Das brut geht online: Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien. Artist-Talk & Filmscreening

November 17, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur mal kurz ganz Wien retten

Die Rabtaldirndln: Vier steirische Actionheldinnen retten in der Bundeshauptstadt, was an der noch zu retten ist. Screenshot: Trailer „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

James wer? Ethan wie? Die einzigen, die Wien vor den Machenschaften von vier Bösewichtinnen retten können, sind doch eindeutig die Rabtaldirndln! Das hat die performative Viererformation schon erfolgreich mit Graz getan, wo’s darum ging, das Herz der Grünen Mark vorm Dasein als Disney-Waterpark samt ganzjährigem Aufsteirern zu bewahren. Nun setzen sie ihre Superheldinnenkräfte für die Bundeshauptstadt ein.

Deren erster Bezirk erst warm abgetragen, dann geflutet werden soll, auf dass ein „Dubai an der Donau“ entstünde, eine Oligarchinnen-Insel der Seligen mit dem Burgtheater als Indoorsportpalast und Albertina-Ambiente für die Luxusappartements … Noch Anfang Oktober haben Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Bea Dermond und Gudrun Maier ihre Koproduktion mit brut Wien live am Schwendermarkt gezeigt, das nervenzerfetzende Action-Movie-Spektakel getarnt als Filmdreh in und um die VHS Rudolfsheim-Fünfhaus mit dem Publikum als Komparsinnen und Komparsen. Doch die seit „Live and please die“ Spionagefall-erfahren Frauen erlebten mit „#Corona never dies“ sozusagen ihr „Octoberpussy“ – weshalb sie nun zum Online-Artist-Talk & Filmscreening von „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“ luden, der Film nach wie vor zu sehen auf brut-wien.at.

Mit famosem Humor arbeitet sich das Frauenkollektiv am Bond-Mythos samt dessen Klischees von Männlichkeit ab. Die muss nicht unbedingt gleich „toxisch“ sein, wie eine Diskussionsteilnehmerin im „Wie konntet ihr nur?“-Tonfall nicht aufhört zu fragen. Nein, sagen die Rabtaldirndln, this is a Women’s World, und Frauen treten im Gegensatz zum Loner Spy als Kollektiv an, aber: Die Rabtaldirndln seien als Kunstfiguren ebenso gewaltbereite, die ethisch außerhalb jeder Grenze agieren – und in diesem speziellen Setting neben ihren Superheldinnenrollen außerdem als Schurkinnen eingesetzt.

Helene hält die Cue Cards hoch. Bild: © Franzi Kreis

War Room. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Control Room. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Action Room. Bild: © Franzi Kreis

Und so landet man via Video ebendort, beim Making-of, für das kein Geringerer als toxic-dreams-Mastermind Yosi Wanunu als Regisseur fungiert, und Gerda Saiko als Outside Eye, der Parcours voll aberwitziger Ideen gestaltet von Ausstatter Georg Klüver-Pfandtner. „Wir tun jetzt so, als würdet ihr glauben, dass wir einen Film drehen“, empfiehlt Gudrun Maier dem Publikum, und dieser Selbstbetrug wird nun hundert Minuten lang durchgezogen. Die Handlung, teilweise durchspickt mit Original-Floskeln, ist eine soziale Dystopie über Turbokapitalismus und Demokratieversagen, Kagran eine Sondermülldeponie, auf der Flüchtlingskinder nach Seltenen Erden graben, die Lobau Malaria-verseucht, der Fluss gefährdet von suizidalen Reichsbrücken-Befahrern.

Einzig der erste Bezirk ist eine Schutzzone, vor der bewaffnete Sicherheitskräfte Ausweise und Bankomatkarten kontrollieren. Welch ein Uschi-Stenzel-Traum! 184 Minikameras, versteckt in – no na – Armbanduhren, Blumenkästen und einem Dirndl-Schneidezahn drohnen durch die totale Paranoia, jene dunkelwindige Atmosphäre, in der Assistent Director Helene die Cue Cards für die Komparserie im doppelten Wortsinn hochhält. Derart versteckt sich im spaßigen Spiel die Dirndl-typische Gesellschaftskritik, nach Landflucht und Pflegenotstand ist’s nun die über Gentrifizierung und Kommerzialisierung; die Frage, die sie diesmal stellen, so die Performerinnen im Talk, ist: Wem gehört die Innere Stadt und ihre Kultur?

Welch ein Theater-Film-Experiment im, darauf wird wert gelegt, Olivier-Assayas-Stil. In einer geheimen Mission stürmt das #Corona-Masken-vermummte Komparserie-Publikum die als Headquarter auserkorene VHS, um dort vom War Room in den Control Room in den Action Room geleitet zu werden. In ersterem wird man top secret darüber informiert, wie sich die Bürgermeisterin in die Hände eines kriminellen Konsortiums begab, in zweiterem hat man als Geheimdiensthacker endlich die ebenfalls mit besonderen Begabungen ausgestattete Kanaille auf dem Schirm, eine Feuerteufelin, eine Cyborg, eine Banshee und eine niederträchtige Wassernixe.

In Bond-Pose: Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Gudrun Maier und Bea Dermond. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Im dritten folgen spektakuläre Verfolgungsjagden auf dem Snowboard vor hochalpiner Kulisse auf solche mittels Paraglider auf Motoryacht und Edelkarosse, augenzwinkernde Zitate aus Pappendeckel und Faschingsseide. Und während das Publikum mit Windmachen und Knöpfe-Drücken beschäftigt ist, wird Agentin X der berüchtigte, von den anderen als antifeministisch, von ihr aber als weibliche Selbstermächtigung gelesene „Buchtel-Satz“ aus dem Skript gestrichen, verschwimmt Fakt mit Fiktion, wenn Agentin Y Dreh mit Diskurs

verbindet und mit den Zuschauerinnen und Zuschauern in einen Dialog ums Wiener Wohnen, hohe Mieten und das Klima in der Stadt tritt. Die schönsten Sequenzen, leider, fanden bereits im Verborgenen statt. Das Bad in einem Martiniglas vor vierzig Bond-Boys, die Sexszene … Dafür darf die Komparserie aus roter Wolle ein Lasernetz spannen, durch das eifrig gerobbt wird, gilt es doch die Bombe zu entschärfen. Welchen Draht durchschneiden – rot oder grün? Die Frage hat sich in Wien erledigt. Doch auf die, was man als Statistin, als Statist in dieser Stadt tun kann, ist die Antwort ein eindeutiges: „Und: Action!“ der Rabtaldirndln.

„Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“ ist höchst amüsanter Nonsens mit ganz viel Hintersinn, bei dem nicht nur ein Kinogenre, sondern selbstverständlich eine Geisteshaltung in ihre Bestandteile gesprengt wird. Die Lockdown-Pause will das Performancekollektiv für ein „Die Stadt der …“-Comicheft nutzen, das im Frühjahr 2021 erscheinen soll, danach warten aufs Format Einladungen in andere europäische Städte. Schlusssatz Yosi Wanunu beim Online-Artist-Talk: Er hoffe, dass die #Corona-Lehre eine „Culture-Diet“ sei, „und die Kulturverantwortlichen nicht länger die Big Events und die Festivals abfeiern, sondern endlich die vorhandenen, das ganze Jahr über arbeitenden Künstlerinnen und Künstler entsprechend fördern“.

brut-wien.at           dierabtaldirndln.wordpress.com

Trailer: vimeo.com/452533536           Film: vimeo.com/479300245

  1. 11. 2020

Fang Fang: Wuhan Diary

September 5, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Virus mit trockenem Humor bekämpft

„Natürlich fehlt es bei aller Rührung nicht an Komik. Es gibt ein Video, das das medizinische Hilfsteam der Provinz Sichuan bei seiner Abfahrt nach Hubei zeigt. Ein Ehemann ruft seiner Frau im Bus zu: ,Zhao Yingming, komm gesund zurück! Dann übernehme ich für ein Jahr die gesamte Hausarbeit, versprochen!‘ Zhao Yingming ist wohl inzwischen wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt. Umgehend kursierte im Netz ein Video, worin es heißt: ,Geschätzte Netizens, überwacht bitte, ob der Ehemann tatsächlich sein Jahr Hausarbeit abarbeitet!‘ Es löste großes Gelächter aus.“

Derart sind die Blog-Einträge, die die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang von 25. Jänner bis 24. März 2020 als Online-Tagebuch veröffentlichte. Fang Fangs Impressionen aus ihrer Heimatstadt Wuhan in der Provinz Hubei, Geschichten aus einer Neun-Millionen-Einwohner-Metropole, der #Corona-Metropole, die 76 Tage lang komplett von der Außenwelt abgeriegelt wurde, Fang Fangs Schilderungen voll Wärme, Mitgefühl, Zorn und immer wieder Hoffnung, die in China mehr als 100 Millionen Internetfollower fanden, sind nun auf Deutsch als Buch erschienen.

„Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ liefert einen unverstellten Blick auf den Beginn der #Corona-Pandemie, ist ganz nah an den Menschen, ihren Nöten und Ängsten, ihrer überbordenden Nachbarschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und wie Fang Fang das Virus mit dem sprichwörtlichen Wuhaner trockenem Humor bekämpft und die Propaganda des Pekinger Parteiregimes mit glühender Leidenschaft ad absurdum führt, lehrt sie den Leser die Chinesinnen und Chinesen neu einzuschätzen und zu schätzen – ihren Mut, ihre Findigkeit in vertrackten Situationen, ihren Hang zur Anarchie, wo immer das offizielle Narrativ ein Freizeichen dafür lässt.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis“, schreibt Fang Fang, das erste „Wir“ dabei eine höfliche Formulierung für zwanzig Tage systemimmanentes Lügen und Verschweigen, samt Kriminalisierung couragierter Ärzte, in denen das Wissen um #Covid-19 nicht publik gemacht wurde – mit katastrophalen Folgen für die ganze Welt.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Denn bereits im Dezember 2019 warnte der Arzt Li Wenliang in einer WeChat-Gruppe Kollegen angesichts einer Serie von Lungenentzündungen im Zentralkrankenhaus Wuhan vor einem neuartigen Virus – worauf er und sieben weitere Ärzte unter Androhung von Strafe eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben mussten, an die sich Li Wenliang freilich nicht hält. Der Tod des Whistleblowers Anfang Februar löste in ganz China Proteste aus. Bei Fang Fang ist zu lesen, wie die Wuhaner am Abend mit Taschenlampen und Smartphones einen Lichtstrahl in den Nachthimmel senden, um den tapferen Mediziner zu ehren.

Auch von sich selbst berichtet Fang Fang. Wie sie eine Liste zusammenstellt, wen sie wann und wo ohne Maske getroffen hat. Von der quälenden Ungewissheit, ob sie oder einer aus ihrer Familie sich infiziert haben. Vom verzweifelten Versuch, Schutzmasken zu kaufen. Von langen Menschenschlangen vor den Krankenhäusern und einem Personal knapp vor dem Kollaps. Wir haben der Regierung allzu sehr vertraut!, empört sie sich in diesem Post. „… nun irrten unzählige Erkrankte in eisiger Kälte durch Sturm und Regen in der Stadt herum, auf der vergeblichen Suche nach medizinischer Behandlung.“  Die Ermahnungen der Ärzte? „Solange ihr noch Reis habt, esst lieber nackten Reis, auf keinen Fall die Wohnung verlassen! Na gut, wir hören auf sie.“

Und während die pensionierte Vorsitzende des regionalen Schriftstellerverbandes im Fernsehen zusieht, wie in nur zehn Tagen das Notkrankenhaus Huoshenshan aus dem Boden gestampft wird, wird erstmals einer ihrer Blog-Einträge gesperrt. „Es gibt ein Schweigen, das lügt“, zitiert Fang Fang Victor Hugo, und berichtet: „Die Netzzensur erregt bereits den Zorn der Bevölkerung. Die Leute spielen Katz und Maus mit ihr, ein Text wird nach dem Löschen sofort wieder gepostet, gelöscht, erneut gepostet, gelöscht, erneut gepostet. Schlag auf Schlag. Die Zensur kommt kaum nach, kriegt es nicht in den Griff.“ Das Bewahren eines Textes wird zur heiligen Verpflichtung. Seltsam mutet es an, zu Zeiten von Fake News und Hass im Netz, zu erfahren, dass andernorts das World Wide Web der Hort der Wahrheit und des Widerstands ist.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang notiert lakonisch. Den Durchhaltewillen der Großstadtbewohner, die Unfähigkeit von Funktionären, die Aufopferung von Ärzten, die physischen und psychischen Herausforderungen der Quarantäne. Nichts entgeht ihrem scharfen Auge. Sie beteiligt sich an Gruppeneinkäufen und Kochdiensten für ihren Häuserblock, sie weiß ums Decke-auf-den-Kopf-Fallen: „Mein ältester Bruder beschreibt es in einfachen Worten: ,Es ist sehr langweilig. Wir glotzen Serien, um uns die Zeit zu vertreiben‘“, sie sorgt sich um die Waisen der Epidemie, die von den Behörden „eingesammelt“ werden : „… das jüngste nur vier, fünf Jahre alt. Sie fürchten sich vor Leuten in Schutzanzügen, auch vor Leuten mit Schutzmasken“.

Und sie sorgt sich um ihren betagten Hausgenossen: „Mein alter Hund ist schmutzig und stinkt, sein altes Hautleiden ist wieder aufgebrochen. Meine Hände sind verbraucht und rissig, ich wage nicht, ihn zu waschen. Wann öffnen die Tierkliniken? Ich lasse ihn jeden Tag in den Hof und tröste ihn: Warte nur ein paar Tage, bald fühlst du dich wieder besser.“

Als sie sich über dröhnende Erfolgsmeldungen mokiert, den leere Phrasen dreschenden Kader, die Unfähigkeit der „Maulwerktätigen“, wird sie, kein Parteimitglied, aber auch keine Dissidentin, gezielt angegriffen. Man beschimpft und bedroht sie, auch Todesdrohungen sind dabei, von Stunde zu Stunde schwebt die Sperrung ihres Accounts wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf. Dennoch gibt sie Auskunft über den Einsturz des Xinjia-Hotels in Quanzhou, das als Quarantänestation benutzt wurde, über den Unmut des WHO-Mitglieds Yuen Kwok-yung: „Man hat uns während unseres Aufenthalts in Wuhan ausschließlich ,Mustereinheiten‘ vorgeführt. Sie hatten auf jede unserer Fragen eine Antwort parat, es war offensichtlich alles einstudiert“, über Leichensäcke, die bei Nacht und Nebel in Transporter geschichtet werden.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang verfügt mittlerweile über unzählige Quellen, es nimmt Tage in Anspruch alle Nachrichten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Den sie mit Hass und Häme überschüttenden, mutmaßlich regierungsgesteuerten Trollen steht eine Armada von Menschen gegenüber, die der Schriftstellerin verifizierte Informationen zukommen lassen, die sie dann ihrerseits weitergibt. Fang Fang gibt nicht nur den Bewohnern Wuhans eine Stimme, sondern öffnet nun auch Herz und Hirn der deutschsprachigen Leser. Welch eine mutige Frau, welch ein Buch!

Was das „Wuhan Diary“ zeigt ist, dass im Reich der Mitte nichts mehr unbeweint, unbenannt, verschwinden und vergessen werden kann. Wenn jetzt eine Parteizeitung aus dem Testament eines am Virus Sterbenden lediglich den Satz „Meinen Leichnam vermache ich dem Land“ zitiert, gibt es eine Schriftstellerin, die ihrem millionenfachen Lesepublikum mitteilen kann: „Tatsächlich stehen in den letzten Worten noch weitere vier Zeichen: ‚Ach, meine Frau!‘. Hat die Zeitung für diese ‚kleine‘ Liebe nur Verachtung übrig?“ Es ist tragisch und paradox, dass ausgerechnet diese zutiefst menschliche, auf ihre Art patriotische Stimme zum Schweigen gebracht werden soll.

Ein letzter Eintrag sei zitiert, 5. März 2020, Vizeministerpräsidentin Sun Chunlan besucht ein Wohnviertel in Wuhan, wofür die Gegend aufpoliert, die Lebensmittel in den Läden aufgestockt werden. Fang Fang: „Heute erregt ein Video gewaltigen Aufruhr in Wuhan: Bei der Inspektion eines Wohnviertels durch eine Führungspersönlichkeit der Zentralregierung rufen Leute aus den umliegenden Wohnhäusern ,Fake! Alles Fake!‘. Die Führungspersönlichkeit bricht den Besuch daraufhin auf halbem Weg ab.“  Nun sage keiner, davon könne man hierzulande nichts lernen …

Über die Autorin: Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den vergangenen 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielten die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. 2016 veröffentlichte sie den von der Kritik gefeierten Roman „Weiches Begräbnis“, für den sie mit dem renommierten Lu-Yao-Preis ausgezeichnet wurde.

Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

www.hoffmann-und-campe.de

  1. 9. 2020

Belvedere: Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938

Januar 21, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Unterdrückt, unterschätzt, kaum wahrgenommen

Helene Funke: Akt in den Spiegel blickend, 1908-1910 © Belvedere, Wien. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Im Kanon der Kunstgeschichte werden sie bis heute kaum genannt. Die Künstlerinnen, die zur Zeit der Wiener Moderne und der Ersten Republik in Österreich mit ihren Werken einen wesentlichen Beitrag zum Kunstgeschehen geleistet haben, wie etwa Elena Luksch-Makowsky, Broncia Koller-Pinell, Helene Funke oder Erika Giovanna Klien. Im Unteren Belvedere ist diesen Frauen nun ab 25. Jänner die längst überfällige Präsentation „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938“ gewidmet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Frauen, die Künstlerinnen werden wollten, massiv benachteiligt. Sie durften nicht an der Akademie studieren und hatten nur eingeschränkten Zugang zu Künstlervereinigungen. Damit reduzierten sich für sie auch die Ausstellungsmöglichkeiten. Trotz dieser Hürden gelang es einigen von ihnen, erfolgreich eine Karriere aufzubauen. Sie waren in der damaligen Kunstszene aktiv und stellten in der Secession, im Hagenbund, im Salon Pisko und in der Galerie Miethke aus.

Obwohl in den vergangenen Jahren Leben und Werk mancher der damals renommierten Künstlerinnen erforscht und in Retrospektiven aufgerollt worden sind, werden ihre Arbeiten bis heute in ihrer Bedeutung unterschätzt und kaum wahrgenommen. Ziel der Ausstellung im Belvedere ist, den Blick auf die Wiener Moderne und die Zwischenkriegszeit zu erweitern. Im Mittelpunkt stehen Künstlerinnen, die viel zur Kunst dieser Zeit beigetragen haben. Zum Teil werden wiederentdeckte Werke gezeigt, die erstmals präsentiert werden. Vor allem würdigt die Schau jedoch die Beiträge der heute großteils vergessenen Künstlerinnen zu den Kunstrichtungen Stimmungsimpressionismus, Secessionismus, Expressionismus, Kinetismus oder Neue Sachlichkeit.

Elena Luksch-Makowsky: Ver Sacrum. Selbstbildnis mit Sohn Peter, 1901. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Helene von Taussig: Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, 1920 /30. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu sehen sind Werke von Ilse Bernheimer, Maria Cyrenius, Friedl Dicker, Marie Egner, Louise Fraenkel-Hahn, Helene Funke, Greta Freist, Margarete Hamerschlag, Fanny Harlfinger-Zakucka, Hermine Heller-Ostersetzer, Johanna Kampmann-Freund, Elisabeth Karlinsky, Erika Giovanna Klien, Broncia Koller-Pinell, Frida Konstantin Lohwag, Elza Kövesházi-Kalmár, Leontine von Littrow, Elena Luksch-Makowsky, Mariette Lydis, Emilie Mediz-Pelikan, Teresa Feodorowna Ries, Mileva Roller, Frieda Salvendy, Emma Schlangenhausen, Anny Schröder-Ehrenfest, Lilly Steiner, Helene Taussig, Ilse Twardowski-Conrat, My Ullmann, Olga Wisinger-Florian, Grete Wolf Krakauer oder Franziska Zach.

www.belvedere.at

21. 1. 2019

Stewart O’Nan: Stadt der Geheimnisse

November 1, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nation, aus dem Terror geboren

Während dieser Tage wegen stockender Friedensverhandlungen die Palästinenser-Führung einmal mehr beschloss, Israel die Anerkennung als Staat zu entziehen, berichtet Stewart O’Nan in seinem aktuellen Buch „Stadt der Geheimnisse“ von der Stunde Null vor dessen Gründung. Auf 224 Seiten macht der US-Schriftsteller vor allem eines deutlich: das Gelobte Land ist aus dem Terror geboren. Hagana, Irgun und die Lochamei Cherut Jisrael alias Stern-Bande, „die Verteidigung“, die „Nationale Militärorganisation“ und die „Kämpfer für die Freiheit Israels“, bekriegen die britische Mandatsherrschaft, wo sie sie zu fassen kriegen. Vom Irgun-Anführer und späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin stammt auch das einleitende Zitat: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen.“

Dieses Himmelsgeschöpf hat Protagonist Brand nie gesehen. Er ist, was Gott betrifft, „einer, der nicht wusste, wie man fragt“. Brand ist lettischer Jude, als solcher interniert erst von den Nazis, dann von den Russen, seine gesamte Familie im Holocaust ermordet. 1947 gelangt er nach Jerusalem, und wird mit gefälschten Papieren als „Jossi“ Taxifahrer – im Auftrag der zionistischen Untergrundkämpfer.

Tagsüber fährt er Touristen zu den Besichtigungsstätten ihrer Pilgerreise, nächtens die Terroristen. So beginnt O’Nans düsterer Roman noir über einen persönlichen, wie einen politischen Kampf um Unabhängigkeit – und die Sehnsucht nach dem Erlöschen von Erinnerungen. Alle aber stehen hier am „offenen Grab der Vergangenheit“, und mit einer Szene über die Willkür und Gewalt britischer Soldaten bei einer Verkehrskontrolle, zieht einen der Autor sofort in Bann und mitten hinein in die Atmosphäre der Stadt.

„Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers“, formuliert O’Nan. Gefahr flirrt in der Luft, während der seelisch Kriegsversehrte von den Schuldgefühlen des Überlebthabenden und von Bildern erlebter Gräueltaten heimgesucht wird, Bildern von „nackten Toten, die wie Schweinekadaver aufeinandergeschichtet waren“, und vom „Kameraden Koppelmann“, der von einem KZ-Aufseher totgetreten worden war. Einmal, da ist Brand vom bloßen Chauffeur bei Einsätzen längst zum Mitattentäter avanciert, denkt er betroffen, er belle die Drohungen und Befehle an die Geiseln im verabscheuungswürdig vertrauten Tonfall dieses Peinigers.

Für „Eretz Israel“ wird ein E-Werk in die Luft gejagt, ein Zug mit Lohngeldern überfallen, ein Major entführt – was gründlich schief geht. Brand ist nur ein kleiner Fisch, in den tieferen Sinn der Aktionen ist er nie eingeweiht, die großen Zusammenhänge erfährt er nach den Anschlägen aus dem Radio, von der „Stimme des kämpfenden Zion“. Dann ist er zwar stolz, dabei gewesen zu sein, aber anders als seine Mitstreiter in der Zelle, der sleeke Anführer Asher, der hinter seiner Brille blinzelnde Lipschitz, die undurchsichtigen, unzertrennlichen Fein und Yellin, der charismatische Gideon, „weigerte er sich, wahrscheinlich, weil er Häftling gewesen war, Hinrichtungen als Waffe zu akzeptieren“. Neben den Männern kommen zwei Frauenfiguren vor – wie es sich für einen Spionagekrimi gehört, eine „geheimnisvolle Blonde“, und Eva, eine Prostituierte mit einer geheimnisumwitterten Narbe im Gesicht, zu der Brand eine komplizierte Beziehung unterhält.

Sie wird sich als involviert, wenn nicht sogar ausführendes Organ, beim Bombenanschlag auf das King David Hotel herausstellen, eine von O’Nan vorgenommene Zeitverschiebung, fand dieses von der Irgun verübte Attentat tatsächlich doch schon am 22. Juli 1946 statt, und während sich für Brand und damit den Leser allmählich entschlüsselt, wer aller zur Organisation gehört, Vermieterin, Lebensmittelhändler, sein Taxiunternehmer-Chef, gibt es innerhalb der Zelle Verhaftungen. Und plötzlich wird ein Verräter gesucht, und es gibt ein Mordopfer mit symbolträchtig herausgeschnittener Zunge …

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

„Die Stadt der Geheimnisse“ ist eine kompakte, schlicht und umstandslos erzählte Geschichte. O’Nans Schilderungen der Vorgänge hinter den Mauern der Jerusalemer Altstadt sehen durchs geistige Auge wie ein Schwarzweißfilm aus, als wäre dies hier ein literarischen Pendant zu Orson Welles‘ berühmten „Dritten Mann“. Als Subtext ist mitzulesen, wie Weltpolitik in einem Land gemacht wird, in dessen Bewohnern wie Besuchern die ganze Welt zusammenkommt. Der Konflikt, der das Buch in Gang setzt und den Rahmen zur Handlung bildet, das Gesetz, das Brand zum Illegalen macht, ist die jüdische Immigration in Palästina. Beziehungsweise deren Verhinderung durch die Briten, die sich weigerten weitere Visa auszustellen, und deren Blockade der Alija-Bet-Schiffe zur humanen Katastrophe führte. Gerade erst den Lagern entkommene Menschen wurden unter anderem auf Zypern zwangsinterniert.

Antiheld Brands Verlorenheit, der moralische Zwiespalt, in dem er wegen der Anschläge steckt, seine Unsicherheit, wo er stehen muss, soll, kann, verstärkt sich, je mehr der Krieg zu einem der Gesten wird: „Die offizielle Reaktion war ein Tanz der Propaganda. Die Jüdische Vertretung verurteilte die Irgun als Terrortruppe. Begin warf den Briten vor, dass sie nicht auf ihre Warnung gehört hätten, das Hotel evakuieren zu lassen. Die Briten behaupteten, sie hätten keine Warnung erhalten. Für Brand spielte es keine Rolle. Er hatte die Nase voll vom Krieg.“

Auf die Frage „Wie konnte man töten und sich immer noch gerecht nennen?“, diese bis heute, und das das Aktuelle an Stewart O’Nans historischem Roman, zwischen den im – auf die britische Mandatszeit zurückreichenden – Streit liegenden Lagern Israels und Palästinas ungeklärt, findet Brand schließlich für sich eine Antwort. Nicht länger Soldat sein, und auch nicht mehr Häftling, sondern frei. Denn die Mächtigen, so O’Nans Schluss, müssen immer bedenken, dass die Menschen eines wollen – Frieden …

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Auch für seine letzten beiden Romane „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235) und „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) wurde er von der Kritik gefeiert und eroberte sich in Österreich eine große Leserschaft.

Rowohlt, Stewart O‘Nan: „Stadt der Geheimnisse“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Gunkel.

stewart-onan.com

www.rowohlt.de

  1. 10. 2018

Volkstheater-Sanierung: Stadt Wien gibt zwölf Millionen

April 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bund stellt Finanzierung in gleicher Höhe in Aussicht

Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Kulturausschuss des Wiener Gemeinderates hat am Dienstag einstimmig beschlossen, das Volkstheater mit zwölf Millionen Euro für die Generalsanierung zu unterstützen. Die Summe wird innerhalb der kommenden drei Jahre in Teilbeträgen zu je vier Millionen Euro aus Zusatzmitteln zum regulären Kulturbudget bereitgestellt. Neben den von der Stadt Wien zur Verfügung gestellten Mitteln hat der Bund eine Finanzierung in gleicher Höhe in Aussicht gestellt.

Das Volkstheater erbringt zusätzlich Eigenleistungen, die durch Eigenmittel und Erlöse aus einer Spendenkampagne finanziert werden. Die Kosten für das Projekt wurden nämlich bei Amtsantritt von Intendantin Anna Badora mit Verweis auf eine Studie – diese stammt allerdings aus dem Jahr 2011 – mit etwa 35 Millionen Euro beziffert. Derzeit läuft die Ausschreibung für die Generalplanung des Projekts. Eine Entscheidung der aus Vertretern des Volkstheaters und Sachverständigen zusammengesetzten Jury dazu wird noch vor dem Sommer erwartet. Im Herbst soll das erste Detailkonzept vorliegen. Der Sanierungsbedarf umfasst unter anderem die denkmalgeschützte Gebäudehülle, die Bühnentechnik und Verbesserungen im Zuschauerbereich in Bezug auf Barrierefreiheit, Klimatisierung und Akustik. Eine erste Bauphase ist für die Sommerpause 2017 geplant. Im Sommer 2019 soll die Sanierung des Hauses am Weghuberpark dann abgeschlossen sein.

www.volkstheater.at

Wien, 5. 4. 2016