Sommerspiele Melk: Luzifer

Juni 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Teufel schlägt Gott k.o.

Im Pandämonium: Max Niemeyer, Sigrid Brandstetter, Sophie Prusa, Kajetan Dick, Helmut Bohatsch, Katharina Dorian, Jan Hutter und Christian Kainradl. Bild: Daniela Matejschek

Im Jahr 1600 entwarf der deutsche Theosoph Jacob Böhme in seiner Schrift „Aurora“ eine mystische Kosmogonie, in der Gott in sich sowohl das Helle wie das Dunkle birgt. Für Böhme ist die Gestalt des Bösen eine reale Macht, deren eigentlicher Zweck es ist, als Gottes Werkzeug dessen Herrlichkeit zu offenbaren. Ein ähnliches Licht-Finsternis-Prinzip entfaltet nun Bestsellerautor Bernhard Aichner, der für die Sommerspiele Melk das Auftragswerk „Luzifer“ verfasste.

In der bewährten Regie von Intendant Alexander Hauer bleibt der Text des Thrillerschreibers genau dieses, ein spannendes, hochphilosophisches Stück, dem es auch nicht an Witz mangelt. Luzifer also lädt Gott zu einer Vorstellung seines „Theater des Bösen“ um die ewig schwelenden Konflikte zwischen ihnen auszutragen. Noch nagt am Höllenfürst der Sturz in ebendiese, er findet es ungerecht und falsch für alles Unrecht dieser Welt verantwortlich gemacht zu werden. Im Pandämonium inszeniert er Szenen, hinterfragt die Motive seiner Darsteller, dirigiert – so scheint’s – und komponiert. Auf der fulminanten Bühne von Daniel Sommergruber, die vom abgewetzten Lehnstuhl bis zum Autowrack eine Müllhalde der menschlichen Geschichte zeigt, erscheinen Mordgestalten von Iwan dem Schrecklichen bis Idi Amin, von Mao bis König Leopold II. von Belgien, aber auch Lynndie England, die Todesengel von Lainz oder Marc Dutroux fehlen nicht.

Derart entspinnt sich ein Disput, wer das Böse in die Welt gebracht hat. Kajetan Dick gibt im schwarzen Nadelstreif einen überkandidelt-verbissenen „Spielverderber“, Helmut Bohatsch im weißen einen unsympathisch-selbstverliebten Allwissenden. Unterstützt werden die beiden von Sophie Prusa, Sigrid Brandstetter, Katharina Dorian, Jan Hutter, Christian Kainradl und Max Niemeyer, die als Gegenspieler Gottes in jeweils mehrere Rollen schlüpfen – und doch von diesem so manipuliert werden, dass am Ende jeder Episode dessen Wille geschehe.

Der Chor „Bühne Frei!“ gestaltet Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach. Bild: Daniela Matejschek

Manipulieren die Menschen: Helmut Bohatsch als Gott und Kajetan Dick als Luzifer. Bild: Daniela Matejschek

Viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken gibt es da, wenn die Themen Missgunst, Neid, Ignoranz, Wut verhandelt werden. Immer wieder inszeniert Luzifer sein eigenes Schicksal, der großartige Chor „Bühne Frei!“ gestaltet etwa Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach, doch als der Teufel sieht, wie ausweglos sein Unterfangen ist, schlägt er kurzerhand Gott k.o. Schließlich bleibt den beiden Fädenziehern nichts, als sich an den dritten Spieler zu wenden, die Menschen, heißt hier: das Publikum, das nun befragt wird, an wen es glaubt und wen es für das eigene Tun verantwortlich machen möchte. Gespielt wird dazu eine Szene über Ehebruch, und die Zuschauer sollen entscheiden, welches Ende ihnen besser gefällt.

Dieser Teil nach der Pause entpuppt sich als schwächer als der erste, vor allem auch, weil der Ausgang des Wettstreits nur „gedacht“ werden soll. Es wäre spannend gewesen, eine tatsächliche Abstimmung mitzumachen, um zu sehen wie das Match um Verantwortung und Schuld, Macht und Moral, Manipulation und Mündigkeit ausgeht. Apropos: Nicht alles an diesem Abend geht sich aus, einiges zerfasert in seiner Vieldeutigkeit oder franzt an den Rändern aus. Dennoch ist es höchst vergnüglich an Aichners ironischen Andeutungen die eigene Weltanschauung zu überprüfen. Man wird feststellen, wie auf der Bühne kommt da manches Paradox heraus.

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 6. 2018

Bronski & Grünberg: Familie Schroffenstein

Februar 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Purismus statt Budenzauber

Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer. Bild: © Andrea Peller

Das Bronski & Grünberg, bis dato auffällig geworden als Spielort, der sich bierernst nehmenden Klassikern die Satire ins Gesicht grinst, beweist mit seiner jüngsten Produktion, dass es auch ganz anders kann. Und dies ausgerechnet bei einem Stück, das sich für Ironie und Parodie geradezu angeboten hätte: Kleists „Familie Schroffenstein“. Nun aber trat Regisseur Fabian Alder, und mit ihm eine Creme österreichische (Jung-)schauspieler, an, um dem Wegbereiter in die dramatische Moderne alle Ehre anzutun. Alder setzt in seiner Inszenierung auf Purismus statt auf Budenzauber. Herauskommt so ein sehr straighter Theaterabend, der Kleists Haudegen ohne Hau-drauf-Humor präsentiert, und in seiner klaren Tonart auf ganzer Linie reüssiert.

Haudegen, weil: Was sich in der „Familie Schroffenstein“ abspielt, ist eine Blutorgie à la Tarantino. Durch einen unseligen Erbschaftsvertrag sind zwei blaublütige Vettern samt Anhang zu erbitterten Feinden geworden. Man beschuldigt sich gegenseitig des Kindsmords, schreckt vor abgeschnittenen Leichenfingern, Folter und dergleichen nicht zurück, Vasallen und Boten fallen wie die Fliegen – und, wenn nichts mehr hilft, fällt einer in Ohnmacht. Das übliche Kleist’sche Ritter-Schauer-Mysterydrama halt.

Alldieweil das mörderische Treiben so geht, verlieben sich Agnes aus Zweig A und Ottokar aus Zweig B ineinander. Allerdings, dies kommt beziehungserschwerend hinzu, findet auch Ottokars psychisch labiler Halbbruder Johann Gefallen an der schönen Maid. Im Gebirge kommt es schließlich zu Kleidertausch und Doppelsprung über die Klinge. Am Ende sind alle Erben hin. Und Johann sagt: „Es ist ein Spaß zum Todlachen!“

Nicht so bei Alder. Der verzichtet auf alles Hexenwerk und lässt auf leerer Bühne mit Baumgerippe spielen. Zwei Öffnungen lässt er den goldbewandeten Burgen für die zahlreichen Auf- und Abtritte der Figuren, die Edelfarbe sozusagen der einzige Farbtupfer auch für einen Handschuh, sind im Weiteren die Schauspieler doch in Schwarz und Weiß gekleidet. Einzig der Grenzgänger zwischen den Familien, Jerome von Schroffenstein, trägt grau (Bühne: Kaja Dymnicki und Fabian Alder, Kostüme: Katharina Kappert).

Sophie Stockinger und Simon Morzé. Bild: © Andrea Peller

Wohl weil sich in den Familien alles wie spiegelgleich ereignet, hat Alder die Grafen Rupert und Sylvester sowie die Gattinnen Eustache und Gertrude mit jeweils Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer besetzt. Besagter goldener Handschuh kennzeichnet, wer gerade das Sagen hat, und vor allem Grujčić ist großartig als mal unversöhnlicher Willkürherrscher, mal dessen versöhnlich einlenken wollender Cousin. Sophie Stockinger und Simon Morzé gestalten ein anrührend schüchternes Liebespaar Agnes und Ottokar, Benjamin Vanyek ist als Johann sehr schön irre. Florian Stohr gibt den Jerome als aufrechten, guten Menschen. Ursula Anna Baumgartner schließlich schlüpft gekonnt in diverse Rollen – vom frechen Herold Theistiner bis zur Totengräberstochter Barnabe.

Es macht Freude zu sehen, wie es dem Ensemble gelingt, die Kleist’schen Typschablonen in Charaktere aus Fleisch und Blut zu verwandeln, Alder versteht es, die Symbolhaftigkeit des Werks aufzugreifen und diese Parabel vom Untergang eines großen Hauses in eine aktuell gültige Aufführung zu verwandeln. Dies ohne mit tagespolitischen Schlagworten wie Fake News, roten Knöpfen, Waffenwahn und derlei mehr, was sich zwischen zwei Regierenden und deren Staaten ereignen kann, protzen zu müssen. Man versteht das bitterböse Finale auch so. Und Totengräberswitwe Ursula, in Wahrheit Urheberin des gesamten Grauens, sagt lapidar: „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen …“

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2018

KosmosTheater: Good Morning, Boys and Girls

Oktober 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Attentäter und die „Tai Chi“-Übungen

Selfie! „Cold“, Susanne und der Amok: Giamo Röwekamp, Sophie Resch und Pablo Leiva. Bild: Bettina Frenzel

Seit Langem schon, sagt Barbara Klein im Programmheft-Interview, hätte sie sich mit dem Gedanken getragen, ein Stück über Amoklauf an Schulen zu zeigen. Ein Nachdenken über sogenannte School Shooter, die Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermorden und den eigenen Tod ebenso ungerührt herbeisehnen – während ihr Umfeld von den seelischen Veränderungen dieser Heranwachsenden, ihren oft monatelangen Vorbereitungen zur Tat nichts mitbekommen hat/haben will. „Wenig nachvollziehbar“ nennt Klein diese Ahnungslosigkeit.

Gemeinsam mit Choreografin Paola Bianchi brachte sie nun am KosmosTheater Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ zur österreichischen Erstaufführung. Es ist die Abschiedsinszenierung der Hausherrin am „Theater mit dem Gender“, am 30. Oktober wird die neue Leitung des KosmosTheaters vorgestellt, und es ist ein erstklassiger Abend, bei dem eindeutig die Form über den Inhalt zu stellen ist. Denn von Juli Zeh gibt es nichts Neues. Ihr Text ist eine Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Eh-schon-Wissen:

Jugendliche werden zum Attentäter, weil sie 1. in der Schule gemoppte Außenseiter sind, 2. sie im Elternhaus keine Zuwendung erhalten, 3. sie sich ergo im Kinderzimmer mit Ego Shootern und anderem Teufelszeug abreagieren, auch weil 4. sich Mädchen nicht für sie interessieren. Wobei dies bei Jens, Kampfname im Computerspiel Counter Strike: „Cold“, gar nicht der Fall ist. Der poetisch begabte Einzelgänger, dessen grausame Kurzgeschichten die Lehrerin aus der Fassung bringen, findet in der trotzigen, weltschmerzgeplagten Susanne eine – eigentlich noch radikalere – Gleichgesinnte.

Am Ende wird sie nicht nur dafür sorgen, dass alles ganz anders gewesen sein wird, als die Erwachsenen glauben, sondern dem Publikum damit gleichsam auch einen Spiegel vorhalten. Den beiden zu Erziehenden stehen die dazu Berechtigten gegenüber: Vater und Mutter, ein in seine Intellektualität selbstverliebtes Galeristenehepaar, das seine Ich-Bezogenheit als antiautoritär tarnt, und die betuliche, dem klugen „Cold“ nicht gewachsene Deutschprofessorin Frau Patt.

Der Vater verteidigt sich gegen Schuldvorwürfe: Jens Ole Schmieder mit Johanna Prosl. Bild: Bettina Frenzel

Die Lehrerin glaubt an das Böse in Computerspielen: Johanna Prosl als Frau Patt. Bild: Bettina Frenzel

Zeh, die vernünftigerweise nicht um Antworten ringt, unverständlicherweise aber auch keine bis dato ungestellten Fragen aufwirft, hat immerhin das weitere Geschehen spannend verzahnt. Die Handlung wechselt im schnellen Takt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jens hat seine Wahnsinnstat bereits begangen, nein, er bereitet sie noch vor, er spricht bei seinem eigenen Begräbnis, hat Streit mit den Eltern, und sieht (sich im Kopf schon als) einen sensationslüsternen CNN-Reporter sie bedrängen. Jens‘ Fantasie und die Realität überlappen mehr und mehr.

Ist der Counter-Strike-Clan echt oder eine gehörte Stimme? Man kann nur noch ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Und zu all diesen Gedanken reflektieren die Eltern über Schuld und Versagen, die Lehrerin über zu spätes Eingreifen. Hat man sich zu wenig gekümmert, bemüht, beschäftigt? „Aber du bist doch ein lieber Bub“, keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. „Heute nicht“, erwidert Jens. Und schon ist man mitten im Blutbad. Das bei Barbara Klein und Paola Bianchi freilich keines ist. Die Gewalt wird vielmehr getanzt und so deutlich „körperlich“ empfunden.

Die Schauspieler bewegen sich zu einer ausgeklügelten Choreografie, dem Tai Chi ähnlichen Bewegungen, die übers Physische zugleich ihre psychische Verfassung darstellen. Als Frau Patt nimmt Johanna Prosl oft einen belehrenden Gestus an, mit spitz in die Luft stechenden Fingern bemängelt sie Rechtschreibschwächen. Der Vater, Jens Ole Schmieder, tigert in ständiger Bewegung durch den Spielraum, während er unablässig gewesene Amokläufe rezitiert. Columbine, Erfurt, Winnenden, Newtown, in Asien wird immer nur mit dem Messer gemordet. „Haben die keine Knarren?“, fragt er – und die Frage hat weniger mit Zynismus als mit Fassungslosigkeit zu tun. An solchen Stellen ist das Stück auch komisch.

Das Ende kommt anders als erwartet: Giamo Röwekamp, Pablo Leiva und Sophie Resch. Bild: Bettina Frenzel

Die Eltern tanzen Ratlosigkeit und Verzweiflung: Jens Ole Schmieder und Susanne Rietz. Bild: Bettina Frenzel

Wie er – Vater ballt die Fäuste zur Selbstverteidigung gegen ihre verbalen Angriffe – versichert sich auch Mutter/Susanne Rietz ihrer Unschuld am Geschehen. Traumatisiert sieht sie, dass ihr nicht nur eine gemeinsame Zukunft, sondern auch die Vergangenheit geraubt wurde, denn immer wird sie sich nun fragen müssen: „Warum?“ wiederholt sie wie in Loops. Dass Jens ein lieber Sohn war, ist ihr Mantra, während ihre Arme wie die einer Marionette baumeln. Als nichts anderes nämlich sieht sie ihr Sohn. Dass sie seinen Hund nicht mochte, ihn kahl scherte, hat er ihr nicht verziehen.

Als der einzig Geliebte dann auch noch stirbt, brennen bei Jens die Sicherungen durch. What a life, what a cliche. Ein Geschenk – Giamo Röwekamp als „Cold“ turnt über derlei Untiefen mit Leichtigkeit hinweg. Er ist als gewaltbereiter Teenager extrem glaubhaft, egal, ob er sich in theatralischer Christuspose probt, oder beim ersten Flirt aufgeregt mit den Beinen wippt. Im Gleichtakt mit Sophie Resch als kurz einmal nicht verdrossener Susanne. Den beiden folgt, weißgewandet und mit weißer Maske, der „Amok“, Pablo Leiva mit am Oberkörper befestigten Bombenpackages.

Die Schwarzweiß-Bilder, die er vom Liebespaar mit dem Smartphone filmt (auch Counter Strike wird an die Wand projiziert), funktionieren als Subtext zum Gesagten – nervös verschränkte Finger, wütend aufgerissene Augen, dann wieder ein Selfie zu dritt. Nach Schuldzuweisungen aller an alle, nach Ausstellung eines Tatbestands, nicht aber seiner Erhellung, endet das Stück mit dem Kernthema des KosmosTheaters, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie, will nicht verraten werden. Die fabelhafte Aufführung mit dem überzeugenden Ensemble ist noch bis 28. Oktober zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=pKIMKEig0nw

www.kosmostheater.at

  1. 10. 2017

Bronski & Grünberg: Richard III.

Oktober 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mordsspaß mit dem Monster

Sympathy for the Devil: Josef Ellers macht aus Richard III. einen charmanten Verführer. Bild: © Philine Hofmann

Es gibt viele gute Gründe, warum Shakespeare-Aficionados sich die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg nicht entgehen lassen dürfen, und es gibt einen sehr guten Grund – namens Josef Ellers. Der 29-jährige Klagenfurter gibt einen „Richard III.“ wie ihn sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Verschmitzt, falsch und verräterisch, um Verständnis, ja um Mitleid heischend, da unschuldig „ums schöne Ebenmaß verkürzt“, und mehr als gewillt, den Dreckskerl aufzuführen. Das Ziel heißt Krone, dafür werden Kollateralschäden in Kauf genommen.

Ellers wischt alle möglichen Vorbilder, die Wien schon gesehen hat, scheint’s unbekümmert aus dem Blickfeld. Er macht auf charmanter Manipulator, und buckelt dabei im Wortsinn wie ein treuer Diener des Staates; statt A-part-Sprechen setzt er aufs Beiseitegrinsen, macht sich so das Publikum zum Komplizen, und tatsächlich, man hat Sympathien für diesen gerissenen Teufel. Der hat Witz, der hat Charisma, man hat einen Mordsspaß mit dem Monster. Und endlich einen Richard, bei dem verständlich ist, warum die diversen Witwen der von ihm Gemeuchelten auf ihn fliegen …

Helena Scheuba ist als Regisseurin und Übersetzerin für diese tadellose Inszenierung verantwortlich, mit der das Bronski & Grünberg seine zweite Saison eröffnete. Auf der Rückwand hat Bühnenbildner Daniel Sommergruber den „Schummelzettel“ angebracht, die Stammbäume der Geschlechter Lancaster und York. Auf einen Blick erklärt sich wer mit oder warum gegen wen, während Richard, das rote Farbkübelchen in der Krüppelhand, blutrünstig und mit Malerpinsel die Namen derer streicht, die er bereits gefällt hat. Ganz am Rande steht – Richmond, und darunter hängt sein Schwert.

Elizabeth schwört ihre Verbündeten ein: Johanna Rehm mit Sophie Aujesky und David Jakob. Bild: © Philine Hofmann

Schwarze Tränen und Verwünschungen für Richard: David Jakob als Königin Margaret. Bild: © Philine Hofmann

Wie überhaupt jeder Figur eine Requisite zugeteilt ist. Sophie Aujesky, Johanna Rehm und David Jakob nehmen sie von den jeweiligen Haken, verwandeln sich blitzschnell in den nächsten Charakter. Das tolle Dreiergespann schlüpft in alle weiteren Rollen, stattet zwei Dutzend Nebenfiguren mit oder ohne Rückgrat, mit übler Gesinnung oder nobler Haltung aus – ob Mann oder Frau ist egal. Und so ist Sophie Aujesky unter anderem ein großartig wütender Eduard, ein ehrenwerter Lord Hastings und eine angewiderte und dennoch leicht um den Finger gewickelte Anne (deren Name auf der Wand entsprechend die Seiten wechselt).

David Jakob brilliert vor allem als Richards Mann fürs Grobe, Buckingham, und als parzenhafte, schwarze Tränen weinende Königin Margaret. Außerdem ist er der im Tower ermordete Bruder George. Johanna Rehm ist eine verzweifelt rasende Elizabeth, ein angstvoller Stanley, und schließlich der ruhmreiche Richmond – inklusive beeindruckendem Schwertkampf mit Ellers‘ Richard. Rehm und Aujesky können auch ihre Slastickqualitäten ausspielen, sei’s als tollpatschige gedungene Mörder, in dieser Szene ist Scheubas Arbeit echtes Shakespeare’sches Volkstheater, oder als präpotent aufsässiges Prinzenpaar, zwei echte Früchtchen, die den Onkel wegen seiner Behinderung verspotten. Ihre Abschlachtung markiert Aujesky als mit dem Feuerzeug spielender Tyrell einfach, indem sie ihre Papierkrönchen anzündet. Zwischen solch symbolhaften, mitunter trashigen Szenen läuft Popmusik zu Liebe, Macht, Schuld.

Am Ende ihrer Politikeransprachen, dem Verbalduell Richard vs Richmond, folgt der Waffengang, Richards Name der letzte, der von den Siegern genussvoll gestrichen wird. Zweieinhalb Stunden dauert die Aufführung im Bronski & Grünberg, jede Minute davon spannend. Als nächstes will das Team um Kaja Dymnicki und Alexander Pschill mittels Crowdfunding einen „Rigoletto“ auf die Beine stellen. Von „Richard III.“ gibt es noch zehn Vorstellungen bis 10. Dezember.

www.bronski-gruenberg.at

5. 10. 2017

Der todkranke Eduard wütet über Richards Ränkespiel: Sophie Aujesky mit Johanna Rehm. Bild: © Philine Hofmann

Buckingham macht sich zu Richards Handlanger: David Jakob und Josef Ellers. Bild: © Philine Hofmann

Kasino: Kartonage

September 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mord mit Marillenmarmelade

Die Mutter (Video: Petra Morzé) dominiert und tyrannisiert „Vater Werner“ Bernd Birkhahn und „Rosalie“ Irina Sulaver. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Stimmt?“ – „Stimmt.“ Mit dieser in provokantem Ton gestellten Frage und der bockig-devoten Antwort versichern sich „Werner zwei“ und „Werner eins“ ihres Immer-noch-Vorhandenseins, bestätigen sie einander, dass die Welt draußen nicht anders als beängstigend gefährlich sein kann, verbürgen sie sich dafür, in den eigenen vier Wänden am sichersten aufgehoben zu sein. Home sweet home.

Das ist in diesem Fall ein Pappkartonhaus, wiewohl das Bühnenbild von Michela Flück mehr an Endspiel in Eiche massiv erinnert, in dem das Ehepaar Werner sich seine in seltsamen Ritualen erstarrte Existenz eingerichtet hat … Kasino des Burgtheaters. Gegeben wird „Kartonage“. Das Debütstück von Yade Yasemin Önder, das von den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin als einer von drei Gewinnertexten auserwählt wurde, und das der junge Halleiner Regisseur Franz-Xaver Mayr nun als Uraufführung zeigt. Im Interview erklärt die Autorin, ihre Arbeit sei erst ein zynisches Langgedicht, ein Streitgespräch zweier alter Menschen über Leben und Sterben gewesen, aber als die Figuren mehr Raum für sich beansprucht hätten, hätte sie sich entschlossen, ihre Lyrik zu dramatisieren.

Nun verkörpern Petra Morzé und Bernd Birkhahn Önders Prototypen kleingeistiger Kleinbürger. Ihre Verwandtschaft zu Becketts Hammer und Nagel unverkennbar, sind die beiden ein pikantes Paar, zwei in Hilf- und Alternativlosigkeit aneinander Gefesselte, er auf tattrigen Beinen, sie mit Tippelschrittchen durch die Bühnenbox tapsend. Sie hält ihn bewusst blöd. Werner zwei/Morzé hat vor langer Zeit das Kommando übernommen, sie hat Werner eins/Birkhahn mittels Trommelzeichen auf den Küchentisch konditioniert, tap-tap-tap, und wenn er nicht grad grunzend im Stehen schläft, gehorcht er auch. Für mehr Konzentration gibt’s ab und zu Ohrfeigen, ist er brav, darf er Brustnuckeln.

Tagein, tagaus wird Marillenmarmelade eingekocht: Irina Sulaver und Petra Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Gegenseitige Verletzungen erfolgen nicht nur durch Worte: Petra Morzé, Irina Sulaver und Bernd Birkhahn. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Morzé schenkt sich als Tyrannin in Fatsuit und hellblauer Kittelschürze (Birkhahn trägt dazu passend Polohemd und Shorts, Kostüme: Korbinian Schmidt) wie üblich nichts, ihr falsches Lachen korreliert mit ihrer aufgesetzten Freundlichkeit. Sie ist böse wie die Königin-Stiefmütter in Märchen. Tagein, tagaus macht sie Marillenmarmelade, kocht das Obst ein, wie Önder ihre Sprache zur Formelhaftigkeit kondensiert hat.

Die Dominanz selbst über den Speiseplan ist Werner zweis Rache für eine verkorkste Ehe, die nun an der von Flück eingerichteten Küchenzeile samt Sitzecke Früchte trägt. Die Moral der Zwei-Mann-Truppe hält sie mit Stehsätzen wie „Verteidigung kommt vor dem Fall“ oder „Im Zweifel ist man stets dagegen“ aufrecht.

Birkhahn macht aus Werner eins das prächtige Vorzeigemodell eines langsam und nicht unzufrieden in die Demenz gleitenden Lustgreises. Wie die Gattin am Herd, so zelebriert auch er seine grotesken Handlungen, in die meist Staubsauger, Baumstammskelett und das Familienwappen involviert sind. Regisseur Mayr trägt dem Artifiziellen des Textes mit seiner Inszenierung Rechnung.

Er taucht finsterste menschliche Abgründe in grausam-grelle Komik, er setzt dem eintönig-braunen Irren-Haus kunterbunt-skurrile Einfälle entgegen. Ganz wunderbar hat er Morzé und Birkhahn zu einem absurd doppelbödigen Spiel inspiriert, bei dem von Anfang an klar ist, dass zum Kern der Sache noch vorzudringen sein wird. Nämlich als Irina Sulaver als abgängig gewesene Tochter Rosalie durch die Decke kracht. Sechzehn Jahre war sie von zu Hause weg, als sie ins Exil ging, war sie sechzehn Jahre alt.

Die Videos von Sophie Lux, zugeschaltet auf einer Vidiwall über der Box, erzählen nicht nur von einer trostlosen Kindheit und Jugend, aufgepeppt mit Jungs und Zungenküssen, von Aus- und Aufbruchsplänen, sondern auch vom plötzlichen Ende all dieser Zukunftsträume. Rosalie hat, weil von Alkopops betrunken, einen Autounfall gebaut. Die beste Freundin Ella (Marta Kizyma) kam uns Leben. Die beiden Mädchen auf der Leinwand in ihrem real existierenden Lebensunglück sind der anrührende, zu Herzen gehende Widerpart zum Irrealen des Bühnengeschehens.

Die kurzen Rückblenden offenbaren nun auch endlich das Geheimnis der Familie, erzählen von Daseinsvernichtung in mehrfacher Ausprägung, von Verstoßung innerhalb der Familie und aus der Gesellschaft, von Fensterlosigkeit, weil bei Sichtbarwerden doch nur Schimpf und Schande. Nichts herein-, nichts hinaus- und sich auf nichts einlassen, so seither die Werner’schen Devisen. Die durch das plötzliche Aufschlagen der Tochter aus dem Konzept gebracht werden. Sulaver spielt die Rosalie, schwarz gewandet, die Augen schwarz umrandet, als trotzig-verschreckte Kreatur. Nicht weiß man, wo sie war, woher sie kommt, was seither geschah … ein blutig-bandagiertes Knie, einen Buckel hat sie, und hält sich schief wie Richard III.

In Videorückblenden erfährt man, was passiert ist: Marta Kizyma (auf der Leinwand rechts als Ella) mit Sulaver, unten Birkhahn und Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Demütigungsspielchen eskalieren. Wo Blut schon ist, da fließt noch mehr. Die Eltern geben der Tochter die Schuld an ihrer Selbsteinsargung. Eine Klinge fährt in Vaters Hand, der mütterliche Kleinkrieg ums zunichte gemachte kleine Glück weitet sich von ihm auf die Tochter aus. Die Mutter mischt giftige Beeren in ihre orange Glibberkost, deswegen erfährt man, sie kannte aus der Pappschachtel immer einen Fluchtweg, hat nur den Mann zur Strafe wie gefangen gehalten.

Der toxische Brotaufstrich streckt Werner eins und Tochter Rosalie nieder. Sie sind tot. „Ich weiß nicht, wohin mit mir“, sagt Morzé/Werner zwei über ihren einsamen Schluss. Hilde heißt die Figur übrigens, und nicht einmal der Andachtsjodler wird ihr noch Frieden bringen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017