Volksoper: Wonderful Town

Dezember 10, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sarah Schütz rockt die Show

In Greenwich Village geht es hoch her: Olivia Delauré als Eileen, Sarah Schütz als Ruth, Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis, Ines Hengl-Pirker als Violet, Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit Standing Ovations endete gestern Abend die Premiere von „Wonderful Town“ an der Volksoper. Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wollte Hausherr Robert Meyer dem Publikum etwas Besonderes bieten, und das ist mit dieser Musical-Rarität hervorragend gelungen. Stimmt an der Aufführung, die Inszenierung eine Koproduktion mit der Staatsoperette Dresden, doch einfach alles – von der gewitzten Regie Matthias Davids‘ über das schwungvolle Dirigat von James Holmes.

Bis zu den darstellerischen Leistungen, allen voran die von der Elbstadt nach Wien übersiedelten Volksopern-Debütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar Ruth und Eileen Sherwood. Sarah Schütz rockt die Show! Inhaltlich ist „Wonderful Town“ keine große Sache: Die beiden Landpomeranzen Ruth und Eileen kommen aus Ohio in den Big Apple, um dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten auszuloten. Die eine ist klug, aber ungeküsst, die andere eine Schönheit, erstere will Schriftstellerin werden, zweitere Schauspielerin. Man mietet eine schäbige Unterkunft in Greenwich Village – und schon geht das Spiel um viele Verehrer und ein paar Troubles los, Happy End absehbar. Joseph Fields und Jerome Chodorov schrieben das Libretto entlang ihres Theaterstücks „My Sister Eileen“, Betty Comden und Adolph Green die Liedtexte, und erst diese in Kombination mit Bernsteins famoser Musik machen das Musical aus dem Jahr 1953 einzigartig.

Die brasilianischen Seekadetten interessiert nur die Conga: Olivia Delauré als Eileen und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ruth überzeugt die Gäste im Village Vortex vom Swing: Sarah Schütz und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bernstein lässt den Rhythmus New Yorks in all seinen Facetten pulsieren. Rasant reiht sich Broadwaysound an Jazzelemente an Swing, dann wieder wird’s statt stürmisch smooth. James Holmes führt das Volksopernorchester mit viel Drive wie eine Big Band, er folgt Bernsteins Einfallsreichtum punktgenau, kann’s etwa bei der Conga der brasilianischen Seekadetten witzig-spritzig, beim Schwesternduett „Ohio“ auf Country-&-Western-Art oder bei Robert Bakers „Ein stilles Girl“ elegisch lyrisch. Matthias Davids belässt die Handlung in den 1930er-Jahren, er hat sich mit seiner wirbelwindigen Arbeit am Stil der Screwball-Comedys orientiert, setzt auf Tempo, Temperament und Timing, und setzt auf den Wortwitz der für Wien von Christoph Wagner-Trenkwitz angepassten Vorlage.

Damit die zahlreichen Szenenwechsel ruckzuck funktionieren, hat Mathias Fischer-Dieskau ein Bühnenbild aus einer drehbaren Skyline und verschiebbaren Skyscrapern, inklusive Flat Iron und Chrysler Building, erdacht, das den American Dream im Reich und Arm zwischen dem abgewohnten Souterrain der Sherwood-Schwestern und von Neonreklame beschienenen Nachtklubs ansiedelt. Als Kostüme gibt es dazu von Judith Peter stilgerecht schwingende Glockenkleider, Trenchcoats samt kecken Hütchen und Marlenehosen.

Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

In diesem Setting dreht sich das Großstadtkarussell um Sarah Schütz und Olivia Delauré. Und die beiden erweisen sich nicht nur als sängerisch wunderbares Sopran-Alt-Duo, sondern auch als großartige Komödiantinnen, die herb Nüchterne und die flirty Naive, die es verstehen, mit trockenem Humor ihre Pointen zu setzen. Delauré gibt die Eileen mit Charme und jener unschuldigen Mädchenhaftigkeit, in der ihr gar nicht bewusst zu sein scheint, dass die Männer um sie kreisen, wie die Motten ums Licht. Das Bühnengeschehen allerdings dominiert Sarah Schütz, die ihre Ruth mit einer gepfefferten Portion Sarkasmus ob ihres Nicht-so-hübsch-wie-die-Schwester-Seins ausstattet. Schütz hat Stimme, Spielfreude und Showtalent – und sorgt für etliche starke Momente. Etwa, wenn sie ihre „Hundert gold’nen Tipps, einen Mann zu verlier’n“ zum Besten gibt. Oder, wenn sie, als der Zeitungsredakteur Robert Baker endlich ihre melodramatischen Kurzgeschichten liest, diese für ihn auch gleich visualisiert.

Die Herren haben es neben so viel Frauenpower nicht leicht, zu bestehen. Hervorragend gelingt das Drew Sarich als verkopftem Bob Baker, der erst einen Schubs in die richtige Richtung Liebe braucht, ein gelungenes Rollenporträt von Sarich, wie Bob vom beruflichen Verlierer zum Gewinner im Leben wird, und Peter Lesiak als abgehalftertem Footballhelden „The Wreck“ Loomis. Trotz von Direktor Meyer angekündigter Verletzung und ergo Knieschiene tanzt und tobt Lesiak über die Bühne, dass man mitunter nicht umhin kann, um sein Wohlergehen zu fürchten … Christian Graf gefällt in mehreren Rollen, darunter als Schmierfink Chick Clark, Christian Dolezal als unfreundlicher Vermieter und untalentierter Maler Appopolous, Oliver Liebl unter anderem als verhuschter Feinkost-Filialleiter Frank Lippencott, Cedric Lee Bradley als geschmeidiger Speedy Valenti.

Vorstellungsgespräch in der Zeitungsredaktion: Oliver Liebl als Redakteur, Drew Sarich als Robert Baker, Jakob Semotan als Redakteur und Sarah Schütz als Ruth Sherwood. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der begnadete Tänzer dominiert auch immer wieder die handlungstragenden, revueartigen Choreografien von Melissa King. In riesigen Chor- und Ballettszenen zeigen der Volksopernchor, der sich nicht nur in der Figurengestaltung perfekt, sondern auch in kleinen Solonummern präsentiert, und das Wiener Staatsballett die ganze Bandbreite ihres Könnens. „Wonderful Town“ an der Volksoper ist ein rundum gelungener Gute-Laune-Abend. Kein Wunder, dass es die Zuschauer zum Schluss nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=LhKenAg3pw0

www.volksoper.at

  1. 12. 2018

Staatsballett in der Volksoper: Die Schneekönigin

Dezember 4, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Corder treibt Andersens Märchen auf die Spitze

Olga Esina Bild: Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Olga Esina
Bild: Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Am 8. Dezember findet mit Michael Corders abendfüllendem Ballett „Die Schneekönigin“ die erste Saisonpremiere des Wiener Staatsballetts in der Volksoper statt. Mit seinem dreiaktigen Ballett, frei nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, stellt sich der Londoner Regisseur und Choreograph nicht zuletzt auf Grund seiner Musikauswahl – Sergej Prokofjews letzte Ballettmusik „Die steinerne Blume“ und weitere Werke, neu arrangiert von Julian Philips – ganz in die „russisch-britische“ Entwicklungslinie des Handlungsballetts und legt einen Märchentanz vor, der sich vergleichbar dem „Nussknacker“ und dabei vor allem mit seiner beherzigenswerten Botschaft gleichermaßen an Jung wie Alt wendet: Die berührende Geschichte von Gerda und Kay feiert die Liebe als Lebenskraft, die wegen ihrer Beständigkeit und verbunden mit der mitfühlenden Gabe zu verzeihen, über die selbstsüchtige Schneekönigin triumphiert.

„Ich denke meine Produktion ist sehr opulent. Sie führt uns von Kays Dorf über die Zigeuner- bis in eine magische Welt,“ sagt Corder, der Spezialist für Ballette im klassischen Stil, im Interview. „Es wird mit Sicherheit keine Zweifel daran geben, dass die Zuschauer ein Tanzspektakel erleben werden.“ Eineinhalb Jahre hat Corder an der Umsetzung seiner ihn schon ein halbes Leben lang begleitenden Idee gearbeitet. Nun freut er sich zum ersten Mal in Wien zu sein: „Weil Wien eine der wichtigsten Kulturhauptstädte der Welt ist, und weil das Publikum hier virtuosen Tanz zu schätzen weiß.“ Die Schneekönigin ist für ihn „eine aufregende und erotische Frau, aber auch der Tod – wie es der Winter eben ist: in Momenten schön, in anderen aber gefährlich. Simpler gesagt, wer Eislaufen gehen will, muss sich warm anziehen,“ lacht Corder.

Die detailreiche Ausstattung des Ballettabends, darunter der bezaubernde Eispalast, stammt von Mark Bailey. Es dirigiert Martin Yates; es tanzen Olga Esina/Schneekönigin, Davide Dato/Kay, Alice Firenze/Gerda, Ketevan Papava/Zigeunerin und Mihail Sosnovschi/Zigeuner.

www.wiener-staatsballett.at

www.volksoper.at

Wien, 4. 12. 2015

Wiener Staatsballett in der Volksoper

Januar 20, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reigen

Bild: Wiener Staatsballett/Barbara Pálffy

Bild: Wiener Staatsballett/Barbara Pálffy

Ab 28. Jänner, 19 Uhr, zeigt das Wiener Staatsballett zum ersten Mal in dieser Saison Antony McDonalds und Ashley Pages Ballettdrama „Ein Reigen“. Bei dieser Vorstellungsserie werden zahlreiche Tänzerinnen und Tänzer ihr Rollendebüt geben unter anderem Irina Tsymbal als Alma Mahler, Maria Yakovleva als Wally Neuzil und Greig Matthews als Richard Gerstl.

Wien um 1900 – Schmelztiegel der Kulturen, Geburtsort großer künstlerischer und wissenschaftlicher Visionen. Vor dem Hintergrund von Arthur Schnitzlers Drama „Reigen“ begeben sich der Choreograph Ashley Page und der Ausstatter Antony McDonald auf Spurensuche in die immer wieder aufs Neue berauschende Welt des Fin de siècle. Auf ihren musikalisch passend untermalten Spaziergängen durch das pittoreske Wien der Jahrhundertwende stoßen sie auf zahlreiche äußerst prominente Vertreterinnen und Vertreter einer regelrechten „Café Society“, die in einer der Wienerischsten Institutionen, dem Kaffeehaus, emsig die Geburt der Moderne herbei philosophieren.

Choreographie: Ashley Page

Konzept: Antony McDonald & Ashley Page

Bühne und Kostüme: Antony McDonald

Licht: Peter Mumford

Musik: Alban Berg, Béla Fischer, Erich Wolfgang Korngold, Gustav Mahler, Maurice Ravel, Arnold Schönberg, Alexander Zemlinsky

Dirigent: Gerrit Prießnitz

www.wiener-staatsballett.at

Video: www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/staatsballett_neu/aktuelles/Ballet_Insight_EP5.de.php

Wien, 20. 1. 2015

Volksoper: Ein Reigen

April 23, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Uraufführung des Wiener  Staatsballetts

Bild: Wiener Staatsballett/Barbara Pálffy

Bild: Wiener Staatsballett/Barbara Pálffy

Am 29. April wird an der Volksoper „Ein Reigen“, Ballett von Antony McDonald und Ashley Page, uraufgeführt.

Wien um 1900 – Schmelztiegel der Kulturen, Geburtsort großer künstlerischer und wissenschaftlicher Visionen. Vor dem Hintergrund von Arthur Schnitzlers Drama „Reigen“ begeben sich der Choreograph Ashley Page und der Ausstatter Antony McDonald auf Spurensuche in die immer wieder aufs Neue berauschende Welt des Fin de siècle. Auf ihren musikalisch passend untermalten Spaziergängen durch das pittoreske Wien der Jahrhundertwende stoßen sie auf zahlreiche äußerst prominente Vertreterinnen und Vertreter einer regelrechten „Coffee-Society“, die in einer der Wienerischsten Institutionen, dem Kaffeehaus, emsig die Geburt der Moderne herbei philosophieren. Unter dem Eindruck der Erkenntnisse, die ergänzend auf Sigmunds Freuds Couch gewonnen werden, verdichten sich die Figurenkonstellationen während der beiden Akte zu einem Kammerspiel, das Bild- und Zerrbild einer Gesellschaft im Wandel kraftvoll beschreibt. Ashley Page und Antony McDonald verstehen die historischen Hintergründe dabei als Ausgangspunkt für ihr Ballett, wobei die Biographien der handelnden Persönlichkeiten und die tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse nicht einfach nacherzählt werden, sondern sich vielmehr zu einer freien Collage verdichten, einem Spiel mit Zeit, Identität und Ort, das – ganz im Sinne Sigmund Freuds – auch stark traumhafte Züge trägt und sich zu einem Furioso steigert, welches als „Tanz auf dem Vulkan“ den finalen Vorhang der Wiener Gesellschaft am „Vorabend des Krieges“ vorbereitet. In Anbetracht der einhundertsten Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges ist das Ballett inhaltlich somit von besonderer Aktualität und zeigt eine der glanzvollsten Perioden der Donaumetropole in liebevoller und kostümlich detailreichen Retrospektive, die sich tänzerisch dem Schrittkanon des klassischen Balletts verpflichtet sieht.

An Hand einzelner realer Persönlichkeiten werden beide Seiten dieser Zeit, die lichte und die dunkle, auf die Bühne gebracht, wobei sowohl einzelne Charaktere nachgezeichnet als auch deren Beziehungen untereinander beleuchtet werden. Der Engländer Ashley Page, der bis 2012 dem Scottish Ballet als Direktor vorstand, ist durch seine Choreographie für das Neujahrskonzert 2013 der Wiener Philharmoniker auch dem österreichischen Publikum bekannt geworden. Als musikalische Grundlage des Balletts dienen Kompositionen dieser künstlerisch so außerordentlich reichen Epoche.

Choreographie: Ashley Page

Konzept: Antony McDonald & Ashley Page

Bühne und Kostüme: Antony McDonald

Musik: Alban Berg, Béla Fischer, Erich Wolfgang Korngold, Gustav Mahler, Maurice Ravel, Arnold Schönberg, Alexander Zemlinsky

Dirigent: Gerrit Prießnitz

www.wiener-staatsballett.at

www.volksoper.at

Interview Ashley Page: www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/staatsballett_neu/aktuelles/Interview_Page.de.php

Wien, 23. 4. 2014

Volksoper Wien: Märchenwelt Ballett

Oktober 18, 2013 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das hässliche Entlein“ und „Tausendundeine Nacht“

Rebecca Horner, Mila Schmidt, László Benedek Bild: Wiener Staatsballett/Barbara Pálffy

Rebecca Horner, Mila Schmidt, László Benedek
Bild: Wiener Staatsballett/Barbara Pálffy

Wer könnte sich nicht an die allererste Begegnung mit Balletten wie „Der Nussknacker“ oder „Dornröschen“ erinnern: Märchenstoffe eignen sich als ideale „Einstiegsdroge“ in die Aura des Balletts und lassen nicht nur Kinderaugen glänzen. Mit ihren Werken „Das hässliche Entlein“ und „Tausendundeine Nacht“ knüpfen die Choreographen Andrey Kaydanovskiy und Vesna Orlic an die lange und ehrwürdige Tradition der zauberhaften Bühnenerzählungen an und entführen ab 19. Oktober erneut in die „Märchenwelt Ballett“.

Die Idee zum „Hässlichen Entlein“ hatte Andrey Kaydanovskiy bereits in seiner Kindheit, als auch er verzaubert wurde: „Ich war zirka 12 Jahre alt, als ich die ‚Bilder einer Ausstellung’ von Modest Mussorgski zum ersten Mal gehört habe und war sofort fasziniert.“, erzählt der aus Moskau stammende Tänzer und Choreograph. „Beim Hören der Musik, die ich in der Orchesterfassung von Maurice Ravel kennenlernte, entstanden sofort Bilder im Kopf, die mich an das Märchen von Hans Christian Andersen denken ließen. Nur allzu gerne wollte ich diese inneren Vorstellungen auch live getanzt auf der Bühne sehen. Später dachte ich mir, wenn ich ein Ballett für Kinder machen sollte, müsste es genau so aussehen.“ Die Handlung des Balletts folgt nicht ganz dem Märchen, hält sich aber so nah als möglich an das Original, wobei ursprünglich mehrfach auftretende Motive und Situationen zu Einzelbildern zusammengeführt werden. Bezüglich der tänzerischen Sprache hat sich der Choreograph für einen leicht verspielten Bewegungsstil entschieden, der viele Elemente in sich einschließt. „Es wäre schade die Musik und die Geschichte in einen rein klassischen Rahmen zu setzen“, sagt Kaydanovskiy, „für die Buntheit und das Charakteristische der Figuren ist eine freie Bewegungssprache meiner Vorstellung nach besser.“ Der Buntheit der Bewegungssprache steht ein minimalistisches Ausstattungskonzept gegenüber, wobei der Choreograph die Kooperation mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Karoline Hogl als ein gemeinsames Ringen um das Werk beschreibt. „Es wird ein Happy End geben – das war ein Wunsch von mir und ein Ultimatum der Bühnenbildnerin!  Das Gute soll über das Böse triumphieren, das Werk auf alle Fälle – im Sinne der alten Märchentradition – kindgerecht sein. Ich wünsche mir aber, dass nicht nur Kinder sondern vor allem auch Teenager kommen werden, es gibt für jeden etwas, von 0 bis 99, und wenn man es schafft noch älter als mit 99 Jahren in die Vorstellung zu kommen, dann herzliche Gratulation – wir werden uns freuen!“

„Bei der Auswahl meiner Stoffe für das Ballett ‚Tausendundeine Nacht’ war mir die Frage nach der Eignung für Kinder ein zentrales Anliegen“, betont auch Vesna Orlic, „Scheherazade selbst kommt zum Beispiel gar nicht vor, obwohl ich die gleichnamige Musik von Rimski-Korsakow verwende. Sie wäre mir als Figur für ein Kinderballett zu tragisch und zu erotisch. Der Fokus liegt daher mehr bei Aladin, dem fliegenden Teppich und ähnlichen Motiven wie der wundersamen Lampe, Flaschengeistern und so weiter – kurzum Archetypen der orientalischen Märchenwelt, die die Phantasie von kleinen aber auch den ganz großen Kindern beflügeln.“ Von der Handlung des Balletts sei an dieser Stelle nicht zuviel verraten. Um deren Verständlichkeit für die jüngsten Besucher zu erleichtern wird es einen Erzähler geben (Schauspielrolle), der durch das Werk führt. „Bei der Choreographie ist es mir besonders wichtig die Spannung zu halten“, sagt Orlic, „Kinder sind ein sehr kritisches Publikum – sie verlieren auch rasch das Interesse.“ Unterstützt wird das Konzept Orlics durch die Entwürfe von Bühnen- und Kostümbildnerin Alexandra Burgstaller, die für ein authentisch orientalisches Feeling sorgen. „Meine Idee kam vor allem aus der Musik“, führt die Choreographin weiter aus, die vor kurzem auch für ihre Arbeit „Carmina Burana“ beim 1. Österreichischen Musiktheaterpreis in der Kategorie „Beste Ballettproduktion“ den „Goldenen Schikaneder“ erhielt. „Die Bewegungssprache ist frei und vielfältig – sie soll die Zuschauer auch zum Mitbewegt-Sein in jeder Hinsicht einladen.“ Ein Happy End darf selbstverständlich auch im Werk von Vesna Orlic nicht fehlen – denn wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute!

Märchenwelt Ballett ist für Kinder ab 6 Jahren empfohlen und stellt auch musikalisch eine „Reise in den Zauber des Ostens“ dar.

Mit „Scheherazade“ op. 35 legte Nikolai Rimski-Korsakow 1888 eine sinfonische Suite vor, die zu den meistgespielten Werken nicht nur der russischen Literatur zählt. Wie für sein Gesamtschaffen besonders charakteristisch, zeichnet sich auch dieses Werk durch eine besonders effektvolle Orchesterbehandlung aus. Rimski-Korsakow, der von 1844 bis 1908 lebte, befasste sich auch von theoretischer Seite akribisch mit dem Fachgebiet der Instrumentation. So verfasste er unter anderem ein umfangreiches Lehrbuch „Grundlagen der Orchestration“, dem Notenbeispiele aus eigenen Werken beigegeben sind. Wie auch Modest Mussorgski (1839-1881) gehörte er zur „Gruppe der Fünf“ – einem Kreis ambitionierter Komponisten, der auch unter dem Namen „Das mächtige Häuflein“ bekannt geworden ist. Die weiteren Mitglieder des „Häufleins“ waren Mili Balakirew (1837-1910), Alexander Borodin (1833-1887) und César Cui (1835-1918). Die „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgski, original für Klavier komponiert, sind als „Erinnerungen an Viktor Hartmann“ 1874 entstanden. Viktor Hartmann (1834-1873) war ein russischer Architekt, Bildhauer und Maler. Eine groß angelegte Gedächtnisausstellung inspirierte Mussorsgki zu seinem Klavierzyklus, dessen „Promenade“ mehrfach erklingt und den Weg von Bild zu Bild in der Ausstellung, mitsamt allen darin mitschwingenden Stimmungen illustriert. Der französische Komponist Maurice Ravel (1875-1937) zeigte sich von dem Opus besonders beeindruckt und erstellte eine Fassung für Orchester. Diese sollte jedoch nicht die einzige Bearbeitung des Werkes bleiben, neben zahlreichen weiteren Orchesterfassungen erarbeitete Isao Tomita auch eine Version für Synthesizer.

www.volksoper.at

www.wiener-staatsballett.at

Videos mit Interviews und Probenausschnitten der beiden ChoreographInnen Vesna Orlic und Andrey Kaydanovskiy:

Wien, 18. 10. 2013