Savyon Liebrecht und Michael Gruner im Gespräch

April 17, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater Nestroyhof Hamakom: Sonia Mushkat

Juliane Gruner, Babett Arens Bild: Nick Mangafas

Juliane Gruner, Babett Arens
Bild: Nick Mangafas

Der Keller eines ungarischen Herrenhauses, 1944: Die Schwestern Paula und Lidia, aus der reichen jüdischen Familie Mushkat, sind mit Lidias Sohn Albert vor den Nazis in den Untergrund geflüchtet, in das Untergeschoss des eigenen Hauses. Dort versuchen sie sich provisorisch einzurichten bis die akute Gefahr von der Gestapo ins Ghetto und von dort nach Polen – in ein Vernichtungslager – geschickt zu werden, vorüber ist. Sonia, das Dienstmädchen eines befreundeten Rechtsanwalts, soll die Versteckten in den lebenspraktischen Dingen unterstützen, denn selbst im Krieg und in Lebensgefahr kann man sich im Hause Mushkat ein Leben ohne Bedienstete nicht vorstellen. Zunächst sind die Hierarchien im Keller klar: Sonia wird – insbesondere von der verwöhnten Lidia –  mit geübter, reichlich sozialsnobistischer Übertreibung als Untergebene behandelt: ihr wird der zugige Schlafplatz und die dünnste Matratze zugewiesen, ein Fehlgriff wird mit der Verbrennung ihrer Hände bestraft. Das kaum gebildete Bauernmädchen hat sich dem Schicksal ihrer Schicht zu unterwerfen. Im Kampf gegen ihre Peiniger nimmt Sonia  Stück für Stück die Fratze ihrer Unterdrücker an. Verhalten, Missverhalten und Entfremdung, Sonia  schlüpft mehr und mehr in die Rolle derer, die sie hasst.

Ein Gespräch Autorin Savyon Liebrecht und den Regisseur der Österreichischen Erstaufführung, Michael Gruner:

MM: Das ist eines der besten Stücke, mit dem ich mich seit Langem beschäftigen durfte. Das Problem bei unserem Gespräch wird nur sein, wir dürfen nichts verraten, das Aufschluss zur Lösung des Ganzen geben würde. Sie möchten nicht, dass man „Sonia Mushkat“ ein Holocaust-Drama, ein Drittes-Reich-Stück, nennt. Was dann?

Savyon Liebrecht: Ich habe einige Holocaust-Stücke geschrieben. Aber in diesem gibt es die Dilemmas mit den Nazis etc. nicht wirklich. Sie sind der Hintergrund der Geschichte; im Vordergrund stehen Menschen, die sich irgendwo verstecken. Es ist 1944, es sind ungarische Juden, doch es müsste nicht so sein. Menschen werden immer und überall verfolgt. Und eigentlich ist es ja eine Familiengeschichte …

MM: Eine Familie mit einem Geheimnis. Das wird einem relativ schnell klar, dass es um Sonia etwas Besonderes gibt. Man braucht nur bis zum Schluss, um zu wissen was. Der Begriff „Herrenmenschen“ lässt sich aus dem Drama nicht wegdiskutieren. Erst benehmen sich die Schwestern Lidia und Paula so, dann gewinnt Sonia die Oberhand.

Michael Gruner: Das ist eine Vokabel der Nationalsozialisten. Und diese Leute führen sich so auf, bis sie in die missliche Lage gelangen.

Liebrecht: Das stimmt. Doch ich würde nie dieses Wort benutzen. Ich würde eher den Begriff Sozialdarwinismus strapazieren. Ich denke, es geht darum, wie sich Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen verändern. Nicht nur Sonia und die Schwestern, auch Lidias Sohn Albert. Die „Damen des Hauses“ erfahren, was es heißt, Hunger zu haben, Kälte zu spüren. Das hat Sonia schon gewusst. Dafür trägt sie erstmals einen Pelzmantel. Wenn sich jemandes Lebensumstände ändern, kommt erst der wahre Charakter zum Vorschein. Dann ist man bloßgestellt, dann wird einem die Maske vom Gesicht gerissen. Sonia ist das beste Beispiel für the Survival of the Fittest. Sie packt die Dinge praktisch an, die anderen scheitern an den ganz normalen Verrichtungen des Alltags. Die Privilegierten fallen als erste …

MM: Ich musste an diesem Abend ein wenig an Buñuel denken.

Gruner: Das ist ein gutes Stichwort. Ich habe das Stück auch filmisch gesehen. Ich dachte beim Inszenieren nicht an Buñuel, aber auch an diese Art von Monstern, die die Macht haben. Auch Sonia wird ja monströs. Besonders schön ist eben diese Szene, wenn sie sich Lidias Pelz aneignet. Das ist ganz groß geschrieben.

Liebrecht: Sie nimmt Lidia damit auch ihre Identität, Lidias Zeichen von Macht und Stärke.

MM: Sonia, das Dienstmädchen, möchte eben auch einmal jemand sein.

Gruner: Genau das ist es.

 MM: Wie haben Sie diesen komplexen Rollen die Charaktermasken heruntergerissen?

Gruner: Wir haben alles versucht, diesen Vorgang des Abblätterns zu zeigen. Ich hatte dafür zwei wunderbare Schauspielerinnen, meine Frau Juliane Gruner als Lidia und Babett Arens als Paula. Es war ein sehr schweres Unterfangen, die beiden durch dieses Stück zu führen, aber am Ende sehr fruchtbar. Denn die beiden kommen aus ganz anderen Traditionen im Spiele, und es war mitunter anstrengend, aber gut für die Proben. Denn beide haben etwas anderes „behauptet“, wie’s die Schwestern ja auch tun.

Liebrecht: Ich finde die Besetzung hervorragend: Frau Gruner als die überkandidelte Lidia, die zusammenbricht, Frau Arens mehr down to earth. Dominik Raneburger ist ein wunderbarer Albert. Und Katharina-Sara Huhn sowieso eine fabelhafte Sonia! Ich mag, wie die Schauspieler meine Figuren darstellen: Alle sind Opfer. Opfer ihrer besonderen Umstände. Sonia macht den radikalsten Wandel durch. Am Anfang ist sie sehr naiv, ein Kind vom Land. Aber als sie die Wahrheit, die wir hier nicht verraten wollen, begreift, verändert sie sich dramatisch. Und sie gewinnt Macht über Albert – durch Sex. Wobei Lidia und Paula sie ihm anfangs ja ins Bett legen, damit er seine Bedürfnisse befriedigen kann.

Gruner: Je mehr Sonia über die Familie Mushkat herausfindet – na, ich sage jetzt nur:  Je mehr sich dein Bewusstsein verändert, umso mehr ändert sich dein Verhalten.

MM: Frau Liebrecht, der Großteil Ihrer Familie wurde in KZs ermordet …

Liebrecht: Ja, ich hatte weder Großeltern noch Tanten, noch Cousins. Aber bei uns wurde getan, als sei das „normal“. Bis heute weiß ich nicht, wie viele Verwandte in KZs umgebracht wurden, weil meine Eltern schwiegen. Bis zu ihrem Ende. So habe ich in meinem Herzen verinnerlicht, was es heißt, ein Holocaust-Überlebender zu sein. Die Essenz davon. Ich brauche die Details nicht. Ich bin zum Glück die nächste Generation. Meine Eltern sind polnische Juden und fanden einander am Ende des Krieges in München. Sie heirateten und ich wurde dort geboren. Als ich drei Jahre alt war, gingen wir nach Israel. Ich bin also genau so alt, wie der Staat Israel. Als ich zehn Jahre alt war, bekamen alle Kinder aus diesem Jahrgang eine Urkunde. Wenn man in einem neuen Staat aufwächst, wo alles „gleichzeitig“ mit deinem Leben erfunden wird, baut man zu diesem Staat eine starke Bindung auf. Es ist wie ein Geschenk.

MM: Viele jüdische Mitbürger – ich denke an Victor Klemperer – haben zu lange gewartet, wegzugehen, weil sie gar nicht glauben konnten, dass es etwas wie Hitler und seine Mörderbande gibt. Sie haben zu lange ignoriert, was rund um sie passiert.

Liebrecht: Ich habe ein Stück über Freud geschrieben. Auch er blieb bis zur letzten Minute, weil er nicht glaubte, dass man ihm etwas anhaben würde. Die Menschen haben sich als Österreicher, Deutsche … gefühlt, nicht als „Juden“ in erster Linie. Vor allem die, die im Ersten Weltkrieg gekämpft haben. Hitler hielt man für ein Kurzzeitphänomen. Auch in meiner Familie offenbar.

MM: Auch die Familie Mushkat?

Liebrecht: Ihre Geschichte ist etwas anders. In Ungarn gingen die Probleme 1944 los. Da waren sie in Gefahr nach Auschwitz gebracht zu werden. Im letzten Moment – alle weg.

MM: Wenn man Ihre Familiengeschichte hat, verliert man jemals die Angst, es könnte wieder passieren?

Liebrecht: Tief drin in einem existiert die Angst immer. Ich genieße die Zeit, die ich lebe. Der Gedanke, wie fragil die Existenz ist, hält einen sehr lebendig. In Israel ist das Gefühl von Gefahr immer da, dass Gefühl, das etwas passieren könnte, das Gefühl, dass dein Leben endlich ist. Ich mache mir das jeden Tag bewusst. Was nicht bedeutet, dass ich die Tage nicht auch fröhlich verbringe. Aber ich setze mich beispielsweise in Lokalen immer mit dem Rücken zu einer Wand. Den Raum, den Eingang im Auge behalten, das hat mit dem Holocaust zu tun – und übrigens nicht mit der Furcht vor einem Selbstmordbomber. Viele wichtige Entscheidungen, die ich treffe, haben mit dem Holocaust zu tun.

 MM: Sie kommen immer wieder nach Österreich. No bad feelings?

Liebrecht: Ich kenne die Geschichte des Landes, man hat mir erzählt, dass die Österreicher größere Antisemiten sind als die Deutschen. Und ich weiß, dass sie es historisch schon viel früher waren. Aber ich schere niemals alle Menschen über einen Kamm.

Gruner: Ich weiß nicht. Ich habe in Deutschland so Schreckliches erlebt. Das ist schwer für mich zu sagen. In Österreich marschieren wenigstens keine Neonazis auf den Straßen.

MM: Herr Gruner, hat sich Frau Liebrecht in die Proben eingemischt?

Gruner: Sie war gar nicht da, sie sah erst die Premiere. Wir haben hier ja schon 2011 „Die Banalität der Liebe“ über Hannah Arendt gemeinsam gemacht, sie vertraut mir also. Dabei habe ich mir erlaubt, eine zweite Zeitebene einzuführen. Ich habe gezittert, ob ihr das genehm ist, ob sie das mag oder nicht.

Liebrecht: Ich mag es sogar sehr. Es gibt der Geschichte eine neue Perspektive.

Gruner: Ich hoffe, dass ich die vielen Familiengeheimnisse, die Frau Liebrecht in ihr Stück eingebaut hat, so inszeniert habe, das es ihm gerecht wird. Es muss Vieles lange im Dunkeln bleiben. Erst im Laufe des Abends muss man die Wahrheit herausbekommen. Und für das Publikum soll spannend sein, nicht nur zu überprüfen, was während dieser Wahrheitsfindung mit den Figuren passiert, sondern auch mit ihnen, den Zuschauern. Das Stück ist ein Albtraum in der Realität.

Liebrecht: Ja, für jeden der Charaktere.

 MM: Wie würden Sie den Inhalt Ihres Stücks jemandem erklären?

Liebrecht: Wie Umstände Menschen binnen kürzester Zeit verändern.

Gruner: Frau Liebrecht hat in Ihren Stücken immer so eine geheime Dramaturgie, Dinge, die nicht ausgesprochen werden, aber unterschwellig da sind. Ich hätte dazu noch einen Schlusssatz, ein wunderbar zarter Erzählstrang: Caveant consules. Sic belli transit novus liberte vitae. Diese Frage „Werden wir nach dem Krieg bessere Menschen sein, wird das Leben neu und frei sein?“ zieht sich durch das ganze Stück. Das ist sagenhaft.

Sonia Mushkat

Ein großartiges Stück, meisterhaft eingerichtet. Michael Gruner macht aus Savyon Liebrechts „Sonia Mushkat“, einem Werk, in dem bereits alles vorhanden ist, noch mehr. Mehr Geheimnis, mehr Grusel, mehr Gemeinheit. Man ahnt bald, da ist was. Aber was? Eine Spitzenleistung. Das liegt zunächst einmal an Gruners sagenhafter Schauspielerführung. Das Zepter der bösen Märchenkönigin gebührt Juliane Gruner. Lupus est Homo Homini. Doch Juliane Gruners Lidia ist ein Kerberos, dessen drei Köpfe Abgehobensein, Uneinsichtigkeit und Hysterie heißen. Und keiner davon lässt sich abschlagen. Nein, da tänzelt sie anmutig über die Keller/Bühne, ganz „gute, alte Zeit“, während oben die Gestapo-Stiefeln trampeln. Einer Grande Dame gerät selbst in Todesgefahr das Leben nicht aus den Fugen. Und wenn? Hunger, Durchfall, Kälte? Müssen die anderen büßen. Die Gruner glänzt in ihrem mittelschwerem Gaga-Gehabe.

Auf den ersten Blick bodenständiger, realitätsbezogener, verantwortungsbewusster, die Situation besser einschätzend wirkt Babett Arens als Paula. Doch auch sie wird sich noch als Aas entpuppen. Lydia Hofmann (die bei den vergangenen Wiener Festwochen den Raum für Anna Maria Krassniggs Inszenierung „Die Kinder von Wien“ www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/ eingerichtet hat) schuf eine mit schwarzem Samt bezogene Tafel. Wie fürs Letzte Abendmahl. Nur mit Kronleuchtern und Kristallkaraffen. Dort darf der dauerbetrunkene Tunichtgutneffe Albert (Dominik Raneburger macht in seiner Rolle gekonnt eine starke Wandlung durch) durchaus mal ins Blüschen der Tante  greifen. Man ist ja unter sich. Und wenn man’s grad braucht. Obwohl: Im Frack sieht sein Fracksausen ganz schön dämlich aus.

Und dann sie: Katharina-Sara Huhn als das vierschrötige Landei. Riesenbusen, Arsch auch nicht ohne. Devot-dämlich. Aber lebensfähig. Sie blüht auf. Nicht nur, weil ihr Albert ein Kind macht. Welch ein Talent! Huhn hat starke Szenen. Etwa, als sie Lidias Pelzmantel nach vollzogenem Verkehr als ihren Besitz fordert. Der Ton wird rauer, Sonia bösartiger. Katharina-Sara Huhn dominiert zum Ende hin das Geschehen. Ein Früchtchen. Nicht weit vom Stamm gefallen.

Gruner gliedert, bricht den Text. Durch Blackouts. Durch Pausen in den Dialogen. Einmal dauert’s 21, 22, 23 …. Sekunden, bis Lidia Paula antwortet. Die Spannung steigt. Die Monster erdenken sich ein Ende in Zeitlupe. Ein Epilog – Sonia in Himmelblau mit Hütchen – zeigt, wie schön doch noch alles geworden ist. Oder geworden wäre? Dazwischen führt Gruner – welch ein Kunstgriff – eine zweite Zeitebene ein. Eine Art „Heute“. Die Geister immer noch im Keller. Lachend darüber, dass die Ausübung eines Terrorregimes nicht den Nazis vorbehalten war. In „Sonia Mushkat“ ist jedes Opfer auch ein Täter. Das nennt man vielschichtig. Applaus an alle Beteiligten.

www.hamakom.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=EYtdw1BfMxs&feature=youtu.be

Wien, 17. 4. 2014

Händels „Amadigi di Gaula“

April 24, 2013 in Klassik

Ein Ritterroman als Zauberoper

6213942293_917996a9a4_bAm 25. April hat am Theater an der Wien Georg Friedrich Händels Oper „Amadigi di Gaula“ Premiere. Inhalt: Amadigi und sein Gefährte Dardano wollen aus dem Zaubergarten der Melissa entfliehen. Die Zauberin aber will den gallischen Ritter für sich gewinnen. Doch Amadigi hat sich in eine andere Frau verliebt. Als er Dardano ein Porträt seiner Angebeteten zeigt, ist dieser entsetzt. Er liebt dieselbe Frau, die schöne Prinzessin Oriana. Melissa hält Oriana in einem Turm gefangen, nur dem stärksten der Helden kann es gelingen, Melissas Prüfungen zu bestehen und Oriana zu befreien. Die Welt der Magie, die in vielen Werken Händels eine bedeutende Rolle spielt, war eigentlich die Domäne der französischen Oper. Die Darstellung des Übernatürlichen verband mythologische mit literarischen Stoffen und entstammte französischen Ritterromanen oder italienischen Versepen. „Amadigi di Gaula“ basiert auf der seltenen Umwandlung eines französischen in ein italienisches Libretto. Händels Librettist verwendete als Vorlage die Tragédie lyrique „Amadis de Grèce“ von Antoine Houdar de la Motte aus dem Jahr 1699, die von André Destouches vertont worden war. Das Epos des Amadis von Gallien beruht auf der Artussage, die Abenteuer des unbesiegbaren Galliers erschienen in vielen Fortsetzungen und Erweiterungen und zählten bis in die Renaissance zu den beliebtesten Ritterromanen Europas.

Händel-Spezialist Alan Curtis bringt die Oper mit dem Orchester Il complesso barocco zu Gehör. Es singen unter anderem: Sonia Prina, Emoke Barath, Roberta Mameli.

www. theater-wien.at

Von Michaela Mottinger

Wien,24. 4. 2013