Volksoper: König Karotte

November 24, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Geniestreich mit Gemüse-Coup d’État

Jetzt regiert das Gemüse: Sung-Keun Park als König Karotte mit seinem grimmigen Grünzeuggefolge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Dass jede Ähnlichkeit mit orangegesichtigen Politikern erwünscht und bestimmt nicht zufällig ist, klärt sich spätestens bei den von Marco Di Sapia gesungenen Couplets über Donald und Boris. Dem Casinos-Postenschacher ist selbstverständlich auch eine Strophe gewidmet, so frisch, dass Di Sapia sie von einem aus dem Souffleurkasten gereichten Blatt ablesen muss. Da sind die Lacher auf seiner Seite, ja, es stimmt, jedes Volks hat die Vertreter, die es via Wahl selbst verschuldet, und wieder erinnerlich wird,

dass es in Österreich sogar eine Partei oranger Farbe gibt, die politische Südfrucht, seit ihre Sonne vom Himmel fiel, freilich zu ein paar Früchtchen verschrumpelt. Die nationale Losung jedoch ist längst nicht so passé wie ihr Bündnis. Sie wird von immer neuen Schülern hoch und heilig und mittelmeerfarben gehalten, und honi soit …, wenn Regisseur Matthias Davids den Chor als biersüffelnde Burschenschafter auf die Bühne stellt, damit das Ganze von Anfang an Schmiss hat. Dies Ganze, ein Gesamtkunstwerk ist „König Karotte“, Opéra-bouffe-féerie aus den Federn von Jacques Offenbach und Librettist Victorien Sardou, die Koproduktion mit der Staatsoper Hannover gestern an der Volksoper zur Wiener Premiere gebracht.

Davids hat die Musiktheaterrarität zum 200. Geburtstag des Komponisten als durchgedrehtes Kaleidoskop voll aktueller Anspielungen inszeniert, erstaunlich außerdem, wie wenig Sardous bissige Kommentare zu Populismus, Opportunismus, Machtmissbrauch und dem schnellen Seitenwechsel der Masse an Brisanz verloren haben. Nicht nur die Corps-Geister erscheinen da beinah gegenwärtig, sondern auch Sätze von Di Sapias wendehälsischem Polizeichef Pipertrunck, der in jeder zweiten Szene sein „Ich bin zu euch übergelaufen“ verkündet, aber auch das Kabinett davor warnt: „Ohne uns kippt die Karotte nach links.“

Die Gartenmöhre also. Kommt aus ebendiesem des Regenten Fridolin XXIV., der Blaublüter ein verwöhnter Partyprinz, der sich mit seiner ruinösen Spaßgesellschaft vergnügt, so dass mit dem Hof kein Staat mehr zu machen ist. Fridolins Capricen haben das Reich in den Bankrott getrieben, der verarmte Adelsmann soll daher nach dem Willen seiner Berater mit der begüterten Prinzessin Kunigunde vor den Traualtar treten. Doch noch einer schmiedet Regierungspläne. Der gute Geist Robin will den verschwenderischen Herrscher als Erziehungs- maßnahme vom Thron stürzen, gerade Recht kommt ihm da der Rachedurst der bösen Hexe Kalebasse, die das Problem bei der Wurzel packt – und dieselbe aus ihrer finsteren Unterwelt ans Licht und zum König befördert.

Die Hexe holt die Wurzeln ans Licht: Christian Graf und Sung-Keun Park. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Karotte inspiziert sein mittels Zauber erobertes Reich: Sung-Keun Park. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Die Verlobte ist zum Feind übergelaufen: Julia Koci und Mirko Roschkowski. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ein Staats-Streich vom Feinsten ist das, wenn das vegetabile Gefolge mitten durch die Zuschauerreihen Richtung Palast stapft, Lauch, Rote Rübe, Radieschen und Zwiebel dabei wahrlich keine Gemüsebeetbrüder, sondern per dunkler Sonnenbrille als sinistre Geheimdienstler ausgewiesen. Mit einem Propagandazauberspruch macht Kalebasse die Einwohner von Krokodyne gefügig – et voilà: Fridolin und Freunde flüchten … Frech und frisch setzen Matthias Davids und Dirigent Guido Mancusi den Offenbach-Sardou’schen, schier uferlosen Ideenreigen um, der vom antiken Pompeji über einen Ameisenstaat bis zu einer Affeninsel, in ein Turmverlies, eine Magierwerkstatt und zu einem Aufstand der Ritterrüstungen führt. Mit Mancusi am Pult mäandern Sänger wie Orchester meisterlich durch den musikalischen Mix aus großen Arien und noch riesigeren Chorsequenzen, Auftrittscouplets, Lautmalerei, Schlagern, sinfonischen Momenten und Schubert-Zitaten.

Hinreißend sind die Grünzeugkostüme von Susanne Hubrich, in denen allen voran Hausdebütant Sung-Keun Park als König Karotte gesanglich wie darstellerisch alles gibt. Der koreanisch-stämmige Buffo-Tenor bewältigt die sehr hohe Partie sozusagen spielend, er lässt nicht nur die Stimme, sondern auch die Körpersprache zwischen Machtwahn und kühlem Kalkül changieren, oder krakeelt in einer Art Pflanz-Kauderwelsch, weil nicht viel im, wer einen Karotten-Kopf hat. Hängen ihm anfangs noch die Stängelblätter aus dem Hosenschlitz, und wieder ist jede Ähnlichkeit mit einem präsidialen Reißverschluss …, wird er die Rübe am Ende ohnedies einziehen müssen.

Mirko Roschkowski ist ein fabelhafter Fridolin, der als berufsjugendlicher Genusssüchtler mal am Megajoint, mal an der Hopfenkaltschale nuckelt, der seinen mal weich fließenden, mal strahlenden Spinto schön zur Geltung zu bringen weiß – und darüber hinaus ein grandioses Talent für verzweifelte Komik besitzt. Ihm in nichts nach steht Juli Koci, die die Prinzessin Kunigunde zum burschikosen It-Girl macht, das seine sexy Vorzüge zu seinem Vorteil einzusetzen weiß, bevor sie im Wortsinn von der Karotte verzaubert ist, und deren Pfahlwurzel, als wär’s ein Phallus, liebkost. Große Klasse, wie Kocis Temperament über weite Strecken die Aufführung dominiert! Besonderen Publikumszuspruchs durfte sich Amira Elmadfa erfreuen, die als guter Geist Robin in Windeseile durch den Bühnenparcours turnt, und dabei ihren Mezzo so kraft- wie gefühlvoll klingen lässt.

Partyprinz meets adeliges It-Girl: Julia Koci als Prinzessin Kunigunde und Mirko Roschkowski als Fridolin XXIV. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der Hofstaat steht Kopf: Josef Luftensteiner, Marco Di Sapia, Mirko Roschkowski, Jakob Semotan und Boris Eder. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Man sucht Rat bei Zauberer Quiribibi: Christian Graf mit Marco Di Sapia, Johanna Arrouas, Mirko Roschkowski, Amira Elmadfa und Yasushi Hirano. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der Karotte geht allmählich der Saft aus: Sung-Keun Park, Boris Eder, Julia Koci und Franz Suhrada als Kammerherr Psitt. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Johanna Arrouas gestaltet mit leichtem, luftigen Sopran das in Fridolin verliebte, von Kalebasse eingekerkerte Burgfräulein Rosée-du-Soir als herzgewinnende Optimistin, und eine drollige Pointe ist, wie sie ihre Koloraturarie à la Olympia vorträgt. Christian Graf glänzt einmal mehr als Drag Queen, als maliziöse Hexe Kalebasse, die ihr Busensausen mittels Zauberstab up-pusht, und als sich in seine Bestandteile zerlegender Zauberer Quiribibi – die Szenen mit Graf wie stets komödiantische Kabinettstücke, etwa, wenn er das Gemüse mit ausladender Geste aus der Erde dirigiert und die Pflanzenzombies so zu ihren ersten Schritten auf dieser einlädt.

Zu Marco Di Sapias großartigem Pipertrunck gesellen sich als Hofnarren-Quartett: Boris Eder als geckenhafter, dem Geld nachjammernder Schatzmeister Baron Koffre, Jakob Semotan als kriegsversehrter Schlachtenminister Marschall Track, Josef Luftensteiner als furchtsamer Geheimrat Graf Schopp – und Yasushi Hirano als Schwarzmagier Truck, wobei dessen Bassbariton im Gesprochenen – Achtung: Running Gag – auf Japanisch erdröht. „König Karotte“ an der Volksoper erweist sich als Geniestreich mit Gemüse-Coup d’État; das Ensemble erfreut, abgesehen von der sängerischen Brillanz, mit seiner überbordenden Spielfreude.

Ein kurzweiliger, dreistündiger Abend, bei dem Politsatire und absurder Witz perfekt ineinandergreifen, der aber, quietschbunt und fröhlich, wie er ist, auch für die jüngsten Volksoperngeher gut funktionieren wird. Zum Schluss wird, als das Gelbwesten-Volk endlich aufbegehrt, der seit einiger Zeit vor sich hinwelkende Wurzelschrat zurück ins Beet verbannt – eine Utopie, wie zu wünschen wäre.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=6JEkRSYH2Q0  www.youtube.com/watch?v=JWvcbmMDHBU

Regisseur Matthias Davids und Dirigent Guido Mancusi im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=tM9xNxYAZvo

Die Solistinnen und Solisten im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=N4tt2i5oq4Q               www.volksoper.at

  1. 11. 2019

Jazz Fest Wien: Das Programm für die Staatsoper steht

März 4, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Burt Bacharach bis Cindy Lauper

Cyndi Lauper: Das ewig schlimme Mädchen mit der Piepsstimme kommt in die Staatsoper Bild: © Jazz Fest Wien Archive

Cyndi Lauper: Das ewig schlimme Mädchen mit der Piepsstimme kommt in die Staatsoper
Bild: © Jazz Fest Wien Archive

Am 28. Juni verwandelt sich Wien wieder in die Welthauptstadt des Jazz. Das Jazz Fest Wien hat bereits einige Programmhighlights vermeldet. Das Programm für die Wiener Staatsoper ist nun fixiert. Mit Konzerten von Burt Bacharach, Brad Mehldau, Wolfgang Muthspiel, Bobby McFerrin, Jamie Cullum und Ludovico Einaudi waren die ersten Glücksbringer für einen Abend in der Oper ja schon bekannt gegeben worden. Nun vervollständigen die Damen Cyndi Lauper, Beth Hart und Meena Cryle das Line-up.

Die Termine im Überblick:

1. Juli: Burt Bacharach
2. Juli: Bobby McFerrin, „Bobby loves Brazil“
3. Juli: Cyndi Lauper / Meena Cryle & Band
4. Juli: Beth Hart
5. Juli: Wolfgang Muthspiel / John Scofield / Brad Mehldau / Mark Guiliana
6. Juli: Jamie Cullum
7. Juli: Ludovico Einaudi (Achtung: Das Konzert ist bereits ausverkauft!)

www.viennajazz.org 

Wien, 4. 3. 2016

Staatsoper: Plácido Domingo als Nabucco

April 30, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Erstmals in Wien und live zu Hause

Bild: Staatsoper Wien

Bild: Staatsoper Wien

Weltstar Plácido Domingo singt erstmals in Wien die Titelpartie in Verdis Nabucco. Premiere ist am 1. Mai. Mit diesem Werk begründete Verdi seinen Weltruhm. Der Gefangenenchor aus dem dritten Akt ist bis heute ein „Schlager“ geblieben. Aber auch der Rest der Oper spart nicht an wundervollen, zündenden und einprägsamen Melodien. Zoryana Kushpler gibt die Fenena, Anna Smirnova die Abigaille, Dmitry Belosselskij den Zaccharia und Marian Talaba den Ismaele. Es dirigiert: Jesús López-Cobos.

Weltpremiere: Nabucco am 7. Mai live zu Hause!
Die Wiener Staatsoper und Samsung präsentieren mit Nabucco am 7. Mai weltweit die erste Live-Übertragung in UHD (Ultra High Definition), dem neuen Standard für außergewöhnlich lebendiges und gestochen scharfes Fernsehbild. Besitzer von Samsung-UHD-Geräten sind eingeladen, den ersten UHD Stream über die Samsung Smart TV App gratis anzusehen! Selbstverständlich können Sie Nabucco auch wie gewohnt als reguläre HD-Übertragung auf Ihrem Computer oder Smart TV empfangen.

Buchen: http://www.staatsoperlive.com/de/live/110/nabucco-2014-05-07/

www.wiener-staatsoper.at

Wien, 30. 4. 2014

Staatsoper: Live-Übertragung „Lohengrin“ am 25. April

April 23, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER/A D V E R T O R I A L

Wagner fürs Wohnzimmer

Klaus Florian Vogt und Camilly Nylund  Bild: Wiener Staatsoper

Klaus Florian Vogt und Camilly Nylund
Bild: Wiener Staatsoper

Sichern Sie sich jetzt für nur € 14.- Ihren Zugang für die Live-Übertragung von Andreas Homokis Neuinszenierung von Richard Wagners LOHENGRIN am Freitag, den 25. April 2014!

Besetzung
Klaus Florian Vogt verkörpert die Titelpartie, Camilly Nylund ist Elsa, Michaela Martens singt die Ortrud, Wolfgang Koch den Telramund. Günther Groissböck ist als König Heinrich zu erleben, Detlef Roth singt den Heerrufer. Am Pult: Mikko Franck.

Live-Übertragung: Freitag, 25. April 2014 | 17.00 Uhr
Die Übertragung beginnt um 17.00 (Ortszeit Wien) mit einem vielfältigen Vorprogramm, die Vorstellung beginnt um 17.30. Sie haben beim Kauf auch die Möglichkeit, eine andere Zeitzone auszuwählen und die Übertragung zu Ihrer persönlichen Prime Time zu sehen.
Wenn Sie ein Samsung Smart TV besitzen, können Sie die Übertragung direkt über die Smart TV App der Wiener Staatsoper auf Ihrem TV-Gerät ansehen.

2 Live-Kanäle & mehrsprachige Untertitel
Wählen Sie zwischen zwei Live-Kanälen (der Gesamtansicht der Bühne und dem live geschnittenem Opernfilm) und laden Sie sich mehrsprachige Untertitel in der Wiener Staatsoper 2nd Screen App.
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Digitales Programmheft
Ein digitales Programmheft ist in der App „Publikationen“ erhältlich. » zur iOS-App | zur Android-App

Wir freuen uns auf Ihren Besuch auf www.staatsoperlive.com!

Ab sofort können auch die Live-Übertragungen der nächsten Saison 2014/2015 gebucht werden. Insgesamt stehen über 40 Vorstellungen zur Auswahl und folgende Angebote zur Verfügung:

SINGLE LIVE (14,00 €): Wählen Sie Ihre bevorzugte Startzeit aus und sehen Sie eine Live-Übertragung.
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Wiener Staatsoper: La Bohème

März 28, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Samstag live – zu Hause

Bild: Wiener Staatsoper

Bild: Wiener Staatsoper

Die nächste Live-Übertragung am Samstag, 29. März, ist ein Fixpunkt im Staatsopernrepertoire – Puccinis „La Bohème“. Unter der musikalischen Leitung von Mikko Franck – dem Dirigenten der nächsten Premiere an der Wiener Staatsoper, Lohengrin – singen in der legendären Produktion von Franco Zeffirelli Maija Kovalevska die Mimì,  Ramón Vargas den Rodolfo, Adrian Eröd den Marcello,  Ildikó Raimondi die Musetta, Alessio Arduini den Schaunard, Jongmin Park den Colline und Marcus Pelz den Benoit/Alcindoro.
Die Vorstellung im Haus am Ring ist restlos ausverkauft – dank der Live-Übertragung  wird der Zuschauerraum virtuell erweitert und die Aufführung kann von unbegrenzt vielen Musiktheaterliebhabern weltweit live in HD zuhause mitverfolgt werden.

 Zugang für die Live-Übertragung buchen: für 14 Euro auf www.staatsoperlive.com

Für die  Saison 2014/2015 sind 40 Live-Übertragungen geplant.

www.wiener-staatsoper.at

Wien, 28. 3. 2014