wortwiege: Re-Opening mit O. Flors „Die Königin ist tot“

August 24, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Festival-Leiterin Anna Maria Krassnigg im Gespräch

wortwiege-Mastermind Anna Maria Krassnigg. Bild: Andrea Klem

Ab 9. September setzt die wortwiege ihr wegen #Corona unterbrochenes Festival „Bloody Crown – Europa in Szene“, das erste seit der Übersiedlung in die Wiener Neustädter Kasematten, fort. Neben der Wiederaufnahme ihrer von Kritik und Publikum gefeierten Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts „König Johann“ zeigt wortwiege-Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnigg die Uraufführung „Die Königin ist tot“ nach dem gleichnamigen Roman von Olga Flor.

Als Beichte einer zeitgenössischen Lady Macbeth, die sich keinen Fehler in der Verwaltung ihres Körpers und ihrer Gefühle leisten kann, verführen einen die Schauspielerinnen Nina C. Gabriel, Petra Staduan und Isabella Wolf in ein dystopisches Universum der Schönen und Reichen, die über Leichen zu gehen bereit sind, um ihre Privilegien zu verteidigen. Man teilt die Innenperspektive einer Mörderin, die mit einem System spielt, das sie selbst zerstört. Scharf und nüchtern wird eine Gesellschaft seziert, die Erfolg, Besitz und Ansehen als einzige Werte anerkennt und deren Machtstrukturen die ihnen Untergebenen zu rechtlosem Freiwild erklärt. Über ihre Arbeit an der Hochglanzhöllenfahrt und klugen Shakespeare-Neuerzählung der großen österreichischen Autorin – Anna Maria Krassnigg im Gespräch:

MM: Die wortwiege hat ihr Festival „Bloody Crown“ in den Wiener Neustädter Kasematten am 5. März fulminant begonnen und wurde Mitte März wegen #Corona unterbrochen. Nun gibt es ein Re-Opening am 9. September. Wie ergeht es einem, wenn man mit einer Neugründung derart ausgebremst wird?

Anna Maria Krassnigg: Es kam für uns – wie für alle – völlig überraschend. Als „Theatertiere“ waren wir dermaßen in den Endproben versunken, dass wir die Probleme der Welt nur sehr abstrakt wahrgenommen haben. Dass es dann tatsächlich zum Lockdown kam, zu Dingen, die wir alle noch nie zuvor erlebt hatten, ist natürlich ein Schock. Wir mussten am Tag der Generalprobe der Uraufführung von Olga Flors „Die Königin ist tot“ aufhören, da stehen drei Schauspielerinnen auf der Bühne, die sagten sehr treffend: Es ist als wärest du schwanger und darfst nicht gebären.

MM: …also?

Krassnigg: Tempelschlaf – so würde ich es nennen. Ich bin guten Mutes, da meine Erfahrung mit Wiederaufnahmen ist, dass sich die Dinge anlagern, intensiver werden, sich tiefer und reicher anfühlen, und ich bin sehr gespannt, was diese Corona-Zeit, die uns alle in der einen oder anderen Weise verändert hat, mit den Stücken gemacht hat. Wir sind jedenfalls dankbar, dass wir wieder aus der Koppel dürfen.

MM: Als wortwiege-Leiterin – gemeinsam mit Christian Mair – trägt man Verantwortung auch in finanzieller Hinsicht. Was macht man mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in so einer Zeit? Was macht man vor allem auch mit sich selbst?

Krassnigg: Eine der größten Sorgen waren tatsächlich die MitarbeiterInnen, wir sind als Team ja eng zusammengeschweißt. Wir haben die Gagen gezahlt, auch die Abendgagen, weil die Menschen ja damit gerechnet hatten. Ich kann ein Team, das mit uns durch dick und dünn gegangen ist, wegen einer Seuche nicht im Regen stehen lassen, und das Land Niederösterreich wird uns soweit es geht den Rücken freihalten. Wir haben uns dann wild ins Filmeschneiden gestürzt und daraus sind, das kann man auf unserer Homepage www.wortwiege.at sehen, wirklich schöne Arbeiten geworden. Das war sozusagen unsere Wundschmerzpflege.

MM: „König Johann“ von Dürrenmatt wird wiederaufgenommen, „Die Königin ist tot“ hat am 9. September Premiere. Warum haben Sie diesen Olga-Flor-Roman für eine Dramatisierung ausgewählt? Dieser ist eine Macbeth-Neuerzählung, aus der Sicht der Lady Macbeth, eine von Europa in die USA ausgewanderte Schönheit, die Ehefrau des Zeitungsmachers Duncan wird, bis er sie gegen eine jüngere eintauscht, und die Königin seinem ersten Mann im Imperium überlässt. Der Text ist topaktuell, vom im Wortsinn Schwarzen Peter als Figur bis zum Vorwurf der „linken Hetze“, den ein rechtsgedrehter Medienmogul erhebt, Olga Flor hat beinah prophetisch #MeToo und #BlackLivesMatter vorweggenommen …

Krassnigg: Wenn man wie Olga Flor ein politisch denkender Mensch ist, kann es schon passieren, dass das Gehirn solche Dinge ausbrütet, dass die dann aber tatsächlich eintreten, war für sie schockierend. Ich habe sie gefragt: Wann spielt dein Roman – und sie antwortete: In naher Zukunft. Ich schätze Olga Flor als Sprachkünstlerin seit Jahren und freue mich, dass wir sie sozusagen für die Bühne entdeckt haben, weil sich ihre Sprache sehr für die Verlautbarung eignet. Gerade dieser Text ist nicht sehr dialogreich, unser Dramaturg Karl Baratta in Zusammenarbeit mit Marie-Therese Handle-Pfeiffer hat zunächst einmal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, dann sich verliebt und verbissen in die Sache, weil der Drang dieser Figur, einerseits eine Beichte abzulegen, andererseits ein Dokument vorzulegen, dass die Männer im Text überführbar macht, einen sehr starken dramatischen Druck erzeugt. Das hat mich interessiert für die Bühne – und ich denke, dass sich dieser „Need“ gut aufs Publikum übertragen wird. Olga Flors Königin ist eine Frauenfigur, die sich auf sehr polemische und komische Weise über diverse tagespolitische Themen auslässt.

„Die Königin ist tot“ nach dem Roman von Olga Flor. Bild: Andrea Klem

Isabella Wolf, Nina C. Gabriel und Petra Staduan. Bild: Andrea Klem

Dreimal moderne Lady Macbeths. Bild: Andrea Klem

MM: Die sind?

Krassnigg: Jede Art von Präfaschismen und Faschismen, aber auch die gängigen Frauenbilder. Olga Flor wird immer wieder gefragt, ob diese Figur eine feministische ist. Natürlich nicht! Dieses patriachal-kapitalistische Umfeld, das sie imprimiert, ergeben die Umstände, aus denen sie sich nicht mehr befreien kann. Sie fährt zunächst mit ihrem Einklinken ins System wahnsinnig gut. Und Opfer säumen ihren Weg. Die Königin ist eine Anti-Heldin, das findet man bei Frauenfiguren sonst nicht, dass sie weder Opfer noch Heldin, und das ist spannend, es in unserer heutigen, von Geschlechterfragen aufgeladenen Zeit zu machen – eine gerissene Anti-Heldin.

MM: Was Olga Flor geschrieben hat, ist die Innenperspektive der Königin, ein assoziativer Erinnerungsstrom, den ihr nun auf drei Darstellerinnen aufgeteilt habt: Nina C. Gabriel, Petra Staduan und Isabella Wolf, genannt Königin, Lilly und Lady M., sind das drei Seiten der Medaille, drei Charakterzüge – vom emanzipierten Weibchen zum weiterzureichenden Besitz zur emotional gebeutelten Manipulantin?

Krassnigg: Diese Dreiteilung ist ganz organisch entstanden. Wer will, kann man die Geschichte als eine Melania-Trump-Geschichte lesen, nur Melania Trump kannte zum Zeitpunkt des Entstehens des Textes noch niemand, und Olga Flors Figur ist sehr vielschichtig. Die Anteile an ihr, die uns regelrecht angesprungen sind, ist ihr Spiel mit der eigenen kindlichen Erotik, ihr Dasein als Mutter, wie ja auch das „Original“, die Lady Macbeth, eine ist, und als zweite Gemeinsamkeit ihr Talent als hochbegabte Erzintrigantin. Wir haben also mit Nina Gabriel diese matriarchale Königin, die gedemütigt und gedemütigt wird, bis sie sich rächt, die Tippi-Hedren-Hitchcock-artige Strategie-Lady mit Isabella Wolf, und die unglaublich manipulative Lilly, die Petra Staduan spielt. Die drei sind verschiedene Stimmen in einem Kopf, sind aber ein Bewusstseinsstrom.

MM: Sowohl Roman als auch Bühnenfassung beginnen mit dem großartigen Satz „Ich lasse mich gerne ficken von einem Krieger“, und dieser bedeutet in den drei Nuancen dieser Frau etwas völlig anderes und doch das Gleiche.

Krassnigg: Richtig. Und durch diese polyphonen Stimmen wird das Ganze irrsinnig komisch, man kennt das von sich selber, wenn ein Teil des Gehirns sagt: wir machen das so, und ein anderer: ich glaube, du tickst nicht richtig, es gibt tolle Möglichkeiten für kleine Chöre – und dieser zitierte Satz ist natürlich chorisch, was sehr reizvoll ist, weil er für jede der drei Unterschiedliches meint.

MM: Sie bedienen einmal mehr die von Ihnen wieder zum Leben erweckte Kunstform der Kinobühnenschau – daher das vorher angesprochene Filmemachen, Filme, die diesmal Träume, Visionen, Erinnerungen darstellen?

Krassnigg: Ja, und zwar soll das derart sein, dass das Publikum von Anfang an merkt, es läuft auf einen äußerst dunklen Punkt zu. Diese Krimi-Dramaturgie ist fürs Theater einfach großartig, und alles, was in Wahnsinn und Mordlust endet, passiert über die filmischen Erinnerungen und Träume. Das haben wir immer so betrieben, weil der Film dafür ein wunderbares Medium ist. Es gibt ein Buch von Christoph Türcke, „Philosophie des Traums“, in dem er erklärt, dass die große Zeit der Traumdeutung und die erste Zeit des Films nicht zufällig zusammenfallen. Die haptische Realität des Films ist faszinierend, und so verwenden wir ihn auch, im Zwiegespräch mit dem Bühnengeschehen. Das ist diesmal sehr speziell, weil die Art, wie’s projiziert wird, sehr speziell ist.

MM: Die Filme sind das Terrain der männlichen Darsteller: Horst Schily als Duncan, Jens Ole Schmieder als „erster Ritter“ Alexander …

Krassnigg: … David Wurawa als Peter und Martin Schwanda als Polizeichef Stuart, der bei Shakespeare Banquo ist. Das hat mich am Roman zusätzlich korrumpiert, weil ich dachte, ich habe meinen Traum-Cast dafür, die unglaublich starke Frauen-Trias und diese vier Männer, die wie gespuckt auf diese vier Rollen passen.

Krassnig und Christian Mair. Bild: Christian Mair

Die Kasematten in Wiener Neustadt. Visualisierung: Bevk Perovic

Einzigartige Renaissancegewölbe. Bild: Christian Mair

Die der Bespielung harren. Bild: Christian Mair

MM: Der Roman ist sehr explizit, und Karl Baratta und Marie-Therese Handle-Pfeiffer haben sehr texttreu gearbeitet

Krassnigg: Karl Baratta hat, wie er es scherzhaft formuliert, die großen Schneisen durch den Text geschlagen, und Marie-Therese Handle-Pfeiffer hat auf die Poesie der Flor’schen Sprache geachtet. Der Roman ist „anstrengend“, was für mich das Prädikat besonders wertvoll ist, doch das ist eine Energie, die sich auf die Bühne so nicht übertragen lässt. Es war also beinah ein Stück im Stück, die beiden Dramaturgen, einen Mann und eine Frau, miteinander über ihre Fassung verhandeln zu sehen. Da wurde um jeden Satz gefightet, ob er gestrichen wird oder bleiben kann. (Sie lacht.) Olga Flor jedenfalls, ich denke, das kann ich sagen, ist mit dem Ergebnis sehr glücklich.

MM: Apropos, weil wir vorhin von Politisch sprachen: Olga Flors Duncan ist, wie gesagt, ein Medienmacher der Geisteshaltung Law & Order, wer nicht für ihn ist, ist Linksterror ist, so wie derzeit für einige die Antifa die neuen Nazis sind. Und dann sagt er einen Satz, wer sich an den noch erinnern kann: Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben, so das Original aus dem Jahr 2009, Wer alt genug zum Plündern ist, ist auch alt genug erschossen zu werden, so Duncan. Das ortet diese unguided missile für Leute mit Gedächtnis genau.

Krassnigg: Mit diesem Satz ist die Figur ganz klar umrissen: In dem Moment, in dem die Maske des Geschäftsmanns abfällt, kriecht dieses Gedankengut hervor. Dieser Satz ist auch der Knackpunkt zum Folgenden, nicht weil die Königin ihn moralisch betrachtet, sondern weil sie sagt: Jetzt wurden wir alle nervös, mit solchen Aussagen reitet er uns alle in den Abgrund. Sie sagt, das geht gesellschaftlich so nicht durch, interessanterweise geht es durch. Immer mehr. Wir gewöhnen uns an derartige Dinge wie der Frosch ans brodelnde Wasser, dem wird ein lauwarmes Bad bereitet, das immer heißer und heißer wird, und am Ende ist er gekocht und hat’s nicht bemerkt. Das ist meine Empfindung diesem Satz gegenüber.

MM: Welch eine Überleitung, denn im Text spielt Wasser eine gewisse Rolle. Erzählen Sie etwas über den Spielort und wie sie das umsetzen werden.

Krassnigg: Der Spielort ist sehr speziell, die historischen Kasematten in Wiener Neustadt, die tatsächlich aus der Spätrenaissance sind, daher auch unsere Spielplan-Entscheidung für Shakespeare-artige Königsdramen. Die Kasematten haben einen eigenen Charme, man merkt ihnen an, dass sie einen italienischen Baumeister hatten. Manche Kritiker schreiben zwar „in den Kellerräumen“, aber wer dazu Kellerräume sagt, dem ist nicht zu helfen. Es sind prachtvolle Gewölbe, die per se schon eine aufgeladene Stimmung haben, ein Raum, der seit Jahrhunderten Schutzraum für Tausende war in diesem immer wieder zerstörten und zerbombten Wiener Neustadt. Diese kathedralenhafte Architektur muss man bedienen, man kann nicht gegen sie inszenieren.

MM: Wer hat den Raum gestaltet?

Krassnigg: Ich habe meinen alten Freund und Kupferstecher Andreas Lungenschmid als Bühnenbildner geholt, der in Berlin als bildender Künstler lebt und ein stark architekturelles Denken hat – und er hat uns einen Raum gebaut, hat Architektur in die Architektur eingepasst; er nennt es einen lost place, einen zerfallenen, überwucherten Resttempel unserer sogenannten Zivilisation. Samt Rolltreppe. Und, so viel verrate ich, es wird das Wasser geben. Als Spiegelung des Abgrunds. Das Wasser, über das sie einst von Europa in die USA gekommen ist, eine Fremde, die alles auf sich genommen und getan hat, um nicht mehr fremd zu sein, ist und bleibt das Element der Königin.

Andreas Lungenschmid hat einen lost space gebaut. Bild: Andrea Klem

In dem die Königinnen mit- und gegeneinander aussagen. Bild: Andrea Klem

Wasser als Spiegelbild spielt eine Rolle. Bild: Andrea Klem

Krassniggs Kinobühnenschau. Bild: Andrea Klem

MM: Der Titel des Ganzen ist „Die Königin ist tot“. Im Roman gibt es eine zweite Frau, Ann, Duncans zweite Ehefrau, eine Fernsehmoderatorin schwarzer Hautfarbe, mit der er sich von den Rassismusvorwürfen weißwaschen will. Wird’s auf der Bühne ein „Die Königin ist tot. Lang lebe die Königin“ geben?

Krassnigg: Nein, doch – in gewisser Weise, Ann wird als Zitat ins Stück geholt. Die Neuübernahme des Königreichs, das Schicksal der königlichen Kinder, das gibt es, in einem Sich-das-Maul-Zerreißen über die erlittene Verletzung. Diese Macbeth-Überschreibung ist komplett aus dem Blickwinkel der Frau erzählt, doch genau recherchiert und beschrieben. „Die Königin ist tot“ dieser berühmte Shakespeare-Satz des Soldaten im fünften Akt, fünfte Szene ist der Schlusspunkt des sich steigernden Wahnsinns bis zum Ende.

MM: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, daher die Frage: Wie wird’s mit der wortwiege in Wiener Neustadt weitergehen? Habt ihr Pläne?

Krassnigg: Wir haben Pläne, eine Vision im Hintergrund. Es ist schön hier ein Festival zu machen, für diese kulturhungrige Stadt, in die ich mich ein bisschen verliebt habe. Ich freue mich über das Publikum aus Wiener Neustadt, wobei natürlich viele auch aus Wien kommen, bei denen ich mit meinem Programm andocken konnte. Im Moment sieht es so aus, dass Stadt und Land das Festival weiterhin haben wollen, und dass es erheblich wachsen soll … aber ich will nichts verschreien …

Trailer: vimeo.com/440728950           www.wortwiege.at           www.olgaflor.at/buch/die-koenigin-ist-tot/

24. 8. 2020

Salon5 im Theatermuseum: Bosch on stage

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater-Triptychon über den Schöpfer des Weltgerichts

Beim Imbissstand auf dem Flughafen herrscht Slibowitz-Stimmung: Kirstin Schwab, Doina Weber und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Bevor es losgeht, die wunderbare Gelegenheit, die Werke in Augenschein zu nehmen. Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ist ja bis auf Weiteres zu Gast im Theatermuseum, hier hängen nun die meisterlichen Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter der Weltgerichts-Triptychon. Schauen, staunen, da mischen sich Schauspieler unter die Betrachter, im Theatermuseum wird derzeit auch Theater gespielt: „Bosch on stage“ von Jérôme Junod.

Der Autor hat seine Weltgerichtskomödie anders als bei den Salzburger Festspielen für Wien auch selbst in Szene gesetzt. Eine fabelhafte Arbeit ist es, die Junod da gelungen ist, gleichsam ein Theater-Triptychon, der in drei Bildern Urteile und Vorurteile zu Bosch auf höchst unterhaltsame Art festhält. War der niederländische Renaissancemaler strenger Christ, Häretiker, Alchemist, Moralist? War er homosexuell und/oder von Perversionen wie der Folter angeturnt? Hatte er Albträume, Drogenerfahrungen oder eine reine Freude an symbolischen Botschaften? Dem und mehr forscht „Bosch on stage“ nach. Dass sich dabei immer wieder an Österreich und seinem Kunst- und Kulturverständnis – die Habsburger und ihre Adelsherren überrollten ja weiland das freie Brabant – gerieben wird, ist im herrschaftlichen Palais Lobkowitz ein zusätzliches Vergnügen.

Die Handlung beginnt auf einem Flughafen, auf dem die Kunsthistorikerin Caroline, gespielt von Petra Staduan, festsitzt, weil ihr Flug nach Wien gestrichen wurde. Dabei hätte sie so dringend zu einem Bosch-Symposium ihres Vorgesetzten gemusst. Also Trost suchen am Imbissstand, wo bald der Slibowitz fließt, auf dass der Irrwitz beginnen kann. Figuren wie Bosch’sche Landsknechte, Landstreicher und eine Reinigungskraft mit Hummerscherenhand schleichen über die Bühne, dazu gespenstische Sphärenklänge von Christian Mair. Der dreiteilige Bühnenbildaufbau von Lydia Hofmann wendet dem Publikum seine Kasperletheaterseite zu, in und vor ihm gestalten Doina Weber und Kirstin Schwab als Servierkräfte ein Kabinettstück über des Volkes Stimme zu Hieronymus Bosch.

Eine merkwürdige Reinigungskraft geht um …: Roman Blumenschein. Bild: Barbara Palffy

… fast wie vom Meister selbst erfunden: Horst Schily, Jeanne-Marie Bertram und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Prof. Schlubitschnigg lädt zum Bosch-Symposium: Martin Schwanda mit Doina Weber und Jeanne-Marie Bertram. Bild: Barbara Palffy

Dem das von Martin Schwanda als Wiener Professor Schlubitschnigg in nichts nachsteht. Von seiner besten wissenschaftlichen Kraft allein gelassen, muss er nun eine Konferenz stemmen, über deren Inhalte er keine Ahnung hat. Herrlich, wie er am Telefon einem japanischen Kollegen den Weg ins Theatermuseum via Kaffeehäuser und Stadtheuriger beschreibt. Das Ensemble, verstärkt um Jens Ole Schmieder als französischem Forscher und Roman Blumenschein als dessen deutschem Pendant, ergeht sich derweil in Theorien, Interpretationen und anderen Irrungen und Wirrungen.

Eine schöne Szene, in der Kirstin Schwab als Wiener Wissenschaftlerin mit aufgerissenen Augen über Panik auslösende Schreckensszenarien schwadroniert, während sich Doina Weber in esoterische Ekstase redet, dieweil Schmieders Prof. Flambertin unbedingt an die Fortführung mittelalterlicher Drolerien glauben will.

Teil drei: Caroline hat es in die Vergangenheit in des Meisters Haus geschafft, um diesen zu seinem Werk zu befragen. Horst Schily gibt Hieronymus Bosch als bärbeißigen und wenig auskunftsbereiten Maler, Doina Weber dessen Frau Aleid, Blumenschein dessen Schüler Joachim (alle in wunderbaren Kostümen von Antoaneta Stereva), der die Werke letztlich auszuführen behauptet – und Schwanda brilliert ein zweites Mal als habsburgischer Höfling, der Bilder zu kaufen kommt, und höchst unhöflich abgewiesen wird …

Junod nimmt sich in seiner klugen Komödie nicht nur sehr humorvoll des akademischen Treibens an, eine Parodie, die die p.t. Beteiligten daran im Publikum sichtlich amüsierte, sondern er beschäftigt sich auch ernsthaft mit dem Bosch-Pandämonium.

Sein Meister entpuppt sich als ein Hiob, ein Haderer mit Gott, ein Kritiker seiner Zeit und an deren Gesellschaft, der aber wenig hilfreich bei der Lösung der von ihm gestellten Rätsel ist. Auf jede Frage hat er eine Gegenfrage, und dann doch möglicherweise eine Antwort. „Das Lachen ist vielleicht der letzte Trost, der uns übrigbleibt.“ In diesem Sinn ist „Bosch on stage“ auch tröstlich – und ergo absolut sehenswert.

boschonstage.at

  1. 11. 2017

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Minna von Barnhelm

Juli 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Happy End mit Kriegsversehrtencombo

Minna holt sich ihren Tellheim zurück: Andreas Patton und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Erschöpft und kriegsmüde lungern sie an der rostfarbenen Wirtshauswand, spielen nachlässig ein wenig Telemann und Zeitgenossen, die Teletanten Mienensingers, dieses invalide Quartett rund um Michael Pogo Kreiner. Sie geben die melancholische Baseline des Abends vor. Doch mitten unter ihnen schlägt einer laut und mit Elan die große Trommel, als wolle er mit dem Schlägel die Schicksalsschläge, die seinen Herrn trafen, zu Brei schlagen. Dessen Gespenster allerdings sind schwer zu bannen. Der Trommler ist Just, Tellheims ergebener, ergo streitlustiger Bedienter, das Stück „Minna von Barnhelm“.

Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf zeigt Regisseurin Veronika Glatzner ihre Interpretation von Lessings Lustspiel. Sehr präzise hat sie dessen Text in Szene gesetzt, ohne ihn an einer Zeit oder einem Ort festzumachen. Entstanden ist ein atmosphärisch dichter, bewegender Abend mit glänzenden Darstellern, die es verstehen, die Komik zwischen den Zeilen zu bedienen, ohne dass es komisch wirkt. Die Perchtoldsdorfer „Minna“ wird so zu einem subtilen Stück Sommertheater.

Auf beinah schon intime Weise gewährt Glatzner dem Publikum Zugang zum Seelenleben der Protagonisten, sie ziseliert die von Lessing vorbereiteten zwischenmenschlichen Feinheiten. Es sind nur Momente, die alles klären: Minna fasst Tellheim am rechten Arm, merkt, dass der taub ist. Der Major verzieht vor Schreck kurz das Gesicht – und erzählt ist seine Geschichte.

Marie und Paul Sturminger haben für die Irrungen und Wirrungen der Herzen eine Drehbühne entworfen, eine schäbige Herberge – auf der einen Seite Minnas Zimmer, auf der anderen die Wirtsstube -, deren Mittelpunkt ein zugiges, verschachteltes Stiegenhaus ist. Durch dieses stürzen, kriechen, rennen die Menschen treppauf, treppab. Hier wird geflirtet, Trübsal geblasen oder sich versteckt, hier zieht man einander das Geld aus der Tasche und die Verlobungsringe vom Finger. Immer wieder bleibt der eine oder andere Darsteller nach seinem Auftritt in einem Winkel dieser Escher’schen Anordnung Teil der Szene, so dass man ihn in seinem „privaten“ Tun weiter erleben kann.

Nikolaus Barton als loyaler Diener Just tut alles, um seinen Herrn vor weiterem Schaden zu bewahren. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Die teletanten Mienensingers: Petra Staduan, Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas und Judith Prieler. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Marie-Christine Friedrich ist eine hinreißende Minna. Emanzipiert und doch hyperventilierend schmachtend, wenn sie von ihrer großen Liebe Tellheim spricht, klug und doch spitzbübisch fröhlich, wenn sie an den Streich denkt, den sie für ihn ersinnt. Friedrichs Minna ist die praktizierte Aufklärung, ein wenig manieriert im Auftreten, ein bisschen artifiziell in der Gestik, und doch bricht sie das alles sofort wieder mit ihrer köstlich ironischen Mimik. Sie weiß mit der überspannten Logik ihres Verlobten nicht das Geringste anzufangen – und trotzdem versteht sie ihn. Das ist die Kunst der Frauen. Wenn sie erst beschlossen haben, das Glück in die eigenen Hände zu nehmen.

Zur Seite steht ihr die großartige Anna Unterberger als Franziska. Als resches, puckhaftes Kammerkätzchen agiert Unterberger sozusagen gebremst. Selbst im Beisein ihrer Herrin benimmt sie sich völlig ungeniert und mit Augenmerk aufs eigene Interesse – siehe den minnenden Sölder Paul Werner, den Roman Blumenschein gibt. Mit Friedrich und Unterberger macht Glatzner ihre „Minna“ zum Frauen-Power-Stück.

Im Stiegenhaus, wo man sich trifft: Roman Blumenschein, Nikolaus Barton, Anna Unterberger und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Nicht nur mit steifem Arm, sondern auch mit Stiff Upper Lip spielt Andreas Patton den Tellheim. Er suhlt sich geradezu in seinem Unglück, kann formidabel wahlweise trotzig oder betropetzt dreinschauen. Sehr schön, wie er jeden Brief recht umständlich mithilfe seiner Füße oder Zähne aufmachen muss, die Prozedur sein „Ecce homo“.

Patton, diese Saison eine Art Spezialist für gar nicht lustige Lustspielhelden (siehe sein Fernando in der Volkstheater-„Stella“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810), fügt dem in den Wirren des Siebenjährigen Krieges abgewirtschafteten, vergrübelten Major eine nicht oft ausgespielte Facette hinzu. Eine ewiggültig moderne. Er zeigt in seiner Darstellung nicht nur selbstbeschädigenden Stolz und falsch kanalisiertes Ehrgefühl, weshalb er die geliebte Frau vor der Ehe mit einem „Krüppel“ bewahren will, sondern ebenso, wie der Verlust von ökonomischer Freiheit nach und nach das Selbstwertgefühl ermordet …

Nikolaus Barton ist als Tellheims Bedienter Just ein Kraftlackel; misstrauisch, weil eben loyal, lässt er über seinen Herrn nichts kommen. Dominik Warta ist ein naseweiser, neugieriger Wirt.

Den beiden gelten im Wesentlichen die Lacher der Zuschauer. Am Ende reihen sie sich alle auf und singen mit den Mienensingers Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas, Judith Prieler und Petra Staduan Telemanns „Glück“: Als stilvolles Finale einer so poetischen wie unterhaltsamen Aufführung. Viel Applaus und großer Jubel.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2017

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ein Sommernachtstraum

Juni 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine exemplarisch gelungene Shakespeare-Inszenierung

Erwachen nach einen Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Erwachen nach einer Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Die Frage kam off the records vor einigen Wochen schon auf. Ob man hierzulande jemals eine rundum geglückte Aufführung vom „Sommernachtstraum“ gesehen hätte? Am Burgtheater, bei den Salzburger Festspielen? Jetzt ja, in Perchtoldsdorf. Dort zeigt Intendant und Regisseur Michael Sturminger zum 40-Jahr-Jubiläum der Sommerspiele eine exemplarische Inszenierung von Shakespeares Liebesverwirrspiel.

Es scheint fast, als wäre es ihm gelungen, die mittelalterliche Burg auf die Insel des britischen Barden zu transferieren, mitten hinein in dessen Zauberwald, so sehr stimmig sind die Bilder, der Tonfall, die Atmosphäre. Alles flirrt und neckt sich. Und auch, dass Sturminger für die diesjährige Premiere erstmals ein Bühnenrund mit drei es umschließenden Zuschauertribünen aufstellen ließ, verstärkt den Eindruck dieses Theater-„Globe“.

So zieht’s einen mitten hinein in den Probenprozess. Die Arbeit ist nämlich gar nicht fertig. Markus Kofler tüfelt noch an der tief tragische Komödie von Pyramus und Thisbe. Er ist ein zunehmend genervter Squenz, der eine wie einem Monty-Python-Sketch entsprungene Truppe in Szene setzen soll, großartig etwa Nikolaus Barton als Zettel-Pyramus, Michael Pogo Kreiner, der als Flaut zur lispelnd tippelnden Thisbe wird, und Raphael Nicholas, der als Schnock den Löwen geben soll. Der Adelssitz in Athen hat Sturminger weniger interessiert, er hat einen Hang zu den begeistert laienspielenden Handwerkern, und wenn er im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt, das sei so, weil „sie“ ja schließlich „wir“ sind, dann entstehen angesichts der wie immer fast vollzählig erschienenen Perchtoldsdorfer Honoratioren im Publikum ganz neue Assoziationen im Kopf.

Erst ist's nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner und Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Erst ist’s nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner gibt alles, Regisseur Squenz alias Markus Kofler erschreckt das. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte kommt zur Aufführung: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Kofler rückt den Spiegel immer näher heran. Einen Theseus sucht er, und eine Hippolyta, den Oberon samt dessen Titania. Da muss er erst Überzeugungsarbeit leisten, muss bitten um Besetzungsvorschläge für sein Mitmachtheater, bis sich aus den Sitzreihen Andreas Patton und Veronika Glatzner melden. Sie temperamentvoll das Abendtascherl schmeißend, weil demnächst ja Königin und sowieso Amazone, er qualifiziert sich intellektuell hochwertig – mit Schillers „Glocke“. Das sagt schon viel aus über die Paarläufe, denen man in den kommenden drei Stunden folgen wird, darüber, was da so schief hängt zwischen Mann und Frau, von fehlender Befriedigung bis ergo kein Seelenfrieden. Sturminger gebraucht gerade so viel Zote als Zunder, dass sich daran die eigene Fantasie entfachen lässt.“Das ist Regie, das sind Ideen, das ist Abstraktion!“, klingt einmal Squenz‘ inszenatorischer Freudenschrei, und damit gibt Kofler gleichsam das Motto des Abends vor.

So wohldosiert semitransparent wie Sturmingers Arbeit sind die Kostüme von Renate Martin und Andreas Donhauser, die mehr erhoffen, weil erahnen lassen, feines Spinngeweb und zerrissenes Netz. Nur Oberon steht seiner New-Age-Queen in schwarzem Leder wie ein alter Rock’n’Roller gegenüber, die Attitüde passend zum Outfit. Von Martin und Donhauser ist auch die Bühne, leer bis auf bisweilen Titanias Brokatbett; mit Einbruch der Dunkelheit zeichnen magische Lichtkreise auf dem Boden den Darstellern den Weg.

Die sind aufs Vorzüglichste gewählt. Allen voran die vier jungen Liebenden Hermia und Lysander, Helena und Demetrius, die Julia Richter und Benjamin Vanyek, Sophie Aujesky und Jan Hutter mit viel Spiellust mit Leben füllen. Man hat das Quartett auch schon blutleer gelassen, doch wie hier um die Liebe, die Hände und miteinander gerungen wird, ist große Klasse. Und natürlich geht’s dabei mehrmals statt zwischen Bäumen durch die Zuschauerreihen hindurch. Karl Walter Sprungala ist sowohl der Puck als auch Hermias Vater Egeus, in beiden Fällen jedenfalls ein Geist, der stets das Böse will, als ersterer ein hinreißender, possenreißender Derwisch, der nicht nur die Handlung, sondern auch die Musik durcheinander bringt. Dabei werden die von Michael Pogo Kreiner beigesteuerten, elisabethanisch angehauchten Sphärenklänge unter seinem Zweitnamen dargeboten, das Ensemble versammelt sich dazu als „Robin Goodfellow & The Orchestra Of The Enelvement“. Nikolaus Barton ist als Zettel ein begnadeter Selbst/Darsteller, ein g’schaftlhuberischer Kleinstädter, der den Eselsschweif vorne trägt. Nur einer, der sich so lieb hat wie er, kann an „seine schöne Männlichkeit“ glauben.

Andreas Patton als Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

Andreas Pattons Oberon ist ein alter Rock’n’Roller; die Attitüde passt zum Outfit. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Sturminger hat seine Schauspieler präzise geführt. Von ihm angeleitet entlocken sie Shakespeares fein ziselierten Charakteren noch die leisesten Zwischentöne übers Zwischenmenschliche. Nur eine kleine Andeutung etwa ist es, wenn Hippolyta zu ihrem erzwungenen Hochzeitsfest in einem wie ein Kettenhemd rasselnden Abendkleid erscheint, Theseus wiederum kann bis zur Weißglut des Eugeus‘ die Hermia nicht von der Helena unterscheiden, was ficht’s den Fürsten auch an? Es endet, wie es enden muss, auf der Bühne wird endlich ein Theater gemacht. Die Handwerker dürfen ihre Produktion präsentieren, die Blumendroge findet sich plötzlich in Hippolytas Händen, so kann’s gehen Richtung Happy End, und Eugeus enttarnt sich als Puck. Die Elfen haben die Menschen gespielt oder es war umgekehrt.

Das ist ein Stoff, aus dem auch Träume sind – ein wundersamer Abend in wunderbarer Kulisse. Die sehr gelungene Neuübersetzung dieser Sommernachtsfiktion von Angelika Messner und Martina Theissl ist als Text im Programmheft abgedruckt.

Michael Sturminger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19980

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Wien, 30. 6. 2016

Salon 5/Hamakom: Carambolage

Oktober 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Familienaufstellung mit Göttin und Teufel

Raphael von Bargen, Isabella Wolf, Martin Schwanda Bild: Nick Mangafas

Raphael von Bargen, Isabella Wolf, Martin Schwanda
Bild: Nick Mangafas

Nach ihrem großen Erfolg „Camera Clara oder Wie man leben muss“ hat Autorin Anna Poloni eins nachgelegt: „Carambolage oder Der schwarze Punkt“. Das heißt natürlich einerseits Zusammenstoß, bezieht sich aber andererseits auf eine Billard-Variante mit drei Kugeln. Sie wird ohne Netze gespielt.

Anna Maria Krassnigg hat mit dem Salon 5 im Theater Nestroyhof Hamakom den vielschichtigen Text zur Uraufführung gebracht. Eine unheilige Dreifaltigkeit, die je weiter man in sie vordringt, umso mehr Schichten freilegt. Vordergründig kann man eine Mediengroteske lesen. Medientycoonin – interessant übrigens, dass der Begriff in seiner weiblichen Form in Wörterbüchern nicht vorgesehen ist – Dornstrauch kündigt Aufdeckungsreporter Brand fristlos, weil der in einem Mord-und-Brand-Artikel ihren Sohn Enrique als Gossenprinz bezeichnet hat. Das macht sie nicht glücklich, weil Brand ihr bestes Pferd im Stall ist, aber was soll man machen? Alle Redakteure sind gleich, nur die, die statt ihrer Journalistenberufung nachzugehen, launige Bücher schreiben oder sich auf eine Kasperlbühne stellen, sind gleicher. Weil: Von den „Seitenblicken“ interviewt. Arme Systemerhalter! Sie haben keine Wahl. Der Untergebene hat immer eine. Zu gehen. Und das tut Brand denn auch.

In dieses Szenario packt Poloni alle Menschheitsthemen. Und von Wendung zu Wendung zu Wendung ist man erstaunt, was sich alles zwischen den Zeilen ausgeht. Liebe und Hass, Leidenschaft und Mordlust, Mutter und Vater. Da ist nämlich noch – Achtung: Spoileralarm – der „erfolgreiche Unternehmer“ Don Gian, mit allen Geschäften des Gewerbes vertraut, der Enrique unter seine Fittiche genommen hat – und sich als dessen Vater entpuppen wird. Der schwarze Punkt im Leben der Dornstrauch. Und ein Engel, Angie, mal ein himmlisches, mal ein gefallenes Wesen – aber immer von überirdischer Schönheit.

So beginnt nun das Ringen von Gott und Teufel über Menschen und Engel. Krassnigg inszeniert das kühl (und verzichtet leider auf ein paar Langatmigkeit-raus-Striche, ein Lüftchen nur weniger, die das Ganze zum Orkan hätten werden lassen), das Bühnenbild von Lydia Hofmann weiß mit Menschenteilensilhouetten. Emotionen kommen im Gesang hoch. Beim den Abend tragenden Raphael von Bargen als Enrique, bei Martin Schwanda als Don Gian – Don Juan (Musik: Christian Mair) und bei Engel Petra Staduan, die Monteverdis „Lamento della Ninfa“ zum Weinen schön vorträgt. Isabella Wolf spielt die Dornstrauch hart, kalt, rachsüchtig, alttestamentarisch wie ihr Name, der auf den brennenden Busch in der Wüste schließen lässt. Mit ihrem Engel, Sekretärin, besser: Heilsversprecherin für alles, spielt sie Demütigungsspielchen. Aber nicht mehr mit besonderem Elan. Das Alter und die Schmerzen drücken. Staduan bringt eine brillante Leistung zwischen Jobhingabe, Jobabschottung und Jobselbstschutz. Schonungslos klärt sie ihre Göttin über ihr Vestalinnen-Dasein auf, kein Kind wegen der Karriere. Und morgens bei Dienstantritt immer jung, froh, dynamisch sein. Seit den antiken Griechen kümmert die im Olymp nicht, wie’s denen im Erdendreck geht. Die Zeit der Rücksichtslosigkeit ist nicht angebrochen, sie ist seit Urzeiten da.

Raphael von Bargen legt mit viel Gesang und Tanz den Enrique als skrupellosen Clown an. Süffisant, gelangweilt. Einer mit Rich-Kid-Syndrom. Im freien Fall, ja, aber die Punktlandung ist schon errechnet. Das Bübchen hat nämlich Ambitionen. Martin Schwanda gibt einen Rotlichtboss wie aus dem Bilderpornobuch. Mit Pulp-Fiction-Bart und Spiegelsonnenbrille, im Versace-Design-Hemd und Glanzstoffanzug. Er hat sich die Welt und seinen Sohn mit Huren und Drogen längst zu eigen gemacht. Da kann die Dornstrauch strampeln, was sie will. Schwanda ist in keiner Situation aus der Ruhe zu bringen, ist glatt wie sein Haargel. Sein Reich ist gekommen. Eine fabelhaft-schmierige Leistung. Eine großartige, ein Kabinettstück, liefert auch Murali Perumal als Heiliger Brand ab, der gekündigte Zivilcourage-Held, der mit Zimmerpflanze und Maskottchen und intaktem Rückgrat einen großen Abgang hinlegt. Nie wieder Erfüllungsgehilfe eines Chefredakteurs sein. Nie wieder Klimpern auf dem Medienklavier. Nie wieder eine Sau durchs Dorf treiben. Und morgen eine andere, und übermorgen … Die eine Meinung haben sind hochverdächtig, man braucht die, die jede Meinung haben können. Das schallende Gelächter im Premierenpublikum zeigt, dass da ein paar sitzen, die wissen, was gemeint ist.

Enrique, das rabenschwarze Arschloch, erhascht durch Engel einen kurzen Blick auf seine Seele. Beelzechrist wird die Firma übernehmen. Auf seine Weise. Dornstrauch ist tot. Der Sohn flößt der Titanin eine Schmerztablettenüberdosis ein. Don Gian verbannt er fürs Erste aus seinem Himmel. Doch Don Gian ist Legion. Und Freiheit bleibt ein instabiles Gut.

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Wien, 2. 10. 2014