steirischer herbst/Neue Galerie Graz: Krieg in der Ferne

Juni 27, 2022 in Ausstellung, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die umkämpfte Ukraine in Videokunst und Film

Dana Kavelina, Letter to a Turtledove (2020), Filmstill, Mit freund. Genehmigung der Künstlerin

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wird von einigen immer noch nur als Echo in der Ferne wahrgenommen. Ab 22. September widmet sich der steirische herbst der drohenden Präsenz dieser entlegen scheinenden Schlachten, und schon im Sommer lenkt ein Prolog zur 55. Festivalausgabe den Blick auf diesen militärischen Terrorakt einen Krieg, dessen Relevanz und Nähe nicht mehr zu übersehen sind.

Die Sonderschau „Ein Krieg in der Ferne. Die umkämpfte Ukraine in Videokunst und Film“ in der Neuen Galerie präsentiert von 1. Juli bis 1. August historische und zeitgenössische Videokunst und Filme. Sie bieten einen individuellen, ernüchternden und menschlichen Blick auf aktuelle Ereignisse, die sonst mit militärischen oder geopolitischen Begriffen erklärt werden.Der gegenwärtige Krieg erscheint als Implosion einer bereits vorher tragischen und gewaltsamen ukrainischsowjetischen Geschichte, deren filmische Dokumente zu den Meisterwerken des AvantgardeKinos des 20. Jahrhunderts gehören.

Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine greifen auf diese Geschichte zurück und zeigen deren brutale Umkehrung in der Gegenwart, während sie über den seit 2014 andauernden Krieg mit Russland reflektieren. Sozialistische Utopie und faschistische Mobilisierung erscheinen als umkämpfte Phänomene aus der Vergangenheit, mit denen sich die Kunstschaffenden auf ihre e igene Art und Weise kritisch auseinandersetzen. Gleichzeitig wird der Bürgerinnen-und-Bürger-Journalismus in Zeiten verschärfter Kampfhandlungen zu einer neuen Form des anonymen aktivistischen Filmemachens. Aktuelle Dokumentarfilme zeigen die menschliche Dimension davon, wie sich der Krieg auf die wirtschaftlich schwachen Regionen und die dort lebende Bevölkerung auswirkt. Dabei wird deutlich: Trotz der weitverbreiteten Zerstörung gibt es Raum für Heroismus, Hoffnung und Poesie.

Im Rahmen der Sonderschau finden am 1. Juli Podiumsdiskussionen und Artist Talks statt, bei denen die Folgen der imperialen Geschichte und der neoliberalen Gegenwart in Mittel und Osteuropa erörtert werden und der Ukrainekrieg in einen breiteren Kontext gestellt wird. Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler sind Pavel Brăila, Dana Kavelina, Zoya Laktionova, Kateryna Lysovenko, Mykola Ridnyi und Philip Sotnychenko.

Zu den KünstlerInnen und ihren Arbeiten

Oleksandr Dovzhenko

(geboren 1894, Sosnyzja, Russisches Kaiserreich, heutige Ukraine, gestorben 1956, Moskau, Sowjetunion) war ein ukrainisch-sowjetischer Drehbuchautor, Filmproduzent und Regisseur, der als einer der Pionier  unverblümten Darstellungen von Krieg und Hunger. Sein Werk wurde von Josef Stalin und seinen Gefolgsleuten heftig kritisiert und des ukrainischen Nationalismus bezichtigt. Nach zwei weiteren Filmen, die er in den 1930er- und 1940er-Jahren drehte, gab er das Filmemachen auf und schrieb Romane. Am Ende seines Lebens wurde er zum Mentor der ukrainischen Filmeschaffenden Larisa Shepitko und Sergei Parajanov. Insgesamt drehte er nur sieben Filme.

Sein in der Ausstellung gezeigter Film Arsenal (1929) ist einer der großen Klassiker des sowjetischen Avantgarde-Kinos und vielleicht die schonungsloseste Darstellung der brutalen Kämpfe in der Ukraine vor 100 Jahren. Er erzählt die Geschichte der Kyjiwer Arsenalwerk-Revolte von 1918, als Arbeiter für die Bolschewiken und gegen die Zentralversammlung der Ukraine rebellierten. Dovzhenko selbst kämpfte als Soldat aufseiten der Regierung, doch sein Film ist alles andere als heroisch. Auf ukrainischer Seite sah man es so, dass Dovzhenko einer prorussischen Version des Bürgerkriegs nachgab, in der die heldenhaften Bolschewiken recht behalten. Die Position des Regisseurs ist jedoch komplexer. Er reflektiert über die Erotisierung der Gewalt und die verführerisch-giftige Süße der Rache. Die erste Episode des Films zeigt die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs in Galizien und der Ukraine, wo noch Österreich-Ungarn der imperiale Besatzer ist. Berühmt ist die Szene eines Gasangriffs, in der die Qualen eines Soldaten als seltsam unheimliche Form des Vergnügens erscheinen. Heute liest sich Dovzhenkos Film wie eine Prophezeiung der aktuellen Gewalt in der Ukraine: Hungersnot, sexuelle Übergriffe, bedeutungslose Schlachten und die Angst vor Giftgas.

Dana Kavelina

(geboren 1995, Melitopol, Ukraine) ist eine Künstlerin und Filmemacherin. Sie arbeitet mit Text, Malerei, Grafik, Video und Installation und produziert Animationsfilme, in denen sie sich mit persönlichen und historischen Traumata, Verletzlichkeit und der Wahrnehmung des Krieges außerhalb der gängigen Narrative auseinandersetzt. Ihre Werke wurden im Kmytiv-Museum, im Closer Art Center, Kyjiw, und im Sacharow-Zentrum, Moskau, ausgestellt. Sie erhielt Preise beim Odesa Film Festival und beim Internationalen Trickfilmfestival KROK.

Oleksandr Dovzhenko, Arsenal (1929), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Dovzhenko Centre

Dana Kavelina, Letter to a Turtledove (2020), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Philip Sotnychenko, Happy New Year (2018), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Proof of War. Quelle: Videoarchiv eines anonymen Telegram-Kanals Proof of War

Russlands Krieg mit der Ukraine begann nicht erst am 24. Februar 2022, sondern mindestens acht Jahre zuvor. Schon damals wurde der kohlereiche Donbas zum Schlachtfeld für die ukrainische Armee und die von Russland unterstützten Separatisten. Kavelinas poetischer Kurzfilm Letter to a Turtledove (2020) erzählt von diesem Krieg und den halluzinatorischen Schrecken, die er entfesselt hat. Er mischt Archivmaterial, Collage-Animationen und Realfilmsegmente mit Szenen aus dem anonymen fünfstündigen Dokumentarfilm „To Watch the War“ (2018). Der heutige Krieg erscheint wie eine Umkehr der sowjetischen Geschichte im Donbas, einst ein Schaufenster der sozialistischen Industrialisierung und der Schrecken der Stoßarbeiter. Dabei implodiert die Geschichte in erschütternden Bildern, in denen sich Dokumentation und Traumlandschaft vermischen. Eine Übertragung im Radio, die sich an die Frauen in den besetzten Gebieten richtet, ist eine bedrohliche Botschaft, die in nahezu religiösen Tönen Zerstörung und Erlösung verskündet – das Versprechen eines Vergewaltigers an seine Opfer. Kavelinas Film erforscht, wie Gewalt von den Überlebenden einverleibt und verinnerlicht wird, zum Teil auch als Schuld. Seine Art, mit diesem sensiblen Thema umzugehen, nimmt die heutige Tragödie vorweg – den massiven Einsatz von Vergewaltigung als Kriegswaffe russischer Soldaten.

Mykola Ridnyi

(geboren 1985, Charkiw, Ukraine) ist ein Künstler, Bildhauer, Filmemacher und Kurator. Seine Performances, Installationen, Skulpturen und Kurzfilme reflektieren die sozialen und politischen Realitäten der heutigen Ukraine. Er hat 2005 die Gruppe SOSka mitgegründet, ein Kunstkollektiv, das zahlreiche Projekte in Charkiw kuratiert und organisiert hat. Seine Arbeiten waren in Ausstellungen und auf Filmfestivals, darunter die transmediale, Berlin (2019), das 35. Kasseler Dokfest (2018), „The Image of War“ in der Bonniers Konsthall, Stockholm (2017), „All the World’s Futures“ auf der 56. Biennale von Venedig (2015), The School of Kyiv – 1. Kyjiwer Biennale (2015).

Russlands Angriff auf seinen Nachbarstaat wird von einer nationalistischen Ideologie angetrieben, die der Adolf Hitlers erstaunlich ähnlich ist. Selbst die brutalen Details des Krieges erinnern an die Verbrechen des Naziregimes. Dennoch rechtfertigt die russische Propaganda die Invasion als eine, die sich gegen „Faschisten“ richtet. Der Film Temerari (2021) von Ridnyi greift dieses äußerst kontroverse Thema auf. In Form eines Reiseberichts aus dem Zeitalter nach dem Internet lässt er die Ästhetik des italienischen Futurismus wieder aufleben. Er untersucht die verwegene Frauenfeindlichkeit dieser Bewegung sowie ihre Vorliebe für reinigende Gewalt und zeigt dabei auch, wie dies in einer Gegenwart wiederkehrt, in der sich ukrainische NationalistInnen von italienischen NeofaschistInnen inspirieren lassen. Im Gegensatz zu den von der Kreml-Propaganda verbreiteten Mythen neigen diese neuen Fans von z. B. Filippo Tommaso Marinetti dazu, auf der Seite Russlands zu kämpfen – zu deren eigenen regulären und irregulären Truppen viele Ultranationalisten und Neonazis gehören. Ridnyis Film bewegt sich geschickt durch die ideologische Komplexität dieses Themas und veranschaulicht, wie Kulturgeschichte die toxischen Ideologien der Vergangenheit normalisiert und reproduziert, und wie Kunstschaffende daran arbeiten könnten, sie vollständig zu dekonstruieren.

Philip Sotnychenko

(geboren 1989, Kyjiw, Ukraine) ist Filmemacher. Er ist Mitbegründer von CUC – Contemporary Ukrainian Cinema, einem Kollektiv junger unabhängiger Filmschaffender. Seine Kurzfilme „Son“, „Nail“ und „Technical Break“ wurden alle auf großen Filmfestivals ausgezeichnet – insgesamt haben es seine sieben Kurzfilme 350-mal in die Auswahl geschafft und mehr als 50 Preise gewonnen.

Zur Jahrtausendwende hätte niemand die aktuelle Katastrophe vorausgesagt, aber die ersten Anzeichen waren schon damals zu spüren. Philip Sotnychenkos Film Happy New Year (2018) besteht aus Found Footage: Eine Videokassette von einer Silvesterparty in Riga beschwört mit VHS-Farben und Bewegungsunschärfe jene Zeit herauf und zeigt, dass die Saat des imperialen Ressentiments nach den drastischen Veränderungen im Europa der 1990er bereits vorhanden war. Auf dem Filmmaterial sieht man eine unschuldige Feier von postsowjetischen, teils lettischsprachigen und teils russischsprachigen Paaren. Silvester wird zur Gelegenheit, wiederholt die alte sowjetische Nationalhymne zu hören – und Russisch als Sprache in der Gruppe durchzusetzen. Aus heutiger Perspektive wirken die beiläufigen rassistischen Beleidigungen und der alltägliche Sexismus der Partygäste kaum unschuldig. Ihre ausgelassene Feier überschneidet sich mit Putins Aufstieg zur Macht und dem ersten militärischen Konflikt seines Regimes, dem Zweiten Tschetschenienkrieg. Unterdessen bejubelte der Rest der Welt die Globalisierung, während man Putin bequem für einen Reformwilligen hielt. Doch das Feuerwerk in Sotnychenkos gefundenem Filmmaterial nimmt die heutigen Explosionen vorweg.

Proof of War. Videoarchiv eines anonymen Telegram-Kanals

In den ersten Stunden des Krieges überschwemmten von Bürgerinnen und Bürgern aufgenommene Videos und Fotos die Kanäle des Instant-Messaging-Dienstes Telegram – das bevorzugte Medium für unmittelbare Kriegsberichterstattung und dasjenige, das auch die Menschen in Russland und den von ihm besetzten Gebieten erreicht. Der anonyme Kanal Proof of War sammelte Clips aus der ganzen Ukraine. Sie zeigen nicht nur die weitreichenden Schäden und menschlichen Verluste, die der Angriff verursacht hat, sondern auch die schwere Niederlage der russischen Streitkräfte, als diese tiefer ins Land eingedrungen sind. Zudem veranschaulichen sie die Tapferkeit der einfachen Bevölkerung, die täglich auf die Straße geht, um gegen die Präsenz der Besatzer zu protestieren. Ende April versiegte die Flut der Bilder, zum Teil weil es verboten wurde, Attacken zu filmen und in Echtzeit Videos davon zu veröffentlichen, da diese von der russischen Seite dazu genutzt werden könnten, den Angriff zu lenken. Die letzten Bilder auf dem anonymen Kanal zeigen die Evakuierung von Zivilistinnen und Zivilisten aus Mariupol – einer Stadt, die fast vollständig zerstört wurde. Proof of War hat seine Veröffentlichungen am 10. Mai eingestellt. Sein Archiv zeigt ein Bild des Krieges, wie er auf Telegram verfolgt werden konnte, über die ersten Kriegsmonate mehrmals pro Minute aktualisiert.

Mykola Ridnyi, Temerari (2021), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Zoya Laktionova, Diorama (2018), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Pavel Brăila, Vera Means Belief (2022), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Kateryna Lysovenko, What Does My Dead Nine-Month-Old Uncle Think About His Debt to the Empire (2022), Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Pavel Brăila

(geboren 1971, Chişinău, Republik Moldau) ist Künstler und Filmemacher. Seine Arbeit befasst sich mit den zerbrechlichen Ökonomien der postsowjetischen Realitäten in einer Mischung aus konzeptioneller Performance und Experimentalfilm. Brăila hat an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, unter anderem im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, in der Tate Gallery, London, in der Renaissance Society, Chicago, im Kölnischen Kunstverein, im Moderna Museet, Stockholm, sowie auf der Documenta 11 und der Documenta 14 in Kassel und Athen und der Manifesta 10 in St. Petersburg.

Die Republik Moldau ist eine der nächstgelegenen Transitzonen für Menschen, die aus der Südukraine und der Region um Odesa fliehen. Seit den ersten Kriegstagen arbeitet Brăila als Freiwilliger in einem Flüchtlingslager im Dorf Palanca nahe der ukrainischen Grenze. Hier traf er auf die 72-jährige Rentnerin Vera Derewjanko aus der ostukrainischen Stadt Pryluky. Seit Monaten weigert sie sich, das Lager trotz zahlreicher Angebote einer besseren Unterbringung zu verlassen, und erklärt, dass sie so nah wie möglich an ihrem Zuhause sein möchte. Brăilas Arbeit Vera Means Belief (2022) konzentriert sich auf den unbeugsamen Charakter von Derewjanko, ihre Beziehungen zu den Menschen im Lager und ihre Gedichte, die sie in der ukrainisch-russischen Mischsprache Surschyk schreibt. Diese Gedichte sind voller erschreckender Bilder von Verlust und Zerstörung, aber auch voller Hoffnung und Lebensfreude – alles Dinge, die Derewjanko in Brăilas Film verkörpert. Dieses neue Werk wird durch ein älteres ergänzt, Fragile Podil, das 2018 in Kyjiw entstanden ist. Ein Band fliegt im Wind über dem historischen Viertel Podil, das zu Kriegsbeginn durch nächtlichen russischen Raketenbeschuss schwer beschädigt wurde und hier in seiner ganzen zerbrechlichen Schönheit erscheint.

Zoya Laktionova

(geboren 1984, Mariupol, Ukraine) ist Fotografin und Filmemacherin. Ihr erster Kurzdokumentarfilm „Diorama“ über das verminte Meer bei Mariupol gewann 2018 einen Preis in der Kategorie MyStreetFilms auf dem Festival „86“, Slawutytsch, und nahm an zahlreichen europäischen Filmfestivals teil, wie der DOK Leipzig, Ji.hlava IDDF oder dem FilmFestival Cottbus. 2020 drehte die Regisseurin ihren zweiten Film „Territory of Empty Windows“, in dem sie ihre persönliche Geschichte schildert. „In meinen Kurzfilmen verwende ich Mikrogeschichte, Auto-Ethnographie und kreatives Geschichtenerzählen, um die Komplexität größerer Ereignisse und historischer Zusammenhänge auszubreiten. Damit baue ich eine Sprache von Mensch zu Mensch auf, die keine politischen Begriffe verwendet und für alle verständlich ist“, so Zoya Laktionova.

Vor dem Krieg war Mariupol eine heruntergekommene Industriestadt am Ufer des Asowschen Meeres, die von zwei riesigen Fabriken dominiert wird. Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 und blühte Mariupoal sogar kurzzeitig auf. Die Kurzfilme von Zoya Laktionova bieten einen sehr persönlichen Einblick in diese postindustrielle postsowjetische Stadt. Ihr Debüt Diorama (2018) zeigt die traurig-schönen Ufer eines stark verminten Meeres, das früher voller Fische war, wie Audioaufnahmen der verstorbenen Mutter der Künstlerin berichten. Dies ist ein Ort, an dem nur Dioramen Bilder einer Artenvielfalt liefern können, die bereits durch Umweltverschmutzung vernichtet wurde. Die Fabriken und ihr Einfluss auf den Alltag und die Biografien der Menschen stehen im Mittelpunkt des zweiten Films der Künstlerin, Territory of Empty Windows (2020). Er wurde ungefähr ein Jahr vor der vollständigen Invasion fertiggestellt und erzählt die bruchstückhafte Geschichte von Laktionovas Familie, die alle im riesigen Hüttenwerk von Asow-Stahl arbeiteten, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und wiederaufgebaut wurde. Jetzt liegt die Fabrik wieder in Schutt und Asche, nachdem sie als letztes Bollwerk der ukrainischen Truppen in der Stadt gedient hat.

Kateryna Lysovenko

(geboren 1989, Kyjiw, Ukraine) ist eine Künstlerin, die hauptsächlich mit Zeichnung und Malerei, aber auch mit Performance arbeitet. In jüngster Zeit hat sie im Gedenkmuseum „Territory of Terror“, Lwiw, ausgestellt sowie in der Galerie Voloshyn, Kyjiw, der Galerie Tiro al Blanco, Guadalajara im Rahmen der Ausstellung „Transcending Boundaries“, 2021, und der Galerie BWA, Zielona Góra, wo sie 2022 auch Artist-in-Residence war. „Ein Großteil meiner Arbeit befasst sich mit der Geschichte der Monumentalmalerei in der ehemaligen Sowjetunion – und ihrer performativen Seite. Meine Aktionen verweisen auf die ideologischen Verschiebungen nach dem Zusammenbruch der UdSSR und darauf, wie Propaganda zu etwas Persönlichem wird. Jetzt, mit dem Krieg, bekommt das alles eine neue Dimension. Zu wenige Menschen verstehen heute die vollen Ausmaße des Krieges, und das ist etwas, was meine Performance zur Eröffnung in der Neuen Galerie thematisieren wird“, so Kateryna Lysovenko.

In ihrer Intervention bei der Ausstellungseröffnung What Does My Dead Nine-Month-Old Uncle Think About His Debt to the Empire (2022) konfrontiert Kateryna Lysovenko das Publikum mit der erschreckenden Kontinuität der Unterdrückung, der ihre Familie wie viele andere aus der Ukraine seit Generationen ausgesetzt ist, nachdem ihre Mitglieder in Pogromen, Kriegen und Hungersnöten ihr Leben verloren. Das Medium für Lysovenkos persönliches Denkmal ist die sozialistische Monumentalmalerei, deren Bildsprache sie seit Kriegsausbruch nutzt, um Traumata ebenso wie Empörung zu reflektieren. In ihrer Intervention knüpft die Künstlerin eine neue Beziehung zu dieser Gattung: Sie nutzt die Leinwände als Stoff, um ihren Körper zu bedecken und zu enthüllen, und entrollt sie zu einem Transparent, wie es bei Demonstrationen genutzt wird. Dieses Werk ist sowohl ein visueller Slogan wie auch ein temporäres Mahnmal. Seine Ursprünge mögen persönlich sein, aber sobald sie entfaltet wird, richtet sich seine Botschaft an alle.

www.steirischerherbst.at            www.museum-joanneum.at/neue-galerie-graz

27. 6. 2022

steirischer herbst 2017: Fünf Tipps aus dem Programm

September 15, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Hoffnung, Angst und allerlei Untotes

Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten – das New Yorker Performancekollektiv lädt mit öffentlichen Dreharbeiten zum Mitspielen ein. Bild: Ditz Fejer

Der steirische herbst feiert Jubiläum, er findet bereits zum 50. Mal statt. Diesen Anlass greift das Festival ab 22. September auf, um grundsätzliche Fragen zu Kunst und Gesellschaft zu stellen: Wo steht man eigentlich? Was hat zu dieser Gegenwart geführt? Und mit welchen Mitteln will man den Platz in der Welt und die Wege, die man zukünftig einschlägt, überhaupt bestimmen? Oder, so das Motto nach einem späten Song von David Bowie: „Where Are We Now?“

Die Beteiligten und Projekte des Jubiläumsprogramms 2017 schaffen Zeit und Raum für Erkenntnis und Sinnlichkeit, Spielfreude im Umgang mit Historischem und Neugier auf das Kommende. Zweckrationalität und Fortschrittsglauben treten hinter das Hier und Jetzt. In unterschiedlichsten Formaten wird nach der Rolle von Hoffnung, Angst und Glücksversprechen für die individuelle wie kollektive Verfassung gefragt. Verborgene Zusammenhänge, allerlei Untotes und verdrängte Wahrheiten treten zu Tage. Träume, Schwindelerregendes und atemberaubend Überstürztes finden ihren Platz im Programm.

Für diverse Veranstaltungen gibt es Shuttles von Wien, Linz und Graz. Fünf Highlights aus dem Programm:

Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten – Der Große Dreh. Ab 15. 9.,Treffpunkt im VAZ Mürzer Oberland. Eintritt frei! Das Nature Theater of Oklahoma wagt das Unmögliche: eine Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“. Der Dreh rund um Neuberg an der Mürz ist gleichzeitig eine Live-Performance. Wer will, kann zusehen, und vor allem: mitmachen. An den Originalschauplätzen in der Obersteiermark wird das New Yorker Performance-Kollektiv  öffentliche Dreharbeiten inszenieren. Dabei ist die Beteiligung der ortsansässigen Bevölkerung wie auch des herbst-Publikums in jeder Hinsicht erwünscht. Größte und kleinste Rollen sind zu vergeben. An allen Ecken und Enden des Films herrscht Bedarf. Egal, ob man nur einen oder zehn Tage Zeit hat, alle, die Lust auf ein Abenteuer haben, können an den Dreharbeiten teilnehmen. Geboten werden wilde Heimatfilm-Phantasmen und eigentümlich anheimelnder Horror. Gedreht wird bis Mitte Oktober an sieben Tagen in der Woche, für die großen Drehs an den Samstagen werden besonders viele Mitwirkende gesucht: Ob man sich am Rande eines monströsen Unfall-Szenarios wiederfindet, einer Untotenparade beiwohnt oder dabei ist, wenn in einem verfallenen Kino die Toten aus der Leinwand steigen – man wird immer zugleich zuschauen und mitspielen. Informationen unter kinderdertoten@steirischerherbst.at; Drehplan unter www.steirischerherbst.at/drehplan.

Bild: Tianzhuo Chen

Florentina Holzinger: Apollon Musagète. Bild: Radovan Dranga

 

 

 

 

 

 

 

 

Florentina Holzinger: Apollon Musagète. Ab 28. 9., Dom im Berg. Die Inszenierungen von Florentina Holzinger sind geprägt durch Kompromisslosigkeit, Kickboxen, Ballett, Gewichtheben, Freakshow und Stunting: In einer nicht enden wollenden Tour de Force eignet sich die österreichische Performerin und Choreografin unterschiedlichste Körpertechniken an, die sie auf der Bühne zugleich meistert und zerstört. Eine Beschwörung der menschlichen Lebenskraft – mit Sexualität, Humor und großer Lust am Risiko. In „Apollon Musagète“ seziert Holzinger das Genre der Freakshow und lässt es mit neoklassischem Ballett kollidieren. Ein nur aus Frauen bestehender Cast nimmt mit großer Leidenschaft Balanchines Choreografien auseinander und konfrontiert deren strenge Form mit der unberechenbaren Kraft und dem tabulosen Witz der Performerinnen. Okkulte Fitnessgeräte, Werkzeuge und schweres Geschütz kommen zum Einsatz und lassen die skurrilen Gemeinsamkeiten zu Tage treten, die die revolutionären Performances der 1960er- und 70er-Jahre mit dem historischen Entertainment der „All American Freakshows“ verbindet: Kategorien von Können und Dilettantismus geraten gehörig ins Wanken, virtuos entlarven die Tänzerinnen den klassischen Mythos von der perfekten Frau, wie er sich in Balanchines Musen manifestiert. Ein Abend voll Wahnsinn, Lust und Ekel, Trash, Entertainment und Hochkultur. Niemand wird geschont, weder das Publikum noch die Künstlerinnen. Erstaufführung im deutschsprachigen Raum.

Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary. Ab 29. 9., Orpheum. Die schwedische Regisseurin Gunilla Heilborn und das Grazer Theater im Bahnhof teilen eine Liebe zum Alltäglichen. Und so begeben sich drei Ensemblemitglieder des TiB gemeinsam mit einer Performerin und einem Tänzer aus Schweden auf die Suche nach Techniken des Erinnerns für die kleinen Details des alltäglichen Lebens. Was löst Erinnern aus? Ist es ein Geruch, ein Pop-Song? Ist das Gedächtnis ein Feld, auf dem man herumstreunt, um Dinge aus der Vergangenheit zu finden? Und wie wäre es, einer dieser wenigen Menschen zu sein, die ein extremes Erinnerungsvermögen haben, das ihnen erlaubt, sich an alles zu erinnern, was sie jemals getan haben – Albtraum oder Segen? Mit verschiedensten Mitteln versuchen die Performerinnen und Performer, ihre Erinnerungen abzurufen, wiederholen und hinterfragen sie – mit besonderem Fokus auf dem, was jenseits großer Ereignisse und Lebensmomente zu liegen scheint. Der 7. April 2017 in Stockholm zum Beispiel: „Wir verlassen die Arbeit per Boot. Mit anderen, die das normalerweise nicht tun würden. Es ist ein schöner Abend. Ein schrecklicher Tag. So ruhig.“ Eine Uraufführung.

Berlin: Zvizdal. Bild: Frederik Buyckx

Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary: Gunilla Heilborn, Pia Hierzegger, Monika Klengel und Lorenz Kabas. Bild: Heilborn/Theater im Bahnhof

Berlin: Zvizdal. Ab 10. 10., Orpheum. Nadia und Pétro Opanassovitch Lubenoc wohnen mehr als 80 Jahre im ukrainischen Zvizdal. Auch die nukleare Katastrophe im nahe gelegenen Kraftwerk von Tschernobyl hat daran nichts ändern können. Ihr Dorf wurde für unbewohnbar erklärt und evakuiert. Während alle Nachbarinnen und Nachbarn es verlassen haben, sind Nadia und Pétro geblieben. „Wenn du an einem Ort geboren wurdest, solltest du in deiner natürlichen Umgebung bleiben“, sagt Pétro. „Wenn ich in eine andere Gegend umziehen müsste, würde ich sterben.“

30 Jahre haben die beiden in selbst gewählter Einsamkeit gelebt. Ohne fließendes Wasser, Strom und Telefon. Inmitten geplünderter Häuser und umgeben von einer Natur, die ungehindert von der unsichtbaren, aber allgegenwärtigen radioaktiven Strahlung das vormals besiedelte Terrain zurückerobert. Eine Situation zwischen Stillstand und Zerfall. Die Künstlergruppe Berlin hat das Paar zusammen mit der Journalistin Cathy Blisson über fünf Jahre hinweg besucht und gefilmt. Das dokumentarische Filmmaterial wird in den Aufführungen mit Live-Bildern aus einem Miniatur-Modell verschnitten, das Pétros und Nadias kleines Biotop im Wechsel der Jahreszeiten zeigt.

Ein Projekt über Einsamkeit, Überleben, Hoffnung, Liebe und den Eigensinn zweier Menschen, die gegen jede verordnete Vernunft handeln – sowie über Kunst, die diese Menschen ebenso unvernünftig und mutig mit langem Atem begleitet. Österreichische Erstaufführung.

Tianzhuo Chen: An Atypical Brain Damage. Ab 12. 10., Dom im Berg. Mit seiner Uraufführung für den steirischen herbst inszeniert Tianzhuo Chen eine düstere und gleichermaßen lustvolle Pop-Oper, in der sich instrumentelle Live-Klänge mit pumpenden Beats vermengen und großstädtische Fashionarroganz auf die Camouflagejacken chinesischer Bauern trifft. Das Publikum bewegt sich durch einen installativen Bühnenraum, in dem kulturelle Codes und ikonografische Figuren von Performerinnen und Performern seziert und akribisch wieder zusammengesetzt werden. Das Material für diese hybride und gleichermaßen ekstatische Leichenfledderei stammt aus globaler Club-Kultur, aus Folklore und Social Media, sowie nicht zuletzt aus Diskursen rund um „das Asiatische“ und „das Europäische“. Tianzhuo Chen ist einer der prominentesten Vertreter einer jungen Generation chinesischer Kunstschaffender, die mit großem Selbstbewusstsein die Extravaganz und selbstgewählte Exotisierung einer kommerzialisierten asiatischen Identität zelebrieren. Für seine Objekte, Performances und Videoarbeiten gestaltet er farbenfrohe, groteske Bildwelten, die voll sind von Referenzen zu Buddhismus, Butoh und Drag, und stellt so eine Verbindung zwischen dem Zusammenbruch überkommener Moralvorstellungen und traditioneller Glaubenswelten her. Tianzhuo Chen war 2017 bereits mit „自在天 / Ishvara“ bei den Wiener Festwochen zu Gast. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25039

www.steirischerherbst.at

15. 9. 2017

steirischer herbst: Fünf Tipps aus dem Programm

September 9, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Teetrinken macht nämlich im Kopf die Grenzen auf

Milo Rau: IIPM – International Institute of Political Murder Empire. Bild: Stefan Bläske

Milo Rau / IIPM – International Institute of Political Murder: Empire. Bild: Stefan Bläske

Am 23. September startet der steirische herbst 2016. Mit „Wir schaffen das“ hat man sich den mittlerweile so berühmten wie berüchtigten Merkel-Spruch als Leitmotiv gewählt – eine gewagte und folgenschwere Aussage, die aber ein Hinweis darauf ist, was der utopische Gehalt von Europa sein könnte: eine Gemeinschaft demokratischer Staaten, die Grundwerte des menschlichen, friedlichen Zusammenlebens garantiert. Und gemeinsam Wege findet, den Herausforderungen dieser Zeit pragmatisch und angstfrei zu begegnen.

Vielleicht ist gerade die aktuelle Situation die Chance, erneut an der Idee von Europa jenseits eines rein ökonomischen Zusammenhangs zu arbeiten, diese Konstruktion ins 21. Jahrhundert zu retten. Welche Werte, welches Menschenbild, welche Modelle von Bildung gilt es, im Dialog mit der Welt zu dekolonialisieren, um sie unter veränderten Vorzeichen neu zu denken? Themen und Fragen wie diese durchziehen das Programm und finden sich auf vielfältigste Weise in künstlerischen und kuratorischen Setzungen wieder. So zeigt der Schweizer Theatermacher Milo Rau am 14. und 15. Oktober im Schauspielhaus Graz in Empire die Geschichten von Menschen, die durch Flucht nach Europa kamen oder an seinen Rändern ihre Heimat haben, und stellt die Frage: Sind Europas uralte Traditionen gefährdet oder ist die Migration nicht gerade eine davon? Die Erzählenden in „Empire“ berichten von Verlust, Gefängnis, Tod und Wiedergeburt, und Rau reizt wie gewohnt streitbar, konsequent,  aber unaufgeregt die Möglichkeiten des Theaters aus, um nicht nur dokumentarisch, sondern höchst politisch aufzutreten. Sicher eine der spannendsten Produktionen in diesem Jahr.

Fünf Tipps aus dem Programm:

Moddi plays Unsongs, 25. September, club panamur: Der norwegische Singer-Songwriter Pål Moddi Knutsen kehrt mit einem besonderen Projekt zum steirischen herbst zurück. Er hat politische Lieder von den schwarzen Listen der Welt gesammelt. Ein Jahr hat er damit verbracht, verbotene Songs aus aller Welt zusammenzutragen, zu übersetzen und neu zu interpretieren. So wurde sein neues Album „Unsongs“ zu einer bewegenden Sammlung politischer Lieder aus Algerien, Libanon, China, Vietnam, Norwegen, Mexico, Chile, USA, Israel, Russland und Großbritannien. Moddi stellt damit Fragen zur Funktionsweise von Zensur, ehrt diejenigen, die diese Lieder schreiben und spielen für ihre Courage und geht mit der Veröffentlichung der Songs selbst das Risiko von Auftrittsverboten und Zensur ein. Im club panamur präsentiert er seine Sammlung live.

Mobile Tea House, ab 29. September, Leibnitz und Leutschach: Rainer Prohaska bringt Ratschengurte und Holzbauprofile nach Leibnitz und Leutschach und ruft zum kollektiven Bau eines Teehauses auf. Ein Plädoyer für Flexibilität und Offenheit. Und eine Einladung zum Dialog aller Kulturen. Im Nahen und Fernen Osten funktionieren Teeräume als Zentren sozialer Interaktion. Länder wie die Türkei, der Iran, Pakistan, Syrien und Libanon kennen das Teetrinken ganz selbstverständlich als Kommunikationsmodus. Japan und China bauen dem Teekonsum gar eigene Bauwerke – eine Inspirationsquelle für Rainer Prohaska. Der gebürtige Kremser wurde schon zu Einzelausstellungen und Vorträgen in zahlreiche Länder eingeladen und hat dabei verschiedene Arten von Teezeremonien kennengelernt. Dadurch angeregt lädt Prohaska nun zum Bau eines „Mobile Tea House“ ein. Durch Beiträge von Gastkünstlerinnen und -künstlern wird das Teehaus zum Dreh- und Angelpunkt für Gespräche, Diskussionen und Plaudereien. Was aber in keinem Fall fehlen darf: Teezeremonien aus den unterschiedlichsten Kulturen der Welt.

Blitz Theatre Group: Late Night. Bild: Vassilis Makris

Blitz Theatre Group: Late Night. Bild: Vassilis Makris

El Conde de Torrefiel: Guerrilla. Bild: Titanne Bregentzer

El Conde de Torrefiel: Guerrilla. Bild: Titanne Bregentzer

Blitz Theatre Group: Late Night, ab 30. September, Hugo Wolf Saal Leibnitz: Das Ende der Welt auf Griechisch: Die Blitz Theatre Group tanzt auf den Trümmern Europas einen surrealen Totenwalzer voller schlichter Melancholie und feinem Humor. In einer apokalyptischen Welt sind drei Frauen und drei Männer übriggeblieben, sie scheinen nur noch ihr abgetragenes Festtagsgewand und ihre Erinnerungen zu haben. In Fragmenten erzählen sie von damals, von einem europäischen Krieg, der so surreal wirkt wie die bunte Festbeleuchtung in dem heruntergekommenen Ballsaal, in dem sich die sechs eingefunden haben.

In Gedanken an glücklichere Zeiten ergehen sie sich in einem so atemberaubenden wie bedrückenden Abgesang auf Europa. Und sie tanzen. Derlei beklemmend prophetische Assoziationen eines Europas, das durch Krieg, Terror und Anarchie geprägt ist, haben „Late Night“ zur großen Erfolgsproduktion der Blitz Theatre Group gemacht, mit der die griechische Company nun erstmals in Österreich zu sehen sein wird.

El Conde de Torrefiel: Guerrilla, Uraufführung am 14. Oktober, Orpheum: Was denkt eine junge Generation über das gegenwärtige Europa, welche Fragen und Zukunftsängste beschäftigen sie? Das Performance-Duo El Conde de Torrefiel stellt junge Menschen aus der Steiermark in den Fokus seiner neuesten Bühnenarbeit. In drei monumentalen Choreografien werden bewegte Stillleben des modernen Alltags entwickelt: eine Konferenz, eine Tai-Chi-Stunde und eine Partynacht. Doch diese scheinbar harmonischen Zusammenkünfte einer Gruppe im Herzen Europas suggerieren alles andere als eine heile Welt. Denn über den Bildern schwebt Text, der die Harmonie so humorvoll wie beunruhigend konterkariert. Schon in den Fragen lauert die Gefahr: „Was bedeutet das Wort Feind für Sie?“ oder „Was würden Sie tun, wenn morgen Krieg wäre?“ Mit „Guerrilla“ zeigen El Conde de Torrefiel beim steirischen herbst zum ersten Mal eine ihrer bildstarken Arbeiten in Österreich. Ihre ausgeklügelte Text-Bild-Schere zeigt: Auch mitten in der Komfortzone entstehen die Kriegserklärungen zuerst im Kopf.

Monika M. Kalcsics und Eugene Quinn: Grenzlandgespräche, 15. Oktober, Kniely Haus Leutschach: Österreichs Grenze zu Slowenien kennt viele Geschichten: Einst war sie Kriegsschauplatz, später wurden ihr entlang Wanderwege und kürzlich Zäune errichtet. Es ist ein kontroverses Thema und weil beim Reden die Leut’ z’sammen und beim Essen am besten ins Reden kommen, lädt der steirische herbst zum Social Dining nach Leutschach. Die „Grenzlandgespräche“ von Monika M. Kalcsics und Eugene Quinn sind Blind Dates der besonderen Art. Hier trifft man Menschen, mit denen man sonst wohl nicht so oft essen geht. Personen, die über die gegenwärtige Situation erzählen und darüber, wie es früher mal gewesen ist, im Grenzland. Geladen werden Bürgermeister, Weinbauern, Kunstschaffende und viele andere, um bei einem Dreigangmenü aus regionalen Spezialitäten mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen.

www.steirischerherbst.at

Wien, 9. 9. 2016

steirischer herbst: Rimini Protokoll zeigt „Mein Kampf“

September 21, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Relikte, Spuren und andere Hinterlassenschaften

Rimini Protokoll, Helgard Haug und Daniel Wetzel: "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" Bild: Candy Welz

Rimini Protokoll, Helgard Haug und Daniel Wetzel: „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“
Bild: Candy Welz

Unter dem Leitmotiv „Back to the Future – Relikte, Spuren und andere Hinterlassenschaften“ blickt der steirische herbst dieses Jahr gleichzeitig intensiv zurück und nach vorne. Eröffnet wird am 25. September mit einer Uraufführung, der eine jahrelange Vorbereitung vorausgegangen ist: Der Komponist Johannes Maria Staud trifft auf den Autor und Büchner-Preisträger Josef Winkler. Sie wagen mit dem Ensemble Modern ein Experiment zeitgenössischen Musiktheaters. „Specter of the Gardenia oder Der Tag wird kommen“  ist ein subtiles Wechselspiel von Musik, Text und Film. Keine Oper, sondern eine installative Konzertperformance – mit Rückblicken in die Kindheit von Josef Winkler sowie ahnungsvollen Blicken in eine gefährdete Zukunft. Schauspieler Johannes Silberschneider übernimmt die tragende Sprechrolle des Abends, die Inszenierung stammt von der jungen Regisseurin Sofia Simitzis. Die zweite große Uraufführung des Eröffnungswochenendes kommt von der dänischen Choreografin und Tänzerin Mette Ingvartsen. Zwölf Performerinnen und Performer vollziehen in „7 Pleasures“ als Bühnenkollektiv eine große, kontinuierliche Bewegung und gehen so der Frage nach, wie die lustvolle Kraft des Vergnügens genutzt werden kann, um Klischeebilder rund um Nacktheit und Sexualität aufzubrechen und Aspekte des Vergnügens, des Hedonismus und der Sinnlichkeit ins Zentrum zu rücken.

Drei Tipps:

Ab 1. Oktober zeigt Rimini Protokoll im Schauspielhaus Graz „Adolf Hitler: Mein Kampf. Band 1 & 2“. Ende 2015 erlöschen die Urheberrechte an Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Die Debatte, ob und in welcher Form die Hetzschrift neu veröffentlicht werden darf, hat längst begonnen. Was ist dran an diesem Machwerk? Wer würde das Buch kaufen, wer würde es lesen wollen? In ihrer neuen Produktion suchen Helgard Haug und Daniel Wetzel nach Antworten auf diese Fragen. In universitären Giftschränken, auf heimischen Dachböden oder ausländischen Flohmärkten haben sie die Spur eines Buches aufgenommen, das seine geschichtspolitische Brisanz bis heute nicht verloren hat. Die Arbeiten von Rimini Protokoll basieren stets auf umfangreichen Recherchen und der Probenarbeit mit „Experten des Alltags“, die auch in dieser Zusammenarbeit mit dem steirischen herbst auf der Bühne stehen werden. Nach der zweiten Vorstellung am 2.10. findet ein von herbst-Intendantin Veronica Kaup-Hasler moderiertes Publikumsgespräch statt.

Am 3. Oktober kommt in den Barbarasälen Vordernberg „Black Moonshine“ vom Theater im Bahnhof zur Uraufführung. Die Grazer Truppe erzählt die Geschichte einer Gemeinde, in der ein Schubhaftzentrum und eine Schnapsbrennerei das Leben der Bewohner verändert. Das neue Schubhaftzentrum steht als Symbol für den Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft. Es ist gut für die Gefangenen, die Sicherheitsleute, die Privatwirtschaft und die Steuereinnahmen. Im Lichte dieses Gefängnisses erzählt das Theater im Bahnhof eine Geschichte über Unternehmertum in seiner ursprünglichsten Form. Von und mit Jacob Banigan, Ed. Hauswirth, Johanna Hierzegger, Gabriela Hiti, Eva Maria Hofer, Markus Klengel, Helmut Köpping, Rupert M. Lehofer und Christina Helena Romirer.

Am 16. Oktober folgen mit „Chinafrika. Under Construction“ von Jochen Becker, Christian Hanussek und Daniel Kötter im Festivalzentrum ’60 Erkundungen zum kulturellen und ökonomischen Austausch zwischen China und Afrika, an dem Europa längst nicht mehr aktiv beteiligt ist. Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und zahlreichen Ländern auf dem afrikanischen Kontinent haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten stark intensiviert. Die ökonomischen und geopolitischen Konsequenzen dieser Entwicklung werden schon seit Längerem international diskutiert. Allerdings sind die damit verbundenen kulturellen Folge­erscheinungen bisher weitgehend ignoriert worden. Die Kuratoren und Theoretiker Christian Hanussek und Jochen Becker haben nun gemeinsam mit dem Experimentalfilmer Daniel Kötter, dessen Werk „Kredit“ im steirischen herbst 2013 uraufgeführt wurde, kulturelle Umschlagplätze zwischen China und Afrika aufgesucht und Feldforschungen betrieben. In ihrer Präsentation zeigen sie erste Rechercheergebnisse.

www.steirischerherbst.at

Wien, 21. 9. 2015