Theater an der Wien auf ORF III: Le Nozze di Figaro

Dezember 1, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur die Commedia ist Alfred Dorfer abhandengekommen

Johannes Bamberger, Maurizio Muraro, Enkelejda Shkosa, Cristina Pasaroiu, F. Boesch, Giulia Semenzato, Robert Gleadow, Patricia Nolz, Ekin Su Paker, Ivan Zinoview. Bild: © Moritz Schell

In seinem aktuellen Programm „und …“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26914), für das er dieser Tage schon Spieltermine im kommenden März/April ausgibt, diagnostiziert Alfred Dorfer die Herzenszartheit eines jeden Zynikers, wie auch die seine. Nun hat der Kabarettist seine erste Operninszenierung absolviert, „Le Nozze di Figaro“ am Theater an der Wien, die Premiere #Corona-bedingt allerdings nicht im Haus, sondern als ORF III

Liveübertragung aus ebendiesem und weiterhin in der ORF-Mediathek und auf der Klassikplattform fidelio abzurufen. Was Dorfer aus dem Werk destilliert, ist eher Beaumarchais als da Ponte, klar, dass einer wie er, das Politische im Privaten betont. Seine Interpretation ist ein Mozart der subtil düsteren Zwischentöne, ist Dorfer doch auch mit seinen eigenen Texten und bei Auftritten nicht als Abfackler greller Comedy-Pointen bekannt. Sein Schmäh feuert vielmehr aus dem Hinterhalt, lässt sich Zeit, bis er weiß, dass er ins Ziel trifft, dann aber: Bumm!

Ein Understatement, für das er bei dieser Arbeit kongeniale Partner vom Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Stefan Gottfried über Co-Regisseurin Kateryna Sokolova und Ausstatter Christian Tabakoff bis zur erlesenen Besetzung zur Seite hat. Kurz, diese en détail durchdachte „Hochzeit“ und ihre rundum exzellente musikalische Deutung sind gelungen, allein, der Commedia per musica ist erstere abhandengekommen. Die flotte Verwechslungskomödie mit ihren Liebesirrungen und -wirrungen hat bei Dorfer keinen doppelten Boden dunkler Andeutungen, nein, da tun sich wahre Abgründe auf.

Und so, wie die auf der Bühne nichts zu lachen haben, kommt einem auch vor dem Bildschirm kaum ein Lächeln aus. So viel zur Zartheit von Zynismus, Dorfer bevölkert das Schloss des Grafen Almaviva mit Sehnsüchtlern, Eifersüchtlern, denen auch die Laster Hab- und Selbstsucht eigen sind. Das nicht vollständig möblierte Zimmer des ersten Aktes bleibt ein solches, als wolle Tabakoff mit der Leere die Einsamkeit dieser Menschen bebildern, Aguasfrescas als „Hotel Sevilla“ für geschundene Herzen – und allein im weiten Flur, so beginnt das Ganze, Florian Boesch als Conte.

Boesch, dem Dorfer jede figurenzeichnerische Komfortzone verwehrt, optisch weniger lustig als Luising’erisch, von Gutsherrenrock bis Haartracht einem bekannten Lobbyisten verwandt, und längst kein Schürzen-Jäger mehr. Sondern ein alternder, gefährlicher, weil seine Hilflosigkeit in Aggression auslebender, wie Susanna singt, „Wüterich“, der von seinen Dämonen gejagt wird. Den Namen „Cherubino“ hat jemand wie zum Hohn und wie den Teufel an die Wand gemalt, schlagartig wird’s finster, im Hintergrund ein sich umschlingendes Liebespaar, doch wer ist’s?, ein Fenster zur Seele des paranoiden Grafen.

Giulia Semenzato und Robert Gleadow. Bild: © Moritz Schell

Robert Gleadow. Bild: © Moritz Schell

Giulia Semenzato und Robert Gleadow. Bild: © Moritz Schell

Ein Schattenspiel, ein angstvoller, apathischer Moment, wie ihn Dorfer des Öfteren einsetzen wird. Etwa in jener Albtraumsequenz, in der Almaviva die anderen wie Schachfiguren und Susanna, dies Sinnbild seiner mannhafterer Tage, auf seinem Schoß arrangiert, doch auch, wenn die Rollen von Macht und Ohnmacht getauscht werden. Ein Innehalten, in dem Mozarts Töne wie zum Trotz tanzen. Dass die Feudalherrschaft wie ihr Herrensitz hier zum schäbigen Abglanz ihrer selbst verfallen sind, beweist niemand besser als der Hipster-Figaro des Robert Gleadow und dessen frühemanzipierte Susanna von Giulia Semenzato. Beide, wie selbstverständlich Boesch, sängerisch makellos, und Gleadow im gewohnt spielfreudigen Ensemble, an dem man via Fernsehen Operngucker-nah dran ist, das hochenergetische Zentrum.

Wie sich Dorfer der Tändelei und etwaigem Slapstick, bis auf ein Eisbärenfell-Versteck und Maurizio Muraros im Aufzug steckenbleibenden Bartolo, verweigert – wiewohl die Drei-Räume-Drehbühne den Klipp-Klapp hergegeben hätte, so hat Gleadows aufsässiger Figaro nichts Schelmisches mehr an sich. Er ist ein stürmischer Liebhaber, dessen Sturm im Zorn zum Orkan wird, sein Man-Bun dann in Auflösung begriffen, was den Rebellen gegens Recht primae noctis windstärkenmäßig dem Wüterich Almaviva ebenbürtig macht. Verabschiedet er Cherubino, Non più andrai, farfallone amoroso, trieft ihm der Sarkasmus sichtlich aus den schiefen Wundwinkeln. Und siehe: Gleadow kann sogar Apfelessen beim Singen.

Fast scheint’s, als hätte Tabakoff mit seinem Peter-Brook’schen Empty Space Platz für Dorfers hervorragende Personenführung schaffen wollen, denn die Solistinnen und Solisten füllen die Bühne mit ihren vielschichtig changierenden Charakteren und einer Präsenz, die sich bis aufs Wohnzimmersofa überträgt, nichts außer des Ambientes ist hier schwarz-weiß, gut oder böse, Schurke oder Seelchen. Und, apropos: Cristina Pasaroiu singt ihre Contessa Almaviva berückend schön, das warme, samtige Timbre der Hausdebütantin nimmt einen in gleicher Weise ein, wie ihre mädchenhafte Erscheinung.

Da hat eine blutjunge Rosina sich einem angegrauten, griesgrämigen Blaublut angetraut, dies der erste Höhepunkt: Terzett Graf, Gräfin, Susanna, or via, sortite, gerade noch rotiert Almaviva vor der Tür der Gattin, als treibe ihn eine noch nicht erloschene Zuneigung im Kreis, da verpasst ihm die Gräfin eine schallende Ohrfeige, und er fordert mit einer beinah Vergewaltigung seine ehelichen Rechte ein, die Pasaroiu mit Boesch im Infight auf nacktem Boden – Szenen einer scheiternden Ehe. Was Wunder willigt die Gräfin in die Kabale und Liebe ein.

Der Aufzug steckt fest: Enkelejda Shkosa als Marcellina und Maurizio Muraro als Bartolo. Bild: © Moritz Schell

Arrangierter Albtraum: Boesch, Semenzato, Andrew Owens, Gleadow, Muraro und Shkosa: Bild: © Moritz Schell

Aufritt des betrunkenen Antonio: Semenzato, Ivan Zinoviev, Pasaroiu, Gleadow und Boesch. Bild: © Moritz Schell

Die beiden Hausdebütantinnen Cristina Pasaroiu als Gräfin und Patricia Nolz als Cherubino. Bild: © Moritz Schell

Die erst 25-jährige niederösterreichische Mezzosopranistin Patricia Nolz, seit der aktuellen Saison Mitglied des Opernstudios der Wiener Staatsoper, debütiert an der Wien als Cherubino mit frischem, frechem Maturantencharme und in Hochwasserhose, als wäre der Knabe zu schnell in die Höhe geschossen – und wie sie singt: Voi che sapete che cosa è amor, strahlend, brillant, betörend! Patricia Nolz ist ein Name, eine Stimme, den zu merken sich lohnen wird.

Der bereits erwähnte Maurizio Muraro als Rollator bewehrter Bartolo samt Enkelejda Shkosa als Marcellina im rosafarbenen „Chanel“-Kostüm, La vendetta, oh, la vendetta / Via, resti servita, Madama brillante, Andrew Owens als intrigant-schmieriger Basilio, Johannes Bamberger als tölpeliger Don Curzio, Ekin Su Paker als neckische Barbarina und Ivan Zinoviev als vom Wein illuminierter Antonio geben ihr Bestes, um auch dem Begriff Opera buffa alle Ehre zu machen.

Mit allem Drum und Dran macht der TV-Abend Vorfreude auf ein mögliches künftiges Vorort-Erlebnis, dem man am Theater noch ein Mehr an Differenzierung zutrauen darf, den Solistinnen und Solisten wie dem Concentus Musicus, dessen präzise Begleitung, manch unheilvolles Donnergrollen, die drängende Spiellust und die Hand in Hand mit der Regie ausgelotete Partitur durchaus Erinnerungen an den großen Nikolaus Harnoncourt wachrufen, dessen Nachfolger Stefan Gottfried sich einmal mehr als umsichtiger Mann am Pult erweist.

Mit einer #Lockdown-Premiere hat Alfred Dorfer kein leichter Start im Operngenre ereilt. Dass ihn dies nicht abschreckt, ist zu hoffen. Denn es gibt genug Stoffe, bei denen Dorfers Talent zur eleganten Satire eine Wohltat wäre. Das spürt man vielleicht am stärksten am Ende. Nachdem alle Verkleidungen, Verstellungen und ein Witz von Entschuldigung gefallen sind, rockt man mitsammen in einer alten Straßenbahnremise ab, Endstation! also, und in grotesker Ausgelassenheit Almaviva, der sich hüpfend und die Arme in Siegerpose hochgerissen aus der Schlussbild-Idylle verabschiedet. Womöglich fantasiert er wieder, womöglich hegt er schon neue Verführungspläne? Ah! Tutti contenti!? Das Publikum auf alle Fälle!

Die TV-Premiere von „Le nozze di Figaro“ ist noch bis 5. Dezember in der ORF-Mediathek und bis Dezember 2021 auf der Klassikplattform fidelio abrufbar.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=CbWXaEdRBxw           www.theater-wien.at

  1. 11. 2020

Theater in der Josefstadt: Geheimnis einer Unbekannten

Oktober 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt von vorgestern

Martina Ebm und Michael Dangl. Bild: Moritz Schell

Der erste Eindruck, charmant, wenn auch aus der Zeit gefallen, ein Kammerspiel im bewährten Josefstädter Salonton, vertieft sich zur in den Eingeweiden grummelnden Verärgerung – dies als Gegengefühl zur Protagonistin, der beständig ein Schwarm Schmetterlinge im Bauch flattern …

Der hochdekorierte Christopher Hampton ist wieder einmal in Wien angelandet, im Gepäck seine Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle „Brief einer Unbekannten“, als Bühnenfassung nun „Geheimnis einer Unbekannten“ genannt, von Daniel Kehlmann übersetzt, von Hampton höchstselbst inszeniert – und, nein, nicht böse sein, so geht’s wirklich nicht. Woran nicht allein Zweig und seinem Frauenbild von vorgestern die Schuld aufzuladen ist …

Da gibt es also dieses anonyme Schreiben, das ein Schriftsteller in seiner Post findet, die Nachricht einer Frau, ihn ein Leben lang und unerwidert geliebt zu haben, mehrere Begegnungen, bei denen er sie niemals wiedererkennt, ein gemeinsames und eben erst verstorbenes Kind, diese Zeilen, lässt sie ihn wissen, werde er erst nach ihrem Tod erhalten.

Der Autor versucht zu rekonstruieren, will sich erinnern, aber ach. So weit, so 1922, und diese Attitüde als weibliches Opfer kennt man bei Zweig, er hat es privat von Friederike Winternitz und Charlotte Altmann eingefordert. Jetzt aber: Theater!, Uraufführung mit Martina Ebm und Michael Dangl, eine Begegnung, eine Konfrontation, zwischen den als „Marianne“ und (bedeutsam!) „Stefan“ festgemachten Figuren muss das Inkognito fallen, ein Sich-Stellen – und … Fehlanzeige. Im makellosen Bühnenbild von Anna Fleischle findet derlei nicht statt. Hampton beginnt an der Stelle, an der sie längst „Kurtisane“ ist, vom distinguierten Upper-Classler in seine Wohnung gebeten, doch in der Mitte des Briefes entsteht kein Stück.

Folglich fast forward, das Ganze dauert eineinviertel Stunden, zum Schluss. Die Ebm in Edith-Piaf-„Je ne regrette rien“-Schwarz und im Schlepptau alle unverdauten Schicksalsschläge. Und nicht, dass man an dieser Marianne den Furor einer Rachegöttin erwartet hatte, aber dies jenseitig elegische Gesäusel: ER könne nichts dafür, ER könne für gar nichts irgendwas, ER sei eben wie er ist, ein leichtlebiger Gesellschaftsmensch und DER geborene Verführer, und sie, nur sie, heut‘ würd‘ man sagen: die von ihm besessene Stalkerin, trage Verantwortung für alles Gewesene … und dazu wimmern die Geigen mit Martina Ebm im Duett.

Man fragt sich, wozu diese Frau diesen Mann überhaupt aufsucht, man fragt sich, ob Ebm jemals Einspruch gegen diese Charakterauslegung erhoben hat. Dabei wär’s ein Einfaches gewesen, ein feiner Beiklang zu den Sätzen, ein Hauch von Anklageführen im Unterton, ein wenig Widerstand, ein wenig Wahnwitz, etwas in der Art von „… und Brutus ist ein ehrenwerter Mann“.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

„Es wird immer schmerzhafter“, sagt Michael Dangl an einer Stelle, und es ist nicht die erste, an der das Publikum unwillkürlich lachen muss. Dangl, der kann’s, der geht subkutan. Weder hat er den Schalk im Nacken noch den Schelm im Auge, doch irgendetwas ist an seinem lapidaren Spiel, das erahnen lässt, dass er die Chose nicht sonderlich ernst nimmt. Und wie er am Ende auf die Knie niederbricht und Michael Schönborn als Diener Johann „den gnädigen Herrn“ fragt, ob eh alles in Ordnung sei …

Für Dangl soll’s weiße Rosen regnen, die Ebm und er wagen sich engagiert und sympathisch an diesen Macho-Murks heran, was wäre das Theater in der Josefstadt ohne seine Schauspielerinnen und Schauspieler?, und ja, zwischen Ebm und Dangl weiß die Erotik zu knistern … Hamptons Marianne wählt derweil den Freitod. Nun müsste er sie nur noch auf dem Seziertisch des unehelichen Betts aufbahren.

Die Theaterwelt, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2020. Dies sind die Abenteuer des Theaters in der Josefstadt, das mit seiner Frau-und-Mann starken Besatzung unterwegs ist, um unbekannte und neu zu entdeckende Texte zu erforschen … Thalia, bitte schenke uns ein gelungenes „Konzert“!

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=RZYJJoEYtM4

  1. 10. 2020

Wiener Festwochen reframed: Farm Fatale

September 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Oz-Märchen als Öko-Manifest

Hat von seinen Bauern das Demonstrieren und den Bankraub gelernt: Gaëtan Vourc’h als Aktivistenscheuche Pécoton. Bild: © Martin Argyroglo

Nicht zu leugnen, der erste Gedanke ist: Mike Myers‘ Zombie-Apokalypse. Wie sie da besenstielsteif in den weißen Nicht-Ort stolpern, den Köpfen groteske Masken übergestülpt, die Stimmen zu gruseliger Horror-Höhe verzerrt, aus den lumpigen Latzhosen quillt an Händen, Füßen, Brustkörben das Stroh … Und davon schleppen sie noch mehr herbei, Heuballen, ein lebensgroßes Kunststoff- schwein, auf das ein Hammerklavier geklebt ist … Sie streicheln ein Vetter-It-artiges Fellwesen,

das sich noch als mysteriöser Messias entpuppen wird und lauschen andächtig dem Chor der Vogelstimmen … Und dann, schwupps, gerade dachte man noch: Wie kindisch ist das bitte?, sind sie einem ans Herz gewachsen, die fünf Vogelscheuchen, die die „Farm Fatale“ des französischen Bilderzauberers Philippe Quesne bevölkern – und mit der der Regisseur und Bühnenbildner im Rahmen der Wiener Festwochen reframed im MuseumsQuartier Quartier aufgeschlagen hat. Ein Schmunzeln umfängt die Halle G, ein Gefühl von Empathie und Mildtätigkeit, denn die „Scarecrows“ haben sich zu „Carecrows“ weiterentwickelt, die sich um alles Leben sorgen, von abgestürzten Plastikvögeln bis zu unsichtbaren Insekten.

Was ist passiert? Die Menschen haben’s vermasselt. Klimakatastrophe, Artensterben, Glyphosat, der dieses einsetzende Bauernstand erwies sich als besonders suizidal, allein blieben die Vogelscheuchen zurück. Welch Bild davon, was für den Planeten das Beste wäre, ein (menschen-)leerer Raum, die Erde reframed. Und Philippe Quesnes bizarre Pastorale voll wunderbarem Witz samt einiger eingeösterreicherter Scherzchen, diese 2.0-Version des „Zauberer von Oz“-Märchens deklariert sich derart plötzlich als Ökö-Manifest. Als radikale Geste, die Richtung: Verantwortung, Veränderung, Neuanfang, die Vogelscheuchen dabei die Strohmänner und eine -frau für Philippe Quesnes Philíppika.

Léo Gobin, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Julia Riedler und Gaëtan Vourc’h sind ins Heu geschlüpft, der Vogelgesang, wird klar, kam vom Tonband, die landwirtschaftlichen Schreckgestalten, aufgestellt zur Mehrung der wirtschaftlichen Erträge, vermissen nun schmerzlich, was sie einst verjagt haben. Da geht’s längst nicht mehr um „No birds, no jobs“, wie eine sagt, da geht’s um die Weissagung der Cree: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken …“ Die Vogelscheuche Mensch ist noch nicht solchermaßen am Ende, dass sie ihren Fehler erkennt, die Quesne-Figuren haben im zerstörten Land ihr Denkvermögen gefunden.

Chefinterviewerin Sissi: Julia Riedler mit Stefan Merki und Gaëtan Vourc’h. Bild: Martin Argyrogolo

Die Farm-Band: Léo Gobin, Damian Rebgetz, Gaëtan Vourc’h, Stefan Merki und Julia Riedler. Bild: Martin Argyroglo

Léo Gobin, Gaëtan Vourc’h, Julia Riedler, Damian Rebgetz und Stefan Merki. Bild: Martin Argyroglo

Damian Rebgetz als ehemals kleingärtnerische Dekoscheuche Russell. Bild: Martin Argyroglo

Keine Bange, so philosophisch-ernst wie es Emanuele Coccia in seiner „Bekehrung der Vogelscheuchen“ im Programmheft darlegt, ist das Theaterstillleben nicht. Die fünf sind Quesne’isch tiefenentspannte Radiomacher und zugleich die Band ihres Piratensenders, Damian Rebgetz außerdem ein wundersamer Weißclown namens Russell, der daran zu knabbern hat, dass er „nur“ die Dekoscheuche veganer Kleingärtner war. Auftritt ein Neuankömmling, Gaëtan Vourc’h als Aktivist Pécoton, der seinen Pappschild-Spruch „No Nature – No Future“ als Kampfansage vor sich herträgt, haben ihm seine Bauersleute doch neben dem Demonstrieren auch den Bankraub beigebracht, doch wohl noch nie war Aktivismus so tollpatschig, so bedächtig, so ohne jede Hast.

Freudig wird mit dem Armen gewackelt, wenn etwas gefällt, und wie großartig tragikomödiantisch die fünf spielen, zeigt sich, als sie ein ausgefallenes Headset-Mikrofon in ihre Erzählung einbauen. Atmosphärische Störungen über Wien erklärt Julia Riedler als Sissi, die Chefinterviewerin des Senders, der gemeinsam mit Stefan Merki die schönste Szene geschenkt ist: ein Talk, nachdem das Porträt genmanipulierter Karotten bei der Redaktionssitzung durchgefallen ist, ein Talk mit der letzten lebenden Biene, eine Königin ohne Volk, die nur Schwyzerdütsch spricht, weshalb Merki als Dolmetscher fungieren muss.

So anrührend kann skurril sein, wobei keine noch so aberwitzige Pointe von „To Bee or Not To Bee“ bis „Let It Bee“ verschont bleibt, zum Thema Bee-sexuality verweigert die Royal-Lady die Auskunft … Dazwischen wird musiziert, bis die Scheune brennt, Léo Gobin kann’s aber – auf der E-Gitarre schrammeln. Quesnes kleine Basisdemokratie funktioniert dank/trotz ihres naiven Charmes, mit Sanftmut und Idealismus wird an einer politischen Utopie gebaut, die Idee dem nachbarlichen Industrielandwirt mit Gewalt den Garaus zu machen, denn doch durch musikalischen „Terrorismus“ ersetzt – und wenn Stefan Merki, früher der Stolz bankrottgegangener Biobauern, singt „It’s not easy being green“, dann ist das tagesaktueller als würde einem einer mit Heugabeln und Dreschschlegeln die Botschaft einbläuen. Der surreale Scheuchenstaat hält den realen einen Spiegel vor, in dem sie sich erkennen müssen, wie Dorian Gray sich in seinem Bildnis.

Nach beinah mörderisch wird’s mystisch. Die Vogelscheuchen sind nicht nur die Konservatoren aller Geräusche der Natur, sie sind die Hüter jener Eier, die der mechanisch bewegte Flokati legt, in ihnen die Anlage für unzählige Spezies, die bunt leuchtenden Keimzellen ein Hort diversester Arten, gepflegt mit dem Saft der wertvollen Matsutake Pilze – und schon legt die pelzige Kreatur ein neues … Wie und was bleibt rätselhaft, und gerade das macht den tagträumerischen Reiz des Abends aus. In Oz wünscht sich die Vogelscheuche Verstand, ihre Nachfahren wollen, dass wir den unseren einsetzen.

www.festwochen.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=TeG7sRRCx-0           vimeo.com/327260662

  1. 9. 2020

Volkstheater online: Die rote Zora und ihre Bande

April 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht stand Pate für die Heldischen Lausbuben

Die rote Zora und ihre Bande: Tobias Resch, Hanna Binder, Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Luka Vlatković. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Die rote Zora und ihre Bande“ aus dem Herbst 2018 dran – kostenlos zu streamen bis 20. April, 18 Uhr, auf www.volkstheater.at, dann wieder am 2. und 3. Mai. Inszeniert hat Robert Gerloff, der bereits in den Bezirken eine entfesselte „Stella“-

Version (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810) geboten hatte, und nach Titelrolle I Schauspielerin Hanna Binder auch in Titelrolle II besetzte. Das Ergebnis ist eine rundum geglückte, beglückende Bühnenfassung mit Balkanmusik und Bert Brecht, denn definitiv standen das Volkstheater-Ideal wie auch Erwin Piscators Proletarisches Theater bei der Produktion Pate.

Zwischen dem Hotel Zagreb und der Pekara/Bäckerei wird nicht nur im p.c.-Selbstversuch „serbokroatisches“ Reisfleisch serviert, sondern eine ordentliche Portion politischer Ansagen – Kapitalismuskritik, Solidarität als zwischenmenschliches Grundprinzip, Widerstand gegen Korruptions- und Freunderlwirtschaft, ein Plädoyer für die gesellschaftliche Integration sozialer Außenseiter … all das hatte der in Schweizer Emigration lebende Autor Kurt Kläber schon in seinem 1941 unter dem Pseudonym Kurt Held veröffentlichten Jugendbuchklassiker angelegt.

Nun packt Gerloff ein paar mit Gelächter und Szenenapplaus aufgenommene Seitenhiebe auf Zwölfstundentag vs bedingungsloses Grundeinkommen drauf, führt die Witzchen aber dankenswerterweise auf einer popkulturellen Meta-Ebene fort, etwa, wenn die Heldischen Lausbuben ganz Gentlemen im Versteck ihre Fight-Club-Regeln deklamieren, so dass die Aufführung für Kinder und ewig solche Gebliebene ein Vergnügen ist. Ein Spaß – jedoch durchbrochen von Szenen großer Ernsthaftigkeit, in denen das Schicksal der Zora-Bande daran erinnert, dass es unweit von Senj auch anno 2020 unbegleitete Minderjährige gibt.

Hanna Binder und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Angriff der Gymnasiasten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vlatković, Binder und Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine wahre, der deutsch-schweizerische Arbeiterdichter lernte auf einer Jugoslawienreise das Mädchen und ihre Mitstreiter kennen, und Hanna Binder spielt den Rotschopf als richtiges Rotzmensch, dessen – keineswegs nur für Heranwachsende gesunder – Aufruf zum zivilen Ungehorsam als lautes Indianergeheul übers kroatische Küstenstädtchen schallt. Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Tobias Resch begleiten die pubertierende Partisanin als ihr „Uskoken“ Nicola, Pavle und Ðuro. Eine queer-feministische, linke Eingreiftruppe gegen den Neoliberalismus, wobei Ðuro unter den Getreuen der zwiespältige Charakter ist, ist ihm das eigene Überleben doch Kampf genug.

Weshalb die Aufnahme des eben erst verwaisten Fischdiebs-aus-Hunger Branko notgedrungen zu Konflikten in der Viererbande führt. Luka Vlatković, der dieser Tage eigentlich live in Imre Lichtenberger Bozokis „Horses“ im Werk X-Petersplatz auf der Bühne stehen sollte, gestaltet den Branko als erst arglosen Gerechtigkeitsträumer – bis ihn eine kalte, brutale Welt seine Gedanken zur Faust ballen lässt. Dort wo die Ärmsten von den Armen stehlen, entwickelt er eine Robin-Hood-Sicht auf die Dinge, so dass das Tischgebet der Zoraisten „Lieber Gott, danke für nichts“ immerhin in ein, wenn auch moll-tönendes „Wir stehen zusammen“ münden kann – die Musik dazu von Imre Lichtenberger Bozoki, Susanna Gartmayer und Vladimir Kostadinovic.

Fürs temperamentvoll dargebotene Treiben lässt Bühnenbildnerin Gabriela Neubauer diese im Handumdrehen die Räume wechseln, vom Senjer Hauptplatz zur Burgruine zu Gorians Fischerhütte, schreit auf zweiterer Turm ein Uhu, hält Binder die entsprechende Klebertube in die Höhe, aber die schönste Szene ist ein Thunfisch-Ballett zwischen Wellen und Meeresufer, mit dem der Fang die erfolgreichen Angler feiert. Mit hohem Tempo werden auch die Kostüme gewechselt, Ruck-zuck-Umzüge, da viele im Ensemble mehrere Rollen stemmen.

Claudia Sabitzer ist neben Marktstandlerin und Müllerin auch der Bäcker Čurčin, der die Bande mit altbackenem Brot versorgt, „der gute Mensch von Senj“ sozusagen, war die Sabitzer doch diese Saison schon der Brecht’sche aus Sezuan (Regie ebenfalls Robert Gerloff, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, das nächste Mal gestreamt am 30. April). Stefan Suske schlüpft ins Tevje-Outfit des alten Gorian, ein friedliebender Philosoph dessen, was schon überholt schien, doch sich am Leben erhält, weil der Augenblick seiner Verwirklichung versäumt ward – um an dieser Stelle Adorno zu bemühen, und als solcher ein Seelenverwandter des von Gábor Biedermann verkörperten Polizisten Begović.

Das Thunfisch-Ballett vor Gorians Fischerhütte. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Günther Wiederschwinger und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch nächtens sucht ganz Senj die rote Zora und ihre Bande. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser oft genug Opfer des Zora-Slapsticks, da er von Ausbeuter Karaman – herrlich herrisch: Steffi Krautz mit Schnauzer und Wohlstandswampe – und dessen Bonze Bürgermeister – Günther Wiederschwinger mit Frack und Zylinder – zum Amtshandeln angehalten wird. Derart zwischen Pathos, Parodie und Parole geht’s im Ninjaschritt durchs Geschehen, gesungen werden der Geier-Song „Seid zur Freundschaft bereit“ aus dem Disney-Dschungel- buch und „Der schöne Sigismund“ aus dem „Weißen Rössl“, anklingen die Winnetou-Melodie und Ennio Morricones „The Good, the Bad and the Ugly“-Theme beim Trio-Auftritt Krautz, Biedermann, Wiederschwinger.

Die wahren Gegner Zoras in der faschistoiden Volksgemeinschaft sind aber die Gymnasiasten, mit denen man in Dauerfehde liegt, von Gerloff/Neubauer – wohl weil das bildungsferne Feindbild, wer viel lernt, hält sich für was Besseres, hier nicht zieht – als Burschenschafter in kornblumenblauer Wichs gekennzeichnet. Nach einem Marillendiebstahl des Korps beginnt die Zora-Bande einen Rachefeldzug gegen die Großkopferten und ihre Rich Kids, die Verwahrlosten ziehen gegen die Vermögenden, und als Gorian seine kleine Bucht an die von Karaman befehligte Fischfangindustrie abtreten soll, eskaliert die Situation. Mehrheitsgesellschaft, fuck you!

Der Song, der jetzt ertönt, „Das Meer erhebt sich, die Wellen steigen, mächtig wie die Bora ist die rote Zora“, Bora = ohne Vorwarnung plötzlich tobender Fallwind, klingt nun wirklich nach Brecht-Weill. „Könnt ihr selber denken?“, fragen die Uskoken denn auch Brecht’isch ins Publikum. Denn der Schluss kommt anders als im Roman, wo die Kinder nach Fürsprache Gorians von verschiedenen Kleinstädtern, Bauer, Bäcker, Fischer, auf- und in die Lehre genommen werden. Bei Gerloff gründet sich die Bande flugs neu – als Jungunternehmerkollektiv. „Keine Chefs, keine Befehle, keine Aktionäre“, frohlocken sie am Ende über ihr Selbstbestimmmungsrecht. Da hatte ihnen noch keiner gesagt, dass der Kunde beziehungsweise Auftraggeber um nichts weniger ein König ist.

Christine Nöstlingers feuerrote Friederike verläuft sich warum-auch-immer auf der Suche nach der Katze Kater nach Senj. Was insofern schade ist, da der Abend die Zuschauer bis dahin wahrlich intellektuell nicht unterfordert hatte, die Regie nun aber offenbar denkt, der dreißig Jahre älteren, weniger bekannten, eine hierzulande höchst berühmte Schwester in Frisur und Geiste zur Seite stellen zu müssen. Egal, weil: Jubel und Applaus. Und wenn sie nicht gestorben sind, start-upen sie noch heute …

www.volkstheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=3_K8sm11n-s&t=6s

  1. 4. 2020

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020