TheaterArche: Anstoß – Ein Sportstück

Februar 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In jeder Hinsicht ein Kraftakt

Colin Kaepernick (Johannes Scherzer) verweigert das Singen der Hymne. Bild: © Jakub Kavin

Das Außergewöhnliche gestern war die persönliche Anwesenheit von Nicola Werdenigg, war es, die ehemalige Skirennläuferin auf der Spielfläche der neu gegründeten TheaterArche zu sehen, wo sie vom systematischen Macht- und vom sexuellen Missbrauch im ÖSV erzählt, von ihrer Vergewaltigung und ihrer Bulimie. Da erscheint Annemarie Moser-Pröll, das heißt: Schauspielerin Johanna König im feschen Dirndl, und widerspricht.

Gut is gangen, nix is gschehn, wie man ja sagt, und wie Johanna König sich aufpudelt, darüber muss man durchaus lachen. Und schon ist man bei Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler, der den Sport dereinst mit einem Shakespeare-Stück verglich, so tragisch wie komisch, allerdings spannender, da ungewissen Ausgangs. Das sind die beiden Pole, zwischen denen Jakub Kavin seine aktuelle Arbeit „Anstoß – Ein Sportstück“ auspendelt. Erst zu Beginn des Jahres hat sich dessen TheaterArche im vormaligen Theater Brett häuslich niedergelassen, jetzt diese Eröffnungsproduktion rund um die Tabuthemen des Massenphänomens und Identifikationsobjekts, von Doping zur Droge Alkohol zur Sucht nach Publicity, von psychischem Druck bis Depression, von erzwungenem Geschlechtsverkehr bis Homophobie. Kavin selbst führte Regie, hat auch aus aberhunderten Originalzitaten von Aktiven wie Funktionären, von Autoren wie Ödön von Horváth und David Foster Wallace den Text collagiert, und lässt diesen nun von 17 Akteurinnen und Akteuren performen.

Ein Kraftakt in jeder Hinsicht. Für die Darsteller, die allein oder in ausgefeilten Choreografien als Gruppe körperlich alles geben. Für das Publikum, über das drei Stunden lang Namedropping und Faktenlage prasselt. Für Kavin, der diesen Neustart ohne öffentliche Gelder stemmt, das Ganze getragen vom Enthusiasmus und vom selbstausbeuterischen Einsatz seiner Truppe. Die einmal mehr auf höchstem Niveau ihre Kunst zeigt. Jörg Bergen etwa wankt als dauertrunkener Fussballer Ulli Borowka durchs Aufwärmtraining der anderen, und macht später einen herrischen Peter Schröcksnadel. Nicolaas Buitenhuis spricht Sätze des schwulen Torschützen Thomas Hitzlsperger, Bernhardt Jammernegg legt als zynischer Unsympath Lance Armstrong schauspielerisch und auf dem Spinning-Rad eine Höchstleistung vor. Vom beinah Totenbett zum Doping ein einziger Überlebensbeweis.

Annemarie Moser-Pröll weiß von keinem sexuellen Missbrauch beim ÖSV: Johanna König. Bild: © Jakub Kavin

Zwischen Antike und Offenbach: Opernsängerin Manami Okazaki als Olympia. Bild: © Jakub Kavin

So wie der Radrennsportler seiner Physis alles abverlangt, so schildert Florian-Raphael Schwarz als Thomas Muster dessen harten Weg zurück nach dem Key-Biscayne-Autounfall, Johannes Scherzer als Robert Enke, wie er seinen aus der Depression nicht gefunden hat. Es sind Gänsehautmomente, wenn der Chor dem Torwart ein Spottlied singt, bevor dieser in den Tod geht. Berührend auch die Geschichte von Heidi Krieger, auf der Bühne umgesetzt von Maksymilian Suwiczak, der DDR-Kugelstoßerin, der das Staatsdoping, wie sie sagt, die geschlechtliche Identität genommen hat – und die heute als Andreas lebt. Oder – wieder Scherzer – als knieender NFL-Spieler Colin Kaepernick, den Donald Trump via Vidiwall wüst beschimpft. Auf dieser auch zu sehen, der spektakuläre Sturz von „Verausgabungsapparat“ Hermann Maier in Nagano. „Anstoß – Ein Sportstück“ ist immer wieder auch reinstes Dokutheater. Nagy Vilmos lässt als diverse Trainer Bonmots und markige Sprüche ab, Peter Matthias Lang als Shaolin-Mönch philosophische, Saskia Norman spielt Tonya Harding, Corinna Orbesz die Mixed-Martial-Arts-Fighterin Ronda Rousey, die Trumps Einwanderungspolitik öffentlich kritisierte.

Tabea Stummer spricht als Torhüterin Hope Solo über ihr schwieriges Elternhaus, Sarah Victoria Reiter trägt als Anna Veith mitten in der #MeToo-Debatte das Superfruits-Shirt eines Fruchtsaftherstellers … Mehr gibt es zu sehen und zu hören, als man auf einmal zu fassen vermag. Kavin, so scheint es, hat die Überforderung, die Überfrachtung zum Programm gemacht, man kann’s zwischen Zeitlupenspielzügen und der Haka der neuseeländischen Rugbymannschaft also nur sportlich nehmen, versuchen den roten Faden dieser Übung in freier Assoziation nicht zu verlieren, und wie die hier Dargestellten an und über die eigenen Grenzen gehen. Moderatorin Elisabeth Halikiopoulos hält die Aufführung von Aufstiegen bis tiefen Abstürzen, im Fall der Bergsteigerin Gela Allmann/Johanna König im Wortsinn von einer atemberaubend hohen Leiter, zusammen, bevor Koloratursopranistin Manami Okazaki, als sich gegen Technowummern stemmende Jacques-Offenbach’sche Olympia, auf die transhumanistische Zukunft des Sports und den nächsten Austragungsort der Olympischen Spiele, Tokio 2020, verweist.

Tonya Harding und Jeff: Saskia Norman und Florian-Raphael Schwarz. Bild: © Jakub Kavin

Anna Veith und Ulli Borowka: Sarah Victoria Reiter und Jörg Bergen. Bild: © Jakub Kavin

„Anstoß – Ein Sportstück“ ist ein lohnender, hochaktueller Theaterabend, eigentlich Work in progress, zumal nicht zwei davon gleich sein werden. An jedem ist nämlich ein anderer Gast eingeladen, um aus seiner Perspektive über dieses Spiegel- wie Zerrbild der Gesellschaft zu berichten. Am 22. Februar zum Beispiel wird es wieder Nicola Werdenigg sein, am 24. Februar der Autor Franzobel.

Jakub Kavin im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31475

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=68&v=3Z1aY9ny0Nw

www.theaterarche.at

  1. 2. 2019

In Wien entsteht eine neue Bühne: TheaterArche-Leiter Jakub Kavin im Gespräch

Januar 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung ist am 29. 1. mit „Anstoss – Ein Sportstück“

Schauspieler, Regisseur und Leiter der TheaterArche: Jakub Kavin. Bild: Renée Kellner

Wien-Mariahilf, Münzwardeingasse 2. Noch wird im Haus gehandwerkt, ausgemalt und angeschraubt, aber gleich stellen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler zur Probe der neuen Produktion „Anstoss – Ein Sportstück“ auf. Eine hat gerade die frisch gewaschene Leinwand für die späteren Video-Projektionen gebracht, einer ist noch mit der neuen Bestuhlung unterwegs, da üben die anderen bereits den Text, den Gesang, die aufwändige Choreografie.

Die konzentrierte Spannung ist greifbar, die Tage sind schon an einer Hand abzuzählen. Am 29. Jänner findet die Eröffnungspremiere der TheaterArche am neuen fixen Spielort statt. Deren künstlerischer Leiter Jakub Kavin will das Haus nicht nur selbst bespielen, sondern auch als Raum für die freie Szene etablieren und Künstlerinnen und Künstlern einen Platz für, wie er’s nennt, „das professionelle Experiment“ schaffen. Jakub Kavin im Gespräch über Diversität, sein Sportstück und das leidige Thema Subventionen:

MM: Wie verrückt muss man sein, um in Wien ein festes Haus zu gründen, und warum glauben Sie, dass die Stadt ein weiteres braucht?

Jakub Kavin: Verrückt muss man wohl ziemlich sein, allerdings auch so klar bei Verstand, dass man eine Idee hat, was sich in diesem Haus künstlerisch ereignen soll. Was das betrifft, bin ich überzeugt, dass Wien eine weitere Spielstätte braucht. Tatsache ist, dass dieser Raum hier zwei große Vorteile hat: Er ist einerseits absolut variabel, heißt: es ist ganz viel möglich, was die Zuschauerbestuhlung und die Spielsituation betrifft, andererseits sind wir völlig barrierefrei, man kann ohne eine einzige Stufe überwinden zu müssen vom Gehsteig in den Theatersaal kommen. In dieser Mischung heben wir uns schon einmal von anderen Häusern ab. Wie wichtig das ist, weiß ich, weil ich immer wieder mit Cornelia Scheuer zusammenarbeite, die auch als co-künstlerische Leiterin der TheaterArche angedacht ist.

MM: Dazu muss man erklären, dass Schauspielerin und Tänzerin Cornelia Scheuer im Rollstuhl performt …

Kavin: Ja, und sie ist auch Beraterin für Barrierefreiheit. Durch sie weiß ich, dass es großen Bedarf an leicht zugänglichen Theatern gibt, ich habe aber, als die TheaterArche frei unterwegs war, auch selber erfahren, wie schwer es ist, eine adäquate Spielstätte zu finden. Was das Künstlerische angeht, wollen wir kein rigides Konzept umsetzen, sondern offener sein, sehr vieles ermöglichen und dazu die Wiener Szene einladen. Wir suchen die Heterogenität, nicht die Homogenität, wir wollen kein kleineres und wahrscheinlich schlechteres Burgtheater sein, sondern wir wollen die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln – in allen Facetten, die es gibt.

MM: Sie haben die Räumlichkeiten von Ihren Eltern Nika Brettschneider, die vergangenen Sommer leider verstorben ist, und Ludvik Kavin übernommen, die hier das Theater Brett betrieben.

Kavin: Genau. Es waren harte, aber faire Verhandlungen mit den Hausbesitzern, und nun habe ich einen Mietvertrag für 30 Jahre, ich kann mich also ein paar Jahre austoben. Dazu bedürfte es allerdings der Subventionen, es braucht nämlich schon sehr viel Selbstaufgabe, ein fixes Haus zu betreiben.

MM: Trotzdem, das ist das Theater Ihrer Kindheit …

Kavin: 1984 ist es eröffnet worden. Ich war davor schon mit meinen Eltern viel in Europa unterwegs, beispielsweise bei Theaterfestivals, dann habe ich hier die Aufbauarbeiten miterlebt und, wie man aus einer völlig kaputten Möbelfabrik, in der die Tauben gehaust haben, ein Theater macht. Das war eine intensive Zeit damals und natürlich eine spannende Kindheit, ich verbinde damit sehr schöne Erinnerungen. Ich habe hier auch erste Bühnenerfahrungen gesammelt, als „Kleiner Prinz“ oder als infantiler König in einem Jeanne-D’Arc-Stück. Vor etwa zehn Jahren habe ich mich dann künstlerisch emanzipiert und bin meiner eigenen Wege gegangen. Als das Haus vom ehemaligen Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny im Zuge der Wiener Theaterreform …

MM: … ausgeblutet worden ist …

Kavin: … hat das schon sehr weh getan. Die Stadt Wien hat alles getan, damit das Haus geschlossen werden muss, sie hat’s nur bis heute nicht geschafft. Bei der neuen Kulturstadträtin kann man nur hoffen, dass die Ziele andere sind. Die sind zwar noch nicht so klar raus, aber grundsätzlich sagt sie doch, sie will neue Räume für die Szene. Da könnte sie ja auch alte wiederbeleben, dann wären die quasi auch neu. Ich ziehe den Hut vor meinen Eltern, dass sie 14 Jahre Theater ohne Förderungen gemacht haben, das war wirklich existenziell, ein harter Kampf, der an die Substanz ging. Ich habe kein Interesse daran, hier Hausmeister zu sein und an jede Amateurtruppe vermieten zu müssen, um die nächste Miete bezahlen und die Fixkosten abdecken zu können. Ich möchte ein qualitätsvolles Programm präsentieren, und warum ich glaube, das zu können, und dass sich das hier etablieren wird, sind eben die Vorzüge dieses Raums.

Anstoss – Ein Sportstück: Bernhardt Jammernegg als Lance Armstrong und Florian-Raphael Schwarz als Thomas Muster. Bild: Jakub Kavin

Anstoss – Ein Sportstück: Olympia und der Transhumanismus, Koloratursopranistin Manami Okazaki mit Ensemble. Bild: Jakub Kavin

Anstoss – Ein Sportstück: Corinna Orbesz als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin Ronda Rousey. Bild: Jakub Kavin

MM: Bei der Renovierung packen alle Künstlerinnen und Künstler mit an, …

Kavin: Und zwar ehrenamtlich, hier sind alle sozusagen ehrenamtliche Vereinsmitglieder. Geht ja nicht anders. Das, was an Geld reinkommt, wird unter allen aufgeteilt.

MM: … was genau wird nach Ihren Wünschen umgestaltet?

Kavin: Dass es eben keine fixe Zuschauertribüne mehr gibt, dass wir das vollgeräumte Büro in ein Theatercafé verwandeln, in dem sich das Publikum nach der Vorstellung mit den Schauspielern auf ein Glas Wien zusammensetzen kann, außerdem ein frischer Anstrich … mehr geht sich finanziell ohnedies nicht aus. Ich kann keine Wände einreißen.

MM: Außer die in den Köpfen.

Kavin: Stimmt, das ist auch viel wichtiger.

MM: Das bringt uns zum künstlerischen Konzept. Wie und womit möchten Sie die TheaterArche in dieser Stadt positionieren, welche Themen möchten Sie bespielen?

Kavin: Ich habe den Eindruck, in Wien gibt es entweder die große, subventionierte darstellende Kunst oder jene, die versuchen, genau dasselbe im kleineren Format umzusetzen. Auch das ist natürlich aller Ehren wert, aber für mich ein bisschen schwierig, ich sehe mich nicht als einen Theatermacher, der den 2000sten „Hamlet“ auf die Bühne bringt, zu dieser Form von Theater habe ich wenig Bezug. Daneben gibt es viele Gruppen, die sich sehr spezialisiert haben, die mit Flüchtlingen, mit Migranten, mit behinderten Menschen arbeiten, sehr oft in einem hierarchischen System.

Heißt: das Nicht-Betroffene Betroffene inszenieren. Diese Programme sind wichtig, weil sie den diversen Communities eine Möglichkeit für Öffentlichkeit geben, in sich sind diese Konzepte aber sehr verschließend. Meine große Bestrebung ist, da wir alle Menschen sind, dass dieser Raum dazu dient, dass sich das ganze Mensch-Sein, das in Wien abgebildet ist, hier künstlerisch finden kann. Diesen Rahmen möchte ich ermöglichen – für die Künstler und für das Publikum.

MM: Nun sagen Sie zwar, Sie wollen kein Hausmeister sein, doch das klingt doch nach Plattform bieten, Arbeitsperspektiven schaffen, Künstler vernetzen. Wollen Sie die in Ihre Produktionen einbinden oder denen das Haus als Spielstätte anbieten?

Kavin: Sowohl als auch. Wir wollen den Raum zu etwa einem Drittel der Saison selber bespielen, der Rest soll wirklich für die freie Szene offen sein. Ich will keine ästhetische, keine Geschmacks-Polizei sein, ich will nicht entscheiden, was sein darf und was nicht, das gibt es in Wien ohnedies schon viel zu oft. Ich wünsche mir möglichst professionelle Arbeit, und dass es einen künstlerischen Background gibt, dass die jeweiligen Truppen tatsächlich auf der Suche sind. Für die Bespaßung des Publikums gibt es andere Häuser in Wien, hier soll Platz sein für das professionelle Experiment. Dieser Raum soll einer sein, in dem Künstlerinnen und Künstler ihrer Kreativität freien Lauf, die Gedanken fließen lassen und sich austoben können. Das ist auch das Konzept, das der Stadt Wien vorliegt.

Das ist eigentlich alles. Szenische Collage nach Miniaturen von Daniil Charms, 2018. Bild: Jakub Kavin

Das Schloss, 2017. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?, 2018. Vorne: Jakub Kavin. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

MM: Und noch einmal nach den eigenen Themen gefragt?

Kavin: Wir gehen an die Themen ganz unterschiedlich heran, „Das Schloss“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26330) von Kafka war etwa eine Romanbearbeitung,  „RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28716) eine Textcollage, wir arbeiten mit Improvisationen, performativen Elementen, wir betreiben Stückentwicklung. Unsere aktuelle Produktion, „Anstoss – Ein Sportstück“, ist eine Textcollage aus autobiografischen Büchern und Interviews von Sportlerinnen und Sportlern oder Wortmeldungen von Funktionären und Trainern.

MM: Es kommen beispielsweise Thomas Muster, Lance Armstrong, Robert Enke oder Peter Schröcksnadel vor, und die behandelten Themen reichen von Homosexualität im Sport bis zu sexuellem Missbrauch, von der Droge Alkohol bis Doping, von patriarchalen Strukturen bis zu ungesundem Patriotismus. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Kavin: Ich finde es spannend, dass der Sport ein riesiges Showbusiness ist und damit der Kultur artverwandt. Gleichzeitig gibt es aber große Berührungsängste zwischen den beiden Disziplinen, es gibt im Kunstbereich etliche, die mit Sportrezeption gar nichts anfangen können und umgekehrt ist es genauso. Doch beides hat sein Publikum, der Sport in Wahrheit ein viel größeres, und diese Diskrepanz zwischen Faszination und Abstoßung interessiert mich. Sport hat faschistische Züge, ist aber auch – ich mag das Wort nicht – völker-, also Kulturen verbindend. Und: Sportlerfiguren sind außerdem wahnsinnig gute Theaterfiguren, weil die dramatische Fallhöhe so groß ist.

MM: Wie das?

Kavin: Weil es Menschen sind, die ungefähr zehn Jahre Zeit haben, ihren Beruf auszuüben, was vermutlich ein Grund ist, warum viele so skrupellos sind. Lance Armstrong zum Beispiel ging an jede Grenze, die man nur ansteuern kann, auch in seiner Art, wie er Menschen manipulierte, wie er mit den Medien spielte. Das ist doch eine Geschichte! Vom quasi Totenbett auferstanden zum größten Sportler aller Zeiten geworden – und dann als Doping-Bösewicht ins Bodenlose gefallen. Es gibt so viel zum Thema Sport, und wir können bei weitem nicht alles behandeln, aber gerade diese Diversität passt perfekt zur Arbeit der TheaterArche, die sich ja vorgenommen hat, genau das als gesellschaftliches Phänomen in ihren Projekten zu zeigen.

MM: Es gibt an jedem Abend einen Stargast. Wer kommt?

Kavin: Ganz wichtig: Die ehemalige Rennläuferin Nicola Werdenigg, die als erste den sexuellen Missbrauch im österreichischen Skiverband aufgebracht hat, und die auch schauspielerisch mitwirken wird, Franzobel, der ein großer Sportfan ist, Ulli Lunacek, weil sie erstens in einem Schwimmteam ist und zweitens aus der Blickrichtung des europäischen Parlaments berichten kann, Antidoping-Experte und Lauftrainer Wilhelm Lilge und viele andere.

MM: Ihre zweite Produktion wird dann „Mauer“ sein. Wird das eine Familiengeschichte? Ihre Eltern stammen ja aus der damals noch so genannten Tschechoslowakei.

Kavin: Ich bin ebenfalls dort geboren, in Brünn. „Mauer“ hat drei Gründe: Die Jahreszahl – 30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs. Die Tatsache, dass Mauern, auch wenn sie „nur“ Grenzzäune sind, gerade wieder überall errichtet werden. Gefühlt werden weltweit derzeit mehr Mauern gebaut als Brücken geschlagen. Drittens natürlich die Familie, man schöpft ja immer aus dem, was mit einem selber zu tun hat. Ich kann mich sehr gut erinnern an die Zeiten vor 1989, als wir immer wieder an der grünen Grenze waren, und ich als 7-, 8-Jähriger meine Eltern gefragt habe, wieso die tschechoslowakischen Soldaten ihre eigenen Leute bewachen. Denn die haben nicht in unsere Richtung geschaut, sondern ins Land hinein und uns den Rücken zugekehrt. Die Systematiken dieses Regimes haben wohl nicht nur mir, der ich tatsächlich nicht über diese Grenze durfte, sondern den Ostösterreichern generell das Gefühl vermittelt, dass sie ein bisschen an einem Ende der Welt leben, von wo aus es nicht mehr weitergeht.

MM: Lassen Sie uns noch einmal übers Thema Geld reden. Sie haben schon Produktionen via Crowdfunding auf die Beine gestellt. Ist das kein Weg, den man fortbeschreiten kann? Wie sieht es mit Subvention aus?

Kavin: Crowdfunding darf man nicht ausreizen, je öfter man das macht, umso abgestumpfter sind die Leute. Letztlich ist es ein Betteln-Gehen bei Freunden. Zur Subvention: Ich stelle zwei Mal im Jahr Förderanträge und bekomme eigentlich immer ein Nein. Ich versuche nun, in Gespräche mit Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler zu kommen, hatte auch einen Termin, den aus Zeitgründen aber im Endeffekt ihre Referenten wahrgenommen haben. Da habe ich halt Vertröstungen gehört, im Sinne von, man könne anderen nichts wegnehmen, um uns etwas zu geben. Was interessant ist, denn beim Theater Brett ging’s umgekehrt schon. Es ist seltsam und schwierig. Tatsache ist, dass gläserne Decken eingezogen worden sind. Es gibt die sogenannte ortsgebundene Förderung, das ist ein Beschluss zur Förderung jener Theater, die es schon länger gibt, egal, ob sie was Gutes machen oder nicht – und für andere gibt’s kein Geld. Sie drehen sich’s halt immer, wie sie’s brauchen, um das Ziel zu erreichen, das sie wollen. Und das ist offensichtlich, Theater abzuschaffen.

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Kritik: Anstoß – Ein Sportstück: www.mottingers-meinung.at/?p=31865

24. 1. 2019

TheaterArche: Ab Jänner eine fixe Spielstätte

November 23, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jakub Kavin eröffnet mit „Anstoß – Ein Sportstück“

Erste Probenfotos vom Eröffnungsstück „Anstoß“. Bild: Jakub Kavin

Nach drei Jahren, die die TheaterArche quer durch Wien führten, bezieht sie ab 2019 ihre neue Spielstätte, in den Räumen des jetzigen TheaterBrett in der Münzwardeingasse 2 im sechsten Wiener Bezirk. Unter der Leitung von Jakub Kavin wird sich ein Ensemble von mehr als 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern aller Sparten hier einfinden – darstellende und bildende, Musiker, Sänger und Autoren.

Kavin ist Leiter und Mastermind der TheaterArche, und zugleich Spross der Familie Brettschneider/Kavin, die das TheaterBrett seit 1984 bis zur Gegenwart geleitet hat. Die TheaterArche wird wie die Vorgängerbühne „ein weltoffenes Haus sein, das den raschen gesellschaftlichen Wandel im Wien des 21. Jahrhunderts widerspiegelt“, so Kavin. Im „völlig variablen Saal“ will der Theatermacher der Wiener Kunstszene eine neue Arbeitsperspektive bieten.

Startschuss ist am 29. Jänner mit der Premiere von „Anstoss – Ein Sportstück“. Jakub Kavin über seine Produktion: „Zwanzig Schauspielerinnen und Schauspieler konfrontieren sich und das Publikum mit der Faszination und Perversion des Medienphänomens Sport. Der Spitzensport als Spiegelbild und Zuspitzung der Gesellschaft. Der Sport als größter Showbiz-Sektor, der mehr Zuschauer mobilisiert als jede künstlerische Veranstaltung. Die Faszination des Sports und seine dunklen Seiten, wie Fußball als Wirtschaftswunder, und Themen wie Doping, Macht- und sexueller Missbrauch, werden untersucht. Transhumanistische Theorien geben dem Publikum einen Einblick in eine Zukunft, in der der menschliche Makel ausgemerzt sein wird.“

Erste Probenfotos vom Eröffnungsstück „Anstoß“. Bild: Jakub Kavin

Jakub Kavin bekommt ein fixes Haus. Bild: Shirin Kavin

Erste Probenfotos vom Eröffnungsstück „Anstoß“. Bild: Jakub Kavin

Die TheaterArche stellt sich der sportlichen Herausforderung, sich im Rahmen der Wiener Szene zu behaupten, und einen Theaterraum zu schaffen, der mit einer Vielfalt an Produktionen das Publikum immer wieder in eine neue Welt entführen wird. „Dieses Theater wird ein unerschütterlich offenes Theater sein, als Spiegelbild einer offenen Gesellschaft“, so Kavin.

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23. 11. 2018