Alexander Pechmann: Im Jahr des schwarzen Regens

Januar 26, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Charles Austen verstrickt sich in die Wunder des Orients

Es ist diesmal keiner seiner Schauerromane, den der Wiener Autor Alexander Pechmann dem Publikum vorlegt. „Im Jahr des schwarzen Regens“ liest sich vielmehr als Hommage an den historisch-fantastischen Abenteuerroman. Es ist der Reisebericht des Kapitän Charles Austen an seine berühmte Schwester Jane Austen: Charles hat mit der Royal-Navi-Fregatte Phönix vor der türkischen Stadt Çeşme/Tschesme Schiffbruch erlitten und wartet nun auf seinen Prozess vor einem britischen Militärgericht. Es ist das Jahr 1816, eben noch hatte Kapitän Austen napoleonische Kriegsschiffe gejagt, nun will er für die bevorstehende Verhandlung seine Gedanken ordnen, indem er sie für Jane festhält.

Sie, die vor wenigen Tagen mehr Ausführlichkeit und mehr Seemannsgarn einforderte: „Habe die Wunder des Orients gesehen‘ reicht mir nicht.“ Er, der nun antwortet, er werde ein Märchen niederschreiben, „denn es handelt von einer verzauberten Stadt, in der es nicht mit rechten Dingen zugeht, und von einem Unhold, der die Schätze derjenigen Menschen vermehrt, die ihm ein gottloses Opfer darbringen.“ Wie stets betört Pechmann mit seiner poetischen, nostalgisch-verwehten Sprache, er ist ein Schönschreiber auch des Hässlichsten.

Und davon gibt es in diesem Buch einiges. Er setzt Menschen und Orte zu orientalischen Mosaiken zusammen, Steinchen um Steinchen, Zusammenhang und Sinn, bis sich am Ende das Ornament als großes Ganzes erklärt. Die verwunschene Stadt, in der sich alles ereignen wird, Liebe, Lüge, Laster, Korruption und Killerkommandos, ist Smyrna, heute Izmir, wohin Austen aufbricht, um für seine 270 Mann Besatzung ein Transportschiff zu organisieren und mit dem britischen Konsul weitere Schritte zu besprechen. Austens, er ist Witwer und Vater zweier Töchter, gutmütiger Charakter wird durch die Rettung des Schiffskaters Nelson ausgestellt: „Der schändlich zerzauste Kater, den ich geborgen hatte, lugte missmutig aus dem Seesack hervor. Er klammerte sich an meine Schulter wie Odysseus an das von Poseidon umhergeschleuderte Floß.“

„Besmele‘, rief Mr. Faruk, der türkische Lotse. ,Ihr habt Nelson gerettet. Allah belohnt die Barmherzigen.“ Gottes Segen wird Austen in Smyrna jedenfalls brauchen. Die Hafenstadt, ein Schmelztiegel der Nationen, Kulturen und Religionen, wird vom zwielichtigen osmanischen Gouverneur Katipzade Mehmet Bey regiert, von den Europäern, besonders den Briten, wohlgelitten, weil er sich für deren Handelsinteressen einsetzt, hingegen im Dauerclinch mit Sultan Mahmud II. und der Hohen Pforte in Konstantinopel/Istanbul. Die einfachen Menschen fürchten und verachten Katipzade, Konsul Werry ist hocherfreut über den „Prachtkerl auf unserer Seite“, vom Sultan ausgesandte Meuchelmörder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Allen scheint Katipzade einen Schritt voraus.

Im Stil der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts und mit viel historischem Kolorit, das die intensive Recherchearbeit durchschimmern lässt, erzählt Pechmann eine Geschichte über politische Intrigen, wirkmächtige Volksmythen, rücksichtsloses Machtstreben, und wie man den Machterhalt durch „Gegenleistungen“ sichert. „Was wäre der Gouverneur ohne die Janitscharen, die er bezahlt, ohne die Richter, die er besticht, ohne die Beamten, die er erpresst, ohne die Handelsfirmen, denen er Vorteile verschafft – eine Spinne ohne Netz. Und was wären sie ohne ihn – ein Netz ohne Spinne.“

Diese Worte legt Pechmann dem baltischen Orientalisten und Forschungsreisenden Otto Friedrich von Richter in den Mund, der 1816 tatsächlich in Smyrna weilte. Im Roman erläutert Richter allerlei Wissenswertes zur multikulturellen Handelsmetropole, in der die nationalistischen Konflikte des 20. Jahrhunderts bereits gären. Kapitän Austen bahnt sich derweil als – von Gerüchten und der darauffolgenden Paranoia bisher kaum touchierter – Ehrenmann der britischen Marine unerschrocken und aufrecht seinen Weg durch dieses Schlangennest.

Bild: pixabay.com

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„Viele Zündschnüre und ein Pulverfass“, sagt der Gouverneur, für Austen vom Äußeren eines biederen Bankdirektors, würden ihn seine nervösen Augen, die Freund und Feind im Blick behalten müssen, nicht verraten, über sein Babylon. „Die Philiki Etaireia planen den Aufstand, armenische Geheimbünde sinnen auf Rache, die Sabbatianer sehnen einen neuen Messias herbei, während die Briten eine Annexion vorbereiten, und die Franzosen und Preußen wollen dies natürlich verhindern …“ Eine durchaus skurrile Szene ergibt sich solcherart am Festtag des Heiligen Polykarp, erster Bischof von Smyrna, an dessen Grab auf dem muslimischen Friedhof (!) Katholiken, Griechisch-Orthodoxe und armenische Christen aufeinander losgehen, bis die Janitscharen alle mitsammen niederknüppeln.

Die Person, die den Kapitän mehr in diese Wirrnisse hineinzieht, als ihm lieb ist, ist die seltsame jüdische Witwe Rachel Löwenthal, Logiergast im selben Hotel wie Austen, die der festen Überzeugung ist, Katipzade hätte ihren Mann, den aus Wien stammenden Jakob Löwenthal, und die gemeinsame Tochter ermordet, indem er ihr Haus als einziges im Nobelviertel als Pesthort deklarierte und samt Bewohnern niederbrennen ließ. Nun appelliert sie an Austens Ritterlichkeit, der ja bei den Würdenträgern der Stadt aus und ein ginge, mehr über deren Schicksal herauszufinden – während die Frau vom Gouverneur bis zum Konsul als wahnsinnige Querulantin abgetan wird. Asten fühlt sich, erinnert an den Verlust seiner Fanny, zu Rachel Löwenthal hingezogen und will helfen.

Rund um dieses Szenario errichtet Pechmann ein wundersames Panoptikum aus Figuren, wie alten Volkssagen und Legenden entsprungen. Da ist zunächst Anthoula aus der Irrenanstalt, wohin Rachel Charles führt, um ihm zu zeigen, was mit Mädchen passiert, die Katipzade „als Spielzeug missbraucht“ und nach Gebrauch wegwirft. Ein taubstummes, blindes, kahles Geschöpf mit verkrüppelten Beinen, über das Austen schreibt: „Diese Mischung aus abstoßender Hässlichkeit und außerweltlicher Erhabenheit in ihren Zügen verwirrte und verstörte mich zutiefst.“ Er denkt an die Schlangengöttin Schahmeran, die sich zerhacken ließ, um das Böse zu bezwingen.

Oder Arevhat, die Sängerin und Volksheldin, die wie aus dem Nichts auftaucht und ebenso wieder verschwindet, und die in ihren Liedern zum Ungehorsam gegen den Unterdrücker aufruft. Rachel ist sich sicher, dass ihr Mann sterben musste, weil er Arevhat Unterschlupf gewährte, auch sie war eines jener „unglücklichen Kinder, die der Gouverneur in seinen Sommerpalast bringen ließ. Die Mädchen wurden wie Huren bekleidet und bemalt. Sie mussten bei den großen Feierlichkeiten die Gäste des Gouverneurs bedienen. Hatten die Mädchen ihren Zweck erfüllt, wurden sie entehrt vor die Tür gesetzt. Einige machten ihrem Leben ein Ende, wieder andere schlossen sich aus Not den Bettlern an.“

Deren „König“ ist ein weiterer schillernder Charakter, der Derwisch Salaheddin, der mit seinen zerlumpten Truppen und seinen Sufis Austen noch sehr hilfreich sein wird (die beiden schleusen den ehrfurchtgebietenden Sufi Ahmet mit einem gefälschten „Ferman des Sultans“ als trojanischen Janitscharen ins Polizeigefängnis ein, was die Wachsoldaten zum Habt-Acht und zur Herausgabe politischer Gefangener veranlasst – Anthoulas Arzt Dr. Mikaelis ist nämlich außerdem griechischer Freiheitskämpfer). Magisch auch die Begegnung mit Rachels Zaddik Rabbi Ashkenasi, der Austens Blick auf ungeahnte Aspekte des Glaubens richtet.

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Richtig Fahrt nimmt der Roman nach einem missglückten Attentatsversuch auf den Katipzaden auf dem Casino-Ball auf. Der Täter, die Hintermänner? Konsul Werrys Sohn Peter sagt Seiten vorher und hämisch grinsend diesen verhängnisvollen Satz zu Austen: „Der nächste Gouverneur muss ja nicht unbedingt ein Türke sein.“ Charles Austen und Otto Friedrich von Richter retten den angeschossenen Gouverneur und verstecken ihn in einer der bewohnbaren Höhlen am Strand …

Pechmann gelingt mit Verve keinen seiner Charaktere eindimensional zu gestalten. Der bösartige Gouverneur, der das Volk schikaniert, spricht in der Höhle mit den Worten eines Dichters über seine verlorene Liebe Leila, ein Korbflechter-Mädchen, dass Vater Katipzade aus dem Weg schaffte, um dem Sohn eine standesgemäße Heirat vorzuschreiben (als wer sich Leila entpuppt, ist sagenhaft). Selbst Kapitän Austen ist in seinem Innersten zerrissen, nach außen Pflicht und Moral, innerlich nicht über Fannys Tod hinwegkommend, an dem er sich die Schuld gibt. Und Madame Löwenthal? Ist sie wirklich verrückt, wie alle behaupten, oder ist an ihren Anklagen etwas dran? Allmählich erst, die Nerven längst bis zum Äußersten gespannt, dröseln sich die verschlungenen Verhältnisse – wer mit wem und wer gegen wen – auf. Was für mehr als eine Überraschung gut ist.

„Im Jahr des schwarzen Regens“, benannt nach dem Ausbruch des indonesischen Tambora-Vulkans 1815, der noch im Jahr darauf, dem „Jahr ohne Sommer“, ascheschwere Niederschläge auf die Welt fallen ließ, ist ein bis ins Detail stilgetreuer historischer Abenteuer-Roman und mehr. Denn Pechmann erzählt seine Geschichte aus der Zeit des europäischen Handelsimperialismus und der Minderheitenverfolgung im Osmanischen Reich als Bericht aus einer exotischen Wunderkammer. Die vorgegebene Zeit ist ihm nur der Anker, um die orientalischen Mythen und levantinischen Märchen über fantastische Wesen und unerklärliche Phänomene daran festzumachen. Alles in allem: Eine atmosphärisch dichte, nostalgische, unterhaltsame Lektüre über historische Tatsachen.

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzsucher und Goldgräber der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844) „Die zehnte Muse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39939) und „Sieben Lichter“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45974).

Steidl Verlag, Alexander Pechmann: „Im Jahr des schwarzen Regens“, Roman, 256 Seiten.

steidl.de

26. 1. 2022

Alexander Pechmann: Sieben Lichter

April 11, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gevatter Tod ist mit an Bord

Die sieben Lichter, um kurz den Titel zu erläutern, das sind die sieben Seelen von Toten, und deren Mörder wird am Ende des Buches schreiben: „Die Lichter schreien, sie lassen mich nicht schlafen …“ Der Steidl Verlag hat Alexander Pechmanns 2017 erschienenem Schauerroman „Sieben Lichter“ eine zweite Auflage gegönnt, nun können Fans, die erst mit der „Nebelkrähe“ eingestiegen sind, nachlesen, was weiland auf der „Mary Russell“ geschehen ist – wobei der Autor geschickt wie stets seine Fantasie unter die Fakten mengt.

Pechmanns Story über das Geisterschiff mit dem Sensenmann im Schlepptau beruht nämlich auf einer wahren Begebenheit: Im Juni 1828 erreicht die „Mary Russell“ die irische Hafenstadt Cove – an Bord sieben brutal abgeschlachtete Crewmitglieder und Passagiere. Drei Schiffsjungen und der schwerkranke, elfjährige Sohn des Reeders haben das Massaker überlebt, der Kapitän, William Stewart, ist spurlos verschwunden. Noch vor der offiziellen Untersuchung des Falls verschafft sich der berühmte Arktisforscher und Theologe William Scoresby Gelegenheit, die überlebenden Zeugen zu befragen …

… und hier hakt Pechmann, der Scoresbys Schriften und Bücher über ihn studierte, ein, mit dem Ich-Erzähler Colonel Fitzgerald, einer Figur ähnlich Watson zu Holmes oder Hastings zu Poirot, dessen Schwester der Mann, der die Teerjacke gegen den Talar tauschte, ehelicht, und den der bekennende Agnostiker und ehrenamtliche Magistrat des Landkreises mit einiger Skepsis als „ein halbes Dutzend Persönlichkeiten“ beschreibt: als gütigen englischen Gentleman, als Seemann mit schwieligen Händen, Naturforscher und Dozent über den Erdmagnetismus, Balladen-Rezitierer, als gottesfürchtigen Kleriker und Schwärmer, wenn’s um Frauen geht – mit einem Wort, ein selbstgefälliger Schwadroneur vor dem Herrn.

„Ein, zwei Gläser Wein hätten mir zynische Kommentare zu seiner Weltweisheit entlockt, denn ein neunmalkluger kleiner Teufel flüsterte mir ständig ins Ohr, ich solle die naive Frömmigkeit Scoresbys auf die Probe stellen.“ Doch schon ist Fitzgerald mit dem Schwager unterwegs zur Brigg, wo er nach einem Blick in die blutgetränkte Kajüte und auf die eingeschlagenen Schädel erst mal sein „reichhaltiges Frühstück hustend und würgend ins Meer“ spuckt. Pechmann hat sich den Seemannsjargon perfekt angeeignet, seine Gothic-Sprache, deren verwehend romantischer Tonfall ihn als Übersetzer von Mary Shelley und Herman Melville ausweist, lässt Charaktere entstehen und entwickelt darüber hinaus den Pechmanns Büchern eigenen Pageturner-Sog.

Unverständlich, warum noch niemand eine Verfilmung der Gruselliteratur des Wiener Autors in Betracht zog. Brillant einmal mehr Pechmanns Personenbeschreibung, seine Momentaufnahmen von Schock und Schrecken. Von den traumatisierten Schiffsjungen, „während der Jüngere mit leerem Blick in der Nase bohrte, zwinkerte und grinste der Ältere, als wolle er uns ein kleines, schmutziges Geheimnis verraten“, bis zum sinistren Vollmatrosen Howes, dessen „zernarbtes und zerfurchtes Gesicht nicht recht zu dem fast jugendlich strammen Körper passte. Ebenso wenig seine Augen. Alte Augen …“

Was nun beginnt, sind Scorebys Verhöre, die Fitzgerald als eine Art Vernehmungsprotokolle festhält. Scoresby führt Gespräche mit dem amerikanischen Kapitän Callendar, dessen Schoner Stewarts Geisterschiff in den Hafen schleppte, mit Howes und dem schwerverletzten Ersten Steuermann Smith – „ein Ohr war zerfleischt, ein Auge ausgestochen“, mit den Schiffsjungen Deaves, Scully und Rickards, schließlich mit dem schwindsüchtig in seiner Koje liegenden Reedersprössling Tom Hammond, mit an Bord, weil ihm die Seeluft Erleichterung von seinem Leiden schaffen sollte.

All diese Aussagen werden für Scoresby, Fitzgerald und die Leserin, den Leser zu Puzzlesteinen, die sich zum mystisch flirrenden Gesamtbild zusammensetzen. Und apropos, Bild: Wie in jedem guten Thriller ist hier kein Hinweis überflüssig, keine Bemerkung, kein Satz zu viel. Obacht also, wenn’s um albtraumhafte Visionen und eine Kupferstich-Sammlung von Royal-Navi-Schiffen geht, auf denen allesamt gemeutert wurde, oder um einen Gedichtband von Lord Byron – „Purpurne See weissagt der Sonne Nahn / Eh sie emporsteigt, ist die Tat getan“.

Das verschwommene Schlachtengemälde, das sein Rätsel nicht preisgeben will, ist in etwa dieses: Auf der „Mary Russell“ gab es einen Aufstand – oder auch nicht. Weil Kapitän Stewart offensichtlich den Verstand verloren hatte – oder auch nicht. Die Matrosen haben, laut dem sich hektisch vor und zurück wiegenden Smith, ihren Verrat gestanden – oder sind von Stewart zum Geständnis gezwungen worden. Der gute Christ Stewart, unbescholtener Familienvater und zu allem Übel ein Bekannter Fitzgeralds, konnte also entweder die Meuterei rechtzeitig erkannt oder in seinem Wahn sieben Menschen mit der Axt ermordet haben …

„Deaves behauptete steif und fest, die gesamte Mannschaft habe sich gegen Stewart verschworen, doch der Kapitän hätte rechtzeitig Lunte gerochen und dem Schurkenstück ein Ende gemacht.“ Callender berichtet, Stewart rief aus einem Kajütfenster „Um Himmels Willen helfen Sie mir!“, doch als sich die Mannschaft des US-Schoners näherte, „begrüßte uns Stewart herzlich, übertrieben herzlich, und meinte, die Meuterer seien besiegt. Er schien angesichts des Blutbads wenig beeindruckt: ,Da liegen sie‘, sagte er abfällig, ,wie die Lämmchen beim Schlachter.‘“ Das war kurz bevor Stewart ins Wasser sprang und … mehr weiß Callender nicht.

Dafür John Howes. Ihm zufolge war der Kapitän irre und beschuldigte die Mannschaft „die schwarze Flagge hissen und auf Kaperfahrt gehen zu wollen“, bevor er sie überwand und an Haken fesselte, mithilfe der Schiffsjungen, die „bewaffnet mit ner Harpune, nem Kappbeil und nem Dreizack an Deck patrouillierten“. Unter etlichen „Entschuldigen Sie, Reverend, Sir!“ für die Kraftausdrücke schildert Howes seine Überzeugung, „es war, als hätten wir in Bridgetown [denn zur Hauptstadt von Barbados segelte die „Mary Russell“ mit ihrer Ladung lebender Maultiere, für die Rückfahrt lud sie sündteuren brauen Zucker, Anm.] es war, als hätten wir in Bridgetown was Unheimliches an Bord geholt, was Böses, das die Sinne verwirrt und den Geist vernebelt.“

Endlich! Übersinnliches! Etwas, das Fitzgerald freilich so nicht stehenlassen will: „Ich frage mich, warum immer höhere Mächte dafür verantwortlich gemacht werden, sobald etwas Schreckliches oder Unbegreifliches geschieht. Als ob Menschen unfähig wären, Böses zu tun.“ Zu viele Ungereimtheiten hätten die Einvernahmen bisher ergeben, Unstimmigkeiten, die Fitzgerald quälen, „wie entsetzliche Misstöne in einem Musikstück“.

Bild: pixabay.com

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Wie konnte Stewart aus zwei Pistolen auf seine Männer feuern und keinen je treffen – und wem gehört die wundersam im Frachtraum erschienene dritte Pistole? Warum gibt Howes an, vor der „Mary Russell“ auf dem Kriegsschiff „Lopara“ angeheuert zu haben, einem Schiff, das es in der britischen Flotte gar nicht gibt? Warum wird Smith beim Nachhaken verstockt und noch schweigsamer?

„Wenn die Sache vor Gericht kommt, wird man vielleicht uns und nicht ihn für verrückt erklären“, klagt Howes und leert einen Becher Rum. „Und wahrscheinlich sind wir das auch. Niemand, der nicht sternhagelvoll oder wirr im Kopf ist, wird uns diese Geschichte abkaufen. Hätten Sie mich der Meuterei angeklagt, weil ich mich gegen nen Mann wehrte, der ein Menschenleben für weniger wertvoll hielt als seine Befehlsgewalt über das Schiff? Ich glaube, Sie und Ihresgleichen hätten mich an den Galgen gebracht, nur um mich hängen zu sehen. Ich aber hätte sieben Leben gerettet, zum Preis von einem.“

Tut Tom Hammonds Kindermund tatsächlich die Wahrheit kund? The Rich Kid, das die Gräuel von seinem Bett aus nächster Nähe sah, und dessen „unerklärliche Gelassenheit mir Kopfschmerzen machte, sein totenblasses Gesicht, seine sachliche, nüchterne Art zu berichten, als wäre er eine glasäugige Puppe, die Geschichten über Menschen erzählt“. Warum war Reeder-Vater Hammond, der seinen Sohn der Obhut Stewarts ja anvertraut hatte, nun panisch bemüht, diesen so schnell wie möglich dem Zugriff der Behörden zu entziehen? Wie konnte des Kapitäns Ehefrau, die zum fünften Mal hochschwangere Mrs. Stewart so stolz erhobenen Hauptes und stoisch bleiben, als ihr von den Vorfällen berichtet wurde? Geht’s in Wahrheit um die wertvolle Ware im Frachtraum?

„All diese Fragen weckten begründete Zweifel, ob die Crew der ,Mary Russell‘ wirklich so ahnungslos und friedfertig gewesen war, wie es nach den bisherigen Berichten den Anschein gemacht hatte. Ich konnte es nicht genau benennen, hatte aber das Gefühl, dass die Ereignisse auf der ,Mary Russell‘ tiefer in der Vergangenheit wurzelten. Die Antworten schienen etwas auszuklammern, das sich durchaus als wichtig erweisen konnte.“ Der Zollbeamte Barnes faselt, „der Kapitän ist mit dem Teufel im Bunde, er hat ihm sieben Seelen versprochen, um eine alte Schuld zu begleichen“, und dass „Mr. Hammond die Finger im Spiel hat. Dass er alles tun würd, um seinen Sohn gesund zu machen. Hexenkunst und Schwarze Messen …“ Barnes spricht von einer Botschaft – doch welche sollte das sein? War das blindwütige Chaos göttliche Vorsehung?

„Es war ein ärgerlicher Umstand, dass man vor Gericht die Taten von nicht zurechnungsfähigen Personen stets als Gottesurteile bezeichnete, während man kaltblütig geplante, in böser Absicht verübte Verbrechen gern dem Teufel zuschrieb“, notiert Fitzgerald seinen Zorn über die „sonderbare Vermischung von Aberglauben und Rechtsprechung“. Da ist der Prozess um die „Mary Russell“ bereits in vollem Gange – auf den Saalbänken „weinende Witwen in grauen Wollkleidern, Schauermänner mit struppigen Backenbärten, finstere Sargträger, schweigende Zuschauer, die aus ihren ärmlichen Fischerhütten herbeigeeilt waren, und sich wie gute Katholiken bekreuzigten“ -, und der Colonel mit seinem Schwager angefreundet, seit ihm dieser offenbarte, seine wichtigste Eigenschaft als naturwissenschaftlich tätiger Theologe sei: „Der Zweifel!“

Zwischen unleugbaren Indizien und verlogenen Aussagen, zwischen Gespensterspuk und Mystizismus erklärt Richter Lord Chief Justice Standish O’Grady, wen er zum Täter auserkoren hat. Nur so viel, nämlich dass dieser seine Untat beging, weil er ein Zeichen Gottes erkannt zu haben glaubte. „Sein Gott“, sagt Scoresby abschließend, „der nachtschwarze Mann seiner Visionen, war eine Figur des Aberglaubens, entstanden aus urzeitlichen, existenziellen Ängsten“, und dass es eben leichter sei, solche Schreckgestalten anzubeten, als über einen Gott nachzudenken, der einem Eigenverantwortung aufbürdet.

Dies Alexander Pechmanns Absage an jegliche religiöse, politische, was-auch-immer Fanatismen: „Ich glaube, dass jeder von uns im Grunde seines Herzens weiß, was richtig und falsch ist, und dass jeder, der gegen dieses Wissen handelt, sich früher oder später selbst bestraft. Darin liegt die Gerechtigkeit, die uns gegeben wurde …“ Alexander Pechmann hat mit dem schmalen Band „Sieben Lichter“ einen spannenden und sprachgewaltigen Mystery-Thriller vorgelegt, der an die düsteren Schauerromane früherer Tage erinnert. Das Wechselspiel des sanften Scoresby, der an die göttliche Vorsehung glaubt, und des zynischen Realisten Fitzgerald ist famos. Glaube und Zweifel treiben die beiden gleichermaßen um, während bei der Rückbetrachtung der Ereignisse ein Strudel aus Angst und Aggression, Obsession und Okkultismus immer gewaltigere Dimensionen annimmt.

Mit detektivischer Freude schlendert man mit dem ungleichen Ermittlerpaar, Fitzgerald erweist sich als besonders genauer Zuhörer, Scoresby als der aufmerksame Beobachter, über die Docks, und lauscht interessiert ihren fast schon philosophischen Dialogen über das Rechtsverständnis des 19. Jahrhunderts, über Standesunterschiede und Standesdünkel, über Menschliches, Unmenschliches und Allzumenschliches, über im Wortsinn Gott und die Welt. Was im Jahr 1828 an Bord der „Mary Russell“ geschah, gehört bis heute zu den rätselhaftesten Kriminalfällen der Seefahrtsgeschichte. Wer eine nebeldichte, enigmatische und sehr schön „schauderhafte“ Atmosphäre in Büchern zu schätzen weiß, für den heißt es hier – zugreifen!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzsucher und Goldgräber der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844) und „Die zehnte Muse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39939).

Steidl Pocket, Alexander Pechmann: „Sieben Lichter“, Roman, 164 Seiten.

steidl.de

11. 4. 2021

Sebastian Barry: Tausend Monde

November 27, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Kinder keiner neuen Nation

Die tiefe Angst der Büffelkuh. Wenn sie eingeholt wird. Wenn der Jäger, kurz bevor sein Gewehrlauf tödliches Feuer speit, so nah ist wie ein Gedanke. Jetzt des Tiers Moment hellster Klarheit. In dem ihm alles, was es liebt, ganz deutlich wird, die Prärie, die harten Gräser, der lange Atem des Winters und die jähe Fülle des Frühlings. „Ganz deutlich wird in ebender Sekunde, bevor sie dies alles verliert“, schreibt Winona. Da ist sie schon am Ende ihres Weges angelangt, und wo und warum sie das schreibt, wird die Leserin, der Leser am Ende erfahren

In Sebastian Barrys aktuellem Roman „Tausend Monde“, wieder ein Western, genaugenommen die Fortsetzung des Vorgängerromans „Tage ohne Ende“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215), den man unbedingt gelesen haben sollte, aber zum Verständnis von „Tausend Monde“ nicht gelesen haben muss. Nach Thomas McNulty ist nun die 17-jährige Lakota Ojinjintka/Winona die Ich-Erzählerin, allein diese Perspektive macht das Buch besonders.

Gibt’s im Genre doch wenig weibliche Protagonisten – und noch seltener sind sie Native Americans. Es ist 1873, die Stadt Paris im Henry County, Tennessee, und das Land nach dem Bürgerkrieg tief gespalten. Der Süden liegt wirtschaftlich am Boden, die Menschen hungern, das Home Of The Brave schickt seine obdachlosen Kinder wie Untote über die Erde. Freigelassene Sklaven irren umher, Menschen, denen der Krieg Hab und Gut abgefackelt hat, marodierende Konföderierten-Soldaten formieren sich zu Rebellengruppen und nennen sich „Nachtreiter“.

Die Cherokee, die Chickasaw sind ermordet, vertrieben, in Reservate verbracht: „Die Leute mögen es nicht, wenn glühende Asche zu ihnen zurückweht. Jemals einen betrunkenen Indianer gesehen, jemals einen Indianer in Lumpen gesehen? Das passiert, wenn ein König von Trauer überwältigt wird“, schreibt Winona. „Krieg macht den Menschen im Handumdrehen zu einem Gewalttäter, Verstümmler und Mörder, allein die Berührung eines weißen Mannes, schon sein Nahen ist der Herold des Todes. Es sei denn, da ist ein Herz, das mäßigt, und die Bereitschaft zu lieben. So war das bei Thomas McNulty und John Cole.“

Tom McNulty und John Cole, man erinnere sich, das schwule Unionssoldatenpaar, das die Waise Ojinjintka adoptierte und ihr den leichter auszusprechenden Namen Winona gab, lebt und arbeitet samt Ziehtochter nach wie vor auf der Tabakfarm von Lige Magan. Dessen schwarze Wahlschwester Rosalee Bouguereau und deren Bruder Tennyson, beides Freigelassene, sind ebenfalls immer noch Teil der Familie, und Winona hat ihren Job als Sekretärin von Rechtsanwalt Briscoe. Welch eine Idylle, eine andauernd bedrohte. Es ist kurz nach dem Überfall der Banditenbande von Tach Petrie auf die Farm, Tach Petrie, der dabei erschossen wurde.

Winonas schriftliches Zeugnis-Ablegen ist eine Geschichte, die sich erst nach und nach entschlüsselt. „Könnte sein, dass ich von Dingen rede, die sich 1873 oder 1874 im Henry County, Tennessee, zugetragen haben, doch was Daten betrifft, war ich noch nie verlässlich. Und falls sie sich zugetragen haben, gab es zu der Zeit keine wahrheitsgetreue Darstellung. Es gab nackte Tatsachen und eine Leiche, und dann gab es die wahren Ereignisse, die niemand kannte. Dass Jas Jonski getötet wurde, war die nackte Tatsache,“ ist der Satz, der den Roman zum Pageturner macht.

Jas Jonski ist Winonas erste Liebe, „ein mickriger Bursche aus Polen“, Verkäufer im Trockenwarenladen, in dem sie bevorzugt einkauft. Er macht ihr den Hof, ihr, die in den Augen der Stadtbewohner eine Wilde ist, „näher an einer Wölfin als an einer Frau“, ihr, in deren Hinterkopf immer noch ein rußgeschwärztes, blutgetränktes Schlachtengemälde tobt, er – „ein Weißer“. Tom, der mütterliche, der manchmal Frauenkleider trägt, mag ihn nicht, „John Cole schaute finster drein und sagte nichts“, „John Cole, der Kiel meines Bootes, Thomas das Ruder und die Segel“, dennoch gestatten sie Jas‘ Liebeswerben, schließlich gar die Verlobung.

„Es kam der Tag, da ich voller Blutergüsse zur Farm zurückkam“, berichtet Winona weiter. Verprügelt, vergewaltigt, das ist an einer rechtlosen „Indianerin“ kein Verbrechen. Wer es getan hat? Winona vermag den Nebel, der ihren Kopf umwölkt, nicht zu durchdringen, sie weiß nur, dass sie Jas nicht mehr heiraten will. Der reitet zur Farm. Erst hundert Seiten später wird er erfahren, was seine Braut erleiden musste, wird sich unter Tränen fragen, ob er dies Schreckliche getan hat, denn auch er ist ohne Erinnerung. Nun wird er fürs Erste zwecks Verhör in der Wäschekammer festgesetzt, bewacht von Tennyson – der daraufhin von Unbekannten fast totgeschlagen wird, „ein Schwarzer, der Herr über einen Weißen gewesen ist“, wie Jas herumposaunt, „ein Fürst von einem Mann“, der danach ein Angst gebeuteltes Häufchen Elend ist.

Wie schon in „Tage ohne Ende“ zeichnet Sebastian Barry auch in „Tausend Monde“ mittels seiner Wild-West-Versatzstücke und der ihm eigenen poetischen Prosa ein düsteres Bild der USA. Weiße vs Indigene, Weiße vs Afroamerikaner, die WASP gegen die von ihrem Land Vertriebenen und gegen die ins Land Verschleppten, und mittendrin ein Mädchen auf Identitätssuche in einer Gesellschaft, die sie nicht als menschliches Wesen anerkennt. Diesen Riss durch die USA, es gibt ihn auch aktuell.

Auch das macht Barrys Buch beachtenswert. Wie er die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft, ein Anwalt derer, die „auf ein nie heraufdämmerndes Morgenrot warteten“, die auch knapp vor 2021 die Kinder keiner neuen Nation sind, weil in ihr die alte Rechte mit ihren alten Rechten regiert. Die „Lost Cause“-Kämpfer sind bis unter die Zähne bewaffnet, ideologisch aufmunitioniert, nicht zuletzt vom nicht scheiden wollenden Präsidenten, der ihre Denkmäler und ihre Schusswaffen verteidigt, egal – #BlackLivesMatter, und der die „The South Shall Rise Again“-Mentalität in Wählerstimmen umzuwandeln wusste.

Aufs Stichwort auftritt Tachs Bruder Zach Petrie, Anführer der Nachtreiter, die bei ihren Aktionen Kapuzen tragen, und wirklich wurde der Ku Klux Klan 1865 in Pulaski, Tennessee, von Konföderierten-Offizieren gegründet, 50 Reiter, unter ihnen der grausame „Lynchjurist“ Aurelius Littlefair und Jas Jonskis Kumpel Wynkle King. Auftritt auch Colonel Purton mit seinem Trupp, ein großgewachsener Mann mit Hasenscharte, der Zach Petrie und Konsorten wegen diverser Untaten, Erhängungen, Brandstiftungen, auch der an Tennyson festnehmen will. „In Tennessee, sagte der Colonel, gebe es Tausende Seelen wie Zach Petrie. Männer, die der Krieg so aufgebracht habe, dass sie nicht die Luft des Friedens atmen könnten, sie erstickten daran. Und dass keine neue Zeit sie zufriedenstellen könne.“

Der Klan, ca. 1870. Bild: pixabay.com

Bild: pixaybay.com

Lakota, Kleid ca. 1850. Bild: pixabay.com

„Petrie habe das heftige Gefühl eines Mannes, dem Unrecht widerfahren sei, und das verwahre er für immer in seiner Brust, sagte der Colonel.“ Und beschließt die Rebellenhochburg der Nachtreiter am West Sandy Creek, wie das schon klingt!, eigentlich eine kleine Stadt mit Frauen und Kindern, auszuräuchern. Der Colonel, ganz Law and Order. Winona folgt der Kolonne „im Dienste Tennysons“, während die Leserin, der Leser mehr über die Nacht des sexuellen Missbrauchs an ihr erfährt. Dass sie mit Jas Jonski Arm in Arm über den Court Square geschlendert sei, Richtung des von Jas‘ Freund Frank Parkman als Bursche beaufsichtigten Pferdestalls. Parkman, der nebenbei auch der Hilfssheriff ist. Dass sie Whiskey getrunken hätten, und dass sie sich so schäme, dass sie ihren Vätern dies nicht sagen könne. Danach: Blackout.

Einfühlsam und eindrücklich bringt Barry diese Emotionen zu Papier, die Selbstvorwürfe, die Schuldgefühle des Opfers eines Verbrechens, das bis heute ein gesellschaftliches Tabu ist und ob des Schweigens oftmals ungeahndet bleibt. Zurecht sei ihr dies geschehen, da sie doch betrunken war!, diese „belanglose Kleinigkeit im allgemeinen Weltenlauf, die jedes Mädchen zu ertragen hatte“.

Und während Purtons Attacke auf Petrie misslingt, Petrie, dessen elterliches Anwesen ohne die Bewirtschaftung durch Sklaven jämmerlich verkommt, Petrie, der vielen der neue Held ist; während Tennyson, der durch die Schläge seine Stimme verloren hat, die Zeichnung eines Hasen anfertigt, der eindeutig auf ihn einprügelt – hat die Order nachgeholfen, damit das Law in Kraft treten konnte?; während Jas Jonski seine Mutter als Vermittlerin bei Winona aus Knoxville kommen lässt, die sich aber als Indianerhasserin in höchster Vollendung entpuppt; während Briscoes Haus in Flammen aufgeht, Briscoe, der als Anwalt Purtons Einsatzbefehl gegenzeichnete, …

… stößt Winona am West Sandy Creek auf die junge Chickasaw Peg, Ziehtochter von Aurelius Littlefair, deren leiblicher Vater im Krieg Littlefairs bester Späher war, denn auch viele Native Americans stellten sich im Sezessionskrieg auf die eine oder andere Seite, nimmt sie mit nach Hause – und verliebt sich in sie. Peg, neben der sie in der Nacht nicht nur schläft: „Könnte man Honig in der Luft schweben lassen, dann wäre das Peg. Könnte man einen Abschnitt des wildesten Flusses nehmen und ihn in einen Menschen verwandeln, dann wäre das Peg. Könnte man seine Lippen auf einen pulsierenden Stern drücken, dann wäre das Peg. Ihr langer, weicher, süßer, wilder, tanzender, durchdringender, geküsster Körper. Mit all seiner Süße im Zentrum.“ Peg, die Tom und John Cole und Lige Magan bei der Ernte der Tabakblätter hilft, und wie diese nach Winonas Schilderungen von Jas‘ Täterschaft überzeugt ist.

Geschickt zieht Sebastian Barry das Fahndungsnetz um Lige Magans Farm enger. Draußen Lügen und noch mehr Lügen, „der Pony-Express des Getratsches galoppiert“, wie Briscoe sagt, drinnen für die Leserin, den Leser mehr und mehr Möglichkeiten, wer Jas Jonski ins Jenseits befördert haben könnte. Eine blutrauschende Rachetat muss das gewesen sein, mehr als zwanzig Messerstiche! Die Feinde formieren sich. Unter Gouverneur John C. Brown, vormals Generalmajor im konföderierten Heer und später Gründer jener nach „Rassen“ getrennten Schulen, die in den Südstaaten bis Mitte des 20. Jahrhunderts Bestand haben sollten, baut sich auch Paris, Tennessee, politisch um. Noch einer von Barrys Querverweisen, in denen die Fiktion auf historische Fakten trifft, noch ein Seitenhieb auf den derzeitigen US-amerikanischen – und nicht nur dort – Konservativismus.

Aurelius Littlefair wird zum Richter von Henry County ernannt, Frank Parkman zum Sheriff, Wynkle King zum Hilfssheriff, einer der Steigbügelhalter des anderen, und ein Freigelassener namens Imre Grimm über einem Feuer aufgehängt und seiner Körperteile entledigt, bis … die Stadtbevölkerung die Teile seines Leichnams als Souvenir mitnehmen konnte. „Jetzt sind wir wahrhaftig Bürger im Land des Teufels, sagte der Anwalt Briscoe.“ Dessen ehemaliger Bundesgenosse Colonel Purton, den die neue Gerichtsbarkeit seiner Befugnisse berauben will, schafft die Kehrtwende. Er übergibt Winona dem nunmehrigen Sheriff. Das heißt: sie stellt sich aus Gründen, doch in der Gefängniszelle vertraut ihr Frank Parkman an, was im Pferdestall geschah und, dass er wüsste, wer Jas erstochen hat. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, die „ganz deutlich wird in ebender Sekunde, bevor sie dies alles verliert“. Und Wynkle King hört zu …

“Ich verzehre mich nach dem heiligen Stumpfsinn gewöhnlichen Lebens“, ist einer der schönsten Sätze, die Sebastian Barry für seine Heldin formuliert hat. „Tausend Monde“ ist ein geschichtlich verorteter, gleichsam zeitloser Anti-Kriegs-Roman, ist ein Buch darüber, dass Gewalt wieder Gewalt, aber neben den Monstern auch Friedenswächter erzeugt. „Er ist in dieser Geschichte der gute“, meint Winona einmal über Anwalt Briscoe.

„Tausend Monde“ kommt mit weniger brachialen Szenen aus als „Tage ohne Ende“, doch wenn der dünne Firnis der Zivilisation blättert, ist in jedem, von Hans-Christian Oeser einmal mehr mit viel Fingerspitzengefühl übersetzten Satz zu spüren, welches Gewaltpotenzial unter der Oberfläche auf seinen Ausbruch wartet. Ein intensiver, beeindruckender Roman über Rache und Vergeltung, über Schuld und verlorene Unschuld. Eine Erzählung darüber, wie man lebt, wenn die eigene Geschichte in einer diffusen Vergangenheit versinkt und keine Gewissheit möglich ist. Und nicht zuletzt: Welch ein wunderbares Buch über die Liebe! Winona über Tom und John Cole: „Ihre Liebe war das erste Gebot meiner Welt – Du sollst hoffen, so zu lieben wie sie.“

Über den Autor: Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den besten irischen Autoren der Gegenwart. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane „Ein verborgenes Leben“, ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award und auf der Shortlist für den Booker Preis, „Mein fernes, fremdes Land“, ausgezeichnet mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction, „Ein langer, langer Weg“, auf der Shortlist für den Booker Preis, und „Gentleman auf Zeit“. „Tage ohne Ende“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215), 2018 auf Deutsch erschienen, war ein internationaler Bestseller und wurde unter anderem mit dem Costa Book of the Year Award ausgezeichnet. Sebastian Barry lebt in Wicklow, Irland.

Steidl Verlag, Sebastian Barry: „Tausend Monde“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.

steidl.de

BUCHTIPP: Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“. Roman über das Leben der Cheyenne in den heutigen USA. Autor Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35082

  1. 11. 2020

Orhan Pamuk: Orange

September 9, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das wärmende Licht des nächtlichen Istanbul

„Die weiße Festung“, „Das schwarze Haus“, „Rot ist mein Name“, mit diesen und unzähligen weiteren Romanen hat sich Orhan Pamuk in die Weltliteratur eingeschrieben. 2006 erhielt er dafür den Nobelpreis. Wer das Werk des Schriftstellers kennt, weiß um seine Streitbarkeit und sein dem Humanismus verpflichtetes politisches Engagement. Pamuk setzte sich in der Türkei wiederholt für die Meinungsfreiheit ein, zuletzt mit einem offenen Brief, der sich gegen die Inhaftierung von zahlreichen Journalisten und Intellektuellen richtete – ohne dabei Rücksicht auf wiederholte Drohungen von Islamisten oder Nationalisten zu nehmen.

Weniger bekannt ist, dass Orhan Pamuk auch ein passionierter Fotograf ist. In seinem nun erschienenen Bildband „Orange“ dreht sich alles um diese Farbe, und Pamuk wäre kein Autor von Rang, würde er dies wärmende Licht, das die Straßen des nächtlichen Istanbuls umhüllt, nicht als Metapher für ein entspanntes Miteinander, als Sinnbild für eine friedvolle Lebensart verwenden – und somit als Symbol für die gesellschaftlichen Veränderungen in seiner Heimat.

Denn das Orange wird weniger, es muss einem kalten Weiß weichen, die neue Straßenbeleuchtung, Pamuk schildert sie als böse und aggressiv. „During my boyhood and youth, white light was something cold that issued from ,fluorescent‘ lamps. It lived inside hospitals, warehouses, factories, waiting rooms, and refrigerators. Like wickedness, it was to be avoided. It could grieve and mislead us“, schreibt Pamuk, und beschreibt den Moment, an dem er entschied, die Nachbarschaft abzulichten, bevor man ihm sein Orange verpatzt. Lieber, schreibt er, ginge er spazieren, „than spending yet another evening sitting at home, watching the endless stream of lies being propagated on television by the government.“

Gefolgt von seinem Bodyguard, einem ständigen Begleiter seit der Ermordung seines Freundes Hrant Dink 2007, eines Journalisten, der in seinen Artikeln den Genozid an den Armeniern anprangerte, worauf Dink mit dem Vermerk, Pamuk wäre das nächste Ziel, drei Mal in den Hinterkopf geschossen wurde, gefolgt also von seinem Bodyguard macht sich Pamuk auf den Weg. Hält in seinen Bildern Ladenbesitzer fest, die gerade die Rollläden runterlassen, den Friseur, der auf späte Kundschaft wartet, Leute, die am Zeitungsstand schnell die Abendausgabe kaufen, kleine Lokale, die selbst nach Mitternacht zum Bersten voll sind, Betrunkene und spielende Kinder und ein Rudel Straßenhunde, das ihm mit schöner Regelmäßigkeit begegnet.

Bild: © Orhan Pamuk / Steidl Verlag

Malerisch, wie sich nach einem Regenguss die frisch gewaschene Wäsche auf den Wäscheleinen im nassen Straßenpflaster spiegelt; einmal hat es geschneit und die Gassen versinken im Matsch. Im Buch schmuggelt Pamuk manchmal neben ein orangefarbenes Foto, das eine nächtliche Straßenszene widergibt, ein Foto, das eine ähnliche Szenerie einfängt, aber in einer Gasse aufgenommen wurde, die bereits in kalt-weißem Licht leuchtet.

Krasser könnten die Gegensätze kaum sein. Istanbul ist eine Stadt, bemerkt man, die Pamuk zunehmend fremder wird. „Indeed some streets had been completely remoulded by the arrival of Arab immigrants from Syria, while other streets nearby bore the clear sign of a new kind of nationalist fury, and hostility toward foreigners and newcomers. There had also been a third kind of change: across the Golden Horn, many neighbourhoods had come under the influence of political Islam and fundamentalist sects.“ Und während sich Pamuk noch über das zunehmende Tragen religiös motivierter Kleidung einerseits, und andererseits die Präsentation der türkischen Flagge allüberall auf den Straßen mokiert, wird ihm klar: Ja, es gibt Gegenden, da dient der Ayyıldız, der Mondstern, als Zeichen der Abwendung vom Westen.

Doch in Beşiktaş oder Kartal, Stadtteilen, die mit großer Mehrheit gegen Erdoğan gestimmt hatten, erkennt er sie als Zeichen des Widerstands – „a way of whispering ,We’re here too!‘ in a city which allowed no other form of political dissent.“ „Orange“ ist ein Flanieren mit offenem Blick, ein Umherschlendern als Teil eines multikulturellen Menschengewimmels, das dem Untergang geweiht scheint. Pamuk kann sich nicht sattsehen an „mothers and fathers carrying their children in their arms as they hurried back home“, „newlyweds strolling arm in arm“, „weary old men and women trailing behind, quiet and meek“, er sucht die Gassen „with families and with children playing football, wrestling each other, and giggling with their mothers.“ Pamuk hat ein Gespür für Settings.

Bild: © Orhan Pamuk / Steidl Verlag

Auf den meisten Bildern sind Menschen zu sehen, die miteinander agieren als wäre die Linse eine Bühne. Pamuks „Beiläufigkeit“ ist das Resultat einer durchdachten Komposition. Nicht überall ist er willkommen. Vor allem in den verarmten Straßen wollen die Anrainer ihn nicht foto- grafieren lassen. Oft ist es Stolz, er muss um Erlaubnis fragen, die Männer lassen sich ihre Autorität als Herren „ihrer“ Straße nicht nehmen, mitunter muss der Bodyguard eingreifen.

Pamuk versteht das, wenn das Wetter schön ist, ist der Gehsteig für die Istanbuler ihr erweitertes Wohnzimmer, ein Ort für Großfamilien, die ein paar Stühle auf die Straße geschleppt haben und miteinander den Tag ausklingen lassen, „the pavements like their own backyard“, wo Karten gespielt und Kaffee getrunken wird. Und immer sind es die Kinder, die um ein Foto von und für sich selbst bitten.

In seinen Fotografien gelingt es Pamuk, so etwas wie die Poesie des Augenblicks festzuhalten. Als wäre er auf der Suche nach einer verlorenen Zeit, hält er den Istanbuler Alltag wie kleine Kunstwerke fest, den achtlos liegengelassenen Müll, die bröckelnden Fassen und holprigen Gassen, das Chaos in den Cafés, von Zeit zu Zeit auch absichtlich wackelig und unscharf. Nicht umsonst bezieht er sich auf Eugène Atget und seinen 1900er-Paris-Bildband, diese Chronik einer verwehenden Stadt. „Tanzt die Orange. Wer kann sie vergessen, / wie sie, ertrinkend in sich, sich wehrt / wider ihr Süßsein. Ihr habt sie besessen. / Sie hat sich köstlich zu euch bekehrt. / Tanzt die Orange“ – © Rainer Maria Rilke. Orhan Pamuk hat hier ein ganz wunderbares Werk erschaffen.

Über den Autor: Orhan Pamuk ist ein türkischer Schriftsteller und Künstler, der 2006 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Der 1952 in Istanbul geborene Pamuk wollte bis zum Alter von 22 Jahren Maler werden und wurde dabei von seiner Familie ermutigt. In den 1960er- und 1970er-Jahren fotografierte er, wie er in seinem Buch mit autobiografischen Aufsätzen „Istanbul“ (2003) beschreibt, die Straßen seiner Heimatstadt, um sie in seinen Gemälden zu verwenden. Das „Museum of Innocence“ ist sowohl ein 2008 veröffentlichter Roman von Pamuk als auch ein Museum, das er 2012 in Istanbul eröffnete und das die in den Geschichten beschriebenen Objekte, Bilder, Papiere und Fotografien ausstellt. Das „Museum of Innocence“ wurde 2014 mit dem Preis des Europäischen Museums des Jahres ausgezeichnet. Pamuk fotografiert seit mehr als fünfzig Jahren.

Steidl Verlag, Orhan Pamuk: „Orange“, Fotoband, 192 Seiten, 350 Abbildungen. Vom Türkischen ins Englische übersetzt von Ekin Oklap.

steidl.de

  1. 9. 2020

Alexander Pechmann: Die zehnte Muse

April 29, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit

Der Wiener Autor Alexander Pechmann ist der zeitgenössische, zu dessen Büchern es zu greifen gilt, sehnt man sich nach dem wohligen Grusel gehobener Schauerliteratur. Ein literarisches Genre, die gothic fiction, das seine Blüte am Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte, Shelley, Polidori, Poe, man kennt die Namen, und Pechmann mit seinem Horace-Walpole-Schreibstil ist ein würdiger Erbe dieser grand ancestors. Hierorts hat man halt ein Händchen fürs Surreale, siehe auch die Wiener Schule des Phantastischen Realismus.

Und dieser Kunst verwandt sind, wenn auch Dezennien früher, die Gemälde eines der beiden Pechmann’schen Protagonisten in seinem jüngsten Roman „Die zehnte Muse“. Das Jahr ist 1905, der Ort alsbald Königsfeld im Schwarzwald, denn anfangs begegnen sich zwei Fremde im Zug, der Maler Paul Severin und der britische Privatier Algernon Blackwood, der seine Gespenstergeschichten aus Spaß an der Freud‘, keineswegs aus Geldnot verfasst. Das Treffen ist durchaus kein zufälliges, wird sich herausstellen, Blackwood hat in einer kleinen Londoner Galerie zwei, drei Arbeiten Paul Severins gesehen und deren Schöpfer gesucht.

Severin, der als Brotberuf Porträts solcher, die sich seinen Pinselstrich leisten können, anfertigt, eine Tätigkeit, die er Handwerk nennt, gilt doch die wahre Leidenschaft seinen „Haschischvisionen von Horrormärchen“, düstere Darstellungen voll rätselhafter Symbole, deren sich wiederholendes Thema unschuldige Schönheit, sinnlicher Tod und eine Auferstehung aus Thanatos Armen als eine Fantasie des Eros ist.

Solcherart Bilder haben Blackwoods Faszination erregt, glaubt er doch das Modell dafür zu kennen, am Donisweiher habe er das Mädchen weiland entdeckt, ja, sagt Severin, er ebenso, Talitha heißt sie gleich der biblisch-toten Tochter des Synagogenvorstehers Jaïrus, der Jesus Christus befahl: Talitha kumi! / Mädchen oder Lämmchen, steh‘ auf! – doch mysteriös mutet an, dass dem Blackwood das offenbar ewig junge Waldgeschöpf zwanzig Jahre vor Severin erschienen war. Nach des Engländers philosophischem Sermon über die Beschaffenheit der Zeit – an dieser Stelle: Achtung! – beschließen die Männer, sich gemeinsam auf die Suche nach des Rätsels Lösung zu machen.

Bis dahin ist man bereits wundersam eingesponnen in den Pechmann-typischen Tonfall, der stets etwas Wehmütiges, Verwehtes, eine Elégance gewesener Tage hat. Pechmann balanciert perfekt zwischen Geheimnis- krämerei und Charakterzeichnung, zwischen Übersinnlich und Historie, zwischen Fakt und Fiktion. An den Quellenangaben im Buch sind die Wurzeln desselben festzumachen, Algernon Blackwood, der tatsächliche, Erfinder der John-Silence-Stories (Textprobe: www.youtube.com/watch?v=HYVIj4D4SnM), die Spukgestalten aus einer Sammlung klassischer Schwarzwald-Sagen von 1930, das jenische Wörterbuch von Rolf Dreher „Fisel komm mir dibrat“, und selbstverständlich des Autors akribische Recherchen rund um den wirklichen Donisweiher.

Was nun folgt, man hat beschlossen von der Bahnstation zu Fuß ins Städtchen Königsfeld zu gehen, sind Kindheitsschilderungen I und II. Algie, der illusionsbegabte Knabe, dem schon das elterliche Shortlands House samt Garden eine verwunschene Welt voller Elfen und Feen schien, in die er sich tag-, nein, eigentlich mitternachtsträumte. Weshalb er vom Vater auch zwecks deutscher Strenge ins Schwarzwald-Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde verbannt wird, wo Zucht und Ordnung an erster Stelle des Lehrplans stehen. Paul, ein jenischer Waisenbub, die Jenischen das Fremdwort für eine Arme-Leute-Schicht, Heimatlose, „fahrendes Volk“, der von der Kruzifix-Fraktion gehorsam und gottesfürchtig geprügelt werden soll.

Wie sich die Biografien gleichen, die Zauberamulette gegen den bösen Zworitrat, die den einen als Aberglaube begeistern, sind von des anderen „Zigeunern“ angefertigt, ist doch der Donisweiher ein Tummelplatz für allerlei luziferisches Gesindel. „Trop des revenants“, ängstigt sich Blackwoods Schweizer Schulfreund Calame, den, da verrät man nicht zu viel, Severin in seiner Pariser Lehrzeit als Snell kennenlernen wird. Spätestens nach dieser Erkenntnis ist „Die zehnte Muse“ ein Pageturner, prächtig, wie Pechmann sein Figuren-Kaleidoskop zum Muster zusammensetzt, sein Mystery-Mosaik Steinchen und Steinchen entsteht, weil bald der eine Wanderer die Visionen des anderen um eigene Phantome ergänzen kann.

Bild: pixabay.com

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Algie büxt nächtens aus dem Schlafsaal aus Richtung Natur – und findet am Weiher ein halbnacktes Mädchen, nicht älter als siebzehn oder achtzehn, „mit einer Fülle mattschwarzen Haars, hohen Wangenknochen, schmalen, fast strengen Lippen und Augen, die ihre Farbe zu wechseln schienen, wenn man sie zu lange ansah“, ihr Gesicht mal jugendlich sinnlich, mal „eine brüchige Maske, die etwas Unbeschreibliches verbergen mochte – unnatürliche Schönheit oder niederschmetterndes Grauen“, Talitha, schalkhaft, wild, ein wenig hochmütig und doch irgendwie um Hilfe flehend. Sie sei „baledschido“, sagt sie ihm, und das kann Severin übersetzen: unehrlich, ausgestoßen.

Und allmählich ärgert sich der Maler, „dass Blackwoods sonderbares Erlebnis unverkennbare Bezüge zu meinen Bildern enthielt: das Mädchen, der tote Vogel, der blutende Baum. Ich hielt es für Absicht – als hätte er die Motive der Gemälde in seine Geschichte eingewoben, um mich hinters Licht zu führen oder auch nur, um die Grenzen meiner Gutgläubigkeit auszuloten.“ – „Vřduft, dâhnâs!“, Hau ab, Fremder, sagt das Mädchen zwei Jahrzehnte später zu Severin. „,Ladscho diebes‘, antwortete ich mit einem jenischen Gruß. ,S‘isch koschř, tschaĭ.‘ Alles in Ordnung, Mädchen. Daraufhin drehte sie sich zu mir um und sah mich mit brennenden Augen an. Ich fragte nach ihrem Namen. ,Talitha‘, sagte sie, und aus ihrem Mund klang es wie ein Fluch.“

Mehr, man ahnt es bereits, als Severin lieb sein kann, hat Talitha mit seiner jenischen Familiengeschichte zu tun, mit dieser Katastrophe der Vergangenheit, die Mutter von einem Gendarmen als Diebin erschossen, der Vater auf Nimmerwiedersehen verschwunden, Talitha, die ihm erzählt, der Bonherr habe sie verstoßen, weil sie den Menschen Unheil bringe, und seltsam, wie sich ihr Schatten ausdehnt und zur Silhouette eines urzeitlichen Wächters wird. In der Bibel, fällt Severin ein, heißt es nach Jesus‘ Wunder: Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen. Entsetzen! Nicht erstaunten oder gar entzückten.

Des Rätsels Lösung. Hat also mit der Zeit zu tun. Und mit Calame/Snell, der als Herrnhuter Zögling ins Eis des Donisweiher einbrach, knapp mit dem Leben, aber mit beschädigter Psyche davonkam, als ein Sehender von Dingen, die den meisten verborgen bleiben, les revenants, die Wiedergänger. Snell, der nun ein kurzes Leben lang an einem schwarzen Abgrund malte, „Bythos“, für die Gnostiker der unfassliche Uranfang allen Seins – und wer nun im Geiste bei Aldous Huxleys „Doors of Perception“ ist, ist genau richtig. Die Zeit als ein zu betretender Raum, durch dessen Türspalt Vergangenes noch und Zukünftiges bereits zu erspähen ist, deren Ebenen aber indes auch überlappen. Die Zeit, dies der schönste Gedanke des Romans, die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit.

Auf den letzten Seiten noch ist vieles un-, doch Severin und Blackwood immerhin eines klar: Talitha ist eine Gefangene, die mittels ihrer kryptischen Fingerzeige, Vogel-, Baum-, Schlangensymbol, um Erlösung bittet. In allen Zeiten für alle Zeit. Woraus den Männern die Erkenntnis wächst: „Um eine Seele zu erfassen, müssen wir bereit sein, unsere eigene Seele aufzugeben …“ Sehr spooky!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Sieben Lichter“ und „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844).

Steidl, Alexander Pechmann: „Die zehnte Muse“, Roman, 176 Seiten.

steidl.de          Alexander Pechmann im Gespräch: vegvnd.podcaster.de/steidlwoertlich/media/03_Steidl_Woertlich_Pechmann.mp3

  1. 4. 2020