Sommernachtskomödie Rosenburg: Monsieur Claude und seine Töchter

Juni 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gute-Laune-Abend nach dem gleichnamigen Kinohit

Die Töchter Verneuil: Constanze Passin, Adriana Zartl, Tanja Raunig und Angelika Niedetzky. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Und wieder hat Marcus Ganser einen Komödienhit gelandet. Bei der Sommernachts- komödie Rosenburg zeigt der Regisseur und Bühnenbildner nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Schlafzimmergäste“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt.

Der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit verhandelt werden. Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist Ganser, der diesmal auf ein Bühnenbild aus Puzzlesteinen, die sich ineinander fügen, setzt, vor allem zu danken, indem er die Untiefen des Original-Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen Jahren gedreht und dreht sich immer noch, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Ganser nimmt diese Entwicklungen aufs Korn, und nimmt sie so ernst, dass einem gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihm überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Ganser hat die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Gansers Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich etwas Sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaßes steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer! Ein „illegaler Familieneinwanderer“, wie er sich selbst nennt.

Die Schwiegersöhne: Morteza Tavakoli, Vincent Bueno und Alexander El Dib. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Väter kommen einander näher: Félix Kama und Florentin Groll. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Florentin Groll ist als Monsieur Claude einer der Dreh- und Angelpunkte des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Babett Arens ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Adisat Semenitsch als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Die vier Liebespaare gestalten Constanze Passin, Angelika Niedetzky, Tanja Raunig, Adriana Zartl, Alexander El Dib, Vincent Bueno, Morteza Tavakoli und Tino Führer. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, Wortwitz trifft auf französischen Esprit, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Als Tausendsassa zeigt sich Wolfgang Lesky. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, ungläubig auf die Multikulti-Situation fällt. Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Marcus Ganser freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Und während sich’s auf der Bühne tummelt, muss man sich selbst befragen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

www.sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 6. 2018

Sommernachtskomödie Rosenburg: Schlafzimmergäste

Juli 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Definitiv sind die Männer die Dummen

Stiften Verwirrung in drei Schlafzimmern: Thomas Groß, Daniel Keberle, Martin Oberhauser, Angelika Niedetzky und Elke Winkens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Welches Stück wäre wohl passender für die Sommernachtskomödie Rosenburg als Alan Ayckbourns „Schlafzimmergäste“; Intendantin Nina Blum hat den Text für die diesjährige Saison gut gewählt, nicht nur, weil der Spaßfaktor die Schallmauer durchbricht, sondern auch – und stimmig zum Aristo-Ambiente -, weil der britische Dramatiker gleich Shakespeares „Sommernachtstraum“ vier Paare in die Bredouille bringt. Allerdings in nur drei Betten.

Da sind Irrungen und Wirrungen vorprogrammiert. Inszeniert hat einmal mehr Marcus Ganser, der auf dem Kamptalschloss erneut seine Qualitäten als King of Comedy und als Logistik-Virtuose unter Beweis stellt. Einfach umwerfend: das von ihm erdachte, von allen Seiten einzusehende Bühnenbild, dessen Blaupausenwände sich absenken lassen, um den Blick auf die drei Schlafzimmer freizugeben. Fenster und Türen liegen waagrecht auf dem Boden – und durch sie entschlüpfen die Figuren aus der einen und anderen brenzligen Situation. Dem Programmheft ist zu entnehmen, dass Bagger zwei Tage lang Tunnelsysteme unter der Rundbühne ausgruben, um so die benötigte Unterbühne zu errichten.

Derart liebevoll bis ins Detail arbeitet Ganser aber nicht nur, soweit’s die Optik und den Klipp-Klapp betrifft, sondern auch bei der Anleitung seiner Schauspieler. Ein schönes Highlight der Aufführung: das Ehepaar Babett Arens und Florentin Groll spielt das Ehepaar Delia und Ernest. Die beiden wollen nach einem nur mäßig gelungenen Hochzeitstagessen in erster Linie ihre Ruhe, doch natürlich kann es die nicht geben. Die Arens ist entzückend als angegraute Dame, die versucht, die Sorgen und Nöte einer nächsten Generation zu verstehen, während ihr Eheleben durch Pragmatismus, Stillschweigen über Unaussprechliches und ab und an leise Vorwürfe seit Jahrzehnten wunderbar funktioniert.

Doch die Lacher und die Sympathien des Publikums hat Groll auf seiner Seite. Immer leicht neben der Spur oder die Frühsenilität auch nur vortäuschend, jedenfalls ein Philosoph in Sachen lecker Zimmerdecken – und umwerfend, als er, ob widriger Umstände aus dem kuscheligen Bett ins feuchte Gästebett vertrieben, nach und nach in Fischereiadjustierung erscheint. Groll ist es, der Ayckbournes trockenen Humor und seinen Sarkasmus am besten über die Rampen bringt.

Im Mittelpunkt der Handlung aber stehen Delias und Ernests Sohn Trevor – ein fabelhafter Woody-Allen-artiger Charakter: Daniel Keberle – und seine Autosuggestion praktizierende Ehefrau Susannah. Wie die Mutter meint, hätte der Sohn eine „strapazierfähige, phlegmatische“ Gefährtin gebraucht, doch haben sich hier zwei Beziehungsneurotiker gefunden, die imstande sind, eine ganze Clique in ihre – wie Delia sagt – B.E.T.T.-Probleme zu involvieren.

Ihr Hochzeitstag wird empfindlich gestört: Babett Arens und Florentin Groll. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Und Schuld haben diese beiden Stadtneurotiker: Elke Winkens und Daniel Keberle. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Das ganze Ensemble hat sichtbar Lust auf derlei Tratsch- und Klatschgeschichten. Und geht mit großer Spielfreude an diese heran. Angeführt von Elke Winkens als Susannah und Angelika Niedetzky als Kate, die den ganzen Abend über auf Komödiantinnen-Vollgas fahren. Kate und ihre bessere Hälfte Malcolm feiern nämlich Housewarming Party – und zu der ist neben Susannah und Trevor auch Trevors-Ex Jan eingeladen. Adriana Zartl ist großartig als geduldsstrapazierte Jan, deren aktueller Ehemann Nick mit einem Hexenschuss im Bett bleiben muss. Martin Oberhauser gibt diesen selbstmitleidig und egozentrisch, wunderbar eine Akrobatikeinlage bei Jans Erste-Hilfe-Versuch, während Kate und Thomas Groß als Malcolm – mit mehr als mangelnden Heimwerkerqualitäten – das perfekte Chaos-Paar abgeben.

Klar ist gleich, wer die Hosen anhat; die Niedetzky vor allem, weil aber die Männer irgendwie neben der Welt leben, oder im unpassendsten Moment kindisch sein müssen. Definitiv sind die Männer die Dummen. Ganser setzt auf hohes Tempo und perfektes Timing, und lässt Szenen in den drei Schlafzimmern parallel laufen, um seine von Eifersucht geplagten Liebesphilosophen in Position zu bringen. Es folgt ein Beziehungsdrama bis hin zu Handgreiflichkeiten, vorgetäuschter Sonnenschein und der finale Schlag der Partycrasher.

Susannah und Trevor nämlich haben Kates und Ernstes Party gesprengt; sie flüchtet zu ihren Schwiegereltern Delia und Ernest, er zu Nick und Jan, letztere hat er im Aufruhr der Emotionen auf der Fete gerate erst geküsst. Die Gefühlsspirale dreht sich immer schneller, der Liebeswahn zieht die Schrauben an – und eine schlaflose Nacht später erkennen die Protagonisten, dass ihre Probleme erst da waren, als andere sie gesehen haben. „Schlafzimmergäste“ erzählt von Liebe als einem Virus, der um sich greift, der mit gesundem Menschenverstand aber auch geheilt werden kann. So man denn welchen fände … Großartiger Großstadtboulevard in Niederösterreich!

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 7. 2017

Sommernachtskomödie Rosenburg: Schlafzimmergäste

Mai 7, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Babett Arens, Angelika Niedetzky und Elke Winkens

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Nina Blum, Intendantin Sommernachtskomödie Rosenburg, wagt mit ihrem Team 2017 den berühmten Blick durchs Schlüsselloch, nämlich in die drei Schlafzimmer von Alan Ayckbourns „Schlafzimmergäste“. In die komödiantischen Irrungen und Wirrungen auf der niederösterreichischen Rundbühne stürzen sich Babett Arens, Angelika Niedetzky, Elke Winkens, Adriana Zartl, Florentin Groll, Thomas Groß, Daniel Keberle und Martin Oberhauser.

Premiere ist am 29. Juni, wie Blum bei einem Pressegespräch am Donnerstag verkündete. „Nach dem großen Erfolg von ‚Kalender Girls’ im Sommer 2016 (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21154) erwartet unsere Besucher wieder eine wunderbare Beziehungskomödie: Ayckbourn gewährt witzige und erschreckend vertraute Einblicke in das Beziehungsleben von vier Paaren unterschiedlichen Alters und ihrer konfusen Suche nach dem verlorenen Glück – und das auf höchst vergnügliche Art und Weise“, so Nina Blum. „Das Schlimmste sind die Versuchungen, denen man nicht erliegen kann“, beschreibt es Alan Ayckbourn selbst. Oder anders ausgedrückt: „Die meisten Männer würden ihre bessere Hälfte gerne gegen zwei jüngere Viertel eintauschen.“

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

„Schlafzimmergäste“ wurde in Österreich bislang nur ein einziges Mal gespielt. Regie auf der Rosenburg führt Marcus Ganser, der erklärt: „Es wird ein stürmischer nächtlicher Reigen der Akteure durch diverse Ehebetten, mit unterschiedlichsten Absichten, in verschiedensten Konstellationen. Es geht um Fragen, die sich der eine oder die andere vielleicht auch schon gestellt hat: Würde mich der Partner des Anderen glücklicher machen? Und welche Art von Partnerschaft macht mich überhaupt glücklich?“ In „Bedroom Farce“, so der Originaltitel, enthüllt Ayckbourn die tragisch-komische, alltägliche Sprachlosigkeit von Paaren, die sich oft hinter übertriebener Geschwätzigkeit verbirgt. Und Blum ergänzt: “ Stress kommt in den besten Beziehungen vor. Denn nur wer streitet, kann sich wieder versöhnen. Wie es schon Goethe in seinen ‚Wahlverwandtschaften’ schrieb: Im Ehestand muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man etwas voneinander.”

www.sommernachtskomoedie-rosenburg.at

Wien, 7. 5. 2017

Sommernachtskomödie Rosenburg: Kalender Girls

Juli 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sexy, ein bissl sarkastisch und sehr symphatisch

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Erni Mangold rockt die Rosenburg. Wie sie da steht, die schlanke Silhouette und das lange blonde Haar, und erklärt, man könne dem Alter ein Schnippchen schlagen, indem man’s einfach nicht zur Kenntnis nimmt, hat sie die Herzen des Publikums auf ihrer Seite. Und mit ihrem typischen Charme und ein bissl Sarkasmus auch dessen Lacher. Für sie, die ganz Große, ist dieses Engagement fast ein Heimspiel, sie wohnt nicht weit weg im Kamptal, und mit ihr sind fünf weitere umwerfende Schauspielerinnen die „Kalender Girls“.

Marcus Ganser hat das Stück von Tom Firth, das durch die Verfilmung mit Hellen Mirren 2003 zu Weltruhm kam, für die Sommernachtskomödie Rosenburg von Intendantin Nina Blum inszeniert. Er hat mit seiner vorzüglichen Textfassung Großbritannien ins Waldviertel übersiedelt, die pensionierte Lehrerin, die ehemalige Rockröhre, die viel zu brave Hausfrau und die Golflady, nun langweilt man sich auf dem Lande beim Lions Club, hat die Hadersdorfer Konkurrenz immer hart im Blick und versucht sich, heißt: scheitert am Backen von Lebzelten mit Graumohnmasse. Die Provinz lebt und sie nimmt sich selbst aufs Korn. Dies gern in flüssiger Form, damit die Damen beim Diavortrag ihrer großen Vorsitzenden, „Eine Reise in die Welt des Broccoli“, von James Bond träumen können statt über Kreuzblütengewächse diskutieren zu müssen …

So weit die Komödie. Doch in den luftig-leichten „Kalender Girls“ steckt mehr. Und Ganser versteht es meisterhaft mit diesen leisen, nachdenklichen Tönen den Klamauk zu brechen. Was keine kleine Kunst ist. Die Geschichte ist nämlich eine wahre, der Mann einer der Protagonistinnen erkrankt an Leukämie und stirbt auch daran, und sie will ihm zu Ehren den Aufenthaltsraum für die Angehörigen im Krankenhaus etwas angenehmer gestalten. Ein neues Sofa soll gekauft werden, finanziert durch Spenden, die man durch einen selbst produzierten Kalender einnehmen will. Als Sujets sie und ihre Mitstreiterinnen – nackt. Was freilich für Konflikte sorgen muss, die eine will eigentlich gar nicht, die andere für sich zu viel. „Kalender Girls“ ist ein Plädoyer auf den Wert von Freundschaft und für den Mut, sich mehr zuzutrauen. Jede Frau ist schön, so die Botschaft, und Ganser sagt dazu, dass man sie das auch immer wieder von Neuem wissen lassen muss. Was im Publikum heftig akklamiert wurde, die Herren von so viel Frauenpower sowieso hin und weg.

Elisabeth Engstler und Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Elisabeth Engstler und Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Erwin Ebenbauer und Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Erwin Ebenbauer und Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Die Darstellerinnen schonen sich nicht. Sie sind die subversive Sektion des Charity-Vereins. Geheimnisse werden gelüftet, Tabus fallen, kein Strickknäuel und kein Einweckglas, das nicht gezeigt wird. Nicht umsonst heißt das dazu passende Wort Mutterwitz. Mit der Mangold brillieren Hemma Clementi als tatenkräftige Chris, Konstanze Breitebner als upperclassige, dem Hochprozentigen zugetane Selina und Susanne Brandt als Mauerblümchen Ruth. Und so wie klar ist, dass die sich emanzipieren und ihren untreuen Mann in die Wüste schicken wird, versteht es sich auch, dass Elisabeth Engstler als Caro am Klavier singen und jammen wird, dass es eine Freude ist. Bettina Soriat und Marcus‘ Mama Margot Ganser-Skofic gestalten die Gegenspielerinnen, zweitere die vürnehme Vereinsvorsitzende als Kabinettstückchen und ergo, dies als Scherz gemeint, fast als Konkurrenz zu Erni Mangold.

Und während all die desperaten Hausfrauen noch nicht wissen, dass sie demnächst Pin-ups sein werden, sind da zwei als Liebespaar zu sehen, das die Grenzen von den Lachtränen zu ihren traurigen Geschwistern verschwimmen lässt: Babett Arens als Annie und Erwin Ebenbauer als ihr Jo sind in ihrem Abschied von einander so anrührend, dass es weh tut. Im allgemeinen oben ohne geht Ebenbauer sogar den gewagtesten Schritt, der ehemalige Volkstheaterstar hat seine Haarpracht für eine Krebsglatze geopfert. Zum ersten Mal in seiner langjährigen Laufbahn spielt er kahl. Martin Oberhauser als Krankenpfleger und Fotograf, der nervöser als seine Models ist, komplettiert den fabelhaften Cast.

„Kalender Girls“ entpuppt sich so als perfekte Sommerkomödie für Herz und Hirn. Marcus Ganser beweist, dass britischer Galgenhumor à la Kamptal funktioniert, und dass gelungene Unterhaltung immer auch mit Haltung zu tun hat. In diesem Sinne haben die Rosenburg-Girls einen Kalender für den guten Zweck anfertigen lassen, der in der Premierenpause schon wie frische Rosinenschnecken weg ging.

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

Wien, 1. 7. 2016

Sommernachtskomödie Rosenburg: „Kalender Girls“

April 13, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die britischen Ladys legen nun im Waldviertel ab

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Mittwochvormittag präsentierte Intendantin Nina Blum ihre Pläne für die Sommernachtskomödie Rosenburg. Auch im zweiten Jahr ihrer Leitung setzt sie auf Welttheaterkomödien: Nach Woody Allens „Mittsommernachts-Sex-Komödie“ im Vorjahr stehen heuer Tim Firths „Kalender Girls“ auf dem Spielplan. Premiere ist am 30. Juni.

Bekannt ist das Stück vor allem durch die Verfilmung mit Helen Mirren und Julie Walters aus dem Jahr 2003. „Doch“, so Blum, „die Theaterfassung ist ziemlich anders“. Nicht zuletzt deshalb, weil Regisseur Marcus Ganser die Handlung ins Waldviertel verlegt hat. Blum: „Die ‚Kalender Girls‘ sind nun Damen des Horner Lions Club, denen das Mohnstrudelwettbacken für ihren Zweck nicht mehr ausreichend erscheint.“ Dieser Zweck ist ein guter und hat seinen Ursprung in einer wahren Geschichte. Ein britischer Freundinnenkreis beschloss, Geld für eine Krebsstation zu sammeln, nachdem der Ehemann einer der Protagonistinnen an Leukämie erkrankt war und sie die Krankenhaustristesse für die Patienten ein wenig angenehmer gestalten wollte. Doch Wohltätigkeitsbasare und Selbstgebasteltes bringen nicht genug Spenden ein und so beschließen die Frauen einen Benefizkalender zu gestalten. Und zwar statt der üblichen Tier- und Landschaftsfotos mit sich selber als Motiv. Nackt. Versteht sich, dass das Projekt Pin-up für jede Menge Aufsehen sorgt …

Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Babett Arens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Babett Arens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Elisabeth Engstler. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Elisabeth Engstler. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Auf der Rosenburg tritt eine illustre Darstellerinnenriege zwischen 46 und 89 Jahren zum erotischen Fotoshooting an, allen voran die wunderbare Erni Mangold, die als Wahl-Waldviertlerin auch noch Heimvorteil genießt. Mit ihr stehen Babett Arens, Hemma Clementi, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Elisabeth Engstler auf der Bühne.

Die ORF-Moderatorin feiert in der Rolle der ehemaligen Rocksängern Caro ihr Bühnencomeback. Dafür lernt sie seit zwei Monaten sogar Klavierspielen, „bei einem jungen, feschen Klavierlehrer“, lacht Engstler, die in diesem Zusammenhang auch erzählt, wie das mit dem Ausziehen daheim ankam: „Meine Tochter hat gesagt, halt‘ dir die großen Klaviernoten vor, sonst wird’s peinlich.“

Bettina Soriat spielt eine erbitterte Gegnerin des Kalenders, Marcus Gansers Mutter, Margot Ganser-Skofic, die Vorsitzende des Lions Club. Als Quotenmänner beziehungsweise Hähne im Korb komplettieren Martin Oberhauser als Fotograf und Erwin Ebenbauer das Ensemble. Auch Ebenbauers Figur, der krebskranke Ehemann, wird im Waldviertel eingemeindet, er ist ein Forstbeamter des Nationalparks Thayatal. Den Volkstheaterstar aus der Ära Schottenberg erwartet bei der Sommernachtskomödie eine persönliche Premiere. Er wird wohl seine Haarpracht opfern. „Zum ersten Mal in 40 Bühnenjahren!“ Die Herren Martin Burböck und Oliver Podesser von der steirischen Band „Landluft“ werden für „verjazzte Volksmusik“ sorgen.

Regisseur Ganser hat die Komödie nicht nur mit Pointen aus der englischen Originalfassung aufgepeppt, er ist auch für das Bühnenbild verantwortlich. Auf der von acht Zuschauertribünen umringten 360°-Bühne will er einen Zen-Garten gestalten, „als Symbol für Vergehen und Neuwachsen.“ Ansonsten zeigt er sich furchtlos angesichts der geballten Frauendynamik: „Ich habe schon öfter Inszenierungen mit vielen Kolleginnen gemacht, wenn ich da was nicht verstehe, gehe ich einfach heim – und frage meine Frau.“

Mit den „Kalender Girls“ wird natürlich ein Kalender produziert. Der Erlös geht an ein Frauenprojekt der Krebshilfe.

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

Wien, 13. 4. 2016