Volkstheater: Kay Voges präsentiert den ersten Spielplan

November 10, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Start mit Jandl, Bernard, Jelinek; neue „Black Box“ unterm Dach; Calle Fuhr übernimmt die Bezirke

Kay Voges beim Videodreh. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Mitten aus der Baustelle Volkstheater meldet sich der neue Direktor des Hauses zu Wort: #Corona-bedingt präsentiert Kay Voges seinen ersten Spielplan via Videobotschaft – und die ist schon eine Inszenierung für sich. Umringt von lebenden Mädchenpuppen, Napoleons und Nazis beschreibt er das Volkstheater neu als Raumgeber für darstellende wie bildende Kunst, und für den politischen Diskurs. „Das Volkstheater ist ein Ort der Kunst und der

Auseinandersetzung, für Literatur und Grenzerfahrung, Gegenwart und Utopie, Diskurs und Pop“, sagt Voges über seine Pläne. Vom Ensemble sind Evi Kehrstephan, Claudia Sabitzer, Stefan Suske und Günther Wiederschwinger geblieben, Birgit Stöger beispielsweise zeigt bereits im Kosmos Theater mit „Frau verschwindet (Versionen)“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42119) ein weiteres Mal ihr Können, die anderen von Voges vorgestellten Schauspielerinnen und Schauspieler kennt man in Wien noch nicht, man darf also gespannt sein. Auf diesen, wie Voges es nennt, „Teamsport mit einem eingeschworenen, respektvoll und auf Augenhöhe miteinander arbeitenden Team“, 20 Akteurinnen und Akteuren aus Wien, Dortmund, Berlin, München, Linz und Graz, das „frech, laut und mutig an gedanklich scharfen Gegenwartsbeschreibungen“ tüfteln will.

Im seit Anna Badora um fünf Köpfe gewachsenen Ensemble ist mit Nick Romeo Reiman ein vor allem aus Filmen, etwa „Türkisch für Anfänger“, bekanntes Gesicht. Julia Franz Richter war zuletzt am Schauspielhaus Graz engagiert, Samouil Stoyanov an den Münchner Kammerspielen, er arbeitet in „Der Alte“ oder „Soko München“ auch fürs Fernsehen. Mit Anna Rieser kommt die 2019 mit dem Nestroy-Preis als „Bester Nachwuchs“ ausgezeichnete Akteurin aus dem Landestheater Linz nach Wien. Für die kommende Saison hofft Voges noch weitere vier neue Ensemblemitglieder aufzunehmen.

Das sanierte Theater startet (hoffentlich) am 8. Jänner mit „Der Raum“ von Ernst Jandl in der Regie von Kay Voges.In dieser ersten, verkürzten Spielzeit zeigen wir knapp 30 Veranstaltungen, davon unter anderem vier Uraufführungen, sechs Übernahmen, Musikveranstaltungen, ein Festival, eine Österreichische Erstaufführung und eine Universums-Uraufführung – von der Bühne im Haupthaus, dem Volx in Margareten, bis hin zu den Produktionen in den Bezirken“, so Voges. Die unter dem Namen Black Box/Dunkelkammer wiederentdeckte Spielstätte unter dem Dach des Hauses, von Emmy Werner „Am Plafond“ genannt, von Michael Schottenberg als „Schwarzer Salon“ bespielt, soll die Spielorte des Volkstheaters erweitern.

Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Programm in der Roten Bar: Diskussionsabende, Lecture Performances und musikalische Late Night Shows zum Gespräch und zum partizipativen Austausch. Die Startproduktion „Der Raum“ sieht Dramaturg und Kurator Henning Nass als „szenisches Gedicht für Beleuchter und Tontechniker“, ein #Corona-taugliches Stück“ aus den frühen Siebzigerjahren, eine Produktion, die ohne Schauspieler und ohne Sprache auskommt, eine Hymne an den Sehnsuchtsort Theater und an die Bühne. „Oder ganz böse gesagt: Dieser Abend könnte sogar ohne Zuschauer auskommen. Das wäre eine Erzählung, wie es den Theatern derzeit geht. Dass sie auch leer noch ein Leben haben. Das wird, glaube ich, eine schöne Meditation zur Eröffnung des neuen Hauses“, ergänzt Voges.

Calle Fuhr. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Christoph Gurk. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Danach folgt ein Premierenreigen. Den Auftakt macht Rimini Protokoll mit „Black Box“, einem „Phantomtheater für eine Person“ am 9. Jänner, in der, wie Dramaturg und Kurator Christoph Gurk erläutert, im Fünfminutentakt jeweils ein mit einem Kopfhörer ausgerüstet Zuschauer auf einen Hausrundgang geschickt wird. Gurk: „Am besten erklärt ist das Stück wohl als Audiowalk durch alle Abteilungen, die an der Entstehung von Theater beteiligt sind, und währenddessen hört man die Stimmen der Kolleginnen und Kollegen, die ihre Arbeit erläutern. Schnitt auf Stefan Suske, der als „Bühnenarbeiter“ Holzbalken und Plastikkanister von A nach B trägt …

Tags darauf am 10. Jänner  folgt die Wien-Premiere von Voges’ Dortmunder „Theatermacher“-Inszenierung aus dem Jahr 2018. Am 14. Jänner steht Susanne Kennedys Tschechow-Bearbeitung von „Drei Schwestern“ an, deren Gastspiel mit „Ultraworld“ bei den diesjährigen Wiener Festwochen aufgrund der Reisebeschränkungen ausfallen musste und mit der eine längerfristige Zusammenarbeit am Volkstheater geplant ist. „Kennedy wird in ihrer Fassung den Tschechow-Text mit geschichtsphilosophischen Reflexionen verknüpfen, zum Beispiel mit Nietzsches ,Lehre von der ewigen Wiederkehr‘“, so Gurk. „Das fügt sich sehr gut in einen unserer Schwerpunkte für die Spielzeit ein, in dem es um Loops und Wiederholungen geht.“

Wie die Kennedy-Inszenierung kommt auch Florentina Holzingers für Mai geplante und für Wien adaptierte „Etude for an Emergency“ von den Münchner Kammerspielen. Die erste Uraufführung trägt den Titel „1. Kreuz brechen oder Also alle Arschlöcher abschlachten“. Der Text ist – Nass: „ein unendlicher, emotionaler und obszöner Strom von Wörtern – der erste Teil eines mehrteiligen Werks der neuen Hausautorin Lydia Haider, die im Sommer den Publikumspreis beim Bachmann-Wettlesen gewann und deren Stück „Am Ball“ im Dezember im Schauspielhaus Wien uraufgeführt wird. Die Inszenierung übernimmt Intendant Voges, Premiere ist am 16. Jänner.

Eine Herausforderung, wie er zugibt: „Es ist ein Stück, das von den Regieanweisungen her einfach nicht spielbar ist. Da kommt Lydia Haider uns sehr in unserem Bestreben entgegen, herauszufinden, wie das unmögliche Theater möglich gemacht werden kann“, sagt Voges im APA-Interview. Mit „Bliss“ von Ragnar Kjartansson, der filmischen Montage einer Live-Performance in Los Angeles, beschließt man am 17. Jänner die turbulente Eröffnungswoche. „Bliss“ ist eine zwölfstündige Oper über Mozarts finale Arie aus „Die Hochzeit des Figaro“. „Kjartansson lässt diese Arie von großem Ensemble und großem Orchester endlos wiederholen“, so Nass.

Des Weiteren auf dem Programm stehen „Einsame Menschen“ von Gerhart Hauptmann und „Endspiel“ von Samuel Becket. Den Hauptmann wird Jan Friedrich auf die Bühne heben, „der Newcomer“, wie Dramaturgin Jennifer Weiß sagt, während hinter ihr lebensgroße Puppen Unzucht treiben. „Jan Friedrich kommt vom Puppenspiel und zeichnet sich durch seine queer-poppige Ästhetik aus.“ Das Volkstheater zeigt ab März außerdem „Erniedrigte und Beleidigte“ nach dem Roman von Dostojewski und „In den Alpen/ Après les Alpes“.

Jennifer Weiß. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Letzteres eine Collage von Elfriede Jelinek mit Fiston Mwanza Mujila, inszeniert von Claudia Bossard, die sich bereits im Kosmos Theater mit dem Thema beschäftigte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37418). Weiß über Fiston Mwanza Mujila (Rezension „Zu der Zeit der Königinmutter“ am Akademietheater: www.mottingers-meinung.at/?p=32130): „Wir haben dem österreichisch-kongolesischen Autor einen Stückauftrag gegeben. Im Text wird es um die postalpine Zukunft nach Après-Ski gehen, es ist ein Ausblick von den kolonialen Ursprüngen des Alpenraums à la ,Heart of Darkness‘.“

Den verschwurbeltsten Titel liefert der Erzkünstler und Neo-Opernregisseur (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25228) Jonathan Meese im März mit „KAMPF L.O.L.I.T.A. (EVOLUTION IST CHEF) oder L.O.L.I.T.A.D.Z.I.O. (Zardoz fliegt wieder!) oder L.O.L.I.T.A. DE LARGE (Das 3. Baby) oder DIE BARBARENLOLITAS (Kampf um Kunst) oder DR. ERZLOLITA DE L.O.L.I.T.A. (ZARDOZ LEBT) oder DIE ZARDOZLOLITAS (Keine Angst)“, einer „Universums-Uraufführung“, die, so der langjährige Meese-Intimus Henning Nass, auf Nabokovs Skandalroman basiert. „Da können wir uns auf was gefasst machen“, verspricht Voges.

Gespannt sein darf man auch auf die Österreichische Erstaufführung von Wolfram Lotz‘ „Die Politiker“ im April. Das Volx/Margareten wird im kommenden Jahr mit einer neuen Produktion bespielt: Am 15. Jänner kommt dort „Humane Metholds [Exhale]“ der Gruppe Fronte Vacuo zur Uraufführung, bei der der Mensch auf Algorithmen trifft. Die neue Black Box unter dem Dach wird von zwei Wien-Premieren bespielt: Für das Frühjahr ist „Konstellationen“ von Nick Payne angekündigt, im April steht „Uncanny Valley / Unheimliches Tal“ von Thomas Melle und Stefan Kaegi und dem Rimini Protokoll auf dem Programm.

Das Volkstheater in den Bezirken, bisher eher konventionell programmiert, soll unter der Leitung des Düsseldorfers Calle Fuhr „der subversive Zwilling des Haupthauses“ werden, Fuhr wird dort etwa den Monolog „Heldenplätze“ aufführen, Ed. Hauswirth kümmert sich um die „Recherche Show“. Bestrickend klingt jetzt schon das Format „Lesen & Tschechern“ in der Roten Bar. „Wir laden Sie herzlich zu einer gemeinsamen Reise durch gegenwärtige und neu gelesene Dramatik, zu Grenzgängen zwischen darstellender und bildender Kunst, zu musikalischen und choreographischen Produktionen, zu diskursiven und partizipativen Formaten und zur lustvollen Auseinandersetzung mit unserer Zeit ein“, endet Kay Voges seine Programmvorschau.

Er singe schon seit Tagen Bert Brechts „Ja, mach‘ nur einen Plan“ vor sich hin, sagt er. Das Erbe, das er an dem kriselnden, unter Zuschauerschwund leidenden Hauses antritt, ist kein leichtes. Doch dem Team, das sich via Video so sympathisch und engagiert präsentiert, und dem die besorgte Presse bereits die Frage nachwirft, wie „Wienerisch“ das Haus wohl bleiben werde, kann es durchaus gelingen, das hiesige Publikum für sich zu gewinnen. In diesem Sinne: Volkstheater unter Kay Voges, gemmas an!

www.volkstheater.at

  1. 11.2020

Burgtheater: Martin Kušej präsentiert seinen Spielplan

Juni 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Frischzellenkur für die heiligen Hallen

Der neue Burgtheaterdirektor Martin Kušej im Bühnenbild der Eröffnungspremiere von „Die Bakchen“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Vorsicht ist geboten, verlangt Martin Kušej doch künftig von jedem, der einfach nur „Burg“ sagt und aufs „-theater“ verzichtet, 10 Euro. Erfrischend, dass gleich einmal eine seiner Mitarbeiterinnen das diesbezügliche Sparschwein wegen eines Verplapperers füttern wird, hocherfreulich, dass sich der designierte Burgtheaterdirektor heute Vormittag mit seiner Dramaturgie umgab, um gemeinsam seinen ersten Spielplan am Haus vorzustellen.

Nichts weniger als eine Frischzellenkur für die heiligen Hallen verspricht der neue Hausherr, der drei Säulen für die Zukunft vorstellt: Vielsprachigkeit, den Dialog mit der nächsten Generation von Theaterbesuchern und die Auseinandersetzung mit der digitalisierten Gesellschaft. Was, so Kušej, ihm gleichbedeutend sei mit einer Rückbesinnung auf den Schauspieler als Wesen aus Fleisch und Blut. Er wolle, sagt er, „markante Geschichten mit starken Darstellern erzählen und Wien zum Brennglas für Europa machen“. Um das zu gewährleisten, wurden nicht nur Regisseurinnen und Regisseure aus 13 Ländern und die meisten zum ersten Mal nach Wien eingeladen, spannende Namen, die sich mit dem politischen Klima in Osteuropa beschäftigen oder einen Island-Schwerpunkt gestalten werden, sondern auch das Schauspielpersonal aufgestockt.

Elma Stefanía Ágústsdóttir kommt aus Island, Itay Tiran aus Israel, Annamária Láng, dem österreichischen Publikum bereits bestens bekannt (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=20141) aus Ungarn. Wie schon verlautbart, übersiedelt Florian Teichtmeister von der Josefstadt auf die andere Seite des Rings, ebenso Rainer Galke vom Volkstheater. Till Firit kehrt nach Hause zurück, wie auch Birgit Minichmayr und Tobias Moretti. Aus München nimmt Kušej Bibiana Beglau, Norman Hacker, Franz Pätzold und Johannes Zirner mit. „Wir finden ganz Europa, mehr sogar, mindestens die halbe Welt, in Wien – wir wollen das Haus noch mehr öffnen, als es bisher der Fall war – das Burgtheater soll ein Ort sein, an dem sich alle Wienerinnen und Wiener und die, die es im Begriff sind gerade zu werden, wiederfinden sollen. Das Burgtheater wird ein Raum der Extreme sein – extrem kontrovers, extrem vielgestaltig, extrem dringend, extrem zeitgenössisch, extrem laut, extrem leise, extrem österreichisch, extrem international. In diesen Raum sind alle in dieser Gesellschaft eingeladen“, so Martin Kušej.

Der nebenbei verrät, dass das Ensemble der Eröffnungspremiere am Akademietheater, Wajdi Mouawads Vögel am 13. September, bereits eifrig hebräisch und arabisch lernt. Los geht es aber tags zuvor am Burgtheater mit Die Bakchen in der Regie von Ulrich Rasche, am 14. September folgt eine Kušej-Übernahme vom Residenztheater, Wer hat Angst vor Virginia Woolf, und noch drei weitere Premieren werden von dort übernommen: Faust am 27. September, Don Karlos im Oktober, Der nackte Wahnsinn im Dezember und auch als Silvestervorstellung. Neu inszenieren wird Kušej für den November Die Hermansschlacht, diese in Wien naturgemäß von Claus Peymann besetzt, weshalb Kušej zugibt, „lange Zeit gedacht zu haben, der Kleist-Stoff ist nix für mich, aber wenn man ihn ganz anders liest, passt er hervorragend in die heutige europäisch-politische Zeit.“ Das Bühnenbild wird Martin Zehetgruber besorgen.

Großer Medienrummel bei der Spielplanpräsentation auf der Burgtheaterbühne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Martin Kušej bringt vier seiner Arbeiten aus München mit und inszeniert neu „Die Hermannsschlacht“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weitere Highlights: Anne Lenk zeigt Sally Potters The Party (21. September, Burgtheater), Gesine Danckwart und Caroline Peters mit Theblondproject im Oktober im Kasino eine Produktion über die Lust und den Frust blond zu sein. Kušej setzt also auf Frauenpower, holt auch Ene Liis Semper und Tiit Ojasoo für Meister und Margarita, Mateja Koležnik für Maria Lazars Der Henker, Anne-Cécile Vandalem mit ihrem Stück Tristesses und Starregisseurin Katie Mitchell für 2020 oder Das Ende – dies die nächstjährige Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Auch gute alte Bekannte sind Teil von Kušejs Burgtheaterauftakt: Kornél Mundruczó zeigt mit Kata Wéber im November eine Tosca nach Victorien Sardou, Simon Stone Die Letzten nach Maxim Gorki, der kroatische Aufregerregisseur Oliver Frljič Heiner Müllers Die Hamletmaschine, Sebastian Nübling This Is Venice nach Shakespeares „Othello“ und „Der Kaufmann von Venedig“ und Nikolaus Habjan mit seinen Klappmaulpuppen Ladislav Fuks‘ von Franzobel für die Bühne bearbeitete Erzählung Der Leichenverbrenner.

Der designierte neue Volkstheaterdirektor Kay Voges stellt sich mit der Endzeitoper von Paul Wallfisch Dies Irae – Tag des Zorns vor

(mehr zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=33586). Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson wird seine wuchtige Edda aus Hannover in Wien zeigen und sich erneut dem Peer Gynt widmen. Ben Kidd und Bush Moukarzel von der irischen Theatertruppe Dead Centre beschäftigen sich mit Sigmund Freuds Traumdeutung. Fürs Vestibül schreibt Roland Schimmelpfennig Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin. Womit die Rede auf die jüngsten Theatergeher kommt, die künftig vom Burgtheaterstudio im Vestibül bedient werden, mit den neuen Kooperationspartnern Gleis 21 und der Brunnenpassage verstärkt aber auch in der ganzen Stadt. Das Kasino wiederum wird zum Ort der Auseinandersetzung und der Diskussion. Unter den Extras Apropos Gegenwart mit Isolde Charim und Sasha Marianna Salzmann, Der Kollektivsalon von Nazis & Goldmund oder der von Oliver Frljić und Srećko Horvat kuratierten Reihe Europamaschine findet sich ein besonderes Schmankerl: Lojze Wieser wird bei Culinaire L’Evrope für kulinarische Überraschungen mit passender Wein- und Geistbegleitung sorgen.

Befragt nach weiteren multikulturellen, mehrsprachigen Plänen wird Kušej zum Schluss noch einmal konkret: „Ich bin im Gespräch mit John Malkovich und könnte mir vorstellen, dass er am Burgtheater einen Schnitzler spielt.“

neu.burgtheater.at

  1. 6. 2019

Volkstheater: Der Spielplan der Saison 2019/20

Mai 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unterdotierung als „verquere Form der Anerkennung“

Anna Badora. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Unsere Richtung ist seit vier Jahren klar, ihr bleiben wir auch in unserer letzten Spielzeit treu.“ Nach dieser Devise präsentierte Intendantin Anna Badora heute den Spielplan 2019/20 fürs Volkstheater Wien. Insgesamt 17 Produktionen, davon acht Ur- und Erstaufführungen, vier Stückentwicklungen und ein Stadtteilprojekt in zwei Bezirken, stellte das Team Roland Koberg, Heike Müller-Merten und Constance Cauers gemeinsam mit der Theatermacherin vor, und gab sich dabei noch einmal gewohnt kämpferisch.

Dass bei einem Budget von sechzehn Millionen Euro bis dato kein Nachfolger gefunden werden konnte, ja, dass die Suche nach einem solchen sogar ausgesetzt wurde, da selbst die Findungskommission eine latente Unterdotierung des Hauses konstatierte, kommentierte Badora beispielsweise als „eine verquere Form der Anerkennung, eine indirekte Form des Komplimentes in dieser Stadt.“ Man habe von Seiten der Kulturpolitik zu wenig registiert, dass künstlerische Wagnisse Zeit brauchen, um in ihrer Qualität von einem Publikum erkannt zu werden, so Badora, die darauf Claus Peymann zitierte: „Ein ständig in die Krise geschriebenes Theater ist nicht sexy.“

Das Thema Auslastung wusste die Hausherrin, der kaufmännische Direktor Cay Stefan Urbanek hatte diesmal erst gar nicht auf dem Podium Platz genommen, gewohnt elegant zu umschiffen. Nur soviel: Man erwarte sich keine Wunder, und: Es gelte abzuwägen, wie man Erfolg definiert. Laut einer Gemeinderats-Anfragebeantwortung lag im Jahr 2018 die Besucherauslastung im Haupthaus mit 52,4 Prozent ebenso wie in den Bezirken mit 47,7 Prozent weit unter den Planzahlen. Dabei kommt wegen der geplanten Generalsanierung ab dem Jänner 2020 eine neue Kraftanstrengung aufs Volkstheater zu.

Man übersiedelt in dieser Zeit in die MuseumsQuartier-Halle E. Für die dortige Zuschauertribüne „streben wir eine Größe von 800 Plätzen an“, so Badora. Offen ist allerdings, wie viele Produktionen, die zuvor noch im Haupthaus Premiere haben werden, dort gezeigt werden können. Mit dem Einzug der Wiener Festwochen in die Halle E im April des kommenden Jahres will das Volkstheater seine Aktivitäten im Volx/Margareten ausdehnen. Auf Nachfrage warnte Badora eindringlich davor, das Volkstheater länger als unbedingt notwendig zu schließen. Der derzeitige Plan sehe die Übernahme durch die neue Direktion für Anfang Oktober 2020 vor, dabei gebe es „sechs Wochen Reserve“ sowie „Abwurfpakete, falls sich etwas als zu teuer erweist“. Das Haus ein Jahr ohne Ersatzspielstätte zu schließen, wie verschiedentlich angedacht wurde, wäre, so Badora, „absurd“ und „der Anfang vom Ende“: Damit beweise man lediglich, „dass das Theater völlig entbehrlich ist“.

Ihren Weg klarer politischer Standpunktsetzungen, der Förderung von im Besonderen Regisseurinnen, der Erschließung neuer Zuschauerkreise und der konsequenten Jugendarbeit will Anna Badora fortsetzen: „Das Volkstheater wird sich weiter einmischen.“  Dazu eröffnet sie die Spielzeit am 11. September mit ihrer Inszenierung von Heimito von Doderers Die Merowinger oder Die totale Familie in einer Bearbeitung von Franzobel (Rezension von dessen aktuellem Roman „Rechtswalzer“: www.mottingers-meinung.at/?p=32483). Bis zum Start der Generalsanierung kehren bekannte Regiekräfte auf die Hauptbühne des Volkstheaters zurück:

Robert Gerloff mit Der gute Mensch von Sezuan, der erste Brecht unter Badora, die sich an dieser Stelle das Bonmot „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen“ nicht verkneifen kann, Christina Rast mit Wer hat meinen Vater umgebracht von Édouard Louis in Verbindung mit dessen Debütroman „Das Ende von Eddy“, und Viktor Bodó mit Peer Gynt. In der Halle E beleuchten Alexander Charim mit dem Gangster-Epos Schwere Knochen von David Schalko (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) die Unterwelt Wiens und Regisseurin Christine Eder in ihrer Stückentwicklung Schuld & Söhne (AT) den Kampf der Geschlechter. Eva Jantschitsch ist beim satirischen Musiktheater wieder mit dabei.

Roland Koberg, Heike Müller-Merten, Anna Badora und Constance Cauers. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

150 Seiten: Ein volles Programm für die Spielzeit 2019/20 Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

An körperliche Grenzen gehen die Protagonisten im Tanzmarathondrama Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss in der Regie von Miloš Lolić, der in seiner fünften Arbeit am Haus auch die ungewisse Zukunft des Hauses ansprechen will, und in den Uraufführungen im Volx/Margareten: Armin Petras beschäftigt sich in Körper-Krieg, nach den von Ines Geipel im Sachbuch „Verlorene Spiele“ aufgezeichneten Fallbeispielen misshandelter minderjähriger Sportlerinnen, mit der zerstörerischen Kraft des Dopings, die Ausnahme-Choreografin und Performerin Florentina Holzinger begibt sich mit Wir Hungerkünstler/innen (AT) auf die Spuren einer lebensgefährlichen, oft betrügerischen Attraktion des frühen 20. Jahrhunderts in den Wiener Caféhäusern. Ein weiteres Phänomen dieser Zeit beleuchtet Nestroypreisträgerin Sara Ostertag in Haummas net sche?, und nimmt das Publikum anhand der Texte von Christine Nöstlinger mit auf eine Reise durch die Geschichte des Wiener Gemeindebaus.

Felix Hafner inszeniert Franz Kafkas In der Strafkolonie als Fanal „gegen die von der Politik geforderte Verschärfung der Justiz“, Bérénice Hebenstreit den Goethe-Jelinek’schen Urfaust / FaustIn and out. Zusätzlich finden ab Jänner die beliebten Formate Trojanow trifft. und Volkstheatergespräche mit Corinna Milborn sowie das Late-Night-Format Nachtvolx des Ensembles nach der sanierungsbedingten Schließung des Haupthauses ebenfalls im Volx/Margareten statt. Badora: „Bühnenbildner Ivan Bazak wird für das Volx ein neues Raumkonzept entwickeln, so dass dort ein Zentrum für Wiener ,Nachtschattengewächse‘ entstehen kann.“ Als erweitertes Programm verspricht sie Diskussionen bis Tanzperformances, „Sonntagsreden“ und einen sinnsuchenden „Utopien-Stammtisch“ für Städtebewohner.

Der Spielplan der Bezirke-Tournee – die in ihr 65. Jahr und ins 15. unter der Leitung von Doris Weiner geht – ist von Komödie bis Melodram breit gefächert: Zu sehen sind Die Reißleine von David Lindsay-Abaire mit Doris Weiner und Erika Mottl, die den erbitterten Kampf zweier Frauen um den Platz an der Sonne, heißt im Seniorenheim: um das Bett am Fenster austragen, Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran mit Michael Abendroth, Weh dem, der lügt! und Warten auf Godot wie immer in 19 Spielstätten entlang der Route durch 15 Wiener Gemeindebezirke.

www.volkstheater.at

8. 5. 2019

Volkstheater: Der Spielplan der Saison 2017/18

Mai 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hafner macht „Höllenangst“, Kimmig kommt

Spielplankonferenz 2017/18: Anna Badora. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Insgesamt 18 Produktionen in der dritten Spielzeit der künstlerischen Direktorin Anna Badora am Volkstheater fragen danach, was eine Welt im Umbruch mit den Menschen macht. Neben Klassikern stehen vier Uraufführungen, drei österreichische und zwei deutschsprachige Erstaufführungen auf dem Programm und alle miteinander suchen sie nach Wegen, in der Krise Antworten und eine (neue) Haltung zu finden.

Veränderungen gibt es auch im Ensemble des Volkstheaters, in dem gleich drei aus Österreich stammende Neuzugänge zu begrüßen sind: Isabella Knöll kommt frisch von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Peter Fasching, zuletzt Ensemblemitglied am Theater Bremen, hat sich dem Wiener Theaterpublikum bereits mit Dušan David Pařízeks bei den Festwochen 2015 gezeigten Inszenierung „Kauza Schwejk / Der Fall Švejk“ präsentiert. Auch Sebastian Pass, der zuletzt am Staatsschauspiel Dresden engagiert war, ist kein Unbekannter: In der Spielzeit 2015/16 war er in Susanne Lietzows Inszenierung von Johann Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ bereits als Gast am Volkstheater zu sehen.

Neben Regisseuren wie Nikolaus Habjan, Yael Ronen, Christine Eder, Felix Hafner, Miloš Lolić, Ingo Berk oder Holle Münster, die dem Volkstheater-Publikum bereits aus den vergangenen beiden Spielzeiten bekannt sind, stellen sich in der Saison 2017/18 auch weitere spannende, internationale Künstler wie Hermann Schmidt-Rahmer, Stephan Kimmig oder Pınar Karabulut vor.

Sebastian Schug, der in der letzten Spielzeit erfolgreich Robert Seethalers „Der Trafikant“ auf die Bühnen des Volkstheater/Bezirke brachte, inszeniert mit William Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ erstmals auf der großen Bühne, in der mittlerweile gut etablierten Nebenspielstätte Volx/Margareten gibt dafür mit Paul Spittler ein Regieassistent des Volkstheaters sein Debüt als Regisseur.

Die Saison eröffnet am 8. September Volkstheater-Intendantin Anna Badora mit Iphigenie in Aulis | Occident Express: Sie verknüpft darin den antiken Mythos mit der österreichischen Erstaufführung des zeitgenössischen Dramentextes aus der Feder des italienischen Autors Stefano Massini und sucht nach Möglichkeiten, mit den Mitteln des Theaters etwas so ungeheuerliches wie eine Fluchtgeschichte zu erzählen. Am 23. September hat, ebenfalls am Haupthaus, Felix Hafners Inszenierung von Nestroys Höllenangst Premiere. Der Steirer, der in der Saison 2016/17 mit Molières „Der Menschenfeind“ sein Debüt am großen Haus feierte und (noch als Max-Reinhardt-Seminarist) am Volx/Margareten die österreichische Erstaufführung von Thomas Köcks „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ realisierte, untersucht anhand Nestroys dunkler Komödie die Mechanismen eines Machtgefüges, das durcheinander gerät.

Das Volx/Margareten eröffnet am 30. September Paul Spittler mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Alexandra Badeas Extremophil, in der sich drei vermeintliche Gewinnertypen die Frage stellen müssen: Lebe ich wirklich das Leben, das ich leben will? Diese Frage gar nicht erst zu stellen braucht sich die Protagonistin in Clemens J. Setz’ Vereinte Nationen, das am 13. Oktober Premiere im Volx/Margareten hat: Die siebenjährige Martina wird von ihren eigenen Eltern in einer Art privatem Dschungelcamp gehalten. Holle Münster, die in der Saison 2016/17 „Hose Fahrrad Frau“ zur Uraufführung brachte, widmet sich dem brandaktuellen Text, der zu den Mülheimer Theatertagen Stücke 2017 eingeladen war.

Am Haupthaus präsentiert Nikolaus Habjan eine musikalische Uraufführung (Premiere 11. Oktober): Wien ohne Wiener heißt der Georg-Kreisler-Liederabend, den er gemeinsam mit der Musicbanda Franui erarbeitet. Einem Prototyp des dystopischen Romans widmet sich die folgende Inszenierung: Hermann Schmidt-Rahmer gibt mit George Orwells 1984 sein Debüt am Volkstheater (Premiere 17. November). Und auch Stephan Kimmig widmet sich in seiner ersten Arbeit am Volkstheater einem Stoff, der sich mit (Lebens-)Regeln und deren Einhaltung beschäftigt: Die Zehn Gebote nach den Filmen von Krzysztof Kieslowski (Premiere 15. Dezember). Yael Ronen macht sich in der Folge auf, die allgegenwärtigen Zeichen des Untergangs nicht nur zu lesen, sondern umzudrehen – um im besten Fall sogar darüber zu lachen. Das wie immer gemeinsam mit dem Ensemble erarbeitete neue Stück #FröhlicheApokalypse (AT) hat am 19. Jänner Uraufführung. Eine etwas ältere Version des Verwirrspiels zwischen Sein und Schein, Wahrheit und Lüge zeigt Sebastian Schug: William Shakespeares Klassiker Viel Lärm um nichts (Premiere 2. März).

Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Mai 2018 starten die Bauarbeiten für die dringend notwendige Generalsanierung des Volkstheaters. Während das Haus sich in eine Großbaustelle verwandelt, geht der Spielbetrieb nicht nur im Volkstheater/Bezirke und im Volx/Margareten, sondern auch in der Ausweichspielstätte Odeon in der Taborstraße weiter: Dort hat am 4. Mai David Bowies und Enda Walshs Musical Lazarus österreichische Erstaufführung: Schauspieler des Volkstheater-Ensembles singen und spielen in der Regie des serbischen Regisseurs Miloš Lolić.

Im Volx/Margareten präsentiert am 5. Jänner die 1987 geborene Regisseurin Pınar Karabulut, die bereits am Schauspiel Köln Erfolge feierte, ihr erstes Projekt am Volkstheater Wien. Darauf folgt am 16. Februar die deutschsprachige Erstaufführung von Concord Floral: Anhand des Textes des 1988 geborenen Kanadiers Jordan Tannahill untersucht Regisseur Simon Windisch gemeinsam mit zehn Wiener Jugendlichen deren Lebenswirklichkeit. Der Zukunft widmet sich dagegen Multimedia-Künstler Georg Hobmeier: In seiner spekulativen Simulation Vienna – All Tomorrows entsteht die Landkarte eines zukünftigen Wiens. Uraufführung ist im Mai. Ebenfalls mit Wien setzt sich das Stadtprojekt des Jungen Volkstheaters Wien 5 – Die Kunst der Nachbarschaft auseinander. Vereine, Initiativen, Schulklassen und Einzelpersonen aus dem fünften Wiener Gemeindebezirk werden eingeladen, gemeinsam die Kunst der Nachbarschaft zu (er-)finden, Premiere ist im Mai 2018.

Das Volkstheater/Bezirke startet am 22. September mit Ernest Thompsons Das Haus am See (On Golden Pond) in die neue Spielzeit, wie bereits bei „Mittelschichtblues“ in der vergangenen Saison führt Ingo Berk Regie. Christine Eder, die sich in der Saison 2016/17 in der Stückentwicklung „Alles Walzer, alles brennt“ mit den Wiener Kämpfern für Demokratie zwischen Kaiserreich und Februar 1934 auseinandersetze, widmet sich nun einem Wiener Vorstadt-Rächer: Am 24. November hat ihre Inszenierung von Jura Soyfers Der Lechner Edi schaut ins Paradies Premiere. Ihr Debüt am Volkstheater/Bezirke gibt Aurelina Bücher: Sie zeigt in österreichischer Erstaufführung die Beziehungskomödie Anderthalb Stunden zu spät von Gérald Sibleyras (Premiere 2. Februar). Zum Abschluss gibt es schließlich eine neue Inszenierung von Volkstheater-Ensemblemitglied Lukas Holzhausen: Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti hat am 22. April Premiere.

Im Rahmen der jährlich gemeinsam mit dem Österreichischen Parlament veranstalteten Gedenkmatineen zu den Novemberpogromen 1938 wird am 9. November erstmals in Österreich Strandflieder oder Die Euphorie des Seins der ungarischen Gruppe „The Symptoms“ gezeigt: Die Auschwitz-Überlebende Éva Fahidi tanzt hierzu gemeinsam mit einer jungen Frau.

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Wien, 12. 5. 2017

Schauspielhaus Wien: Die Pläne für die Saison 2016/17

September 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kubin, Kudlich, Kaspar Hauser

Tomas Schweigen (M.) mit Rita Kelemen und Tobias Schuster. Bild: Schauspielhaus Wien

Tomas Schweigen (M.) mit Rita Kelemen und Tobias Schuster. Bild: Schauspielhaus Wien

Tomas Schweigen ist zufrieden. Man hätte ihn nämlich mehrmals gewarnt vor dem steinigen Weg, den er bereit sei zu beschreiten, sagt er. En-Suite-Spielen in Wien, damit sei kein Publikum zu gewinnen. Doch Schweigen hat. Hat seine erste Spielzeit als künstlerischer Leiter des Schauspielhaus Wien mit einer Auslastung von 83 % abgeschlossen.

Und, noch bemerkenswerter, mittels einer Besucherbefragung festgemacht, dass sich dabei der Anteil der Zuschauer unter 30 Jahren auf etwa 50 % erhöhte. Kein Grund also, den steinigen Weg zu verlassen, auch in dieser Saison bleibt das Haus ein „Autoren- und Entdeckertheater“, setzt Schweigen sowohl auf die Zusammenarbeit mit österreichischen Künstlern als auch auf eine weitere Internationalisierung seiner Spielstätte. Man sehe sich als Ensembletheater, das die gesellschaftlichen und politischen Themen der Zeit mit aufregenden Regiehandschriften beschreiben will, so Schweigen. Als da wären: Werte und andere Utopien und die Sehnsucht danach. Dies die Eckpunkte, die Tomas Schweigen Mittwochabend bei der Spielplanpräsentation für die Saison 2016/17 gemeinsam mit seinem leitenden Dramaturgen Tobias Schuster und seiner kaufmännischen Leiterin Rita Kelemen vorstellte.

Die Eröffnungspremiere am 29. September verantwortet er als Regisseur selbst. Traum Perle Tod! heißt die Produktion auf Grundlage der fantastischen Fabel „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, ein surrealistischer Schlüsselroman und „gespenstisch aktuell“. In Schweigens Händen wird die Geschichte des Multimillionärs Claus Patera und seines im ewigen Dämmerlicht liegenden Albtraumreichs Perle natürlich keine klassische Romanadaption, der Theatermacher verspricht ein „spezielles Bühnenerlebnis in einer sehr speziellen Bühnensituation, wie es sie, so hat man mir versichert, in Wien noch nie, oder zumindest schon lange nicht mehr, gegeben hat.“

Die folgende Produktion Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht, Premiere ist am 25. November, ist nach dem Stadtspaziergang „Strotter“ eine erneute Zusammenarbeit mit Autor Thomas Köck. Der Oberösterreicher, mittlerweile zu einer der wichtigsten Stimmen der heimischen zeitgenössischen Dramatik avanciert und für seinen Text bereits mit dem Preis der Österreichischen Theaterallianz ausgezeichnet (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=17739), verhandelt entlang der Biografie des Bauernbefreiers Hans Kudlich Fragen zur Ausbeutung durch andere und zur kapitalistischen Selbstausbeutung. Schweigen: „Es wird ein Parforceritt durch die Restaurationszeit und durchs heutige Dienstleistungsproletariat, es treten Figuren von Georg Büchner bis Andreas Gabalier auf, es wird saftig und humorvoll.“ Die kunstvolle kleistige Klassiksprache wird Regisseur Marco Štorman auf die Bühne heben.

Am 1. Dezember wird der schwedische Installationskünstler Thomas Bo Nilsson mit seinem Team ans Schauspielhaus zurückkehren. Nach seiner 504-Stunden-Installation „Cellar Door“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18916), bei der er das gesamte Theater in ein gespenstisches Dorf samt seiner skurrilen Bewohner verwandelte, hat er nun für sein begehbares Beziehungsgemälde JINXXX eine klaustrophob-kammerspielartige Form gewählt. Im kalten Kosmos einer Autobahnraststätte, die auch Bordell ist, und einer surrealen Waldhütte, in der sich drei sinistre Frauen herumdrücken, spürt er Tendenzen von Radikalisierung nach. Schweigen: „Es wird eine Reise in den Abgrund, wieder begleitet von den sozialen Medien und wieder unter Mitarbeit des Publikums.“

Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt ist der Titel des Stücks von Miroslava Svolikova, das ab 12. Jänner gezeigt wird. Die Wienerin, sie ist Gewinnerin des Hans-Gratzer-Stipendiums, gilt, seit vergangene Saison im Burgtheater-Vestibül ihr Text „die hockenden“ uraufgeführt wurde, als Spezialistin für absurde Komik und schrill-prägnante Dialoge. Nun hat sie eine Farce verfasst, die so manche Konvention des Theaterbetriebs infrage stellt, oder wie Schweigen erklärt: „Es geht um drei Figuren, die sich ins finstere Herz der Antragsbürokratie vorwagen. Wichtige Rollen spielen Hologramme, Teesiebe und sprechender Speichel …“ Um die Inszenierung kümmert sich der junge Salzburger Regisseur Franz-Xaver Mayr.

Ihre erste Inszenierung im deutschsprachigen Raum zeigt ab 1. Februar die in Norwegen bereits gefeierte Autorin und Regisseurin Lisa Lie. Bekannt für ihre archaischen Bilder und ihre verspielt-skurrile Komödiantik, hat sie sich des Kaspar-Hauser-Mythos angenommen. In Kaspar Hauser oder Die Ausgestoßenen können jeden Augenblick angreifen! befasst sie sich frei und assoziativ mit der Frage, wie eine Gesellschaft mit dem Fremden umgeht, wie eine Mehrheit durch einen Neuankömmling ihre eigene Funktionsweise hinterfragen muss, und wie ein einzelner eben diese infrage stellt, weil er ihre Mechanismen nicht kennt.

Das junge Performance-Kollektiv FUX, bestehend aus Nele Stuhler und Falk Rößler, befasst sich im März in den Frotzler-Fragmenten mit den historischen Theaterformen des Roten Wien der 1920er-Jahre. Ihre „postmonetäre Doppelconférence“ untersucht Reformperspektiven zum zunehmend krisenanfälligen Kapitalismus. Eine Arbeiterrevue, in der Reizworte wie Sharing Economy oder bargeldlose Gesellschaft fallen werden.

Danach forschen Tomas Schweigen und Ivna Žic im April mit Blei über die umkämpfte Geschichte des Feldes von Bleiburg/Pliberk, bis heute eine Pilgerstätte des Nationalsozialismus. Schweigen: „Auf diesem Feld an der Grenze von Kärnten und Slowenien liegt immer noch Kriegsmaterial aus dem Zweiten Weltkrieg vergraben. Im Mai 1945 wollte ein Tross aus Wehrmachtssoldaten und Zivilisten nicht den Tito-Soldaten in die Hände fallen, sondern sich den Briten ergeben. Doch die Briten lehnten ab, und die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee trieb die Menschen zurück ins Landesinnere.“ Dieses Massaker von Bleiburg und die folgenden Todesmärsche würden aus den widersprüchlichsten Perspektiven betrachtet. „Uns“, so Schweigen“, geht es um das Zeigen der ideologischen Instrumentalisierung von Geschichte im Geiste des wieder erstarkenden Nationalismus.“

Imperium. Bild: © Matthias Heschl

Imperium. Bild: © Matthias Heschl

Città del Vaticano. Bild: © Matthias Heschl

Città del Vaticano. Bild: © Matthias Heschl

Zum Abschluss der Spielzeit im Mai/Juni werden schließlich Milo Rau und Robert Misik mit Agora ein Projekt über Demokratie ins Leben rufen, einen performativen Diskussionsraum schaffen, einen Ort für politischen Austausch, in dem Besucher mit Performern und Experten über aktuelle politische Fragen sprechen können. Wiederaufgenommen werden Città del Vaticano und der Publikums- und Kritikerliebling Imperium (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17877); auch die Uraufführungsrechte für Christian Krachts neuen Roman „Die Toten“, der heute erscheint, habe man sich bereits gesichert, freut sich Schweigen. „Für eine mittlere Summe im sechsstelligen Bereich.“

Das Schauspielhaus Wien ist nach wie vor mit etwa 1,5 Millionen Euro von der Stadt Wien und mit 400.000 Euro vom Bund subventioniert, reichte Rita Kelemen an Zahlen nach. Man habe vergangene Saison für 226 Vorstellungen 20.000 Karten verkauft, die Eigendeckung liegt bei 19 %. Letzter Satz: „Da weiterhin keine Indexanpassung in den öffentlichen Förderungen vorgesehen ist, bleibt die wirtschaftliche Situation des Schauspielhauses angespannt.“

www.schauspielhaus.at

Wien, 8. 9. 2016