Belvedere: Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938

Januar 21, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Unterdrückt, unterschätzt, kaum wahrgenommen

Helene Funke: Akt in den Spiegel blickend, 1908-1910 © Belvedere, Wien. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Im Kanon der Kunstgeschichte werden sie bis heute kaum genannt. Die Künstlerinnen, die zur Zeit der Wiener Moderne und der Ersten Republik in Österreich mit ihren Werken einen wesentlichen Beitrag zum Kunstgeschehen geleistet haben, wie etwa Elena Luksch-Makowsky, Broncia Koller-Pinell, Helene Funke oder Erika Giovanna Klien. Im Unteren Belvedere ist diesen Frauen nun ab 25. Jänner die längst überfällige Präsentation „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938“ gewidmet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Frauen, die Künstlerinnen werden wollten, massiv benachteiligt. Sie durften nicht an der Akademie studieren und hatten nur eingeschränkten Zugang zu Künstlervereinigungen. Damit reduzierten sich für sie auch die Ausstellungsmöglichkeiten. Trotz dieser Hürden gelang es einigen von ihnen, erfolgreich eine Karriere aufzubauen. Sie waren in der damaligen Kunstszene aktiv und stellten in der Secession, im Hagenbund, im Salon Pisko und in der Galerie Miethke aus.

Obwohl in den vergangenen Jahren Leben und Werk mancher der damals renommierten Künstlerinnen erforscht und in Retrospektiven aufgerollt worden sind, werden ihre Arbeiten bis heute in ihrer Bedeutung unterschätzt und kaum wahrgenommen. Ziel der Ausstellung im Belvedere ist, den Blick auf die Wiener Moderne und die Zwischenkriegszeit zu erweitern. Im Mittelpunkt stehen Künstlerinnen, die viel zur Kunst dieser Zeit beigetragen haben. Zum Teil werden wiederentdeckte Werke gezeigt, die erstmals präsentiert werden. Vor allem würdigt die Schau jedoch die Beiträge der heute großteils vergessenen Künstlerinnen zu den Kunstrichtungen Stimmungsimpressionismus, Secessionismus, Expressionismus, Kinetismus oder Neue Sachlichkeit.

Elena Luksch-Makowsky: Ver Sacrum. Selbstbildnis mit Sohn Peter, 1901. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Helene von Taussig: Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, 1920 /30. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu sehen sind Werke von Ilse Bernheimer, Maria Cyrenius, Friedl Dicker, Marie Egner, Louise Fraenkel-Hahn, Helene Funke, Greta Freist, Margarete Hamerschlag, Fanny Harlfinger-Zakucka, Hermine Heller-Ostersetzer, Johanna Kampmann-Freund, Elisabeth Karlinsky, Erika Giovanna Klien, Broncia Koller-Pinell, Frida Konstantin Lohwag, Elza Kövesházi-Kalmár, Leontine von Littrow, Elena Luksch-Makowsky, Mariette Lydis, Emilie Mediz-Pelikan, Teresa Feodorowna Ries, Mileva Roller, Frieda Salvendy, Emma Schlangenhausen, Anny Schröder-Ehrenfest, Lilly Steiner, Helene Taussig, Ilse Twardowski-Conrat, My Ullmann, Olga Wisinger-Florian, Grete Wolf Krakauer oder Franziska Zach.

www.belvedere.at

21. 1. 2019

Stewart O’Nan: Stadt der Geheimnisse

November 1, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nation, aus dem Terror geboren

Während dieser Tage wegen stockender Friedensverhandlungen die Palästinenser-Führung einmal mehr beschloss, Israel die Anerkennung als Staat zu entziehen, berichtet Stewart O’Nan in seinem aktuellen Buch „Stadt der Geheimnisse“ von der Stunde Null vor dessen Gründung. Auf 224 Seiten macht der US-Schriftsteller vor allem eines deutlich: das Gelobte Land ist aus dem Terror geboren. Hagana, Irgun und die Lochamei Cherut Jisrael alias Stern-Bande, „die Verteidigung“, die „Nationale Militärorganisation“ und die „Kämpfer für die Freiheit Israels“, bekriegen die britische Mandatsherrschaft, wo sie sie zu fassen kriegen. Vom Irgun-Anführer und späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin stammt auch das einleitende Zitat: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen.“

Dieses Himmelsgeschöpf hat Protagonist Brand nie gesehen. Er ist, was Gott betrifft, „einer, der nicht wusste, wie man fragt“. Brand ist lettischer Jude, als solcher interniert erst von den Nazis, dann von den Russen, seine gesamte Familie im Holocaust ermordet. 1947 gelangt er nach Jerusalem, und wird mit gefälschten Papieren als „Jossi“ Taxifahrer – im Auftrag der zionistischen Untergrundkämpfer.

Tagsüber fährt er Touristen zu den Besichtigungsstätten ihrer Pilgerreise, nächtens die Terroristen. So beginnt O’Nans düsterer Roman noir über einen persönlichen, wie einen politischen Kampf um Unabhängigkeit – und die Sehnsucht nach dem Erlöschen von Erinnerungen. Alle aber stehen hier am „offenen Grab der Vergangenheit“, und mit einer Szene über die Willkür und Gewalt britischer Soldaten bei einer Verkehrskontrolle, zieht einen der Autor sofort in Bann und mitten hinein in die Atmosphäre der Stadt.

„Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers“, formuliert O’Nan. Gefahr flirrt in der Luft, während der seelisch Kriegsversehrte von den Schuldgefühlen des Überlebthabenden und von Bildern erlebter Gräueltaten heimgesucht wird, Bildern von „nackten Toten, die wie Schweinekadaver aufeinandergeschichtet waren“, und vom „Kameraden Koppelmann“, der von einem KZ-Aufseher totgetreten worden war. Einmal, da ist Brand vom bloßen Chauffeur bei Einsätzen längst zum Mitattentäter avanciert, denkt er betroffen, er belle die Drohungen und Befehle an die Geiseln im verabscheuungswürdig vertrauten Tonfall dieses Peinigers.

Für „Eretz Israel“ wird ein E-Werk in die Luft gejagt, ein Zug mit Lohngeldern überfallen, ein Major entführt – was gründlich schief geht. Brand ist nur ein kleiner Fisch, in den tieferen Sinn der Aktionen ist er nie eingeweiht, die großen Zusammenhänge erfährt er nach den Anschlägen aus dem Radio, von der „Stimme des kämpfenden Zion“. Dann ist er zwar stolz, dabei gewesen zu sein, aber anders als seine Mitstreiter in der Zelle, der sleeke Anführer Asher, der hinter seiner Brille blinzelnde Lipschitz, die undurchsichtigen, unzertrennlichen Fein und Yellin, der charismatische Gideon, „weigerte er sich, wahrscheinlich, weil er Häftling gewesen war, Hinrichtungen als Waffe zu akzeptieren“. Neben den Männern kommen zwei Frauenfiguren vor – wie es sich für einen Spionagekrimi gehört, eine „geheimnisvolle Blonde“, und Eva, eine Prostituierte mit einer geheimnisumwitterten Narbe im Gesicht, zu der Brand eine komplizierte Beziehung unterhält.

Sie wird sich als involviert, wenn nicht sogar ausführendes Organ, beim Bombenanschlag auf das King David Hotel herausstellen, eine von O’Nan vorgenommene Zeitverschiebung, fand dieses von der Irgun verübte Attentat tatsächlich doch schon am 22. Juli 1946 statt, und während sich für Brand und damit den Leser allmählich entschlüsselt, wer aller zur Organisation gehört, Vermieterin, Lebensmittelhändler, sein Taxiunternehmer-Chef, gibt es innerhalb der Zelle Verhaftungen. Und plötzlich wird ein Verräter gesucht, und es gibt ein Mordopfer mit symbolträchtig herausgeschnittener Zunge …

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

„Die Stadt der Geheimnisse“ ist eine kompakte, schlicht und umstandslos erzählte Geschichte. O’Nans Schilderungen der Vorgänge hinter den Mauern der Jerusalemer Altstadt sehen durchs geistige Auge wie ein Schwarzweißfilm aus, als wäre dies hier ein literarischen Pendant zu Orson Welles‘ berühmten „Dritten Mann“. Als Subtext ist mitzulesen, wie Weltpolitik in einem Land gemacht wird, in dessen Bewohnern wie Besuchern die ganze Welt zusammenkommt. Der Konflikt, der das Buch in Gang setzt und den Rahmen zur Handlung bildet, das Gesetz, das Brand zum Illegalen macht, ist die jüdische Immigration in Palästina. Beziehungsweise deren Verhinderung durch die Briten, die sich weigerten weitere Visa auszustellen, und deren Blockade der Alija-Bet-Schiffe zur humanen Katastrophe führte. Gerade erst den Lagern entkommene Menschen wurden unter anderem auf Zypern zwangsinterniert.

Antiheld Brands Verlorenheit, der moralische Zwiespalt, in dem er wegen der Anschläge steckt, seine Unsicherheit, wo er stehen muss, soll, kann, verstärkt sich, je mehr der Krieg zu einem der Gesten wird: „Die offizielle Reaktion war ein Tanz der Propaganda. Die Jüdische Vertretung verurteilte die Irgun als Terrortruppe. Begin warf den Briten vor, dass sie nicht auf ihre Warnung gehört hätten, das Hotel evakuieren zu lassen. Die Briten behaupteten, sie hätten keine Warnung erhalten. Für Brand spielte es keine Rolle. Er hatte die Nase voll vom Krieg.“

Auf die Frage „Wie konnte man töten und sich immer noch gerecht nennen?“, diese bis heute, und das das Aktuelle an Stewart O’Nans historischem Roman, zwischen den im – auf die britische Mandatszeit zurückreichenden – Streit liegenden Lagern Israels und Palästinas ungeklärt, findet Brand schließlich für sich eine Antwort. Nicht länger Soldat sein, und auch nicht mehr Häftling, sondern frei. Denn die Mächtigen, so O’Nans Schluss, müssen immer bedenken, dass die Menschen eines wollen – Frieden …

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Auch für seine letzten beiden Romane „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235) und „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) wurde er von der Kritik gefeiert und eroberte sich in Österreich eine große Leserschaft.

Rowohlt, Stewart O‘Nan: „Stadt der Geheimnisse“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Gunkel.

stewart-onan.com

www.rowohlt.de

  1. 10. 2018

Volkstheater-Sanierung: Stadt Wien gibt zwölf Millionen

April 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bund stellt Finanzierung in gleicher Höhe in Aussicht

Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Kulturausschuss des Wiener Gemeinderates hat am Dienstag einstimmig beschlossen, das Volkstheater mit zwölf Millionen Euro für die Generalsanierung zu unterstützen. Die Summe wird innerhalb der kommenden drei Jahre in Teilbeträgen zu je vier Millionen Euro aus Zusatzmitteln zum regulären Kulturbudget bereitgestellt. Neben den von der Stadt Wien zur Verfügung gestellten Mitteln hat der Bund eine Finanzierung in gleicher Höhe in Aussicht gestellt.

Das Volkstheater erbringt zusätzlich Eigenleistungen, die durch Eigenmittel und Erlöse aus einer Spendenkampagne finanziert werden. Die Kosten für das Projekt wurden nämlich bei Amtsantritt von Intendantin Anna Badora mit Verweis auf eine Studie – diese stammt allerdings aus dem Jahr 2011 – mit etwa 35 Millionen Euro beziffert. Derzeit läuft die Ausschreibung für die Generalplanung des Projekts. Eine Entscheidung der aus Vertretern des Volkstheaters und Sachverständigen zusammengesetzten Jury dazu wird noch vor dem Sommer erwartet. Im Herbst soll das erste Detailkonzept vorliegen. Der Sanierungsbedarf umfasst unter anderem die denkmalgeschützte Gebäudehülle, die Bühnentechnik und Verbesserungen im Zuschauerbereich in Bezug auf Barrierefreiheit, Klimatisierung und Akustik. Eine erste Bauphase ist für die Sommerpause 2017 geplant. Im Sommer 2019 soll die Sanierung des Hauses am Weghuberpark dann abgeschlossen sein.

www.volkstheater.at

Wien, 5. 4. 2016

Wien Museum, Jüdisches Museum: Der Prater

März 4, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Vergnügungsviertel mit Licht- und Schattenseiten

Kinderkarussell, um 1955 Bild: Leo Jahn-Dietrichstein Fotografie © Wien Museum

Kinderkarussell, um 1955
Bild: Leo Jahn-Dietrichstein Fotografie © Wien Museum

Riesenrad, Watschmann, Ringelspiel. Zuckerwatte, Langosch, Autodrom und dann kopfüber … Keiner, der nicht die schönsten Erinnerungen mit dem Wiener Prater verbindet. Nach der Erstkommunion, als Firmling oder später verliebt mit der Liebsten in der Liliputbahn. Das Wien Museum zeigt ab 10. März die Schau „In den Prater! Wiener Vergnügungen seit 1766“.

Das Haus verfügt über eine große Sammlung zum Thema. Ein Teil dieser Objekte ist permanent im Pratermuseum im Planetarium beim Riesenrad ausgestellt, viele Objekte aus der Pratersammlung lagern aber im Depot. Und gerade in den vergangenen zwei Jahrzehnten kamen viele dazu. Im Jubiläumsjahr werden die weniger bekannten Prater-Schätze nun geborgen und ausgestellt. Zu sehen sind etwa 650 Objekte großteils aus eigenem Bestand. Die Ausstellung selbst teilt sich in drei Abschnitte: Von den Anfängen ab 1766 bis zur Praterregulierung anlässlich der Weltausstellung 1873; die Blütezeit ab 1873 bis zum Ersten Weltkrieg; der Prater von der Zwischenkriegszeit bis heute.

Mit dem 7. April 1766 überließ Joseph II. das bis dahin kaiserliche Jagdgebiet Prater der Öffentlichkeit. In seinen Anfängen war der Prater ein naturbelassener Bereich nahe beim Stadtzentrum, der Freiräume für Spektakuläres wie etwa szenische Feuerwerke und Ballonflugexperimente bot. Noch im 18. Jahrhundert siedelten sich gastronomische Betriebe an, Limonadenstände, Imbissbuden, Gasthäuser und Kaffeehäuser entlang der Hauptallee. 1801 wurde das Panorama eröffnet, in dem man inmitten eines riesigen Rundgemäldes die Illusion hatte, in einer fremden Stadt zu sein, und im Circus Gymnasticus konnte man Kunstreitervorführungen sehen. Mit der „Praterregulierung“ im Vorfeld der Weltausstellung 1873 begann die eigentliche Blütezeit des Wiener Praters. Fantasievolle Neuerungen wie der Blumenkorso oder der Vergnügungspark „Venedig in Wien“ auf der Kaiserwiese trugen dazu bei, den Prater imagemäßig weiter aufzuwerten. Die Rotunde und das 1897 errichtete Riesenrad wurden zu neuen Wahrzeichen Wiens.

Als das erzählt die Ausstellung in Wort und Bild. Und auch von den 1950er-Jahren, in denen die Flipper, Glücksspielautomaten und Stoßspieler Einzug in den Prater hielten. Seinen zwielichten Ruf als „sündige Meile“ wird er ebenso schwer los, wie den, ein Paradies für Kleinkriminelle und Taschlzieher zu sein. Der Prater setzt die Gesetze außer Kraft, daran mag auch der Versuch nichts ändern, seinen Vorplatz mit einem neuen Touristenviertel zuzukitschen. Dass die langjährigen Pläne, aus dem Wurstelprater einen einheitlichen Themenpark internationaler Prägung zu machen, gescheitert sind, mag wohl auch mit der charmanten Widerständigkeit dieses Ortes zu tun haben, der für die Stadt nach wie vor von zentraler Bedeutung ist.

Ein Kapitel Pratergeschichte, das im Wien Museum angesprochen wird, ist die Arisierung zahlreicher Betriebe unter den Nationalsozialisten ab 1938. Damit befasst sich ab 16. März eingehend eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien:

Jüdisches Museum: „Wege ins Vergnügen. Unterhaltung zwischen Prater und Stadt“

Mit der Öffnung des Praters für die Öffentlichkeit vor 250 Jahren, fand auch das Vergnügen einen neuen Kristallisationspunkt im Herzen Wiens. Auf dem Weg aus der Stadt in den Prater siedelten sich sehr rasch zahlreiche Volkssängerlokale, Varietés, Possenbühnen und Theater an, die oft in jüdischem Besitz waren und ein sehr unterschiedliches Publikum begeisterten. Als die Leopoldstadt ab 1850 ein jüdischer Einwandererbezirk aus den Ländern der Monarchie wurde, entwickelte sich das Straßengeflecht zwischen Donaukanal, Augarten und Praterstern zum Zentrum der multikulturellen Wiener Moderne. 1927 berichtete Joseph Roth: „Die zwei großen Straßen der Leopoldstadt sind: die Taborstraße und die Praterstraße. Die Praterstraße ist beinahe herrschaftlich. Sie führt direkt ins Vergnügen. Juden und Christen bevölkern sie.“ Die Ausstellung „Wege ins Vergnügen“ spürt den interessantesten Darbietungsorten nach. Zu Wort kommen Zuschauer, Zensur und Presse. „Auftritte“ haben aber auch die damals gefeierten Stars der Szene wie Heinrich Eisenbach, Abisch Meisels, Gisela Werbezirk, Gertrud Kraus oder Hans Moser.

Erzählt wird auch, dass das neue Wahrzeichen des neuen Vergnügungsviertels, das Riesenrad, Gabor Steiner, dem jüdischen Direktor des Carltheaters gehörte. Steiner errichtete auch die berühmte Praterattraktion „Venedig in Wien“. Nach dessen Bankrott erwarb der jüdische Geschäftsmann Eduard Steiner das Riesenrad. Er wurde so wie alle anderen jüdischen Eigentümer der Unterhaltungssetablissements im Zuge der Vertreibung und Ermordung der Wiener Jüdinnen und Juden zwischen 1938 und 1945 enteignet und alle Spuren jüdischen Lebens in der Leopoldstadt wurden ausgelöscht. An das frühere Vergnügungsviertel erinnert heute kaum noch etwas. Diese Schau nun soll diesen verloschenen Teil der jüdischen Wiener Geschichte wieder ins Bewusstsein rücken.

Mit einem Ticket der Wien-Museum-Ausstellung kann gratis das Pratermuseum beim Riesenrad besucht werden. Zusammen ergeben die drei Ausstellungen eine Rundschau auf der Welt vielleicht bekanntestes, sicher aber meistbesungenes Vergnügungsviertel. Ein Blick, in seine lichtesten Momente und seine dunkelsten Abgründe.

www.wienmuseum.at

www.jmw.at

Wien, 4. 3. 2016

Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt

August 4, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichte(n) der Grande Nation

Die französische Gesellschaft ist selbst der Historiker, ich kann nur der Sekretär sein. Honoré de Balzac

Paris von Edward Rutherfurd

Paris von Edward Rutherfurd

Am Ende der mehr als 900 Seiten ist man beleidigt. Erstens, weil das Buch schon aus ist. Zweitens, weil Edward Rutherfurd dem Jahr 1968 nur einen knappen 12-Seiten-Epilog widmet. Paris. 1968. Da hätte man mehr erwartet. Daniel Cohn-Bendit sicher auch. Revolution aber findet bei Rutherfurd an anderer Stelle statt. 1789. Zum Beispiel. Und die De-Gaulle-Schelte hat anno Kapitel XXVI ihren Platz. Das war nun das berüchtigte cheveu dans la soupe 😉 Denn der Meister des Monumentalepos, London und New York erprobt, erweckt Paris in seinem Werk eindrucksvoll zum Leben. Tausendfach besungen, erträumt, geliebt. Die Stadt der Gelehrten und der Heiligen. Ein Druckkochtopf voll lasterhafter Sinnenfreuden. Und beispiellos blutig.

Sechs Sippen begleitet Rutherfurd von 1261 bis ins Jahr der Studentenunruhen. Ihre Schicksale sind miteinander und mit dem Schicksal Frankreichs verwoben. Da ist die vom Verbrecherkönig Rouge Gorge abstammende Familie Le Sourd, die seit der Niederschlagung der Pariser Kommune einen Rachefeldzug gegen die adeligen De Cygnes führt. Man wird schließlich in der Résistance Seite an Seite kämpfen. Da sind die Kaufmannsfamilien Renard und Blanchard. Zweitere werden erstere vor der Bartholomäusnacht warnen; die Hugenotten-freundlichen Füchse flüchten und kehren Jahrhunderte später als britische Rechtsanwälte namens Fox zwecks Heirat mit einem Blanchard-Mädchen zurück. Da sind Thomas und Luc Gascon, Gossenbrüder, Hinterhofkinder des Montmartre. Einer wird am Bau des Eiffelturms beteiligt sein, einer zum Strizzi werden, einer Mitglied des Widerstands, einer Nazi-Kollaborateur. Einer wird den anderen töten. Und da ist Jacob Ben Jacob, dessen Nachfahren Jacob, der Antiquar, und Jacob, der Kunsthändler, wie er selbst Verfolgung leiden. Die Blanchards sind ihre Freunde, ebenso wie ihre besten Kunden, die De Cygnes. Von den Gascons droht – no na – Unheil … Rutherfurd lässt nichts aus. Es gibt uneheliche Kinder, die Bordellbesitzerinnen werden, es gibt uneheliche Kinder, die zum Universalerben avancieren – und natürlich sind sie miteinander verwandt. Die Sprösslinge nach Kanada und in die USA ausgewanderter Verwandter tauchen auf. Und ein ganzer Sack voll real existiert habender Personen. Als eine Art Zierleiste.

Weder die Washington Post noch der britische Telegraph behandelten „Paris“ besonders freundlich. „An epic snooze“ nannten die einen den Generationenroman, während die anderen meinten, er sei “a book in which style, character and plot are blithely sacrificed on the altar of trivia with every turn of the page.” Das ist so nicht richtig. “Paris. Roman einer Stadt“ ist einfach ein Buch, in dem es leicht fällt, sich häuslich einzurichten. Liebe Mutter, habe Quartier bezogen im Quartier … Die Figuren – zumindest die moralisch einwandfreien und die zur Katharsis bereiten– sind bald Freunde. Rutherfurd versteht es vortrefflich ihre Geschichten mit Geschichte zu verbinden. Und wendet dabei selbstverständlich den ganz fiesen Autorentrick an: Er erzählt nicht chronologisch. Gerade also, wenn’s um das Leben von XY im Jahre Schnee zu bangen gilt … das zwingt zum Weiterlesen. Rutherfurds Sprache ist schön, melodisch, sie fließt ruhig über die Seiten (wie die Seine durch die Stadt, möchte man an dieser Stelle schreiben und tut es dann doch nicht, oja, muss sein). Das steigert das Vergnügen. Wie die Tatsache, dass seine akribisch recherchierte Arbeit für Antworten in Quizsendungen bis zu Smalltalkthemen für Partys so ziemlich jedes erforderliche Wissen liefert. Was Anekdoten betrifft ist Rutherfurd Auto(r)erotiker. Wissen Sie, woher das Wort Bistro stammt? Haben Sie etwas zum Personenkomitee zur Erhaltung des Reiterstandbilds Karls des Großen neben Notre Dame zu sagen? Eine Ahnung, in welchem Winkel die Füße des Eiffelturms zur ersten Plattform emporragen – und was das punkto Statik zu bedeuten hatte? Eben. Rutherfurd lesen! Er breitet die Stadt vor Ihnen aus.

Übrigens: Einen Fehler hat sich der Schriftsteller erlaubt. Im Buch besucht Hemingway am 21. Juli 1924 die Olympischen Spiele in Paris. In Wahrheit brach er am 25. Juni nach Pamplona auf und kehrte erst am 27. Juli zurück. Steht hier nur für den Fall, dass Sie’s bei der nächsten heißen Hemingway-Diskussion in die Runde werfen wollen …

Über den Autor:
Edward Rutherfurd, 1948 in Salisbury geboren, studierte in Cambridge und Stanford und lebt heute in New York. Seine Romane „Sarum“ (1990), „London“ (1998), „Der Wald der Könige“ (2000), „Die Prinzen von Irland“ (2005) und sein großer New-York-Roman „Im Rausch der Freiheit“ (2012) wurden internationale Bestseller.

Blessing, Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt, 928 Seiten. Aus dem Englischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn.

www.randomhouse.de/blessing/

www.edwardrutherfurd.com/paris.html

Wien, 4. 8. 2015