Stadtsaal – Thomas Maurer: WOSWASI

Januar 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dem Geistesarbeiter beim Hackln zuschauen

Bild: © Ernesto Gelles

Dass der forsche Fredl dem faulenzenden Alfred in der Entscheidungskurve tagtäglich um die entscheidenden Hundertstel voraus ist, weiß jeder, den’s wegen falsch getroffener bereits aus ebendieser getragen hat. Dass da aber auch noch ein grantiger, älterer Herr im grauen Arbeitsmantel Dritter im Bunde sein soll, ein Renitenzler, der das Rekapitulieren und ergo Wiederholen von Patzern nicht und nicht verhindern will, ist einfach Künstlerpech. In diesem Fall das spezielle von Thomas Maurer.

Im Allgemeinen definiert als Bestätigungsfehler, so genannt des Menschen Neigung, Informationen derart auszuwählen und zu interpretieren, dass sie seine Erwartungen erfüllen. Womit die Rede bei den Kognitionspsychologen und einem derer wichtigsten, Daniel Kahneman, ist.

Mit dessen Theorien hat sich der Kabarettist für sein neues Programm „WOSWASI“ ausgiebig beschäftigt, vor allem mit des Wirtschaftsnobelpreisträgers Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ – was Maurer gleich eingangs folgende philosophische Fragestellung ans Publikum weiterreichen lässt: „Haben Sie sich schon einmal gefragt: Warum bin i eigentlich so deppert?“

Ja, Selbsterkenntnis mag der erste Schritt zur Depression sein, aber verwandelt einer wie Maurer theoretische Selbstironie in angewandte Gesellschaftssatire, so hat er ein wirkmächtiges Werkzeug zum Festnageln von Irrwitz zur Hand. Sarkastisches in Sachen Homo sapiens ist bei Maurer bekanntlich prägender Bestandteil seines Rundumschlag-Repertoires, wenn er anhand eigener – inwieweit erfundener? – Erlebnisse eine komplette Palette unser aller Unzulänglichkeiten ausbreitet, mit spitzer Zunge die Existenz an sich und die persönliche im Besonderen seziert, und beim Vom-Hundertsten-ins-Tausendste-Kommen Gott und die Welt und die österreichische Befindlichkeit in ihre Elementarteilchen zerlegt.

„Halbwegs zu wissen, was man nicht weiß, hat schon etwas Befreiendes“, lautet diesbezüglich sein Leitsatz, und dass er mit seinem Seitenhieb auf „gefühlte Kompetenz“, imitierte Intellektualität und Teilbildung selbstverständlich hochpolitisch ist, versteht sich auch ohne das Bemühen diverser Wörter und Unwörter. Dem Geistesarbeiter Maurer beim Hackln zuzuschauen, ist so spaßig wie er sympathisch. Maurer balanciert auf dem schmalen Grat zwischen g’scheit reden und oberg’scheit sein, ein Hochseilhumorakt in Original Wiener Mundwerk, wobei Maurer zwischen „System I“ und „System II“ diesmal quasi nur Trittbrettdenker ist.

Bild: © Ernesto Gelles

Bild: © Ernesto Gelles

Den Denkapparat bedienen nämlich, man ahnt es, der Fredl – mit stummem d – und Alfred, beide entstanden aus des Künstlers zweitem Vornamen, ersterer der erdige Grips fürs Grobe, zweiterer der Hirni fürs Hochgeistige, der eine sofort ang‘fressen, sobald der andere es wagt, sich meinungsbildnerisch zu melden – was durchaus zu Kopfkonflikten führt, die Maurer via Stimme so lustig wie lehrreich vorträgt. Siehe Kahneman ist der Fredl schnell von Entschluss, hingegen Alfreds Zögern ein überlebensnotwendiger Reflex, etwa so wie erst Furcht die Flucht ermöglicht, doch Maurers Machtwort dazu: „Der anzige, der do i is, bin i!“

Im Sinne dieser Selbstermächtigung ist außerdem zu erfahren: Dass Maurer zum Truthahn immer noch lieber Indian als Pute sagt, dass er noch die Stadtbahn und schon eine Koloskopie erlebt hat, diese allerdings bewusstlos, ist er doch bekennender „komfortneutraler Erlebnissammler“, was die Truthahn-Illusion ist (hat was mit Verhaltensökonomik, Risikointelligenz und Thanksgiving zu tun, Anm.), wie Maurers Tante geheißen hat, sowie dass man nicht weiß, wie ein Reißverschluss tatsächlich funktioniert. Die Frage, was passiert im Gehirn, wenn man über andere urteilt, bleibt zum Schluss im Raum hängen. „WOSWASI“, das Gedankenspiel, macht solcherart einen Strich durch schlechte solche. Ein selbsterkenntnisreicher Abend.

Nächste Termine: 30. und 31. Jänner im Stadtsaal.

Thomas Maurer über sein Programm: www.youtube.com/watch?v=ll6S_Jbm9NQ

www.stadtsaal.com           thomasmaurer.at

  1. 1. 2020

Stadtsaal – Stefan Leonhardsberger: Rauhnacht

Dezember 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tarantino ist dagegen ein Waisenknabe

Großartige One-Man-Tarantino-Show mit cineastischem Live-Soundtrack: Stefan Leonhardsberger und Martin Schmid. Bild: © Jan Frankl

Mittendrin hätt’s einen owa gscheid g’feigelt. Dabei hat Stefan Leonhardsberger netta g’redt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und weil das dahoam in Lasberg bei Freistadt, man selber aber seit dem Ableben der Oma nicht mehr in Schengafö war, brauchts a neichtl bis man wieder ins Mühlviertlerische einiwåchst. Auf Tour mit seinem Erfolgsprogramm „Rauhnacht“ hat der oberösterreichische Kabarettist gestern im Wiener Stadtsaal Station gemacht.

Passend, weil das Ganze ja eine Altjahrstragödie ist, angesiedelt in der Dämmerzone zwischen William Shakespeare und Quentin Tarantino, jedenfalls mit mehr Toten als im Hamlet oder in „The Hateful Eight“. Um beim Schneesturm zu bleiben. Der treibt in der Silvesternacht auch im antiidyllischen Engelsberg sein Unwesen, alldieweil die auf Weltuntergang gegroovte Teenagerin Nora Höllerbauer spurlos verschwindet. Klar, macht sich der Alleinerziehervater Erich auf die Suche, ein Horrortrip in dessen Verlauf sich das Winterweiß bald blutrot färbt, sind die Leichen nämlich nicht nur solche vom Alkohol, und die Bissgurrn, Gfrasta, Gscheitwaschln und Krebeitln, denen der Höllerbauer auf seinen Irrwegen begegnet, mordlüsterner als im ersten Moment angenommen.

Und apropos: geil, der zweite Handlungsstrang führt direkt ins Protzdomizil von Schottergrubentycoon Röblreiterer, der hausherrische Sklaventreiber nach einem mysteriösen Sturz allerdings im Wachkoma, was Gattin Brigitte nebst erwachsener Kinderschar schon gierig nach dem Erbe greifen lässt. Dass der servile Vorarbeiter, ohnmächtig ob der Aufhebung des Arbeitspausenverbots seines Chefs, Polonius heißt, führt das Publikum auf die richtige Fährte, der überhebliche, seinen Vorteil berechnende Schwätzer nur einer der zehn skurrilen Charaktere, denen Leonhardsberger Gestalt und Stimme leiht, und um das Ende vorwegzunehmen:

Es ist schon manch einer gekieselt worden, der’s nicht, dafür ein Untoter ins Leben zurückgekehrt, von dem man’s nicht erwartet hat. Erdacht hat den schwarzhumorigen Kleinkunstthriller Autor Paul Klambauer, und ganz groß ist, wie Leonhardsberger und sein musikalischer Bühnenpartner Martin Schmid die Sache über die Rampe bringen – Schmid mit cineastischem Live-Soundtrack und als akustischer Bühnenbildner, stoisch sitzt er auf der Seite und unterlegt Leonhardsbergers Gesten mit den dazugehörigen Geräuschen. Vom Drehen der Telefonwählscheibe bis zum Radiosendersuchlauf, vom Schließen eines Damenkleid-Reißverschlusses bis zum Schreddergetöse des Backenbrechers, ob er ein Feuerwerk beatboxt oder mit der Teufelsbrut braust.

Damit a Ruh‘ is: Der Höllerbauer hat seine lästige Mutter auf dem „elektrischen Stuhl“ festgezurrt. Bild: © Hans Grünthaler

Die Röblreitererin feiert das Wachkoma ihres Tyrannengatten mit einem Katja-Epstein-Song. Bild: © Hans Grünthaler

Rückblende oder Geistererscheinung? Der Röblreiterer versucht’s mit Aufreißer-Schmäh. Bild: © Hans Grünthaler

Der servile Vorarbeiter Polonius befürchtet wegen seines Chefs das Schlimmste. Bild: © Hans Grünthaler

„In da Raunocht derf a Diandl ned außigeh!“, hat die Altbäuerin genau deswegen Sohn Erich und Enkelin Nora ermahnt. Gottvoll ist das, wie Leonhardsberger die maliziös ihre falschen Zähne mümmelnde Greisin macht, die der Höllerbauer, damit jetzat a Ruh‘ is, im „elektrischen Stuhl“, heißt: per Fernbedienung verstellbaren Fernsehsessel festzurrt, und grandios, wie sie mit der Zwangslage und der Technik kämpft. Ihr stetes Verwechseln der „Druckerln“ für TV-Apparat und Fauteuil ein Running Gag des Abends, bevor sich zum Schluss die schreckliche Wahrheit hinter ihrer Senilität enttarnt – und man erschrocken feststellt, dass man schon die ganze Zeit darauf hingewiesen wurde.

Leonhardsberger nimmt die 90-Minuten-Aufführung im ekstatischen Alleingang, und mit Großmutters Sessel, der mal Traktor, mal Spitalbett wird, als einzigem Requisit. Er singt, tanzt, geht sich selbst an die Wäsche, also der loamlackerte Tankwart Andi endlich seiner ewigen Liebe Gitti, Andi, der bisher, wenn er vom „Stutzen reinstecken“ redete, nur das Zapfventil meinen konnte. Wie der Höllerbauer stolpert auch er in den Röblreiterischen Geschwisterzwist und Firmenübernahmestreit, und Leonhardsberger spielt zum Riesenhobadatsch und zum rustikal-herzensguten Landwirt, der die Tochter auch diskret mit Monatshygieneartikeln versorgt – „de mim Schnierl und de zum Einlegn“ – eine kesse Kokotte Brigitte samt mehr oder minder hoffnungsvollem Nachwuchs.

Die vom Vater gern „edler Hamlet“ genannte Doris, eine Schiachperchte mit dafür Geschäftssinn, und ihre Zwillingsbrüder, die vom Vater bis zum vorletzten Atemzug verwechselten Roland und Roman, auf den ersten Blick hirnamputierte Youtuber, auf dem zweiten ned sooo sehr zum Krenreiben wie vorgetäuscht. Mit den beiden Satansbraten hätte die Nora ins Neue Jahr rutschen sollen, aber ach … Den Höllerbauer begleitet derweil ein Poe-isch krächzender Rabe über die Teufelsschlucht, der Röblreiterer erscheint in Rückblenden – oder auch in keinen solchen, siehe: der Geist von Hamlets Vater. Mit Stuhlakrobatik der Altbäuerin nähert sich der Abend dem Grande Finale. Kongenial interpretieren Leonhardsberger und Schmid Cutting Crews „I just died in your arms tonight“, David Bowies „Heroes“ und als perfekte Performance Katja Epstein mit dem „Stern von Mykonos“.

„Rauhnacht“, das sind eineinhalb Sternstunden für Freunde des morbid-gfeanzten heimischen Humors, die Moritat ein Mix aus Slapstick, Splatter und im Mühlviertel selbst Erlebtem. Eine Moral hat die G’schicht‘ auch, nämlich, dass es Obacht zu geben gilt, wenn aus dement diabolisch wird, wenn väterlicher Furor Vernichtung anrichtet, wenn einer zu Bewusstsein, nicht aber zur Besinnung kommt. Einmal noch wird der dunkle Schwadroneur gebeten, hinter dem Vorhang hervorzutreten, doch die Frage bleibt: Was geschah wirklich mit …? Nächste Termine ab Jänner 2020 in Freistadt, Salzburg, Linz, Wien und Innsbruck.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=SQb6kVgaKMU&feature=emb_logo

www.stefanleonhardsberger.com         www.stadtsaal.com

  1. 12. 2019

Stadtsaal – Lukas Resetarits: Wurscht

April 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gammelpolitik, frisch konserviert in PR-Pökelsalz

Bild: © Katrin Werzinger

Manches, sagt Lukas Resetarits, sei ihm ja blunzn, aber vieles nicht wurscht. Also hat der Großmeister der österreichischen Kleinkunst sein 27. Programm nach dem in Därme gefüllten Brät benannt, und nimmt sich den Begriff in jeder seiner Bedeutungen vor. Er erzählt vom Suchtpotential der Buren- und vom populistischen Hanswurst ebenso, wie von armen Würstchen und von anmaßenden Wurschtln, und lässt auch die Fäkalvariante des Wortes nicht aus. Resetarits kann’s mitunter arg ungustig, was passt, ist „Wurscht“ doch eine so scharfsinnige wie scharfzüngige Analyse eines gesellschaftlichen Ist-Zustands.

Und da ist’s mit den Parteien wie beim Fleischprodukt – „je weniger man weiß, was drin ist, umso mehr schmeckt’s“. Anzumerken ist dem Abend, wie sehr es Resetarits beim Schreiben, dies auch diesmal wieder gemeinsam mit Tochter Kathrin, in den Fingern gejuckt hat, zum Status Quo im Lande ein Statement abzugeben, „Achtung“, warnt er gemäß seinen AGB, „der Kabarettist kann Spuren von eigenen Meinungen enthalten“.

Freilich darf der Spaß nicht auf der Strecke bleiben, erzählt Resetarits doch von einem Ex-Zuschauer, der den Kartenpreis durch die Pointen dividierte, und auf einen Euro irgendwas pro Gag kam. Ein Kurz-Wähler, kalauert Resetarits, und dass er gebraucht hätte, um zu begreifen, dass der Mann nicht über eine Tastenfunktion seines Seniorenhandys spreche. Solcherart wechselt Resetarits von privat zu Politik, enthüllt anekdotisch seine Wurstbiografie, seinen Grausen beim Blunznmachen in Stinatz, seinen Genuss der Meterwurst in der Ankerbrot-Kantine, wo er sich in den 1960er-Jahren was zum Studium dazuverdiente, seine Erkenntnis, dass man nach einem Burenhäutl in geschlossenen Räumen nicht rülpsen soll. Mit dem richtigen Pökelsalz könnten findige Fleischhauer noch den ungenießbarsten Kadaver in eine Delikatesse verwandeln, weiß der Kenner.

Das wiederum führt ihn exakt zur aktuellen Gammelpolitik und deren Konservierung durch PR-Gewürzsätze. Beigemengt von den 51 Kommunikationsexperten im von Resetarits so genannten „Ausreiseministerium“, die den Leuten die momentane Regierung schmackhaft machen sollen. Er selber leide leider an einer unheilbaren Krankheit, gesteht der 71-Jährige, statt -heimer: Alzberger. Das ist, wenn man sich alles merken muss. Entsprechend lang ist die türkisblaue Mängelliste, die er vorlegt. Von der Gesundheitskasse, bei der die Ausnahmen Bauern und Beamte schon wieder die Regel bestätigen, über den 12-Stunden-Tag bis zur neuen Unsozialleistung Mindestsicherung, vom Ausreisezentrum Traiskirchen über den Tempo-140-Testversuch bis zum – das darf diese Woche natürlich nicht fehlen – Karfreitagsdebakel. Ob „bei Rot rechts abbiegen“ eine politisch motivierte Aussage sei, fragt Resetarits punkto Abbiegeassistent, und kräht im Namen der Ministerin, deren Doppelnamen er sich nicht merken kann, ins Publikum: „Wer schafft die Arbeit?“

Noch nie, sagt Resetarits, und treibt seine zynischen Spitzen damit auf ebendiese, hätte er so viel psychisch auffällige Menschen in einer Regierung erlebt. Und apropos, hart-kleinlich: Nicht nur mit der „neuen Gerechtigkeit“ der Regierung geht er streng ins Gericht, sondern auch mit diversen Medien, die aus den FPÖVP-Wahlslogans das Motto „Positiv, aber inhaltsleer“ übernommen hätten, und deren Überschriftler mittlerweile von der Des- zur Krawallinformation übergegangen wären. Seinem diesbezüglichen Lieblingsblatt, der „Bahnsteigsverschmutzungs- zeitung“, bescheinigt Resetarits quasi ein Panini-Album mit Pickerl für nur einen Spieler zu sein: Sebastian Kurz. Wie immer stark sind auch Resetarits‘ Alltagsbeobachtung, von der modernen Wegwerfwelt, die sich mittels Online-Nachschub am Laufen hält, bis zu jener wundersamen Werbung, in der die Erste Bank zur Befreierin des Proletariats wird, was nicht nur im Nachhinein die Bankenrettung durch Steuergelder rechtfertigt, sondern auch die Sozialdemokratie obsolet mache.

Das alles, resümiert Resetarits, könnte ihm, ist er doch weder Frau noch Flüchtling noch armutsgefährdet noch evangelisch, wurscht sein. Ist es aber nicht. Ergo legt er mit „Wurscht“ den Finger tief in die gesellschaftspolitische Wunde, formuliert trefflich, warum deren Verschorfung für manche ein ewig gestriger Heil!-Vorgang ist, und macht sich Sorgen um Sprach- wie seelische Verrohung. Wenn „Gutmensch“ schlechterdings ein Schimpfwort sei, sinniert er, muss der „Schlechtmensch“ doch als gut gelten. Kein Wunder, dass die Soziopathen das Geschehen beherrschen. Homo homini nicht mehr lupus, sondern lumpus! Unter den Zuschauern: Zustimmung und großer Applaus.

stadtsaal.com          www.knowme.at

  1. 4. 2019

Stadtsaal – Georg Ringsgwandl: Wuide unterwegs

Januar 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Iggy Pop des bayrischen Kabaretts

Bild: Ralf-Standtke Helmbrechts

Zum 70. Geburtstag hat Georg Ringsgwandl seinen Fans ein neues, erst gestern erschienenes Album geschenkt, „Andacht & Radau“, begleitet von einer „Wuide unterwegs“ betitelten Tournee, die dieser Tage im Wiener Stadtsaal Station macht. „Das ganze Programm“, sagt er eingangs, „ist ein Liebeslied an die schönen, selbstständigen, emanzipieren Frauen.“ Und schon beginnen die Lobpreisungen der „Birgit von da Soafa“, der Bäckereifachverkäuferin „beim Bäcker Meier“ und der „Schokoladenfee“.

Die alten Granaten lässt er jetzt erst richtig krachen, und mit Stammgitarrist Daniel Stelter, Bassist Mario Schönhofer und Schlagzeuger Mario Garruccio ist alles drin, von Stubenmusik über Countryklänge, Blues, Funk, Rock’n’Roll sowieso, bis zum Schmalzhadern. Ringsgwandl wechselt von der Zither zur E-Gitarre und zurück, erstere hat er, sagt er, von einer Tante geerbt, die Lieder von der Großmutter und einem von Holzstämmen erschlagenen Knecht. Und deshalb eine Familienaufstellung bei seinem Therapeuten/Fliesenleger machen lassen, was der ebenfalls anwesenden Topfpflanze gar nicht gut bekommen ist.

Ja, der Ton-Dichter ist auch in concert ein Um-die-Kurve-Denker, und wer glaubt, es bleibt bei der philosophischen Innenschau und hinterfotzigen Nachbarschaftsgeschichten, wird spätestens dann eines besseren belehrt, wenn sich der Sänger für seine belegte Stimme entschuldigt. Er habe sich noch daheim an einem holländischen Keim erkältet, und es sei ihm sehr unangenehm nun einen „fremden Virus“ ausgerechnet im EU-Nettozahlerland Österreich einzuschleppen.

„Politik ist Recht und Ordnung, aber nie Gerechtigkeit“ singt er sein „Wos is mit de Leit los?“, ein Text bei dem’s einem schon anders wird, und „Dahoam is ned dahoam“ undReiß die Hüttn weg“. Da ist der – Eigendefinition des Abends unter Herzeigen seines One-Pack-Bauchs – „Iggy Pop“ des bayrischen Kabaretts, im ersten Teil im hellgrauen Anzug „absurd exquisit gekleidet“, schon auf Urban Streetwear umgestiegen, musikalisch von seriös auf, na, nicht mehr so schrill, aber immer noch schräg, und stellt unter Beweis, dass er nach wie vor große Geste wie kleinen Luftsprung beherrscht. Einmalig wie immer der Tanzstil, gechillt die Ansagen.

Zwei gänzlich neue Lieder gibt’s im aktuellen Programm: „Tage“ und „Das digitale Proletariat“, ersteres ein Aufruf zu mehr Gelassenheit mit zunehmendem Alter, zweiteres ein bissiger Beitrag über den Irrsinn der Generation Smartphone: „Du hast einen Abschluss, du bist ein schlaues Tier, trotzdem hast du nicht kapiert, dein Handy spielt mit dir.“ Und apropos, Tier: „Mein Hund wird falsch ernährt“ steht natürlich auch auf der Setliste. So wie die Anti-Ambros-Skihymne „I wui net Skifahrn, aber i muaß“.

Bild: Rowitha Pross

Bild: Blankomusik

„Wuide unterwegs“ ist also mehr Radau als Andacht, ein Hochamt für aufgekratzte Geister im Ringsgwandl‘schen Irrenhaus, von dem aus er den Wahnsinn, der sich leichtsinnig Leben nennt, mit höchster Präzision beschreibt. Die Musik geht ins Ohr, die Lyrics ins Hirn, und bei einem gelernten Kardiologen natürlich auch ins Herz, und bei allen dreien nicht wieder raus. Ringsgwandl erzählt von Sehnsüchtlern und Zivilisationsverweigerern, von Unangepassten und Fassadeneinreißern, vom Recht auf Nicht-Mäßigung und Keineswegs-Selbstbeschränkung.

Fürs Stadtsaal-Publikum hat Ringsgwandl zum Schluss noch einen Rat in dieser zunehmend blöder werdenden Welt, der an Größe beinah an die Grillparzer’sche Österreichrede heranreicht. Wenn einem jemand komisch kommt, singt er, „dann sag am besten gar nix, schau einfach durch die Wand, hör zu, was so erzählt wird und denk dir, allerhand.“ Zugabe, Knicks und Aus.

www.stadtsaal.com

ringsgwandl.com/

  1. 1. 2019

Stadtsaal – Gunkl & Walter: Herz & Hirn II

Oktober 23, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nahtoderfahrung beim Trivial Pursuit

Gunkl & Walter. Bild: Robert Peres

Verplaudern ist Programm, das sagen die beiden auch gleich zu Beginn, wenn sie wie schon bei Teil eins das Publikum einladen, durch Einwürfe, Einwände, Fragestellungen auffällig zu werden. Das tut dies am Premierenabend im Wiener Stadtsaal natürlich nicht, weil, uff, man ist ohnedies überfahren von all den Bedeutungen, Begrifflichkeiten und Zueinander-Beziehungen, die Gunkl und Gerhard Walter inside out wenden.

Und dabei, wenn’s geht, noch um die eigene Achse drehen. „Herz & Hirn II – Fortsetzung der fortlaufenden Neuauflage“ heißen die neuen Über-Gott-und-die-Welt-Kommentare des Kabarett-Yin-Yangs, so genannt, weil Gunkl wiederum seine rationale Sicht auf die Dinge pflegt, während Walter ein Auge aufs Emotionale wirft.

Philosophiert wird über eigentlich eh alles, vornehmlich über Vergangenheit und Vergänglichkeit, sind die beiden Künstler mit Rund-um-die- doch in einem Alter, in dem sich die Zeit bereits davonverjüngt hat. Wobei die gute, alte das nicht unbedingt immer war, wie Gunkl sagt, je früher desto nicht besser. Und so geht‘s punkto Angegraut-Werden um Relationen und Größenverhältnisse, Logik und Wahrnehmung. Warum einem die alte Volksschule plötzlich kleiner, der Tennisplatz aber größer vorkommt? Weil man nicht nur in die Höhe, sondern auch in die …. jahaha … gewachsen ist. Mitunter wird an diesem Abend die gar nicht so feine Klinge geführt, vor allem sich gegenseitig schonen die Freunde nicht. Allein die Vorstellung, im Kopf des anderen herumwirtschaften zu müssen, das würde hie aus wohlsortiertem Chaos Ordnung schaffen, dort hingegen – nicht auszudenken!

Gunkl, bekennender Aspergerianer, fühlt sich sichtlich wohl als Teil des Duos. Immer wieder huscht ihm ein Lächeln über die Lippen, wenn Walter seinem Temperament freien Lauf lässt. Dagegen setzt er die gelüpfte Augenbraue, für Gunkl-Kenner Symbol für seine sich gerade auf ihrem Höhepunkt befindliche schelmische Süffisanz. Und apropos, Orgasmus: Ums Thema Sex mäandert der Abend auch, etwa beim neuesten Trend Selbstheirat. Oder beim Du-Ned statt #MeToo. Um Sportarten wie Extrembügeln, den Ärger mit einer Fliege im Auto – und die Frage, was denkt sich die, wenn man sie in Melk endlich beim Fenster rauswachelt? Jö, heut‘ bin ich aber weit gekommen? Um künstliche Intelligenz und fokussierte Unintelligenz. Um den Tod und ein Leben nach diesem. Das ist der Moment, an dem Satire in Sarkasmus kippt, wenn sich Gunkl & Walter ausdenken, ein sumerischer Ziegengott könne die gründonnerstäglichen Spinatesser empfangen.

Und um eine Nahtod-Erfahrung beim Trivial Pursuit. Irgendeine erweiterte 2.0-Edition mit Gunkl-Schwester und -Nichte, die Gerhard Walter als ganz schön dazumal dastehen lässt. Von wegen Digital Primitive oder so. Man merkt, hier wird ohne Rücksicht auf Verluste bis ins Privateste vorgedrungen. Werden Gedanken- und Geistesblitze vom Hundertsten ins Tausendste jongliert. Während Walter bei Halt-nur-so-Sätzen explodiert, beschreibt Gunkl seinen „logischen Ekel“, heißt: das Grausen, vor offen zur Schau getragener Blödheit. Der eine hat die Welt gern schön, der andere lieber richtig, aber zusammen haben sie’s richtig schön. „Man kann das Leben von außen betrachten, aber man muss es von innen leben“, sinniert Walter. In „Herz & Hirn II“ können Gunkl & Walter beides, Außenbetrachtung und Innenschau, beide humorvoll, hinterlistig und hochgescheit.

www.gunkl.at           www.gerhardwalter.at           www.stadtsaal.com

Gunkl & Walter im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30430

23. 10. 2018