Rabenhof: Vatermord

Dezember 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genüsslich gespielter Generationskonflikt

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

„Der Oide“ verspätet sich. Nicht zufällig, der Junior hat ihn nämlich absichtlich ins falsche Theater geschickt. Das lässt ihm Zeit, das Publikum auf die Ankunft des Papas vorzubereiten, dieser einst Theater- und Filmstar, jetzt hauptsächlich ein in seiner Villa versauernder Fernsehzuschauer – und, sagt der Sohn, schon ein bissl versulzt. Um die grauen Zellen wieder auf Vordermann zu bringen, soll dem Vater nun zum Revival verholfen werden. Im Rabenhof, und so beginnt dort der Abend „Vatermord“.

In dem Erwin Steinhauer und Matthias Franz Stein erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen. Vor zwei Jahren verriet Stein in einem Gespräch (www.mottingers-meinung.at/?p=17699), dass man zusammen an einem Programm tüftle. Da probierte er sich gerade als Kabarettist neu aus, nun ist es also unter der Mitautorenschaft von Alfred Dorfer und Fritz Schindlecker so weit gekommen. Und nicht, dass man prinzipiell erwarte, wenn der Vater mit dem Sohne …, werde aus dem Familien-Nähkästchen geplaudert, so hat die Wuchteldruckerei doch einen wahrheitsgemäßen Kern. Und, apropos: Kern, weil wo Steinhauer drauf steht, auch Politsatire drin ist, gibt es den einen oder anderen Querschläger auf Kanzler Kurz und den von ihm so genannten „Landhäusl“.

Wobei sich Stein nicht nur als begnadeter Parodist in Sachen Echokammer-Effekte entpuppt, sondern auch als ein großartiger Komödiant, der vom Vater den Rhythmus im Blut und auch die Gesangsstimme geerbt hat. Die beiden schenken sich ein und schenken sich nichts, genüsslich wird dieser Generationskonflikt gespielt, wenn der eine erklärt, die abgenudelten Nummern nicht mittragen zu wollen, worauf der andere kontert, „die depperten Sketch“ hätten immerhin dessen Ausbildung finanziert.

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Drei Spielebenen schieben sich laut Text ineinander. Einerseits steht man schon mitten in der Show, andererseits probt man diese noch daheim, und dort auch einer gegen den anderen den Aufstand, und dann ist da noch Matthias‘ Tagebuch, aus dem er mit heiterer Verzweiflung rezitiert. Während die Männer nämlich über die richtige Konsistenz von Klopapier, das Kiffen und Karriere-Vergleiche streiten, zerbröckelt die überhebliche Fassade des Jüngeren mehr und mehr. Es stellt sich heraus, dass der Josefstadt-Schauspieler von ebendieser gekündigt wurde, und ihn auch die Freundin vor die Tür gesetzt hat.

Was die Frage aufwirft, wer denn nun tatsächlich das Comeback braucht, und ob der Vater wirklich die „Burn-Haut“ des Sohnes retten soll … „Er is a working poor mei Bua“, bedenkt sich Steinhauer, und weil das natürlich für Lacher sorgt, tadelt dieser Richtung Zuschauerraum: „Sie san scho sei Publikum.“ Regisseurin Caroline Welzl ist mit Erwin Steinhauer und Matthias Franz Stein ein supersympathischer Abend gelungen, lustig, hinterlistig und sprachverspielt. „Humor“, sagt Steinhauer an einer Stelle, „ist ein Platzhalter für Intelligenz.“ Besser lässt sich „Vatermord“ nicht beschreiben. Ach ja, was es mit dem auf sich, und warum eine Urne beinah das letzte Wort hat, das muss man sich selber anschauen.

Video: www.youtube.com/watch?v=MjUiW_eV_Js&feature=youtu.be

www.rabenhoftheater.com

  1. 12. 2018

Die Wunderübung

Januar 29, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer als Therapeut am Ende seiner Kräfte

Der Therapeut hat, so scheint’s, selber Probleme: Erwin Steinhauer. Bild: © Allegro Film

Michael Kreihsl ist so etwas wie ein Daniel-Glattauer-Spezialist. Nicht nur dessen Komödien „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ hat er höchst erfolgreich an den Kammerspielen der Josefstadt inszeniert, sondern 2015 auch dessen drittes Beziehungsstück „Die Wunderübung“.

Mit dieser kommt Kreihsl nun ab 2. Februar in die heimischen Kinos, und beweist damit, dass das turbulente Kammerspiel auch auf der Leinwand funktioniert. Wie schon auf der Bühne mit dabei ist Aglaia Szyszkowitz, mit ihr spielen Devid Striesow und Erwin Steinhauer.

Letzterer gibt ganz großartig einen Paartherapeuten am Ende seiner Kräfte. Kommen zu ihm doch die zerstrittenen Eheleute Joana und Valentin Dorek – Szyszkowitz und Striesow. In der Polemik ist man noch ein eingespieltes Team, aber außer Gehässigkeiten haben die beiden einander nicht mehr viel zu sagen. Auf Geheiß der gemeinsamen Tochter soll’s der Psychologe nun richten. Doch der wird von den Doreks an seine Grenzen gebracht. Bis auf seinem Handy ein E-Mail aufscheint: Seine Frau hat ihn verlassen. Nun ist es an Joana und Valentin gute Ratschläge zu erteilen. Falls das alles nicht nur eine Finte war …

„Die Wunderübung“ ist ein wunderbarer Film darüber, wie sich Liebe abnützt und wieder aufpoliert werden kann. Kreihsl bleibt, wie es sich für ein Kammerspiel gehört, 90 Minuten lang frontal auf den Gesichtern seiner Protagonisten. Das rückt beim sich hochschaukelnden Schlagabtausch sowohl Steinhauers verschmitzte Miene, als auch Striesows ob der ungewöhnlichen Methoden des Therapeuten ungläubig aufgerissene Augen perfekt in den Fokus. Und niemand kann wohl schöner von 0 auf 180 gehen, als Aglaia Szyszkowitz‘ Joana, wenn Valentin als ihre besten Eigenschaften „klug und tüchtig“ nennt.

Der Therapeut setzt auf seltsame Partnerschaftsübungen: Aglaia Szyszkowitz, Erwin Steinhauer und Devid Striesow. Bild: © Allegro Film

Die zerkrachten Eheleute Joana und Valentin sollen wieder zueinander finden: Devid Striesow und Aglaia Szyszkowitz. Bild: © Allegro Film

Steinhauer überzeugt als abgeschmuddelter, Süßkram in sich stopfender Therapeut, Szyszkowitz und Striesow giften auf höchstem Niveau, bis sie in den Selbstzufriedenheitsmodus fallen, wenn sie sich gegen den Therapeuten verbünden. Neben diesem exzellenten Darstellerdreigestirn überzeugt Kreihsl Arbeit durch ihren leisen Humor und einen subtilen Sarkasmus. Dabei sind die Dialoge eins-zu-eins ehrlich und wie aus dem Leben gegriffen. Nicht wenige werden glauben, sie sehen ein Spiegelbild.

www.diewunderuebung.derfilm.at

  1. 1. 2018

Theater in der Josefstadt: Fremdenzimmer

Januar 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Lösung liegt in der Luft

Ein Fremder in der Wohnung! Ulli Maier als Herta Zamanik, Tamim Fattal als Samir und Erwin Steinhauer als Gustl Knapp. Bild: Herbert Neubauer

Am Ende wird abgehoben, rein ins Flugzeug, raus in eine bessere Welt. So schön surreal endet Peter Turrinis Tragikomödie „Fremdenzimmer“, von Herbert Föttinger am Donnertag am Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht. Turrinis Text sei unter den Eindrücken des Jahres 2015 erarbeitet worden, erfährt man eingangs im Gespräch, doch definitiv ging es dem Dramatiker weniger darum eine Flüchtlingsgeschichte zu schreiben.

Als eine hiesige, eine „einheimische“ zu bespiegeln. Der vorkommende syrische Junge nämlich kommt erst gar nicht zu Wort – bis auf einen in Englisch gehaltenen Monolog über das Grauen seiner Flucht. Stumm, mit großen, fragenden Augen bleibt er Katalysator, Ventil, Projektionsfläche für diffuseste Ängste und Ablehnung von allem, was mit „Ausländer“ irgend zu tun hat. Wie die Realität so spielt. Was Turrini da an Vorurteilen und Vorverurteilungen, Widerstreben und Widerwillen für sein Volksstück zusammengetragen hat, spricht für seinen hinterlistigen Humor. Und Ulli Maier und Erwin Steinhauer bringen das Ganze so über die Rampe, dass einem beim Lachen die Tränen in die Augen steigen. „Fremdenzimmer“ ist ein entlarvendes Stück, weil es wie vor sich hingesagt formuliert, was von vielen, von immer mehr auch schon so vor sich hin … Ohne daran zu denken, dass Sprache die schärfste Waffe ist.

Davon erzählt Turrini, und dies wie immer mit einer großen Liebe für seine Figuren. Er erzählt von Herzen, die so hart geworden sind, dass sie umso leichter brechen, von zwei Leben, in die nie die Hoffnung fuhr. Bis er den beiden ein Licht aufsteckt. So gesehen ist „Fremdenzimmer“ ein Zimmer mit Aussicht. Peter Turrini kommt schließlich nämlich zu dem Schluss: Die Lösung liegt in der Luft. Man brauche sie nur zu greifen. Für all das verzichtet Regisseur Föttinger auch auf Verortung, was sich hier abspielt, das kann sich überall ereignen, heißt das, und Walter Vogelweider schuf dafür einen imaginären Bühnenraum.

Man hat einander nicht mehr viel zu sagen: Ulli Maier und Erwin Steinhauer. Bild: Herbert Neubauer

Nur manchmal darf man noch träumen von einem besseren Gestern: Ulli Maier und Tamim Fattal. Bild: Herbert Neubauer

In diesem spielen Herta Zamanik und Gustl Knapp, Maier und Steinhauer, tagtäglich ihr Beziehungstheater. Man hat sich auseinandergelebt, einander schon lange nichts mehr zu sagen, da steigt zwischen Karaoke Singen und Modellflugzeug Basteln die brennende Welt, die man nur aus dem Fernsehen kennt, in die Wohnung ein. Samir aus Aleppo, dargestellt von Tamim Fattal. Er will sein Handy aufladen, und weil Gustl sagt, in seiner Wohnung nicht, und Herta meint, das wäre aber bitteschön auch die ihre, wird er von ihr gezwungen zu bleiben. Als Sohnersatz, der tatsächliche ist vor mehr als 30 Jahren verschwunden. „Wir verstehen uns auch nicht, wir tun nur so“, wischt Herta Gustls Argumente wegen fehlender Deutschkenntnisse vom Tisch.

In durch Scheinwerferblendung und Christian Brandauers Musik getrennten Szenen lässt Föttinger das Spiel nun ablaufen. Immer schneller drehen sich Gustls Ressentiments und Hertas positiv gemeinter, dennoch Rassismus im Kreis. Motto: Alles nicht so bös gemeint, aber man wird doch im eigenen Land noch sagen dürfen … Ulli Maier und Erwin Steinhauer gestalten das fabelhaft, schwankend zwischen der inzwischen eingekehrten Lakonie, mit der sie über ihr verpfuschtes, verpasstes Dasein reden, und einem dennoch Aufbrausen über die Ungerechtigkeit des Schicksals.

Gustl, der wegen eines mutmaßlich Nervenzusammenbruchs frühpensionierte Postler, der grantelnde Schmerzensman, der sich selber einen „alten Sozi“ nennt, und an Gott und der Welt (ver-)zweifelt, Herta, die „wer weiß was alles“ machen musste, um sich und ihr Kind durchzubringen. Turrini, wie in etlichen seiner Stücke, zeigt mit dem Finger auf eine Sozialdemokratie, die ihre Stammwähler aus Ignoranz gegenüber deren Sorgen und Problemen in die Richtung derer getrieben hat und treibt, die den vielzitierten „kleinen Mann“ mit offenen Armen an ihre blaue Brust ziehen. Samir, nun mit Steirerjanker ausstaffiert, sieht sich Gustls Sermonen und Hertas Mehlspeismassakern ausgeliefert.

„Ihr könnt‘s eher Hammel, gell“, sagt sie, und wunderbar ist, wie Steinhauers Gustl, der Diabetiker, eine Cremeschnitte umschleicht. Großartig, wie der Kampf der Kulturen am Blutdruckmessgerät ausgetragen wird. Beklemmend, wie es nach dem Biertrinken heißt: Volle Integration! Steinhauer und Maier spielen das so, wie ihre Figuren sind: ohne Genierer. Ihre trockene, pointierte Darstellung sorgt dafür, dass sich eine mögliche Sentimentalität im Zaum hält. Aber so unnachgiebig die Herta und ihr Gustl scheinen mögen, machen sie doch durch kleine Gesten deutlich, dass eine Liebesannäherung noch möglich ist.

Am Ende wird in Peter Turrinis Volksstück endlich abgehoben: Ulli Maier, Tamim Fattal und Erwin Steinhauer. Bild: Herbert Neubauer

Und sie wird passieren. Durch den Fremden. Durch die gemeinsam erlebte Fürsorge für jemanden Dritten. Und weil der Mensch den Menschen schlussendlich als solchen erkennt. Turrini, der alte Humanist, glaubt an Lernfähigkeit. Bei ihm siegt Poesie über Politik. Von wegen „konzentrierte Unterbringung“.

„Die beste Lösung ist, man kommt in Kontakt und hört sich ihre Geschichte an“, sagt Ulli Maier im Gespräch mit mottingers-meinung.at übers Kennenlernen als Hilfsmittel gegen die hysterisch geführte sogenannte „Flüchtlingsdebatte“. Eine Lösung, die wie gesagt, in der Luft liegt. Zu „Fremdenzimmer“, zu Herta und Gustl, zu Abschiebung und Ausweisung, fällt einem noch Saint-Exupéry ein: Man bleibt ein Leben lang für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat.

Ulli Maier im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28021

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=NOtjfvm9AhQ

www.josefstadt.org

  1. 1. 2018

Theater in der Josefstadt: Ulli Maier im Gespräch

Januar 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie spielt in Peter Turrinis „Fremdenzimmer“

Ulli Maier als Herta Zamanik. Bild: Herbert Neubauer

Das hintere Kabinett muss immer frei bleiben. Wie eine Art Fremdenzimmer. Stets aufgeräumt und jederzeit beziehbar: Nur unter dieser Bedingung ist Herta damals bei Gustl eingezogen. Denn das verschwundene Kind kommt zurück. Irgendwann.
Und plötzlich steht er da, ein verlorener Sohn. Doch es ist nicht der, auf den man gewartet hat, es ist Samir, 17 Jahre und syrischer Flüchtling.

Vielleicht aus Menschlichkeit oder Sentimentalität, vielleicht aber auch aus Trotz gegenüber Gustl, der Samir sofort aus der Wohnung schmeißen will, setzt Herta durch, dass der junge Mann bleiben darf. Oder muss … So beginnt Peter Turrinis neues Stück „Fremdenzimmer“, das am Donnerstag am Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht wird. Regie führt Herbert Föttinger; es spielen Ulli Maier, Erwin Steinhauer und Tamim Fattal. Ulli Maier im Gespräch:

MM: Sie spielen in „Fremdenzimmer“ die Figur Herta Zamanik. Ist sie die Gute?

Ulli Maier: Bestimmt nicht. Man könnte den Text so lesen, aber wahrscheinlicher ist, dass, wie bei Paaren üblich, sie und der Gustl Knapp ganz ähnlich über Flüchtlinge denken. Nämlich: die sollen zu Hause bleiben … Es gibt aber einen Punkt, ganz am Anfang des Stücks, wo der Gustl sagt, so einen Ausländer könne er in seiner Wohnung nicht brauchen, und sie meint, das wäre genauso gut ihre Wohnung – über diesen Punkt fangen die beiden, die sich schon lange auseinander gelebt haben, an zu streiten, und da fällt die Entscheidung: Samir, der syrische Flüchtling, bleibt.

 MM: Wie kommen die beiden zu Samir?

Maier: Er ist auf der Flucht vor der Polizei, und dringt in die offen stehende Wohnung ein, um sein Handy aufzuladen. Ein Zufall. Aber durch den Konflikt der beiden,  kommt er nicht mehr weg, weil Herta in ihm einen Sohnersatz erkennt. Das ist ein bissl unheimlich, was die beiden mit ihm machen. Er wird nicht gefragt, er wird benutzt, und zwar von beiden. Von ihr als Gesprächspartner, also sie redet nicht mit ihm, sondern er muss sich ihre Logorrhoe anhören und von ihm als Adresse für seinen Lebensfrust und seinen Rassismus. Der syrische Flüchtling wird zum Katalysator zwischen Herta und Gustl, obwohl er gar nichts sagt. Das ist keine Geschichte über Flüchtlinge, sondern über drei einsame Menschen und traurige Leben. Und trotzdem ist es hoch politisch.

MM: Heißt das, ich kann fragen, ob sie tagespolitische Überlegungen einarbeiten?

Maier: Das brauchen wir nicht, denn die stehen schon im Stück drin. Die Situation, dass Flüchtlinge „konzentriert“ werden sollen, und dass da eine Vision ist, dass es andere Möglichkeiten auch noch gibt, steht schon da. Ich finde es einen wahnsinnigen, unfassbaren Vorgang, was sich da derzeit überlegt wird, aber das hat Turrini schon geschrieben, bevor es überhaupt dazu kam. Wir müssen also nicht tagespolitisch reagieren und noch einen draufsetzen.

MM: Ist „Fremdenzimmer“ eine Komödie?

Maier: Es hat durchaus seine komischen Stellen, Dialoge und Situationen, es ist kein Schenkelklopferstück, aber es hat eine unfreiwillige Komik. Für mehr ist zu viel Aggression auf der Bühne, zu viel ungelebtes Leben und zu viel Traurigkeit auch. „Fremdenzimmer“ ist kein kabarettistisches Stück.

Peter Turrini und Herbert Föttinger. Bild: Herbert Neubauer

MM: Es fällt der Satz „Die Welt stimmt nicht mehr“. Verstehen Sie diese Empfindung?

Maier: Ja, es ist im Moment irrsinnig viel in Bewegung, unsere Welt, die für uns so lange so friedlich ausgesehen hat, ist aus dem Lot. Die Dinge, die im Stück gesagt werden, haben auch ihre Berechtigung. Gustl beispielsweise ist ein gewordener Rassist, der war ein Sozi, der aus dem Beruf geflogen ist, sehr spät, jetzt hat er das Gefühl, er findet nirgend mehr Anschluss. Das ist ein Bild, das ich sehr gut kenne. Mein Bruder war Buchdrucker, und mit 55 arbeitslos, weil es den Beruf nicht mehr gab. Das war ein stolzer Beruf, mit einer starken Gewerkschaft und einem guten Einkommen – und plötzlich: aus. Dann sollte er Parksheriff werden, ein Denunziantenjob, wie er sagte. Mein Bruder ist im Wortsinn daran zugrunde gegangen … Die gesellschaftspolitischen Probleme sind nicht gelöst, und das hat vorerst nichts mit Ausländern zu tun, das macht aber Angst.

MM: Eine Angst, mit der man auch als Künstlerin konfrontiert ist?

Maier: Natürlich, ich bin jetzt 60, und hatte zwischen 52 und 55 den typischen Knick für Frauen. Da nehmen die Rollen für Frauen schlagartig ab, sowohl in der Klassik als auch in der Moderne. Die werden einfach nicht geschrieben. Jetzt langsam darf ich „die Alten“ spielen, jetzt geht’s allmählich wieder. Aber es gab wirklich ein Loch, obwohl ich 35 Jahre an wirklich guten Häusern war. Ich dachte tatsächlich, ich kann meinen Beruf nicht mehr ausüben.

MM: Umso schöner, dass Sie in der Josefstadt eine alte Heimat wiederentdeckt haben?

Maier: Ja. Ich freue mich sehr darüber. Ich habe schöne Aufgaben, es ist ein Ensemble, mit dem ich gerne arbeite, und das diskussionsfreudig ist, und Herbert Föttinger ist ein sehr engagierter Intendant, der fürs Theater brennt. Außerdem war’s Zeit wieder nach Wien zu kommen. Ich war lange und gern unterwegs, ich bin eine Nomadin, aber in letzter Zeit fiel mir das Kofferpacken immer schwerer.

MM: Herbert Föttinger führt Regie. Sie arbeiten zum ersten Mal mit ihm?

Maier: Wir kennen einander ewig, auch Erwin Steinhauer und Peter Turrini, seit 35 Jahren – und habe mit allen dreien noch nie gearbeitet. Wir sprechen eine ähnliche Sprache, wir verstehen was wir meinen und was wir wollen, jetzt müssen wir’s nur noch auf die Bühne hieven. Ich hoffe, wir kriegen es ganz gut auf die Reihe. Turrini war gestern zum ersten Mal drin, und glaube ich, ganz glücklich.

MM: Wir haben über den Gustl gesprochen, der Alltagsrassismus der Herta und ihre Ängste sind diffuser. Was haben Sie sich zurechtgelegt, woher das kommt? Würde sie Türkisblau gewählt haben?

Maier: Nicht Türkisblau, sondern Blau, bestimmt. Die Herta war eine junge ledige Mutter, hat ein Leben gelebt, das nie in die Glücksphase gekommen ist. Sie ist seit vielen Jahren in ihrer Welt gefangen, hat ihr Kind verloren, hängt in ihrer Traurigkeit fest. Klammert sich an die Illusion, dass etwas passieren wird, das sie aus der Ödnis rausholt. Der Zorn der Menschen geht meist auf die, die unter ihnen stehen, nie gegen die, die sich’s kübelweise holen. Ich fürchte mich vor den im Leben schlecht Weggekommenen, vor den zu kurz Gekommenen, die sind gefährlich. Und die Sozis haben sich viel zu lange einfach nicht darum gekümmert und sich mit der Wirtschaft ins Bett gelegt, die sind selber schuld, dass es so gekommen ist, wie es ist. Man kann nur hoffen, dass sie eine Position finden, und die anderen so viele Fehler machen, dass wieder etwas in Gang kommt. Jetzt müssen wir schon ein bissl leben damit.

Ulli Maier als Herta Zamanik, Tamim Fattal als Samir Nablisi und Erwin Steinhauer als Gustl Knapp. Bild: Herbert Neubauer

MM: Das Publikum, das dieses Stück sehen wird, kommt nicht aus diesem Milieu. Was erwarten Sie sich an Reaktionen der Zuschauer?

Maier: Sie kommen nicht aus dem Milieu, ich vermute aber trotzdem, dass wir eine relativ hohe Zahl an Türkis-Wählern drinnen sitzen haben. Denen ist es gut, den gesellschaftsfähigen Rassismus vorzuführen, sie sind ja g’scheite Leute, gebildete Menschen,  – und dort wollen wir sie packen: Dass Dinge nicht gelöst sind, was wir auch gar nicht behaupten, aber angegangen werden müssen. Die Politik hat zu lange in Legislaturperioden gedacht, und Entwicklungen verschlafen, jetzt wird arm noch ärmer und die Wirtschaft nimmt sich mehr und mehr Raum.

MM: Auch die aktuelle Regierung arbeitet aber nicht für „arm und krank“.

Maier: Natürlich nicht, aber das werden die Leute erst verstehen, wenn sie’s wirklich trifft. Es werden sich vielleicht schon ein paar den Kopf kratzen und nachdenklich werden, aber zu mehr ist das alles viel zu wenig konkret. Erst wenn es passiert, wenn es keine Notstandshilfe mehr gibt, werden sie erkennen, dass man einem Strache nicht glauben kann, wenn er sagt, bei ihm gehe keiner, der ein Leben lang gearbeitet hat, unter. Die Menschen sind ja so simpel.

MM: Hat sich bei den letzten Malen Schwarzblau der Protest zügiger formiert?

Maier: Es ist schwieriger geworden, weil es einen Gewöhnungsprozess gegeben hat. Wir sind schon mit den politischen Enkeln der Blauen konfrontiert, wir kennen ihre Ups und Downs, es gibt schon Ermüdungserscheinungen. Die AfD sind Babys dagegen. Und: Türkisblau wurde mit über 60 Prozent gewählt. Da ist es in einem demokratischen System schwierig dagegenzureden. Man kann Protest erheben gegen Maßnahmen, die gesetzt werden, gegen Gesetze und Verordnungen, aber man kann nicht gegen eine Regierung protestieren, die so viele Stimmen erhalten hat, das ist demokratiepolitisch sehr kompliziert. Die einzige Möglichkeit, die man hat, ist aufmerksam sein.

MM: Der dritte Schauspieler auf der Bühne ist Tamim Fattal als Samir.

Maier: Unser Tamim ist seit zwei Jahren in Österreich und ein wunderbarer Junge. Wach und aufmerksam. Er ist tatsächlich geflohen aus Aleppo. Er ist zwanzig und würde gerne Schauspieler werden, er hat auch schon am Theater an der Wien gespielt. Er ist für mich das Beispiel, wie man mit Flüchtlingen zusammenkommen sollte. Im Dialog. Wir wissen über diese Menschen viel zu wenig, daher kommt auch die Angst.

MM: Kann man mit diesen Dialogen die von beiden Seiten so hysterisch geführte sogenannte Flüchtlingsdebatte entspannter angehen?

Maier: Die beste Lösung ist, man kommt in Kontakt mit den Menschen und hört sich ihre Geschichte an. Die rennen um ihr Leben, die jungen Männer, die vor dem Krieg und vor dem Niedergeschossen-Werden davonlaufen. Daher ist es besser, wenn die Leute, die zu uns kommen, in Kleinverbänden integriert werden, nicht draußen in der grauen Zone zusammengepfercht werden. So soll man friedlich miteinander umgehen? Da kannst du auf die Uhr schauen, wann es die nächste Ausschreitung gibt, damit man wieder welche nach Hause schicken kann. Diese Idee dient doch nur dazu, zu provozieren. 

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=NOtjfvm9AhQ

www.josefstadt.org

22. 1. 2018

Erwin Steinhauer & Fritz Schindlecker: Fröhliche Weihnachterl. Eine schöne Bescherung

November 8, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine fein-gfeanzte Vorbereitung aufs Fest der Feste

Will man Anfang November schon etwas von Weihnachten sehen, hören, lesen? Wenn es von Erwin Steinhauer und Fritz Schindlecker ist: Ja! Die beiden kabarettaffinen Autoren haben ihre Satirefeder zugespitzt, um ein hinreißend zartbitter-süßsaures Büchlein über das Fest der Feste zu verfassen – „Fröhliche Weihnachterl. Eine schöne Bescherung“, von ihnen selbst gleich als Geschenktipp angepriesen.

Der Grund für das Verfassen dieses Werks ist ein rein humanitärer, nein, nicht Charity am Punsch- und Glühweinstand, vielmehr eine andere Art von Wohltätigkeit, nämlich sensiblen Seelen die Zeit der Erwartung angstfrei zu verkürzen. All jene, die also bedrohlich funkelnde Kometengeschwader in Vorgärten ebenso fürchten wie Rudel eigenwillig beleuchteter Rehe, finden im vorliegenden Kompendium ein probates Mittel gegen die Weihnachtsdepression, ein Buch nicht nur voll unbeschwerter Heiterkeit, sondern eines, das höchst wissenschaftlich auch weltbewegenden Fragen nachgeht wie:

Ist das Christkind ein Mäderl oder ein Buberl? Oder „Väterchen Frost“ eine Erfindung der Bolschewiki? Sind Perchtenläufer Satanisten? Und was essen Vorarlberger und Veganer am Heiligen Abend? – „Statt Beef tartare krieg ich Falafel?/Sag, hast du einen an der Waffel?“

Man merkt bereits an dieser Beschreibung, der Steinhauer-Schindlecker’sche Adventkalender besteht aus kurzen, einfühlsamen Geschichten, langen, gefühlvollen Gedichten und einem Dramolett über die Herbergssuche. Viel wurde landauf, landab recherchiert, und dann in Wir-Form wiedergegeben. Die Lyrik befasst sich mit „Süßen Genüssen“ – „Wenn Cholesterin im Blut erstarkt,/freut kichernd sich der Herzinfarkt./Willst von der Welt du dich befreien,/iss weiter Weihnachtsbäckereien“ – oder dem hochtechnisierten Geschenkewahn – „Amazon weiß, wo wir wohnen!/Sie schicken uns drei Lieferdrohnen./Die werfen jetzt gleich, weil ich Geld hab,/alles ab, was ich bestellt hab.“

Bild: pixabay.com

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Hochpolitisch geht es um „Stille Nacht“ vs „White Christmas“, Weihnachtsmann vs Christkind, und die Zeit des Fastens (hierzu Rezeptvorschläge der langjährigen Wirtschafterin des Schottenstifts zu Wien mit Echter Schildkrötensuppe, Krebsen in Wein gekocht oder Faschiertem Hecht) vs der folgenden Völlerei. Es geht um Bräuche, die es gottlob nicht mehr gibt, wie das Sauschädelstehlen, und andere vergessene Adventsrituale. So etwa das „Paradeisl“, ein Aggregat aus Äpfeln, Nüssen und Trockenfrüchten samt Kerzen, das als Vorläufer des Adventkranzes betrachtet werden darf. Von dem man wiederum erfährt, dass er erst in der Dollfuß-Zeit nach Österreich importiert wurde.

Ja, investigativ wie sie sind, schrecken Steinhauer und Schindlecker – ersterer ja „Single Bells“ und „O Palmenbaum“ geschult – auch vor tiefsten Erschütterungen des Katholischen nicht zurück: Der Adventkranz also eine Erfindung der Preußen, erst hierzulande mit den adventsliturgischen Kerzenfarben drei Mal violett und ein Mal rosa ausgestattet. Eine Wahl, die heute nur noch eingefleischte Austrianer bevorzugen …

Köstlich komisch ist die Geschichte „Ein Weihnachtsgeschenk für Alice“, in der ein Bobo-Vater vom Verkäufer in den Kauf eines Kriegsspielzeugs gequatscht wird, weil man gendergemäß-korrekt Mädchen heute keine Puppenküche mehr schenken kann. Wirklich böse ist „Wie das Adventsingen den alten Nazi katholisch gemacht hat“. Nach seinem Vortrag von „Es zittern die morschen Knochen“ herrscht helle Aufregung in der Dorfgemeinschaft: „Stell dir vor, den hätt‘ einer gehört – mit diesem NAZI-Lied! Einer von den amerikanischen Besatzungssoldaten, von diesen jüdischen Negerbuam! Hätt’s doch gleich wieder g’heißen: Sind lauter Nazis …“ Die beiden ehemaligen Ministranten schenken ordentlich ein und der Welt dabei nichts – und apropos: Trump bekommt von seiner Melania zu X-Mas endlich einen Benimmlehrer.

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Bei so viel Unverfrorenheit zur kalten Jahreszeit wundert es nicht, dass es bereits – statt eines Nachwortes – erste Leserreaktionen gibt: „Ihr überwutzelten Ex-68er-Schwammerl“ (von zwei Parkplatzsuchern aus Wien-Neubau), „ihr vaterlandslosen Sachertortenfresser“ (von Petra Frauki, AfD-Wählerin) und eine Klagsandrohung vom Dachverband österreichischer Punschhüttenaufsteller-Verbände.

„Fröhliche Weihnachterl. Eine schöne Bescherung“ ist ein Must have unter dem Christbaum oder besser schon auf dem Nikoloteller. Gfeanzter kann man sich auf die Hohe Zeit nicht vorbereiten. Und dabei lernen: Wir müssen feste feiern, bis wir fallen. Das Motto dabei, auf gut altösterreichisch: „Gebt’s doch bitte endlich alle einen Frieden!“ Eine Lieblingsgeschichte hat die Verfasserin dieser Zeilen auch: „Willibald, der verhinderte Weihnachtskarpfen“, der aus seinem armseligen Teich auf die Festtagstafel gelangen will, aber ob Kindertränen wieder, so glaubt man, wohlbehalten im heimatlichen Nass landet. So eine Story gab’s in der eigenen Familie auch. Samt Urgroßmutter und deren Schlägel. Unser Lebendfang hieß, in der Badewanne schwimmend, bald Archibald – und gegessen hat ihn am Ende nur die Ur-Oma …

Über die Autoren:
Erwin Steinhauer, geboren 1951 in Wien, gehört zu den populärsten österreichischen Schauspielern und Kabarettisten. Zahlreiche Soloprogramme als Kabarettist, Film- und Fernsehproduktionen und verschiedene Serien („Der Sonne entgegen“, „Der Salzbaron“, die Trilogie „Brüder“ und „Single Bells“). Zu seinen bekanntesten Rollen zählt die Darstellung des Landgendarmen „Polt“ nach den Romanen von Alfred Komarek. Fritz Schindlecker, geboren 1953 in Tulln/Niederösterreich, arbeitet als freier Kabarettautor, Dramatiker und Drehbuchautor. Seit 1983 Sketches, Songs, Szenen und Mikrodramen für Lukas Resetarits, Erwin Steinhauer, Dolores Schmidinger, Kurt Weinzierl und anderen. 2016 erschien das gemeinsame Buch „Wir sind SUPER!“

Ueberreuter Sachbuch, Erwin Steinhauer & Fritz Schindlecker: „Fröhliche Weihnachterl. Eine schöne Bescherung“, Kurzgeschichten und Gedichte, 176 Seiten

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.erwinsteinhauer.at

  1. 11. 2017