Theater in der Josefstadt: Die Strudlhofstiege

September 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Totentanz des letzten Überlebenden

Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré, Martin Vischer als René von Stangeler, Igor Kabus als Fraunholzer, Marlene Hauser als Thea, Alma Hasun als Paula Pichler, Alexander Absenger als Honnegger, Dominic Oley als Eulenfeld, Pauline Knof als Etelka von Stangeler und Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann. Bild: Sepp Gallauer

Mit einer Hommage an Heimito von Doderer starten die Wiener Theater in die neue Saison. Bevor kommende Woche Anna Badora am Volkstheater eine Franzobel-Bearbeitung von dessen „Merowingern“ auf die Bühne heben wird, hatte gestern am Theater in der Josefstadt ein weiteres von Doderers „berühmten ungelesenen Büchern der Weltliteratur“ Premiere. So zumindest nennt Nicolaus Hagg „Die Strudlhofstiege“, er, der als Autor für jene Dramatisierung des 900-Seiten-Romans verantwortlich zeichnet, die nun an der Josefstadt uraufgeführt wurde.

Hagg ist ausgewiesener Doderer-Experte. Für die Festspiele Reichenau war er 2009 schon einmal mit dem Monumentalwerk befasst, später auch mit Doderers „Die Dämonen“. Was ihm nun bei der neuerlichen Beschäftigung mit der „Strudlhofstiege“ gelungen ist, ist die Verdichtung der Verdichtung. Hagg macht aus der Vielzahl der raffiniert ineinander verflochtenen, von Zeitsprüngen durchbrochenen, oftmals schwer zu überblickenden Erzählstränge ein konzentriertes Kammerspiel mit etwa einem Dutzend Charakteren, Miniaturen, die er bis ins Detail ausgearbeitet hat. Heißt: Hagg folgt der Vorlage zwar in der Skizzenhaftigkeit ihrer Szenen, versteht es aber gleichzeitig, die eigentliche Handlungsarmut des Buchs bei gleichzeitiger permanenter Innenschau der Figuren stilistisch nachzuformen.

Zusätzlich bedient er sich eines Kniffs, einer Vorblende, mit der er gleichsam genialisch auf das Erscheinungsjahr des Textes, 1951, verweist, und ergo auf Doderers zwischen den Zeilen verborgenes Wissen, auf welch Grauen nach den Romanjahren 1910/11 und 1923/1925 seine Protagonisten zusteuern. Hagg schlägt die Brücke von der Hurra-schreienden Gewaltmentalität anno k.u.k. zum Nationalsozialismus und Doderers eigener NSDAP-Verstrickung. Und so begegnet man Major Melzer, Amtsrat in der Tabakregie, im Jahr 1945. Die Offiziersuniform ist Wehrmacht, Melzer nunmehr Überlebender zweier Weltkriege, ein schwerst Traumatisierter, der die Vergangenheit zum Totentanz bittet. Grete Siebenschein im Konzentrationslager ermordet, Mary K. ebenfalls abgeholt, René von Stangeler Selbstmord aus Überdruss, erfährt man, die ganze Geschichte wie ein Wettlauf zum Tode, bei dem Etelka von Stangeler bekanntlich als erste ankam.

Ein (lebens)müder Melzer und sein guter Geist: Ulrich Reinthaller und Roman Schmelzer als gewesener Major Laska. Bild: Sepp Gallauer

Eine überdrehte Etelka von Stangeler tanzt in ihren Untergang: Pauline Knof und Alexander Absenger als Teddy von Honnegger. Bild: Sepp Gallauer

In der wie stets sensiblen, zartfingrigen, atmosphärisch starken Regie von Janusz Kica gestaltet Ulrich Reinthaller einen Melzer in Stasis. Alles an diesem Mann ist erstarrt, versteinert, reglos geworden. Reinthaller spielt das wie in Trance, der ohnedies entscheidungsunfähige, durchs Dasein mäandernde Melzer wird bei ihm endgültig zur Blassheit in Person, einer, der zum Schluss nicht einmal plausibel machen kann, ob er tatsächlich die Waffe gegen sich richtet oder nicht. Zum Zwiegespräch, zum laut gesprochenen Gedankenaustausch, stellt ihm Hagg den gewesenen Major Laska zur Seite, Roman Schmelzer als im Ersten Weltkrieg gefallener Freund, der Figuren wie Publikum als (guter) Geist durch die Geschehnisse begleitet und Erinnerungen auffrischt.

Dies eine durchaus nützliche Funktion, fühlt man sich zwischen den aneinandergereihten Momenten mitunter doch ein wenig alleine gelassen, mit einem „Wie war?“ und „Wer war?“ im Kopf, Fragen, auf die Schmelzers Laska Antwort weiß. Ist der von Editha Pastré eingefädelte Tabakregie-Betrug die Rückblende, an der Hagg am stärksten interessiert scheint, so führt er neben Melzer René von Stangeler als zweiten Hauptcharakter ein, Doderers Alter Ego, den Hausneuzugang Martin Vischer mit einer Fahrigkeit, fast Verwirrtheit ausstattet, die sein Ende schon vorwegnimmt. Seinen ihn beständig demütigenden Vater, Oberbaurat von Stangeler, gibt Michael König mit der ganzen Dominanz eines Patriarchen.

Als Etelka von Stangeler lechzt Pauline Knof gekonnt nach Freiheit und Freizügigkeit, belässt ihre Figur dabei aber so weit im Gutbürgerlichen, dass man ihr die Schwesternschaft zu Swintha Gersthofers Asta deutlich ansieht. Igor Kabus versucht als Etelkas Geliebter Robby Fraunholzer mit deren Eskapaden mitzuhalten. Matthias Franz Stein trägt als Etelkas Ehemann, Konsul Grauermann, sein Schicksal mit Würde und ab und an mit trockenem Humor. Alma Hasun ist eine sympathisch zupackende Paula Pichler, Marlene Hauser eine zu Herzen gehende Thea.

Zwei der besten darstellerischen Leistungen: Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré und Dominic Oley als Rittmeister von Eulenfeld. Bild: Sepp Gallauer

Überzeugend in ihrem Spiel: Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann, Alexander Absenger als Honnegger und Martin Vischer als René von Stangeler. Bild: Sepp Gallauer

Bleibt das Dreigestirn der Leicht- und Schnelllebigkeit, und damit die drei herausragenden Leistungen dieser Aufführung: Silvia Meisterle, die es meisterhaft versteht, den „Duplizitätsgören“, der „bösen“ Editha und der „braven“ Mimi Pastré, Kontur zu verleihen, und Dominic Oley und Alexander Absenger, die als schlitzohrig-spitzbübische Salonlöwen Rittmeister von Eulenfeld und Teddy von Honnegger immer wieder dafür sorgen, dass der Abend nicht an Fahrt verliert.

Die sinistren sind eben die dankbarsten Rollen und ihnen hat Hagg die besten von Doderers distanziert-ironischen Sätzen mundgerecht aufbereitet, vieles klingt da wie für diese Tage geschrieben, Seitenhiebe auf Politik und Wirtschaftsinteressen, in geschliffener Sprache und voll Wortwitz.

Nach zweieinhalb Stunden ist Ulrich Reinthallers Melzer wieder in seiner 1945er-Gegenwart angelangt und erhebt Klage gegen jene, die zu Hakenkreuze krochen, die den Heiland gegen’s Heil! eintauschten, der Tod von Millionen, und der tote Laska verzeiht ihm nicht, dass er, der schon „ein Mensch“ war, sich wieder zum Soldaten machen hat lassen. Aber ach, Melzer und der ewige Umstand, dass er „eine selbständige Art zu existieren überhaupt noch nicht besessen hat …“

Derart wird „Die Strudlhofstiege“ in der belesenen Bearbeitung von Nicolaus Hagg und der behutsamen Inszenierung von Janusz Kica zur Österreich-Elegie, zur Antenne für eine Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung, die schon wieder um sich greift. „Wohin geht eine Welt, wenn sie untergeht? Wohin weicht ihr Urgrund? Oder härtet er vielleicht aus in den Menschen, die den Untergang durchleben?“, fragt Nicolaus Hagg. Mit ihrer Saisonauftakt-Premiere beweist die Josefstadt jedenfalls, dass sie gewillt ist, ihr striktes Eintreten für Humanismus und Empathie mit dem Programm 2019/20 fortzusetzen.

Nicolaus Hagg im Gespräch über Doderers Dämonen: www.mottingers-meinung.at/?p=20209

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=EKGIY-0nfxM

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Theater in der Josefstadt: Jacobowsky und der Oberst

April 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einem Lachen den Leidensweg entlang

Je länger die Flucht, je größer die Verzweiflung: Johannes Silberschneider, Matthias Franz Stein, Herbert Föttinger und Pauline Knof. Bild: Sepp Gallauer

Die Bühne ist so dunkel, wie die Aussichten duster. Im Pariser Hotel „Mon Repos et de la Rose“, dieses wegen nächtlicher Flugangriffe der Nazis in Finsternis getaucht, lernen einander der jüdische Kaufmann Jacobowsky und der polnische Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky kennen. Man wird zur Schicksals- gemeinschaft, weil ersterer ein Fluchtauto kaufen, das zweiterer fahren kann – zumindest sährrr gut geradeaus. Beide wollen zu den Schiffen, die an der Atlantikküste ablegen.

Der eine, um dem Konzentrationslager zu entgehen, der andere, weil er seiner Exilregierung in London wichtige Papiere zu überbringen hat. Doch da die Charaktere unterschiedlicher kaum sein könnten, wird die Stimmung während der Reise zunehmend angespannter. Aus diesem Umstand bezieht Franz Werfels von ihm so genannte Komödie einer Tragödie „Jacobowsky und der Oberst“, 1941/42 im amerikanischen Exil verfasst und eine Verarbeitung eigener Fluchterlebnisse, sowie derer des polnischen Bankiers Jakobowicz, ihren Witz. Am Theater in der Josefstadt hat nun Janusz Kica das Stück inszeniert, schnörkellos, ganz auf die Kraft des Textes und der grandiosen Darsteller setzend, wobei er die Figur Jacobowsky zusätzlich von ihrem allegorischen Charakter befreit. Der in allen Aspekten geglückte Abend ist ein weiterer starker Beitrag zum Spielzeitmotto des Hauses: „Flucht und Heimatlosigkeit“.

Johannes Silberschneider und Herbert Föttinger gestalten das Gegensatzpaar. Silberschneider füllt seine Rolle mit jener verschmitzten Ironie, die einem das Lachen entlang ihres Leidenswegs erst ermöglicht. Jacobowsky hat gelernt, dem Schrecken mit Galgenhumor zu begegnen, also macht Silberschneider Werfels überidealisiertes Geschöpf zum menschlichen Wesen, durch die Art, wie er deren Aperçus in höchster Abgeklärtheit zum besten gibt. Man glaubt diesem lebenslang Vertriebenen, der sich zwischen weltlichem Zweckoptimismus und biblischem Todesrealismus eingerichtet hat, dass er, wie er sagt, will, dass sich alle wohlfühlen, damit er sich selber wohlfühlen kann. Jacobowskys Leitsatz von den stets vorhandenen zwei Möglichkeiten, ist gleichsam das Motto des Stücks, und Silberschneider spielt ihn als feinsinnigen, überlegten Logiker, der es mit Finesse versteht, sogar der Wehrmacht einen Kanister Benzin abzuluchsen.

Dass so einer vom entfesselten Temperament Stjerbinskys gefordert ist, versteht sich. Herbert Föttinger ist als Silberschneiders Antagonist ein kongenialer Widerpart, zunächst eitler Haudegen und charmanter Womanizer, der für jede Dame „in der Kathedrale seines Herzens“ eine Kerze brennen hat, latent antisemitisch und ein arroganter Anschaffer. Föttinger zieht als grantiger, auf Jacobowsky immer eifersüchtigerer Offizier alle Komödienregister, sein polnischer Kunstakzent trägt zum Gaudium bei, doch während Stjerbinsky erst noch wehleidig jammert sährrr schwärmüttig zu sein, gibt Föttinger der Figur mehr und mehr Kontur, als Stjerbinsky tatsächlich am Verlust seines Status und seiner Uniform, muss er sich doch als Zivilist tarnen, zu kranken beginnt. Dieser Stjerbinsky berührt in seinem seelischen Abstieg so, dass Föttinger am Ende dessen Katharsis plausibel vermitteln kann.

Matthias Franz Stein und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Herbert Föttinger und Johannes Silberschneider. Bild: Sepp Gallauer

So wie zwischen Silberschneider und Föttinger die Pointen sitzen, so verstehen auch Matthias Franz Stein als Szabuniewicz und Pauline Knof als des Obersts Geliebte Marianne diese zu setzen. Stein gelingt als ergebenem Pfeifendeckel perfekte Sidekick-Komik. Dass er sich auf der Flucht „nur keine Weiber“ wünscht, ist allerdings zwecklos, holt sein Befehlshaber doch auf der Fahrt zum Meer seine Liebste Marianne ab, und Pauline Knof ist ganz wunderbar als lieblich-naive Tagträumerin, bevor sie ihre Marianne zur einzig noch handlungsfähigen Person entwickelt. Je verzagter Jacobowsky wird, je schwächer der Oberst, umso stärker sie.

Nicht umsonst hat Werfel für sie den Namen der Nationalfigur der Franzosen gewählt, und so ist es nur folgerichtig, dass Knofs Marianne das Schlussbild gehört, in dem sie sich, schwarz gekleidet und mit Pistole im Anschlag, als Mitglied der Résistance ausgibt. Kica gelingen großartige Szenen, komisch, wenn sich Marianne und Stjerbinsky beim Wiedersehen ein hochtheatralisches Drama liefern, das Jacobowsky ob des lebensgefährlichen Zeitverlusts fassungslos kommentiert, tragisch, wenn der Oberst wegen einer Gestapo-Kontrolle zum Geisteskranken mutieren muss, den die „Gattin“ mithilfe des Aushilfsirrenwärters Szabuniewicz in die nächste Klinik zu bringen gedenkt. Auch diese Farce natürlich ein Trick, der Jacobowsky eingefallen ist.

Wie Janusz Kica mit Silberschneider, Föttinger, Knof und Stein detailreiche Charakterstudien erarbeitet hat, so tat er das ebenso in den zwei Dutzend Miniaturen. Wie es ein Markenzeichen des Ensembletheaters Josefstadt ist, ist die Produktion durchwegs luxuriös besetzt: mit Ulli Maier als resoluter Hotel-Chefin Madame Bouffier, Alma Hasun als leidenschaftlicher „leichter Person“ oder Gerhard Kasal als gutgläubigem deutschen Oberleutnant. Alexander Absenger ist als zynischer „tragischer Herr“ zu sehen, Johannes Seilern als sich unantastbar glaubender Membre de l’Académie Française, Siegfried Walther als um Ruhe bemühter Wirt Clairon, Therese Lohner als unnachgiebiges Mädchen Mariannes, Ginette, Patrick Seletzky als grausamer Gestapo-Mann.

Ulli Fessls „alte Dame aus Arras“ wird nicht umsonst ein „Kraftwerk an Panik“ genannt, Ulrich Reinthaller überzeugt als zwiespältiger britischer Agent, Michael Schönborn als Flic, der erst nach Dienstschluss mitfühlend werden darf. Ihnen allen bietet die Aufführung dank Kicas kluger Regie einiges an Entfaltungsmöglichkeit. Kica zeigt all das ohne krampfhaften Dreh ins Heute, sind Werfels Themen von Zukunft, die aus Zusammenhalt entsteht, und Vertrauen, das alle Feindseligkeiten überwindet, doch ohnedies zeitlos. Dass sich ohne viel geistigen Aufwand dennoch Assoziationen zur Gegenwart herstellen lassen, liest sich auch in einem Text Georg Stefan Trollers im Programmheft. Wenn der Autor dort über den Emigranten als, von den Staaten, in die er flieht, „Illegalen“, „Störfaktor“, „Parasiten“ gesehenen schreibt, kann man nicht anders, als an ein Österreich zu denken, dass es seit Kurzem wieder gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=nnlEZf2lC7g          www.josefstadt.org

  1. 4. 2019

Rabenhof: Vatermord

Dezember 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genüsslich gespielter Generationskonflikt

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

„Der Oide“ verspätet sich. Nicht zufällig, der Junior hat ihn nämlich absichtlich ins falsche Theater geschickt. Das lässt ihm Zeit, das Publikum auf die Ankunft des Papas vorzubereiten, dieser einst Theater- und Filmstar, jetzt hauptsächlich ein in seiner Villa versauernder Fernsehzuschauer – und, sagt der Sohn, schon ein bissl versulzt. Um die grauen Zellen wieder auf Vordermann zu bringen, soll dem Vater nun zum Revival verholfen werden. Im Rabenhof, und so beginnt dort der Abend „Vatermord“.

In dem Erwin Steinhauer und Matthias Franz Stein erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen. Vor zwei Jahren verriet Stein in einem Gespräch (www.mottingers-meinung.at/?p=17699), dass man zusammen an einem Programm tüftle. Da probierte er sich gerade als Kabarettist neu aus, nun ist es also unter der Mitautorenschaft von Alfred Dorfer und Fritz Schindlecker so weit gekommen. Und nicht, dass man prinzipiell erwarte, wenn der Vater mit dem Sohne …, werde aus dem Familien-Nähkästchen geplaudert, so hat die Wuchteldruckerei doch einen wahrheitsgemäßen Kern. Und, apropos: Kern, weil wo Steinhauer drauf steht, auch Politsatire drin ist, gibt es den einen oder anderen Querschläger auf Kanzler Kurz und den von ihm so genannten „Landhäusl“.

Wobei sich Stein nicht nur als begnadeter Parodist in Sachen Echokammer-Effekte entpuppt, sondern auch als ein großartiger Komödiant, der vom Vater den Rhythmus im Blut und auch die Gesangsstimme geerbt hat. Die beiden schenken sich ein und schenken sich nichts, genüsslich wird dieser Generationskonflikt gespielt, wenn der eine erklärt, die abgenudelten Nummern nicht mittragen zu wollen, worauf der andere kontert, „die depperten Sketch“ hätten immerhin dessen Ausbildung finanziert.

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Drei Spielebenen schieben sich laut Text ineinander. Einerseits steht man schon mitten in der Show, andererseits probt man diese noch daheim, und dort auch einer gegen den anderen den Aufstand, und dann ist da noch Matthias‘ Tagebuch, aus dem er mit heiterer Verzweiflung rezitiert. Während die Männer nämlich über die richtige Konsistenz von Klopapier, das Kiffen und Karriere-Vergleiche streiten, zerbröckelt die überhebliche Fassade des Jüngeren mehr und mehr. Es stellt sich heraus, dass der Josefstadt-Schauspieler von ebendieser gekündigt wurde, und ihn auch die Freundin vor die Tür gesetzt hat.

Was die Frage aufwirft, wer denn nun tatsächlich das Comeback braucht, und ob der Vater wirklich die „Burn-Haut“ des Sohnes retten soll … „Er is a working poor mei Bua“, bedenkt sich Steinhauer, und weil das natürlich für Lacher sorgt, tadelt dieser Richtung Zuschauerraum: „Sie san scho sei Publikum.“ Regisseurin Caroline Welzl ist mit Erwin Steinhauer und Matthias Franz Stein ein supersympathischer Abend gelungen, lustig, hinterlistig und sprachverspielt. „Humor“, sagt Steinhauer an einer Stelle, „ist ein Platzhalter für Intelligenz.“ Besser lässt sich „Vatermord“ nicht beschreiben. Ach ja, was es mit dem auf sich, und warum eine Urne beinah das letzte Wort hat, das muss man sich selber anschauen.

Video: www.youtube.com/watch?v=MjUiW_eV_Js&feature=youtu.be

www.rabenhoftheater.com

  1. 12. 2018

Theater in der Josefstadt: Die Reise der Verlorenen

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lautstarker Kommentar zur Anti-Flüchtlingspolemik

Ein Mammutprojekt mit 32 Schauspielern und 20 Statisten. Bild: Sepp Gallauer

„Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: Wer weiß, wie ich gehandelt hätte? Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich.“ Otto Schiendick, Schiffssteward und Schikanierer, NSDAP-Ortsgruppenleiter an Bord und Nazi-Spion, dem Raphael von Bargen Gestalt verleiht, sagt diese Sätze gleich zu Beginn der Uraufführung. Die das Theater in der Josefstadt als Saisoneröffnungspremiere mit Kurssetzung auf Herz und Hirn des Publikums angesetzt hat, damit es niemals so weit kommen möge.

„Die Reise der Verlorenen“ erzählt eine wahre Geschichte. Am 13. Mai 1939 läuft der HAPAG-Luxusliner MS St. Louis in Hamburg Richtung Havanna aus. An Bord 937 jüdische Flüchtende aus Nazi-Deutschland. Doch Kuba, wo Präsident Laredo Brú einen Wahl- und einen Machtkampf gegen den General und späteren Diktator Fulgencio Batista zu bestreiten hat, verweigert den Unglücklichen die Einreise. Alle Interventionen jüdischer Hilfsorganisationen, vor allem aus den USA, wo Roosevelt ebenfalls kein Interesse hat, die Passagiere an Land zu lassen, scheitern. Und so muss die St. Louis die Rückfahrt nach Europa antreten.

In Tagebüchern, Telefonmitschnitten, Gesprächsprotokollen sind die Geschehnisse dieser Zeit festgehalten; Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben daraus das 1975 erschienene und ein Jahr später mit Oskar Werner, Maria Schell und Max von Sydow verfilmte Buch „Voyage of the Damned“ gemacht. Auf dieses nun bezieht sich Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei seiner Bühnenadaption. Ein starkes Stück Dokumentartheater ist Kehlmann da gelungen, dramaturgisch dicht und spannend bis zum Schluss – obwohl das Ende bekannt ist.

Schiendick schikaniert die Passagiere: Raphael von Bargen mit Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller. Bild: Sepp Gallauer

Verzweifelte wollen sich ins Meer stürzen: Maria Köstlinger mit Ulrich Reinthaller und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Die Josefstadt bietet auf, was sie hat: 32 Schauspieler und 20 Statisten, von Regisseur Janusz Kica als immer wieder neue tableaux vivants arrangiert, führen die Bühne an ihr Fassungsvermögen. Kica versteht es, mit sparsam eingesetzten inszenatorischen Mitteln größte Effekte zu erzielen. Im rostigen Maschinenraum von Walter Vogelweider – dieser auch schon im Einsatz im ersten Teil der Josefstädter Dilogie, Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ – lässt er die Schicksale aus Kehlmanns Kurzepisoden sich überschneiden.

Einzelne Protagonisten stellen sich an der Rampe vor: das mondäne Arztehepaar Fritz und Babette Spanier, Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik, der Hebräischlehrer Aaron Pozner, Roman Schmelzer, der schon einmal im KZ war und in Auschwitz ermordet werden wird, das Ehepaar Loewe, Maria Köstlinger und Marcus Bluhm, von denen er einen Selbstmordversuch unternehmen wird, um in ein Krankenhaus auf Kuba gebracht zu werden, Otto Bergmann und seine zänkische Tante Charlotte, Matthias Franz Stein und Therese Lohner … Im Hafen wiederum wartet Max Aber, Peter Scholz, verzweifelt darauf, dass ihm endlich seine beiden kleinen Töchter ausgehändigt werden.

Herbert Föttinger spielt Kapitän Gustav Schröder, der zwischen der Pflicht seines Amtes, dem Mitgefühl mit seinen Schutzbefohlenen und der Abscheu gegenüber dem NS-Regime schwankt. Kehlmann bemüht ein paar Kunstgriffe. Er lässt die Darsteller aus ihren Rollen treten und die Situation kommentieren, lässt sie ihr späteres Los vorwegnehmen, sie durch Beiseitesprechen die Komplizenschaft mit dem Publikum suchen, lässt sie sich rechtfertigen für die Widersprüche in ihren Berichten und sie immer wieder betonen, dass auch von den haarsträubendsten Unglaublichkeiten keine erfunden ist. Und er gibt seiner Interpretation der absurden Verhandlungen viel Raum. Die kubanischen Politiker – Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo van Brouwer als korrupter Minister für Einwanderung und Martin Zauner als rechtschaffener Außenminister – wollen „ihr Gesicht wahren“, vor allem aber ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels.

Die Mächtigen Kubas sind in der Flüchtlingsfrage uneins: Wojo van Brouwer, Peter Scholz, Martin Zauner, Ljubiša Lupo Grujčić und Michael Dangl. Bild: Sepp Gallauer

Die Vereinigten Staaten erwarten von anderen Staaten eine Brüderlichkeit, der sie sich selbst verweigern. „Wir haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als die USA“, bekräftigt Brú sein Nein, würden die nicht einmal 1000 Neuankömmlinge Kuba doch „an den Bettelstab“ bringen. Auch andere Aussprüche dieser Tage klingen seltsam bekannt. Den Juden ginge es in Deutschland gut, nur fürs Ausland markierten sie die Armen – dort wiederum fühlt man zwar „zutiefst mit dem Leiden der Flüchtlinge“, allerdings ohne auch nur einen Finger für sie krumm zu machen.

Nicht nur durch derlei sprachliche Parallelen ist „Die Reise der Verlorenen“ ein lautstarker Kommentar zur aktuellen Anti-Flüchtlingspolemik. Kehlmanns Spiel um den Menschen als Spielball der Mächtigen überzeugt auch diesbezüglich voll und ganz. In buchstäblich letzter Minute erklären sich Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit, die St. Louis-Passagiere aufzunehmen. Noch einmal schildern sie: die Zustände in den „Quarantänelagern“, ihre spätere Internierung als „feindliche Ausländer“, ihren Abtransport in eine neue Ungewissheit, oft genug in den Tod. Ihre Sicherheit ist nur auf Zeit, darauf folgt ein Schlussbild in orangen Rettungswesten. Mit „Die Reise der Verdammten“ legen Kehlmann und Kica nicht nur einen höchst gelungenen, sondern auch einen politisch höchst wichtigen Theaterabend vor.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

www.josefstadt.org

  1. 11. 2017