natürlich kann er was dafür, aber er ist auch ein Opfer. Seine Schuld liegt darin, dass er es sich praktisch eingerichtet hat. Er hat eine herzeigbare, fesche Frau, gutgeratene Kinder und Geliebte, wann er immer er will. Er ist erfolgreich im Beruf. Warum sollte der etwas an seinem Leben ändern wollen? Dass ihm dann so ein halbes Kind in die Quere kommt, ist ungeplant und daher blöd.

MM: Das Fremdgehen, die Abtreibung, alle diese Momente höchster Dramatik finden nicht statt. Haushofer und Sie erzählen die Geschichte über den Rahmen. Literatur ist das eine, aber ist es für einen Film nicht besser, Tragik und Drastisches zu zeigen?

Pölsler: Diese Art Dramatik, die man in jedem „Tatort“ sieht, das wollte ich nicht. Ich will innere Dramatik zeigen, und wie sie diese beiden Frauen auffrisst. Wenn man sieht, wie es in den Nahaufnahmen im Gesicht von Martina Gedeck arbeitet, dann ist das nicht nur große Schauspielkunst, sondern sagt auf subtile Art auch mehr aus, als wenn ich die Sensationslust bedient hätte. Anna braucht das nicht, die ist eine starke Frau.

MM: Anna hat sozusagen ein freies Wochenende, Mann und Kinder sind weg, an dem sie diese Lebensbeichte niederschreibt. Wie kann es mit dieser Ehe weitergehen?

Pölsler: Das schreibe ich im Abspann des Films, also beantwortet sich die Frage für alle, die sich den Film bis zu Ende anschauen.

MM: Der Sohn des Hauses muss sich mit dem Troja-Mythos beschäftigen, und er tut es via eines Videos, in dem Christa Wolf „Kassandra“ liest. Woher kam diese Idee?

Pölsler: Ich bin ein großer Verehrer von Christa Wolf, und daher war das eine freie Assoziation. Ich finde das Video spannender, als wenn der Sohn nur in einem Buch geblättert und mit der Mutter darüber gesprochen hätte. Die Kassandra habe ich aus der Haushofer-Erzählung übernommen, denn dieser Bub soll bei einer Schultheateraufführung den Achilles spielen, doch der ist ihm zu angeberisch, und er sagt, er möchte lieber Kassandra sein. Und so bin ich auf die Christa Wolf gekommen. In ihrer „Kassandra“ gibt es den Wahnsinnssatz: Immer noch die Frage, aus welchen Stoff die Stricke sind, die uns ans Leben binden.

MM: Schon wieder ein emanzipatorischer Text. Sie sind Feminist.

Pölsler: Ja, es ist schrecklich mit mir. (Er lacht.)

MM: Julius Hagg spielt den Sohn, ein sehr feinnerviger Schauspieler, der etwas ganz Zartes hat.

Pölsler: Er ist großartig. Ich habe ihn Julia Stemberger und Fanny Altenburger zu verdanken. Er kam zum Casting, stellte sich vor und sagte den ersten Satz, und ich wusste: das ist er. „Zart“ ist er nur im Film, das spielt er nur, in Wirklichkeit ist er ein Macho.

MM: Ich unterstelle, Sie arbeiten mit Ihrer Trilogie an einer Haushofer-Wiederentdeckung?

Pölsler: Wiederentdeckung ist zu viel. Sagen wir so: Ich will im Bewusstsein der Öffentlichkeit halten, dass es hier eine erstklassige Schriftstellerin aus Oberösterreich gibt, deren Texte immer lesenswert sind. Das ist mir ein Anliegen. 

www.stella-derfilm.at

Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26303

  1. 9. 2017

Wir töten Stella

September 26, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Martina Gedeck brilliert in der Haushofer-Verfilmung

Anna hat zwei Tage Zeit für ihre Lebensbeichte: Martina Gedeck spielt nach „Die Wand“ zum zweiten Mal Haushofer. Bild: © Thimfilm

Ein starkes Bild. Die Kamera umkreist einen Leichnam in der Prosektur. Umrundet das schöne, klare, in sich ruhende Gesicht einer jungen Frau, wechselt auf die andere Seite und – zeigt eine bis zu den bloßliegenden Zähnen entfleischte Fratze. Ein starkes Bild. Ein Memento mori. Die junge Frau ist vor ein Fahrzeug gelaufen.

„Wir töten Stella“ heißt der neue Film von Regisseur Julian Pölsler, der am 29. September in den österreichischen Kinos anläuft. Bis dato galt Marlen Haushofers 60-Seiten-Novelle als schwer verfilmbar, wird alles Geschehen doch einzig aus der Innenschau einer der Figuren erzählt. Doch der Haushofer-erfahrene Pölsler, der 2012 bereits mit dem dystopischen Heimatfilm „Die Wand“ reüssierte, schuf nun mit „Wir töten Stella“ eine Art Prequel, jedenfalls den zweiten Teil der von ihm geplanten Haushofer-Trilogie, die mit „Die Mansarde“ der legendären oberösterreichischen Autorin vollendet werden soll. Als Protagonistin steht ihm auch diesmal die großartige Martina Gedeck zur Seite. Sie spielt Anna, Ehefrau und Mutter, die an Stellas Freitod nicht unschuldig ist, und der ihr Leben entzweischlagen wird.

„Ich bin allein.“ Das ist Annas erster Satz, das heißt: eigentlich erster Gedanke, und er gilt für ihre gesamte Existenz. In zwei schlaflosen Tagen und Nächten, Ehemann Richard und die Kinder sind an diesem Wochenende außer Haus, verfasst Anna eine Lebensbeichte. Für zehn Monate hat die Familie die Studentin Stella bei sich aufgenommen. Doch die Welt des Rechtsanwaltsclans verträgt keine Eindringlinge, nicht einmal selbst eingeladene. Stella, die zurückhaltende, schüchterne junge Frau, ist eine Störung, die das exakt austarierte Familienkonstrukt aus den Fugen bringt. Doch ist sie auch von genau der naiven Sexyness, die Richard anzieht. Und so dauert es nicht lange, bis ihm Stella in den Schoß fällt …

Pölsler, spätestens seit den „Polt“-Filmen als Meister der Entschleunigung bekannt, lässt der Story Zeit, sich zu entwickeln. Gesprochen wird wenig, in dieser verstörenden Familienaufstellung hat man einander ohnedies nicht mehr viel zu sagen. Die Sätze, die durch Mark und Bein gehen, Haushofers Sprache, so brutal wie poetisch, so hart und messerscharf, und von Pölsler in maximaler Texttreue übernommen, gehören der Gedeck; sie sind ihre Gedanken, ihre Niederschrift, und sie spricht sie aus dem Off. Der Rest ist lautes Schweigen. Es ist die Figur der Anna, die die Temperatur des Films vorgibt.

Pölsler hat die Novelle aus dem Veröffentlichungsjahr 1958 geschält, und den Film in einem unbestimmten Jetzt angesiedelt. Anna, bei Haushofer noch deutlich mehr „Haustrampel“ als Richards angetraute Dienstbotin, wird in der Darstellung der Gedeck zur unterkühlten, sich von ihrer Umgebung distanzierenden Wohlstandsdame. Alles, was sie tut, ist, aus einem der zahlreichen Zimmer ihrer Villa in den Garten zu sinnieren. Selbst als dort unter enervierend eindringlichem Piepsen ein Amselküken stirbt, kann sie sich nicht aufraffen aus ihrem goldenen Käfig ins Freie zu treten und zu helfen. Mit Richard führt sie eine „postzynistische“ Ehe, was bedeutet, dass man sich offenbar schon alles, was irgend möglich war, an den Kopf geworfen hat, die Lieblosigkeit, die Reserviertheit, die Seitensprünge – und dann zum gemeinsamen Rotweintrinken zurückgekehrt ist.

„Wir töten Stella“ ist ein spröder Film, der dem Betrachter keinen Rettungsring zuwirft, weder findet sich eine sympathische Figur (am ehesten noch Julius Hagg als Sohn Wolfgang) noch eine entlastende Situation. Jeder ist hier in seinen Zwängen gefangen, ohne Ausweg, und daher ohne Mitleid. Ein Aufatmen? Unmöglich. Pölslers Film ist so ruhig wie gnadenlos.

Anna kerkert sich in ihrem Haus ein …: Martina Gedeck. Bild: © Thimfilm

… und beobachtet ihre Konkurrentin Stella: Mala Emde. Bild: © Thimfilm

Die Beziehung mit Stella lässt sich an, wie ein Spiel, das reiche Leute beginnen, und das sie nie verlieren werden, weil nur sie die Regeln kennen. Die stille, ihrer Sprache wie beraubte Stella spielt Mala Emde sehr intensiv. Zwar sehr zurückgenommen, aber gerade darum mit noch mehr Tiefe. Emde hat ihre Figur bis zum Grund ausgelotet, und verleiht ihrer Rolle eine Art verwehter Todeseleganz.

Ihre Stella, ausgestattet mit der Unterwerfungsfrage „Tschuldigung, störe ich?“, begeht den kapitalen Fehler. Sie unterläuft, sobald von ihm abserviert, Richards Fremdgehsystem. Und plötzlich sind da Gefühle, Tränen, Verzweiflung, und weder Richard noch Anna wollen das: den inneren Aufruhr unter ihrer glatten Oberflächenwelt.

„Jeder Mensch trägt sein Gesetz in sich, und es sind ihm Grenzen gezogen, die er nicht überschreiten kann, ohne sich zu zerstören“, sagt/denkt Anna. Haushofer, deren Thema in jeder Umschreibung die Emanzipation war, weiß, dass zur Selbstbehauptung manchmal auch die Selbstzerstörung zählt. Pölsler macht die Verschiedenheit seiner Protagonistinnen auch in Farben deutlich: Wo Gedecks Anna ist, sind alle Nuancen von einem Todesengelblau, so auch von Haushofer vorgegeben, durchbrochen von Mala Emdes Stella in ausschließlich roten Kleidern. Die hat ihr Anna gekauft, ohne dass die Kindfrau ahnte, was dieses Rot bedeutet … Brüche nehmen Pölsler und Szenenbildner Enid Löser auch filmisch vor, mit schonungslosen Nahaufnahmen von atemraubender Intensität, immer wieder kehrenden Albtraumsequenzen, und allerlei anderen rätselhaften Bildern. Mehrmals im Film kämpfen Anna und Stella gegen eine Wand, das Gesicht und die Hände zeichnen sich in einer durchsichtigen Plastikmembrane ab, doch für Frauen gibt es hier kein Durchkommen.

Während in der Stadt alles wirkt, als hätte man ihr die Farbe entzogen, strahlt bei Ausflügen die Natur in frischestem, mit Haus und Hund und Bauersfrau auf „Die Wand“ querverweisenden Grün. Pölsler hat sich alles Reißerische verboten. Er spart das Drama aus, er lässt es hinter den Kulissen, und bleibt in der Position der Anna. Der Liebesakt, die Abtreibung, die Stella darob vornehmen lässt, ihr Suizid, finden im Film nicht statt. Die tödlichen Zumutungen, die Depression und die Demütigungen, all das schildert ausschließlich Anna. Und auch sie oft nur zwischen den Zeilen.

Pölsler macht zum psychologischen Kammerspiel, was ebensogut ein „Krimi“ hätte werden können. Er folgt ganz und gar der Haushofer und der Gedeck. Wie sie ihre Kakteen hegt und pflegt. Statt ihrer Mitmenschen. In der Sache Stella bleibt sie eine vom Rand her Beobachtende, als wäre ihr die ganze Angelegenheit zu unwichtig, um einzugreifen, und damit vielleicht Stellas Leben zu retten. Vielleicht gefiel sich die in ihrer Ehe ohnmächtige Anna aber auch darin, durch ihre heimtückisch eingesetzte Passivität den „Jungvogel“ zu vernichten.

Studentin und Untermieterin Stella hat bald ein Verhältnis mit dem Hausherrn: Mala Emde und Matthias Brandt als Richard. Bild: © Thimfilm

Für den sensiblen Sohn Wolfgang wird die Situation immer unerträglicher: Julius Hagg. Bild: © Thimfilm

Denn es ist ihr von Beginn an und aus eigener Erfahrung klar, dass Stella gegen Richard nicht bestehen wird können. Stella bleibt sogar in ihrem Sterben zurückhaltend und rücksichtsvoll. Als sie tot ist und Anna ihre Leiche identifiziert, gibt es keinen Eklat, ist doch endlich die Ordnung wiederhergestellt: „Stella war tot, und eine große Erleichterung überfiel mich.“

Den Täter, Richard, gibt Matthias Brandt als Gewaltmenschen und Lebemann, den Anna in ihrer Aufzeichnung einen „gütigen Mörder“ nennt. Brandt gestaltet die Figur als Raubtier mit randloser Brille, als Egomanen, dem sein Ich über alles geht, als Workaholic auch, der daheim sofort demonstrativ hinter den rosa Seiten der Financial Times verschwindet. Brandt illustriert Richards Dominanzverhalten mit einem Minimum an Gestik und Mimik.

Wendet sich Richard schließlich seiner Familie zu, ist er in seiner aufgesetzten Jovialität beinah furchteinflößend. Dass er Stella lange Zeit mit nonchalanter Ablehnung begegnet, ist klar, das geschieht zur Ablenkung. Eine wunderbare Performance ist auch die von Julius Hagg als Sohn Wolfgang, der, von der Mutter liebkost, vom Vater ignoriert, seinen Platz und seinen Stellenwert in dieser Gesellschaft nicht findet, und innerlich längst auf der Flucht vor diesem Dasein ist. Im Schultheater will der sensible, feinnervige junge Mann nicht den arroganten Achill spielen, sondern lieber die kluge Kassandra. Er hat auf dem Laptop eine Christa-Wolf-Lesung gespeichert, und als die Mutter danach sucht und herumstöbert, findet sie nicht nur grauenhafte Unfallvideos, sondern auch heraus, dass Wolfgang das komplette Haus mit Kameras bestückt und sie alle überwacht hat. Erst diese Aufnahmen führen Anna auf die Fährte dessen, was wirklich unter ihrem Dach passiert ist …

„Wir töten Stella“ erzählt von einem patriarchalen Machtapparat, der seine Unterdrückten gerade so viel hätschelt, wie er sie als Systemerhalter braucht. Deren Duldungsstarre ist dabei in Privattyrannei so obligatorisch wie in jeder Diktatur. Niemand sieht das und schreibt das klarer auf, als Anna, die Chronistin ihres eigenen Untergangs – Martina Gedeck einmal mehr als schauspielerische Ausnahmeerscheinung. „Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zur Hölle“, sagte Oscar Wilde einmal. Mit „Wir töten Stella“ erweist sich Julian Pölsler nicht nur als fabelhafter Filmemacher, sondern auch als Feminist. Sein Film ist, darüber hinaus, das beklemmende Sezieren einer Familienangelegenheit zu sein, eine beunruhigende Bestandsaufnahme der Gesellschaft. Mit dem Fazit, dass sich im Mann-Frau-Verhältnis seit 60 Jahren wenig verändert hat. Einmal fragt Anna ihren Mann, warum er an ihr in einer freudlosen Ehe festhalte. „Weil du mir gehörst“, lautet darauf einer der schrecklichen Sätze Richards.

www.stella-derfilm.at

Regisseur Julian Pölsler im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26318

  1. 9. 2017

Belvedere: Stella Rollig und Wolfgang Bergmann präsentieren ihre Pläne

Mai 23, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Museum neu denken. Museum neu erleben“

Stella Rollig, die neue Generaldirektorin des Belvedere, und der Wirtschaftliche Geschäftsführer Wolfgang Bergmann stellten ihre Pläne vor. Bild: Ingo Pertramer, © Belvedere Wien

Unter dem Titel „Museum neu denken. Museum neu erleben“ präsentiert die neue Doppelspitze des Belvedere, Stella Rollig und Wolfgang Bergmann, am Dienstagvormittag ihre Vision für die Zukunft des Museums. Die häufigste Frage an Museumsverantwortliche ist, wie viele Menschen ein Museum besuchen. Diese Frage ist berechtigt. Ich plädiere dennoch für einen Wechsel des Denkmusters. Wir müssen uns fragen: Wie gehen die Menschen aus dem Museum wieder hinaus, was nehmen sie von ihrem Besuch mit?“, so umreißt Rollig, neue künstlerische Direktorin des Belvedere, ihre Aufgabe und ihr Selbstverständnis.

Für sie ist das Museum ein „Kraftort“, der dazu einladen soll, innezuhalten und in Dialog mit der Kunst zu treten. Die Besucher sollen mehr Zeit im Haus verbringen, hier zur Ruhe kommen und Wissen und Erfahrungen mitnehmen, die kein Reiseführer und kein anderes Medium bieten können.

Dazu will man auch eine „Vermittlungsoffensive“ starten, die sowohl „das digitale Belvedere“ als auch die Forschung im hauseigenen Research Center betrifft. Dieses soll „zum Player in der nationalen und internationalen Forschungslandschaft“ ausgebaut werden, in dem man vernetzte Forschungsprojekte konzipiert und realisiert. Diesbezüglich wird es personelle Neubesetzungen geben, die Ausschreibungen laufen. Rollig kündigt eine Neukonzeption und Neuhängung der Sammlung im Oberen Belvedere an, das künftig als mehr denn als „Tourismusort“ funktionieren soll. Sie will hier neue Schwerpunkte setzen, mit Themensetzungen die chronologische Führung unterbrechen und so neue Abläufe schaffen – „eine Aufforderung an die Wienerinnen und Wiener öfter zu kommen.“

Im Unteren Belvedere und in der Orangerie werden weiterhin Wechselausstellungen präsentiert, wobei Rollig eine Schärfung der Epochenzuteilung ankündigt. Von der zeitlichen Spannweite werden die Ausstellungen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges reichen. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf dem Werk und der Zeit von Gustav Klimt liegen, eine Verpflichtung für die weltweit größte und berühmteste Gustav-Klimt-Gemäldesammlung. 2018 wird es eine Sonderausstellung anlässlich Klimts 100. Todestag geben, die den Fokus auf dessen Nachwirken und den Aufbruch der Künstler der Donaumonarchie in die Moderne zeigen soll.

Das 21er Haus soll zum „Heimathafen“ der Wiener Kunstszene werden, in dem österreichische Kunst seit den 1960er-Jahren im internationalen Kontext gezeigt und das Schaffen der „Jungen Szene“ vorgestellt wird. Man will sich als Hotspot inmitten des neugeschaffenen Stadtentwicklungsgebiets, als „Kunstnahversorger“ präsentieren. Eine der schönsten Ideen des neuen Führungsduos dazu ist die Öffnung des Skulpturengartens für Gastronomie, wenn möglich bei freiem Eintritt über den Schweizergarten. Bergmann, neuer Wirtschaftlicher Geschäftsführer des Belvederes, erklärt: „Wir denken daran, einen Übergang von Freizeit zu Kultur zu etablieren, mit Live-Art und Sound-Art, sozusagen einen Ort für ein After-Work-Bier.“ Im Pavillon selbst werden flexibel bespielbare, großzügige Räume  geschaffen. Das Obergeschoß wird auf seine ursprüngliche, offene Form zurückgeführt. Als längerfristige Perspektive wird die Schaffung eines neuen Ausstellungsraums im Tiefgeschoss angestrebt.

Auch im Belvedere setzt Bergmann darauf, das Gesamtensemble, also Museum und Parkanlagen, in den Museumsbesuch einzubeziehen. Bereits diesen Sommer soll es erste Programme im Kammergarten geben, wie beispielsweise „Kunst & Freiluftkino“ oder „Kunst & Picknick“. Man will hier auch einen Bar- und Loungebetrieb testen. Eine stärkere Neuausrichtung auf die Interessen der Besucher zeigt sich auch in der Aufhebung des allgemeinen Fotografie-Verbots. „Natürlich ohne Blitz und Stativ“, so Rollig, „aber man kann ja mit dem Handy heute schon sehr einfach sehr schöne Fotos machen.“ Und Bergmann ergänzt: „Wir freuen uns, wenn die Besucher ihre Fotos von hier in den sozialen Medien posten, die zeigen, dass sie Spaß hatten und sich wohlgefühlt haben. Eine bessere Werbung gibt es gar nicht.“

www.belvedere.at

Wien, 23. 5. 2017