Volkstheater: Iphigenie in Aulis / Occident Express

September 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Planschbecken im Schnürlregen

Haifa und ihre Fluchtsouffleure: Henriette Thimig (re.) mit Anja Herden, Sebastian Pass, „Iphigenie“ Katharina Klar, Jan Thümer, Rainer Galke und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora eröffnet die Saison mit ihrer Inszenierung von „Iphigenie in Aulis / Occident Express“, und bewegt dabei mehr Wassermassen als Moses am Ufer des Roten Meers. Was den Abend doppelt spannend macht: Sebastian Pass, Neuzugang am Haus, stellt sich in der Rolle des Odysseus vor – ein extravaganter Schauspieler mit einprägsamer Stimme, der sich mit seiner kauzigen Spielart perfekt ins Ensemble einfügt.

Und: Die wunderbare Henriette Thimig, Tochter des großen Hans Thimig, ist erst als Agamemnons alter Bote, dann in der Rolle der Flüchtlingsfrau Haifa zu sehen. Badora erzählt in ihrer Aufführung vom Krieg. Von den einen, die unbedingt hinwollen, und von den anderen, die dringend wegwollen. Flaute und Flucht, sozusagen. Sie verwendet dazu Soeren Voimas Euripides-Überschreibung und nach der Pause den Text von Stefano Massini, als wär‘ er eine Fortschreibung der Antike in die Gegenwart, die Odyssee der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die es an immer neue Küsten wirft, wo Gefahr lauert – und Menschenrechtsverletzung.

Für die „Iphigenie“ legt Bühnenbildner Damian Hitz ein großes Wasserbecken als quasi Meeresbucht an. Die Griechen sind alles andere als reif für die Insel, man fadisiert sich, Jan Thümer als Achilleus dreht seine Joggingrunden schon bevor es losgeht. Es muss Bewegung in den Stillstand. Die kommt auf – man kennt die Geschichte -, als der Seher Kalchas die Opferung von Agamemnons Feldherrentochter fordert. Mit der Jungfrau zum Winde. Odysseus/Pass, die unzähligen Kriegsorden auf den Oberkörper gemalt, verbeißt sich in die Idee, gilt es doch das Heer mit dieser Geste ruhig zu halten.

Und so wird die Hinschlachtung zur Staatsräson. Der Griechen Recht und Würde, man kann beim besten Willen nicht mehr aus, das ist eine höhere Logik, hat man doch selbst die Massen kriegsverhetzt. Blut muss fließen in dieser Machowelt, und das Pathos, und das wird es auch, wenn sich Iphigenie am Ende in den Selbstaufopferungsmodus begibt. Das Leiden der High Society an ihrer eigenen Wichtigkeit, tja, bei Massini dann dessen Auswirkungen auf „das Volk“, das nackte Elend der Kriegsopfer.

Menelaos und Agamemnon im Infight mit nassen Handtüchern: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klytaimnestra flirtet mit Odysseus: Anja Herden mit dem neuen Ensemblemitglied Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Atriden treten an: Rainer Galke als Agamemnon, ein auf Kothurnen wankender, wankelmütiger Gemüts- und Familienmensch am Rande des Nervenzusammenbruchs, kriegsmüde schon bevor der noch begonnen hat. Lukas Holzhausen als kühl berechnender Menelaos, als unerbittlicher Gehörnter, der selbst über die Leiche seiner Nichte seine Ehre wiederhergestellt sehen will, war doch die Helena-Entführung ein „Angriff auf die Heimat“.

Die beiden sind geübt im verbalen wie im körperlichen Infight. Man jagt sich tatsächlich mit nassen Handtüchern, „Du kotzt mich an“, sagt der eine Bruder zum anderen. Überhaupt tobt bald die Wasserschlacht, man stolpert, fällt, wirft sich verzweifelt ins oder badet vergnügt im Bühnennass, bald ist kein Kostüm mehr trocken.

Anja Herden gibt, ganz Königin, eine stolze, selbstbewusste Klytaimnestra, die die Demokratie (!) um Hilfe anruft, Katharina Klar eine naive Iphigenie, die froh wäre, wäre der „Scheißkrieg“ aus und Papa wieder zu Hause. Thümer macht dazu den ungehobelten, aber seine Ehre hochhaltenden Achilleus.

Dazu gibt es einen kriegslustigen Girlgroup-Chor: Nadine Quittner, Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml und Maren-Sophia Streich. Voima hat exklusiv für das Volkstheater dessen Text geschrieben; der Chor ist angesicht der zahlreichen Recken ganz glücklich darüber, dass es endlich „Männer gibt, so weit das Auge reicht“, und preist das Traumpaar Achilleus und Iphigenie. Das Ende ist abrupt – und ohne Hirschkuh.

Nach der Pause dann ein beinah leeres Becken, aber Dauerregen. Stefano Massini schildert die Flucht einer alten Frau aus Mossul mit ihrer Enkelin, unterwegs kommen noch drei Waisenkinder dazu. Es geht über die Balkanroute zu Fuß, in Bussen, auf Booten, und überall Demütigung und die Ansage, eine „Alte“ werde gar nicht erst mitgenommen, weil: nur Probleme. Man schafft es dennoch nach Schweden. Massini enttarnt einerseits die kollektiv-westliche Vorstellung von Flüchtlingen, andererseits den von staatlichen Stellen oder NGOs nach der jeweiligen Befindlichkeit und den jeweils anderen Beweggründen gewobenen Flüchtlingsmythos.

Als Kollektiv treten auch die Schauspieler auf. Sie soufflieren Henriette Thimig als Haifa ihre Erlebnisse, reporten ihren „Fall“, frischen ihre Erinnerungen auf. Sie sind wie ein antiker Chor, der der Protagonistin zur Seite steht. Der sich in mangelnder Solidarität befehdet, und dann doch wieder zusammenhält. Als ein Schlaflied verlangt wird, erscheint noch einmal die Girlgroup mit ihrem Traumpaar-Song. So verschränken sich die beiden Teile ineinander. Und wieder gibt es einprägsame Bilder, klaustrophobische in einem Glaskubus, erdrückende an einem Abwasserrohr. Schließlich sprechen nackte Tatsachen. Zweifellos ist dieser Teil des Abends der eindrücklichere, das Volkstheater bei seiner Kernkompetenz, dem Zeitgenössischen.

Für Flüchtlinge ist wenig Platz: Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der antike Girlgroup-Chor: Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hätten im ersten Teil die Figuren gerne feiner ziseliert sein können, fehlte doch weitgehend eine tiefer gehende Psychologisierung der Charaktere, ein Ausloten von deren inneren Abgründen, so überzeugt man als Arbeitsgemeinschaft auf ganzer Linie. Und über allem die Thimig mit ihrem Mantra, es schaffen zu müssen, für die ihr Schutzbefohlenen. Eine stolze, selbstbewusste Elendskönigin, die sich nicht abspeisen lässt, die sich in der Machowelt der Schlepper und Beamten behauptet – und die doch eines ihrer Kinder verlieren wird.

Vor einer Live-Kamera aufgestellt: eine Maus in einem Plexiglaskäfig, ihre Verrichtungen auf eine Vidiwall übertragen. Bis Minute acht suchte die Maus einen Ausgang aus dem Behältnis, dann wendete sie sich der Untersuchung der Ausstattung ihres Käfigs zu. Ab Minute 44 schlief sie tief und fest, das Köpfchen auf die Einstreu gebettet …

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  1. 9. 2017

Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

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Wien, 5. 11. 2016

Theater Akzent: Dario Fos „Bezahlt wird nicht!“

November 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar verlegt die Italianità in die Hasengassn

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler Bild: © Lilli Crina Rosca

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler
Bild: © Lilli Crina Rosca

Der Literaturnobelpreisträger hätte, lässt sich vermuten, seine Freude daran, wie jetzt in Wien seine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam inszeniert wurde.

Denkanstifter Hubsi Kramar zeigt im Akzent „Bezahlt wird nicht!“ und hat dazu Dario Fos Frauenpower-Farce in die Hasengassn verlegt, also die Adria nahe an die Hypo Alpe, mei Chianti is ned deppat, und daraus ein saftiges Stück Volkstheater samt Couplets gemacht, die Satire als schlechtes Gewissen der Macht sozusagen. Bevor man sich prächtig zu amüsieren traut, ist man ernüchtert, wie aktuell diese 41 Jahre alte Agitpropkomödie noch ist. Die Verhältnisse sie sind noch so, sie sind schon wieder so.

Gegen den Diebstahl der Marktwirtschaft hilft nur Ladendiebstahl. Und so macht eine Menge wütender Frauen dem Konsum im Wortsinn den Garaus. Freie Marktwirtschaft ist ein im Grunde revanchistisches System. Für jede Quittung, die man überreicht, revanchiert sich jemand mit einer Rechnung, die er präsentiert. Die working und wegrationalisierten poor holen sich also ihren Anteil am Profit in Form von Nudeln und Dosenparadeisern, die Butter vom Brot eines Plissonnier und seines Broseta, aber, ach, käme erst das Fressen, doch es kommt die Moral in Gestalt der Ehemänner. Der ehrliche Arbeiter nimmt nicht einmal selbst erbeutete Almosen an. Ja, wir waten bis zum Hals in der Scheiße, aber genau deshalb tragen wir den Kopf hoch erhoben. Daher weg mit dem Zeug, unters Bett und unter die Kittel, plötzlich sind alle schwanger und Polizisten vor der Tür …

Worteschmied Fo heftet den ihm eigenen anarchischen Witz an seine politischen Wahrnehmungen, und Hubsi Kramar zeigt an diesem Beispiel auf seine Weise, dass der Neoliberalismus auf dem rechten Weg ist. Privatisierung kommt von privare/ berauben. Aus dem Originaltext und zwei Übersetzungen, mit kritischem Geist und spottendem Herzen, formulieren der Theatermacher und seine Truppe ihre Absage an die Marktfundamentalisten und die Internationale Solidarität der Banker. Avanti Popolo! Zum heiteren Gegenangriff. Der Hanswurst kann laut sagen, was Hamlet im Stillen denkt. Selbstverständlich ist jede Ähnlichkeit mit aktuellen Tagesereignissen gänzlich beabsichtigt. TTIP-Freihandelsabkommen und andere unsaubere Geschäfte, Nestlé und Novomatic, Asyldyskoordination und Abschiebung, Gentrifzierung und Griechenland, Steuerreform und andere Skandale, wie den Leuten die Schlag-Zeilen eben so auf den Kopf knallen, so geht’s rund in „Bezahlt wird nicht!“ reloaded. Dass das Akzent dafür der perfekte Aufführungsort ist, zeigt einer der größten Lacherfolge, als es über eine Figur hilflos erstaunt heißt: „Der ist ja linker als dein Parteivorsitzender.“ Akzent: Applaus! Angesichts schwarzer Geschäfte sieht die Gesellschaft rot.

Markus Liszt hat auf die Bühne eine grindige Puppenstube gestellt. Mit Propangasflaschen. Im Zinshaus eine Küchenuhr ohne Zeiger. Darin wirkt Asli Kislal mit der ganzen Kraft ihres Amtes als Antonia. Sie zeigt wie Istanbuler Italianità geht, aber hallo. Mit Tempo und Temperament redet sie alle in Grund und Boden und sich beinah um Kopf und Kragen, in dramatischer Geste eine Silvana Mangano, nur, dass sie nicht einmal mehr bitteren Reis servieren kann. Obwohl Volkes Stimme Gottes Stimme ist, fällt sie kurz vom Glauben an ein gutes Ende ab. Aber es wird wieder. Der Opa war auch so. Ein katholischer Sozialist. Kreisky und der Papst. Die österreichische Er-Lösung. Was Kislal zeigt, ist, unterstützt von Gioia Osthoff als treuer und herziger Margherita, großes Kino; Kramar, der große Feminist, weiß, wie man Männer dumm und dämlich quatschen kann. Er setzt zwei exzellente Komödiantinnen in Szene, denen Markus Kofler und Sascha Tscheik mehr als Pantoffel- denn als -helden gegenübertreten.

Kofler, immer mit einem Bein im absurden Theater, gibt den um seine Ruhe gebrachten Nur-Ruhe-Menschen Giovanni, Antonias Angetrauten, ein Proletarier, der höflichst um klare Abgrenzung vom Begriff Prolet bittet. Eine tragische Figur, er kann einem leid tun, weshalb umso vergnüglicher ist, ihm zuzusehen, wie unlustig er das alles findet. Wie er das ihm vorgesetzte Hundefutter wie ein Gourmetkritiker bewertet – mit zwei Spritzern Zitrone vielleicht? Das hat Charms. Tscheik ist als Margheritas Mann Luigi der Praktiker in diesem herrlichen Duo, die Hand zu diesem verzweifelten Hirn. Er hat das Publikum auf seiner Seite, wenn er über seine umgekehrte Logik von Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Sein philosophiert. Weil die nehmen ja unsere Arbeit und wir geben sie ihnen.

Der größte Kasperl im Theater aber ist Stefano Bernardin. Er ist Wachtmeister und Carabiniere, ist linkslinker Sicherheitssubversiver und aufrechter Ordnungshüter, ist ein Flageolet und ein Capitano Spavento, eine Granate bis zur Kopfbedeckung. Und beim Singen furchteinflößend wie einmal Stefan Weber. Neben Hubsi Kramars Cameo-Auftritt erfreut er am meisten als Leichenbestatter Dalí Dalí – da ist er auch, dieser Weber-Blick – und als Giovannis leicht verwirrter Vater. Ein gelungenes Quartett. In Stockholm 1997 sagte Dario Fo: „Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen.“ Optimistisch, diese Hoffnung, dass sich der Markt über mehr (heu)schreckt, als nur die Konjunkturdaten. Hubsi Kramar ist Optimist. Er kämpft einen klasse Kampf. Er will das Kapital kaputt lachen. Dem Mann kann bei dieser Arbeit im Akzent gut geholfen werden.

www.akzent.at

TIPP: Eine Ausstellung zum Thema im Kunst Haus Wien www.mottingers-meinung.at/?p=15943

Wien, 11. 11. 2015

Mono Verlag: Der unbekannte Soldat

Mai 20, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wer nicht für den Frieden arbeitet,

der arbeitet gegen ihn“

9783902727527Der unbekannte Soldat ist eine Hommage an Bertha von Suttner, die erste Botschafterin des Pazifismus, lange bevor er eine greifbare Theorie einer Welt ohne Waffen war und lange bevor diese Welt in Trümmer fiel. Unterlegt und eingerahmt von musikalischen Interventionen, versammelt der Audioteil wichtige  Texte der Suttner, vorgelesen von Angehörigen des österreichischen Bundesheeres, Cornelius Obonya und Stefano Bernadin.

Im Textteil werden wichtige historische und theoretische Hintergründe sowie biografische Details der Suttner erzählt, zu lesen in ausführlichen Interviews mit der Ethnologin Maria Enichlmair und dem Historiker Georg Hamann, der Friedens- und Konfliktforscherin Susanne Jalka, dem österreichischen  Spitzendiplomaten Wolfgang Petritsch und dem Chefredakteur des Nachrichtenmagazins profil, Herbert Lackner.

Inmitten des Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren ist dieses Buch an erster Stelle eine Verbeugung vor dem Lebenswerk Bertha von Suttners. Herausgeber/Konzept: Stefan Frankenberger.

www.monoverlag.at

Wien, 20. 5. 2014

Cornelius Obonya badet in Selbstmitleid

Oktober 17, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

stadtTheater Walfischgasse: „C(r)ash“

Stefano Bernardin, Cornelius Obonya, Claudia Kottal Bild: © Robert Polster

Stefano Bernardin, Cornelius Obonya, Claudia Kottal
Bild: © Robert Polster

Von der Walfischgasse an den Broadway. In diesem Augenzwinkerer, Prinzipalin Anita Ammersfeld, die das Kompliment augenblicklich an Autor, Regisseurin und Darsteller weiterreichte, nach der Premiere zugeflüstert, steckt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Mit der Uraufführung von Rupert Hennings „C(r)ash“ ist dem stadtTheater nämlich wieder einmal ein Coup gelungen. Der Krimi, der sich von Komödienleichtigkeit zum Psychothriller entwickelt, ist ein well-made play in bester anglistischer Tradition, „Sleuth“ („Mord mit kleinen Fehlern“) von Anthony Shaffer, in dessen Inszenierung am stadtTheater Henning als Darsteller mitwirkte, nicht unverwandt; klaustrophobisch-kammerspielartig wie ein Hitchcock (Lieber Rupert Henning, Sprachästhet, Sprachpfleger als Überzeugungstäter, verzeihen Sie die Querverweise – sie dienen nur der Veranschaulichung des Eindrucks); ein Schaukelstuhl kommt immerhin auch vor. Und schon denkt man an Norman Bates: „Mutter?“

Tatsächlich hat Henning die Handlung von „C(r)ash“ in die USA verlegt. Die Finanzkrise, der Abstieg des „Mittelstands“, die Liegenschaftsversteigerungen von „unterteuerten“ Objekten sind das Freud’sche Über-Ich , in dem ES (pardon: das war jetzt auch ein bissl Stephen King) sich entfalten kann. Henning spielt – no na – mit Cash = Kasse, Barschaft und Crash = Zusammenbruch, Absturz: Ein junges Yupppie-Paar hat sich zwecks Familiengründung in the middle of nowhere ein wunderbares, altes Herrenhaus gekauft. Günstig. Ein Schnäppchen. Als die beiden gerade dabei sind, den künftigen Erben des Anwesens zu zeugen, klingt’s an der Tür: Field Deputy Sergeant Leroy Brooks ist gekommen, um in dem seiner Meinung nach leerstehenden Gebäude, in dem er Licht bemerkte, nach dem Rechten zu sehen – und er geht und geht und geht nicht mehr. Er kennt sich aus im Haus. Die neuen eigenen vier Wände, die den New Yorker „Zuwanderern“ laut Kaufvertrag zwar gehören, findet er, stehen ihnen nicht zu. Also zückt er die Waffe und verwandelt das Eigenheim in ein Gefängnis. Geiselnahme … Auflösung beim Anschauen.

Claudia Kottal und Stefano Bernardin als Trish und Artie Rizzo spielen die Neuankömmlinge in der Gemeinde, über die Cornelius Obonya als Leroy Brooks mit wachen Augen wacht. Regie führte Obonyas Ehefrau Carolin Pienkos. Und die verwandelt die Steilvorlage des Stoffs in  einen Treffer. Mitten ins Huch! Das Trio agiert großartig. Das Ganze: eine Entgleisung. Obonya ist als Gendarm der Im-Keller-Lachen-Typ. Seine Nachbarschaftshilfe, sein (geschwindeltes) Beratungsgespräch gegen Gefahren aller Art ist der Urquell aller Panikattacken. Latent rassistisch – für New Yorker alles nur Klischees -, spooky, aber auch pragmatisch-praktisch (bei der Tilgung von Ameisen auf der Toilette, die und deren Herkunft er naturgemäß kennt). Er lädt zum Rollen-Spiel. Changiert zwischen lautem und subtilem Terror. Ein rechtschaffener Geisteskranker. Obonya gelingt vor allem im zweiten Teil – Aggressions- und Alkoholpegel steigen parallel – die große Kunst: Er macht einen wütend auf seine Figur. Diesen Versager, der in Selbstmitleid badet, der anderen die Haftung an seiner Misere abtritt. Der sein Minderwertigkeitsgefühl mit der „Wiedererrichtung der Schuldtürme“ rechtfertigt. Ein Jedermann, weil schließlich jeder jemanden kennt, dem er gern die Kugel gäbe. Das Tragen einer Waffe verführt allerdings erst zu deren Gebrauch. Hennings Text besticht nicht durch Doppel-, sondern mit Mehrdeutigkeit. Wahrnehmung und Affektivität seiner Charaktere sind gestört, Depression und Antriebsmangel bestimmen dem einen beziehungsweise dem anderen das Sein.

Brooks‘ Gegenüber ist Stefano Bernardins „Artie“. Ein schlitzohriger Softwareentwickler „für den möglichst geringsten geistigen Anspruch“, der mit einer Idioten-App und anwaltschaftlicher Ausschaltung des Geschäftspartners so richtig Geld gemacht hat. Seither privatisiert er. Kultiviert seine Leichtlebigkeit, die spaßige Oberflächlichkeit, seine arrogante Aufgeblasenheit. Das Landei auf die Schippe zu nehmen, ist für ihn zunächst ein Sport. Schließlich wollte nicht er, sondern seine Frau, nach Freaktown übersiedeln. Dass sein spezieller Humor beim Aufprall auf den Cop zum absurden Hahnenkampf werden wird – wer konnt’s ahnen beim Dickauftragen? Immerhin kann er Brooks, bevor er in die Weinerlichkeit entschwindet, noch seine Lebensphilosphie an den Kopf werfen: „Ich hatte immerhin eine Idee.“ Wunderbar spielt das Bernardin, dabei weder Körperlichkeiten noch eine Patenparodie scheuend. Bleibt als Dreh- und Angelpunkt „Trish“ Claudia Kottal. Sie war es, die Landfrieden, Landliebe suchte, nachdem ihr Artie mit einer anderen Art Gras die Karriere als Kinderärtzin versaute. Sie ist es, die durch einen Verzweiflungs-/Tobsuchtsanfall das Ruder herumreißt. Die an einem Abend gleich zwei Männer zu  therapieren hat. Kottal spielt mit Leib und Seele – eine Glanzleistung.

Die Moral von der Geschicht‘? Ist ein Triptychon. Das darstellt, dass Geld längst etwas Irreales für sehr reale Monopoly-Spieler geworden ist. Dass Besitz eine Chimäre ist, deren Schwester Hydra-Bank sie jederzeit zu sich rufen kann. Und dass die Haushalte gegen nachwachsende Wucherköpfe machtlos bleiben werden, wenn die Regierungen es nicht einmal schaffen, ihren eigenen in Ordnung zu bringen.

www.stadttheater.org

Wien, 17. 10. 2013