Reopening der Kunsthalle Krems am 1. Juli

Juni 30, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Abstract Painting bis zur sakralen Installation

Gerhard Richter: Frau in Hollywoodschaukel 196-3, 1968. ACT Art Collection Siggi Loch. Courtesy Richter Images. Bild: © Gerhard Richter 2017 (0131)/ Jens Ziehe

Im entkernten Foyer der Kunsthalle Krems empfing der neue künstlerische Direktor Florian Steininger Freitagvormittag ein Grüppchen Auserwählter, um ihnen seine drei Ausstellungen für das spektakuläre Reopening am 1. Juli zu präsentieren. Im Sommer 2016 wurde das Haus für ein Jahr geschlossen, nun ist die Sanierung abgeschlossen, Zeit für die Wiedereröffnung. Deren Glanzstück ist – und damit gleichsam die erste große Themenschau der neuen Leitung – die Ausstellung „Abstract Paiting Now! Gerhard Richter, Katharina Grosse, Sean Scully …“

Steininger selbst hat die Schau kuratiert, abstrakte Malerei ist seine Sache seit mehr als 20 Jahren, schon in seiner Diplomarbeit hat er sich mit ihr beschäftigt – mit Schwerpunkt aufs Österreichische. Diese Kennerschaft zeichnet den Rundgang mit ihm aus – wenn Steininger erklärt und anschaulich macht, ist es tatsächlich so, als sprächen die Bilder zu einem. „Wie er denn ans Werk ginge“, will einer der Rundgänger von Steiniger wissen. Dessen sophistische Antwort: „Ich bau‘ mir im Kopf die Ausstellung vor, damit ich sehe, wie die Werke miteinander können.“

Die Schau beginnt im Oberlichtsaal mit Gerhard Richters „Frau in Hollywoodschaukel“ aus dem Jahr 1968, das in Korrespondenz mit Werken von Herbert Brandl und Erwin Bohatsch gesetzt ist. Etwa 60 künstlerische Positionen umfasst die Ausstellung, deren „historische Basis“ die kommenden Entwicklungen nach dem von Richter und Sigmar Polke getragenen Abstrakten Expressionismus sind. In Österreich haben sich Tendenzen der neuen Abstraktion entwickelt, die ein selbstverständliches größeres Ganzes mit den internationalen Positionen bilden: Ab den 1980er-Jahren stehen konzeptuelle neugeometrische Arbeiten von Ernst Caramelle, Gerwald Rockenschaub und Heimo Zobernig neben Farbfeldmalereien von Erwin Bohatsch, Herbert Brandl, Hubert Scheibl und Walter Vopava. Darauf folgen in der Ausstellung jüngere Positionen, die das Projekt Abstraktion bis heute in voller Bandbreite fortführen.

Erwin Bohatsch: Ohne Titel, 2015. Courtesy Erwin Bohatsch. Bild: Jorit Aust

Wade Guyton: Ohne Titel, 2010. Sammlung Stolitzka, Graz. Bild: Nick Ash

Katharina Grosse tauscht den klassischen Pinsel gegen die Airbrushpistole und kreiert irisierende colour fields. In der modernen Malerei galt das Ornament als Verbrechen, als nutzlose Schlacke der autonomen Kunst. In der stilpluralistischen Postmoderne findet es in der Abstraktion bei Ross Bleckner und Philip Taaffe wieder einen Platz. Der erweiterte Abstraktionsbegriff schließt auch Natur und Landschaft in Form neoromantisch-expressiver Farbfelder wie jener von Per Kirkeby ein. Bei Sean Scully paaren sich Konstruktiv-Geometrisches und malerische Atmosphäre in einer Synthese von Ratio und Emotion. Spiritualität und geometrische Abstraktion in der Nachfolge von Kasimir Malewitsch und Barnett Newman sind bei Helmut Federle essenzielle Kriterien.

Bei Brice Marden und Lee Ufan speichert der Pinselstrich als Zeichen des meditativen Akts das Geistige in der Kunst. Diese Ernsthaftigkeit und diese Konzentration auf Geist und Bild sind auch in den monochromen Gemälden von Marcia Hafif, Joseph Marioni und Günter Umberg anzutreffen. Eine Art Schlusspunkt der Ausstellung setzt Wade Guyton mit seinen minimalistischen Streifenbilder, die er nicht mehr per Hand malt, sondern von einem Tintenstrahldrucker erzeugen lässt.

Tobias Pils: Untitled

Tobias Pils: Untitled, 2017. Kunsthalle Krems. Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln, Galerie Eva Presenhuber, Zürich, Galerie Capitain Petzel, Berlin und Tobias Pils. Bild: Jorit Aust

Für die Zenrale Halle hat der aktuell sehr angesagte Kunstwelt-Darling Tobias Pils eine Malerei-Installation gefertigt. Das Atrium ist endlich der Tageslichtraum, als der es angedacht war. Ursprünglich von Adolf Krischanitz als solches konzipiert, war die Glasdecke die vergangenen Jahre hindurch abgedeckt und der Raum mit Kunstlicht erhellt.

Pils widersetzt sich der Logik des Raumes, indem er ausgerechnet die frontale Glaswand, die von der Rampe aus Einblicke in die Halle gewährte, für seine Installation „Untitled“ beansprucht. Ein Fuß am unteren Bildrand ermöglicht den Einstieg ins Bild. Neben flächigen Formen sowie Linien- und Gitterstrukturen, sind Maschen und Wimpern zu sehen, Füße und Gitter treffen auf opake Flächen, Lasuren oder verwaiste Zonen. Im Zusammenfallen von Figürlichem und Ornamentalem liegt die Quintessenz der Malerei von Tobias Pils: Beim schrankenlosen Aufblättern seiner Empfindungen im Malprozess wird das Intimste nach außen gekehrt, bis zu dem Punkt, an dem das Persönliche Allgemeingültigkeit erlangt. An diesem Punkt ist es dann auch möglich, drei Schwangere im Rapport des Frieses zu befrieden.

Sébastien de Ganay: Transposition and Reproduction

Mit der Dominikanerkirche gewinnt die Kunsthalle Krems 2017 noch einen zusätzlichen Ausstellungsort. Der Fokus liegt hier auf raumbezogenen Projekten in der gotischen Sakralarchitektur. Als erstes wird dort ein Installations-Projekt des in Österreich lebenden französischen Künstlers Sébastien de Ganay zu sehen sein. Alle Objekte, die de Ganay dafür entworfen hat, zeugen von seiner Auseinandersetzung mit den Grenzen zwischen Kunst und Leben. Spektakulär ist die zentrale Bodenarbeit, die fast das ganze Mittelschiff der Kirche ausfüllt. Schwarzweiße Zementfliesen, zu einem monumentalen Rechteck verfugt, zitieren die Bodenfliesen der gotischen Kathedrale Notre-Dame in Amiens. Dieses berühmte Bodenlabyrinth war ein symbolischer Ort für Pilger, die nicht nach Jerusalem pilgern konnten.

De Ganays Arbeit, die man betreten darf, ist einerseits ein riesiges minimalistisch geometrisches „Bild“, verweist aber auch auf die jahrhundertealte kirchliche Tradition. Im langgestreckten Chor hat der Künstler die Form der Pfeiler des Mittelschiffs in acht unterschiedlich hohe Aluminiumskulpturen übertragen. Sie bilden einen imaginären Säulengang, sind in ihrer Hermetik und schimmernden Oberfläche aber auch autarke Objekte. Ein Aspekt, der in mehreren Arbeiten auftaucht, ist das Verschwinden, das Entschwundene, die Absenz. „Look it’s Jesus“: Durchaus mit Humor verweist die Video-Präsentation der Anfangssequenz aus Federico Fellinis „La dolce Vita!“, bei der eine Christusstatue an einem Hubschrauber hängend durch die Luft fliegt, auf den aus der (Dominikaner-)Kirche verschwundenen christlichen Content.

Sébastien de Ganay: Amiens Floor, 2017. Bild: © Studio Sébastien de Ganay, Drohnenfotografie: Rio Liovic / Ebo Rose

Sébastien de Ganay: Candle, 2017. © Studio Sébastien de Ganay, Bild: Simon Veres

De Ganay versteht es meisterhaft, die Stille und Kontemplation des Raums in seiner Installation aufzufangen. Oder wie Kurator Andreas Hoffer sagt: „Er füllt mit seinen Objekten die Leerstellen des säkularisierten Raums.“ Zu diesen Objekten gehören riesige Kerzen in Form der Dominikanerkirche, Beichtstühle, die mittels Briefschlitz zu Wunschstühlen werden. Man kann hier tatsächlich Gebete oder Wünsche deponieren. Und Fußmatten mit ausgestanzter Dominikanerkirche. Hoffer: „De Ganay nennt sie sein ,Matthäus 10:14′: Und wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus von demselben Haus oder der Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen.“ Zweifellos ist die Installation ein Höhepunkt des Reopenings.

Neu: Videotour

Die Kunsthalle Krems entwickelte für die aktuellen Ausstellungen gemeinsam mit dem Netzwerk CastYourArt ein neues, audiovisuelles Vermittlungsangebot. Kurze Videos laden das Publikum ein, sich in Ausstellungsthemen zu vertiefen, und geben Einblick hinter die Kulissen. Gemeinsam mit Künstlern und Kuratoren blickt man fachkundig und kurzweilig auf die Ausstellungsinhalte. Atelierbesuche bei Suse Krawagna und Jakob Gasteiger führen das Publikum vom Ausstellungsort zu den Orten der künstlerischen Produktion. Direkt in den Ausstellungen der Kunsthalle Krems und Dominikanerkirche sind die Videos informative Wegbegleiter. Für die Vor- und Nachbereitung stehen sie auf der Webseite der Kunsthalle Krems allen Besuchern kostenlos zur Verfügung.

Zur Person Florian Steininger: www.mottingers-meinung.at/?p=16178

www.kunsthalle.at

30. 6. 2017

Wiener Festwochen: Democracy in America

Mai 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kapitalismus als Erbschuld der Gründerväter

Von allen guten Geistern verlassen: Elizabeth zweifelt in der neuen Heimat an ihrem alten Gottglauben. Bild: Guido Mencari

Es beginnt mit einer Glossolalie aus Oklahoma City. Die Gnadengabe des Heiligen Geistes wird ins Dunkel des Volkstheaters gewispert, gestöhnt, gesingsangt. Glossolalie, das ist etwas, auf das die Pfingstkirche sehr steht, es bedeutet „in Zungen reden“, also: es redet mich, und ist ein unverständlich gebrabbeltes Gebet. Interessant eigentlich, dass gerade die Erleuchteten nicht immer die hellsten sind.

Interessant auch, dass stets die, die einander am ähnlichsten sind, übereinander herfallen. Von Far West bis Near East, jedenfalls wird es in weiterer Folge noch viel um Zungenschlag, Zündeln und gespaltene … gehen. Die Socìetas von Romeo Castellucci ist einmal mehr mit einer bemerkenswerten Arbeit in Wien: „Democracy in America“. Der Bühnenmagier hat sich diesmal von Alexis de Tocquevilles 1835 erschienener Abhandlung „De la démocratie en Amérique“ inspirieren lassen – und er sagt’s dem Home of the Brave so richtig rein.

Bereits Tocqueville begutachtete die weiße Realutopie mit gemischten Gefühlen. Zwar war er von der Demokratie in der jungfräulichen Neuen Welt durchaus angefixt, doch sah er auch die Gefahren und die Grenzen des Konstrukts: die Tyrannei einer Mehrheit über viele Minderheiten, die Schwächung der Intellektualität und der auf die Fahnen gehefteten Freiheit durch populistische Rhetorik, letztlich die Kreation des Kapitalismus durch die Versklavung von Menschen, durch die Marginalisierung von Menschen. Die in der Verfassung und ihren Amendments, die in der Bill of Rights beschworene Gleichheit, sie ist bis heute Chimäre. Der Kapitalismus der USA ist eine Erbschuld.

Castellucci hat seine Inszenierung seit der Uraufführung in Antwerpen weiterentwickelt. Und er setzt diesmal beinah schon auf Narration. Natürlich, im Mittelpunkt der enigmatischen Aufführung stehen – im Wortsinn – im Gazenebel gehaltene Szenen, Tänze oft, fantastische Theaterbilder, die wegen ihrer Schönheit und in ihrer eindringlichen Stille betroffen machen. Eine Fahnenschwenktruppe formt Begriffe. Crime ist zu lesen, und Cynic. Eine blutüberströmt nackte Frau schält sich aus der Gruppierung und beginnt mit ihren langen, nassen Haaren auf einen Metallgalgen einzudreschen. Gong. Gong. Gong. Sie peitscht das Joch, das ihr der Schöpfer auferlegt hat, denn mehr als üblich arbeitet sich Castellucci diesmal am Gottesbegriff ab. Es geht um Aberglaube und Abfall vom Glauben, um Puritanismus, er letztlich die Grundlage der USA, um Bigotterie – und um das Gefühl, von Gott verlassen zu sein.

Von bösen Geistern umzingelt: Nathanael versucht die alten Indianerkräfte von seinem neuen Besitz fernzuhalten. Bild: Guido Mencari

Man hört den „Steinmetzsong“ schwarzer Häftlinge aus dem Jahr 1966, sieht einen gespenstischen Aufmarsch des Ku-Klux-Klans, schamanistische Visionen von God’s own Country, liest projizierte Geschichtsdaten. Schlacht folgt auf Schlacht. Geburt, auch die einer Nation, besteht aus Blut und Scheiße. Auf derart philosophische Sketches folgen bewegende Szenen. Der schweißrote Faden ist ein Siedlerschicksal zur Zeit der „Pilgerväter“.

Ein hart gewordener Menschenschlag in einem harten Land, Elizabeth und Nathanael. Sie verkauft ihre Tochter für Werkzeug und Saatgut, macht ihr Kind zum Pflugschar. Eine alte Indianerin beobachtet die Szene – und ergreift als Geist von der jungen Frau Besitz. Die beginnt nun besessen in einer indianischen Sprache wehzuklagen und den abwesend-schweigenden Gott zur Rede zu stellen. Blasphemie! Der Rest ist … Hexenjagd.

Schließlich, Schlussszene. Noch eine Tragödie hat die Theatercollage zu beleuchten: die der amerikanischen Ureinwohner. Zwei von ihnen lernen in einem Dialog die Migrantensprache – Englisch. Mühsam, warum nur klingt Hair fast wie Ear, meint aber nicht dasselbe? Sie wollen nicht Fremde im eigenen Land werden, sie wollen von der Mayflower-Mutter-Borg assimiliert werden. Lieber denn ausgerottet werden, besser denn auszusterben. Ihre Bemühungen haben nichts genützt, man weiß es. Im Land of the Free führte die hellhäutige Fackel die indigenen Völker in die Finsternis, das nationalistische Heilsversprechen der Staatengründer, es galt nicht für sie.

Castellucci Ensemble besteht nur aus Frauen: Evelin Facchini, Olivia Corsini, Gloria Dorliguzzo, Giulia Perelli, Stefanie Tansini, Sophia Danae Vorvila, Daniela Nitsch, Bianca Anne Braunesberger, Wendy Kok, Paolina Neugebauer, Anicka Prokopova, Nadine Schimetta, Nicole Steininger, Sarah Dworak, Magdalena Bönisch, Anja Struc, Irina Mocnik  und Janine Hickl. Ist das sein Woman is the Nigger of the World? Längst hat man verstanden, meint man verstanden zu haben, Castellucci geht’s in seiner suggestivkräftigen Arbeit um mehr Vereinigtes, als nur die Staaten. Sein Theaterrätsel scheint ein prinzipiell gemeinter Einspruch gegen „Herrscher“ und sozialdarwinistische Herrschaftsverhältnisse. Seine Performance ist ein Puzzle, wie stets auch diesmal ein Denk/Spiel, das dem Publikum Raum für individuelle Interpretation lässt.

Und dann ist man doch gedanklich wieder bei den USA und irgendwie der Hoffnung, dass, solange Europa Vordenker und Freigeister wie Castellucci hat, hier das Blasen von biblischen Trumpeten verhindert, heißt auch abgewählt, werden kann. Nämlich, von Democracy zu crazy ist es nur ein Buchstabe …

www.festwochen.at

24. 5. 2017

Michael Kienzer-Schau in der Minoritenkirche Krems

August 24, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Kuratiert vom neuen Kunsthallen-Chef Florian Steininger

Michael Kienzer im Klangraum Krems Minoritenkirche. Bild: Oliver Ottenschlager

Michael Kienzer im Klangraum Krems Minoritenkirche. Bild: Oliver Ottenschlager

Weil die Kunsthalle Krems bis Juli 2017 wegen Generalsanierung geschlossen ist, hat sich deren neuer Direktor den Klangraum  Minoritenkirche ausgewählt, um dort seine erste Schau zu kuratieren. Ab 27. August zeigt Florian Steiniger mit einer Ausstellung über Michael Kienzer erstmals in Krems seine künstlerische Handschrift.

Michael Kienzer bespielt das Langhaus, die Seitenschiffe sowie den Chorbereich mit einer ortsbezogenen Installation, die eigens für dieses dreiwöchige Ausstellungsprojekt entstanden ist. Die Arbeit für die Kirche ist aus einer Konstruktion mit Metallrohren und Holzplatten zusammengesetzt. So entsteht ein offener Raster, ein Gerüst für eine Assemblage im Raum. Bei genauerer Betrachtung wird man erkennen, dass nur ein paar wenige Stellen der Konstruktionen verschraubt sind, oder gar nur lose hineingesteckt oder provisorisch fixiert. Kienzer lädt sein Werk mit Dynamik, mit einer Spannung auf; es enthält eine prekäre Energie, auf der Kippe zur Destruktion.

Die Qualitäten der Montage und Konstruktion sowie die Vernetzung seines Objekt mit dem Raum – bis hin zum öffentlichen  – spielen im Werk von Michael Kienzer eine zentrale Rolle. Der Künstler, geboren 1962 in Steyr, studierte Bildhauerei in der Meisterklasse von Josef Pillhofer und zählt zu den führenden Vertretern der „Neuen Skulptur“ der 1980er- und 1990er-Jahre. Ausgehend von einer vermehrt expressiven bildhauerischen Arbeitsweise hat sich sein Skulpturenbegriff in Richtung spatial-konstruktivistische Konzeptualität verlagert. Konventionelle Kriterien werden von Kienzer über Bord geworfen: kein Sockel, der das Kunstwerk hermetisch vom Betrachterraum trennt und es dadurch erhöht, keine figurative, narrative oder symbolische Bestimmung, keine handwerklichen Spuren im Sinne des schöpferischen Formens. Der Bildhauer wird zum Ingenieur und Konstrukteur, arbeitet mit industriell vorgefertigten Materialien anstelle mit Stein, Holz oder Bronze. Diese Materialkultur und die konstruktivistische Struktur der Skulpturen sind sonst vor allem in der russischen Avantgarde um 1915 bis in die frühen 1920er-Jahre bekannt.

Michael Kienzer. Bild: Atelier M. Kienzer

Michael Kienzer. Bild: Atelier M. Kienzer

Michael Kienzer: Sich, Kunsthaus Graz 2012. Courtesy Galerie Elisabeth & Klaus Thoman Innsbruck/Wien. Bild: Universalmuseum Joanneum/Nicolaus Lackner

Michael Kienzer: Sich, Kunsthaus Graz 2012. Courtesy Galerie Elisabeth & Klaus Thoman Innsbruck/Wien. Bild: Universalmuseum Joanneum/Nicolaus Lackner

Mehr zur Person Florian Steininger www.mottingers-meinung.at/?p=16178 und seinen Plänen für die Kunsthalle Krems www.mottingers-meinung.at/?p=19864

www.kunsthalle.at

Wien, 24. 8. 2016

Kunsthalle Krems: Die Pläne von Florian Steininger

Mai 13, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Im Juli 2017 geht’s los mit Gerhard Richter und Co.

Florian Steininger. Bild: Lukas Beck

Florian Steininger. Bild: Lukas Beck

Florian Steininger übernimmt mit Juli 2016 die künstlerische Leitung der Kunsthalle Krems und lud deshalb Freitag Vormittag zu einem ersten Gespräch über seine Ausstellungspläne. „Die Kunsthalle Krems ist und bleibt das internationale Ausstellungshaus für aktuelle Kunst in Niederösterreich“, sagt er. „Meine Programmatik speist sich aus der Kunst seit 1945, wobei ich den Schwerpunkt auf das Zeitgenössische legen werde. Die Kunsthalle Krems wird arrivierten wie auch aufstrebenden jungen Positionen aus dem In- und Ausland eine große Plattform bieten, auf der innovative, medienübergreifende, gesellschaftsaktuelle und kunstspezifische Beiträge verhandelt werden.“

Die Präsentationen werden in Form umfassender Themen- und Personalausstellungen erfolgen. Die erste große Themenschau „Abstract Painting Now! Gerhard Richter, Katharina Grosse, Sean Scully …“  ab Juli 2017 bildet den Ausgangspunkt für die Programmlinie des neuen künstlerischen Direktors. Zudem werden umfangreiche Ausstellungen Einblicke in hochkarätige private Sammlungen von moderner und zeitgenössischer Kunst geben, wie zum Beispiel in die Schweizer Privatkollektion von Hubert Looser. Die mediale Ausrichtung reicht von den klassischen Disziplinen wie Malerei, Zeichnung und Skulptur über Fotografie, Video, Film und Performance bis zu Installation und anderen konzeptuellen sowie neumedialen Disziplinen. Durch die alljährliche Kooperation mit dem donaufestival unterstreicht die Kunsthalle Krems ihre interdisziplinäre und progressive Ausrichtung.

Das Augenmerk von Steininger liegt auch auf einem erweiterten Kunstvermittlungsprogramm. “Als Kurator und nun als Direktor sehe ich mich auch als kunstvermittelnde Person; sehr oft geht es um eine Entschlüsselung einer ‘stummen’ Kunst, die eine andere Art von Sprache als die unsrige kennt. Diese Tore zu öffnen, ist entscheidend”, begründet er und fügt hinzu: “Die künftigen Besucherinnen und Besucher der Kunsthalle Krems sollen die Ausstellungen nicht nur auf einer sinnerfassenden Ebene begreifen, sondern vor allem als sinnlich emotionales Erlebnis.”

Bernard Frize: Balaire, 2015. © Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Markus Wörgötter

Bernard Frize: Balaire, 2015. © Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Markus Wörgötter

Katharina Grosse: Ohne Titel, 2013. © Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Olaf Bergmann

Katharina Grosse: Ohne Titel, 2013. © Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Olaf Bergmann

Die Kunsthalle Krems schließt mit 20. Juni vorübergehend ihre Pforten. Nach 21 Ausstellungsjahren mit mehr als 1,3 Millionen Besuchern sind Sanierungsarbeiten dringend nötig. Dazu gehören unter anderem die Dachsanierung, eine verbesserte Konditionierung der Ausstellungsräume, die Neugestaltung des Eingangsbereichs, die unterirdische Verbindung zum geplanten Neubau des Kunstmuseums vis á vis der Kunsthalle Krems, die Einrichtung einer Studienbibliothek aus den Beständen der Kunstmeile Krems sowie die Erweiterung der Büroräumlichkeiten. Die Wiedereröffnung erfolgt am 1. Juli 2017. Mit der Dominikanerkirche gewinnt die Kunsthalle Krems dann noch einen zusätzlichen Ausstellungsort. Der Fokus soll dort auf raumbezogenen Projekten in der gotischen Sakralarchitektur liegen. Als erstes wird ein Installations-Projekt des in Österreich lebenden französischen Künstlers Sébastien de Ganay zu sehen sein.

Zur Person Florian Steininger: www.mottingers-meinung.at/?p=16178

www.kunsthalle.at

Wien, 13. 5. 2016

Kunsthalle Krems: Florian Steininger ist der neue Leiter

November 20, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Tritt nach der Generalsanierung im Frühjahr 2017 an

Florian Steininger Bild: (c) Daniela Beranek/Kunsthalle Krems

Florian Steininger
Bild: (c) Daniela Beranek/Kunsthalle Krems

Florian Steininger ist neuer künstlerischer Leiter der Kunsthalle Krems. Er wurde laut einer Aussendung vom Freitag nach einer Ausschreibung unter 45 Bewerbern ausgewählt. Steininger tritt am 1. Juli 2016 die Nachfolge von Hans-Peter Wipplinger an, der mit 1. Oktober als museologischer Direktor ans Leopold Museum gewechselt ist und dort diese Woche mit „Flüchtige Schönheit“ seine erste Schau eröffnet hat (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=15937). Die Position ist auf fünf Jahre befristet. Ab der Wiedereröffnung der Kunsthalle Krems nach Umbau und Generalsanierung, voraussichtlich im Frühjahr 2017, ist Steininger für die Programmstrategie und das künstlerische Programm verantwortlich.

Ihr neuer Chef soll die Kunsthalle Krems „in konsequenter Abstimmung“ mit den anderen künstlerischen Leitern der Kunstmeile Krems – Neues Kunstmuseum Krems, Karikaturmuseum Krems, Forum Frohner und AIR-Artist in Residence Niederösterreich – künstlerisch weiterentwickeln und positionieren“. Heißt: Steiningers Aufgabe soll es sein, das Profil der Kremser Kunsthalle als wichtigen Wahrnehmungsort der zeitgenössischen Kunst zu schärfen, da gegenüber die neue Landesgalerie errichtet werden wird, in der das Land Niederösterreich seine Sammlung zeigt. „Mir ist auch wichtig, den experimentellen Charakter der Kunsthalle hervorzuheben, dass man auch da sehr, sehr offen ist. Schlagwort auch Donaufestival: dass man da auch einen wichtigen Kooperationspartner hat“, zitiert noe.orf.at Florian Steininger. Ein wichtiger Punkt auf dessen Agenda muss auch die Erstellung von künstlerischen Programmen während der Phase des Umbaus und der Schließzeit der Kunsthalle Krems sein, entweder im öffentlichen Raum oder an Ersatzausstellungsorten.

Steininger wurde 1974 in Wien geboren und hat an der Universität Wien ein Studium der Kunstgeschichte absolviert. Er verfasste als Kunstkritiker für die Tageszeitung Die Presse Ausstellungsrezensionen und war für die Kunstvermittlung der Sammlung Essl aktiv. Seit 2001 war Florian Steininger im Bank Austria Kunstforum als Kurator tätig und zeichnete dort für zahlreiche Gruppenausstellungen und Personalen verantwortlich, darunter „Willem de Kooning“, „Frida Kahlo – Retrospektive“ und „Warhol – Basquiat“ sowie, derzeit laufend, „Liebe in Zeiten der Revolution – Künstlerpaare der russischen Avantgarde“ (zur Ausstellung: www.mottingers-meinung.at/?p=15325). 2010 wurde Florian Steininger mit der kunsthistorischen Aufarbeitung der Schweizer Privatsammlung Hubert Looser betraut, seit 2015 ist er Sammlungsleiter dieser Kollektion mit Schwerpunkt auf Klassischer Moderne, Abstraktem Expressionismus und Minimal Art.

www.kunsthalle.at

Wien, 20. 11. 2015