Burgtheater: Martin Kušej präsentiert seinen Spielplan

Juni 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Frischzellenkur für die heiligen Hallen

Der neue Burgtheaterdirektor Martin Kušej im Bühnenbild der Eröffnungspremiere von „Die Bakchen“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Vorsicht ist geboten, verlangt Martin Kušej doch künftig von jedem, der einfach nur „Burg“ sagt und aufs „-theater“ verzichtet, 10 Euro. Erfrischend, dass gleich einmal eine seiner Mitarbeiterinnen das diesbezügliche Sparschwein wegen eines Verplapperers füttern wird, hocherfreulich, dass sich der designierte Burgtheaterdirektor heute Vormittag mit seiner Dramaturgie umgab, um gemeinsam seinen ersten Spielplan am Haus vorzustellen.

Nichts weniger als eine Frischzellenkur für die heiligen Hallen verspricht der neue Hausherr, der drei Säulen für die Zukunft vorstellt: Vielsprachigkeit, den Dialog mit der nächsten Generation von Theaterbesuchern und die Auseinandersetzung mit der digitalisierten Gesellschaft. Was, so Kušej, ihm gleichbedeutend sei mit einer Rückbesinnung auf den Schauspieler als Wesen aus Fleisch und Blut. Er wolle, sagt er, „markante Geschichten mit starken Darstellern erzählen und Wien zum Brennglas für Europa machen“. Um das zu gewährleisten, wurden nicht nur Regisseurinnen und Regisseure aus 13 Ländern und die meisten zum ersten Mal nach Wien eingeladen, spannende Namen, die sich mit dem politischen Klima in Osteuropa beschäftigen oder einen Island-Schwerpunkt gestalten werden, sondern auch das Schauspielpersonal aufgestockt.

Elma Stefanía Ágústsdóttir kommt aus Island, Itay Tiran aus Israel, Annamária Láng, dem österreichischen Publikum bereits bestens bekannt (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=20141) aus Ungarn. Wie schon verlautbart, übersiedelt Florian Teichtmeister von der Josefstadt auf die andere Seite des Rings, ebenso Rainer Galke vom Volkstheater. Till Firit kehrt nach Hause zurück, wie auch Birgit Minichmayr und Tobias Moretti. Aus München nimmt Kušej Bibiana Beglau, Norman Hacker, Franz Pätzold und Johannes Zirner mit. „Wir finden ganz Europa, mehr sogar, mindestens die halbe Welt, in Wien – wir wollen das Haus noch mehr öffnen, als es bisher der Fall war – das Burgtheater soll ein Ort sein, an dem sich alle Wienerinnen und Wiener und die, die es im Begriff sind gerade zu werden, wiederfinden sollen. Das Burgtheater wird ein Raum der Extreme sein – extrem kontrovers, extrem vielgestaltig, extrem dringend, extrem zeitgenössisch, extrem laut, extrem leise, extrem österreichisch, extrem international. In diesen Raum sind alle in dieser Gesellschaft eingeladen“, so Martin Kušej.

Der nebenbei verrät, dass das Ensemble der Eröffnungspremiere am Akademietheater, Wajdi Mouawads Vögel am 13. September, bereits eifrig hebräisch und arabisch lernt. Los geht es aber tags zuvor am Burgtheater mit Die Bakchen in der Regie von Ulrich Rasche, am 14. September folgt eine Kušej-Übernahme vom Residenztheater, Wer hat Angst vor Virginia Woolf, und noch drei weitere Premieren werden von dort übernommen: Faust am 27. September, Don Karlos im Oktober, Der nackte Wahnsinn im Dezember und auch als Silvestervorstellung. Neu inszenieren wird Kušej für den November Die Hermansschlacht, diese in Wien naturgemäß von Claus Peymann besetzt, weshalb Kušej zugibt, „lange Zeit gedacht zu haben, der Kleist-Stoff ist nix für mich, aber wenn man ihn ganz anders liest, passt er hervorragend in die heutige europäisch-politische Zeit.“ Das Bühnenbild wird Martin Zehetgruber besorgen.

Großer Medienrummel bei der Spielplanpräsentation auf der Burgtheaterbühne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Martin Kušej bringt vier seiner Arbeiten aus München mit und inszeniert neu „Die Hermannsschlacht“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weitere Highlights: Anne Lenk zeigt Sally Potters The Party (21. September, Burgtheater), Gesine Danckwart und Caroline Peters mit Theblondproject im Oktober im Kasino eine Produktion über die Lust und den Frust blond zu sein. Kušej setzt also auf Frauenpower, holt auch Ene Liis Semper und Tiit Ojasoo für Meister und Margarita, Mateja Koležnik für Maria Lazars Der Henker, Anne-Cécile Vandalem mit ihrem Stück Tristesses und Starregisseurin Katie Mitchell für 2020 oder Das Ende – dies die nächstjährige Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Auch gute alte Bekannte sind Teil von Kušejs Burgtheaterauftakt: Kornél Mundruczó zeigt mit Kata Wéber im November eine Tosca nach Victorien Sardou, Simon Stone Die Letzten nach Maxim Gorki, der kroatische Aufregerregisseur Oliver Frljič Heiner Müllers Die Hamletmaschine, Sebastian Nübling This Is Venice nach Shakespeares „Othello“ und „Der Kaufmann von Venedig“ und Nikolaus Habjan mit seinen Klappmaulpuppen Ladislav Fuks‘ von Franzobel für die Bühne bearbeitete Erzählung Der Leichenverbrenner.

Der designierte neue Volkstheaterdirektor Kay Voges stellt sich mit der Endzeitoper von Paul Wallfisch Dies Irae – Tag des Zorns vor

(mehr zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=33586). Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson wird seine wuchtige Edda aus Hannover in Wien zeigen und sich erneut dem Peer Gynt widmen. Ben Kidd und Bush Moukarzel von der irischen Theatertruppe Dead Centre beschäftigen sich mit Sigmund Freuds Traumdeutung. Fürs Vestibül schreibt Roland Schimmelpfennig Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin. Womit die Rede auf die jüngsten Theatergeher kommt, die künftig vom Burgtheaterstudio im Vestibül bedient werden, mit den neuen Kooperationspartnern Gleis 21 und der Brunnenpassage verstärkt aber auch in der ganzen Stadt. Das Kasino wiederum wird zum Ort der Auseinandersetzung und der Diskussion. Unter den Extras Apropos Gegenwart mit Isolde Charim und Sasha Marianna Salzmann, Der Kollektivsalon von Nazis & Goldmund oder der von Oliver Frljić und Srećko Horvat kuratierten Reihe Europamaschine findet sich ein besonderes Schmankerl: Lojze Wieser wird bei Culinaire L’Evrope für kulinarische Überraschungen mit passender Wein- und Geistbegleitung sorgen.

Befragt nach weiteren multikulturellen, mehrsprachigen Plänen wird Kušej zum Schluss noch einmal konkret: „Ich bin im Gespräch mit John Malkovich und könnte mir vorstellen, dass er am Burgtheater einen Schnitzler spielt.“

neu.burgtheater.at

  1. 6. 2019

Volkstheater: Der Spielplan der Saison 2019/20

Mai 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unterdotierung als „verquere Form der Anerkennung“

Anna Badora. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Unsere Richtung ist seit vier Jahren klar, ihr bleiben wir auch in unserer letzten Spielzeit treu.“ Nach dieser Devise präsentierte Intendantin Anna Badora heute den Spielplan 2019/20 fürs Volkstheater Wien. Insgesamt 17 Produktionen, davon acht Ur- und Erstaufführungen, vier Stückentwicklungen und ein Stadtteilprojekt in zwei Bezirken, stellte das Team Roland Koberg, Heike Müller-Merten und Constance Cauers gemeinsam mit der Theatermacherin vor, und gab sich dabei noch einmal gewohnt kämpferisch.

Dass bei einem Budget von sechzehn Millionen Euro bis dato kein Nachfolger gefunden werden konnte, ja, dass die Suche nach einem solchen sogar ausgesetzt wurde, da selbst die Findungskommission eine latente Unterdotierung des Hauses konstatierte, kommentierte Badora beispielsweise als „eine verquere Form der Anerkennung, eine indirekte Form des Komplimentes in dieser Stadt.“ Man habe von Seiten der Kulturpolitik zu wenig registiert, dass künstlerische Wagnisse Zeit brauchen, um in ihrer Qualität von einem Publikum erkannt zu werden, so Badora, die darauf Claus Peymann zitierte: „Ein ständig in die Krise geschriebenes Theater ist nicht sexy.“

Das Thema Auslastung wusste die Hausherrin, der kaufmännische Direktor Cay Stefan Urbanek hatte diesmal erst gar nicht auf dem Podium Platz genommen, gewohnt elegant zu umschiffen. Nur soviel: Man erwarte sich keine Wunder, und: Es gelte abzuwägen, wie man Erfolg definiert. Laut einer Gemeinderats-Anfragebeantwortung lag im Jahr 2018 die Besucherauslastung im Haupthaus mit 52,4 Prozent ebenso wie in den Bezirken mit 47,7 Prozent weit unter den Planzahlen. Dabei kommt wegen der geplanten Generalsanierung ab dem Jänner 2020 eine neue Kraftanstrengung aufs Volkstheater zu.

Man übersiedelt in dieser Zeit in die MuseumsQuartier-Halle E. Für die dortige Zuschauertribüne „streben wir eine Größe von 800 Plätzen an“, so Badora. Offen ist allerdings, wie viele Produktionen, die zuvor noch im Haupthaus Premiere haben werden, dort gezeigt werden können. Mit dem Einzug der Wiener Festwochen in die Halle E im April des kommenden Jahres will das Volkstheater seine Aktivitäten im Volx/Margareten ausdehnen. Auf Nachfrage warnte Badora eindringlich davor, das Volkstheater länger als unbedingt notwendig zu schließen. Der derzeitige Plan sehe die Übernahme durch die neue Direktion für Anfang Oktober 2020 vor, dabei gebe es „sechs Wochen Reserve“ sowie „Abwurfpakete, falls sich etwas als zu teuer erweist“. Das Haus ein Jahr ohne Ersatzspielstätte zu schließen, wie verschiedentlich angedacht wurde, wäre, so Badora, „absurd“ und „der Anfang vom Ende“: Damit beweise man lediglich, „dass das Theater völlig entbehrlich ist“.

Ihren Weg klarer politischer Standpunktsetzungen, der Förderung von im Besonderen Regisseurinnen, der Erschließung neuer Zuschauerkreise und der konsequenten Jugendarbeit will Anna Badora fortsetzen: „Das Volkstheater wird sich weiter einmischen.“  Dazu eröffnet sie die Spielzeit am 11. September mit ihrer Inszenierung von Heimito von Doderers Die Merowinger oder Die totale Familie in einer Bearbeitung von Franzobel (Rezension von dessen aktuellem Roman „Rechtswalzer“: www.mottingers-meinung.at/?p=32483). Bis zum Start der Generalsanierung kehren bekannte Regiekräfte auf die Hauptbühne des Volkstheaters zurück:

Robert Gerloff mit Der gute Mensch von Sezuan, der erste Brecht unter Badora, die sich an dieser Stelle das Bonmot „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen“ nicht verkneifen kann, Christina Rast mit Wer hat meinen Vater umgebracht von Édouard Louis in Verbindung mit dessen Debütroman „Das Ende von Eddy“, und Viktor Bodó mit Peer Gynt. In der Halle E beleuchten Alexander Charim mit dem Gangster-Epos Schwere Knochen von David Schalko (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) die Unterwelt Wiens und Regisseurin Christine Eder in ihrer Stückentwicklung Schuld & Söhne (AT) den Kampf der Geschlechter. Eva Jantschitsch ist beim satirischen Musiktheater wieder mit dabei.

Roland Koberg, Heike Müller-Merten, Anna Badora und Constance Cauers. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

150 Seiten: Ein volles Programm für die Spielzeit 2019/20 Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

An körperliche Grenzen gehen die Protagonisten im Tanzmarathondrama Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss in der Regie von Miloš Lolić, der in seiner fünften Arbeit am Haus auch die ungewisse Zukunft des Hauses ansprechen will, und in den Uraufführungen im Volx/Margareten: Armin Petras beschäftigt sich in Körper-Krieg, nach den von Ines Geipel im Sachbuch „Verlorene Spiele“ aufgezeichneten Fallbeispielen misshandelter minderjähriger Sportlerinnen, mit der zerstörerischen Kraft des Dopings, die Ausnahme-Choreografin und Performerin Florentina Holzinger begibt sich mit Wir Hungerkünstler/innen (AT) auf die Spuren einer lebensgefährlichen, oft betrügerischen Attraktion des frühen 20. Jahrhunderts in den Wiener Caféhäusern. Ein weiteres Phänomen dieser Zeit beleuchtet Nestroypreisträgerin Sara Ostertag in Haummas net sche?, und nimmt das Publikum anhand der Texte von Christine Nöstlinger mit auf eine Reise durch die Geschichte des Wiener Gemeindebaus.

Felix Hafner inszeniert Franz Kafkas In der Strafkolonie als Fanal „gegen die von der Politik geforderte Verschärfung der Justiz“, Bérénice Hebenstreit den Goethe-Jelinek’schen Urfaust / FaustIn and out. Zusätzlich finden ab Jänner die beliebten Formate Trojanow trifft. und Volkstheatergespräche mit Corinna Milborn sowie das Late-Night-Format Nachtvolx des Ensembles nach der sanierungsbedingten Schließung des Haupthauses ebenfalls im Volx/Margareten statt. Badora: „Bühnenbildner Ivan Bazak wird für das Volx ein neues Raumkonzept entwickeln, so dass dort ein Zentrum für Wiener ,Nachtschattengewächse‘ entstehen kann.“ Als erweitertes Programm verspricht sie Diskussionen bis Tanzperformances, „Sonntagsreden“ und einen sinnsuchenden „Utopien-Stammtisch“ für Städtebewohner.

Der Spielplan der Bezirke-Tournee – die in ihr 65. Jahr und ins 15. unter der Leitung von Doris Weiner geht – ist von Komödie bis Melodram breit gefächert: Zu sehen sind Die Reißleine von David Lindsay-Abaire mit Doris Weiner und Erika Mottl, die den erbitterten Kampf zweier Frauen um den Platz an der Sonne, heißt im Seniorenheim: um das Bett am Fenster austragen, Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran mit Michael Abendroth, Weh dem, der lügt! und Warten auf Godot wie immer in 19 Spielstätten entlang der Route durch 15 Wiener Gemeindebezirke.

www.volkstheater.at

8. 5. 2019

Volkstheater: Der Spielplan der Saison 2017/18

Mai 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hafner macht „Höllenangst“, Kimmig kommt

Spielplankonferenz 2017/18: Anna Badora. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Insgesamt 18 Produktionen in der dritten Spielzeit der künstlerischen Direktorin Anna Badora am Volkstheater fragen danach, was eine Welt im Umbruch mit den Menschen macht. Neben Klassikern stehen vier Uraufführungen, drei österreichische und zwei deutschsprachige Erstaufführungen auf dem Programm und alle miteinander suchen sie nach Wegen, in der Krise Antworten und eine (neue) Haltung zu finden.

Veränderungen gibt es auch im Ensemble des Volkstheaters, in dem gleich drei aus Österreich stammende Neuzugänge zu begrüßen sind: Isabella Knöll kommt frisch von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Peter Fasching, zuletzt Ensemblemitglied am Theater Bremen, hat sich dem Wiener Theaterpublikum bereits mit Dušan David Pařízeks bei den Festwochen 2015 gezeigten Inszenierung „Kauza Schwejk / Der Fall Švejk“ präsentiert. Auch Sebastian Pass, der zuletzt am Staatsschauspiel Dresden engagiert war, ist kein Unbekannter: In der Spielzeit 2015/16 war er in Susanne Lietzows Inszenierung von Johann Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ bereits als Gast am Volkstheater zu sehen.

Neben Regisseuren wie Nikolaus Habjan, Yael Ronen, Christine Eder, Felix Hafner, Miloš Lolić, Ingo Berk oder Holle Münster, die dem Volkstheater-Publikum bereits aus den vergangenen beiden Spielzeiten bekannt sind, stellen sich in der Saison 2017/18 auch weitere spannende, internationale Künstler wie Hermann Schmidt-Rahmer, Stephan Kimmig oder Pınar Karabulut vor.

Sebastian Schug, der in der letzten Spielzeit erfolgreich Robert Seethalers „Der Trafikant“ auf die Bühnen des Volkstheater/Bezirke brachte, inszeniert mit William Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ erstmals auf der großen Bühne, in der mittlerweile gut etablierten Nebenspielstätte Volx/Margareten gibt dafür mit Paul Spittler ein Regieassistent des Volkstheaters sein Debüt als Regisseur.

Die Saison eröffnet am 8. September Volkstheater-Intendantin Anna Badora mit Iphigenie in Aulis | Occident Express: Sie verknüpft darin den antiken Mythos mit der österreichischen Erstaufführung des zeitgenössischen Dramentextes aus der Feder des italienischen Autors Stefano Massini und sucht nach Möglichkeiten, mit den Mitteln des Theaters etwas so ungeheuerliches wie eine Fluchtgeschichte zu erzählen. Am 23. September hat, ebenfalls am Haupthaus, Felix Hafners Inszenierung von Nestroys Höllenangst Premiere. Der Steirer, der in der Saison 2016/17 mit Molières „Der Menschenfeind“ sein Debüt am großen Haus feierte und (noch als Max-Reinhardt-Seminarist) am Volx/Margareten die österreichische Erstaufführung von Thomas Köcks „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ realisierte, untersucht anhand Nestroys dunkler Komödie die Mechanismen eines Machtgefüges, das durcheinander gerät.

Das Volx/Margareten eröffnet am 30. September Paul Spittler mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Alexandra Badeas Extremophil, in der sich drei vermeintliche Gewinnertypen die Frage stellen müssen: Lebe ich wirklich das Leben, das ich leben will? Diese Frage gar nicht erst zu stellen braucht sich die Protagonistin in Clemens J. Setz’ Vereinte Nationen, das am 13. Oktober Premiere im Volx/Margareten hat: Die siebenjährige Martina wird von ihren eigenen Eltern in einer Art privatem Dschungelcamp gehalten. Holle Münster, die in der Saison 2016/17 „Hose Fahrrad Frau“ zur Uraufführung brachte, widmet sich dem brandaktuellen Text, der zu den Mülheimer Theatertagen Stücke 2017 eingeladen war.

Am Haupthaus präsentiert Nikolaus Habjan eine musikalische Uraufführung (Premiere 11. Oktober): Wien ohne Wiener heißt der Georg-Kreisler-Liederabend, den er gemeinsam mit der Musicbanda Franui erarbeitet. Einem Prototyp des dystopischen Romans widmet sich die folgende Inszenierung: Hermann Schmidt-Rahmer gibt mit George Orwells 1984 sein Debüt am Volkstheater (Premiere 17. November). Und auch Stephan Kimmig widmet sich in seiner ersten Arbeit am Volkstheater einem Stoff, der sich mit (Lebens-)Regeln und deren Einhaltung beschäftigt: Die Zehn Gebote nach den Filmen von Krzysztof Kieslowski (Premiere 15. Dezember). Yael Ronen macht sich in der Folge auf, die allgegenwärtigen Zeichen des Untergangs nicht nur zu lesen, sondern umzudrehen – um im besten Fall sogar darüber zu lachen. Das wie immer gemeinsam mit dem Ensemble erarbeitete neue Stück #FröhlicheApokalypse (AT) hat am 19. Jänner Uraufführung. Eine etwas ältere Version des Verwirrspiels zwischen Sein und Schein, Wahrheit und Lüge zeigt Sebastian Schug: William Shakespeares Klassiker Viel Lärm um nichts (Premiere 2. März).

Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Mai 2018 starten die Bauarbeiten für die dringend notwendige Generalsanierung des Volkstheaters. Während das Haus sich in eine Großbaustelle verwandelt, geht der Spielbetrieb nicht nur im Volkstheater/Bezirke und im Volx/Margareten, sondern auch in der Ausweichspielstätte Odeon in der Taborstraße weiter: Dort hat am 4. Mai David Bowies und Enda Walshs Musical Lazarus österreichische Erstaufführung: Schauspieler des Volkstheater-Ensembles singen und spielen in der Regie des serbischen Regisseurs Miloš Lolić.

Im Volx/Margareten präsentiert am 5. Jänner die 1987 geborene Regisseurin Pınar Karabulut, die bereits am Schauspiel Köln Erfolge feierte, ihr erstes Projekt am Volkstheater Wien. Darauf folgt am 16. Februar die deutschsprachige Erstaufführung von Concord Floral: Anhand des Textes des 1988 geborenen Kanadiers Jordan Tannahill untersucht Regisseur Simon Windisch gemeinsam mit zehn Wiener Jugendlichen deren Lebenswirklichkeit. Der Zukunft widmet sich dagegen Multimedia-Künstler Georg Hobmeier: In seiner spekulativen Simulation Vienna – All Tomorrows entsteht die Landkarte eines zukünftigen Wiens. Uraufführung ist im Mai. Ebenfalls mit Wien setzt sich das Stadtprojekt des Jungen Volkstheaters Wien 5 – Die Kunst der Nachbarschaft auseinander. Vereine, Initiativen, Schulklassen und Einzelpersonen aus dem fünften Wiener Gemeindebezirk werden eingeladen, gemeinsam die Kunst der Nachbarschaft zu (er-)finden, Premiere ist im Mai 2018.

Das Volkstheater/Bezirke startet am 22. September mit Ernest Thompsons Das Haus am See (On Golden Pond) in die neue Spielzeit, wie bereits bei „Mittelschichtblues“ in der vergangenen Saison führt Ingo Berk Regie. Christine Eder, die sich in der Saison 2016/17 in der Stückentwicklung „Alles Walzer, alles brennt“ mit den Wiener Kämpfern für Demokratie zwischen Kaiserreich und Februar 1934 auseinandersetze, widmet sich nun einem Wiener Vorstadt-Rächer: Am 24. November hat ihre Inszenierung von Jura Soyfers Der Lechner Edi schaut ins Paradies Premiere. Ihr Debüt am Volkstheater/Bezirke gibt Aurelina Bücher: Sie zeigt in österreichischer Erstaufführung die Beziehungskomödie Anderthalb Stunden zu spät von Gérald Sibleyras (Premiere 2. Februar). Zum Abschluss gibt es schließlich eine neue Inszenierung von Volkstheater-Ensemblemitglied Lukas Holzhausen: Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti hat am 22. April Premiere.

Im Rahmen der jährlich gemeinsam mit dem Österreichischen Parlament veranstalteten Gedenkmatineen zu den Novemberpogromen 1938 wird am 9. November erstmals in Österreich Strandflieder oder Die Euphorie des Seins der ungarischen Gruppe „The Symptoms“ gezeigt: Die Auschwitz-Überlebende Éva Fahidi tanzt hierzu gemeinsam mit einer jungen Frau.

www.volkstheater.at

Wien, 12. 5. 2017

Schauspielhaus Wien: Die Pläne für die Saison 2016/17

September 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kubin, Kudlich, Kaspar Hauser

Tomas Schweigen (M.) mit Rita Kelemen und Tobias Schuster. Bild: Schauspielhaus Wien

Tomas Schweigen (M.) mit Rita Kelemen und Tobias Schuster. Bild: Schauspielhaus Wien

Tomas Schweigen ist zufrieden. Man hätte ihn nämlich mehrmals gewarnt vor dem steinigen Weg, den er bereit sei zu beschreiten, sagt er. En-Suite-Spielen in Wien, damit sei kein Publikum zu gewinnen. Doch Schweigen hat. Hat seine erste Spielzeit als künstlerischer Leiter des Schauspielhaus Wien mit einer Auslastung von 83 % abgeschlossen.

Und, noch bemerkenswerter, mittels einer Besucherbefragung festgemacht, dass sich dabei der Anteil der Zuschauer unter 30 Jahren auf etwa 50 % erhöhte. Kein Grund also, den steinigen Weg zu verlassen, auch in dieser Saison bleibt das Haus ein „Autoren- und Entdeckertheater“, setzt Schweigen sowohl auf die Zusammenarbeit mit österreichischen Künstlern als auch auf eine weitere Internationalisierung seiner Spielstätte. Man sehe sich als Ensembletheater, das die gesellschaftlichen und politischen Themen der Zeit mit aufregenden Regiehandschriften beschreiben will, so Schweigen. Als da wären: Werte und andere Utopien und die Sehnsucht danach. Dies die Eckpunkte, die Tomas Schweigen Mittwochabend bei der Spielplanpräsentation für die Saison 2016/17 gemeinsam mit seinem leitenden Dramaturgen Tobias Schuster und seiner kaufmännischen Leiterin Rita Kelemen vorstellte.

Die Eröffnungspremiere am 29. September verantwortet er als Regisseur selbst. Traum Perle Tod! heißt die Produktion auf Grundlage der fantastischen Fabel „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, ein surrealistischer Schlüsselroman und „gespenstisch aktuell“. In Schweigens Händen wird die Geschichte des Multimillionärs Claus Patera und seines im ewigen Dämmerlicht liegenden Albtraumreichs Perle natürlich keine klassische Romanadaption, der Theatermacher verspricht ein „spezielles Bühnenerlebnis in einer sehr speziellen Bühnensituation, wie es sie, so hat man mir versichert, in Wien noch nie, oder zumindest schon lange nicht mehr, gegeben hat.“

Die folgende Produktion Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht, Premiere ist am 25. November, ist nach dem Stadtspaziergang „Strotter“ eine erneute Zusammenarbeit mit Autor Thomas Köck. Der Oberösterreicher, mittlerweile zu einer der wichtigsten Stimmen der heimischen zeitgenössischen Dramatik avanciert und für seinen Text bereits mit dem Preis der Österreichischen Theaterallianz ausgezeichnet (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=17739), verhandelt entlang der Biografie des Bauernbefreiers Hans Kudlich Fragen zur Ausbeutung durch andere und zur kapitalistischen Selbstausbeutung. Schweigen: „Es wird ein Parforceritt durch die Restaurationszeit und durchs heutige Dienstleistungsproletariat, es treten Figuren von Georg Büchner bis Andreas Gabalier auf, es wird saftig und humorvoll.“ Die kunstvolle kleistige Klassiksprache wird Regisseur Marco Štorman auf die Bühne heben.

Am 1. Dezember wird der schwedische Installationskünstler Thomas Bo Nilsson mit seinem Team ans Schauspielhaus zurückkehren. Nach seiner 504-Stunden-Installation „Cellar Door“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18916), bei der er das gesamte Theater in ein gespenstisches Dorf samt seiner skurrilen Bewohner verwandelte, hat er nun für sein begehbares Beziehungsgemälde JINXXX eine klaustrophob-kammerspielartige Form gewählt. Im kalten Kosmos einer Autobahnraststätte, die auch Bordell ist, und einer surrealen Waldhütte, in der sich drei sinistre Frauen herumdrücken, spürt er Tendenzen von Radikalisierung nach. Schweigen: „Es wird eine Reise in den Abgrund, wieder begleitet von den sozialen Medien und wieder unter Mitarbeit des Publikums.“

Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt ist der Titel des Stücks von Miroslava Svolikova, das ab 12. Jänner gezeigt wird. Die Wienerin, sie ist Gewinnerin des Hans-Gratzer-Stipendiums, gilt, seit vergangene Saison im Burgtheater-Vestibül ihr Text „die hockenden“ uraufgeführt wurde, als Spezialistin für absurde Komik und schrill-prägnante Dialoge. Nun hat sie eine Farce verfasst, die so manche Konvention des Theaterbetriebs infrage stellt, oder wie Schweigen erklärt: „Es geht um drei Figuren, die sich ins finstere Herz der Antragsbürokratie vorwagen. Wichtige Rollen spielen Hologramme, Teesiebe und sprechender Speichel …“ Um die Inszenierung kümmert sich der junge Salzburger Regisseur Franz-Xaver Mayr.

Ihre erste Inszenierung im deutschsprachigen Raum zeigt ab 1. Februar die in Norwegen bereits gefeierte Autorin und Regisseurin Lisa Lie. Bekannt für ihre archaischen Bilder und ihre verspielt-skurrile Komödiantik, hat sie sich des Kaspar-Hauser-Mythos angenommen. In Kaspar Hauser oder Die Ausgestoßenen können jeden Augenblick angreifen! befasst sie sich frei und assoziativ mit der Frage, wie eine Gesellschaft mit dem Fremden umgeht, wie eine Mehrheit durch einen Neuankömmling ihre eigene Funktionsweise hinterfragen muss, und wie ein einzelner eben diese infrage stellt, weil er ihre Mechanismen nicht kennt.

Das junge Performance-Kollektiv FUX, bestehend aus Nele Stuhler und Falk Rößler, befasst sich im März in den Frotzler-Fragmenten mit den historischen Theaterformen des Roten Wien der 1920er-Jahre. Ihre „postmonetäre Doppelconférence“ untersucht Reformperspektiven zum zunehmend krisenanfälligen Kapitalismus. Eine Arbeiterrevue, in der Reizworte wie Sharing Economy oder bargeldlose Gesellschaft fallen werden.

Danach forschen Tomas Schweigen und Ivna Žic im April mit Blei über die umkämpfte Geschichte des Feldes von Bleiburg/Pliberk, bis heute eine Pilgerstätte des Nationalsozialismus. Schweigen: „Auf diesem Feld an der Grenze von Kärnten und Slowenien liegt immer noch Kriegsmaterial aus dem Zweiten Weltkrieg vergraben. Im Mai 1945 wollte ein Tross aus Wehrmachtssoldaten und Zivilisten nicht den Tito-Soldaten in die Hände fallen, sondern sich den Briten ergeben. Doch die Briten lehnten ab, und die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee trieb die Menschen zurück ins Landesinnere.“ Dieses Massaker von Bleiburg und die folgenden Todesmärsche würden aus den widersprüchlichsten Perspektiven betrachtet. „Uns“, so Schweigen“, geht es um das Zeigen der ideologischen Instrumentalisierung von Geschichte im Geiste des wieder erstarkenden Nationalismus.“

Imperium. Bild: © Matthias Heschl

Imperium. Bild: © Matthias Heschl

Città del Vaticano. Bild: © Matthias Heschl

Città del Vaticano. Bild: © Matthias Heschl

Zum Abschluss der Spielzeit im Mai/Juni werden schließlich Milo Rau und Robert Misik mit Agora ein Projekt über Demokratie ins Leben rufen, einen performativen Diskussionsraum schaffen, einen Ort für politischen Austausch, in dem Besucher mit Performern und Experten über aktuelle politische Fragen sprechen können. Wiederaufgenommen werden Città del Vaticano und der Publikums- und Kritikerliebling Imperium (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17877); auch die Uraufführungsrechte für Christian Krachts neuen Roman „Die Toten“, der heute erscheint, habe man sich bereits gesichert, freut sich Schweigen. „Für eine mittlere Summe im sechsstelligen Bereich.“

Das Schauspielhaus Wien ist nach wie vor mit etwa 1,5 Millionen Euro von der Stadt Wien und mit 400.000 Euro vom Bund subventioniert, reichte Rita Kelemen an Zahlen nach. Man habe vergangene Saison für 226 Vorstellungen 20.000 Karten verkauft, die Eigendeckung liegt bei 19 %. Letzter Satz: „Da weiterhin keine Indexanpassung in den öffentlichen Förderungen vorgesehen ist, bleibt die wirtschaftliche Situation des Schauspielhauses angespannt.“

www.schauspielhaus.at

Wien, 8. 9. 2016

Landestheater NÖ: Marie Rötzer im Gespräch

September 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Intendantin über ihre Pläne für das Haus

Marie Rötzer ist die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Marie Rötzer ist beginnend mit dieser Saison die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Am 16. September startet das Landestheater Niederösterreich unter neuer Leitung in die neue Saison. Marie Rötzer hat die Intendanz des Hauses in St. Pölten übernommen und große Pläne. Ein Gespräch über die ersten Premieren, das junge Ensemble – und wie Rötzer das Theater zum Publikum bringen will:

MM: Warum Theater?

Marie Rötzer: Das hat mit der großen Liebe zur Literatur begonnen. Aber erst am Theater wird der Text lebendig. Am Theater haben wir es mit Menschen zu tun. Theater ist hautnah, ein Live-Erlebnis, ein Gemeinschaftserlebnis. Die Geschichte wird durch den Schauspieler greifbar gemacht. Die Darstellung des Menschen, des Menschseins, das finde ich am Theater als Kunstform am faszinierendsten.

MM: Was muss Theater für Sie können? Glauben Sie an Theater als moralische Anstalt?

Rötzer: Für mich ist Theater ganz klar eine politische Kunstform, mit den verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten dessen, was politische Kunst sein kann und soll. Ich glaube, dass man als ein anderer Mensch aus dem Theater hinausgeht, als man hineingegangen ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Theater den Menschen verändern kann, ihn zu einem besseren Menschen machen kann.

MM: Da Sie von verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten sprechen, welchen Stempel wollen Sie dem Landestheater Niederösterreich aufdrücken? Wie wird Ihre Handschrift sein?

Rötzer: Mir ist sehr daran gelegen, dass wir erneut eine Humanismus-Debatte entfachen, dass wir ganz konkret über Werte nachdenken, über Werte der Aufklärung, Toleranz, Freiheit, Meinungsfreiheit, da möchte ich ganz klar auf heutige Geschehnisse eingehen. Wir leben in einer sehr turbulenten, schwierigen Zeit, einer Umbruchszeit, in der sich in Europa neue Situationen darstellen. Darauf möchte ich mit dem Theater auf jeden Fall reagieren. Auch in dem Sinn, dass man am Theater wie in einer Laborsituation über unterschiedlichste Dinge nachdenken kann. Mein Schlagwort dafür ist „Denk- und Spielraum ohne Grenzen“. Im Kopf und im Herzen. Ich denke nicht, dass wir uns in einem europäischen Schrebergarten einigeln können. Wir müssen uns weiter öffnen.

MM: In diesem Sinne lautet auch Ihr erstes Spielzeitmotto „Die Welt ist groß“?

Rötzer: Richtig. Das hat damit zu tun, dass ich denke, dass uns die Offenheit nur bereichern kann. Auch, wenn viele Fragen ungeklärt sind und man nicht auf alles Antworten geben kann, muss man die Angst überwinden. Wir können einander Geschichten erzählen, die erklären, wie eine Welt ohne Grenzen aussehen könnte. Am Theater kann man die Welt darstellen, nicht wie sie ist, sondern wie sie sein könnte. Man kann über Visionen, Utopien nachdenke.

MM: Sie waren in Ihren beruflichen Anfängen schon einmal am Landestheater, in der Dramaturgie. Ist das jetzt eine Art Heimkommen?

Rötzer: Ich habe während meines Studiums zwei Spielzeiten hier gearbeitet, damals hieß das Haus noch Stadttheater und war ein Vierspartenbetrieb, mittlerweile ist alles auf das Schauspiel fokussiert. Das Haus hat sich sehr verändert, aber ich finde die neue Struktur für mich sehr passend, weil ich ja ursprünglich Schauspieldramaturgin bin.

MM: Diesen wird mitunter angelastet, dass sie für ein kopflastiges Theater stünden.

Rötzer: Kopflastig ist ja nicht unbedingt negativ, sagen wir doch kopfbefreiend oder kopfluftig. Auf jeden Fall geht es mir darum, dass wir über uns selber nachdenken sollten. Was heißt Menschsein? Warum sind wir hier? Was hebt uns übers Normale hinaus? Theater hat die Möglichkeit, dies alles sehr lustvoll zu überlegen, sinnlich zu sein. Ich finde es schön, wenn man am Theater lachen kann, wenn man sich gut unterhält, aber auch, wenn unterschiedlichste Kunstdisziplinen gezeigt werden, wenn Musik, Lichtdramaturgie, Video und anderem gearbeitet wird. Und natürlich mit der Körperlichkeit der Schauspieler.

MM: Wenn wir nun schon bei Ästhetiken sind: Warum haben Sie das Haus violett gebrandet? Eine aufregende Farbe …

Rötzer: Wir wollten unseren Neustart mit einer prägnanten Farbe kenntlich machen. Violett hat sehr schöne Assoziationen, es steht für Spiritualität, Frieden, Schönheit. Das sind alles Dinge, die gut mit dem Theater in Einklang zu bringen sind.

MM: Lassen Sie uns über die Dinge sprechen, die neu werden. Erstens: das Ensemble.

Rötzer: Als künstlerische Leiterin wollte ich natürlich Menschen mitbringen, mit denen ich schon gearbeitet habe und die ich gut kenne. Außerdem wollten sich viele, die hier waren, verändern. Ich habe ein Drittel des bisherigen Ensembles übernommen, Michael Scherff, Lukas Spisser, Helmut Wiesinger und Othmar Schratt. Dazu kommen nun unter anderem Kollegen von Graz bis Mainz. Katharina Knap kommt aus Stuttgart, sie wurde von Theater heute 2014 zur besten Nachwuchsschauspielerin gewählt. Bettina Kerl kommt aus Düsseldorf, die kennt man, weil sie schon bei Andreas Beck am Schauspielhaus Wien gearbeitet hat. Tim Breyvogel, der in der Wiener Off-Szene sehr bekannt ist, kommt zu uns; er war zuletzt im Werk X in der „Proleten Passion 2015ff.“ zu sehen. Und dann Stanislaus Dick, ein Abgänger vom Konservatorium Wien, der für mich ein Phänomen ist, weil er mehrere Instrumente spielt. Wie überhaupt das Ensemble mit Musik sehr vertraut ist, singen kann und ein gutes Rhythmusgefühl. Außerdem haben wir noch Tobias Artner, Vidina Popov und Zeynep Bozbay, drei Mozarteum-Absolventen engagiert.

MM: Und Sie bringen Johannes Silberschneider, der mir noch in Graz gesagt hat, niemals, niemals nach Wien.

Rötzer: Jaha (sie lacht). Es macht ihm Spaß bei uns, er ist gerade mitten in den Proben mit Sandy Lopičić. Johannes Silberschneider ist ein wunderbarer Schauspieler.

Erste Premiere: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Erste Premiere: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: "Das goldene Vlies" mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: „Das goldene Vlies“ mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

MM: Womit wir bei der ersten Produktion sind: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Bestseller-Roman von Ilija Trojanow, Premiere am 16. September. Siehe Spielzeitmotto: Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Rötzer: Für mich ist Ilija Trojanow einer der Schriftsteller, der ganz explizit auch ein politischer Autor ist, der auch Texte und Essays über politische Themen verfasst. In seinen Romanen geht es immer um die Vielfalt der Welt, da gibt es ein großartiges Zitat, in dem er sagt, wie in der Natur die Vielfalt zur Entwicklung notwendig ist, so auch in der Gesellschaft. Diese Neugier auf fremde Kulturen, auf Menschen, die aus anderen Zusammenhängen kommen, diese Begegnung zwischen dem anderen und dem eigenen, das ist für ihn ein dramaturgischer Faden. Und das alles findet auch in „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ statt.

MM: Worum geht’s?

Rötzer: Um eine Fluchtgeschichte, die auch biografisch ist. Er erzählt sehr fantasievoll die Flucht, die er gemeinsam mit seinen Eltern aus dem kommunistischen System Bulgariens in den Westen geschafft hat, und erzählt aber auch sehr schonungslos von einer Desillusionierung. Dieser Traum, den man von einem besseren Leben geträumt hat, erfüllt sich für sein Alter Ego erstmal nicht, doch dann greift für ihn die Kraft der Poesie, indem er diesem Jugendlichen einen Paten aus dem fernen Bulgarien schickt – und so machen sich die beiden auf die ganze Welt zu erobern. Auf dieser Reise emanzipiert sich dieser Junge und merkt, wie bunt und aufregend das Leben sein kann. Er verliert Ängste und Depressionen, die er vorher hatte, er reist zu seinen Wurzeln und darüber findet er seine Identität. Mit einem Wort, ein modernes Märchen.

MM: Und eine schöne erste Gelegenheit, für einen Großteil des neuen Ensembles, sich dem Publikum vorzustellen.

Rötzer: Da es die Welt repräsentiert, ja, zwei Drittel des Ensembles sind in dieser Produktion und eben Johannes Silberschneider. Außerdem sind vier Musiker auf der Bühne, die Strottern, Matthias Loibner, der Drehleierspieler, und Maria Petrova, eine bulgarische Percussionistin, weil jede Station anders musikalisch erzählt werden wird.

MM: Trojanow wohnt ja in Wien. War er schon schauen?

Rötzer: Noch nicht, aber er wird auf jeden Fall zur Premiere kommen.

MM: Worauf freuen Sie sich sonst noch?

Rötzer: Jedes Projekt dieser Spielzeit ist für mich ein Herzensanliegen. Wir haben zwei Themenbereiche, die bereits angesprochene Achse Heimat und Fremde; der zweite Teil ist ein Nachdenken über Utopien, alternative Lebensformen, das Sichüberlebthaben des Kapitalismus, und da gibt es zwei besondere Produktionen: Shakespeares „Wie es euch gefällt“, bei der Regisseur Gottfried Breitfuß die in den Wald verbannte Hofgesellschaft als eine Art Hippiekommune zeigen wird, der es um die Freiheit der Liebe und der Rede geht, um eine emanzipierte Gesellschaft ohne Druck und Repressalien. Die andere wird in der Theaterwerkstatt sein, für die Dramaturgin Julia Engelmayer eine Idee darüber entwickelt hat, wie Leben auch anders funktionieren kann.

MM: Und wird heißen?

Rötzer: Sie heißt „Utopia“ und ist eine Anlehnung an das Werk von Thomas Morus, der bereits im 16. Jahrhundert über Werte wie Gleichheit der Menschen gearbeitet hat. Das wird die Grundlage für ein Projekt, mit dem wir aus dem Landestheater nach Niederösterreich hinausgehen wollen, das Theater sozusagen direkt zu den Menschen bringen wollen. Wir wollen vor Ort mit Menschen Interviews machen, die schon nach den Gedanken Thomas Morus‘ leben und dies in das Stück einfließen lassen. Es geht mir sehr darum, dass wir aus dem Theater treten, den Menschen entgegengehen, die Schwellenangst nehmen … Damit die Menschen nicht immer zu uns kommen müssen, sondern wir auch zu den Menschen gehen. Wir sind ein Teil von Niederösterreich und wollen die Niederösterreicher mit unserem Theatervirus begeistern.

MM: Dies gedacht als Maßnahmen, um ein neues, ein junges Publikum zum Theater zu holen?

Rötzer: Genau. Meine Vorstellung ist schon, dass sich Theater nicht nur hinter Mauern versteckt, sondern mitten im Leben stattfinden muss. Wir wollen mit einem möglichst großen Publikum in Kontakt kommen. Wir wollen Theater für alle machen.

MM: Das Landestheater Niederösterreich hat ja bereits eine große Tradition bei Publikumsbeteiligungsformaten. Nun führen Sie zwei neue ein: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ und „Außer der Reihe“. Was wird das sein?

Rötzer: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ entspricht dem Gedanken, den ich eingangs erwähnt habe, nämlich dass Theater eine Form des Dialogs ist. Wir laden die Menschen ein, über ihre Themen, Sorgen und Nöte zu sprechen, und dazu bitten wir „Fachleute“, Philosophen bis Politiker, ihre Haltung zu vertreten. „Außer der Reihe“ werden Monologe, Liederabende, Kabarettistisches …, die wir in Kaffeehäusern, Wirtshäusern, Wohnzimmern zeigen wollen.

MM: Sie machen alle Schubladen auf: Landestheater goes Off.

Rötzer: Landestheater goes on and goes outside. Ja, das sind alles ambitionierte Pläne, wir werden sehen, wie sich das alles wird umsetzen lassen. Aber Theater ist ja work in progress, wir wollen experimentieren und die Menschen auf diesen Weg mitnehmen.

MM: Erfolgsdruck, oder: wann wird für Sie Erfolg sein?

Rötzer: Natürlich wünsche ich mir, dass gleich unsere erste Premiere gut angenommen werden wird. Es kann nur miteinander gehen, ich kann nur ermöglichen und helfen, das sehe ich als meine Aufgabe als Intendantin.

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=20180

www.landestheater.net

Wien, 5. 9. 2016