Werk X: Der G’wissenswurm

September 23, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und die Tuba bläst der …

Nächtens wird die Tank- zur Tanzstelle: Sebastian Thiers, Katrin Grumeth, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Der Skandal ist, man versteht mit Glück knapp die Hälfte von dem, was Christoph Griesser so von sich gibt, der im „Heiligen Land“ Gebürtige tirolert vor sich hin, wie’s ihm passt – und hintnach reit‘ die Urschl. Seht, sagt Regisseur Harald Posch, ein Steirer, so nah kann’s Fremdsein sein, und lässt seine Schauspieler genüsslich hoamatln. Also in ihren jeweiligen Dialekten nebst einer Anzengruberisch stilisierten Mundart sprechen. Sebastian Thiers sächselt, und ist als „Piefke“ selbstverständlich der Bösewicht im Ganzen.

„Der G’wissenswurm“ mit dem Zusatz „The unintentional end of Heimat“ ist Poschs Stück der Wahl für die Saisoneröffnung im Werk X, und passend zum Spielzeitmotto „Der Preis des Geldes“ geht er auf des Volksdramatikers Spuren dem belasteten Begriff Heimat nach, der Verglorifizierung von Vaterland, Land ist gleich Besitz, Besitz gleich Blut und Boden – „unser“ Blut und Boden.

Doch wird er mit dem unintentional end der Sache ein Schnippchen schlagen. Ludwig Anzengrubers Personal hat Posch in dieser, bis dato einer seiner besten Arbeiten beibehalten. Während das maskierte Publikum seine Plätze

einnimmt, leiert eine Newsroom-Stimme niederösterreichische Wahlergebnisse vom Band, kaum eine Gemeinde mit weniger als 90, gar 100 Prozent für die ÖVP, und wer’s beim Hinsetzen überreißt, lacht schon zum ersten Mal an diesem gewitzten Abend. Das Setting von Daniel Sommergruber zeigt sich als Tankstelle mit Imbissbude, hinten laute Musik und eine kitschexotische Palmentapete, vorne versucht Thiers per Textbuch sich die Auffi, Umi, Außi, Arschlings anzueignen. Eine Übung, die zum Scheitern verurteilt sein muss.

Der Werk-X-Wurm, ganz klar, ist eine als derber Bauernschwank getarnte Sozialsatire, ein perfides Sittenbild ländlicher Strukturen, die Anzengruber-Überschreibung natürlich Werk-X-isch unterwandert von wissenschaftlichen Fremdtexten – aber der Hauptspaß ist, dass das, was hier ein überhöhtes Überdrüber ist, beinah täglich auf ORF2 läuft. Und die Tuba bläst … Groove Master John Sass, nur muss sich der afroamerikanische Weltstar von den farblosen Gscherten, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, ständig stampern lassen. Welch Statement ohne Worte.

Neunzig Minuten lang schreien sich die Schauspieler durch ihre Darstellung, Peter Pertusini sitzt als Grillhofer-Bauer an der Schank, beim x-ten Schnaps, weil Freizeitvergnügen ist hier Saufen und Speiben, auch wenn der Tankwartknecht Wastl aka Christoph Griesser längst nicht mehr kann und will, Katrin Grumeth als Kellnerin Gisela schenkt nach und nach. „Mein Besitz, vastehst!“, grölt Pertusini, die Dienstleut‘ haben dem Herrn über die Promillegrenze zu folgen.

Pertusini dreht auf gegen die Feministinnen und Vegetarier, gegen die Biokasperln und gegens Dorfsterben, Schnäpse für die verweichlichten Jugend-Zuschauer, die Ruabnzuzla, Gisela putzt und putzt, der Wastl liegt vollfett im Häusl – und auftritt Miriam Fussenegger, wer Anzengruber kennt, ahnt: die Horlacher-Lies, hier die fleischgewordene Fußnote und als solche am Mikrophon zuständig fürs Diskursive.

Groove Master Jon Sass. Bild: © Alexander Gotter

Erbschleicher quält Großbauer: Sebastian Thiers als Dusterer und Peter Pertusini  als Grillhofer. Bild: © Alexander Gotter

Der Spuckschutz fürs Publikum: Peter Pertusini, Miriam Fussenegger und Katrin Grumeth. Bild: © Alexander Gotter

Die finale Besitzerin von Blut und Boden ist Halb-Bosn …ah: Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Posch wäre nicht Posch, würde sein philosophisches Über-Ich nicht von Anzengrubers Nachruf-Verfasser Victor Adler bis Adorno reichen, man kommt schier mit dem Zuhören nicht nach, Autoritarismus, Faschismus und die Erich-Fromm‘e-Frage, warum sich Menschen freiwillig einem Führer unterwerfen, oder die von Gartengestalter Werner Bauch 1942 gestellte „Wie grün soll Auschwitz sein?“, als er von Rudolf Höss beauftragt wurde, die Gaskammern und Krematorien durch belaubten Sichtschutz von den Lagerbaracken zu trennen.

NS-Naturschützer als erste Grüne, das ist nur eine der Provokationen, die Posch in petto hat. Doch hinausläuft’s auf das läppisch-neppische Wien-Bashing, Zitat Posch aus dem Programmheft: „Wenn du heute die Zeitung aufschlägst, hast du diese durch nichts begründbare Abneigung gegen das ,rote‘ Wien immer noch eins zu eins am Tisch“, und immer schon mochte ich dieses Flagge-Zeigen des Werk X, gefolgt von einem historischen Abriss Großbauern vs analphabetische Mägde, Knechte, Kleinbauern.

Zweitere wollten die Landagitatoren der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung willkommen heißen, wurden aber, das Volk aufgehetzt von der katholischen Kirche, oft schon am Dorfeingang mit Prügel empfangen. Die Christlichsoziale Partei, damals des Namens so wenig würdig wie heute ihre Nachfolgerorganisation, brauchte das Stimmvieh gegen die Stimmen der Arbeitermasse, und weiter geht’s mit 1934, Bauernbund, Raiffeisen … das ist viel Stoff zum Nachdenken, nicht nur in Österreich zeigt sich bei jeder Wahl der Unterschied im Verhalten ländlicher und urbaner Raum.

Und rote Stadtoberhäupter wie Andreas Babler schaufeln sich mit aller Kraft durch die Schwarzerde, neusprachlich: das Türkisreich. Was braucht’s zum Fremdln die Migranten – außer die Rumäninnen, eine davon Katrin Grumeth als spargelstechende Feldsklavin? Die Parallelgesellschaften leben, sagt Posch, alldieweil auf der Spielfläche der In-Group-Altruismus mit der Out-Group-Diskriminierung eskaliert, der Grillhofer redet sich derart in Rage, eine Publikumsbeschimpfung, dass ihm die Gisela ein Plexiglasfenster als Spuckschutz vorhalten muss – zur Beruhigung gibt’s … Schnaps. Es lebe die toxisch-ländliche Männlichkeit!

Toxische Piesel-Männlichkeit: Christoph Griesser und Peter Pertusini im Kampf ums Klo. Bild: © Alexander Gotter

Stimmung! mit Sebastian Thiers, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Liebe war es nie: Christoph Griesser und die verkleidete Horlacher-Lies, Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Nur eine bangt um den Bauern: Katrin Grumeth als brave Imbissbuden-Magd. Bild: © Alexander Gotter

Zwischenzeitlich hat sich Sebastian Thiers als Schwager Dusterer tief in die nationale Graswurzelarbeit vergraben, Feindbilder: Linke, Künstler, sowieso alles Linke!, die Asylindustrie und Ökohipster, der vom Wastl als zuagraster Heimattreuer beargwöhnte will die völkische Landnahme bei der Übernahme des Besitz‘ des vermeintlich kinderlosen Grillhofer beginnen – aber zu dessen schönsten Sätzen gehört zum Thema Großer Austausch: „A Kopftüchl ham bei uns alle Weibsleut‘ aufg’hobt.“

Der Pertusini macht eine Menge mit, wie ihn der Thiers an die Wand drückt und über den Boden schleift. Beim Räsonieren über die städtischen Owezahrer und Tachinierer, Schwule und Lesben, Demonstierer statt dass Arbeitn gehen, und die Frauen auf der Uni … werden Wastl und der Dusterer doch noch „Kameraden!“ Aber so richtig tumultös wird’s erst, als alle aus der Rolle fallen. Auch das kennt und liebt man am Werk X, das diesmal in der kollektiven Isolation entstandene Miteinander, jeder bringt sich und seine Story ein, Tiroler Griesser, nein, nicht aus Ischgl, schwadroniert über die Marke Heimat, die es vom Speckknödel bis zum Snowboarden, beides unter stahlblauem Himmel, zu schützen gilt.

Bis zum Schluss der Wastl nur noch bei allem „Dagegen!“ sein kann, vor allem „Das Virus! Dagegen!“, und der Grillhofer mit gellender Stimme immer wieder „Mein Besitz!“ skandiert. Ende gut, alle entfesselt! Ende gut – nein, „mein Besitz“ – nein, denn als uneheliches Kind ex machina erscheint die Horlacher-Lies, eine sexy Sünde, einstmals mit der Magd Magdalen, die nun ihr Recht beansprucht. Das ist die Saat, die aus dem Erbgut aufging, und sie ist, nicht wie‘s der Dusterer versteht, eine halbe Bosna, sondern …

Und die Moral von der Geschicht‘, Muslime fürchten muss man nicht. Poschs Ensemble zerbirst geradezu vor Spiellust, während es sich an dessen inszenatorischen Einfällen und den subtilen Tauchgängen in die Untiefen der Gegenwart delektiert. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lachten sich in Grund und Boden, so amüsant, gescheit, zeitgenössisch, zynisch kann Anzengruber sein, wenn man einmal mit dem Staubtüchl drüber geht. Bravo: Für die Idee, die Umsetzung und an alle Beteiligten. Meidling ist einmal mehr eine Reise wert!

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=sxDhBr_tmiQ

  1. 9. 2020

Werk X: Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)

Dezember 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Kämpferische Politaktivistin trifft auf sangesfreudige Gewerkschaftsjugend: Michaela Bilgeri und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und

deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll. Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall.

Susi Stach als Trude, Peter Pertusini, Julia Schranz, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl mit Olga: Julia Schranz, Peter Pertusini, Susi Stach, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Thomas Kolle als Projektion, vorne: Julia Schranz, Susi Stach, Peter Pertusini und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Wie sich die Bilder gleichen, wird dem Publikum mal mittels TV-Ausschnitten vom Maiaufmarsch, mal mit Quizfotos höchst amüsant vor Augen geführt, die Kanzlerparade Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, und daneben immer: es-kann-nur-einen-geben Michael Häupl. Die Saga beginnt im April 1945, Olga Blaha ist hochschwanger, ihr Mann Karl nach wie vor, da illegaler Sozialist, mit einer Strafkolonne verschollen. Julia Schranz spielt Olga, Peter Pertusini Karl. Susi Stach ist Trude Fiala, die ebenfalls auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, während ihr Johnny Mhanna als politisch uninteressierter Albin Roemer den Hof macht, und weil Thomas Kolle in die Rolle von Olgas im Krieg einbeinig geschossenen Bruder Kurt Swoboda schlüpft, ist klar, dass das Ganze sehr körperlich ist.

Die Schauspieler nähern sich der Bewegung über die Bewegung, das Bühnenbild von Daniel Sommergruber gilt es für sie erst zusammenzubasteln, und von Sakkos bis Sporthosen ist rot, rot, rot ihre liebste Farbe. Köpping zeigt das Politische im Privaten wie umgekehrt, die vor kurzem noch Widerstandskämpferin Trude Susi Stachs rechtet mit Kolles Kurt, dem gesinnungsmäßig geweglichen Parteifunktionär, Kolle, der im behänden Tanzschritt „harte Standpunkte“ auflösen will. Zu Recht fühlt sich die Basis gefoppt, „Koalitionen mit rechts werden immer rechts“, sagt Trude. In der Geräuschkulisse von Maschinengewehrsalven läuft Karl ohne vom Fleck zu kommen, aber am Ende doch nach Hause. Mit ihm hat der Flügel der Revolutionären Sozialisten eine Stimme mehr gegen die Sozialdemokraten. „Es sind ja noch gar nicht alle da, viele von uns sind noch im Exil oder im KZ, die müssen wir zurückholen“, sagt die Schranz wieder und wieder.

Ohne gehört zu werden. Zu Karls Fronttrauma kommt Trudes Sicht auf den Tod als Trost, Zukunftsangst wird mit Euphorie übertüncht, Filmszenen werden mit dem Bühnengeschehen überschnitten, etwa, wenn Schranz und Pertusini die Zigarettenreichung von Annette Uhlen an Helmut Berger mitgestalten, da wird die intime Filmsequenz zur kunstreichen Geste. Schön auch, wie das Anfragen bei den Sowjets um Plakatpapier in einer babylonischen Sprachverwirrung gipfelt, Johnny Mhanna, der sich zwischen den Alliiertensprachen Russisch, Englisch, Französisch verrennt – und kein Ausweg nirgendwo. So wird’s nichts mit dem Sozialismus, merkt man bald. Köpping hat den Konflikt der revolutionären und der reformistischen Kräfte in den Mittelpunkt seiner Handlung gerückt, mit heutigen Kommentaren kontrastiert, und um Specials wie eine Live-Kamera aufgepeppt.

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Endlich bei Brigitte Bardot: Erika Deutinger, Martina Spitzer, Karl Ferdinand Kratzl und Michaela Bilgeri. Bild: © Alexander Gotter

Tanzen statt debattieren: Bilgeri, Kratzl, Spitzer, Deutinger, Groll und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Sie projiziert die Streitereien überlebensgroß auf die Hinterwand, der „gesunde Opportunist“ Kurt wird als Paktierer mit dem Klassenfeind aus dem Freundeskreis vertrieben, Trude und Albin finden einander beim „Wiener-Blut“-Walzer, und zum Schluss, wenn fertig gewerktätigt ist, werden die überdimensionalen 1.-Mai-Lettern aufgestellt und „Aufmarsch“ nachgeahmt. In alten Wochenschau-Aufnahmen marschiert Schärf samt Gefolge vor Menschenmassen, der Achtstundentag wurde von links eingeführt, von rechts ohne Gegenwehr abgeschafft, und Kurt Palm lässt seine Protagonisten nun polemisieren, die rote Zukunft sei eine tote Zukunft.

Der „Monster“-Autor (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

Das 1.-Mai-Bühnenbild ist zusammengebastelt und steht: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ oder säuselt „Je t’aime“. Immerhin rollt keine Geringere als Erika Deutinger als Brigitte Bardot durchs Szenario, die „Gitti“, geoutet als Front-National-

Sympathisantin und Islam-Hasserin, die hier Stofftiere füttert und ihren Ennui mit Champagner vertreiben will. Die Deutinger im Glitzerkleidchen ist vom Feinsten, und so auch Martina Spitzer als „Bienenkönigin“ Heddi Prießnitz. Die in ihrem Zitate-Quiz Aussagen von SPÖ-Kanzlern, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, als Unwahrheiten enttarnt, bis es nicht mehr verwundert, dass sich der Gemeindebau in FPÖ- und Nichtwähler gespalten hat. Der stolze Proletarier ist nur noch stumpfer Prolet, und während sich unheilige Allianzen bilden, ist jeder vierte Österreicher für einen starken Führer. Zustände sind im Land, die diese Doppelaufführung, diesen Mix aus Überprüfung und Persiflage, Defätismus und Zweckoptimismus dringend notwendig machen.

„Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)“ ist ein Workout für Lachmuskeln und Gehirnzellen. Gut so. Am 16. Jänner haben Folge 3 & 4 Premiere, Regie führen dann Martina Gredler und Bernd Liepold-Mosser.

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g

  1. 12. 2019

Werk X: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Februar 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feuer frei auf die Fake News!

Slapstick mit Staatsanwalt: Jennifer Frank als Katharina Blum, Peter Pertusini als Ankläger Hach, Daniel Wagner und Sören Kneidl als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Bild: © Alexander Gotter

Der Schluss ist schockierend, genau genommen skandalös, doch scheint Regisseur Harald Posch der Meinung zu sein, dass man die von ihm als solche ausgeforschten Skandalblätter der Republik nicht mit Samthandschuhen anfassen zu braucht. Und so lässt er die Schauspieler deren führende Köpfe als Schießscheiben aufstellen, heißt: deren Fotos unterm Fadenkreuz, und dem Publikum eine Pistole anbieten. Einmal abdrücken gefällig? Feuer frei auf die Fake News!

Gestern verhalf der künstlerische Leiter des Werk X ebendort Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zur Theaterpremiere. Es war der Tag, an dem in Bratislava 30.000 Menschen der Ermordung des slowakischen Investigativ-Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnírová vor genau einem Jahr gedachten, und Kuciak kommt an diesem Abend auch vor. Ebenso die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia, die wie er korrupten Politikern auf der Spur war. Solcherart befördert Posch Bölls von ihm selbst so genanntes Pamphlet in die Aktualität – mit dem angriffigen Hinweis, dass es stets nur die guten unter den Berichterstattern sind, die ein gewaltsames Ende finden.

Vieles gilt es zu bereinigen: Wiltrud Schreiner, Daniel Wagner und Sören Kneidl im Verhörraum. Bild: © Alexander Gotter

Saubermachen nach dem „Blutbad“: Wiltrud Schreiner als Else Woltersheim und Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

„Katharina Blum“, eine Provokation, das war der Text schon im Erscheinungsjahr 1974, ein literarisches Anprangern des Axel-Springer-Verlags in Form einer fiktiven ZEITUNG, eine „Hetz-Maschine“, so Posch im Gespräch, von der es hierzulande derzeit sogar drei gebe. Diesem Propagandaboulevard kommt die Inszenierung mit Poschs probaten Mitteln der Groteske und des sarkastischen Humors bei. Das Spieltempo ist hoch, auf Schnellsprech folgt Slapstick, auf intellektuelle Debatten über rohe Bürgerlichkeit vs Bürgertum der blanke Irrsinn, die Raumtemperatur ist in etwa die der britischen „Carry-On“-Filme.

Als Katharina Blum ist erstmals am Haus Jennifer Frank zu sehen, und sie gestaltet die Titelrolle intensiv, changierend zwischen gedemütigt und verletzt, dann plötzlich aufbegehrend und stark; sie singt auch wunderbar anrührend Nick Caves „Henry Lee“. Rund um Frank geben Wiltrud Schreiner, Sören Kneidl, Peter Pertusini und Daniel Wagner unzählige der Böll-Figuren. Trude und Hubert Blorna, dessen Satz „Katharina ist eine sehr kluge und kühle Person“ von der ZEITUNG als „eiskalt und berechnend“ falsch zitiert wird, Alois Sträubleder, Else Woltersheim …

Daniel Wagner und Sören Kneidl sind großartig als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Allein mit einer akrobatischen erst Fuß-, dann Kopf-im-Kübel-Nummer schenken sie sich nichts, die Symbolik selbsterklärend – die beiden haben sich in ihrem Ermittlungsunsinn verfangen, und auch ihr „Zugriff“ auf Katharinas Badezimmer ist brüllend komisch. Wagner macht außerdem den rücksichtslosen Reporter Werner Tötges zum Horst-Schlämmer-Lookalike, Sören Kneidl mit Gitarre und Kapuzenhoodie den Ludwig Götten. Der gebündelte Wahnsinn findet in den Kostümen und auf der Drei-Ebenen-Bühne von Daniel Sommergruber statt, oben Katharinas Nasszelle, in der Mitte der Verhörraum, unten das Domizil der Blornas, dazu die obligate Leinwand für Live-Großaufnahmen. Die Story, die Posch in diesem Setting schildert, ist folgende: Die Blum hat auf einer Party Ludwig kennengelernt und mit nach Hause genommen. Am nächsten Tag stürmt die Polizei ihre Wohnung, auf der Suche nach dem „Staatsgefährder“, der im „Asylbusiness“ tätig sein soll.

Klar weist sich Poschs Blum gegenüber ihrer Tante Else, dargestellt von Wiltrud Schreiner, als Ludwigs Verlobte aus, klar weist sie Staatsanwalt Hach, ihn spielt Peter Pertusini, beide zusammen auch das Ehepaar Blorna, wegen seiner Begriffsungenauigkeit zurecht. Zärtlich ist nicht zudringlich, Ludwig war das eine, andere Männer sind das andere. Und während derart die Auswüchse der Post-Truth-Ära, Bot-Armeen und die Cambridge Analytica verhandelt werden, Katharinas schwerkranker Mutter das Wort im Mund umgedreht und auch ihr Ex-Ehemann zur Causa befragt wird, lässt Posch die gegenseitige Anbiederung der Medien und der Macht in einer Fellatio gipfeln oder eine Innenministermaske in Strapsen und High Heels tänzeln. Bölls angedachter Selbstmord der Blum wird zum zornigen Blutbeutelwerfen im Bad.

Die gegenseitige Anbiederung von Macht und Medien wird bald in einer Fellatio gipfeln: Peter Pertusini und Sören Kneidl, hinten: Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

Das alles im Turbogang, der 90 Minuten lang nicht runtergeschaltet wird, mit Schauspielern, die ohne Selbstschonung Schwerstarbeit leisten. Und mitten in deren Waffengang gegen – um Hannah Arendt wiederzugeben – das Wahrlügen entwirft Jennifer Frank eine Grafik der „Eigentümer österreichischer Medien“. Es sind weniger als eine Handvoll, und jeder mit jedem auf Umwegen verbandelt, 49.44 Prozent da, 50.56 Prozent dort.

Da ist man doch froh, dass man zu hundert Prozent nur sich gehört. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ am Werk X ist eine explosive Aufführung, deren Spreng-Stoff beim nächsten Zur-Hand-Nehmen einer ZEITUNG hoffentlich bedacht werden wird.

Harald Posch im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32038

werk-x.at

  1. 2. 2019

Sommerspiele Melk: Luzifer

Juni 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Teufel schlägt Gott k.o.

Im Pandämonium: Max Niemeyer, Sigrid Brandstetter, Sophie Prusa, Kajetan Dick, Helmut Bohatsch, Katharina Dorian, Jan Hutter und Christian Kainradl. Bild: Daniela Matejschek

Im Jahr 1600 entwarf der deutsche Theosoph Jacob Böhme in seiner Schrift „Aurora“ eine mystische Kosmogonie, in der Gott in sich sowohl das Helle wie das Dunkle birgt. Für Böhme ist die Gestalt des Bösen eine reale Macht, deren eigentlicher Zweck es ist, als Gottes Werkzeug dessen Herrlichkeit zu offenbaren. Ein ähnliches Licht-Finsternis-Prinzip entfaltet nun Bestsellerautor Bernhard Aichner, der für die Sommerspiele Melk das Auftragswerk „Luzifer“ verfasste.

In der bewährten Regie von Intendant Alexander Hauer bleibt der Text des Thrillerschreibers genau dieses, ein spannendes, hochphilosophisches Stück, dem es auch nicht an Witz mangelt. Luzifer also lädt Gott zu einer Vorstellung seines „Theater des Bösen“ um die ewig schwelenden Konflikte zwischen ihnen auszutragen. Noch nagt am Höllenfürst der Sturz in ebendiese, er findet es ungerecht und falsch für alles Unrecht dieser Welt verantwortlich gemacht zu werden. Im Pandämonium inszeniert er Szenen, hinterfragt die Motive seiner Darsteller, dirigiert – so scheint’s – und komponiert. Auf der fulminanten Bühne von Daniel Sommergruber, die vom abgewetzten Lehnstuhl bis zum Autowrack eine Müllhalde der menschlichen Geschichte zeigt, erscheinen Mordgestalten von Iwan dem Schrecklichen bis Idi Amin, von Mao bis König Leopold II. von Belgien, aber auch Lynndie England, die Todesengel von Lainz oder Marc Dutroux fehlen nicht.

Derart entspinnt sich ein Disput, wer das Böse in die Welt gebracht hat. Kajetan Dick gibt im schwarzen Nadelstreif einen überkandidelt-verbissenen „Spielverderber“, Helmut Bohatsch im weißen einen unsympathisch-selbstverliebten Allwissenden. Unterstützt werden die beiden von Sophie Prusa, Sigrid Brandstetter, Katharina Dorian, Jan Hutter, Christian Kainradl und Max Niemeyer, die als Gegenspieler Gottes in jeweils mehrere Rollen schlüpfen – und doch von diesem so manipuliert werden, dass am Ende jeder Episode dessen Wille geschehe.

Der Chor „Bühne Frei!“ gestaltet Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach. Bild: Daniela Matejschek

Manipulieren die Menschen: Helmut Bohatsch als Gott und Kajetan Dick als Luzifer. Bild: Daniela Matejschek

Viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken gibt es da, wenn die Themen Missgunst, Neid, Ignoranz, Wut verhandelt werden. Immer wieder inszeniert Luzifer sein eigenes Schicksal, der großartige Chor „Bühne Frei!“ gestaltet etwa Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach, doch als der Teufel sieht, wie ausweglos sein Unterfangen ist, schlägt er kurzerhand Gott k.o. Schließlich bleibt den beiden Fädenziehern nichts, als sich an den dritten Spieler zu wenden, die Menschen, heißt hier: das Publikum, das nun befragt wird, an wen es glaubt und wen es für das eigene Tun verantwortlich machen möchte. Gespielt wird dazu eine Szene über Ehebruch, und die Zuschauer sollen entscheiden, welches Ende ihnen besser gefällt.

Dieser Teil nach der Pause entpuppt sich als schwächer als der erste, vor allem auch, weil der Ausgang des Wettstreits nur „gedacht“ werden soll. Es wäre spannend gewesen, eine tatsächliche Abstimmung mitzumachen, um zu sehen wie das Match um Verantwortung und Schuld, Macht und Moral, Manipulation und Mündigkeit ausgeht. Apropos: Nicht alles an diesem Abend geht sich aus, einiges zerfasert in seiner Vieldeutigkeit oder franzt an den Rändern aus. Dennoch ist es höchst vergnüglich an Aichners ironischen Andeutungen die eigene Weltanschauung zu überprüfen. Man wird feststellen, wie auf der Bühne kommt da manches Paradox heraus.

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 6. 2018

Bronski & Grünberg: Richard III.

Oktober 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mordsspaß mit dem Monster

Sympathy for the Devil: Josef Ellers macht aus Richard III. einen charmanten Verführer. Bild: © Philine Hofmann

Es gibt viele gute Gründe, warum Shakespeare-Aficionados sich die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg nicht entgehen lassen dürfen, und es gibt einen sehr guten Grund – namens Josef Ellers. Der 29-jährige Klagenfurter gibt einen „Richard III.“ wie ihn sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Verschmitzt, falsch und verräterisch, um Verständnis, ja um Mitleid heischend, da unschuldig „ums schöne Ebenmaß verkürzt“, und mehr als gewillt, den Dreckskerl aufzuführen. Das Ziel heißt Krone, dafür werden Kollateralschäden in Kauf genommen.

Ellers wischt alle möglichen Vorbilder, die Wien schon gesehen hat, scheint’s unbekümmert aus dem Blickfeld. Er macht auf charmanter Manipulator, und buckelt dabei im Wortsinn wie ein treuer Diener des Staates; statt A-part-Sprechen setzt er aufs Beiseitegrinsen, macht sich so das Publikum zum Komplizen, und tatsächlich, man hat Sympathien für diesen gerissenen Teufel. Der hat Witz, der hat Charisma, man hat einen Mordsspaß mit dem Monster. Und endlich einen Richard, bei dem verständlich ist, warum die diversen Witwen der von ihm Gemeuchelten auf ihn fliegen …

Helena Scheuba ist als Regisseurin und Übersetzerin für diese tadellose Inszenierung verantwortlich, mit der das Bronski & Grünberg seine zweite Saison eröffnete. Auf der Rückwand hat Bühnenbildner Daniel Sommergruber den „Schummelzettel“ angebracht, die Stammbäume der Geschlechter Lancaster und York. Auf einen Blick erklärt sich wer mit oder warum gegen wen, während Richard, das rote Farbkübelchen in der Krüppelhand, blutrünstig und mit Malerpinsel die Namen derer streicht, die er bereits gefällt hat. Ganz am Rande steht – Richmond, und darunter hängt sein Schwert.

Elizabeth schwört ihre Verbündeten ein: Johanna Rehm mit Sophie Aujesky und David Jakob. Bild: © Philine Hofmann

Schwarze Tränen und Verwünschungen für Richard: David Jakob als Königin Margaret. Bild: © Philine Hofmann

Wie überhaupt jeder Figur eine Requisite zugeteilt ist. Sophie Aujesky, Johanna Rehm und David Jakob nehmen sie von den jeweiligen Haken, verwandeln sich blitzschnell in den nächsten Charakter. Das tolle Dreiergespann schlüpft in alle weiteren Rollen, stattet zwei Dutzend Nebenfiguren mit oder ohne Rückgrat, mit übler Gesinnung oder nobler Haltung aus – ob Mann oder Frau ist egal. Und so ist Sophie Aujesky unter anderem ein großartig wütender Eduard, ein ehrenwerter Lord Hastings und eine angewiderte und dennoch leicht um den Finger gewickelte Anne (deren Name auf der Wand entsprechend die Seiten wechselt).

David Jakob brilliert vor allem als Richards Mann fürs Grobe, Buckingham, und als parzenhafte, schwarze Tränen weinende Königin Margaret. Außerdem ist er der im Tower ermordete Bruder George. Johanna Rehm ist eine verzweifelt rasende Elizabeth, ein angstvoller Stanley, und schließlich der ruhmreiche Richmond – inklusive beeindruckendem Schwertkampf mit Ellers‘ Richard. Rehm und Aujesky können auch ihre Slastickqualitäten ausspielen, sei’s als tollpatschige gedungene Mörder, in dieser Szene ist Scheubas Arbeit echtes Shakespeare’sches Volkstheater, oder als präpotent aufsässiges Prinzenpaar, zwei echte Früchtchen, die den Onkel wegen seiner Behinderung verspotten. Ihre Abschlachtung markiert Aujesky als mit dem Feuerzeug spielender Tyrell einfach, indem sie ihre Papierkrönchen anzündet. Zwischen solch symbolhaften, mitunter trashigen Szenen läuft Popmusik zu Liebe, Macht, Schuld.

Am Ende ihrer Politikeransprachen, dem Verbalduell Richard vs Richmond, folgt der Waffengang, Richards Name der letzte, der von den Siegern genussvoll gestrichen wird. Zweieinhalb Stunden dauert die Aufführung im Bronski & Grünberg, jede Minute davon spannend. Als nächstes will das Team um Kaja Dymnicki und Alexander Pschill mittels Crowdfunding einen „Rigoletto“ auf die Beine stellen. Von „Richard III.“ gibt es noch zehn Vorstellungen bis 10. Dezember.

www.bronski-gruenberg.at

5. 10. 2017

Der todkranke Eduard wütet über Richards Ränkespiel: Sophie Aujesky mit Johanna Rehm. Bild: © Philine Hofmann

Buckingham macht sich zu Richards Handlanger: David Jakob und Josef Ellers. Bild: © Philine Hofmann