Theater der Jugend: Krieg der Welten

Juni 2, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Garten Erde schmarotzt der Parasit Mensch

Rette sich, wer kann, die Aliens rücken an: Maria Astl, Uwe Achilles, Johanna Hainz, Enrico Riethmüller, Soffi Povo und Valentin Späth. Bild: © Rita Newman/TDJ

„Der Krieg der Welten“ ist als 1898 veröffentlichte Dystopie von H. G. Wells ein Klassiker der Sci-Fi-Literatur. Legendär auch das Hörspiel von Orson Welles, die fiktive Reportage über den Alien-Angriff, der zu Halloween 1938 eine Massenpanik und die höchst zeitgemäße Frage nach der Medien Kompetenz und Verantwortung auslöste. Verfilmungen gibt’s en masse, Stephen Spielberg mit Tom Cruise, Roland Emmerichs Wells-Hommage „Independence Day“, die Satire

„Mars Attacks!“ von Tim Burton … Mark Slee machte aus dem Stoff eine Mockumentary, die einen Angriff von Marsianern nach Wells‘schem Vorbild als Alternativszenario zum Ersten Weltkrieg entwarf. Nun also eine Uraufführung im Theater der Jugend. Regisseur Jethro Compton hat entlang der Vorlage eine neue Bühnenfassung erarbeitet, übersetzt von Birgit Kovacsevich, in der die Außerirdischen nicht mehr landen, um Ressourcen zu plündern, sondern um diese zu bewahren. Das erfährt man am Ende dieser Aufführung, die die großen Themen dieser Tage auf einwandfreie Weise zu verbinden weiß.

Von der Flüchtlings- zur Klima- zur Regierungskrise, von Entsolidarisierung zu Individualisierung zu Ignoranz, Covid-19, die pandemische Plage. Der weltberühmte Roman, entstanden als kraftvolle Metapher über die britische Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts, ist in Zeiten globaler Katastrophen, die der Kooperation der gesamten Menschheit über alle ideologischen Gräben hinweg bedürfen, von erschreckender Aktualität, stellt Wells doch darin die nicht enden wollende Selbstgefälligkeit menschlichen Handelns einer unumstößlichen Wahrheit gegenüber: Hybris kommt vor dem Fall.

Beim britischen Theatermacher Compton sind es nun drei Teenagerinnen im dritten Wiener Bezirk, die mit der Invasion aus dem All konfrontiert werden: Johanna Hainz spielt eine Art Fridays-For-Future-Aktivistin, Julia, die von der Sorge um den ökologischen Fußabdruck ihrer Vielflieger-Mutter umgetrieben wird. In die Fußstapfen ihres xenophoben Vaters tritt Maria Astl als Laura, an der der Text großartig die ererbten Vorurteile samt deren Widersprüchlichkeiten durchdekliniert: „Die Ausländer sind allesamt arbeitsscheue Sozialschmarotzer“ vs. „Die Ausländer nehmen uns Österreichern die Arbeitsplätze weg“.

Enrico Riethmüller, Soffi Povo und Maria Astl. Bild: © Rita Newman/TDJ

Uwe Achilles als Orchideenzüchter. Bild: © Rita Newman/TDJ

Maria Astl, Soffi Povo und Johanna Hainz. Bild: © Rita Newman/TDJ

Kein Wunder, dass die Wutbürgerstochter in Streit mit der von Soffi Povo dargestellten Amira gerät, ein muslimisches Mädchen, das von den Eltern aus einem Kriegsgebiet auf die lange Reise ins sichere Europa geschickt wurde. Amira mit ihrer Flucht- und Kriegserfahrung, so wird man noch sehen, ist einerseits traumatisiert, aber andererseits eine, die sich bedrohlichen Situationen auszusetzen, zu widersetzen weiß. Enrico Riethmüller, Valentin Späth und Uwe Achilles bestreiten alle weiteren Rollen, Soldat und Schuldirektorin, einen Botaniker, den geheimnisvollen Adam, Fernseh- und Radioreporter, NASA-Wissenschaftler, vor allem auch als Wells-Welles’sche Erzähler …

Es kommt zum Angriff, den Laura sofort als einen islamischen deklariert. Der Stephansdom wird zerstört, und ganz fabelhaft ist, wie die auf der Bühne natürlich „unsichtbare“ Gefahr mittels Licht- und Soundeffekten, „Stimmen“ wie griechisch-migrantenfeindliche Schallkanonen, dem Publikum durch Mark und Bein fährt – Bühne: Diana Zimmerman, Licht: Lukas Kaltenbäck, Musik: Jonny Sims, Kostüme: Andrea Bernd. Dass die Marsianer die Menschen via der GPS-Systeme ihrer Smartphones ausmachen, um sie alsdann auszuradieren, die Protagonistinnen die ihren aber dennoch nicht von sich schmeißen, macht einen fast lachen. Es gibt in der Pause keinen unter Dreißig, der nicht am Mobilgerät daddelt. Generation Handy, halt.

Die Marsianer kommen näher: Maria Astl, Soffi Povo und Johanna Hainz. Bild: © Rita Newman/TDJ

Valentin Späth als sinistrer Soldat, Johanna Hainz, Soffi Povo und Maria Astl. Bild: © Rita Newman/TDJ

Im Gewächshaus des Botanikers: Soffi Povo, Uwe Achilles, Johanna Hainz und Maria Astl. Bild: © Rita Newman/TDJ

Valentin Späth, Enrico Riethmüller und Uwe Achilles als NASA-Wissenschaftler nebst Reporter. Bild: © Rita Newman/TDJ

Im Military-Setting, zwischen Camouflage-Netzen und olivgrünen Schutzkoffern treffen die drei jedenfalls auf Valentin Späth als sinistren, Befehle bellenden Soldaten, dem Amira unterstellt, sein eigenes Süppchen zu kochen, später und ausgerechnet in einer Kapelle auf Enrico Riethmüller als Adam. Statt Solidarität gibt’s Streit unter den Parteien, die stets misstrauische Amira krankt an Flashbacks vom Verlust ihrer kleinen Schwester über den Budapester Bahnhof 2015 bis Traiskirchen, die zugestaute A1 Richtung Linz ist von den Maschinen menschenleer gemacht worden – und plötzlich müssen alle Beteiligten erkennen, wie klein ihre Streitereien gegen diesen numinosen Horror sind.

Man landet im Gewächshaus des Botanikers Uwe Achilles, und siehe: die Aliens rücken gegen dessen Orchideenzucht nicht vor. Der Mensch ist der Feind von Fauna und Flora, und die beiden übernehmen. Blumen statt Asphalt lautet bald das Motto. Das alles ist spannend, duster, eindrücklich. Beim Aufstand gegen die Maschinen gibt es das eine oder andere Menschenopfer. Die Dystopie des Originals hat sich um 180 Grad gedreht: Im Garten Erde sind wir die Parasiten, und die Aliens angerauscht zum Umwelt-, zum Artenschutz. Jethro Compton statuiert ein Exempel über das, was wir für selbstverständlich halten.

Es zeigt sich, ohne zu spoilern und wie in der Regel, dass das Problem ein hausgemachtes ist. Der Kreis schließt sich im „Dschungel“ von Calais, jener menschenunwürdigen Zeltstadt, in der Flüchtlinge auf eine bessere Zukunft hoffen. Das sichere Europa … mehr Science Fiction ist kaum mehr möglich, und das Theater der Jugend macht diese Zustände ohne erhobenen Zeigefinger greifbar. Was bleibt zu sagen? Dass dieser Produktion viele Zuschauerinnen und Zuschauer (ab 11 Jahren) zu wünschen ist, und dass diese es einmal besser machen werden. Menschsein ist Work in Progress. Arbeiten wir daran.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=LDiY1bt_0mI           www.tdj.at

  1. 6. 2021

Teatrul Naţional Radu Stanca Sibiu zeigt Thomas Perle

Oktober 24, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

 „LIVE“: Digitales Theater zum Zustand Europas

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

„Identitätshinterfragung und mediale Manipulation“ nennt der in Wien lebende rumäniendeutsche Autor Thomas Perle (Rezension seines Stücks „mutterseele“: www.mottingers-meinung.at/?p=24193, „karpatenflecken“ wird im Dezember am Burgtheater zu sehen sein), „Identitäts- hinterfragung und mediale Manipulation“ also nennt Perle die Grundideen seines aktuellen Projektes „LIVE“.

Wie manifestiert sich Wahrheit im Internet? Wie funktioniert ebendort die Beeinflussung? Perle lässt in seinem Text die Grenzen zwischen der viel beschworenen neuen Realität und der Fiktion verschwimmen – und hat mit Bobi Pricop am Teatrul Naţional Radu Stanca im rumänischen Sibiu einen Regisseur gefunden, der es ihm gleichtut. „LIVE“ ist ein Medienhybrid, ein Theaterstück von cineastischer Ästhetik, konzipiert für den digitalen Raum. Fünf Episoden, in denen aktuelle europäische soziologische Themen beleuchtet werden, ein Abend, der auf der Bühne für eine begrenzte Anzahl von Zuschauern stattfindet und gleichzeitig per Online-System einem Publikum im Netz zugänglich gemacht wird.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

Womit man auch von Österreich aus dabei sein kann. Gespielt wird in deutscher und rumänischer Sprache, mit den jeweils gegenteiligen und englischsprachigen Untertiteln. Die Schauspielerinnen und Schauspieler Johanna Adam, Yannick Becker, Emőke Boldizsár, Daniel Bucher, Anca Cipariu, Fabiola Petri, Daniel Plier, Valentin Späth und Ali Deac erzählen in den fünf Szenen Geschichten, die in enger Verbindung mit ihren persönlichen stehen. „Die in der Show beschriebenen Charaktere und Situationen spiegeln die Gedanken und Anliegen des gesamten Teams wider“, so Bobi Pricop über sein Work-in-Progress.

Und so ist man dabei, wenn eine aufgelöste Spielplatzmutti durch die nächtlichen Straßen irrt. Ihre Tochter wäre von einem Jungen belästigt worden, aber das sei doch kein Grund, dass dessen Mutter ihn bei Beschwerde so verprügle. Die zugeschalteten Kommentare reichen vom empörten „Leute, was passiert da mit uns?“ bis zum „Verkaufe Kinderbettwäsche“ … und Bildstörung … Beim einem Online-Spiel wird sich über Grenzen hinweggesetzt, nicht nur Landes-, sondern auch die von „Kill ihn! Schick‘ mir Kristalle! Benutze den Schild!“ Bis die Kombattanten im virtuellen Raum ihr wahres Ich erkennen, und eine zarte Love Story beginnt.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

#Corona-Theater im besten Sinne ist es, was hier geboten wird, in rotes Licht getauchte Kamerafahrten zeigen eine auf vier Kojen unterteilte Bühne, in denen je ein Darsteller, eine Darstellerin samt Technik-Team sitzt. Bei perfektem physical distancing wird per Laptop und Handy interagiert. „Ausgehend von unserer Frage nach Identität in der Krise kam die wirkliche Krise in Form der noch andauernden Pandemie“, kommentiert Perle das Gezeigte.

Eindrücklich ist derart ein Online-Bewerbungsgespräch, Fabiola Petri  und Daniel Plier, in dem sich eine multilinguale, rumänische IT-Spezialistin bei einem offenbar deutschen Jobvermittler vorstellt. Der der hochqualifizierten Frau mit überheblichen Sätzen wie „Es ist nichts Schlimmes daran, das Berufsfeld zu wechseln“ oder „Das sind nun einmal die Stellen für Menschen aus Ihrem Land“ Arbeit als Erntehelferin oder in der Pflege anbietet. Eine Diskussion, die sie „erschöpft, leer und sich wertlos fühlend“ beendet.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

Oder jenes Handy-Telefonat eines deutschen Chirurgen, Ali Deac, mit einer in Rumänien lebenden Mutter, ihr Sohn sei am Arbeitsplatz verunfallt und schwerstverletzt und sie müsse 900 € für die Kosten seiner medizinischen Behandlung überweisen. Lange lässt die Frau mit den schreckgeweiteten Augen auf sich einreden, bis sie fragt: „Und das ist kein Betrug …?“ Deutlicher und un/menschlicher als an diesen beiden Beispielen lässt sich das West-Ost-Gefälle innerhalb der EU, dieses seit 2007 unveränderte Zentrum-Peripherie-Modell kaum erklären.

Dies sei, sagt Pricop, eine Zeit „in der alles möglich und glaubwürdig ist, solange es gelingt, eine emotionale Verbindung zu unseren Schwachstellen, Veranlagungen oder Erwartungen herzustellen“. Und lässt das Ganze mit einer sarkastisch-heiteren Episode enden: Schauspieler Daniel Bucher als Journalist von „Guerilla Investigation“ auf der Suche nach jenem schwulen Priester, dem man in einem geheimen Kloster einem Folter-Exorzismus unterzogen haben soll.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

Eine Schnitzeljagd mit jeder Menge Anrainer-Befragung, Bildern eines Mercedes fahrenden Klerus‘, neue Kirchen, kaputte Straßen, Schafe inmitten von Solarpaneelen und des Reporters Erkenntnis: „Um ehrlich zu sein, habe ich mir Rumänien ganz anders vorgestellt …“ Herrlich!

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24. 10. 2020