Volkstheater: Gutmenschen

Februar 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Moment, an dem einem das Lachen vergeht

Yousef (Yousif Ahmad auf der Leinwand) liest im Haus der Barmherzigkeit Thomas Bernhard. Am Tisch: Sebastian Klein, Katharina Klar, Knut Berger, Paul Spittler und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Inmitten all der Fröhlichkeit die beklemmend gespielte Szene. Der Moment, an dem einem das Lachen vergeht. Yousif Ahmad, Asylwerber mit bereits negativem Bescheid, darf nicht auf die Bühne des Volkstheaters. Er hat keine Arbeitserlaubnis und wird deshalb in der Garderobe festgehalten. Eine Dreißig-Sekunden-Überquerung der Spielfläche wird ihm schließlich gestattet, unter der Voraussetzung, dass niemand mit ihm interagiert. Er tritt auf – und die anderen Darsteller schweigen und wenden sich (beschämt) ab.

Ein starkes Bild über die Aus- und Abgrenzung von Menschen …

Yousif Ahmad spielt Yousef, heißt: er spielt seine eigene Geschichte. Deren zweiten Teil, mit – aufgrund Einspruchs – noch ungewissem Ausgang. Volkstheater-Schauspielerin Birgit Stöger hat bei der Nestroypreis-Verleihung in einer flammenden, die Medien und den mittlerweile Ex-Kulturminister aufscheuchenden Rede seine geplante Abschiebung angeprangert. Nichts ist seither besser geworden. Den ersten Teil, die Ankunft des Irak-Flüchtlings in Österreich, kennt man aus „Lost and Found“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16723), nun haben Regisseurin Yael Ronen und Ensemble eine Fortsetzung erarbeitet. Fürs Theater wohl eine ziemlich einmalige Sache.

Auftreten bekannte Personen. Man erinnere sich: Da ist Maryam, Yousefs Cousine, die sich vom schwulen Schnute künstlich befruchten ließ. Die Tochter ist mittlerweile da, und wird von Oma Ute umhegt. Maryams Bruder Elias hat es mittlerweile geschafft von seiner Freundin Klara einen Heiratsantrag zu bekommen. Schnute lebt mit Partner Moritz, der wiederum bei Menschenrechtsanwalt Nachmann arbeitet. Ihn kennt man auch aus der Ronen-Produktion „Niemandsland“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23326). Maryams Ex Jochen ist diesmal via Video dabei, ebenso der gemeinsame Sohn Jim Pepe.

Der Plot: Maryam, hauptberuflich ja Bloggerin, hat einen Deal mit Red Bull abgeschlossen. Weil die Energydrink-Giganten jetzt auf Bio setzen, sollen „Gutmenschen“ – Maryam samt Familie – in einer Art Reality Show quasi Werbung fürs neue Produkt machen. (Warum die Marke ausgewählt wurde, erfährt man im Programmheft, der rote Plastikstier auf der Bühne sicherlich nicht nur deren Symbol, sondern auch eines für den Turbokapitalismus, der aus Eigennutz so gern glauben machen möchte, dass „das Boot voll ist“. Die Zimmergrundrisse im Bühnenbild von Wolfgang Menardi wohl ein Hinweis auf den zitierten Mateschitz-Sager, nicht jeder, der „Wir schaffen das“ gerufen hätte, hätte sein Gästezimmer frei gemacht.) Doch bevor’s losgehen kann – und man die hausgemachte Verarschung erkennt, öffnet Maryam den Brief über Yousefs geplante Abschiebung, und man hat plötzlich natürlich Wichtigeres zu erörtern. Man macht sich auf einen langen Instanzenweg gefasst, der letztlich nur Zeit, Geld und Nerven kostet, und ackert mögliche Ehekonstellationen für Yousef durch …

Maryam (Birgit Stöger) ist erschüttert über Yousefs negativen Asylbescheid. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Oma Ute erklärt Sohn Schnute was über sichere Herkunftsländer: Jutta Schwarz und Knut Berger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bei Yael Ronen wird das wie immer rotzfrech witzig und politisch brisant abgehandelt. „Gutmenschen“ ist eine überdrehte Farce, die, wie sich’s fürs Genre gehört, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellt. Dabei werden Vorurteile, Vorverurteilungen und Fehleinschätzungen über Flüchtlinge und deren „sichere Herkunftsländer“ ebenso durchdekliniert, wie die Alltagsrassismen, die offenbar noch im Bestmeinenden zu sitzen scheinen. Menschlichkeit und Toleranz zu reden und zu leben, das sind mitunter zwei Paar Schuhe. Ein diesbezügliches Kabinettstück liefert Jutta Schwarz als Oma Ute, entsetzt darüber, dass Yousef ihrer Enkelin Arabisch beibringt: Er ist ja wirklich ein feiner Kerl, aber …

Die Königin des Patchwork-Wahnsinns ist wieder Birgit Stöger als Maryam, eine hippelige, hypernervöse Stadtneurotikerin. Sebastian Kleins Elias versucht sich als Mann zu emanzipieren, während Katharina Klar als queere Klara mit ihrem Anti-Rechts-Lovesong einen der besten Auftritte des Abends hat (eine Überschreibung von Hubert von Goiserns „Du bist so weit, weit weg“ mit langem Zwischenapplaus, als sie singt, wie sehr ihr Österreichs Rechtsruck „schiach tuat“). Knut Berger spielt den Schnute, Jan Thümer wieder Jochen, Julius Feldmeier wieder Lukas Nachmann. Als Moritz ist Paul Spittler zu sehen, als Jim Pepe Jermolaj Klein.

Die schönste Szene des Abends ist, wenn Yousef, er macht zwecks Integrationsnachweis ehrenamtlich Dienst im Haus der Barmherzigkeit, den alten Leuten aus Thomas Bernhards „Alte Meister“ vorliest. Und einem so schlagartig wieder einmal vorführt, wie die hiesige Mentalität eben ist. Yael Ronen trifft mit „Gutmenschen“ den Nerv der Zeit: Auf „Willkommenskultur“ und freundliche Aufnahme folgte zumindest versuchte Eingliederung, jetzt: alles egal, es geht ans Zurückschicken … Ach ja, Gutmensch(en): War schon einmal eines der Unwörter des Jahres. Wird mittlerweile von Rechts als Kampfbegriff verwendet. Gegen Personen oder Gruppen, die gesellschaftlich integer handeln wollen. Andererseits, wer will schon ein Schlechtmensch sein?

www.volkstheater.at

  1. 2. 2018