Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe

April 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiritistenkrimi um den Geist von Oscar Wilde

Über das Verhältnis Kunst und Wahrheit sind von Oscar Wilde mehr Aphorismen gesammelt, als auf ein Ildefonso-Papier passen. „Die entscheidende Entdeckung ist, dass das Lügen, das Erzählen von schönen, unwahren Dingen, das eigentliche Ziel der Kunst ist“ und „Wenn eine Wahrheit zum Faktum wird, verliert sie jeden intellektuellen Wert“ lauten zwei davon. Das stellt auch der Ich-Erzähler in Alexander Pechmanns Roman „Die Nebelkrähe“ bei seiner Wilde-Lektüre fest: Dass dieser Dandy Mär und Maskerade der Wiedergabe von Wirklichkeit allemal vorzieht.

Mit diesem Gedankenspiel unterfüttert Pechmann sein Buch. Sein Protagonist Peter heißt mit Nachnamen Vane wie Dorian Grays Sibyl, und so, wie sie ihm ihr Geheimnis ins Ohr wispert, so fährt Peter eines Nachts aus dem Schlaf, als ihm ein Kindermund aus dem Dunkel „Lily?“ zuflüstert. Der Schauplatz ist London, das Jahr 1923. Vane ist ein Erster-Weltkriegsveteran. Dem Schützengraben schwer traumatisiert entstiegen, hört er Stimmen, sieht er schreckliche Bilder, folgen ihm Schatten und einer im Besonderen. In den ersten 30 Seiten ist „Die Nebelkrähe“ ein anrührendes Antikriegsplädoyer. Eingegraben in Schlamm und Schmutz erzählen sich die Soldaten Gruselstorys von Stoker bis Stevenson.

Der Meister darin ist ein gewisser Finley, der seinen Leitspruch „Patriotismus ist die letzte Zuflucht der Schurken“ von Samuel Johnson entliehen hat. Diesem Finley wird schließlich die halbe Hand abgeschossen, als er Le Fanus Geschichte „Wylder’s Hand“ zum besten gibt und mit der eigenen zeigt, wie die des toten Wylder aus dem Boden ragte. 1917 ist eine solche Verwundung ein beliebter Passierschein nach Hause, doch bevor Finlay von den Sanitäterinnen der „Brakespeare Ambulance Unit“ abtransportiert wird, gibt er dem Kameraden die Daguerreotypie eines Kindes zur Aufbewahrung, und dieser hält das Bildnis natürlich für eines von Finleys Tochter – Lily? Zurück im Frieden kann er keinen der beiden finden. Auf Anraten seines Freundes Frank, der Peters seltsame Wahrnehmungen für übersinnliche hält, nimmt er Kontakt mit der Spiritualist Alliance in Bloomsbury und einer Spiritistin namens Mrs. Dowden auf, mit der Folge, dass sich dem Doktoranden der Mathematik die unheimliche Welt der Metaphysik öffnet.

„Womöglich ist der Spiritismus ein weiblicher Gegenentwurf zu den männlich dominierten Naturwissenschaften“, sinniert Physiker Frank übers Jenseits als Frauendomäne. „Mich reizt der Gedanke, dass ein paar eloquente Damen mit mystischem Geraune unser auf Zahlen und Fakten basierendes Weltbild zum Einsturz bringen.“ Begleitet vom auf Autorücksitzen bis Parkbänken allgegenwärtigen Gespenst Finlays, der seinerseits nicht an Spukgestalten glaubt, eine ganz großartige Idee von Pechmann, begibt man sich also zur Séance, und tatsächlich kann eine Verbindung hergestellt werden – zur großen Überraschung aller an der Sitzung Beteiligten mit dem gar nicht seligen Oscar Wilde, und Peter ist völlig unverhofft sein Medium …

Spätestens ab nun ist „Die Nebelkrähe“ ein Pageturner, der an Suspense nichts zu wünschen übrig lässt. Dem Wiener Pechmann gelingt es in elegantem Ton ein treffendes Bild vom London dieser Tage zu zeichnen. Seine Figuren skizziert er mit zwei, drei Strichen, wenn er über Mrs. Dowden meint, sie wirke in ihrem dunkelgrauen Tweetkostüm „wie ein Relikt aus einem anderen Zeitalter“, oder über Mr. Dingwall, den berufsbedingten Skeptiker der Society for Psychical Research, „seine runden Brillengläser und sein glatt nach hinten gekämmtes Haar ließen mich an einen übergroßen Käfer denken“, ist alles Wesentliche gesagt. Dass die Charaktere ihre Intentionen erst nach und nach offenlegen, ihr Innerstes nur zögerlich entblößen, sie sozusagen die Wahrheit erst zutage lügen müssen, versteht sich als wichtiges Indiz dieser detektivischen Spurensuche.

Bild: pixabay.com

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Mit Verve verbindet Pechmann im Weiteren Fakt und Fiktion, Dichtung und Tatsachen. Nicht nur gab es die Geisterbeschwörerin Hester Dowden wirklich, sie veröffentlichte 1924 unter dem Titel „Oscar Wilde from Purgatory“ dessen Post-Mortem-Botschaften, die sie mithilfe des Mathematikers und Kriegsveteranen „Mr. V.“ empfangen haben will. Ebenso, wie die von besser situierten Engländerinnen initiierte und finanzierte „Brakespeare Ambulance Unit“ realiter existierte, trifft dies auch auf die Morphinistin Mabel Cosgrove alias Prinzessin Chan Toon, den Soho-Drogenboss Brilliant Chang, den Sax Rohmer sogar zum Vorbild für seinen Dr. Fu Manchu wählte, oder den Esoteriker und Autor Algernon Blackwood, den Schöpfer der Horrorromane rund um Detektiv John Silence, zu – ihnen allen wird Peter Vane noch begegnen.

Und Dolly, im Krieg Brakespeare-Ambulanzfahrerin, nun rasante Chaffeurin der Nobelkarosse von Mrs. Dowden, die mit Eltern gefallener Soldaten, Witwen und Waisen selbstverständlich gute Geschäfte macht. Dolly, Kokserin aus Leidenschaft und Damenliebhaberin, kleidet sich nicht nur gerne als Oscar-Wilde-Lookalike, sie ist es auch, die zweifellos mehr als einen Anknüpfungspunkt zum hochverehrten Exzentriker hat. Über ihre Person wird Peter am Ende erkennen, dass der Schlüssel zu des Rätsels Lösung in seiner eigenen Vergangenheit liegt, werden sich ihm Familienverschwiegenheiten offenbaren, wer wen wann bereits gekannt hat, ob Finlay ein Guter oder ein Unguter war, wer auf der Daguerreotypie zu sehen ist und wer „Lily?“ rief.

Bis dahin beherrscht Pechmann den Balanceakt, Wildes Anschauungen von der Unmöglichkeit einer endgültigen Wahrheit in der Waage zu halten. Bringt erst Oscar durch Peters Hand, und zum zweiten Mal steht die Hand hier als Symbol, „Ich krieche wie ein kranker Wurm in dein Gehirn …“ zu Papier, um damit eine Besessenheit Mrs. Dowdens auszulösen, mittels der ein Portal ins Jenseits geöffnet werden soll, relativiert Algernon Blackwood die Ereignisse mit dem Ausspruch „Vielleicht sind Geister nur die Schatten der Dinge, die wir am meisten lieben oder am meisten fürchten“. Weisen die Spiritisten darauf hin, dass auch Naturvölker ihre Ahnen herbeischamanisieren können, verweisen die Naturwissenschaftler auf die im – wortwörtlich – Rauschzustand befindliche Psyche als Ursprung dieser Erlebnisse.

Pechmann hat spürbar keine Lust, sich in seinem Okkultkrimi zwischen Α und Ω festzulegen. In einer wunderbaren Szene allerdings, lässt er Oscar Wilde via Mrs. Dowden an einer Neuinszenierung von „The Importance of Being Earnest“ teilnehmen, ein Theaterabend über dessen mangelnde Qualität und permanentes Missverstehen seiner Intentionen er sich so ärgert, dass die sonst so vornehme Mrs. Dowden schließlich lautstark polternd den Saal verlässt.

„Die Nebelkrähe“, klärt Frank Peter auf, ist selbstverständlich Oscar Wilde höchstpersönlich. Schulfreunde hätten ihm diesen Spitznamen verpasst. Frank, der ans Übernatürliche glaubt wie Fox Mulder, ersehnt die endliche Entdeckung der sprichwörtlichen weißen Krähe. Die meisten Menschen gingen davon aus, erklärt er, „dass alle Spukphänomene Halluzinationen, alle Spiritisten Betrüger und alle Krähen schwarz sind. Doch um die letzte Behauptung zu widerlegen, braucht es nur eine einzige weiße Krähe.“ Bis es soweit ist, liegt zwischen dem Schwarz des existierenden und dem Weiß des erdachten Vogels eben das Grau der Nebelkrähe. Schlusssatz Dolly: „Wenn die Illusion uns etwas gibt, was die Wirklichkeit uns nicht geben kann, ist sie ein Geschenk, für das wir dankbar sein sollten.“

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Bei Steidl erschien zuletzt sein Roman „Sieben Lichter“.

Steidl, Alexander Pechmann: „Die Nebelkrähe“, Roman, 176 Seiten.

Ein Auszug, gelesen von Jan Huttanus: vimeo.com/306415190          steidl.de

  1. 4. 2019

Sebastian Barry: Tage ohne Ende

Januar 10, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gewaltiger Italo-Western eines irischen Autors

In die Liste berühmter erster Sätze ist unbedingt dieser aufzunehmen: „Also, wie sie in Missouri ne Leiche aufbahren, das schießt wirklich den Vogel ab.“ So beginnt Sebastian Barrys neues Buch „Tage ohne Ende“, und um dessen Atmosphäre zu beschreiben, hilft ein Querverweis auf Sergio Leones Meisterwerk „The Good, the Bad and the Ugly“. Jene Szene kurz vor Schluss an der heiß umkämpften Brücke, diese sinnlose Schlacht, die Unions- wie Konföderierten-Armee unzählige Tote abverlangt. Barry ist mit „Tage ohne Ende“ ein Italo-Western gelungen, sprachgewaltig und überwältigend, ein Antikriegsroman, der Grausamkeit und Gemetzel ausstellt, und bei aller Brutalität dennoch von einer Poesie ist, dass es einem unter die Haut geht.

Inspiriert vom Coming-Out seines Sohnes hat sich Barry für ein faszinierendes Protagonisten-Paar entschieden. Ein Ich-Erzähler, der Ire Thomas McNulty, schildert sein Leben. Wie er den „Großen Hunger“ in seiner Heimat, Überfahrt und kanadisches Seuchenhaus überlebt, und schließlich in Missouri, da ist Tom gerade 14, den Neuengländer John Cole kennenlernt. „Meine große Liebe“, sagt er sofort, und an anderer Stelle: „Der Mondschein kann ihm nicht schmeicheln, denn er ist bereits schön.“

Und weil dem so ist, verdingen sich die beiden Jungs zunächst als Tanzmädchen in einem Saloon. Das geht gut, denn Frauenmangel wie Fantasie der Minenarbeiter sind groß. „Wir waren zwei Hobelspäne der Menschheit in einer rauen Welt“, sagt Tom, als er auch abseits der Bühne seine Vorliebe für Kleider entdeckt und auslebt. Allein, „die Natur“, heißt: beginnender Bartwuchs, setzt dem Ganzen ein Ende – und auf der Suche nach Stabilität und regelmäßiger Versorgung verpflichten sich Tom und John bei der Armee. All das erzählt Barry mit harten Worten, oft nur in Halbsätzen, gefolgt von unfassbar lyrischen Passagen. Sein Buch liest sich wie ein gesprochener Bericht, es wird viel geflucht, „gottverdammt“ ist ein Standardwort, drastisch werden die Abscheulichkeiten des Indianer-Abschlachtens dargestellt, oder später Szenen im Feldlazarett, dann wieder sieht Tom eine Abenddämmerung, als „zieht Gott langsam ein zerfetztes schwarzes Tuch über seiner Hände Werk.“ Dass sich einem dies auch auf Deutsch erschließt, liegt an der gelungenen Übersetzung von Hans-Christian Oeser, der es verstanden hat, Slang, Schrecken und Schönheit perfekt zu übertragen. Auf dem Buchrücken findet sich dazu eine Songliste von Johnny Cash bis zu The Dubliners, Lieder, die man beim Lesen unbedingt hören sollte.

An Toms und Johns Seite geht es durch Krieg und Frieden. Zum Schutz der Siedler werden die beiden in den sogenannten Indianerkriegen zu Völkermördern an den Sioux, und Tom zeigt die Armee als Vollstrecker der wirtschaftlichen Interessen der Weißen, ohne Gnade für Frauen und Kinder – und immer wieder Vertragsbrüche mit den Ureinwohnern. Wichtigster Feind wird Stammesführer Caught-His-Horse-First, dessen kleine Tochter von Soldaten verschleppt wird. Tom und John retten das Mädchen, nennen es Winona – und gründen mit ihm eine Familie. Die beiden mustern aus, werden in Grand Rapids wieder zur Saloon-Sensation, diesmal als Mann-Frau-Duo, da der Hübsche John Cole mittlerweile einsneunzig groß ist, werden gute Eltern, Tom ganz Mutter – einer Überlebenden, deren Angehörige sie mit vernichtet haben, und treten erneut in die Armee ein. Im Sezessionskrieg, auf Seiten der Union, weil erstens ihr alter Major ruft, und sie zweitens bei ihrer Show den schwarzen Dichter Mr. McSweny als Freund gewonnen haben, der ihnen von der Sklaverei erzählt. „Soweit ich sehen konnte, brach in Amerika immer irgendwas zusammen. So stand’s mit der Welt, rastlos, irgendwie brutal. Immer war was“, sagt Tom.

Bild: pixabay.com

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Barry malt ein Panorama an Planwagentrails, Glücksrittern unterwegs in ihr Gelobtes Land Kalifornien und desillusionierten Pilgern auf dem Weg zurück nach Osten, Forts und schlammverschmutzten Städten; die sengende Sonne, der ständige Hunger und die Müdigkeit sind den Moschkoten kein geringerer Gegner als die Konföderierten. „Bin so verängstigt und verrückt, dass mir die Pisse ungehindert in die Armeehose läuft. Raussprudelt und meine Beine flutet. Verdammt“, sagt Tom vor einer Schlacht. Zu John und ihm im Felde gesellt Barry ein so typisches Western-Personal, als könnte jederzeit Lee van Cleef um die Ecke biegen: den gutmütigen Major Neale, den betrunkenen Colonel Callaghan, einen griesgrämigen Sergeant, dieser ein „wandelndes Handbuch des Krieges“, die Frau des Majors. „Als ehemaliges Mädchen von Beruf frage ich mich, woraus wohl ihre Unterwäsche besteht. Zu meiner Zeit waren’s Rüschen und satinierte Baumwolle“, sagt Tom, obwohl er eingesteht, nicht die Sorte Mann zu sein, die sie gern küssen würde. Das tut er nach wie vor nächtens im Geheimen, im gemeinsamen Bett mit John.

„John Cole. Ist wie Nahrung. Brot der Erde. Das Lampenlicht berührt seine Augen, und ein anderes Licht antwortet“, sagt Tom. Da sind die beiden schon im gefürchteten Kriegsgefangenenlager Andersonville, dies eine der scheußlichsten Passagen des Buchs darüber, was Menschen Menschen antun, abgemagert bis zum Skelett und zum Sterben bereit. Doch auch diesmal gelingt ihnen der Weg zurück ins Leben, zurück zu Winona. Und gerade, als sich alles zum Guten zu wenden scheint, die drei sich auf einer Tabakfarm in Tennessee niederlassen, Tom und John vor einem halbblinden Priester heiraten und fortan als Ehepaar mit einer Tochter gelten, die sogar beim örtlichen Notar eine Stelle als Schreibkraft bekommt, meldet sich ein Gespenst aus der Vergangenheit: Caught-His-Horse-First, der sich sein Kind zurück erkämpfen will …

Sebastian Barry entwirft in „Tage ohne Ende“ ein Gemälde der USA, als sie noch lange nicht die Vereinigten Staaten waren, er zeigt den Aufbau einer Nation, der ohne Rücksicht auf Verluste auf dem Rücken anderer passiert ist, eine Mentalität, die sich dieser Tage gerade wieder Bahn bricht. Doch abseits seiner speziellen Story, wirft Barry auch universelle Fragen über den Krieg, und was er aus dem Menschen macht, auf. „Ein Mann“, sagt Tom, „kann edle Gedanken haben, die sich in seinem Kopf einnisten wie ein Schwarm Vögel, aber das Leben sieht sie nicht gern da sitzen. Das Leben wird die Vögel abschießen.“

Über den Autor: Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den besten irischen Autoren der Gegenwart. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane „Ein verborgenes Leben“, ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award und auf der Shortlist für den Booker Preis, „Mein fernes, fremdes Land“, ausgezeichnet mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction, „Ein langer, langer Weg“, auf der Shortlist für den Booker Preis, und „Gentleman auf Zeit“. Sebastian Barry lebt in Wicklow, Irland.

Steidl Verlag, Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.

Lesung: vimeo.com/278120024

steidl.de

  1. 1. 2019

Theater in der Josefstadt: C’est la vie – Eine Revue

September 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Peter Turrinis Herzbluttext mit viel Liebe dargebracht

Marcello De Nardo, Hilde Dalik, Thomas Mraz, Erich Schleyer, Wolfgang Schlögl, Susanna Wiegand Bild: Erich Reismann

Marcello De Nardo, Hilde Dalik, Thomas Mraz, Erich Schleyer, Wolfgang Schlögl, Susanna Wiegand
Bild: Erich Reismann

Da stand er also, der Turrini Peter auf der Josefstädter Bühne, ließ tosenden Applaus und ein Geburtstagsständchen des Publikums über sich hinwegfegen. Keiner kann so wie er dichterfürstisch verlegen über den Brillenrand lugen. Ja, huldigt mir, aber ein bissl peinlich ist es schon. Also werden Darsteller und Team flugs noch einmal herausgewunken, da kann man in der Menge untergehen. Dass Direktor Herbert Föttinger nicht in seiner üblichen Loge saß, lässt darauf schließen, dass er während der Uraufführung irgendwo hinten mit Autorenhandhaltung beschäftigt war. Jetzt sei doch endlich nimmer lampenfiebrig, du theatralischer Fieberkopf. Alle, alle lieben dich. Aber es ist wohl gerade das, das dich erschreckt …

Peter Turrini hat sich mit „C’est la vie – Eine Revue“ wieder einmal neu erfunden, nur um er selbst zu bleiben. Das ist ihm vergangene Saison schon gelungen www.mottingers-meinung.at/aus-liebe-am-theater-in-der-josefstadt/, und nicht unwitzig, hatte der Nestroypreisträger in seiner „Lebenswerk“-Rede doch über die Auswüchse seines Nachwuchs gelästert, niemand, der noch Dialoge schreiben kann, alles Textflächenablieferer, Regisseur bleib‘ bei deinen Leisten und führe mich in meiner Gesamtheit auf … Nun legt er knapp vor seinem 70. Geburtstag eine Art Bühnenbiografie vor. 94 Stellen, Sorten von Texten, Gedichten, Tagebuchstellen, Briefauszügen, Passagen aus Gesprächen. Ein Lebens-Lauf, von dem Lebensmensch Silke Hassler sagt: „Verfallen Sie nicht in den Irrtum, dem Dichter Peter Turrini alles über den Dichter Peter Turrini zu glauben.“ Ein so wahrer wie unwahrer Satz, weil hier ein Jedermanns Künstlerschicksal, haha, ein Übers-Theater-Text durch die Eckpfeiler von Turrinis Leben getragen wird. Manches so intim, dass es weh tut, übertüncht mit launiger Selbstverletzungsabwehr-Anekdotenhaftigkeit, Lachen, bis einen – das Wort ist vom Peter gelernt – die „Arschlöcherei“ des Lebens wieder einholt. So kommt er wunderbar poetisch von Kindheitswünschen zu Erwachsenenträumen, der dicke Kärntner Tischlerbub mit dem Katzlmacher-Vater, vom Abenteuer am Busen der Nachbarin ans Volkstheater, vom Kennenlernschock Lampersberg-Artmann-Bernhard in die Psychiatrie. Von „Rozznjogd“ über „Sauschlachten“ zur „Alpensaga“. Immer schön tragi- bis komisch. Ein Buch, bereits bei Amaltea erschienen www.amalthea.at, ein Muss, wieder und wieder und wieder darin zu versinken.

Nun aber mussten die Wortbrücken und Satzbauten auf die Bühne. Und hier gilt das Hurra! Regisseurin Stephanie Mohr, die die Versatzstücke als Pfand in ihre Hand nahm, Turrinis Herzbluttext in einen wärmenden Mantel der Liebe hüllte und daraus eine Aufführung zum Niederknien schuf. Allein das Bühnenbild von Miriam Busch: ein Zimmer, vollgestopft bis zum Plafond, einerseits in der Kleinhäuslernachkriegszeit stecken geblieben, mit Uralt-Fernsehapparat, Kirchenfenster, Madonna und Turrini-Büste mit Magritte-Melonen, ein Schauwert-Sammelsurium als sei’s von Alois Mosbacher, andererseits Turrinis niederösterreichische Niederlassung mit Aktenordnern wie in der Schreibwerkstatt überm Hof und dem Küchentisch, an dem Gäste, die Glück haben, mit Familienrezeptpasta bewirtet werden. Eine solche wird denn auch gekocht. Dazu gibt’s Live-Musik von Wolfgang Schlögl, der ebenso auch Mitspieler ist, wie Souffleuse Monika Steidl. Ein (Ab-?)lebensgedicht, eine lyrische Hinterbliebenenverfügung, einen morbiden Depressionsmoment des nach einer schweren Operation Rekonvaleszenten hat Mohr vom Schluss in die Mitte verlegt.

Wenn ihr ruft, ich soll doch bleiben / schmerzerfüllt sei euer Herz, /

ach, ich tanz mit wilden Sprüngen himmelwärts.

Sonst hat sie alles original ins Können ihrer One in Five (um Jim Morrison zu zitieren) übertragen. Hilde Dalik, Marcello De Nardo, Thomas Mraz, Erich Schleyer und Susanna Wiegand turnen von Eros zu Thanatos, von der Wiege bis zur Bahre, spielen, wo’s eigentlich nichts zu spielen gibt, mit erfreulichster Bühnenpräsenz; auch wenn sie gerade nicht am Wort sind, hat hier jeder was zu tun – Paradeiser würfeln, Schreibmaschine malträtieren, Schultaferln mit Pfui-Ausdrücken beschmieren. Das Fünfgewürz macht die Buchstabensuppe zum Gourmettheater. In schwarzen „Godot“-Anzügen und mit den Büsten-Melonen sind sie gleich und könnten ungleicher nicht sein. Schleyer, der wunderbare Erzähler, tut ein wenig auf Oberlehrer. De Nardo, dem die Geschichte aufgrund seiner eigenen am meisten und am nächsten liegt, und Mraz (nebenbei ein wahrer Dancing Star ;-)) agieren wie bei der Geburt getrennte Zwillingsturrinis. Susanna Wiegand lässt sich auch bei einer Onaniergeschichte vom Oberlehrer nicht unterbrechen, Hilde Dalik sprüht vor Freude und glänzt im Unglück. Sie alle haben sich den Text nicht angeeignet, nicht verinnerlicht, sie SIND der Text. Bravo! Dazu übt man sich im Kärntner Dialektsingen, trällert Ti Amo und intoniert das italienische Partisanenlied Bella Ciao.

Alles Leben und Sterben ist … Bühne. No One Here Gets Out Alive.

Zum Schluss wünscht sich Turrini von seiner Liebsten einen „geilen Strip“. Tschuldige, aber dazu ist jetzt keine Zeit. Die beiden schreiben nämlich gerade das Finanzverbrechenstück „Die Spekulantenkomödie“. Das wollen wir nächste Saison sehen!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DrJusIANmW0

TIPPS:

25. September: Lesung mit Herbert Föttinger und Peter Turrini: H.C. Artmann „how much, schatzi?“

www.josefstadt.org/programm/stuecke/action/show/stueck/how-much-schatzi.html

26. September: Österreichische Filmpremiere / Uraufführung: „Peter Turrini. Rückkehr an meinen Ausgangspunkt“. Ein Dokumentarfilm mit Peter Turrini von Ruth Rieser.  Titelgebender „Ausgangspunkt“ des Films über und mit Peter Turrini, der am Tag der Filmpremiere seinen 70. Geburtstag feiert, ist der Tonhof in Maria Saal. Hier führte in den 50er und 60er Jahren das Künstlerpaar Maja und Gerhard Lampersberg ein offenes Haus für „völlig unbekannte Kunst-Irre“, wie es Turrini im Laufe des Filmes einmal nennt – von Thomas Bernhard bis Christine Lavant u.v.a.m.  Für den 15jährigen Turrini war der Tonhof in seinem Kärntner Heimatort ein magischer Ort, sein „erstes Zuhause – Labor, Enklave, Wiege der österreichischen Nachkriegsliteratur“. Die Schauspielerin und Filmemacherin Ruth Rieser verkörperte bei der Uraufführung von Turrinis Tonhof-Stück „Bei Einbruch der Dunkelheit“ in Klagenfurt die Claire. In ihrem bildmächtigen, ruhigen Dokumentarfilm lässt sie den Dramatiker Turrini zu Wort kommen – nachdenklich, offenherzig, liebevoll. Ohne Ressentiment oder Voyeurismus wird im Gespräch behutsam dem Herzschlag des Tonhofes und seiner mittlerweile verstorbenen Hausherren nachgespürt. Dabei wird der heute 70-jährige Peter Turrini auch als aufmerksamer Freund der Jugend sichtbar, als einer mit feinem Sensorium für das Jetzt. Neben den Bildern des Ortes und des Hofes verdichten stimmungsvolle Lesungen im Tonhof-Stadl und in den nahezu unveränderten Zimmern des Hauses diesen Dokumentarfilm zu einem außergewöhnlich persönlichen Porträt Peter Turrinis.

Das Theater lädt ein: Gratis-Zählkarten/freie Platzwahl. Generelle Kartenausgabe ab 19. September.

www.josefstadt.org

Wien, 18. 9. 2014