Orhan Pamuk: Orange

September 9, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das wärmende Licht des nächtlichen Istanbul

„Die weiße Festung“, „Das schwarze Haus“, „Rot ist mein Name“, mit diesen und unzähligen weiteren Romanen hat sich Orhan Pamuk in die Weltliteratur eingeschrieben. 2006 erhielt er dafür den Nobelpreis. Wer das Werk des Schriftstellers kennt, weiß um seine Streitbarkeit und sein dem Humanismus verpflichtetes politisches Engagement. Pamuk setzte sich in der Türkei wiederholt für die Meinungsfreiheit ein, zuletzt mit einem offenen Brief, der sich gegen die Inhaftierung von zahlreichen Journalisten und Intellektuellen richtete – ohne dabei Rücksicht auf wiederholte Drohungen von Islamisten oder Nationalisten zu nehmen.

Weniger bekannt ist, dass Orhan Pamuk auch ein passionierter Fotograf ist. In seinem nun erschienenen Bildband „Orange“ dreht sich alles um diese Farbe, und Pamuk wäre kein Autor von Rang, würde er dies wärmende Licht, das die Straßen des nächtlichen Istanbuls umhüllt, nicht als Metapher für ein entspanntes Miteinander, als Sinnbild für eine friedvolle Lebensart verwenden – und somit als Symbol für die gesellschaftlichen Veränderungen in seiner Heimat.

Denn das Orange wird weniger, es muss einem kalten Weiß weichen, die neue Straßenbeleuchtung, Pamuk schildert sie als böse und aggressiv. „During my boyhood and youth, white light was something cold that issued from ,fluorescent‘ lamps. It lived inside hospitals, warehouses, factories, waiting rooms, and refrigerators. Like wickedness, it was to be avoided. It could grieve and mislead us“, schreibt Pamuk, und beschreibt den Moment, an dem er entschied, die Nachbarschaft abzulichten, bevor man ihm sein Orange verpatzt. Lieber, schreibt er, ginge er spazieren, „than spending yet another evening sitting at home, watching the endless stream of lies being propagated on television by the government.“

Gefolgt von seinem Bodyguard, einem ständigen Begleiter seit der Ermordung seines Freundes Hrant Dink 2007, eines Journalisten, der in seinen Artikeln den Genozid an den Armeniern anprangerte, worauf Dink mit dem Vermerk, Pamuk wäre das nächste Ziel, drei Mal in den Hinterkopf geschossen wurde, gefolgt also von seinem Bodyguard macht sich Pamuk auf den Weg. Hält in seinen Bildern Ladenbesitzer fest, die gerade die Rollläden runterlassen, den Friseur, der auf späte Kundschaft wartet, Leute, die am Zeitungsstand schnell die Abendausgabe kaufen, kleine Lokale, die selbst nach Mitternacht zum Bersten voll sind, Betrunkene und spielende Kinder und ein Rudel Straßenhunde, das ihm mit schöner Regelmäßigkeit begegnet.

Bild: © Orhan Pamuk / Steidl Verlag

Malerisch, wie sich nach einem Regenguss die frisch gewaschene Wäsche auf den Wäscheleinen im nassen Straßenpflaster spiegelt; einmal hat es geschneit und die Gassen versinken im Matsch. Im Buch schmuggelt Pamuk manchmal neben ein orangefarbenes Foto, das eine nächtliche Straßenszene widergibt, ein Foto, das eine ähnliche Szenerie einfängt, aber in einer Gasse aufgenommen wurde, die bereits in kalt-weißem Licht leuchtet.

Krasser könnten die Gegensätze kaum sein. Istanbul ist eine Stadt, bemerkt man, die Pamuk zunehmend fremder wird. „Indeed some streets had been completely remoulded by the arrival of Arab immigrants from Syria, while other streets nearby bore the clear sign of a new kind of nationalist fury, and hostility toward foreigners and newcomers. There had also been a third kind of change: across the Golden Horn, many neighbourhoods had come under the influence of political Islam and fundamentalist sects.“ Und während sich Pamuk noch über das zunehmende Tragen religiös motivierter Kleidung einerseits, und andererseits die Präsentation der türkischen Flagge allüberall auf den Straßen mokiert, wird ihm klar: Ja, es gibt Gegenden, da dient der Ayyıldız, der Mondstern, als Zeichen der Abwendung vom Westen.

Doch in Beşiktaş oder Kartal, Stadtteilen, die mit großer Mehrheit gegen Erdoğan gestimmt hatten, erkennt er sie als Zeichen des Widerstands – „a way of whispering ,We’re here too!‘ in a city which allowed no other form of political dissent.“ „Orange“ ist ein Flanieren mit offenem Blick, ein Umherschlendern als Teil eines multikulturellen Menschengewimmels, das dem Untergang geweiht scheint. Pamuk kann sich nicht sattsehen an „mothers and fathers carrying their children in their arms as they hurried back home“, „newlyweds strolling arm in arm“, „weary old men and women trailing behind, quiet and meek“, er sucht die Gassen „with families and with children playing football, wrestling each other, and giggling with their mothers.“ Pamuk hat ein Gespür für Settings.

Bild: © Orhan Pamuk / Steidl Verlag

Auf den meisten Bildern sind Menschen zu sehen, die miteinander agieren als wäre die Linse eine Bühne. Pamuks „Beiläufigkeit“ ist das Resultat einer durchdachten Komposition. Nicht überall ist er willkommen. Vor allem in den verarmten Straßen wollen die Anrainer ihn nicht foto- grafieren lassen. Oft ist es Stolz, er muss um Erlaubnis fragen, die Männer lassen sich ihre Autorität als Herren „ihrer“ Straße nicht nehmen, mitunter muss der Bodyguard eingreifen.

Pamuk versteht das, wenn das Wetter schön ist, ist der Gehsteig für die Istanbuler ihr erweitertes Wohnzimmer, ein Ort für Großfamilien, die ein paar Stühle auf die Straße geschleppt haben und miteinander den Tag ausklingen lassen, „the pavements like their own backyard“, wo Karten gespielt und Kaffee getrunken wird. Und immer sind es die Kinder, die um ein Foto von und für sich selbst bitten.

In seinen Fotografien gelingt es Pamuk, so etwas wie die Poesie des Augenblicks festzuhalten. Als wäre er auf der Suche nach einer verlorenen Zeit, hält er den Istanbuler Alltag wie kleine Kunstwerke fest, den achtlos liegengelassenen Müll, die bröckelnden Fassen und holprigen Gassen, das Chaos in den Cafés, von Zeit zu Zeit auch absichtlich wackelig und unscharf. Nicht umsonst bezieht er sich auf Eugène Atget und seinen 1900er-Paris-Bildband, diese Chronik einer verwehenden Stadt. „Tanzt die Orange. Wer kann sie vergessen, / wie sie, ertrinkend in sich, sich wehrt / wider ihr Süßsein. Ihr habt sie besessen. / Sie hat sich köstlich zu euch bekehrt. / Tanzt die Orange“ – © Rainer Maria Rilke. Orhan Pamuk hat hier ein ganz wunderbares Werk erschaffen.

Über den Autor: Orhan Pamuk ist ein türkischer Schriftsteller und Künstler, der 2006 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Der 1952 in Istanbul geborene Pamuk wollte bis zum Alter von 22 Jahren Maler werden und wurde dabei von seiner Familie ermutigt. In den 1960er- und 1970er-Jahren fotografierte er, wie er in seinem Buch mit autobiografischen Aufsätzen „Istanbul“ (2003) beschreibt, die Straßen seiner Heimatstadt, um sie in seinen Gemälden zu verwenden. Das „Museum of Innocence“ ist sowohl ein 2008 veröffentlichter Roman von Pamuk als auch ein Museum, das er 2012 in Istanbul eröffnete und das die in den Geschichten beschriebenen Objekte, Bilder, Papiere und Fotografien ausstellt. Das „Museum of Innocence“ wurde 2014 mit dem Preis des Europäischen Museums des Jahres ausgezeichnet. Pamuk fotografiert seit mehr als fünfzig Jahren.

Steidl Verlag, Orhan Pamuk: „Orange“, Fotoband, 192 Seiten, 350 Abbildungen. Vom Türkischen ins Englische übersetzt von Ekin Oklap.

steidl.de

  1. 9. 2020

Alexander Pechmann: Die zehnte Muse

April 29, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit

Der Wiener Autor Alexander Pechmann ist der zeitgenössische, zu dessen Büchern es zu greifen gilt, sehnt man sich nach dem wohligen Grusel gehobener Schauerliteratur. Ein literarisches Genre, die gothic fiction, das seine Blüte am Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte, Shelley, Polidori, Poe, man kennt die Namen, und Pechmann mit seinem Horace-Walpole-Schreibstil ist ein würdiger Erbe dieser grand ancestors. Hierorts hat man halt ein Händchen fürs Surreale, siehe auch die Wiener Schule des Phantastischen Realismus.

Und dieser Kunst verwandt sind, wenn auch Dezennien früher, die Gemälde eines der beiden Pechmann’schen Protagonisten in seinem jüngsten Roman „Die zehnte Muse“. Das Jahr ist 1905, der Ort alsbald Königsfeld im Schwarzwald, denn anfangs begegnen sich zwei Fremde im Zug, der Maler Paul Severin und der britische Privatier Algernon Blackwood, der seine Gespenstergeschichten aus Spaß an der Freud‘, keineswegs aus Geldnot verfasst. Das Treffen ist durchaus kein zufälliges, wird sich herausstellen, Blackwood hat in einer kleinen Londoner Galerie zwei, drei Arbeiten Paul Severins gesehen und deren Schöpfer gesucht.

Severin, der als Brotberuf Porträts solcher, die sich seinen Pinselstrich leisten können, anfertigt, eine Tätigkeit, die er Handwerk nennt, gilt doch die wahre Leidenschaft seinen „Haschischvisionen von Horrormärchen“, düstere Darstellungen voll rätselhafter Symbole, deren sich wiederholendes Thema unschuldige Schönheit, sinnlicher Tod und eine Auferstehung aus Thanatos Armen als eine Fantasie des Eros ist.

Solcherart Bilder haben Blackwoods Faszination erregt, glaubt er doch das Modell dafür zu kennen, am Donisweiher habe er das Mädchen weiland entdeckt, ja, sagt Severin, er ebenso, Talitha heißt sie gleich der biblisch-toten Tochter des Synagogenvorstehers Jaïrus, der Jesus Christus befahl: Talitha kumi! / Mädchen oder Lämmchen, steh‘ auf! – doch mysteriös mutet an, dass dem Blackwood das offenbar ewig junge Waldgeschöpf zwanzig Jahre vor Severin erschienen war. Nach des Engländers philosophischem Sermon über die Beschaffenheit der Zeit – an dieser Stelle: Achtung! – beschließen die Männer, sich gemeinsam auf die Suche nach des Rätsels Lösung zu machen.

Bis dahin ist man bereits wundersam eingesponnen in den Pechmann-typischen Tonfall, der stets etwas Wehmütiges, Verwehtes, eine Elégance gewesener Tage hat. Pechmann balanciert perfekt zwischen Geheimnis- krämerei und Charakterzeichnung, zwischen Übersinnlich und Historie, zwischen Fakt und Fiktion. An den Quellenangaben im Buch sind die Wurzeln desselben festzumachen, Algernon Blackwood, der tatsächliche, Erfinder der John-Silence-Stories (Textprobe: www.youtube.com/watch?v=HYVIj4D4SnM), die Spukgestalten aus einer Sammlung klassischer Schwarzwald-Sagen von 1930, das jenische Wörterbuch von Rolf Dreher „Fisel komm mir dibrat“, und selbstverständlich des Autors akribische Recherchen rund um den wirklichen Donisweiher.

Was nun folgt, man hat beschlossen von der Bahnstation zu Fuß ins Städtchen Königsfeld zu gehen, sind Kindheitsschilderungen I und II. Algie, der illusionsbegabte Knabe, dem schon das elterliche Shortlands House samt Garden eine verwunschene Welt voller Elfen und Feen schien, in die er sich tag-, nein, eigentlich mitternachtsträumte. Weshalb er vom Vater auch zwecks deutscher Strenge ins Schwarzwald-Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde verbannt wird, wo Zucht und Ordnung an erster Stelle des Lehrplans stehen. Paul, ein jenischer Waisenbub, die Jenischen das Fremdwort für eine Arme-Leute-Schicht, Heimatlose, „fahrendes Volk“, der von der Kruzifix-Fraktion gehorsam und gottesfürchtig geprügelt werden soll.

Wie sich die Biografien gleichen, die Zauberamulette gegen den bösen Zworitrat, die den einen als Aberglaube begeistern, sind von des anderen „Zigeunern“ angefertigt, ist doch der Donisweiher ein Tummelplatz für allerlei luziferisches Gesindel. „Trop des revenants“, ängstigt sich Blackwoods Schweizer Schulfreund Calame, den, da verrät man nicht zu viel, Severin in seiner Pariser Lehrzeit als Snell kennenlernen wird. Spätestens nach dieser Erkenntnis ist „Die zehnte Muse“ ein Pageturner, prächtig, wie Pechmann sein Figuren-Kaleidoskop zum Muster zusammensetzt, sein Mystery-Mosaik Steinchen und Steinchen entsteht, weil bald der eine Wanderer die Visionen des anderen um eigene Phantome ergänzen kann.

Bild: pixabay.com

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Algie büxt nächtens aus dem Schlafsaal aus Richtung Natur – und findet am Weiher ein halbnacktes Mädchen, nicht älter als siebzehn oder achtzehn, „mit einer Fülle mattschwarzen Haars, hohen Wangenknochen, schmalen, fast strengen Lippen und Augen, die ihre Farbe zu wechseln schienen, wenn man sie zu lange ansah“, ihr Gesicht mal jugendlich sinnlich, mal „eine brüchige Maske, die etwas Unbeschreibliches verbergen mochte – unnatürliche Schönheit oder niederschmetterndes Grauen“, Talitha, schalkhaft, wild, ein wenig hochmütig und doch irgendwie um Hilfe flehend. Sie sei „baledschido“, sagt sie ihm, und das kann Severin übersetzen: unehrlich, ausgestoßen.

Und allmählich ärgert sich der Maler, „dass Blackwoods sonderbares Erlebnis unverkennbare Bezüge zu meinen Bildern enthielt: das Mädchen, der tote Vogel, der blutende Baum. Ich hielt es für Absicht – als hätte er die Motive der Gemälde in seine Geschichte eingewoben, um mich hinters Licht zu führen oder auch nur, um die Grenzen meiner Gutgläubigkeit auszuloten.“ – „Vřduft, dâhnâs!“, Hau ab, Fremder, sagt das Mädchen zwei Jahrzehnte später zu Severin. „,Ladscho diebes‘, antwortete ich mit einem jenischen Gruß. ,S‘isch koschř, tschaĭ.‘ Alles in Ordnung, Mädchen. Daraufhin drehte sie sich zu mir um und sah mich mit brennenden Augen an. Ich fragte nach ihrem Namen. ,Talitha‘, sagte sie, und aus ihrem Mund klang es wie ein Fluch.“

Mehr, man ahnt es bereits, als Severin lieb sein kann, hat Talitha mit seiner jenischen Familiengeschichte zu tun, mit dieser Katastrophe der Vergangenheit, die Mutter von einem Gendarmen als Diebin erschossen, der Vater auf Nimmerwiedersehen verschwunden, Talitha, die ihm erzählt, der Bonherr habe sie verstoßen, weil sie den Menschen Unheil bringe, und seltsam, wie sich ihr Schatten ausdehnt und zur Silhouette eines urzeitlichen Wächters wird. In der Bibel, fällt Severin ein, heißt es nach Jesus‘ Wunder: Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen. Entsetzen! Nicht erstaunten oder gar entzückten.

Des Rätsels Lösung. Hat also mit der Zeit zu tun. Und mit Calame/Snell, der als Herrnhuter Zögling ins Eis des Donisweiher einbrach, knapp mit dem Leben, aber mit beschädigter Psyche davonkam, als ein Sehender von Dingen, die den meisten verborgen bleiben, les revenants, die Wiedergänger. Snell, der nun ein kurzes Leben lang an einem schwarzen Abgrund malte, „Bythos“, für die Gnostiker der unfassliche Uranfang allen Seins – und wer nun im Geiste bei Aldous Huxleys „Doors of Perception“ ist, ist genau richtig. Die Zeit als ein zu betretender Raum, durch dessen Türspalt Vergangenes noch und Zukünftiges bereits zu erspähen ist, deren Ebenen aber indes auch überlappen. Die Zeit, dies der schönste Gedanke des Romans, die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit.

Auf den letzten Seiten noch ist vieles un-, doch Severin und Blackwood immerhin eines klar: Talitha ist eine Gefangene, die mittels ihrer kryptischen Fingerzeige, Vogel-, Baum-, Schlangensymbol, um Erlösung bittet. In allen Zeiten für alle Zeit. Woraus den Männern die Erkenntnis wächst: „Um eine Seele zu erfassen, müssen wir bereit sein, unsere eigene Seele aufzugeben …“ Sehr spooky!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Sieben Lichter“ und „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844).

Steidl, Alexander Pechmann: „Die zehnte Muse“, Roman, 176 Seiten.

steidl.de          Alexander Pechmann im Gespräch: vegvnd.podcaster.de/steidlwoertlich/media/03_Steidl_Woertlich_Pechmann.mp3

  1. 4. 2020

Christoph Heubner: Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen

Februar 1, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Auschwitz-Erinnerungen als literarische Erzählungen

„Ich heiße Bermann, ich bin Magda Bermann, ich habe es laut gesagt, damit ich mich selber höre. Die Frau hat mich gemustert von oben nach unten, dieses dürre Stück Mensch, das da vor ihr stand und das so wenig in die Welt und zu diesem Haus gepasst hat wie eine Tote an einen Kaffeetisch. Sie war so siegessicher, so hämisch und giftig, als sie gesagt hat: Da könnte ja jeder kommen und an der Klingel reißen. Seien Sie froh, dass ich nicht nach der Gendarmerie rufe. Und jetzt ist Schluss mit dem Theater. Gehen Sie dahin, wo sie hergekommen sind.“

So beschreibt Magda Bermann ihre „Heimkehr“ aus A., jenen Ort dessen Namen sie nie mehr aussprechen wird, ins Land der Arisierer. „Das leere Haus“ heißt diese erste von drei Erzählungen, die Christoph Heubner in „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ zu einem Buch zusammengefasst hat. Heubner ist Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Pfarrerssohn, Kriegsdienstverweigerer, Schriftsteller, Bewahrer der Geschichten der Überlebenden. Im eigentlich zuerst zu lesenden Nachwort kommt Heubner auf die unzähligen Begegnungen mit ihnen zu sprechen. Von Stéphane Hessel bis zum „weißhaarigen Gabor in Budapest“.

Auch auf die mit Simone Veil, der strengen, hellsichtigen Kämpferin für Frauenrechte und für ein Europa des Miteinanders und der Toleranz, der ersten Präsidentin des Europäischen Parlaments, die Heubner kurz vor ihrem Tod 2017 die Verpflichtung auferlegte: „Ihr müsst unsere Geschichten weiterschreiben, ihr müsst euch die Fakten und unsere Erinnerungen aneignen und künstlerische Wege finden, unseren Emotionen eure Emotionen hinzuzufügen.“ 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ ein Buch, dass die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen literarisch erfahrbar macht.

Jedes der darin geschilderten Schicksale steht für sich und doch sind sie miteinander verbunden, weil sie sich auf den gleichen Schreckensort beziehen und dieselben Empfindungen bergen, Verlorenheit, Empörung, die Daseinsschuld „danach“, das Heraufbeschwören von Bildern ermordeter Familienangehöriger – und immer wieder die Worte Halt, Achtung, Appell, Schornstein, Rauch, Arbeit Macht Frei. „Die Überlebenden“, schreibt Heubner, „werden diese Worte nicht los, sie haften in ihnen bis zum Ende ihrer Tage und Nächte.“

Der fiktive Bericht von Heubners erdachter Figur Magda Bermann ist somit einer sehr nah an der Realität, ihre Stimme stellvertretend für Millionen. Wenn sie auf ihrem Marsch nach Kassel, denn wohin sonst?, von Menschen spricht, die „mich wütend anstarrten“. Und ihren Arm, „wo der Tätowierer in Birkenau sich extra bemüht hatte, die fünf Ziffern schön groß hinzubekommen“. Wenn sie zwischen der Freude über die Trümmerberge, die Welle der Zerstörung, die endlich auch jene getroffen hatte, und ihrem Mitleid mit den darin nach letzten Habseligkeiten wühlenden Frauen und Kindern schwankt. Bis sie von einer hört, dass „solchen wie Ihnen“ in der Jägerkaserne geholfen werde. Wohin sie sich eilig verfügt. „Eine deutsche Stimme, ein Befehl …“

Als Zwiegespräch von Gedanken einer „Sie“ und eines „Er“ gestaltet Heubner die zweite Erzählung „Ein Stück Wiese, ein Wald“. Ein Grüppchen aus Kaposvár wurde auf einer Lichtung zurückgelassen, während die Uniformierten andere, Kinder, Kranke, Alte, nackt ausziehen hießen und mitnahmen. Zur Desinfektion vor dem Arbeitsdienst? Die Kinder? Noch schwelgt Sie in Erinnerungen an Hausmusik, Er denkt an seinen Holzhandel, Sie summt leise das Grimm’sche Kinderlied „Hänsel und Gretel“, Er denkt: „Pstttt! Ja, bist du denn jetzt ganz meschugge geworden? Verliefen sich im Wald, verrückte Alte, wir sind im Wald, aber sie haben uns hergebracht.“

Inhaftiert hinter Stacheldraht: Frauen und Kinder im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Bild: pixabay.com

Felix Nussbaum: Angst, 1941, Felix-Nussbaum-Haus im MQ Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Fotograf: Christian Grovermann

Eine Fototafel in der Gedenkstätte erinnert an die 1,5 Millionen Opfer der Nationalsozialisten. Bild: pixabay.com

In knappen Zeilen, einfühlsam und nachhallend, entwirft Heubner zwei Existenzen, den Großvater, dessen hartes Herz nur die kleine Enkelin Gilike erweicht, die Mutter, die sich um Schwestern, Nichten und Neffen sorgt. Um Tochter Magda, der sie zum Nationalfeiertag ein rot-weiß-grünes Kostüm genäht hatte, und der die Lehrerin ins Ohr zischte: „Das kommt dir nicht zu. Ihr seid gar keine Ungarn.“ Natürlich wissen wir Nachgeborenen, was Stacheldraht und Schlot und die scharfgemachten Hunde bedeuten, die dunklen Rauchsäulen, der graue Staub und der Gestank, der die Atemluft zerquetscht. Wissen, dass die Hoffnung, „sie waren mager, die Menschen, aber sie waren am Leben“, sich für die wenigsten erfüllen wird.

Natürlich kann man sagen, man hätte vieles wissen können, „wenn sie alle miteinander marschiert sind in ihren schwarzen Joppen“, die Pfeilkreuzler und ihr Pater Kun mit seinem Befehl „Im Namen Christi – Feuer!“. „Das brütete nicht nur in der Politik, das steckte in den Menschen. Ich habe den Hass in ihren Augen gesehen, sie haben gewartet, dass sie von der Kette kommen“, so Er. „Die Vorstellung, dass Menschen andere Menschen, unter ihnen Frauen und Kinder, töten und verbrennen, nur weil sie Juden oder Sinti und Roma waren, erschien vielen, die in die Lager abtransportiert wurden, völlig verrückt“, schreibt Heubner. „Ich habe begonnen die Leute zu zählen, als sie in die Wagen geklettert sind. Ich habe versucht, sie zu zählen. Aber irgendwann sind mir die Zahlen gestorben, es waren zu viele, es war von allem zu viel“, so Er.

Mit Viehwaggons und an die Wände geschobenen Toten endet auch der dritte, titelgebende Text, „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“, die von Heubner imaginierten Tagebücher des Künstlerehepaars Felix Nussbaum und Felka Platek, deren künstlerisches Vermächtnis heute im von Daniel Libeskind erbauten Felix-Nussbaum-Haus im Museumsquartier Osnabrück ausgestellt ist (www.museumsquartier-osnabrueck.de/ausstellung/sammlung-felix-nussbaum/), das neben mehr als 200 Exponaten von Felix Nussbaum mit zwei Ölgemälden und 28 Gouachen auch die weltweit größte Felka-Platek-Sammlung besitzt.

Am 31. Juli 1944 wurde von den Nationalsozialisten der letzte Deportationszug im belgischen Durchgangslager Mechelen abgefertigt. In diesem waren auch die beiden Maler, die man zusammen in ihrem Versteck in der Brüsseler Rue Archimède verhaftet hatte. Felkas Weg endete unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern, der von Felix verliert sich wenige Monate später. Heubner begleitet die Warschauerin und den Osnabrückner mit seinen Eintragungen vom Hurrapatriotismus des Ersten Weltkriegs über Marschall Józef Pilsudski und dessen Hang zu Pogromen, ihr Kennen- und Liebenlernen und auch ein wenig Kollegenneid während des Studiums in Berlin bis ins Exil. Aus überbordender Lebens- und Schaffensfreude wird Entsetzen über den Antisemitismus, Verstörung über die Demütigungen und den Vernichtungswillen der Nazis.

Felix Nussbaum: Saint Cyprien (Gefangene in St. Cyprien), 1942, Felix-Nussbaum-Haus im Museumsquartier Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Fotograf: Christian Grovermann

Sagte der Vater 1929: „Hitler – Ein Spuk!“, schreibt Heubners Felka 1934: „Was geschieht mit den Deutschen, diesen ewigen Vorzeigepuppen für Fortschritt, Kunst und Kultur?“, notiert später: „Immer wieder die Sorgen um die gültigen Papiere, um das nötige Geld“. – „Wir sind Flüchtlinge, die nach Schutz und Sicherheit suchen“, ergänzt Felix. Auch mit diesen kurzen, aktuell anmutenden Sätzen, derzeit sind weltweit 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht, jede Minute 25 neue, jeden Tag müssen 37.000 ihre Heimat verlassen (Quelle: www.unhcr.org), gelingt es Heubner zwei komplexe Biografien aufzuzeichnen. „Was für ein Hohn.“, so Felka 1940. „Die belgische Polizei hat den jüdischen Flüchtling Felix Nussbaum als reichsdeutschen Bürger verhaftet, der für Belgien eine Gefahr darstellt.“ Felix: „Zusammengepfercht hinter Stacheldraht. Das Lager heißt Saint Cyprien. Dreck, Ungeziefer, es stinkt nach Angst und ungeheurer Hoffnungslosigkeit. Einige beten in der Lagersynagoge. Hört Gott zu?“

Dies dabei nur der erste Schritt in einen Raum ständiger Bedrohung, wo die Häftlinge jeden Tritt, jeden Ton ihrer Mörder mit hypersensiblen Sinnen aufsaugten, um der Mordmaschine längstmöglich zu entgehen. „Hass, Populismus, Aggressionen gegen Minderheiten: Auschwitz hat nicht in Auschwitz begonnen, sondern überall, wo man Menschen ausgegrenzt und gejagt hat“, so Christoph Heubner im Interview über bis heute Gültiges. „Vielen scheint Demokratie mittlerweile eine selbstverständliche Bettdecke, die ihnen eine sanfte Ruhe beschert. Doch diese Ruhe ist trügerisch. An der Demokratie wird gerüttelt.“ Symbol dazu sind die Schießhunde, die in allen drei Geschichten zugegen sind.

Seine Magda Bermann schickt Heubner schließlich in die USA, Pittsburgh, wo sie ihren späteren Ehemann trifft. Am 28. Oktober 2018 will die mittlerweile 93-Jährige zur Tree-of-Life-Synagoge. „Als ich auf den Parkplatz fuhr, habe ich schon seine Stimme gehört, ich hörte, wie er (Robert Bowers, Anm.) brüllte: „Alle Juden müssen sterben“. Und dann die Schüsse in der Synagoge. Elf von uns waren tot … Vier Minuten, es waren vier Minuten. Und mir war, als hätte ich am anderen Ende des Parkplatzes meine Mutter gesehen. Sie war so jung wie damals, als sie uns abgeholt haben und schrie: Vier Minuten, ist es nie zu Ende?“

Über den Autor: Christoph Heubner, geboren 1949, ist Schriftsteller und Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Steidl Verlag, Christoph Heubner: „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen. Nach Auschwitz – drei Geschichten“, 104 Seiten.

steidl.de           www.auschwitz.info/de           www.museumsquartier-osnabrueck.de

1. 2. 2020

Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe

April 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiritistenkrimi um den Geist von Oscar Wilde

Über das Verhältnis Kunst und Wahrheit sind von Oscar Wilde mehr Aphorismen gesammelt, als auf ein Ildefonso-Papier passen. „Die entscheidende Entdeckung ist, dass das Lügen, das Erzählen von schönen, unwahren Dingen, das eigentliche Ziel der Kunst ist“ und „Wenn eine Wahrheit zum Faktum wird, verliert sie jeden intellektuellen Wert“ lauten zwei davon. Das stellt auch der Ich-Erzähler in Alexander Pechmanns Roman „Die Nebelkrähe“ bei seiner Wilde-Lektüre fest: Dass dieser Dandy Mär und Maskerade der Wiedergabe von Wirklichkeit allemal vorzieht.

Mit diesem Gedankenspiel unterfüttert Pechmann sein Buch. Sein Protagonist Peter heißt mit Nachnamen Vane wie Dorian Grays Sibyl, und so, wie sie ihm ihr Geheimnis ins Ohr wispert, so fährt Peter eines Nachts aus dem Schlaf, als ihm ein Kindermund aus dem Dunkel „Lily?“ zuflüstert. Der Schauplatz ist London, das Jahr 1923. Vane ist ein Erster-Weltkriegsveteran. Dem Schützengraben schwer traumatisiert entstiegen, hört er Stimmen, sieht er schreckliche Bilder, folgen ihm Schatten und einer im Besonderen. In den ersten 30 Seiten ist „Die Nebelkrähe“ ein anrührendes Antikriegsplädoyer. Eingegraben in Schlamm und Schmutz erzählen sich die Soldaten Gruselstorys von Stoker bis Stevenson.

Der Meister darin ist ein gewisser Finley, der seinen Leitspruch „Patriotismus ist die letzte Zuflucht der Schurken“ von Samuel Johnson entliehen hat. Diesem Finley wird schließlich die halbe Hand abgeschossen, als er Le Fanus Geschichte „Wylder’s Hand“ zum besten gibt und mit der eigenen zeigt, wie die des toten Wylder aus dem Boden ragte. 1917 ist eine solche Verwundung ein beliebter Passierschein nach Hause, doch bevor Finlay von den Sanitäterinnen der „Brakespeare Ambulance Unit“ abtransportiert wird, gibt er dem Kameraden die Daguerreotypie eines Kindes zur Aufbewahrung, und dieser hält das Bildnis natürlich für eines von Finleys Tochter – Lily? Zurück im Frieden kann er keinen der beiden finden. Auf Anraten seines Freundes Frank, der Peters seltsame Wahrnehmungen für übersinnliche hält, nimmt er Kontakt mit der Spiritualist Alliance in Bloomsbury und einer Spiritistin namens Mrs. Dowden auf, mit der Folge, dass sich dem Doktoranden der Mathematik die unheimliche Welt der Metaphysik öffnet.

„Womöglich ist der Spiritismus ein weiblicher Gegenentwurf zu den männlich dominierten Naturwissenschaften“, sinniert Physiker Frank übers Jenseits als Frauendomäne. „Mich reizt der Gedanke, dass ein paar eloquente Damen mit mystischem Geraune unser auf Zahlen und Fakten basierendes Weltbild zum Einsturz bringen.“ Begleitet vom auf Autorücksitzen bis Parkbänken allgegenwärtigen Gespenst Finlays, der seinerseits nicht an Spukgestalten glaubt, eine ganz großartige Idee von Pechmann, begibt man sich also zur Séance, und tatsächlich kann eine Verbindung hergestellt werden – zur großen Überraschung aller an der Sitzung Beteiligten mit dem gar nicht seligen Oscar Wilde, und Peter ist völlig unverhofft sein Medium …

Spätestens ab nun ist „Die Nebelkrähe“ ein Pageturner, der an Suspense nichts zu wünschen übrig lässt. Dem Wiener Pechmann gelingt es in elegantem Ton ein treffendes Bild vom London dieser Tage zu zeichnen. Seine Figuren skizziert er mit zwei, drei Strichen, wenn er über Mrs. Dowden meint, sie wirke in ihrem dunkelgrauen Tweetkostüm „wie ein Relikt aus einem anderen Zeitalter“, oder über Mr. Dingwall, den berufsbedingten Skeptiker der Society for Psychical Research, „seine runden Brillengläser und sein glatt nach hinten gekämmtes Haar ließen mich an einen übergroßen Käfer denken“, ist alles Wesentliche gesagt. Dass die Charaktere ihre Intentionen erst nach und nach offenlegen, ihr Innerstes nur zögerlich entblößen, sie sozusagen die Wahrheit erst zutage lügen müssen, versteht sich als wichtiges Indiz dieser detektivischen Spurensuche.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Mit Verve verbindet Pechmann im Weiteren Fakt und Fiktion, Dichtung und Tatsachen. Nicht nur gab es die Geisterbeschwörerin Hester Dowden wirklich, sie veröffentlichte 1924 unter dem Titel „Oscar Wilde from Purgatory“ dessen Post-Mortem-Botschaften, die sie mithilfe des Mathematikers und Kriegsveteranen „Mr. V.“ empfangen haben will. Ebenso, wie die von besser situierten Engländerinnen initiierte und finanzierte „Brakespeare Ambulance Unit“ realiter existierte, trifft dies auch auf die Morphinistin Mabel Cosgrove alias Prinzessin Chan Toon, den Soho-Drogenboss Brilliant Chang, den Sax Rohmer sogar zum Vorbild für seinen Dr. Fu Manchu wählte, oder den Esoteriker und Autor Algernon Blackwood, den Schöpfer der Horrorromane rund um Detektiv John Silence, zu – ihnen allen wird Peter Vane noch begegnen.

Und Dolly, im Krieg Brakespeare-Ambulanzfahrerin, nun rasante Chaffeurin der Nobelkarosse von Mrs. Dowden, die mit Eltern gefallener Soldaten, Witwen und Waisen selbstverständlich gute Geschäfte macht. Dolly, Kokserin aus Leidenschaft und Damenliebhaberin, kleidet sich nicht nur gerne als Oscar-Wilde-Lookalike, sie ist es auch, die zweifellos mehr als einen Anknüpfungspunkt zum hochverehrten Exzentriker hat. Über ihre Person wird Peter am Ende erkennen, dass der Schlüssel zu des Rätsels Lösung in seiner eigenen Vergangenheit liegt, werden sich ihm Familienverschwiegenheiten offenbaren, wer wen wann bereits gekannt hat, ob Finlay ein Guter oder ein Unguter war, wer auf der Daguerreotypie zu sehen ist und wer „Lily?“ rief.

Bis dahin beherrscht Pechmann den Balanceakt, Wildes Anschauungen von der Unmöglichkeit einer endgültigen Wahrheit in der Waage zu halten. Bringt erst Oscar durch Peters Hand, und zum zweiten Mal steht die Hand hier als Symbol, „Ich krieche wie ein kranker Wurm in dein Gehirn …“ zu Papier, um damit eine Besessenheit Mrs. Dowdens auszulösen, mittels der ein Portal ins Jenseits geöffnet werden soll, relativiert Algernon Blackwood die Ereignisse mit dem Ausspruch „Vielleicht sind Geister nur die Schatten der Dinge, die wir am meisten lieben oder am meisten fürchten“. Weisen die Spiritisten darauf hin, dass auch Naturvölker ihre Ahnen herbeischamanisieren können, verweisen die Naturwissenschaftler auf die im – wortwörtlich – Rauschzustand befindliche Psyche als Ursprung dieser Erlebnisse.

Pechmann hat spürbar keine Lust, sich in seinem Okkultkrimi zwischen Α und Ω festzulegen. In einer wunderbaren Szene allerdings, lässt er Oscar Wilde via Mrs. Dowden an einer Neuinszenierung von „The Importance of Being Earnest“ teilnehmen, ein Theaterabend über dessen mangelnde Qualität und permanentes Missverstehen seiner Intentionen er sich so ärgert, dass die sonst so vornehme Mrs. Dowden schließlich lautstark polternd den Saal verlässt.

„Die Nebelkrähe“, klärt Frank Peter auf, ist selbstverständlich Oscar Wilde höchstpersönlich. Schulfreunde hätten ihm diesen Spitznamen verpasst. Frank, der ans Übernatürliche glaubt wie Fox Mulder, ersehnt die endliche Entdeckung der sprichwörtlichen weißen Krähe. Die meisten Menschen gingen davon aus, erklärt er, „dass alle Spukphänomene Halluzinationen, alle Spiritisten Betrüger und alle Krähen schwarz sind. Doch um die letzte Behauptung zu widerlegen, braucht es nur eine einzige weiße Krähe.“ Bis es soweit ist, liegt zwischen dem Schwarz des existierenden und dem Weiß des erdachten Vogels eben das Grau der Nebelkrähe. Schlusssatz Dolly: „Wenn die Illusion uns etwas gibt, was die Wirklichkeit uns nicht geben kann, ist sie ein Geschenk, für das wir dankbar sein sollten.“

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Bei Steidl erschien zuletzt sein Roman „Sieben Lichter“.

Steidl, Alexander Pechmann: „Die Nebelkrähe“, Roman, 176 Seiten.

Ein Auszug, gelesen von Jan Huttanus: vimeo.com/306415190          steidl.de

  1. 4. 2019

Sebastian Barry: Tage ohne Ende

Januar 10, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gewaltiger Italo-Western eines irischen Autors

In die Liste berühmter erster Sätze ist unbedingt dieser aufzunehmen: „Also, wie sie in Missouri ne Leiche aufbahren, das schießt wirklich den Vogel ab.“ So beginnt Sebastian Barrys neues Buch „Tage ohne Ende“, und um dessen Atmosphäre zu beschreiben, hilft ein Querverweis auf Sergio Leones Meisterwerk „The Good, the Bad and the Ugly“. Jene Szene kurz vor Schluss an der heiß umkämpften Brücke, diese sinnlose Schlacht, die Unions- wie Konföderierten-Armee unzählige Tote abverlangt. Barry ist mit „Tage ohne Ende“ ein Italo-Western gelungen, sprachgewaltig und überwältigend, ein Antikriegsroman, der Grausamkeit und Gemetzel ausstellt, und bei aller Brutalität dennoch von einer Poesie ist, dass es einem unter die Haut geht.

Inspiriert vom Coming-Out seines Sohnes hat sich Barry für ein faszinierendes Protagonisten-Paar entschieden. Ein Ich-Erzähler, der Ire Thomas McNulty, schildert sein Leben. Wie er den „Großen Hunger“ in seiner Heimat, Überfahrt und kanadisches Seuchenhaus überlebt, und schließlich in Missouri, da ist Tom gerade 14, den Neuengländer John Cole kennenlernt. „Meine große Liebe“, sagt er sofort, und an anderer Stelle: „Der Mondschein kann ihm nicht schmeicheln, denn er ist bereits schön.“

Und weil dem so ist, verdingen sich die beiden Jungs zunächst als Tanzmädchen in einem Saloon. Das geht gut, denn Frauenmangel wie Fantasie der Minenarbeiter sind groß. „Wir waren zwei Hobelspäne der Menschheit in einer rauen Welt“, sagt Tom, als er auch abseits der Bühne seine Vorliebe für Kleider entdeckt und auslebt. Allein, „die Natur“, heißt: beginnender Bartwuchs, setzt dem Ganzen ein Ende – und auf der Suche nach Stabilität und regelmäßiger Versorgung verpflichten sich Tom und John bei der Armee. All das erzählt Barry mit harten Worten, oft nur in Halbsätzen, gefolgt von unfassbar lyrischen Passagen. Sein Buch liest sich wie ein gesprochener Bericht, es wird viel geflucht, „gottverdammt“ ist ein Standardwort, drastisch werden die Abscheulichkeiten des Indianer-Abschlachtens dargestellt, oder später Szenen im Feldlazarett, dann wieder sieht Tom eine Abenddämmerung, als „zieht Gott langsam ein zerfetztes schwarzes Tuch über seiner Hände Werk.“ Dass sich einem dies auch auf Deutsch erschließt, liegt an der gelungenen Übersetzung von Hans-Christian Oeser, der es verstanden hat, Slang, Schrecken und Schönheit perfekt zu übertragen. Auf dem Buchrücken findet sich dazu eine Songliste von Johnny Cash bis zu The Dubliners, Lieder, die man beim Lesen unbedingt hören sollte.

An Toms und Johns Seite geht es durch Krieg und Frieden. Zum Schutz der Siedler werden die beiden in den sogenannten Indianerkriegen zu Völkermördern an den Sioux, und Tom zeigt die Armee als Vollstrecker der wirtschaftlichen Interessen der Weißen, ohne Gnade für Frauen und Kinder – und immer wieder Vertragsbrüche mit den Ureinwohnern. Wichtigster Feind wird Stammesführer Caught-His-Horse-First, dessen kleine Tochter von Soldaten verschleppt wird. Tom und John retten das Mädchen, nennen es Winona – und gründen mit ihm eine Familie. Die beiden mustern aus, werden in Grand Rapids wieder zur Saloon-Sensation, diesmal als Mann-Frau-Duo, da der Hübsche John Cole mittlerweile einsneunzig groß ist, werden gute Eltern, Tom ganz Mutter – einer Überlebenden, deren Angehörige sie mit vernichtet haben, und treten erneut in die Armee ein. Im Sezessionskrieg, auf Seiten der Union, weil erstens ihr alter Major ruft, und sie zweitens bei ihrer Show den schwarzen Dichter Mr. McSweny als Freund gewonnen haben, der ihnen von der Sklaverei erzählt. „Soweit ich sehen konnte, brach in Amerika immer irgendwas zusammen. So stand’s mit der Welt, rastlos, irgendwie brutal. Immer war was“, sagt Tom.

Bild: pixabay.com

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Barry malt ein Panorama an Planwagentrails, Glücksrittern unterwegs in ihr Gelobtes Land Kalifornien und desillusionierten Pilgern auf dem Weg zurück nach Osten, Forts und schlammverschmutzten Städten; die sengende Sonne, der ständige Hunger und die Müdigkeit sind den Moschkoten kein geringerer Gegner als die Konföderierten. „Bin so verängstigt und verrückt, dass mir die Pisse ungehindert in die Armeehose läuft. Raussprudelt und meine Beine flutet. Verdammt“, sagt Tom vor einer Schlacht. Zu John und ihm im Felde gesellt Barry ein so typisches Western-Personal, als könnte jederzeit Lee van Cleef um die Ecke biegen: den gutmütigen Major Neale, den betrunkenen Colonel Callaghan, einen griesgrämigen Sergeant, dieser ein „wandelndes Handbuch des Krieges“, die Frau des Majors. „Als ehemaliges Mädchen von Beruf frage ich mich, woraus wohl ihre Unterwäsche besteht. Zu meiner Zeit waren’s Rüschen und satinierte Baumwolle“, sagt Tom, obwohl er eingesteht, nicht die Sorte Mann zu sein, die sie gern küssen würde. Das tut er nach wie vor nächtens im Geheimen, im gemeinsamen Bett mit John.

„John Cole. Ist wie Nahrung. Brot der Erde. Das Lampenlicht berührt seine Augen, und ein anderes Licht antwortet“, sagt Tom. Da sind die beiden schon im gefürchteten Kriegsgefangenenlager Andersonville, dies eine der scheußlichsten Passagen des Buchs darüber, was Menschen Menschen antun, abgemagert bis zum Skelett und zum Sterben bereit. Doch auch diesmal gelingt ihnen der Weg zurück ins Leben, zurück zu Winona. Und gerade, als sich alles zum Guten zu wenden scheint, die drei sich auf einer Tabakfarm in Tennessee niederlassen, Tom und John vor einem halbblinden Priester heiraten und fortan als Ehepaar mit einer Tochter gelten, die sogar beim örtlichen Notar eine Stelle als Schreibkraft bekommt, meldet sich ein Gespenst aus der Vergangenheit: Caught-His-Horse-First, der sich sein Kind zurück erkämpfen will …

Sebastian Barry entwirft in „Tage ohne Ende“ ein Gemälde der USA, als sie noch lange nicht die Vereinigten Staaten waren, er zeigt den Aufbau einer Nation, der ohne Rücksicht auf Verluste auf dem Rücken anderer passiert ist, eine Mentalität, die sich dieser Tage gerade wieder Bahn bricht. Doch abseits seiner speziellen Story, wirft Barry auch universelle Fragen über den Krieg, und was er aus dem Menschen macht, auf. „Ein Mann“, sagt Tom, „kann edle Gedanken haben, die sich in seinem Kopf einnisten wie ein Schwarm Vögel, aber das Leben sieht sie nicht gern da sitzen. Das Leben wird die Vögel abschießen.“

Über den Autor: Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den besten irischen Autoren der Gegenwart. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane „Ein verborgenes Leben“, ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award und auf der Shortlist für den Booker Preis, „Mein fernes, fremdes Land“, ausgezeichnet mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction, „Ein langer, langer Weg“, auf der Shortlist für den Booker Preis, und „Gentleman auf Zeit“. Sebastian Barry lebt in Wicklow, Irland.

Steidl Verlag, Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.

Lesung: vimeo.com/278120024

steidl.de

  1. 1. 2019