Theater in der Josefstadt: Glaube und Heimat

Februar 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sonntagsstaat unterm Herrgottswinkel

Die Heimatvertriebenen machen sich auf den Weg: Trommler Kyrre Kvam mit Ensemble, re.: Claudius von Stolzmann als Reiter des Kaisers. Bild: Moritz Schell

Spätestens, wenn Hausherr Herbert Föttinger im Anschluss an die gestrige Premiere Karl Schönherrs Stück „Glaube und Heimat“ als Teil des Flüchtlings- und Vertriebenenzyklus ausstellt, der diese Saison das Theater in der Josefstadt prägt, ist klar, warum er’s auf den Spielplan gesetzt hat. In ideologisch aufgeheizten Zeiten ist es eine der Erwägung werte Wahl, um einen Riss zu zeigen, der auch gegenwärtig durch die Gesellschaft geht, politische Bigotterie und einen religiösen Fanatismus.

Die hier, im 1910 uraufgeführten Werk, das von der Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 unter Ferdinand dem Gütigen angeregt war, ihre blutigen Schwerter übers Christentum schwingen. Allein, der Krieg um Glaubenssätze wird seit jeher für verschiedenste „Götter“ geführt. Schönherr selbst fiel jenen anheim, die Österreich „heim ins Reich“ holten, er ließ sich von ihnen für sein „blutechtes, bodenständiges Schaffen“ preisen und dichtete im April 1938 darob „Nun sind wir wieder ein gewaltiges Land …“ Vom Rechtgläubigen zum Rechtsgläubigen, was eine Nachfrage nach dem Anteil von Blut und Boden in Schönherrs Schaffen zumindest möglich machen würde. Regisseurin Stephanie Mohr hat indes gar keine gestellt, hat sozusagen interpretationsfrei und vom Blatt inszeniert, hat die Krone der Deutungshoheit von sich gewiesen und lässt somit sowohl ihr 18-köpfiges Ensemble als auch das Publikum auf der Suche nach Bedeutung allein. Derart versucht der Streit Scholle gegen Seele anno 2019 verzweifelt zu zünden.

Noch herrscht Übermut im Hause Rott: Raphael von Bargen, Swintha Gersthofer und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Die Sandperger unterm Herrgottswinkel: Roman Schmelzer und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Mohrs Arbeit ist wie ein Egger-Lienz, expressiv, kantig, wie beim Volksmaler monumentale Szenen und reduzierte Bilder nicht im Widerspruch zueinander – und doch letztlich gestrig. Das Bühnenbild von Miriam Busch und die Kostüme von Alfred Mayerhofer tragen wesentlich zu diesem Eindruck bei: Wände, die die Bühne per Drehkreuz in vier Räume teilen, Bauernstuben mit Herrgottswinkel, Kruzifix, gestickter Heilsspruch und Madonnenbild, einmal sonnenhell tapeziert, einmal schwarz wie die Hölle, jeweils zwei Treppen, die ins Nirgendwo führen. Dazu sind die Darsteller in eine Art großbäuerlichen Sonntagsstaat gekleidet, enteignet werden kann nur, wer was hat, will das wohl sagen, wenn über aussteuervolle Truhen und besten Milchkühe verhandelt wird.

Was die Schauspieler allesamt ausdrucksstark und kraftvoll tun – allerdings mehr als Allegorien denn als wahrhafte Menschen: Raphael von Bargen, dem man den aufrechten, unbeirrbaren Christen Christoph Rott in jeder Sekunde glaubt, Silvia Meisterle, als hartleibige und doch herzensgute Rottin, so brillant wie nie, Michael König als moribunder Alt-Rott, der zwischen Katholizismus und Protestantismus schwankt, weil er im Grunde nur wünscht, in der Heimaterde und nicht auf dem Schindanger begraben zu werden, Swintha Gersthofer als unbändiger Spatz, der lieber in den Tod geht, als sich biegen und brechen zu lassen. Dies vor hat Claudius von Stolzmann als apokalyptischer Reiter des Kaisers, die in ihrer Ambivalenz wohl beste Rolle, hin und her gerissen zwischen blindwütiger Ausführung seiner Aufgabe und doch so etwas wie Anteilnahme für die Ausgestoßenen.

Nur mit einer Figur, einer von ihr dazu erfundenen, bricht Mohr ihre schwarzweiße Welt. Musiker Kyrre Kvam zeigt als Trommler eine clownsgesichtige Spukgestalt, die den Auszug der Landbewohner mit von ihm vertonten Texten von Andreas Gryphius und Rainer Maria Rilke begleitet. Es ist genau diese surreale Verfremdung, es kommt noch eine, in der die Bäuerinnen und Bauern wie im Totentanz reihum „Es kommt kein Trost“ ins finstere Zimmer schreiben, deren Häufung der Aufführung gutgetan hätte, um den Schönherr-Ton abzumildern und das in einen Kunstdialekt übertragene Tirolerisch zu konterkarieren. Stattdessen lässt Mohr, als der Bader, Oliver Huether, dem wassersüchtigen Alt-Rott Erleichterung verschafft, hörbar die Flüssigkeit aus dessen Bauch gluckern.

Rott schwört auf den neuen Glauben: Raphael von Bargen mit Claudius von Stolzmann, Michael König, Roman Schmelzer, Silvia Meisterle und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Eine letzte Auseinandersetzung mit dem Reiter des Kaisers: Raphael von Bargen, Claudius von Stolzmann und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Aus der Vielzahl der Charaktere stechen außerdem hervor: Gerhard Kasal als heimgekehrter Bruder Peter Rott, Roman Schmelzer als Sandperger zu Leithen ganz großartig vom Wahnsinn umzingelt und Nikolaus Barton als gieriger Englbauer in der Au, der die Höfe der Entrechteten für einen Spott aufkauft – auch dies geeignet gewesen für zeitgeschichtliche Gleichnisse. Elfriede Schüsseleder und Alexandra Krismer gestalten mit der Mutter der Rottin und der Sandpergerin zwei starke Frauenfiguren, wobei zweitere auch nach ihrer Ermordung durch den Reiter auf der Szene bleiben darf, während erste retten will, was nicht mehr zu retten ist. Lukas Spisser gibt einen zynischen Gerichtsschreiber, Michael Schönborn den mitfühlenden Schuster.

Ljubiša Lupo Grujčić und Susanna Wiegand sind als Kesselflicker-Wolf und Straßentrapperl die Synonyme dafür, wie unsolidarisch sich Mensch sogar dann verhalten, wenn’s ihnen selber zwar an den Kragen geht, sie einen anderen aber als noch „minderwertiger“ betrachten können, zumal der Wolf und das Trapperl die Katastrophe der anderen als ihr Glück verbuchen, nämlich durch die Wanderpapiere des Gerichtsschreibers endlich „richtige Leut‘“ zu werden. Eine Hackordnung unter Verfolgten, der mehr Aufmerksamkeit zu gönnen gewesen wäre. Dass die beiden ein Plastiksackerl und eine Zwei-Liter-Cola-Flasche mit sich tragen, ist allein noch kein Aktualitätsbezug. Zu den Konfliklinien der Gegenwart merke: Ein „Toleranzpatent“ ist kein Garantieschein für Aufgeschlossenheit, vor allem nicht für jene, die ständig wissen lassen, dass ihre Grenzen der Duldsamkeit des „Fremden“ ohnedies längst überschritten sind.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=sLApWOnB3xY

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  1. 2. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

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  1. 10. 2018

Theater in der Josefstadt: Die Reise der Verlorenen

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lautstarker Kommentar zur Anti-Flüchtlingspolemik

Ein Mammutprojekt mit 32 Schauspielern und 20 Statisten. Bild: Sepp Gallauer

„Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: Wer weiß, wie ich gehandelt hätte? Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich.“ Otto Schiendick, Schiffssteward und Schikanierer, NSDAP-Ortsgruppenleiter an Bord und Nazi-Spion, dem Raphael von Bargen Gestalt verleiht, sagt diese Sätze gleich zu Beginn der Uraufführung. Die das Theater in der Josefstadt als Saisoneröffnungspremiere mit Kurssetzung auf Herz und Hirn des Publikums angesetzt hat, damit es niemals so weit kommen möge.

„Die Reise der Verlorenen“ erzählt eine wahre Geschichte. Am 13. Mai 1939 läuft der HAPAG-Luxusliner MS St. Louis in Hamburg Richtung Havanna aus. An Bord 937 jüdische Flüchtende aus Nazi-Deutschland. Doch Kuba, wo Präsident Laredo Brú einen Wahl- und einen Machtkampf gegen den General und späteren Diktator Fulgencio Batista zu bestreiten hat, verweigert den Unglücklichen die Einreise. Alle Interventionen jüdischer Hilfsorganisationen, vor allem aus den USA, wo Roosevelt ebenfalls kein Interesse hat, die Passagiere an Land zu lassen, scheitern. Und so muss die St. Louis die Rückfahrt nach Europa antreten.

In Tagebüchern, Telefonmitschnitten, Gesprächsprotokollen sind die Geschehnisse dieser Zeit festgehalten; Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben daraus das 1975 erschienene und ein Jahr später mit Oskar Werner, Maria Schell und Max von Sydow verfilmte Buch „Voyage of the Damned“ gemacht. Auf dieses nun bezieht sich Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei seiner Bühnenadaption. Ein starkes Stück Dokumentartheater ist Kehlmann da gelungen, dramaturgisch dicht und spannend bis zum Schluss – obwohl das Ende bekannt ist.

Schiendick schikaniert die Passagiere: Raphael von Bargen mit Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller. Bild: Sepp Gallauer

Verzweifelte wollen sich ins Meer stürzen: Maria Köstlinger mit Ulrich Reinthaller und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Die Josefstadt bietet auf, was sie hat: 32 Schauspieler und 20 Statisten, von Regisseur Janusz Kica als immer wieder neue tableaux vivants arrangiert, führen die Bühne an ihr Fassungsvermögen. Kica versteht es, mit sparsam eingesetzten inszenatorischen Mitteln größte Effekte zu erzielen. Im rostigen Maschinenraum von Walter Vogelweider – dieser auch schon im Einsatz im ersten Teil der Josefstädter Dilogie, Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ – lässt er die Schicksale aus Kehlmanns Kurzepisoden sich überschneiden.

Einzelne Protagonisten stellen sich an der Rampe vor: das mondäne Arztehepaar Fritz und Babette Spanier, Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik, der Hebräischlehrer Aaron Pozner, Roman Schmelzer, der schon einmal im KZ war und in Auschwitz ermordet werden wird, das Ehepaar Loewe, Maria Köstlinger und Marcus Bluhm, von denen er einen Selbstmordversuch unternehmen wird, um in ein Krankenhaus auf Kuba gebracht zu werden, Otto Bergmann und seine zänkische Tante Charlotte, Matthias Franz Stein und Therese Lohner … Im Hafen wiederum wartet Max Aber, Peter Scholz, verzweifelt darauf, dass ihm endlich seine beiden kleinen Töchter ausgehändigt werden.

Herbert Föttinger spielt Kapitän Gustav Schröder, der zwischen der Pflicht seines Amtes, dem Mitgefühl mit seinen Schutzbefohlenen und der Abscheu gegenüber dem NS-Regime schwankt. Kehlmann bemüht ein paar Kunstgriffe. Er lässt die Darsteller aus ihren Rollen treten und die Situation kommentieren, lässt sie ihr späteres Los vorwegnehmen, sie durch Beiseitesprechen die Komplizenschaft mit dem Publikum suchen, lässt sie sich rechtfertigen für die Widersprüche in ihren Berichten und sie immer wieder betonen, dass auch von den haarsträubendsten Unglaublichkeiten keine erfunden ist. Und er gibt seiner Interpretation der absurden Verhandlungen viel Raum. Die kubanischen Politiker – Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo van Brouwer als korrupter Minister für Einwanderung und Martin Zauner als rechtschaffener Außenminister – wollen „ihr Gesicht wahren“, vor allem aber ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels.

Die Mächtigen Kubas sind in der Flüchtlingsfrage uneins: Wojo van Brouwer, Peter Scholz, Martin Zauner, Ljubiša Lupo Grujčić und Michael Dangl. Bild: Sepp Gallauer

Die Vereinigten Staaten erwarten von anderen Staaten eine Brüderlichkeit, der sie sich selbst verweigern. „Wir haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als die USA“, bekräftigt Brú sein Nein, würden die nicht einmal 1000 Neuankömmlinge Kuba doch „an den Bettelstab“ bringen. Auch andere Aussprüche dieser Tage klingen seltsam bekannt. Den Juden ginge es in Deutschland gut, nur fürs Ausland markierten sie die Armen – dort wiederum fühlt man zwar „zutiefst mit dem Leiden der Flüchtlinge“, allerdings ohne auch nur einen Finger für sie krumm zu machen.

Nicht nur durch derlei sprachliche Parallelen ist „Die Reise der Verlorenen“ ein lautstarker Kommentar zur aktuellen Anti-Flüchtlingspolemik. Kehlmanns Spiel um den Menschen als Spielball der Mächtigen überzeugt auch diesbezüglich voll und ganz. In buchstäblich letzter Minute erklären sich Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit, die St. Louis-Passagiere aufzunehmen. Noch einmal schildern sie: die Zustände in den „Quarantänelagern“, ihre spätere Internierung als „feindliche Ausländer“, ihren Abtransport in eine neue Ungewissheit, oft genug in den Tod. Ihre Sicherheit ist nur auf Zeit, darauf folgt ein Schlussbild in orangen Rettungswesten. Mit „Die Reise der Verdammten“ legen Kehlmann und Kica nicht nur einen höchst gelungenen, sondern auch einen politisch höchst wichtigen Theaterabend vor.

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  1. 9. 2018

Landestheater NÖ: Mit „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ gelingt ein fulminanter Neuanfang

September 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Würfelspiel von den sehnsüchtigen Herzen

Maria Petrova, Klemens Lendl, Johannes Silberschneider, Helmut Wiesinger und Lukas Spisser. Bild: Alexi Pelekanos

Bai Dan zeigt, wie man seine Lebenswürfel selbst in die Hand nimmt: Johannes Silberschneider (M.) mit Maria Petrova, Klemens Lendl, Helmut Wiesinger und Lukas Spisser. Bild: Alexi Pelekanos

Mit einer solchen Arbeit beginnt man eine Intendanz. Marie Rötzer zeigt zum Amtsantritt am Landestheater Niederösterreich „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Roman von Ilija Trojanow, und zeigt damit erstmals, was sie im Gespräch mit mottingers-meinung.at als ihre künstlerische Handschrift angekündigt hatte. Sie zeigt, dass die Teilnahme eines Theaters am politischen Diskurs dieser Tage nicht den Verzicht auf Poesie bedeuten muss. Und schon gar nicht die Weglassung von Humor.

Der diesmal ein fein melancholischer und dabei um nichts weniger ein subtil anarchischer ist. Der Regisseur, der dies alles in eine Form gegossen hat, ist Sandy Lopičić. Er macht aus Trojanows Buch ein Schelmenstück, ein Spiel von sehnsüchtigen Herzen. Seine Figuren sind Suchende, und was sie am Ende gefunden haben werden, ist die Menschlichkeit. Denn wenn Protagonist Johannes Silberschneider anfangs als Erzähler in der Proszeniumsloge sagt: „Das Herz ist manchmal ein Totem, manchmal ein Paragraf“, dann hat sich Lopičić für die Darstellung ersteres entschieden. Bei ihm sind die Menschen gut, daran will er glauben.

Trojanow hat 1996 die Geschichte seiner Familie und die Flucht seiner Eltern von Bulgarien in den gar nicht so goldenen Westen als modernes Märchen niedergeschrieben: Während Alexandar im Kommunismus des Todor Schiwkow wohlbehütet aufwächst, wächst seinem Vater das politische System der Fremdbestimmung und Überwachung zum Hals raus. Voller Hoffnung wagt er mit Frau und Kind die Flucht aus der Diktatur in ein vermeintlich besseres Leben. Doch Emigration, das bedeutet immer auch Einsamkeit, Isolation und Ausgrenzung. Und im Flüchtlingslager erneutes Fremdbestimmtsein. Alexandar fällt in Depression, Oblomowitis nennt es Trojanow. Da erscheint sein Taufpate Bai Dan, ein Magier, ein Meister im Würfelspiel und ein großer Geschichtenerzähler. Er hat gespürt, dass mit seinem Schützling etwas nicht stimmt – und nun nimmt er ihn mit auf eine Reise zu sich selbst …

Lopičić hat aus diesem überbordenden Konvolut einzelne Episoden extrahiert. Er hat als Essenz seiner Inszenierung das Thema Flucht destilliert. Folgerichtig ist ein Zwischenspiel in einer Flüchtlingsunterkunft das Herzstück seiner Aufführung. Die Flüchtlinge sind ob der schlechten Unterbringung in einen Hungerstreik getreten, dafür gibt’s Schelte von einem Striezel essenden UNHCR-Mitarbeiter. Man möge doch mit derlei Aktionen den Frieden nicht stören. Frieden? Des Bürgers Ruf nach seinem Recht auf Sicherheit und Beständigkeit im Leben ist immer durch solche bedroht, die ein Beispiel für dessen Unbeständigkeit und Unsicherheit sind. Tim Breyvogel als durchgeknallter DJ von „Radio Asyl“ und „Strotter“ Klemens Lendl gestalten diese Szene als kabarettistisches Kabinettstück. Wie sie Witz und Wirklichkeit an den Händen nehmen und kräftig Willkommen schütteln, ist sozusagen Synonym für den Abend.

Stanislaus Dick und Johannes Silberschneider. Bild: Alexi Pelekanos

Während Alexandar, Stanislaus Dick mit Silberschneider, in der Fremde nicht mehr aus dem Bett kommt … Bild: Alexi Pelekanos

Lukas Spisser, Zeyneb Bozbay, Tim Breyvogel und Klemens Lendl. Bild: Alexi Pelekanos

… beplaudert daheim der Stammtisch sein Schicksal: Lukas Spisser, Zeyneb Bozbay, Tim Breyvogel und Klemens Lendl. Bild: Alexi Pelekanos

Der, apropos: Die Stottern, insgesamt sehr musikalisch ist. Neben dem Wiener Duo begleiten auch Drehleierspieler Matthias Loibner und die bulgarische Percussionistin Maria Petrova die Schauspieler, die Musiker sind Mitakteure, so wie die Schauspieler auch Musik machen. In diesen schönsten Momenten gleitet die Aufführung in die Anarchie, die Inszenierung agiert wie ein wild gewordener Zirkus; Lopičić ist ein Mann mit bosnischen Wurzeln und weiß, wie man mit Balkan die Seele zum Tanzen bringen kann.

Er erzählt Trojanow nicht linear, er springt zwischen den Zeiten, zwischen einer Art bulgarischem Wirtshausstammtisch, den Koffer packenden Eltern Alexandars und ihm selbst, der nicht mehr die Kraft findet, sein Bett zu verlassen. Die Schauspieler fallen aus den Figuren, werden zu Chronisten ihrer Zeit, steigen wieder in die Rolle ein – und wenn sie dann mit Mimik und Gestik das eben Gesagte konterkarieren, ist das durchaus auch clownesk. Alle sind immer auf der Drehbühne, die die Welt bedeutet und die Günter Zaworka mit seinem Lichtdesign zu einem Ort immer wieder neuer Geheimnisse zaubert.

Auch unter Marie Rötzer scheint das Landestheater Niederösterreich ein starkes Ensemblehaus zu bleiben. Mit Johannes Silberschneider als Bai Dan hat man sich zwar einen hochkarätigen Gast geholt, einen Schauspieler mit unendlichem Bühnencharisma, doch freilich agiert er als Primus inter pares, wenn er aus seiner Figur einen Philosophen macht, eine Art Psychotherapeuten an Alexandars Bett, als wär sie sein Alter Ego. Sein Bai Dan weiß, dass Würfeln nichts mit Glück oder Schicksal zu tun hat, sondern nur mit Geschicklichkeit. Alles liegt in deiner Hand ist seine Botschaft an sein Patenkind – und damit ans Publikum.

Den Alexandar spielt Stanislaus Dick, und wie er ihn spielt, als einen, der sich in einer Quarantäne aus Erinnerung und sich nicht erfüllender Erwartungen eingesperrt hat, ist kaum zu glauben, dass er erst im Sommer sein Studium am Wiener Konservatorium abgeschlossen hat. Außerdem spielt er Akkordeon. Lukas Spisser und – ebenfalls neu am Haus – Zeynep Bozbay sind die Eltern Vasko und Jana. Er ein Querdenker, ein Querkopf, ein ewig Unangepasster, ein Kraftlackel, sie zart, doch ihm Paroli bietend im Versuch, seine Flucht-Höhenflüge zu erden. Auch das eine eindringliche Szene, wie die beiden schließlich doch ihr Hab und Gut für den Weg in die Freiheit sortieren. Was nimmt man mit, was lässt man los? Mutters Gobelins, ein heißgeliebtes Stofftier, Vaters Tischtennisschläger? Neben ihren Haupt- gestalten die meisten auch noch eine Anzahl skurriler Nebenrollen, Bozbay etwa eine irre Wahrsagerin, Spisser einen gefährlich komischen KDS-Agenten. Helmut Wiesinger ist unter anderem die nach Süßigkeiten süchtige Baba Slatka, die irgendwie auch der Wirt ist, je nachdem, ob Tuch auf dem Kopf oder um den Hals, der großartige Tim Breyvogel außer DJ Bogdan auch Vaters bester Freund Boro.

Sandy Lopičić hat Trojanows Buch als Gleichnis gelesen. Vieles erfährt man nur beiläufig, Diverses hat er aus-, das Tandem gleich ganz weggelassen, doch was er sagen will, ist klar. Heimat, dieser geschändete, zu Schanden definierte Begriff, heißt zuerst zu sich selbst nach Hause zu kommen. Heimat ist leicht zu verlieren, doch bekanntlich: „Rettung lauert überall“ dort, wo Menschen zu finden sind. Das Publikum in St. Pölten dankte dem neuen Team mit viel Applaus für einen hinreißend sympathischen und optimistisch klugen Abend. Man freut sich jetzt schon auf mehr …

Marie Rötzer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=22087

Ilija Trojanow im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14956

TIPP: Am 22. und 23. November ist die Aufführung zu Gast an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

Wien, 17. 9. 2016

Landestheater NÖ: Lichter der Vorstadt

April 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine feine Collage aus Kaurismäki-Filmen

Bild: Alexi Pelekanos

Im antikapitalistischen Protestcamp fordert ein Hard-Chor lautstark „Ein bisschen Frieden“. Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

Arbeitsplatzpoker: Wer die falsche Spielkarte gezogen hat, fliegt in der Sekunde aus dem Job. Bild: Alexi Pelekanos

Zu Beginn wird ein Arbeiterchor zur Maschine. Er macht vor, wie der Film beginnt. Das Schälen der Baumstämme, die danach in Bänder geschnitten werden und dann in Streifen. Viele Anlagen und ein langes Band sind nötig, bis die Streichhölzer in der Schachtel landen, alles geht automatisch; der Mensch hat sich dem System unterworfen, selbst, wenn er isst, klingt es wie Industrielärm. Später werden aus diesem Chor Büroangestellte, allesamt Anzugträger, die um ihren Arbeitsplatz zittern. Wer die falsche Spielkarte zieht, das falsche Los, der fliegt. Am Schluss rockt dann im antikapitalistischen Protestcamp ein Hard-Chor „Ein bisschen Frieden“.

Alexander Charim zeigt am Landestheater Niederösterreich seine Collage aus Aki-Kaurismäki-Filmen. „Lichter der Vorstadt“ heißt der Abend, wiewohl dies so ziemlich das einzige Werk des finnischen Filmemachers ist, das nicht vorkommt. Trotzdem, die Reverenz an Großmeister Charlie Chaplin zieht sich natürlich durch Charims Inszenierung, sind doch auch hier alle Protagonisten gleichsam der Tramp. Gutherzige in einer gefühlskalten Umgebung, Empathiebegabte und Überlebensakrobaten, denen die Welt an sich und die Mitmenschen im Besonderen den Boden unter den Füßen wegziehen. Emotionell wie materiell. Dabei sind die Figuren bei weitem keine Sympathieträger, sondern karstig und wortkarg. Diese Schicksale im Sinkflug, sie werden ohne Sentiment vorgetragen, als Satire, Kaurismäki verbietet sich und anderen jede „Gefühlsduselei“.

In St. Pölten hat man die Kraft des gesamten Ensembles aufgeboten, um das darzustellen, und, jeder Darsteller in mehreren Rollen, welch eine Kraft. Es scheint, als wäre das Haus diese Saison von Produktion zu Produktion exzellenter geworden, und nun fast an deren Ende auf dem schauspielerischen Höhepunkt.

Charim montierte für seine Arbeit: „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, die Geschichte von Iris, die keiner mag, bis sie sich ein rotes Kleid kauft, doch das Kleid wird ihr Verhängnis und sie greift zu Gift. „I Hired a Contract Killer“ über den lebensmüden, weil eben entlassenen Henri Boulanger, der einen Auftragsmörder engagiert, sich just im selben Moment verliebt und nicht mehr sterben will. „Wolken ziehen vorüber“, in dem das Ehepaar Ilona und Lauri zeitgleich die Jobs verliert, aber nicht den Mut, und mit dem Restaurant „Arbeit“ neu durchstartet. Und nach der Pause „Der Mann ohne Vergangenheit“, eine Erzählung über einen Reisenden, der überfallen und auf den Kopf geschlagen wird und sein Gedächtnis verliert; als anonymer M versucht er sein Leben zu rekonstruieren und findet statt sich selbst eine Frau …

Charims Arbeit ist im ersten Teil zwingend und dicht, von hohem Tempo und hoher Intensität; sie changiert zwischen tragikomisch und brutal grotesk und ist unter ihrer spleenigen Oberfläche lauernd gefährlich. Der Regisseur schiebt die Szenen ineinander, bringt die Working Class Zeros aus mehreren Storys gleichzeitig auf die Bühne, hinten Ilona und Lauri im neuen Lokal, vorne Henri und Margaret beim Rendezvous, das ist so fein verwoben, so fantastisch austariert, dieses Requiem für Aki Kaurismäkis Alltagsantihelden, dass im zweiten Teil der Leistungsabfall fast folgen musste.

„Der Mann ohne Vergangenheit“ erschließt sich einem nicht, auch wenn klar ist, was Charim meint: Alle sind hier M, die werktätige, gesichtslose Masse, austauschbare Nummern statt Namen, weil es mehr als einen Zahlencode fürs Bezahlen von Steuern und Sozialversicherung nicht braucht. Dann allzu abrupt aus, und verrätselt schön und gut, aber irgendwie fügte sich dieses Stück nicht in die anderen; die Frage ist, ob der Wachmann im Vorstadt-Einkaufscenter nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Aber Charim suchte wohl einen versöhnlicheren Ausgang als es für diesen gibt. Aufgeben, sagt er zum abwesenden Koistinen, ist keine Option. Geh‘ den Weg gefälligst weiter als bis zur nächsten Biegung.

Tobias Voigt, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller, Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Vorne „I Hired a Contract Killer“: Tobias Voigt, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller; hinten „Wolken ziehen vorüber“: Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

„Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ in der unguten Stube: Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

Für all das hat Ivan Bazak einen drehbaren Kubus erdacht, der parallel die abgehauste Wohnstube von Iris‘ Eltern und eine grindige Kantine sein kann, als Bühnenprospekt eine hyperrealistisch glückliche Familie, die wie zum Hohn den Existenzen davor beim Scheitern zusieht. Matthias Jakisic und „Sofa Surfer“ Wolfgang Schlögl interpretieren mit Geige, Slide-Gitarre und Akkordeon einwandfrei den finnischen Tango. Charim erzählt sehr „filmisch“, in knappen Sequenzen, lässt neben den Dialogen einen Zwischentext wie Regieanweisungen vortragen und die Charaktere streckenweise gänzlich sprachlos sein … auch dies eine Verbeugung an das schwarze Schaf im Zahnradgetriebe. Die modernen Zeiten haben alle schwer erwischt.

Magdalena Helmig und Lukas Spisser, der Südtiroler ist seit Herbst am Haus und ein echter Gewinn, überzeugen anrührend als Ilona und Lauri, die von Staat und Banken im Stich gelassen beweisen, dass der Starke am mächtigsten zu zweit ist. Schön wie sie zeigen, wie man im größten Schlamassel, als Spielball einer „Unternehmenspolitik“, seine Würde wahren kann, und ist diese Episode der Suomi-trilogia auf Verbundenheit aufgebaut, folgt für Spisser mit Swintha Gersthofer als Iris pures Verlangen, eine beinah kunstturnerische Sexszene. Gersthofer gibt die junge Naive peinlich bis zum Fremdschämen, doch Vorsicht!, irgendwann wollen die working poor, will der Mensch nicht mehr Material sein, dann wird das Lämmchen zum Reiß-Wolf.

Tobias Voigt ist fabelhaft als tollpatschiger Todeskandidat Henri, der Beruf über privat stellt, bis ihn der Beruf vor die Tür setzt. In der zum Glück Lisa Weidenmüller als trotzig-rotzige Margaret steht, eine Aufrüttlerin, wie gemacht für den Durchhänger. Michael Scherff gibt mit großer Spielfreude den mutmaßlich traurigsten Killer der Theatergeschichte. Voigt erlaubt sich noch ein Kabinettstückchen als Hund Hannibal. In den brillanten Darstellerreigen fügen sich Marion Reiser und Helmut Wiesinger unter anderem als Iris‘ Eltern, Christine Jirku, Pascal Groß und Othmar Schratt als Ilonas Kollegen, und Jan Walter als Containerdorfbewohner oder Snack-Bar-Gast. Alle zusammen spielen sie noch, scharfkantig und trocken, Abteilungsleiter und Arbeitsvermittler, Steuerprüfer und Obdachlose und – M.

„Die Arbeiterklasse kennt kein Vaterland“, sagt eine der Figuren an einer Stelle. Das ist freilich eine Zuspitzung, aber: Finnland ist faktisch überall. Kaurismäkis Themen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Einsamkeit sind so individuell wie universell. Doch das kleine Glück und die letzte Hoffnung müssen doch zu verteidigen sein, daran glaubt der Filmphilosoph fest. Alexander Charim hat aus seinen kurzen Geschichten, aus als solche empfundenen und tatsächlichen Katastrophen, ein im Vergleich zu den Originalen opulentes, auch erkennbar politischeres Gesellschaftspanorama entworfen, das Phänomene beleuchtet, die das Hierzulande betreffen. Nicht nur in diesem Sinne ist sein Abend allemal sehenswert. Schließlich: was will man schon groß?, mehr oder weniger alle dasselbe. Sing mit mir ein kleines Lied …

www.landestheater.net

BUCHTIPP: Willy Vlautin: Die Freien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18508

Wien, 23. 4. 2016