Akademietheater: Der Rüssel

April 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alpenländische Absurditäten

Alles kniet vor dem Elefanten: Barbara Petritsch, Falk Rockstroh, Christoph Radakovits, Simon Jensen, Peter Matić, Markus Meyer, hinten: Sebastian Wendelin und Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Man möchte sich erlauben, es zu deuten, dass dieser Text ausgerechnet an einem 20. April uraufgeführt wurde. Ein Stück, in dem zu seinem unrunden Geburtstag das Bild eines tyrannischen Urgroßvaters immer wieder von der Wand fällt, dessen Urenkel sich verpflichtet hat, des Alten Traum wahr zu machen: Afrika im Alpenland, samt eines Elefanten auf dessen Geburt sehnsüchtig gewartet wird. Kaum aus der Wildbachtaufe gehoben wird das Tier zwar in hiesigen Verhältnissen eingekeilt, doch gleichsam als Heilsbringer verehrt.

Und der Nachfahr‘ schwingt sich in der nunmehr wortwörtlichen Bananenrepublik zum neuen Diktator auf … Christian Stückl hat am Akademietheater Wolfgang Bauers „Der Rüssel“ auf die Bühne gehoben. 1962, mit nur 21 Jahren, schuf der Grazer Autor dieses Frühwerk. Das Literatur-Enfant-Terrible zählt zu den wichtigsten Stimmen einer im Schatten des Dritten Reichs und im Halbdunkel von Verdrängen, Vergessen, Vergeben entstandenen österreichischen Nachkriegsdramatik. Am Rande allgemeiner Wiederaufbau-Aufbruchsstimmung entstand also „eine Tragödie in elf Bildern“, die alsbald verloren ging – und erst 2015 im Nachlass des Leibnitzer Komponisten Franz Koringer wiederentdeckt wurde. Eine Sensation.

Die, wenn denn Zuordnungen sein müssen, sich am ehesten mit einem Theater des Absurden, verwandt den ebenfalls frühzeitig verfassten Mikrodramen Bauers, in Bezug setzen lässt. Stückl trägt dem Rechnung. Der Intendant des Münchner Volkstheaters inszeniert ebendieses – Volkstheater. Seine Interpretation bleibt nah am Werk, das Ganze wirkt wie Anzengruber auf Speed, und immer knapp bevor die Frage auftaucht, ob man afrikanische Zeremonien und Riten so veralbern darf, sagt Stückl: Pfeif‘ auf p.c., wir wollen doch nur spielen mit derlei ironisiert kolonialen Stereotypen. Na gut.

Falk Rockstroh als Bürgermeister Trauerstrauch und Markus Meyer als Kaplan Wolkenflug. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Familie Tilo: Barbara Petritsch als Großmutter, Christoph Radakovits und Simon Jensen als Wilderer-Brüder. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Stückl schöpft aus dem Vollen. Mit Donner, Blitz, Sturmgebraus und verdächtigen Schritten auf dem Dachboden. Von Herrgottswinkel bis Gipfelkreuz. Anfangs alles dunkel-schwarz, bäuerlich-dumpf, Bauers Typen dargestellt als ländliches Unsittenbild aus traditionsbewusster Engstirnigkeit, obrigkeitsgläubigem Katholizismus und salopp demonstrierter sexueller Gewalt. Darin tummelt sich das Gebirglerpanoptikum: die einfältigen Wilderer-Brüder Tilo, Christoph Radakovits und Simon Jensen, deren bigotte Großmutter und notgeiler Großvater, Barbara Petritsch und Branko Samarovski, ebenfalls geil, aber nach Geschäften, der Bürgermeister Trauerstrauch, Falk Rockstroh. Der mit seinem Eh-klar-Mantra „Wir schaffen das!“ ein paar Extralacher auf seiner Seite hat.

Markus Meyer ist Gottes hysterischer Kaplan Wolkenflug und Peter Matić der umsatzbewusste Kaufmann Kuckuck. Dirk Nocker gibt einen Reporter. Und schließlich das jugendliche Liebespaar: Stefanie Dvorak als Kellerbirn Anna und Sebastian Wendelin als Außenseiter Florian Tilo, im Text er der einzige Rothaarige, bei Stückl sind’s alle. Auch die Gesangskapelle Hermann, die hier und dort um die Ecke lugt, und von unheilverkündend bis frohlockend, von „Ein Prost mit harmonischem Klange“ bis „Sag‘ zum Abschied leise Servus“ immer das richtige Lied zum surrealen Losschmettern auf den Lippen hat. Dies mitunter auch in Suaheli. Denn hereinbricht mit aller Wucht Afrika.

Mit „heidnischen Palmen“, Giftschlangen unterm Hemdkragen und Riesenspinnen auf dem Steirerjanker (Bühnenbild und Kostüme: Stefan Hageneier). In den eigenen Aberwitz setzt sich der Irrwitz des Anderen. Und was gerade noch als Segen betrachtet wurde, wird schnell zum Fluch. „Das Fremde“, auch darin ist der Abend erstaunlich aktuell zu deuten, wird bald mit Abscheu und Angst beäugt, der Elefant ebenso zum Sterben verurteilt wie sein herrischer, nunmehr als „Hexendoktor“ gekleideter und von der Kirche bereits als Satanas abgeurteilter Besitzer …

Afrika im Alpenland: Gesangskapelle Hermann, Sebastian Wendelin als Florian Tilo und Stefanie Dvorak als Kellerbirn Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Gespielt wird auf Teufel-komm-raus, mit verschmitzter Freude an theatralen Gags und Gimmicks, Bauers überhöhte Kunstsprache dabei genauso genüsslich dargeboten, wie auf die große Geste nicht verzichtet wird. Es macht Spaß so viel Spiellust beim Outrieren zuzuschauen, und vor allem die Petritsch, Meyer und Rockstroh leisten da das Ihre. Peter Matić ist ein köstlich kauziger Kuckuck, Branko Samarovski mit Schlagrahm-Rasierschaum im Gesicht überzeugt als unheimlich-gemütlicher Ulpian.

Sebastian Wendelin schließlich wandelt sich vom Revoluzzer zum repressiven Machtmenschen – und landet als solcher auf der Spitze des Kalvarienberges. Wie’s ihm dort ergeht, zeigt er noch in einer Akrobatikeinlage. Bleibt zu hoffen, dass diese Heimatgroteske zu einer Wolfgang-Bauer-Renaissance an heimischen Bühnen führt.

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  1. 4. 2018

KosmosTheater: Kassandra

Januar 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia Schranz erweckt Christa Wolfs Seherin zum Leben

Bild: © Bettina Frenzel

„Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.“ Zu dieser Erkenntnis gelangt die Seherin Kassandra am Hofe Agamemnons angesichts der Machenschaften der Klytaimnestra. 1983 lässt sie Christa Wolf in ihrer berühmten Antikriegserzählung diesen Satz sagen. Am KosmosTheater ist nun eine Bühnenadaption des Werks zu sehen, ein kraftvoll verdichteter Monolog, inszeniert von Julia Nina Kneussel.

Vorgetragen von der wunderbaren Julia Schranz. Und siehe, die warnenden Worte der Hellsichtigen, dereinst in Troya nicht gehört, in der Wolf’schen Interpretation in Ost wie West als heldenmütiger Widerstand gefeiert, haben an Aktualität nichts eingebüßt. Als „Whistleblowerin“, verrät der Programmzettel, möchte man Kassandra heute gern verstanden wissen. Weiß sie doch, dass Helena gar nicht an Paris Seite bis nach Troja gekommen ist, und die ganze Sache mit dem Überfall auf die Heimatstadt daher … „Wann Krieg beginnt, das kann man wissen. Aber wann beginnt der Vorkrieg?“, sagt sie.

Stolz steht die Schranz da. Als Kriegsbeute angetan mit einem grauen Gefangenenoverall, die Hände wie zur Schaustellung über den Kopf erhoben. Beklemmend ist das, wenn sie an- oder wehklagt, ihre Stimme erhebt gegen das Unrecht der Welt oder wegen des über sie hereinbrechenden Unheils. Der herrliche Apoll hat Kassandra einst die Seherinnengabe verliehen, indem er ihr in den Mund spuckte, nun kann sie den üblen Geschmack der politischen Geschäfte nicht mehr von der Zunge bekommen.

Bild: © Bettina Frenzel

Die Verhältnisse zum besseren zu ändern, obliegt ihr nicht, auch dafür hat der Gott gesorgt. Die Wahrheit ist den Mächtigen nicht zumutbar. So ist es ihre Aufgabe, im Wortsinn sehenden Auges in den Untergang zu gehen. In den ihrer Stadt und später in den eigenen. Schranz gestaltet eine moderne Analytikerin, der anhand ihrer Beobachtungen gar nicht anderes bleibt, als auf Konsequenzen zu zeigen, und die darob schon zwischen Bewachern – Wärtern aufwuchs.

Je nach Betrachtungsweise. Viel Zeit nehmen sich nämlich Regisseurin Kneussel und Martina Theissl, von denen die Bühnenfassung stammt, über die Königspartei und deren Macht über die Wörter zu berichten. Eumelos, Chef der Palastwache und Berater des Priamos spinnt sein Sicherheitsnetz wie eine Spinne, baut Feindbilder auf, lange bevor aus Griechenland die Krieger anlanden. Auch, wenn Christa Wolfs Reflexionen über die Zweiteilung der Welt und die Verkrustung der beiden Machtblöcke längst verdampft sind, bleiben so ihre Rufe gegen den Militarismus, gegen Männerdominanz, gegen deren Allmachtsfantasien deutlich zu hören.

Kneussel/Theissl führen vor, wie aus einem friedlichen, auf den Diskurs aller Beteiligten setzenden Staat ein Hochsicherheitstrakt wird, in ihm Beschränkung der Gedankenfreiheit durch Bespitzelung. Trojas Mauer, und die der DDR, beide längst gefallen, werden bereits anderswo wiedererrichtet. Schranz berichtet das alles mit einer Portion Sarkasmus. Irritierende Störgeräusche, Maschinengewehre oder Heereshubschrauber?, Musik von Stefanie Neuhuber, sind zu hören.

Bild: © Bettina Frenzel

Schranz tritt in Zwiesprache mit den verfremdeten Videobildern von Mihaela Kavdanska, Dilmana Yordanova und Cristian Iordache alias KOTKI visuals, ihr verschwommenes Ich, teilweise aufgenommen mit Live-Kamera, dabei ein Symbol ihrer Sehergabe, ihre „Stimme“. Eindrücklich ist das, wie der ganze Abend, den nicht nur die Optik so zeitgenössisch macht, dass es hinter den Augen schmerzt. Am Ende noch einmal über Eumelos.

Den Kriegstreiber und Menschen(ver)hetzer. Er wird überleben, sieht Kassandra vorher, die Griechen werden ihn brauchen. Die Wahrheit schließlich ist: „Wohin wir immer gehen, dieser wäre schon da.“

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  1. 1. 2018

Akademietheater: Vor Sonnenaufgang

Dezember 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bipolar gestörte Familienverhältnisse

Fröhliches Feiern: Markus Meyer (Thomas Hoffmann), Dörte Lyssewski (Annemarie Krause), Michael Maertens (Alfred Loth) und Marie Luise Stockinger (Helene). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die langerwartete Geburt setzt ein, Martha wird nun ihr Kind bekommen. Sekt wird zu Fruchtwasser, drei kreischende Männer ersetzen die gebärende Frau, einer fällt in Dauerohnmachten, einer hält sich an der Flasche fest, einer hämmert ins Klavier … Dies die Temperatur von Dušan David Pařízeks Inszenierung von „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater.

Für die der Regisseur einmal mehr seine zuletzt am Volkstheater immer wieder eingesetzten, geliebten Overheadprojektoren und seine Schminktische mitgebracht hat, von beiden jeweils zwei Stück, wobei erstere diesmal als Rampenscheinwerfer dienen. So viel zum szenischen Teil des Abends. Zwingender als Pařízeks Arbeit ist jedenfalls die von Ewald Palmetshofer. Von ihm nämlich stammt der Text, eine Gerhart-Hauptmann-Überschreibung im Auftrag des Theaters Basel, nun ist in Wien zu sehen, wie brillant das geworden ist.

1889 hat Hauptmann sein Werk verfasst. Darin besucht der Volkswirt Alfred Loth seinen alten Studienfreund Thomas Hoffmann auf dem Lande, wo der in eine ortsansässige Bauernfamilie eingeheiratet hat. Der linke Intellektuelle trifft auf einen konservativ Gewordenen und ist entsetzt, auch über den allüberall herrschenden Alkoholismus, ist er selbst doch strikter Abstinenzler. Zwar gibt es ein Liebesintermezzo mit der jüngeren Tochter des Hauses, Helene, doch wird Alfred sie wieder verlassen – eben, weil ihm in der Familie zu viel gesoffen wird.

Palmetshofers Fassung deutet die Differenzen nur an. Die gesellschaftlichen Grenzen sind bei ihm verwischter, die Figuren wirken verlorener, taumelnd. Ihre Sprachlosigkeit ist in Halbsätzen, in abgebrochenen Sätzen festgehalten; sie mäandern durch das, was sie sagen wollen, und gerade weil sie so im Unkonkreten bleiben, ist diese Familienaufstellung sehr prägnant. Die Krauses sind natürlich längst keine Bauern mehr, sondern Unternehmer, Alfred ein Journalist bei einem linken Wochenblatt, dem man zunächst unterstellt, einen Aufdeckerartikel schreiben zu wollen.

Doch dahinter lauert die Familienkrankheit …: Michael Abendroth (Egon Krause) und Dörte Lyssewski. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… alle leiden an Depressionen und an Alkoholismus: Markus Meyer und Stefanie Dvorak (Martha). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Michael Maertens ist großartig als unsicherer, sensibler Eindringling, denn eigentlich bereitet sich die Familie auf die Geburt von Tochter Marthas erstem Kind vor, wie er vor Verlegenheit von einem Fuß auf den anderen tritt, und trotzdem seine Standpunkte durchsetzt, das ist Maertens vom Feinsten. Markus Meyer als Thomas Hoffmann ist ihm ein entsprechend starker Widerpart, nicht wirklich unsympathisch, aber auch keine Figur, der die Herzen zufliegen. So distanziert, wie er sich zum Geschehen verhält ist klar, ihm ist nur am Firmengeld und am Chefsessel gelegen.

Palmetshofer geht dem bei Hauptmann festgeschriebenen Alkoholismus auf den Grund, er verortet ihn in einer Familienkrankheit. Jeder scheint hier an einer bipolaren Störung zu leiden, vor allem die Töchter des Hauses sind manisch-depressiv, doch erfährt man das nur allmählich und mehr zwischen den Zeilen: dass Martha (Stefanie Dvorak überintensiv) ihr – schließlich ohnedies tot geborenes – Kind deshalb nicht wird lieben können, und dass ihre Schwester Helene offenbar Job und Wohnung verloren hat. Marie-Luise Stockinger gestaltet sie als eine, die sich bemüht, gute Miene zum bösen Lebensspiel zu machen. Fabian Krüger gibt den Hausarzt Dr. Schimmelpfennig als einen, der Helene liebt, aber um ihre Probleme weiß.

Der Arzt bleibt unglücklicher Beobachter: Fabian Krüger (Dr. Peter Schimmelpfennig). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Vater und Stiefmutter glänzen der vom Volkstheater ausgeborgte Michael Abendroth und Dörte Lyssewski, sie als überdrehte Übermutter, er als bärbeißiger guter Kerl, geben die beiden der Aufführung die Prise Humor, die sie braucht. Während der Alkohol in Strömen fließt … Der Schluss ist bei Palmetshofer je nach Sichtweise happy. Alfred, nun über Helenes Zustand, ihre „dunkle Seite“ informiert, bleibt dennoch – doch wie soll das enden?

Im Kern ist Pařízek weder zu Palmetshofer noch zu Hauptmann viel eingefallen, und, was die Schauspieler nicht selber aus den Charakteren rauszuholen vermögen, verflacht. Mehr Regieideen als die Gimmicks von gestern hätten dem Abend gutgetan. Und ein Esstisch.

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  1. 12. 2017

Hosea Ratschiller: Der allerletzte Tag der Menschheit. Mit Cartoons von Stefanie Sargnagel

November 29, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Karl Kraus in die Gegenwart herüber gespürt

„Natürlich ist auch bei uns nicht alles optimal gelaufen“, antwortete Karl Habsburg angesprochen auf den Ersten Weltkrieg. Diese Worte des Kaiserenkels inspirierten den Humoristen Hosea Ratschiller zu einer lustvollen Schmierenkomödie über den allerletzten Tag der Menschheit. Aus Notwehr hat er Karl Kraus´ Opus Magnum „Die letzten Tage der Menschheit“ in die Gegenwart herüber gespürt und eine feierliche Gala zu Ehren der hervorragenden Gegenwart vorbereitet: „Der allerletzte Tag der Menschheit“.

Das Kabarettprogramm wurde 2016 mit dem Österreichischen Kabarettpreis und 2017 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Nun liegt der Text als Buch vor, aufgepeppt mit witzigen Cartoons von Satire-Kollegin Stefanie Sargnagel. Ein Protokoll über den allerletzten Tag der Menschheit: Österreich an einem heißen Sommertag. Das nahende Ende liegt in der Luft und das von Karl Kraus beschriebene „österreichische Antlitz“ zeigt sich in seiner Vielfalt und in seiner Hässlichkeit.

Weil, eine Boulevardzeitung hat einen neuen Weltkrieg ausgerufen. In den darauffolgenden Verwirrungen begegnen einem der Kommunismus im Altersheim, ein Bundeskanzler, der für sein Abendessen autorast, und dem Glücksspiel verpflichtete Selbsthilfegruppen nahe der Sezession: „Nur ein Beispiel: Das Gebäude, wo wir unser Kulturforum rein getan haben, wunderschön, direkt gegenüber von der Secession, kennt man. ,Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit‘. HA! Nein, wirklich wunderschön, Art Deco, alles da. Ich war so glücklich, wo wir es gekriegt haben. Aber dann klopft der Chef von meiner Compliance und sagt: In dem Gebäude war in der sogenannten Nazizeit ein Reisebüro, ganz normales Geschäftsmodell, Fahrkartenverkauf, Detail, für Fahrten in Konzentrationslager. Ja. Schauen Sie mich nicht so an. Die deutsche Reichsbahn hat auch nix zum Verschenken gehabt …“

Ein Waffenhändler philosophiert bei den Salzburger Festspielen: „Was mit einem Land geschieht, dass sich zur falschen Zeit weigert, Eurofighter zu kaufen, das könnt ihr gerade in Griechenland beobachten. Da is nix mehr mit ,queerfeministisches  Tanztheater auf Kosten des Steuerzahlers‘. Da ist jetzt nur mehr Überlebenskampf. Und ich darf schon erinnern: Österreich war ganz oben mit dabei, in der Liste der Pleitekandidaten. Mafia, aufgeblähte Verwaltung, Korruption, besser könnte man Österreich doch kaum beschreiben. Aber der Grieche, der war eben zusätzlich noch bockig beim Eurofighter, und jetzt muss er die Kröte schlucken. Das sagt man doch so? Ach, ich liebe Österreich“.

Bild: Stefanie Sargnagel

Und Deutschlehrer lernen mittels Döner die türkische Kultur kennen: „Kunde: Ich habe keinerlei Vorurteile. Nie gehabt. Aus diesem Grunde möchte ich nun bei Ihnen einen Döner bestellen, junge Frau. Um genau zu sein einen Döner in Pide. Denn erst der Zusatz ,in Pide‘ stellt klar, dass ich mich für ein Grillfleisch-Sandwich interessiere, wie Sie wissen. Verstehen Sie unsere Sprache? Verkäuferin: Mit Alles? Kunde: Zwiebel, Tomate, Soße. Und über den Grammatikfehler sehe ich galant hinweg. Verkäuferin: Mit Scharf? Kunde: Auch das lasse ich gelten. Der Anatole weiß, aber auch seine Frau weiß es: An heißen Tagen soll man scharf essen. Sie bemerken: Ich bin durchaus bereit, von Ihrer Kultur zu lernen“. „Serbien muss sterbien“ kommt vor, und die Schalek. Sehr böse ist das, dieses Kaleidoskop der Gesellschaft.

Hosea Ratschiller beschreibt in seiner Collage voll Ironie und schwarzem Humor, wie diese letzten 24 Stunden in Österreich verlaufen könnten. Dafür erweckt er 43 höchst unterschiedliche Charaktere zum Leben.

Eine lustvoll-satirische Revue zum Zustand des Wesens „Österreich“, die mit intelligentem Witz, scheinbar spielerisch, die Abgründe in Gesellschaft und Gegenwart aufspürt.

Über den Autor: Hosea Ratschiller, geboren 1981 in Klagenfurt, ist ein österreichischer Schauspieler (derzeit mit „Harri Pinter Drecksau“ in den heimischen Kinos), Kabarettist, Kolumnist und Radiomacher. Ratschiller hat in Wien ein Studium der Geschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft abgebrochen. Anschließend leistete er Zivildienst im Sanatorium der Israelitischen Kultusgemeinde. Seit 2000 arbeitet Ratschiller beim Radiosender FM4 und seit 2009 auch für Radio Ö1.

Holzbaum Verlag, Hosea Ratschiller (Text), Stefanie Sargnagel (Cartoons): Der allerletzte Tag der Menschheit (Jetzt ist wirklich Schluss), Theaterstück, 64 Seiten

www.holzbaumverlag.at

www.hosearatschiller.at

  1. 11. 2017

Viennale 2017: Licht

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehen heißt nicht mehr gesehen zu werden

Interessierte an Mesmers Methode beobachten Resis Therapie: Christian Strasser, Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Die Augen bewegen sich unstet hin und her, der Blick ins Leere, unmöglich, sie unter Kontrolle zu halten, ebenso wie die Gesichtszüge, die entgleisenden, die mal Hochgefühl bis zur Ekstase, mal den in der Musik empfundenen Schmerz ausdrücken. Maria Theresia Paradis spielt Klavier. Und die Wiener feine Gesellschaft ums Jahr 1770 findet das „magnifique!“, „extraordinaire!“, kurios, diese Kuriosität, die ihnen da vorgeführt wird wie eine Jahrmarktsattraktion.

Andere, tuschelt’s hinter vorgehaltener Hand, beherrschten die schwarzweißen Tasten zwar besser, aber: Die sind nicht blind! Barbara Albert hat Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ verfilmt. „Licht“ heißt ihre Produktion, die bereits mit großem Erfolg bei der Viennale lief, und am 10. November in die Kinos kommt. Die Autorenfilmerin, erstmals in Zusammenarbeit mit einer Drehbuchautorin, Kathrin Resetarits, erzählt darin die Geschichte des real existiert habenden blinden Wunderkindes Resi Paradis zu Zeiten Maria Theresias. Die Kaiserin, die dieses Talent sogar mit einer Gnadenpension bedachte. Die Berühmtheit dank Begabung samt Beeinträchtigung.

Der Motor hinter Resis bestaunten Auftritten sind die Eltern. Von Ehrgeiz zerfressen, bemüht, aus dem familiären Unglück wenigstens was rauszuholen, der Vater (fabelhaft: Lukas Miko) ein ewig Unzufriedener, die Mutter (Katja Kolm enervierend gut als „Eislaufmutti“) rüscht derweil Resi mit überbordender Pracht auf. „Sie tanzt sogar“, führt sie ihre Tochter einem Beäuger zu. Dieses Wesen, dem man fast schon die Würde genommen hat. Das auf seine Selbstständigkeit verzichtet hat. In jeder Beziehung. Verzichten musste.

Die Mutter gibt Anweisungen für die Klaviervorführung vor höchsten Kreisen: Katja Kolm und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

In Mesmers Haus: Resi (Maria Dragus) in ihrem Element. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Ins Leben der Paradis‘ tritt Franz Anton Mesmer, Wunderheiler. „Animalischen Magnetismus“ nannte er selbst seine Methode, heute würde man vielleicht Energetiker sagen. Jedenfalls ist er gerade sehr im Schwange, will ehrlich helfen – und bei Erfolg bei Hof Fuß fassen. Er nimmt die Resi, der Behandlungen bisher nur versengte Kopfhaut und Haarausfall eingebracht hatten, unter seine Fittiche, er befreit von Perücke und – dies natürlich das Bild – vom Korsett. Und siehe da: unter Mutters Tand und Vaters Tadel und der Gesellschaft Tralala – ein Mensch …

Den die junge Schauspielerin Maria Dragus exzellent darstellt. Ihre Körpersprache und ihr Mienenspiel geben dem Film maßgeblich die Form. Allein, wie sie konzentriert das „Nicht-Sehen“ durchhält, ist große Kunst. Allmählich kommt neues Selbstbewusstsein durch neue Einflüsse. Im Haushalt der Mesmers erfährt Resi nämlich erstmals so etwas wie persönliche Freiheit. Dragus wandelt das Mädchen Resi zur jungen Frau, die anderen werden ihr jetzt vieles infrage stellendes Verhalten aber nur „störrischer“ finden.

Mesmer setzt tatsächlich einen Heilungsprozess in Gang. Devid Striesow brilliert als vielschichtiger Charakter, ein Mann von Einfühlungsvermögen und großer Mitmenschlichkeit, der trotzdem seine eigenen hochfliegenden Ziele verfolgt. In seinen „Séancen“, in denen er Resi samt seinen Praktiken den Wichtigen von Wien vorführt, sind um nichts weniger ein Begaffen als bei ihrem Klavierspiel. Als sie erste Schemen erkennt und Gegenstände im Wortsinn begreift, heißt es „Wie eine Amerikanerin aus dem kanadischen Urwald!“ und „Ganz unverbildet!“. Und Mesmer, der nach offizieller Anerkennung ringt, lässt es zu. Am Ende wird er mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt werden, doch das erzählt der Film nicht mehr.

Sondern vielmehr von zwei Versuchen, sich selbst zu befreien, der Visionär vor der Borniertheit der Schulmediziner (immerhin billigt ihm der Kaiserin Leibarzt Anton von Störck sehr goethe’isch zu, dass es „zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als sich mit unseren Mikroskopen fassen lässt“), die Blinde aus der Geiselhaft des Elternhauses und der Absurdität ihres dortigen Daseins. Zweiteres wird gelingen, wenn auch anders als gedacht, der Freigeist Mesmer wird auch aus Resi einen gemacht haben, sie wird eine Entscheidung treffen zwischen Klavier und Augenlicht. Je mehr sie wahrnimmt, umso kläglicher wird ihr Spiel.

Eine öffentliche Demonstration von Resis Heilung: Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit dem Verlust der Blindheit ginge aber auch die gesellschaftliche Sonderstellung samt Gnadenpension verloren. Es hieße sehen, um nicht mehr gesehen zu werden, dieser Konflikt die einzig wesentliche Dramatik im Film. Und Vaters Satz „Alles ist besser als das da“, mit Fingerzeig auf sein Kind, wandelt sich in ein „Wenn sie nichts kann, zählt sie nichts“ …

Die Schattenseiten des neuen Lichts haben Albert und Resetarits und Kamerafrau Christine A. Maier in vielerlei Facetten gestaltet. Mittels Lochoptik erzeugt Maier impressionistische Bilder, die Resis erste Sehversuche illustrieren. Dazu ein immer wieder sehnsüchtiger Nicht-Blick in den blauen Himmel über Baumwipfeln. Resis Welt ist im Wesentlichen dunkel, eine Augenbinde gibt sogar Sicherheit, als Kontrast der beinah schon grotesk-bunte Rokoko-Putz von Kostümen und Kulisse.

Doch nicht nur das Wiener Bürgertum des 18. Jahrhunderts wird in „Licht“ ausgestellt, sondern auch jenseits jedes Historienkitsches die Unsichtbaren der Zeit. Als Gegensatz zur Mesmer’schen Therapiegruppe aus psychisch Angeschlagenen und überspannten Hysterikern, die Dienstboten im Haushalt, angeführt von Stefanie Reinsperger als Küchenmagd und gewürzt mit Cameoauftritten wie dem vom Nino aus Wien als Stallbursche. Die Klassen sind klar getrennt, doch auch Resis Kammerzofe Agi, sie spielt die wunderbare Nachwuchshoffnung Maresi Riegner, träumt von einer helleren Zukunft. Dass die beiden jungen Frauen sich anfreunden können, zeigt, dass Resi aufgrund ihrer sie von der Welt fernhaltenden Blindheit die Unterschiede zwischen „oben“ und „unten“ gar nicht wahrnimmt. Dass für die unten Tod und Vertreibung näher ist, als für die oben, wird der Film aber noch drastisch zeigen.

Barbara Albert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26995

mademoiselle-paradis.com

www.viennale.at

  1. 11. 2017