Das Stadtkino geht online: Neun neue Filme ab 1. Mai

April 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dabei ist auch Lola-Preisträger „Born in Evin“

Symbolische Schönbilder kontrastieren Schmerz und Schrecken: Maryam Zaree träumt sich in „Born in Evin“ zurück in den Mutterleib. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Das Stadtkino macht neue Filme online zugänglich. Ab 1. Mai gehen die ersten vier Titel ins Netz, gefolgt von weiteren fünf am 8. Mai. Mit dabei ist „Born in Evin“ von Maryam Zaree, der vergangene Woche beim Deutschen Filmpreis mit der Lola für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Auch zu sehen ist – und zwar knapp nach dem Kinostart  – „The Royal Train“. Alle Filme sind auf Kino VOD CLUB und Flimmit abrufbar.

Die Filme ab 1. Mai:

The Royal Train von Johannes HolzhausenIn Rumänien fährt einmal im Jahr ein ganz besonderer Zug durchs Land: Von vielen tausend Menschen begeistert bejubelt befinden sich in dem Zug einige der Nachfahren des legendären Ex-Königs Mihai von Rumänien. Der Film zeigt die Hintergründe dieser nostalgisch anmutenden Fahrt und nimmt die Zugreise als Ausgangspunkt für eine filmische Expedition in die Geschichte und Gegenwart des osteuropäischen Staates. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HIC9BqKFLXQ

Dieser Film ist ein Geschenk ist ein Film von Anja Salomonowitz über den Künstler Daniel Spoerri. Eigentlich ist es ein Film über einen Gedanken von Daniel Spoerri: ein Film fast ohne Daniel Spoerri, eigentlich wird er meistens von einem Kind nachgespielt – um nicht weniger zu sagen, als dass alles immer irgendwie weitergeht im Leben, auch wenn man dazwischen mal stirbt. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BfCPKfn_I38

Chaos von Sara Fattahi ist die Geschichte von drei syrischen Frauen. Jede von ihnen lebt an einem anderen Ort. Was sie voneinander trennt ist gleichzeitig das, was sie vereint – der Verlust und das Trauma. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PTvFcxEysBk

Abschied von den Eltern von Astrid Johanna Ofner nach Peter Weiss. „Ein Film über Flucht, Familie, Kunst, über Städte, Bilder, Sexualität, Einsamkeit, Geschichte, Gewalt und Freundschaft. Und auf eine eigenartige Weise ein Film über Häuser und über das alte und ein neues Europa“, so die Filmemacherin. Peter-Weiss-Lesung: www.youtube.com/watch?v=CCBLiPfgZxs

Dieser Film ist ein Geschenk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Chaos. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Abschied von den Eltern. Bild: © Stadtkino Filmverleih

The Royal Train. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Filme ab 8. Mai:

To The Night ist der dritte Langfilm des österreichischen Regisseurs und Musikers Peter Brunner, der mit seinem unverkennbaren Stil die internationale Festivallandschaft begeistert. In der Hauptrolle einer versehrten Künstlernatur glänzt das US-Talent Caleb Landry Jones. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PWn8j2vHZH4&t=

Erde. Mehrere Milliarden Tonnen Erde werden durch Menschen jährlich bewegt – mit Schaufeln, Baggern oder Dynamit. Filmemacher Nikolaus Geyrhalter beobachtet in Minen, Steinbrüchen, Großbaustellen Menschen bei ihrem ständigen Kampf, sich den Planeten anzueignen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Dch-x56eJIs

Lillian als Emigrantin in New York gestrandet, will zu Fuß in ihre Heimat Russland zurückgehen. Entschlossen macht sie sich auf den langen Weg. Ein Road Movie, quer durch die USA, hinein in die Kälte Alaskas. Die Chronik eines langsamen Verschwindens. Der Film von Andreas Horvath hatte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2019. Trailer: www.youtube.com/watch?v=uUkWJOBX9hM

Der Stoff, aus dem Träume sind. Anhand von sechs Meilensteinen selbstorganisierten und selbstverwalteten Wohnbaus in Österreich nähert sich der Dokumentarfilm von Michael Rieper und Lotte Schreiber auf facettenreiche Art an die unterschiedlichen Themen kooperativer Wohnprozesse von 1975 bis heute an. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q4nxqQr1UCU

Lillian: Bild: © Stadtkino Filmverleih

Regisseurin Sara Fattahi. Bild: © Michela di Savino / Stadtkino Filmverleih

To The Night von Peter Brunner. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Filmkritik – Born in Evin: Das „Licht der Welt“ am dunkelsten Ort

Schließlich sprechen die Frauen doch mit ihr. Sahar Delijani über ihre ermordete Mutter: „Wenn sie zum Verhör gerufen wurde, sagte sie trotzig: ,Die wollen mit mir reden, ich habe alle Zeit der Welt‘, und richtete sich in aller Ruhe ihre Augenbinde. Sie erzählte das, als ob sie sich für eine Party schick gemacht hätte“, sagt Delijani über diese stolze Frau, die auch durch Angst und Gewalt nicht gebrochen werden konnte. Vor dem Iran-Tribunal in Den Haag verliest Chowra Makaremi das, man kann’s nicht anders bezeichnen, Folter-Protokoll, das ihr Großvater über den zu Tode geschundenen Körper seiner Tochter geführt hat. Gebrochene Wirbelsäule, Verbrennungen von Elektrodrähten, ausgeschlagene Zähne, nach Jahren endlich gehenkt.

Sahar Delijani lebt in Kanada, sie ist die Autorin des Buches „Kinder des Jacarandabaums“ (www.youtube.com/watch?v=ffwVNvmQ_GI). Die französische Filmemacherin Chowra Makaremi veröffentlichte 2019 ihre Dokumentation „Hitch, une histoire iranienne“. In London spricht die Psychologin Nina Zandkarimi über die Albträume, die sie als Teenager verfolgten. Blut auf der Brust der Mutter, Schreie, Maschinengewehre, ein Kleinkind, das die Misshandlungen mitansehen muss. Solch nächtliche Heimsuchungen kennt auch Maryam Zaree. Lange hat sie nicht verstanden, woher diese Bilder kamen, dann hat sie begriffen, sie sind früheste Erinnerungen. Zaree ist, gleich ihren Gesprächspartnerinnen, in einem iranischen Foltergefängnis geboren, sie 1983 in Evin am nördlichen Stadtrand von Teheran, wo ihre Eltern als politische Gefangene inhaftiert waren.

Der Mutter gelang mit der zweijährigen Maryam die Flucht nach Deutschland, der Vater musste sieben Jahre in dieser Hölle aushalten. Obwohl täglich mit dem Vollzug der über ihn verhängten Todesstrafe bedroht, überlebte er sogar die Massenhinrichtungen im Jahr 1988. Geredet wurde in der Familie über Evin nie. Bis sich die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, bekannt aus dem mit zehn Auszeichnungen Lola-Großabräumer „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792) und als Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza im Berliner „Tatort“, entschloss, den jahrzehntelangen Schleier des Schweigens zu lüften.

„Born in Evin“ heißt ihr Debüt als Dokumentaristin. Wer könne von sich schon sagen, er hätte „das Licht der Welt“ an einem deren dunkelster Orte erblickt, ist ihr flapsiger Einstieg in die eigene Lebensgeschichte, in der sie mittels Fallschirmsprung landet. Später wird sie sich in einem sonnendurchfluteten Swimmingpool zurück in den Mutterleib imaginieren. Symbolische Schönbilder, die die erfahrene Realität durchkreuzen. Die Filmemacherin schont sich nicht, starrköpfig stellt sie ihre Fragen, zeigt Emotionen, die bisher ungeweinten Tränen ihres Kindheitstraumas. Zeigt sich entmutigt, erschüttert, von Kamerafrau Siri Klug nüchtern-schlicht festgehalten, auf Konferenzen von Exil-Iranern, Arm in Arm.

Mit Mutter Nargess. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Beim Iran-Tribunal in Den Haag. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Exil-Iranern in Florenz. Bild: © Real Fiction Filmverleih

Mit Vater Kasra Zareh. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit all den Facetten ihres Seins lässt Zaree ihren Film beginnen. Im Gang vor einer Studiogarderobe schimpft sie über das „beschissen recherchierte deutsche Fernsehen“, weil ihr für eine Rolle ein Hidschāb verpasst wurde, ein schwarzes Körperverhüllungsklischee: „So sieht keine Geflüchtete aus, wenn sie in Deutschland ankommt.“ Gleich darauf zeigen private Aufnahmen Maryam als neugierig plappernde Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen prahlt und dabei genüsslich Eis isst.

Als nächstes verstörende Buntstiftzeichnungen, zu viel Rot und Schwarz, dann Mutter Nargess Eskandari-Grünberg und wie die Grünpolitikerin für das Amt der Oberbürgermeisterin in Frankfurt kandidiert. Wer „Born in Evin“ sieht, lernt eine viel tiefergehende Bedeutung des Wortes Herkunft kennen, als die so gern populistisch etikettierte. Doch für Zaree gestaltet es sich schwierig, Menschen zu finden, die aussagen wollen. Sprechen ist Schmerz. Weder Mütter noch Väter noch die Häftlingsbabys wollen die alten Wunden aufreißen.

Eine der berührenden Sequenzen ist eine Videobotschaft, die Zarees Vater aus Evin schickte, aus dem „Hotel“, wie er der kleinen Maryam sagt, während er ihr Foto küsst. Heute, auf seinem Wohnzimmersofa, nennt Kasra Zareh die Dinge beim Namen – „Gefängnis“. Und weil die Tochter nicht lockerlässt, kramt er aus dem Bettkasten sein buchstäblich „letztes Hemd“ vor seiner erwarteten Hinrichtung hervor. Kasra Zareh flüchtet sich in Anekdoten, wenn er erzählt. Das kennt man vom eigenen Vater und dessen Schwejkiaden aus der russischen Kriegsgefangenschaft.

In Evin hat der unter Schah Reza Pahlavi begonnene und von Ajatollah Chomeini fortgesetzte Schrecken kein Ende. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen vor dem Gefängnis zu Tode gefoltert. Die Schriftstellerin Marina Nemat saß mehr als zwei Jahre in Evin, in Zelle 246 – wie Nargess Eskandari-Grünberg. Gegenwärtig befindet sich dort die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die am 6. März 2019 wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38221

stadtkinowien.at           stadtkinowien.vodclub.online           www.flimmit.com

30. 4. 2020

Houchang Allahyari: Normalsein ist nicht einfach

Januar 12, 2017 in Buch, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Autobiografie und ein neuer Film

Allahyari_Normalsein_1D_HRMittwoch Abend stellte Psychiater und Filmemacher Houchang Allahyari im Wiener Stadtkino sein erstes Buch und seinen neuen Film vor. „Normalsein ist nicht einfach“ heißt ersteres, „Die Liebenden von Balutschistan“ zweiterer. Gemeinsam mit seinen beiden Söhnen und seinen beiden Töchtern las Allahyari aus seiner Autobiografie.

Darin erzählt er von seiner Ausbildungszeit zum Neurologen sowie Psychiater unter anderem an der Linzer Nervenheilanstalt Wagner-Jauregg, von seiner Zeit als Psychiater in einer Strafanstalt, wo er das Medium Film in der Therapie mit jugendlichen Straftätern nutzt, und von der Entstehung seiner preisgekrönten Filme und Begegnungen mit Stars wie Leon Askin, Gunther Philipp, Waltraut Haas, Karl Merkatz, Erni Mangold und Liza Minnelli.

In knappem, sensiblem Ton setzt August Staudenmayer die selbstironischen Schilderungen Allahyaris von skurrilen Vorkommnissen und erschütternden Erlebnissen mit Patienten wie etwa Paul Wittgenstein in literarische Episoden um.

Man erfährt, warum die Krankenschwestern im oberösterreichischen Kirchberg Allahyari „Dr. Huschi“ nannten und warum er sich dort einmal als Jesus ausgab, schmunzelt über einen Primarius, der alle Patientinnen „Weibi“ nannte und begleitet den gebürtigen Teheraner auf seinen ersten Schiausflug, der natürlich als Desaster enden musste. Ebenso, wie die „Projektgruppe Film“, die der Psychiater in einer Jugendstrafanstalt ins Leben rief, die sich aber nach der ersten Exkursion in Luft aufgelöst hatte. Immerhin Postkarten seiner Schützline hat Allahyari lange danach noch erhalten, eine sogar aus Indien und zwei aus den USA …

Amalthea Verlag, Houchang Allahyari: „Normalsein ist nicht einfach. Meine Erlebnisse als Psychiater und Filmemacher“, Autobiografie, aufgezeichnet von August Staudenmayer, 240 Seiten.

www.amalthea.at

Die Liebenden von Balutschistan: Allahyari beim Tanzen ... Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Liebenden von Balutschistan: Allahyari beim Tanzen … Bild: © Stadtkino Filmverleih

... und beim Abwarten und Tee trinken (hinten). Bild: © Stadtkino Filmverleih

… und beim Abwarten und Tee trinken (hinten). Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Liebenden von Balutschistan

Wie immer gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch entstand Allahyaris neuer Kinofilm „Die Liebenden von Balutschistan“, der am 13. Jänner in den Kinos anläuft.  Die alte balutschische Liebesgeschichte von Hani und Morid zieht sich als roter Faden durch die Dokumentation. Vater und Sohn sind aus Österreich in das abgelegene Grenzgebiet zwischen Iran, Afghanistan und Pakistan gereist. Auch für Houchang Allahyari ist Balutschistan ein unbekanntes Gebiet, wie für die meisten Iraner. Die Gegend gilt als gefährlich, ist sie doch ein Zentrum des Schmuggels. Auf den Spuren der Legende treffen die beiden Filmemacher auf arme Bauern und reiche Geschäftsleute, auf mutige einheimische Dokumentarfilmer und wilde Krokodile, auf Dichter und Sänger. Von der staubigen Grenzstadt Zahedan geht eine abenteuerliche Fahrt bis nach Charbahar am persischen Golf.

Über den Filmemacher:
Houchang Allahyari, geboren 1941 in Teheran, kam als Jugendlicher nach Österreich, studierte Psychiatrie, arbeitete mehr als 20 Jahre als Psychiater in Strafanstalten und führt heute eine Praxis in Wien. Seit 1970 dreht Allahyari Filme und setzt wiederholt Filme auch in seiner Therapiearbeit ein. 2014 wurde „Der letzte Tanz“ mit Erni Mangold mit dem Großen Diagonale-Filmpreis als bester österreichischer Spielfilm ausgezeichnet.

stadtkinowien.at

Wien, 12. 1. 2017

Stadtkino im Künstlerhaus: Susan Sontag Revisited

Mai 12, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Retrospektive im Rahmen der Wiener Festwochen

Susan Sontag. Bild: Renate von Mangoldt

Susan Sontag. Bild: Renate von Mangoldt

Bevor am morgigen Freitag die Wiener Festwochen mit 36 Theaterproduktionen aus 30 Ländern starten, hier vorab ein Kinotipp: Im Rahmen der Festwochen läuft ab 19. Mai im Stadtkino im Künstlerhaus die Retrospektive „Susan Sontag Revisited“. Die Essayistin, Schriftstellerin, Regisseurin und Theoretikerin und Ikone der amerikanischen Kulturkritik ist eine singuläre Erscheinung: Ihre Texte zu Fotografie und Kriegsberichterstattung, zu Krankheit als Metapher, zu Film und Theater sind legendär.

Weniger bekannt, aber eine echte Entdeckung sind die filmischen Arbeiten von Susan Sontag, die in faszinierend unterschiedlichen ästhetischen Konzepten ganz neue Sichtweisen auf ihre Texte, ihre Weltsicht und ihre Haltung eröffnen. Das Programm:

Die beiden frühen, in Schweden gedrehten Filme „Duett för kannibaler“ (1969) und „Bröder Carl“ (1971) sind dramatische Studien über Liebe und Tod. In Sontags Debütfilm geben ein deutscher Linksintellektueller und seine italienische Frau die „Kannibalen“, die ein junges Paar in einen Strudel emotionaler Verwicklungen stürzen. Partner werden getauscht, Perücken ausprobiert, Bärte angeklebt und Gesichter mit Mullbinden verpackt. Alles scheint nur ein Spiel zu sein, und doch geht es um existenzielle Fragen, um Liebe und Tod. „La déchirure“ (1974), integraler Bestandteil einer mehrere Jahre anhaltenden Rasenden-Reporter-Episode ihres Lebens und Werks, zeigt Israel unmittelbar nach Ende des Jom-Kippur-Kriegs, „Giro turistico senza guida“ (1983) erscheint als geheimnisvolles Porträt der Stadt Venedig, wie sie heute nicht mehr zu finden ist.

Bröder Carl. Bild: Sandrew Metronome

Bröder Carl. Bild: Sandrew Metronome

Duett för kannibaler. Bild: Stadtkino Filmverleih

Duett för kannibaler. Bild: Stadtkino Filmverleih

„A Primer for Pina“ (1984) und „En attendant Godot … à Sarajevo“ (1993) sind zwei kürzere dokumentarische Filme zu Pina Bausch beziehungsweise zu einer eigenen Theaterarbeit im damals belagerten Sarajevo. Im April 1993 reiste Susan Sontag erstmals nach Sarajevo, um ihren Sohn David Rieff zu besuchen, der als Korrespondent für amerikanische Zeitschriften aus der belagerten Stadt berichtete. Bereits während ihres zweiten Aufenthalts im Juli und August erbot sie sich, Becketts Stück im Pozoriste Mladih, dem Theater der Jugend, zu inszenieren. Thema des Films ist nun Sontags Arbeit an diesem Projekt. Sie wirkte auch an dessen Konzeption und Produktion mit, überließ den Regie-Credit aber ihrer ehemaligen Lebenspartnerin Nicole Stéphane, der ebenso das Buch „Über Fotografie“ gewidmet war und die bereits „La déchirure“ produziert hatte. Vor jedem Film läuft ein Kurzfilm über Susan Sontag aus Andy Warhols berühmter „Serie Screen Tests“ (1964).

stadtkinowien.at

www.festwochen.at

Highlights aus dem diesjährigen Festwochen-Programm: www.mottingers-meinung.at/?p=19361

Wien, 12. 5. 2016

Nick Cave: 20,000 Days on Earth

Februar 12, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch im Musiker bleibt ein Mythos

„Music doesn’t come naturally to me. Sitting at a typewriter, writing a script – I can do that. But there is a mystery in music, the process. That’s why I return to it, why it gives me such pleasure.“

RollingStone Interview mit Nick Cave

© Stadtkino Filmverleih

© Stadtkino Filmverleih

Der Wecker klingelt und der zwanzigtausendste Tag im Leben von Nick Cave beginnt. Er steht auf, blickt in den Badezimmerspiegel und sieht  Momente des Alltags als Songs, Gedichte, Romane und Filme Richtung Allmächtigkeit hochgewürgt. Der australische Sänger liebt Metaphern und Mythen und stilisiert sich gerne selbst zum Mythos. Später, am Steuer seines Jaguar XJ sieht er mit seinem schwarzen Anzug und der goldgerahmten Vintage-Brille aus wie ein zwielichtiger Geschäftsmann. Oder ein Auftragskiller. Mit ihm im Wagen Blixa Bargeld oder Kylie Minogue. Cave und Minogue wurden übrigens als ESC-Teilnehmer in Wien vorgeschlagen …

24 Stunden im Leben der Musiklegende Nick Cave – In „20,000 Days on Earth“ treffen Erinnerung, Fiktion und Wirklichkeit des vielfältigen Genies aufeinander. „20,000 Days on Earth“ ist keine herkömmliche Dokumentation, sondern ein rohbehauenes Portrait über Nick Cave, das Einblicke in seinen künstlerischen Schaffensprozess gibt. Ein Film, der sich mit Identität beschäftigt und der Frage auseinandersetzt, was eigentlich den Menschen ausmacht; ein Loblied auf die transformative Macht der Kreativität. Kein Bio-Pic, ein Kunstwerk.

Die Filmemacher Iain Forsyth und Jane Pollard arbeiten bereits seit sieben Jahren an einer Vielzahl von Projekten mit Nick Cave zusammen. „Wir kamen mit Nick schnell überein, was uns an Musik-Dokus nicht gefällt: dieser angeblich unaufdringliche, beobachtende Stil. Den ‚echten’ Nick Cave zu sehen, würde irgendwie mehr von Nick Cave offenbaren. Einem Rockstar dabei zuzusehen, wie er den Abwasch macht oder die Kinder zur Schule bringt, mag als eine stumpfsinnige Art von Promi-Verfolgung interessant sein, fesselt einen aber nicht intellektuell“, sagt Forsyth. Cave hat für den Film von Iain Forsyth und Jane Pollard nicht nur das Drehbuch geschrieben, er führt als Hauptdarsteller auch durch die Rahmenhandlung: Man sieht, wie er in seinem Arbeitszimmer an Texten arbeitet, beim Therapeuten über seine Kindheit spricht, mit einem Bandmitglied zu Mittag isst, in seinem Archiv stöbert und mit seinen beiden Söhnen vor dem Fernseher sitzt. Der Film ist ein einziger Gedankenstrom. Kein Spiel, keine Spielereien.

Im Geiste visionärer Filme wie „The Song Remains the Same“ (1976) über Led Zeppelin und Jean-Luc Godards „One plus One/Sympathy for the Devil“ (1968) begannen Forsyth und Pollard die visuelle und strukturelle Sprache zu entwerfen, die sie verwenden wollten. Beiden Regisseuren war klar, dass sie kein ehrfürchtiges Porträt des Künstlers anstrebten, ihn aber auch nicht demaskieren wollten, um Gewöhnliches aufzudecken. Vielmehr wollten sie mit Rockmythologie spielen und betonen, was Nick Cave so außerordentlich macht. (Nein, es sind nicht die  – mutmaßlich gefärbten – blauschwarzen Haare.) Funktioniert hat nur ein Teil des Plans: Die Filmemacher haben sich wie Schüler Wagner ihrem Helden und Lehrmeister Faust ergeben. Der macht dafür auf Mephisto: Grau, meine Freunde, ist alle Theorie, aber ihr kennt ja meine Songtexte und wisst das…

Cave, Jahrgang 1957, versucht sich tatsächlich als Theoretiker des Songwritings. Im Auftrag der Schule für Dichtung in Wien hielt er eine Vorlesung. Darin formulierte Cave den Gedanken, dass ein Song immer auch Melancholie enthalten müsse. Caves Poetik weist eine Nähe zur Romantik auf, nach deren theoretischem Konzept jedes Kunstwerk durch Ironie gebrochen werden müsse. Ähnlich wie in der Romantik beruhen seine Texte häufig auf  Transzendenz. In seinen frühen Alben stellte meistens das Alte Testament einen wichtigen Bezugspunkt seiner Texte dar, wie auch in seinem epischen Roman „Und die Eselin sah den Engel“. Vor allem mit dem 1997 erschienenen Album „The Boatman’s Call“ tritt das Neue Testament stärker in den Vordergrund. 1998 schrieb Cave eine Einleitung zum Markus-Evangelium. Neben der Bibel lassen sich viele andere literarische Einflüsse in seinen Texten wiederfinden, wie zum Beispiel Nabokov, Dostojewski, William Faulkner und Dylan Thomas. Ganze Seiten könnte man also mit den klugen Aphorismen füllen, die Cave im Film von sich gibt. „Es gibt Wahrheiten, die unter der Oberfläche der Worte ruhen … , die sich urplötzlich zeigen wie die Buckel eines Seemonsters und dann wieder verschwinden. Auftreten und Singen stellen für mich einen Weg dar, dieses Monster an die Oberfläche zu locken.“ Auf der Bühne, eins mit seinen Monstern, gibt sich der Sänger als Prophet. Furchteinflößend, aber das liebevoll. Er rührt die junge Frau in der ersten Reihe zu Tränen, wenn er singt „Can you feel my heartbeat?“. Sie nickt und lächelt selig.  Ach, Nick. Wir hören dich. Und bitten dich: Erhöre uns!

www.20000daysonearth.com/

http://nickcave.com/

http://stadtkinowien.at

Wien, 12. 2. 2015

Stadtkino: Wo ich wohne

Dezember 15, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Film für Ilse Aichinger

„Wer weiß, vielleicht besteht mein Jubel darin, dass ich unauffindbar bin.“
Ilse Aichinger in der Erzählung „Die Maus“
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Filmemacherin Christine Nagel lernte Ilse Aichinger bei einer gemeinsamen Hörspiel-Arbeit im Jahr 2001 kennen – ein halbes Jahr vor ihrem 80.Geburtstag, als die Schriftstellerin noch täglich durch Wien zog, jede Gasse kennend, und am Abend in bis zu drei Kinos ihre Zeit verbrachte – der Stadtraum Wien war ihr Zuhause geworden. Der erste Besuch bei Ilse Aichinger dauerte länger als gedacht, und führte dazu, dass die Filmemacherin über viele Jahre hinweg die Autorin besuchte – bis heute. Sie teilten Zeit und Raum im Kinosaal, der für Ilse Aichinger die ersehnte Möglichkeit war „zu verschwinden“. Sie zogen von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, an Orten und Plätzen vorbei, die Ilse Aichinger prägten.

Wien bildet den zentralen Bezugspunkt in Ilse Aichingers Werk – in die Topographie dieser Stadt sind ihre Erinnerungen eingeschrieben, die „äußerste Geborgenheit“ der Kindheit ebenso, wie die „äußerste Bedrängnis“ der Kriegszeit, als ihre jüdischen Verwandten deportiert wurden, und sie die Stadt als „Mischling ersten Grades“ nicht verlassen durfte. Ausgelöst von der Betrachtung eines Details, eines Brunnens, eines Ladens, holt Ilse Aichinger in ihren Prosagedichten Vergangenes und biografische Erlebnisse hervor. Die Erfahrung, mit Ilse Aichinger Wien zu betrachten, ist eingegangen inden Film „Wo ich wohne“ – die Wege der Autorin in der Stadt, ihr Radius um die Stadtmitte herum und in sie hinein. Die Kurzgeschichte gleichen Titels erschien rückblickend als Parabel auf Ilse Aichingers Zeit im Wien der Kriegs- und Nachkriegsjahre. So war es naheliegend, fiktionales Werk mit dokumentarischen Bildern in einem Film zu verschränken. Die Filmbilder sind tief verwachsen in der bildreichen Sprache von Ilse Aichinger, ihren Motiven, ihrem existentiellen Fragen: Wie geht das: Weiterleben? – nach der Erfahrung des Verlustes nahezu aller Familienmitglieder im Holocaust? – mit der Skepsis gegenüber einer Welt, die das Bewusstsein des Abschieds dem täglichen Erleben ein gebrannt hat?

In dem Film sind zum ersten Mal Auszüge aus dem Briefwechsel der beiden Zwillingsschwestern Ilse und Helga Aichinger zu hören, die durch den Holocaust getrennt wurden: während Ilse Aichinger die Bedrohung hautnah täglich miterlebte, und wie durch ein Wunder mit ihrer Mutter in Wien überlebte, war Helga Aichinger-Michie mit einem Kindertransportnach London entkommen. England wird zum Sehnsuchtsort in Ilse Aichingers Schreiben. Helga Aichinger-Michie verarbeitete ihre Erfahrungen später in Radierungen, zu denen Ilse auch einige Texte schrieb. So veröffentlicht der Film zum ersten Mal Texte der beiden Schwestern, die durch die Verfolgung in der Nazizeit zeitlebens getrennt blieben: Wien und London bilden so die Bezugspunkte, die sichwie zwei Stränge komplementär durch das Werk von Ilse Aichinger ziehen. Was Ilse Aichinger auch notiert, es ist ein ständiges Fragen und Suchen darin verborgen, ein sehnsuchtsvolles Aufbegehren, das keine Erfüllung zu finden scheint. In vielen ihrer Aufzeichnungen denkt sie „Abschied“ und „Liebe“ zusammen, und bemerkt, dass erst das Zusammenwirken beider vor Erstarrung bewahren kann. Bisher nie veröffentlichte Super-8-Filme, die Ilse Aichinger in den 60er/70er Jahren an ihrem damaligen Wohnort Großgmain und in Wien selbst gedreht hat, ergänzen als „Blitzlichter der Erinnerung“ die Filmerzählung.
Wien, 15. 12. 2014