Werk X: Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)

Dezember 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Kämpferische Politaktivistin trifft auf sangesfreudige Gewerkschaftsjugend: Michaela Bilgeri und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und

deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll. Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall.

Susi Stach als Trude, Peter Pertusini, Julia Schranz, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl mit Olga: Julia Schranz, Peter Pertusini, Susi Stach, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Thomas Kolle als Projektion, vorne: Julia Schranz, Susi Stach, Peter Pertusini und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Wie sich die Bilder gleichen, wird dem Publikum mal mittels TV-Ausschnitten vom Maiaufmarsch, mal mit Quizfotos höchst amüsant vor Augen geführt, die Kanzlerparade Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, und daneben immer: es-kann-nur-einen-geben Michael Häupl. Die Saga beginnt im April 1945, Olga Blaha ist hochschwanger, ihr Mann Karl nach wie vor, da illegaler Sozialist, mit einer Strafkolonne verschollen. Julia Schranz spielt Olga, Peter Pertusini Karl. Susi Stach ist Trude Fiala, die ebenfalls auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, während ihr Johnny Mhanna als politisch uninteressierter Albin Roemer den Hof macht, und weil Thomas Kolle in die Rolle von Olgas im Krieg einbeinig geschossenen Bruder Kurt Swoboda schlüpft, ist klar, dass das Ganze sehr körperlich ist.

Die Schauspieler nähern sich der Bewegung über die Bewegung, das Bühnenbild von Daniel Sommergruber gilt es für sie erst zusammenzubasteln, und von Sakkos bis Sporthosen ist rot, rot, rot ihre liebste Farbe. Köpping zeigt das Politische im Privaten wie umgekehrt, die vor kurzem noch Widerstandskämpferin Trude Susi Stachs rechtet mit Kolles Kurt, dem gesinnungsmäßig geweglichen Parteifunktionär, Kolle, der im behänden Tanzschritt „harte Standpunkte“ auflösen will. Zu Recht fühlt sich die Basis gefoppt, „Koalitionen mit rechts werden immer rechts“, sagt Trude. In der Geräuschkulisse von Maschinengewehrsalven läuft Karl ohne vom Fleck zu kommen, aber am Ende doch nach Hause. Mit ihm hat der Flügel der Revolutionären Sozialisten eine Stimme mehr gegen die Sozialdemokraten. „Es sind ja noch gar nicht alle da, viele von uns sind noch im Exil oder im KZ, die müssen wir zurückholen“, sagt die Schranz wieder und wieder.

Ohne gehört zu werden. Zu Karls Fronttrauma kommt Trudes Sicht auf den Tod als Trost, Zukunftsangst wird mit Euphorie übertüncht, Filmszenen werden mit dem Bühnengeschehen überschnitten, etwa, wenn Schranz und Pertusini die Zigarettenreichung von Annette Uhlen an Helmut Berger mitgestalten, da wird die intime Filmsequenz zur kunstreichen Geste. Schön auch, wie das Anfragen bei den Sowjets um Plakatpapier in einer babylonischen Sprachverwirrung gipfelt, Johnny Mhanna, der sich zwischen den Alliiertensprachen Russisch, Englisch, Französisch verrennt – und kein Ausweg nirgendwo. So wird’s nichts mit dem Sozialismus, merkt man bald. Köpping hat den Konflikt der revolutionären und der reformistischen Kräfte in den Mittelpunkt seiner Handlung gerückt, mit heutigen Kommentaren kontrastiert, und um Specials wie eine Live-Kamera aufgepeppt.

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Endlich bei Brigitte Bardot: Erika Deutinger, Martina Spitzer, Karl Ferdinand Kratzl und Michaela Bilgeri. Bild: © Alexander Gotter

Tanzen statt debattieren: Bilgeri, Kratzl, Spitzer, Deutinger, Groll und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Sie projiziert die Streitereien überlebensgroß auf die Hinterwand, der „gesunde Opportunist“ Kurt wird als Paktierer mit dem Klassenfeind aus dem Freundeskreis vertrieben, Trude und Albin finden einander beim „Wiener-Blut“-Walzer, und zum Schluss, wenn fertig gewerktätigt ist, werden die überdimensionalen 1.-Mai-Lettern aufgestellt und „Aufmarsch“ nachgeahmt. In alten Wochenschau-Aufnahmen marschiert Schärf samt Gefolge vor Menschenmassen, der Achtstundentag wurde von links eingeführt, von rechts ohne Gegenwehr abgeschafft, und Kurt Palm lässt seine Protagonisten nun polemisieren, die rote Zukunft sei eine tote Zukunft.

Der „Monster“-Autor (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

Das 1.-Mai-Bühnenbild ist zusammengebastelt und steht: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ oder säuselt „Je t’aime“. Immerhin rollt keine Geringere als Erika Deutinger als Brigitte Bardot durchs Szenario, die „Gitti“, geoutet als Front-National-

Sympathisantin und Islam-Hasserin, die hier Stofftiere füttert und ihren Ennui mit Champagner vertreiben will. Die Deutinger im Glitzerkleidchen ist vom Feinsten, und so auch Martina Spitzer als „Bienenkönigin“ Heddi Prießnitz. Die in ihrem Zitate-Quiz Aussagen von SPÖ-Kanzlern, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, als Unwahrheiten enttarnt, bis es nicht mehr verwundert, dass sich der Gemeindebau in FPÖ- und Nichtwähler gespalten hat. Der stolze Proletarier ist nur noch stumpfer Prolet, und während sich unheilige Allianzen bilden, ist jeder vierte Österreicher für einen starken Führer. Zustände sind im Land, die diese Doppelaufführung, diesen Mix aus Überprüfung und Persiflage, Defätismus und Zweckoptimismus dringend notwendig machen.

„Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)“ ist ein Workout für Lachmuskeln und Gehirnzellen. Gut so. Am 16. Jänner haben Folge 3 & 4 Premiere, Regie führen dann Martina Gredler und Bernd Liepold-Mosser.

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g

  1. 12. 2019

Werk X: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Februar 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feuer frei auf die Fake News!

Slapstick mit Staatsanwalt: Jennifer Frank als Katharina Blum, Peter Pertusini als Ankläger Hach, Daniel Wagner und Sören Kneidl als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Bild: © Alexander Gotter

Der Schluss ist schockierend, genau genommen skandalös, doch scheint Regisseur Harald Posch der Meinung zu sein, dass man die von ihm als solche ausgeforschten Skandalblätter der Republik nicht mit Samthandschuhen anfassen zu braucht. Und so lässt er die Schauspieler deren führende Köpfe als Schießscheiben aufstellen, heißt: deren Fotos unterm Fadenkreuz, und dem Publikum eine Pistole anbieten. Einmal abdrücken gefällig? Feuer frei auf die Fake News!

Gestern verhalf der künstlerische Leiter des Werk X ebendort Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zur Theaterpremiere. Es war der Tag, an dem in Bratislava 30.000 Menschen der Ermordung des slowakischen Investigativ-Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnírová vor genau einem Jahr gedachten, und Kuciak kommt an diesem Abend auch vor. Ebenso die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia, die wie er korrupten Politikern auf der Spur war. Solcherart befördert Posch Bölls von ihm selbst so genanntes Pamphlet in die Aktualität – mit dem angriffigen Hinweis, dass es stets nur die guten unter den Berichterstattern sind, die ein gewaltsames Ende finden.

Vieles gilt es zu bereinigen: Wiltrud Schreiner, Daniel Wagner und Sören Kneidl im Verhörraum. Bild: © Alexander Gotter

Saubermachen nach dem „Blutbad“: Wiltrud Schreiner als Else Woltersheim und Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

„Katharina Blum“, eine Provokation, das war der Text schon im Erscheinungsjahr 1974, ein literarisches Anprangern des Axel-Springer-Verlags in Form einer fiktiven ZEITUNG, eine „Hetz-Maschine“, so Posch im Gespräch, von der es hierzulande derzeit sogar drei gebe. Diesem Propagandaboulevard kommt die Inszenierung mit Poschs probaten Mitteln der Groteske und des sarkastischen Humors bei. Das Spieltempo ist hoch, auf Schnellsprech folgt Slapstick, auf intellektuelle Debatten über rohe Bürgerlichkeit vs Bürgertum der blanke Irrsinn, die Raumtemperatur ist in etwa die der britischen „Carry-On“-Filme.

Als Katharina Blum ist erstmals am Haus Jennifer Frank zu sehen, und sie gestaltet die Titelrolle intensiv, changierend zwischen gedemütigt und verletzt, dann plötzlich aufbegehrend und stark; sie singt auch wunderbar anrührend Nick Caves „Henry Lee“. Rund um Frank geben Wiltrud Schreiner, Sören Kneidl, Peter Pertusini und Daniel Wagner unzählige der Böll-Figuren. Trude und Hubert Blorna, dessen Satz „Katharina ist eine sehr kluge und kühle Person“ von der ZEITUNG als „eiskalt und berechnend“ falsch zitiert wird, Alois Sträubleder, Else Woltersheim …

Daniel Wagner und Sören Kneidl sind großartig als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Allein mit einer akrobatischen erst Fuß-, dann Kopf-im-Kübel-Nummer schenken sie sich nichts, die Symbolik selbsterklärend – die beiden haben sich in ihrem Ermittlungsunsinn verfangen, und auch ihr „Zugriff“ auf Katharinas Badezimmer ist brüllend komisch. Wagner macht außerdem den rücksichtslosen Reporter Werner Tötges zum Horst-Schlämmer-Lookalike, Sören Kneidl mit Gitarre und Kapuzenhoodie den Ludwig Götten. Der gebündelte Wahnsinn findet in den Kostümen und auf der Drei-Ebenen-Bühne von Daniel Sommergruber statt, oben Katharinas Nasszelle, in der Mitte der Verhörraum, unten das Domizil der Blornas, dazu die obligate Leinwand für Live-Großaufnahmen. Die Story, die Posch in diesem Setting schildert, ist folgende: Die Blum hat auf einer Party Ludwig kennengelernt und mit nach Hause genommen. Am nächsten Tag stürmt die Polizei ihre Wohnung, auf der Suche nach dem „Staatsgefährder“, der im „Asylbusiness“ tätig sein soll.

Klar weist sich Poschs Blum gegenüber ihrer Tante Else, dargestellt von Wiltrud Schreiner, als Ludwigs Verlobte aus, klar weist sie Staatsanwalt Hach, ihn spielt Peter Pertusini, beide zusammen auch das Ehepaar Blorna, wegen seiner Begriffsungenauigkeit zurecht. Zärtlich ist nicht zudringlich, Ludwig war das eine, andere Männer sind das andere. Und während derart die Auswüchse der Post-Truth-Ära, Bot-Armeen und die Cambridge Analytica verhandelt werden, Katharinas schwerkranker Mutter das Wort im Mund umgedreht und auch ihr Ex-Ehemann zur Causa befragt wird, lässt Posch die gegenseitige Anbiederung der Medien und der Macht in einer Fellatio gipfeln oder eine Innenministermaske in Strapsen und High Heels tänzeln. Bölls angedachter Selbstmord der Blum wird zum zornigen Blutbeutelwerfen im Bad.

Die gegenseitige Anbiederung von Macht und Medien wird bald in einer Fellatio gipfeln: Peter Pertusini und Sören Kneidl, hinten: Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

Das alles im Turbogang, der 90 Minuten lang nicht runtergeschaltet wird, mit Schauspielern, die ohne Selbstschonung Schwerstarbeit leisten. Und mitten in deren Waffengang gegen – um Hannah Arendt wiederzugeben – das Wahrlügen entwirft Jennifer Frank eine Grafik der „Eigentümer österreichischer Medien“. Es sind weniger als eine Handvoll, und jeder mit jedem auf Umwegen verbandelt, 49.44 Prozent da, 50.56 Prozent dort.

Da ist man doch froh, dass man zu hundert Prozent nur sich gehört. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ am Werk X ist eine explosive Aufführung, deren Spreng-Stoff beim nächsten Zur-Hand-Nehmen einer ZEITUNG hoffentlich bedacht werden wird.

Harald Posch im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32038

werk-x.at

  1. 2. 2019

Sommerspiele Melk: Luzifer

Juni 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Teufel schlägt Gott k.o.

Im Pandämonium: Max Niemeyer, Sigrid Brandstetter, Sophie Prusa, Kajetan Dick, Helmut Bohatsch, Katharina Dorian, Jan Hutter und Christian Kainradl. Bild: Daniela Matejschek

Im Jahr 1600 entwarf der deutsche Theosoph Jacob Böhme in seiner Schrift „Aurora“ eine mystische Kosmogonie, in der Gott in sich sowohl das Helle wie das Dunkle birgt. Für Böhme ist die Gestalt des Bösen eine reale Macht, deren eigentlicher Zweck es ist, als Gottes Werkzeug dessen Herrlichkeit zu offenbaren. Ein ähnliches Licht-Finsternis-Prinzip entfaltet nun Bestsellerautor Bernhard Aichner, der für die Sommerspiele Melk das Auftragswerk „Luzifer“ verfasste.

In der bewährten Regie von Intendant Alexander Hauer bleibt der Text des Thrillerschreibers genau dieses, ein spannendes, hochphilosophisches Stück, dem es auch nicht an Witz mangelt. Luzifer also lädt Gott zu einer Vorstellung seines „Theater des Bösen“ um die ewig schwelenden Konflikte zwischen ihnen auszutragen. Noch nagt am Höllenfürst der Sturz in ebendiese, er findet es ungerecht und falsch für alles Unrecht dieser Welt verantwortlich gemacht zu werden. Im Pandämonium inszeniert er Szenen, hinterfragt die Motive seiner Darsteller, dirigiert – so scheint’s – und komponiert. Auf der fulminanten Bühne von Daniel Sommergruber, die vom abgewetzten Lehnstuhl bis zum Autowrack eine Müllhalde der menschlichen Geschichte zeigt, erscheinen Mordgestalten von Iwan dem Schrecklichen bis Idi Amin, von Mao bis König Leopold II. von Belgien, aber auch Lynndie England, die Todesengel von Lainz oder Marc Dutroux fehlen nicht.

Derart entspinnt sich ein Disput, wer das Böse in die Welt gebracht hat. Kajetan Dick gibt im schwarzen Nadelstreif einen überkandidelt-verbissenen „Spielverderber“, Helmut Bohatsch im weißen einen unsympathisch-selbstverliebten Allwissenden. Unterstützt werden die beiden von Sophie Prusa, Sigrid Brandstetter, Katharina Dorian, Jan Hutter, Christian Kainradl und Max Niemeyer, die als Gegenspieler Gottes in jeweils mehrere Rollen schlüpfen – und doch von diesem so manipuliert werden, dass am Ende jeder Episode dessen Wille geschehe.

Der Chor „Bühne Frei!“ gestaltet Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach. Bild: Daniela Matejschek

Manipulieren die Menschen: Helmut Bohatsch als Gott und Kajetan Dick als Luzifer. Bild: Daniela Matejschek

Viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken gibt es da, wenn die Themen Missgunst, Neid, Ignoranz, Wut verhandelt werden. Immer wieder inszeniert Luzifer sein eigenes Schicksal, der großartige Chor „Bühne Frei!“ gestaltet etwa Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach, doch als der Teufel sieht, wie ausweglos sein Unterfangen ist, schlägt er kurzerhand Gott k.o. Schließlich bleibt den beiden Fädenziehern nichts, als sich an den dritten Spieler zu wenden, die Menschen, heißt hier: das Publikum, das nun befragt wird, an wen es glaubt und wen es für das eigene Tun verantwortlich machen möchte. Gespielt wird dazu eine Szene über Ehebruch, und die Zuschauer sollen entscheiden, welches Ende ihnen besser gefällt.

Dieser Teil nach der Pause entpuppt sich als schwächer als der erste, vor allem auch, weil der Ausgang des Wettstreits nur „gedacht“ werden soll. Es wäre spannend gewesen, eine tatsächliche Abstimmung mitzumachen, um zu sehen wie das Match um Verantwortung und Schuld, Macht und Moral, Manipulation und Mündigkeit ausgeht. Apropos: Nicht alles an diesem Abend geht sich aus, einiges zerfasert in seiner Vieldeutigkeit oder franzt an den Rändern aus. Dennoch ist es höchst vergnüglich an Aichners ironischen Andeutungen die eigene Weltanschauung zu überprüfen. Man wird feststellen, wie auf der Bühne kommt da manches Paradox heraus.

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 6. 2018

Bronski & Grünberg: Richard III.

Oktober 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mordsspaß mit dem Monster

Sympathy for the Devil: Josef Ellers macht aus Richard III. einen charmanten Verführer. Bild: © Philine Hofmann

Es gibt viele gute Gründe, warum Shakespeare-Aficionados sich die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg nicht entgehen lassen dürfen, und es gibt einen sehr guten Grund – namens Josef Ellers. Der 29-jährige Klagenfurter gibt einen „Richard III.“ wie ihn sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Verschmitzt, falsch und verräterisch, um Verständnis, ja um Mitleid heischend, da unschuldig „ums schöne Ebenmaß verkürzt“, und mehr als gewillt, den Dreckskerl aufzuführen. Das Ziel heißt Krone, dafür werden Kollateralschäden in Kauf genommen.

Ellers wischt alle möglichen Vorbilder, die Wien schon gesehen hat, scheint’s unbekümmert aus dem Blickfeld. Er macht auf charmanter Manipulator, und buckelt dabei im Wortsinn wie ein treuer Diener des Staates; statt A-part-Sprechen setzt er aufs Beiseitegrinsen, macht sich so das Publikum zum Komplizen, und tatsächlich, man hat Sympathien für diesen gerissenen Teufel. Der hat Witz, der hat Charisma, man hat einen Mordsspaß mit dem Monster. Und endlich einen Richard, bei dem verständlich ist, warum die diversen Witwen der von ihm Gemeuchelten auf ihn fliegen …

Helena Scheuba ist als Regisseurin und Übersetzerin für diese tadellose Inszenierung verantwortlich, mit der das Bronski & Grünberg seine zweite Saison eröffnete. Auf der Rückwand hat Bühnenbildner Daniel Sommergruber den „Schummelzettel“ angebracht, die Stammbäume der Geschlechter Lancaster und York. Auf einen Blick erklärt sich wer mit oder warum gegen wen, während Richard, das rote Farbkübelchen in der Krüppelhand, blutrünstig und mit Malerpinsel die Namen derer streicht, die er bereits gefällt hat. Ganz am Rande steht – Richmond, und darunter hängt sein Schwert.

Elizabeth schwört ihre Verbündeten ein: Johanna Rehm mit Sophie Aujesky und David Jakob. Bild: © Philine Hofmann

Schwarze Tränen und Verwünschungen für Richard: David Jakob als Königin Margaret. Bild: © Philine Hofmann

Wie überhaupt jeder Figur eine Requisite zugeteilt ist. Sophie Aujesky, Johanna Rehm und David Jakob nehmen sie von den jeweiligen Haken, verwandeln sich blitzschnell in den nächsten Charakter. Das tolle Dreiergespann schlüpft in alle weiteren Rollen, stattet zwei Dutzend Nebenfiguren mit oder ohne Rückgrat, mit übler Gesinnung oder nobler Haltung aus – ob Mann oder Frau ist egal. Und so ist Sophie Aujesky unter anderem ein großartig wütender Eduard, ein ehrenwerter Lord Hastings und eine angewiderte und dennoch leicht um den Finger gewickelte Anne (deren Name auf der Wand entsprechend die Seiten wechselt).

David Jakob brilliert vor allem als Richards Mann fürs Grobe, Buckingham, und als parzenhafte, schwarze Tränen weinende Königin Margaret. Außerdem ist er der im Tower ermordete Bruder George. Johanna Rehm ist eine verzweifelt rasende Elizabeth, ein angstvoller Stanley, und schließlich der ruhmreiche Richmond – inklusive beeindruckendem Schwertkampf mit Ellers‘ Richard. Rehm und Aujesky können auch ihre Slastickqualitäten ausspielen, sei’s als tollpatschige gedungene Mörder, in dieser Szene ist Scheubas Arbeit echtes Shakespeare’sches Volkstheater, oder als präpotent aufsässiges Prinzenpaar, zwei echte Früchtchen, die den Onkel wegen seiner Behinderung verspotten. Ihre Abschlachtung markiert Aujesky als mit dem Feuerzeug spielender Tyrell einfach, indem sie ihre Papierkrönchen anzündet. Zwischen solch symbolhaften, mitunter trashigen Szenen läuft Popmusik zu Liebe, Macht, Schuld.

Am Ende ihrer Politikeransprachen, dem Verbalduell Richard vs Richmond, folgt der Waffengang, Richards Name der letzte, der von den Siegern genussvoll gestrichen wird. Zweieinhalb Stunden dauert die Aufführung im Bronski & Grünberg, jede Minute davon spannend. Als nächstes will das Team um Kaja Dymnicki und Alexander Pschill mittels Crowdfunding einen „Rigoletto“ auf die Beine stellen. Von „Richard III.“ gibt es noch zehn Vorstellungen bis 10. Dezember.

www.bronski-gruenberg.at

5. 10. 2017

Der todkranke Eduard wütet über Richards Ränkespiel: Sophie Aujesky mit Johanna Rehm. Bild: © Philine Hofmann

Buckingham macht sich zu Richards Handlanger: David Jakob und Josef Ellers. Bild: © Philine Hofmann

Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017