Landestheater NÖ: Spielzeit 2013/14

Mai 15, 2013 in Bühne

Mit Gerti Drassl, Markus Hering, Michou Friesz,

Dörte Lyssewski und Martin Wuttke

GertiDrassl Bild: (c) Yasmina Haddad

GertiDrassl
Bild: (c) Yasmina Haddad

Am 15. Mai präsentierte Intendantin Bettina Hering das Programm ihrer zweiten Spielzeit am Landestheater Niederösterreich in St. Pölten. Zu erwarten: spannendes, bewegendes, kritisches, unterhaltsames und anregendes Sprechtheater. Die Eröffnungspremiere „Hexenjagd“ von Arthur Miller gibt programmatisch die Richtung vor: Wie unterschiedlich sind jeweils in ihrer Zeit die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und welche politischen und soziologischen Erscheinungen generieren sie, also kurz gesagt: Welche Gesellschaft gebiert welche Ungeheuer?

In Regiearbeiten von Róbert Alföldi, Babett Arens, Alexander Charim, Cilli Drexel, Bettina Hering, Daniela Kranz, Irmgard Lübke, Barbara Nowotny, Katrin Plötner, Markus Schleinzer und Caroline Welzl werden neben dem Ensemble Babett Arens, Gerti Drassl, Michou Friesz, Florentin Groll, Alexandra Henkel, Markus Hering, Benno Ifland, Johanna Elisabeth Rehm, Johannes Schmidt, Susi Stach und Dominik Warta als Gäste in Eigenproduktionen zu sehen sein. Sven Philipp, Moritz Vierboom und Johanna Wolff begleiten das Haus einen Teil der Spielzeit. In Gastspielen von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dem Schauspielhaus Zürich und dem Hamburger St. Pauli Theater sind in Arbeiten von Martin Wuttke, Karin Henkel und Wilfried Minks unter anderem Margarita Broich, Carolin Conrad, Burghart Klaußner, Lena Schwarz und Martin Wuttke zu sehen. Dörte Lyssewski und Markus Meyer, Katja Bürkle und Martin Wuttke sind mit eigens für das Landestheater Niederösterreich zusammengestellten Leseabenden zu Gast.

Das Programm im Detail:

„Hexenjagd“ von Arthur Miller ist die Eröffnungspremiere am 4. Oktober. Basierend auf den Hexenprozessen von Salem im 17. Jahrhundert, lässt es sich problemlos auf heutige Gesellschaftssysteme übertragen, die Denunziation fördern und Systemabhängigkeiten vorantreiben. In der Regie von Cilli Drexel werden neben unserem Ensemble u.a. die Burgschauspielerin Alexandra Henkel und Markus Hering, zurzeit am Residenztheater in München, zu sehen sein. Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“, die Koproduktion mit der Bühne Baden mit Dominik Warta als Weinberl, in der Regie von Bettina Hering und mit viel Musik, landet am 11. Oktober in St. Pölten.

Thematisch  verknüpft mit Arthur Millers Hexenjagd ist „Die Wildente“  von Henrik Ibsen. Als Kämpfer gegen die vorherrschende Scheinmoral hat Ibsen mit diesem hochpsychologischen Stück die Frage aufgeworfen, was denn die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts für Ungeheuer hervorgebracht hat. Gerti Drassl, Benno Ifland und Johannes Schmidt werden das Ensemble verstärken, Daniela Kranz wird inszenieren. (Ab 7. Dezember). In der Uraufführung „Tagfinsternis“ TAGFINSTERNIS von Julya Rabinowich untersucht der Regisseur Markus Schleinzer, dessen Debütfilm „Michael“ viel Aufsehen erregt hat, den Umgang der heutigen österreichischen Gesellschaft mit ihren AsylwerberInnen. Die aufwühlende Geschichte um eine Familie zwischen Tradition und Assimilierung, die auf ihren Bescheid wartet, wird uns alle noch lange beschäftigen. (Ab 17. Jänner, Theaterwerkstatt)

Der Klassiker „Weh dem, der lügt!“ von Franz Grillparzer wird ab 25. Jänner in der Regie von Alexander Charim und mit Florentin Groll als Bischof beim Aufeinandertreffen zweier verschiedener Völker und ihrer Verhaltensweisen den Humor nicht zu kurz kommen lassen. „Geschwister“  von Klaus Mann, ein spannendes Zeitzeugnis der 20er Jahre, inszeniert von Irmgard Lübke (ab 8. März, Theaterwerkstatt), ist genauso wie das in der Antike angesiedelte Drama HORACE von Pierre Corneille, in der Regie von Katrin Plötner, (ab 24. April, Theaterwerkstatt) eine Wiederentdeckung. Die Dramatisierung des ungarischen Romans „Die Ruhe“ von Attila Bartis unter dem Titel „Meine Mutter, Kleopatra“als deutschsprachige Erstaufführung runden das Programm ab.Der bekannte Regisseur Róbert Alföldi war bis zum Spielzeitende 2012/13 erfolgreicher Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, bis auch er ein Opfer der momentan herrschenden politischen Verhältnisse wurde. Wir sind sehr froh, dass er im Landestheater diesen brillanten Stoff umsetzen kann, der Ungarn zur Zeit der Wende, fokussiert auf eine klaustrophobische Familienkonstellation, zeigt. Als Gäste spielen ab 29. März  Michou Friesz, Susi Stach und Moritz Vierboom in dieser Produktion.

Zwei vom Landestheater Niederösterreich initiierte Lesungen gibt es in prominenter Besetzung: Die Burgschauspieler Dörte Lyssewski und Markus Meyer lesen aus Ovids „Heroides“, den fiktiven Beschwerdebriefen der Heldinnen der Antike (am 2. November) und Katja Bürkle von den Münchner Kammerspielen und Martin Wuttke werden aus dem Briefwechsel von Bertolt Brecht und seiner Frau Helene Weigel lesen. (Am 16. Jänner). „Der eingebildete Kranke nach Molière von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin kommt als Gastspiel in der Regie von und mit Martin Wuttke am 29. und 30. November ins Landestheater. Das Schauspielhaus Zürich gastiert am 14. und 15. Februar mit „Amphitryon und sein Doppelgänger“  nach Heinrich von Kleist in einer Inszenierung der gefeierten Karin Henkel, deren Arbeiten seit vielen Jahren nicht mehr in Österreich zu sehen waren. Das Hamburger St. Pauli Theater kommt am 9. und 10. Mai mit  Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“  in der Regie von Wilfried Minks mit Burghart Klaußner, der für diese außerordentliche Darstellung den Theaterpreis Der Faust gewonnen hat und Margarita Broich, die ganz neu in die „Tatort“-Riege einsteigt.

Open House am  20. und  21. SEPTEMBER

Das Landestheater Niederösterreich öffnet vier Wochen bevor die Spielzeit startet an zwei Tagen seine Türen zum Open House und lädt am Freitag, 20. September  zu einem Programm für Jugendliche und Erwachsene ein. Abenteuerlustige Jugendliche haben so zum Beispiel die Möglichkeit im Theater zu übernachten. Am Samstag, 21. September geht es am Vormittag und frühen Nachmittag mit unserem beliebten Kostüm- und Requisitenflohmarkt sowie mit Attraktionen für unsere jüngsten BesucherInnen weiter. Es gibt Familienführungen, Kinderschminken, Basteln, Bilderbuchkino, Lesungen und vieles mehr.

 Abos: Neu sind, neben dem JUGEND-ABO 14+, die Kooperationen mit Grafenegg und dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich. Hier gibt es unter dem Titel ABO LANDESTHEATER & GRAFENEGG und ABO LANDESTHEATER & TONKÜNSTLER je ein attraktives Abo-Angebot mit Musik und Schauspiel. Ebenfalls neu:  Am 19. August 2013 eröffnen das Landestheater Niederösterreich, das Festspielhaus St. Pölten und die Bühne im Hof ein neues gemeinsames Kartenverkaufslokal am Rathausplatz 19, St. Pölten.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013

Luk Perceval in St. Pölten

Mai 12, 2013 in Bühne

Sein berüchtigter „Hamlet“ am Landestheater NÖ

Abdruck zur Produktion bei Nennung honorarfrei

Gabriela Maria Schmeide, André Szymanski
Bild: ©Armin Smailovic

Das Landestheater Niederösterreich ist nicht nur eine erste Adresse bei Eigenproduktionen, sondern auch dafür bekannt, erstklassige Gastspiele einzuladen. Regisseur Luk Perceval, sozusagen ein alter Freund des St. Pöltener Hauses, kam diesmal mit seiner „Hamlet“-Inszenierung vom Hamburger Thalia Theater. Das Shakespeare-Drama wurde von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel neu bearbeitet und von Jens Thomas mit Musik unterlegt. Ein starkes Stück. Wie rund um 1600 so gedacht. Heftig-deftig, nackt, gewaltig (ohne je Gewalt zu zeigen), schmerzhaft bis Herz und Ohren (dank Gitarrengeschrammel und Wutgesang) bluten.

Zu keinem Ding gibt es mehr Sekundärliteratur, mehr Theorien als zu „Hamlet“, lernte man als Theaterwissenschaftsstudent. Ist er tatsächlich irre? Oder täuscht er den Wahnsinn vor, um seine Pläne zu verschleiern? Sein oder nicht sein? Darauf gibt Perceval seine Antwort: Beides richtig! Er spaltet seinen Titelhelden auf zwei Schauspieler: Josef Ostendorf, dem (wie der Rebellenführer in „Total Recall“) Jörg Pohl aus dem Bauch wächst. Eine manisch-depressive Schizophrenie. Die Conditio humana, für Freud das Unbewusste, für Erich Fromm das Interesse an Erkenntnis, bei Hannah Arendt das politische Handeln als Grundbedingung menschlichen Lebens, dargestellt als Doppelrolle. Hamlet, gefangen im Dualismus zwischen Vernunft und Emotion. Ergo gibt Ostendorf den zwar verzweifelten, aber rational-ruhig Handelnden, ist Pohl im Geiste schon Vernichter der Vatermörder, einer, den die Ratio längst verlassen hat. Immer wieder muss Hamlet eins dem wie ein Springteufel aus seinem trauerschwarzen Hemd auftauchenden Hamlet zwei den Mund zuhalten, damit dieser sich nicht zu unbedachten Ausbrüchen hinreißen lässt. Was ihm nicht gelingt (siehe Tod des Polonius: Barbara Nüsse im Rollstuhl – großartig, wie sie in weitschweifigen Beschreibungen Hamlets vertrackte Seelenlage darlegt, obwohl dem Sermon des alten Mannes sowieso keiner zuhört). Großartig auch die Szene, in der der/die Dänenprinz(en) im Geist ihres Vaters, der als verendeter Sechzehnender auf der Bühne liegt, nur sich selbst begegnen. Ein Taschenlampenspuk als Schreckgespenst.

Da ist was faul im Staate. Und Aggression liegt in der Luft. Auch bei „Claudius“ Andre Szymanski und „Laertes“ und Stelzengeher Sebastian Zimmler. Er vermag nicht eine Schwester Ophelia zu retten, sondern deren vier sind verloren. Wasser- und Wiedergängerinnen. Wo Perceval einerseits mit Personal klotzt, spart er an anderer Stelle ein. Einen „Klugscheißer“ Horatio braucht er gleich gar nicht. Rosencrantz & Guildenstern und die ganze Schauspielertruppe mimt Mirco Kreibich in wunderbaren Verrenkungen (da wurden Teile des Publikums übrigens erstmals stutzig und unruhig). Totengräber 1 & 2 gibt Peter Maertens (Vater von Burgstar Michael Maertens) zweistimmig – als Bass und Tenor -, die Schaufel in der Hand, des armen Yoricks Skelettschädel auf den Kopf gebunden. Über so viel Albtraumhaftes versucht Gabriela Maria Schmeide, in Gestik und Gewandung eine derangierte, gut genährte Ballerina, hinwegzutänzeln. Versucht Claudius mit Notgeilheit aus der Gefahrenzone zu bringen, ihren Prinzen-Burli mit Übers-Haar-Streichen zu besänftigen. Klar, dass beides misslingt.

Perceval, nicht erst seit seinem „Schlachten!“-Gemälde als Shakespeare-Experte ausgewiesen, und Sprachberserker Zaimoglu haben einen dichten, suggestiv bezwingenden, intensiven, auf die Essenz eingedampften „Hamlet“ auf die Bühne gestellt. Angst-Atmosphärisches auf düsterschwarzer Bühne. Eine Installation zum Thema Dämmerzustand des Unter-, des Unbewussten. Und das Ensemble: brillant. Und ein Ende ohne giftige Degen und Perlen, ohne ausgefochtene Duelle und das Zur-Schau-Stellen von Toten. Nur Ostendorf sagt ostentativ: „Der Rest ist …“ Da brach der Buh- und Bravoorkan (wie weiland bei der Hamburger Premiere) über die Bühne herein. Empörtes Türenschlagen da, Begeisterungsgejohle dort. Gott sei Dank. So soll Theater sein. Allzu oft sitzt heutzutage ein mäuschenstilles Publikum in Duldungsstarre im Saal, schleicht sich dann leise aus diesem – und auf zum Prosecco. Bei Perceval geht das nicht.

Was das Landestheater Niederösterreich kommende Saison bietet, lesen Sie kommende Woche auf www.mottingers-meinung.at.

www.landestheater.net

Videos: www.thalia-theater.de/h/repertoire_33_de.php?play=243

www.mottingers-meinung.at/interview-mit-luk-perceval

Von Michaela Mottinger

St. Pölten, 12. 5. 2013

Corinna Harfouch: Große Liebesgeschichten

Mai 3, 2013 in Buch, Tipps

Lesung am Landestheater NÖ in St. Pölten

Corinna Harfouch  Bild: (c) Thomas Ammerpohl

Corinna Harfouch
Bild: (c) Thomas Ammerpohl

Von großen Liebesgeschichten berichtet die große Schauspielerin Corinna Harfouch am 7. Mai im Landestheater Niederösterreich: Harfouch liest von Etel Adnan die Erzählung „Die Macht des Todes“, in der sie uns mit der Form von Liebe konfrontiert, bei der Banalitäten keinen Platz haben. „Eine einsame menschliche Stimme“ ist dem Band „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch entnommen. In literarischen Monologen, die aus Gesprächen entstanden sind, zeichnet sie Porträts von Menschen, die von der Reaktorkatastrophe direkt betroffen sind. Es entsteht ein ungeheuerliches Requiem der Klage und der Anklage, mit dem sich die Autorin ohne Zweifel neben Tschechows „Die Insel Sachalin“ und Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ gestellt hat, wie die Frankfurter Rundschau schreibt.

Die Autorinnen Etel Adnan, geboren 1925 in Beirut, ist Kosmopolitin: Als Kind eines syrischen Vaters und einer griechischen Mutter erfährt sie schon früh, was es heißt zwischen verschiedenen Kulturen aufzuwachsen. Etel Adnan studierte an der Sorbonne, in Berkeley und Harvard Philosophie. Sie lebt in Paris und Kalifornien.

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 im ukrainischen Iwano-Frankiwsk als Tochter eines Weißrussen und einer Ukrainerin geboren. Sie arbeitete als Reporterin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Über ihre Interviews fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem halbdokumentarischen „Roman in Stimmen“. Seit 2000 lebt sie mit Unterbrechungen im westlichen Ausland.

Die Schauspielerin Corinna Harfouch gehört zu den wichtigsten Bühnen- und Filmdarstellerinnen Deutschlands. Nach dem Schauspielstudium arbeitet sie mit Ruth Berghaus und Heiner Müller und findet im Berliner Ensemble eine erste wichtige Wirkungsstätte. Seit 1991 ist Corinna Harfouch freie Schauspielerin, gastiert am Deutschen Theater, der Schaubühne Berlin, dem Stuttgarter Staatsschauspiel und vielen anderen Bühnen. Als Filmdarstellerin ist sie in Filmen von Margareta von Trotta, Michael Gwisdek, Bernd Eichinger, Tom Tykwer, Andreas Dresen und Matthias Glasner zu sehen. Ihre Filme, wie aktuell „Was bleibt“ von Christian Schmid, gelangen zur Berlinale und anderen wichtigen Filmfestivals. Corinna Harfouch wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (u. a. Gertrud-Eysoldt-Ring, Deutscher Filmpreis, Bayerischer Filmpreis, Schauspielerin des Jahres 1997).

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013

Der Mai im Festspielhaus St. Pölten

Mai 3, 2013 in Tipps

Alles bewegt sich!

Bild: Ros Kavanagh

Bild: Ros Kavanagh

Im Mai  kommt Bewegung ins Festspielhaus – alles dreht sich um das Thema Tanz. Am 4. Mai präsentiert Michael Clark die Österreich-Premiere seiner Produktion „come, been and gone“, in der Moderner Tanz, Ballett und Rockmusik aufeinandertreffen. Am 11. Mai findet das große Tanz- und Musikprojekt „alles bewegt“ in der gleichnamigen Bühnenshow seinen Höhepunkt und Abschluss und am 16. Mai steht die Uraufführung von „Österreich tanzt Baby!“ auf dem Programm. Vier österreichische ChoreografInnen treffen hierbei auf die Musiker der Band Tanz Baby!.

Michael Clark: come, been and gone, Österreich-Premiere, Sa 04. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großer Saal
Am 04. Mai kommt der britische Choreograf Michael Clark mit seinem Stück „come, been and gone“ ins Festspielhaus: revolutionärer zeitgenössischer Tanz, bei dem die Welten des klassischen Balletts, des Modern Dance sowie explosive Rock-Musik aufeinandertreffen. Michael Clark spielt mit der klassischen Form, die er ebenso zelebriert wie dekonstruiert. Gewagte Kostüme, radikale Stilbrüche und Überzeichnungen, Einfallsreichtum und ein großes Gefühl für Bilder machen seine Abende einzigartig. Zudem ist „come, been and gone“ auch eine Hommage an Rockmusiker wie Bruce Gilbert, Iggy Pop und vor allem David Bowie, dessen Song „Heroes“ den Kern des Abends bildet.

alles bewegt, Uraufführung, Sa 11. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großer Saal
In der Bühnen-Show „alles bewegt“ findet das gleichnamige große Tanz- und Musikprojekt seinen Höhepunkt und Abschluss, auf den 140 NiederösterreicherInnen zwischen 8 und 80 Jahren ein Jahr lang hingearbeitet haben. Für viele von ihnen war es die erste praktische Auseinandersetzung mit zeitgenössischem Tanz. Das kreative Team vereint KünstlerInnen wie Doris Uhlich, Maurizio Grandinetti, Murat Coskun oder Josette Baïz, die im Festspielhaus zu den fixen Größen der vergangenen Jahre zählen. Die künstlerische Gesamtleitung obliegt Jane Hackett von Sadler’s Wells London und Joachim Schloemer, dem Künstlerischen Leiter des Festspielhaus St. Pölten.

Österreich tanzt Baby!, Uraufführung, Do 16. und Fr 17. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großer Saal
Das Festival Österreich TANZT erhält zum Abschluss der Ära Joachim Schloemer noch einmal ein völlig neues Format! Schloemer legt diesmal selbst als Kurator Hand an das Festival und lässt vier österreichische ChoreografInnen mit der Live-Band Tanz Baby! aufeinandertreffen. Tanz Baby! ist bekannt für ihre einzigartige Mischung aus altem Schlager und Neuer Deutscher Welle. Basierend auf ihren Songs, die die Zuhörer auf eine Achterbahnfahrt der großen Gefühle mitnehmen, entstehen vier eigenständige Mikrochoreografien, die von Stephanie Cumming, Ákos Hargitay, Radek Hewelt und Helene Weinzierl extra für diesen Anlass kreiert werden. Auf der Bühne mischen außerdem die Festspielhaus-Crew und die St. Pöltner Football-Mannschaft General Invaders mit.

www.festspielhaus.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013

„Ich rufe meine Brüder“ nach St. Pölten

April 21, 2013 in Bühne

Der Schrecken als schwarzweiße Graphic Novel

 Jerry Hoffmann Bild: Alexi Pelekanos

Jerry Hoffmann
Bild: Alexi Pelekanos

Eine der innovativsten Inszenierungen der Saison ist derzeit in St. Pölten zu sehen. Das Landestheater Niederösterreich zeigt in seiner Theaterwerkstatt – in Kooperation mit Shermin Langhoffs Berliner Ballhaus Naunynstraße (die künstlerische Leitung hat sie bereits vollständig an Wagner Carvalho und Tunçay Kulaoğlu übertragen) und dem Maxim Gorki Theater, dessen designierte künstlerische Leiterin sie ist – das Stück „Ich rufe meine Brüder“. Jonas Hassen Khemiri, vielfach ausgezeichneter Autor und Dramatiker, in Stockholm geborener Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers, schrieb es, nachdem 2010 in einer beliebten Einkaufsstraße zwei Sprengsätze detonierten. Der Selbstmordattentäter: ein 28-jähriger im Irak geborener schwedischer Staatsbürger. In einem Abschiedsbrief entschuldigte er sich bei seinen Eltern für sein Doppelleben.

Die Anschläge beim Boston-Marathon geben Khemiris Arbeit traurige Aktualität. US-Präsident Obama war in einem ersten Statement ratlos wie viele: „Warum haben junge Männer, die hier aufgewachsen sind und studiert haben, zu so starker Gewalt gegriffen?“ Khemiri hilft auf diese und ähnliche Fragen nicht mit Antworten. Er stellt neue. Wie der Regisseur der Produktion, Michael Ronen. Er ist in Jerusalem geboren, seine Familie 1945 aus Wien emigriert. Hauptdarsteller Jerry Hoffmann ist Hamburger mit Wurzeln in Ghana. Er spielt Amor. Student. Partytiger. Trip Hopper. Ist Erzähler, Protagonist, Attentäter (?). Darüber diskutiert das Publikum, als es nach der Vorstellung ins Foyer flutet, heftig. Dazu gibt es keine Erklärung. Das muss jeder mit sich selber ausmachen. Klar ist nur, dass Amor bei hell erleuchtetem Zuschauerraum immer wieder aus der Szene steigt. „Wir sind alle unschuldig“, müssen die Menschen dann beispielsweise  mit ihm gemeinsam skandieren. Stimmt nicht. Von Breivik bis Bin Laden. Von faschistischen Parteien bis zu „Alltags“rassisten allerorts.

In Stockholm hat es also einen Anschlag gegeben. Und Amor bricht sein Leben weg. Sein bester Freund Shavi (Jan Walter vom Landestheater) hat Frau und Kind, das Mädchen, in das er sich verguckt, fühlt sich gestalkt und verlässt das Viertel, die Verwandtschaft in Tunesien will einen kaputten Bohrkopf gegen einen neuen eintauschen, der Verkäufer am Reklamationsschalter schasselt Amor ab. Kein Umtausch. Nirgendwo. Hoffmann spielt das einmal lapidar, einmal lustig, listig, nie launisch. Er ist einfach ein charmanter, fescher Bursch. Nicht durchschaubar. Nicht einsehbar. Hat er bei vollem Licht betrachtet Zukunfts- oder nur Visionen? Hat er Alb- oder Tagträume? Zwei der stärksten Szenen: Amor hört nächtens auf einer Brücke Polizisten mit einem „Ausländer“ diskutieren. Schon sieht er sich die Beamten mit einem Messer niederstehen; und erfährt beim Näherkommen, dass sich der Mann nur verfahren hat und ihm die Amtspersonen den richtigen Weg beschreiben. Amor – oder, glaubt er, ist das eigentlich ein anderer? – wirft die Stichwaffe ins Wasser und rennt. Er telefoniert mit seiner schwedischen Oma. Bald stellt sich heraus, dass sie längst tot ist. Ein weißer Luftballon. Und rundherum wächst die Generalverdächtigung gegen die mit der dunklen Haut und den schwarzen Haaren, fühlt (?) Amor sich bespitzelt, nimmt auf allen Seiten die Angst zu. Und mit ihr die Aggression. Alle paralysiert.

Als optische Auflösung für seine Inszenierung haben sich Michael Ronen und sein Team eine Supersache einfallen lassen. Auf den drei Wänden der Bühne wird die Story als schwarzweiße Graphic Novel erzählt. Im Stil von Mangas oder Frank Millers „Sin City“. Großartig! Wie die Figuren sich mitunter per Sprechblasen verständigen, wie sogar auf Details wie Augenbewegungen geachtet wird. Großartig und ein bisschen spooky. Blut und Brand bleiben rot. Olivier Durand ist für diese Illustrationen und Animation zuständig; Video: Benjamin Krieg, Hanna Slak, Guillaume Cailleau. Marion Reiser (ebenfalls Ensemblemitglied des Hauses) und Nora Abdel-Maksoud beweisen die Vielfältigkeit ihrer Darstellungskunst in diversen Frauenrollen. Ein Abend, den man nicht versäumen sollte. Ein Abend, der nichts deutet, der kein Dolmetscher sein will, aber dennoch manches verständlicher macht.

Die Produktion wird noch bis 27. April am Landestheater Niederösterreich gezeigt und dann im November in Berlin ins Ballhaus Naunynstraße in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater übernommen.

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/theater-ballhaus-naunynstrase-interview-mit-michael-ronen-und-jerry-hoffmann

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 4. 2013