Volkstheater: Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“

Oktober 3, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fabelhaftes Fremdschämen

Dominik Warta, Günther Wiederschwinger, Anja Herden, Birgit Stöger Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dominik Warta, Günther Wiederschwinger, Anja Herden, Birgit Stöger
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Inszenierung beginnt im Foyer. Mit Büchertisch und Hinweis auf eine Signierstunde mit Nathalie Oppenheim und ihrem preisgekrönten Roman „Das Land des Überdrusses“. Das Volkstheater beginnt seine Bezirkstour, neu ist der Premierenort Volx/Margareten, der endlich einer Bestimmung zugeführt ist und mit dem Theaterzauber seiner hinreißenden Abgefucktheit glänzt, mit der österreichischen Erstaufführung von Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“.

Eine weitere sprachspielerische pièce bien faite der Erfolgsautorin, die um eine Leerstelle kreist. Diesmal ist es kein weißes Bild und keine Knabenprügelei, sondern ein Literaturabend. Die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin Nathalie Oppenheim lässt sich zu einer Lesung samt Diskussion hinsinken. Aus diesem Auftritt im Licht einer provinziellen Scheinöffentlichkeit wird eine dramatische Situation, wird die komische Situation. Der Reza-Faktor errechnet sich bekanntlich aus der Gleichung Unsympath plus Alkohol ist gleich Eskalation. 

Wobei Regisseur Sebastian Kreyer diese Klausel elegant aushebelt. Er macht aus dem Stück Boulevard eine melancholische Komödie. Viel spielt sich in Zwischentönen ab, viel ausschließlich mimisch. Rezas Schablonen entwickelt Kreyer zu fein ziselierten Figuren, die an den emotionalen Kampfschauplätzen gegen einander antreten. Die darstellerische Turbotaste wird auch, aber nur selten gedrückt. Spannend ist, dass man keinen der Charaktere wirklich leiden mag. Andererseits ist jeder ihrer Standpunkte nachvollziehbar. Es macht den Reiz dieses Abends aus, dass man gedanklich mal auf der einen, dann auf der anderen Seite steht. Bis am Ende die eine Lichtgestalt enttarnt ist.

Mit Witz und Charme geht Anja Herden an die Nathalie heran. Sie spielt die Verweigerung einer Künstlerin, die ihr Werk nicht mit ihrem Wesen verglichen haben will. Sie spielt die Frage: Wie sehr darf man sich allein gehören? Die medial durchleuchtete Menschheit opfert ihre Privatheit auf dem Altar des Like-Fäustchens – was, wenn man einer Widerständlerin begegnet? Nathalie wird von Bibliothekar Roland eingeladen; die Literaturkritikerin Rosanna soll mit ihr ein Interview führen. Dominik Warta und Birgit Stöger vertreten die beiden Reza-Prinzipien der Annäherung: Man kann nur Hofnarr oder Henker des Künstlers sein. Man kann der Autorin entweder in den A**llerwertesten treten oder kriechen. Zu schreiben, Yasmina Reza hätte sich in ihrer Protagonistin …, geht nicht bei einem Stoff, der gerade um dieses Thema kreist. Jedenfalls meidet auch Reza, den Kopf durch die Allerweltstür zu stecken. Nathalie hingegen wirft sich der Meute gleichsam zum Fraß vor. Matrjoschka-ähnlich geht es um eine Schriftstellerin, die einen Roman über eine Schriftstellerin schreibt, deren Buch „Ihre Version des Spiels“ heißt.

Was Wunder also, dass Stögers Rosanna gleich in den Anekdoteninfight geht. Mit ihrem Auftritt, wie sie her-vor-rag-end sagt, ist klar, dass der Hühnerkampf begonnen hat. Rosanna macht auf unangenehm investigativ. Ihr haben schließlich schon größere kein Interview gegeben. Frau ist ja Fachfrau. Wunderbar, wie die Klugschwätzerin haarscharf an den Antworten ihrer Gesprächspartnerin vorbeifragt, und dabei mit strengem Blick durch die rote Brille das Einverständnis des Publikums einholen will. Je insistierender, je süffisanter, bald zynischer Nathalie. Die Versuche, die Sache mit Humor zu nehmen, werden krampfhafter. Sie zupft an ihrem engen Kleid. Augen rollen. Herdens Contenance leidet zunehmend an Gesichtsmuskelzerrung. Peinlich, wenn auf der Bühne über, statt mit einem gesprochen wird. Wenn eine andere einem sagt, wie man eigentlich ist. Und doch versteht man auch Rosanna. Nichts ist mühsamer, als wenn der Künstler den Mund nicht aufkriegt. Sich in den Nimbus der Unnahbarkeit einwebt. Ihr Satz, Nathalie glaube wohl ihre Bücher verkauften sich ohne dafür zu werben, hat etwas sehr Wahres. Ihre Getroffenheit, wenn Nathalie eine Textstelle über eine Mutter im Altersheim liest, macht deutlich, dass auch Rosanna eine Geschichte jenseits ihrer professionellen Schroffheit hat.

Fabelhaft zum Fremdschämen ist Dominik Wartas Roland, fabelhaft, wie er das Interview erden, während Rosanna damit abheben will. Ein Laiendichter, der die Profiautorin gleich mit seinem Werk überfährt. Ein sich selbstbeweihräuchernder Ver-Sprecher. Ein Schleimer und Schmeichler, man möchte sich unterm Sitz verkriechen. Warta ist auch ein wenig stummfilmhafter Slapstick gegönnt. Doch wie seine Mitstreiter stellt er das Komische seiner Figur niemals vordergründig komisch dar. Darin liegt das Komödiantische dieser Arbeit. Alle sind cool. Dieser Humor steigt einem ins Hirn und brennt dort wie zu schnell gegessenes Eis. Letztlich ist Roland inmitten der Eitelkeit der beiden Frauen ein Seelchen; er wird den zwischenmenschlichen Triumph davontragen. Seine Gedichte sind tatsächlich anrührend … Bleibt Günther Wiederschwinger als Bürgermeister. Das dritte Tierchen, ein echter Auskenner, der der Autorin im Augenblick mitteilt, dass er ihr Buch verstanden hat. Wenn Lächeln reden könnte. Wiederschwinger als der Typ Politiker, der Kultur zur Imagepolitur verwendet, rundet das Quartett ab. Und eilt als erster ins Foyer zurück, um Gilbert Bécauds „Nathalie!“ zu singen.

Ein gelungener Auftakt für das Volkstheater in den Bezirken. Einer, der Lust auf mehr macht. Intendantin Anna Badora setzt hier auf ein ambitioniertes Programm. Es folgen Uraufführungen: Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“, Pia Hierzeggers „Die Fleischhauer von Wien“ und Thomas Glavinics erstes echtes Theaterstück „Mugshot“.

www.volkstheater.at

Noch ein Autor in Nöten: www.mottingers-meinung.at/?p=14443

Wien, 3. 10. 2015

Volkstheater: Spiel’s nochmal, Sam

April 30, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Woody Allens Komödie in den Bezirken

Till Firit Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am 30. April hat im Volkstheater in den Bezirken Woody Allens romantische Komödie „Spiel’s nochmal, Sam“ Premiere. In der Regie von Anselm Lipgens spielen Till Firit, Clemens Matzka, Alexandra Maria Timmel, Marie-Christine Friedrich und Elisabeth Balog.

Inhalt: Allan Felix (Firit) ist ein Durchschnittstyp. Er ist etwas linkisch, nicht gerade das, was man einen Frauenhelden nennt, und – wie es sich für eine echte Woody-Allen-Figur gehört – leicht neurotisch. Er hat seine Leidenschaft für Hollywoodfilme zum Beruf gemacht: Er schreibt für ein kleines Kinomagazin. Und identifiziert sich mit den Liebesabenteuern seiner Leinwandhelden. Insbesondere liebt er den Film Casablanca und leidet mit dessen Helden: Vor allem imponiert ihm, wie heroisch Rick alias Humphrey Bogart auf seine große Liebe Ilsa, gespielt von Ingrid Bergman, verzichtet. Doch Allans Leben spielt sich nicht in „Rick’s Café“ ab. Seine Frau Nancy lässt sich von ihm scheiden. Und zu allem Unglück ist sein Psychiater gerade in den Ferien. Seine Freunde versuchen ihn vergeblich zu verkuppeln. Da erscheint ihm Humphrey Bogart und gibt ihm gut gemeinte Ratschläge: „Die Welt ist voller Weiber und du brauchst nur zu pfeifen!“ Allan schöpft wieder Hoffnung. Gibt es doch mehrere Millionen Frauen allein in New York und eine davon wird er bestimmt erobern: „Schau mir in die Augen, Kleines“.

1969 schrieb Woody Allen diese Komödie, die sich rasch zum Dauerbrenner entwickelte und drei Jahre später von Hollywood mit dem Autor in der Hauptrolle auch erfolgreich verfilmt wurde. Die liebevolle Hommage an die Kinoklassiker vergangener Tage (und an Casablanca im Besonderen) und ihre Stars erzählt berührend von der Midlife-Crisis eines Mannes, seiner Suche nach sich selbst und nach der großen Liebe. Am Ende ist Allans Leben dann doch wie im Kino – er durchlebt noch einmal die berühmte Schlussszene aus dem Film Casablanca, auf den auch der Titel anspielt (Play it again, Sam), obwohl der Satz in Michael Curtiz’ Film nie zu hören ist. Aber: Gibt es ein Happy End? Oder bleibt auch Allan wie Humphrey Bogart im Regen stehen? Mit nichts als dem „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“? Nach der Österreichischen Erstaufführung der Bühnenfassung von Purple Rose of Cairo steht mit Spiel’s nochmal, Sam erneut ein Stück von Woody Allen auf dem Spielplan des Volkstheaters.

www.volkstheater.at

Wien, 30. 4. 2014