SOHO in Ottakring online: Wie meinen?

Juni 4, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Festival zur Meinungsfreiheit und zum Ringen um sie

Hans a. Blast: Der Volksmund. Bild: © Hannes Stelzhammer

Auch „SOHO in Ottakring“ präsentiert sich dies Jahr #Corona-bedingt von 6. bis 20. Juni als Online-Festival. Der angedachte Themen- schwerpunkt „Wie meinen? Über Meinungsfreiheit und das Ringen um sie“ schien den Kuratorinnen und Kuratoren in der derzeitigen Lage umso dringlicher, und so wollen nun 14 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive ihre Arbeiten in Zusammenhang bringen „mit den vielen offenen Fragen, die über den Zustand der Demokratie gestellt werden müssen“.

Während des Festivalzeitraums wird auf der SOHO-Website www.sohoinottakring.at täglich eine neue Arbeit von maximal 30 Minuten zu sehen sein, alle Beiträge danach noch bis 5. Juli.

Highlights aus dem Programm:

穴 Cave (dt. Höhle)*. Video von Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung, online ab 7. Juni, 17 Uhr. Die Kernidee zu diesem Video entstand, als Delphine Hsini Mae 2018 im Rahmen einer Künstlerresidenz einen Kurzfilm gegen Gewalt an Frauen in Mexiko in einem verlassenen Haus drehte. Als Mae durch den Ort ging, spürte sie das verlassene, vergessene alte Haus wie einen vernachlässigten, alternden, weiblichen Körper. Der Raum eines Hauses ist wie die Sphäre eines Körpers. Die Videoarbeit beschreibt Lebensausdruck inmitten von Chaos und unausgesprochenerStille, wenn der Raum/ Körper alt und marginalisiert, vergessen oder vernachlässigt, ignoriert oder krank, physisch oder psychisch missbraucht ist.

Das Video hallt wie ein Gedicht, wie ein Brief, geschrieben über die Zehn-Jahre-danach und gerichtet an das zukünftige Selbst, das zukünftige Du. Delphine Hsini Mae lebt und arbeitet nach jahrelangen internationalen Arbeitsaufträgen wieder in Taiwan. Sie ist Performerin, Schriftstellerin, Dichterin, schamanistische Geist-Körper-Energiepraktikerin und kreative Pädagogin. Jia-ling Chung arbeitet im Bereich Film als Regisseurin, Kamerafrau, Dokumentarfilmerin und Cutterin.

Artefakte. Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Ausstellung von Martha-Cecilia Dietrich, online ab 8. Juni, 17 Uhr. Brotkrümel, Muscheln, Rinderknochen, Steine, Klopapier, Obstkerne, Kleiderfetzen, das sind die Materialien aus denen politische Häftlinge während des bewaffneten Konflikts in Peru von 1980 bis 2000 Objekte anfertigten. In der Einzelhaft kommunizierten sie mit ihren Liebsten anhand selbst gemachter Geschenke. Winzige Artefakte sprachen von großen Themen wie Hoffnung, Hingebung, Entschlossenheit, Liebe und Ausdauer. In der Isolation, wo Beschäftigung und Sprache verboten sind, symbolisieren persönliche Objekte politischen Widerstand, weil sie der menschlichen Existenz eine greifbare Form geben.

Der Ausdruck als politischer Akt macht alltägliche Dinge wie Broschen, Stofftiere, Karten, Figuren und Schmuck zu gefährlich Gegenständen, weil sie sich dem Regime widersetzen. Die Ausstellung „Von stummen Orten“ der Wiener Sozialanthropologin Martha-Cecilia Dietrich stellt Objekte und Geschichten von vier Frauen, die seit mehreren Jahrzehnten Gefangene in Limas Hochsicherheitsgefängnis von Santa Monica sind, in den Vordergrund und setzt sich mit kritischen Konzepten wie Stimme, Sichtbarkeit und Widerstand auseinander.

Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Dokumentation einer verleugneten Existenz. Fotografien von Mehmet Emir, online ab 9. Juni, 17 Uhr. Werner Finke, 1942 bis 2002, war ein Ethnologe, der über drei Jahrzehnte regelmäßig in die Türkei reiste und audiovisuelle Dokumentationen und ethnographische Sammlungen in den von Kurdinnen und Kurden bewohnten Regionen erstellte. Ab 1966 bis 2002 durchquerte er die ostanatolischen Provinzen und war fasziniert von den Bewohnern und der Bergwelt in dem türkischen Grenzgebiet zum Iran und Irak – eine Faszination, die ihn Jahr für Jahr wieder in das Gebiet führte.

Insbesondere seit der Gründung der türkischen Republik, als die Existenz der Kurden in den türkischen Gebieten verschwiegen und ihre Sprache verleugnet wurden, konnten ihr soziales Leben und ihre politischen Bestrebungen weder in einem nationalen noch in einem internationalen Kontext thematisiert werden. Trotzdem führte Finke die audiovisuellen Dokumentationen weiter. Diese Präsentation, zusammengestellt vom Fotokünstler, Kolumnist, Musiker und Sozialarbeiter Mehmet Emir, zeigt einzigartiges, noch unpubliziertes Material über das Leben der Viehzüchter auf den Sommerweiden in den frühen 1970er-Jahren. Mehmet Emir zum diesjährigen Themenschwerpunkt „Wie meinen?“: „Als Kurde und Migrant sage ich, hier in Österreich, noch schlimmer, in der Türkei findet meine Meinung keinen Platz!”

Sophie Utikal: Care und Coexisting. Bild: © Sophie Utikal

Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung: 穴 Cave (dt. Höhle)*. Bild: @ Delphine Hsini Mae

Mehmet Emir: Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Bild: © W. Finke/ Institut für Sozialantropologie

Martha-Cecilia Dietrich: Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Bild: ©Martha-Cecilia Dietrich

Care und Coexisting. Textilbilder von Sophie Utikal, online ab 11. Juni, 17 Uhr. Sophie Utikal benutzt das Material ihrer Kleidung, die negative Form ihres Körpers, um Situationen ihres Lebens, die sie geprägt haben, zu verändern. Damit möchte sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere Women of Color stärken, die Erfahrungen im Kampf gegen Unterdrückung teilen. Die Arbeit „Care” entstand für den Film „Die Sprache der Stimme“ von Franziska Kabisch und Laura Nitsch und zeigt auf, was es bedeutet, die Stimme zu verlieren und dennoch Strategien der Ermächtigung zu finden. „Coexisting” ist eine Vision für die Zukunft mit fiktiven Wesen, die auf die bereits zerstörte Erde kommen, um sie mit ihren Körpern neuerlich zu befruchten. Als Inspiration diente die Science-Fiction-Buchreihe „Liliths Brood“ von Ocativa Butler. Sophie Utikal, geborenin Tallahassee, USA, studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien in der Klasse von Ruby Sircar, Ashley Hans Scheirl und Gin Müller. Sie lebt in Berlin und Wien.

Meinungstauschzentrale – Ansichten einer Stadt. Partizipatives Projekt zur Sammlung und Erforschung des “Volksmundes” von und mit Hans a. Blast, vor dem Alten Kino im Sandleitenhof, Liebknechtgasse 32, Ottokring, ab 6. Juni, 16 bis 20 Uhr, online ab 13. Juni, 17 Uhr. Als Anlaufstelle stehen ein Ort und eine soziale Plastik als Ort der Zusammenkunft und Gallionsfigur bereit. Hier werden Meinung und Haltung „Aller“ ausgelotet: von Lebensentwürfen, Vorurteilen bis hin zu Graffitis, Kritik und Wut. Die „Meinungstauschzentrale“ sieht sich auch als Treffpunkt für kulturelle Verschiedenheit. Hans a. Blast arbeitet in den Bereichen Interdisziplinäre soziale Plastik, Fotografie, Skulptur, Text, Bühne, Wirt/Parasit-Synergien und Handwerk. Er lebt als Künstler in Wien.

To Look After a Stranger’s Urge. Video von Eliana Otta und Hansel Sato, online ab 18. Juni, 17 Uhr. Entstanden aus einem Workshop mit Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien unter Leitung von Hansel Sato. Im Workshop wird untersucht, was sich heute wichtig anfühlt und wie man es ausdrücken kann: „Wie artikulieren wir, was wir gerne ändern würden und was unsere Empörung hervorruft? Wie verbalisieren wir einen sehr intimen Wunsch oder Traum, den wir nicht zu offenbaren wagen? Und vor allem, wie verhalten wir uns zu den Ideen oder Hoffnungen eines anderen auf Veränderung? Wie hören und nehmen wir Dringlichkeiten wahr, die nicht unsere eigenen sind? Können wir sie genau beachten? Könnten wir uns sogar für eine Weile um sie kümmern? Das wird ein Moment sein, in dem wir uns auf die Ausdrucksweise des anderen konzentrieren können, in dem wir uns um eine Forderung kümmern, die nicht unsere eigene ist; und zu beobachten, was passieren kann, wenn wir das tun, mit uns selbst und mit anderen.“

Die im Workshop erarbeiteten Werke werden im Rahmen von SOHOnline präsentiert. Eliana Otta und Hansel Sato sind beide aus Peru, sie multidisziplinäre Künstlerin, er bildender Künstler, Comiczeichner und Kulturvermittler.

Through the Textile. Video von Alfredo Ledesma Quintana, online ebenfalls ab b 19. Juni, 17 Uhr. In der Prä-Inka, Wari-Kultur zeugen Textilien und ihre Symbolik von ihrer Vision der Welt. Textilien fungieren als Kommunikationsmittel zwischen verschiedenen Gemeinschaften und Menschen. Sie sind ein Ausdruck der Gefühle / des Denkens über Natur und Umwelt, und sie führen zu einem kollektiven Ausdruck und kommu- nikativen Transfer. Textilien haben einen rituellen Charakter, wodurch das Bedürfnis gestillt wird, die Werte und das Wissen auf eine reine Art, wie sie in der Natur selbst existiert, auszudrücken und zu transzendieren. Mittels symbolischer Intervention mit andinen Textilien und ihrer Bedeutung möchte Alfredo Ledesma Quintana eine Reflektion und ein Hinterfragen des Verständnisses und der Wahrnehmungvon „Natur“ anregen.

Damit will er der Natur Raum geben, ihre eigene Sprache zu artikulieren und sich so auszudrücken, wie sie ist. Gleichzeitig sind die Stimmen der Bevölkerung des Valle de Tambo zu hören, die ihre landwirtschaftliche Lebensgrundlage gegen die Kupfergewinnung internationaler Großkonzerne verteidigen. Dadurch wird der konfliktreiche Charakter parallel existierender Wahrnehmungen und Bewertungen von Natur deutlich wird. Alfredo Ledesma Quintana ist peruanischer Künstler, der wie Otta und Sato in Wien lebt. Gemeinsam mit Imayna Caceres bilden sie eine Gruppe in Österreich lebender, peruanischer Künstlerinnen und Künstler, die gemeinsam an der Verdeutlichung sozialer und ökologischer Krisen arbeiten.

www.sohoinottakring.at

4. 6. 2020

Soho in Ottakring: Die Arbeit ist noch nicht zu Ende

Oktober 20, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotoschau über das „Jenseits des Unbehagens“

honey & bunny: Putzen. Bild: Stummer, Hablesreiter und Akita

Ab 25. Oktober zeigt „Soho in Ottakring“ im Alten Kino im Sandleitenhof die Fotoausstellung „Die Arbeit ist noch nicht zu Ende“ als Teil des diesjährigen Festivalmottos „Jenseits des Unbehagens. Vom Arbeiten an der Gemeinschaft“. Gezeigt werden vier künstlerische Positionen, die sich mit Themen zu Arbeits- und Produktionsverhältnissen befassen.

Mit deren Bewertung aufgrund von Machthierarchien, mit Ausgrenzungen in der Arbeitswelt und mit Strategien der Selbster­mäch­tigung. In den modernen westlichen postindustriellen Gesellschaften ist Arbeit immer noch wesentlich für Anerkennung, Sinnfindung, und Überwindung von sozialen Ungleichheiten. Die Erwerbs­tätigkeit von Frauen oder die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten sind gute Beispiele, wie Teilhabe an der Arbeitswelt zu sozialer Gerechtigkeit führen kann. Der Arbeitsplatz ist vor allem ein Ort der Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten: Menschen lösen Probleme und werden dadurch selbstbewusster, sie fühlen sich nützlich und integriert. Andererseits bewirken Arbeitslosigkeit und gesetzlicher Ausschluss aus der Erwerbstätigkeit Krisen. Gleichermaßen führen Tätigkeiten, die als minderwertig abgetan werden, zu Erfahrungen fehlender sozialer Achtung und zu einem sinkenden Selbstwertgefühl. Prekäre und flexible Arbeitszeitstrukturen verhindern, Arbeit als erfüllend zu erleben.

Teaching while black. Bild: Abiona Esther Ojo

Werkzeuggespräche 2017. Bild: Paul Sturm

Neben „Putzen“ von honey & bunny und „Fluxus Fire“ von FXXXism (Iv Toshain und Anna Ceeh) sind der Text- und Bildzyklus „Waste“ von Wolfgang Krammer und die Installation „Teaching while black“ von Belinda Kazeeem zu sehen. Während sich der Landschaftsfotograf mit dem „Wegwerfartikel“ Möbel befasst, zeigt Kazeem die Probleme schwarzer Unterrichtender in einem weißen Bildungssystem auf. Zu den Themen finden außerdem „Werkzeuggespräche“ statt.

www.sohoinottakring.at

20. 10. 2014

Soho in Ottakring: In aller Munde

Mai 27, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Schmackhaftes und schwer Verdauliches über das Essen

Die Designer-Gruppe „mostlikely“ baut mit Publikum eine Küchenskulptur. Bild: ©mostlikely-Chloe Potter

Die Gruppe „mostlikely“ baut mit Publikum eine Küchenskulptur. Bild: ©mostlikely-Chloe Potter

Ab 4. Juni geht es rund um den Sandleitenhof wieder einmal ums Essen. 80 Künstler aus verschiedensten Ländern schaffen 25 Kunstprojekte zum Thema „In aller Munde. Schmackhafte und weniger schmackhafte Details zum Netzwerk Ernährung“, darunter Ausstellungen, Skulpturen zum Mitgestalten, Performances, Stadtspaziergänge, Kochshows, Workshops, „Tischgespräche“ und Screenings. Einige Kostproben aus dem Programm:

In „Sarmak, yok dolma – Gewickelt, nicht gefüllt“ erwartet Gourmets am Eröffnungsabend eine kulturhistorische Kochshow zum Thema „Migration eines typisch österreichischen Gerichts, dem Krautwickler“, von Markus Weber, Laura Herman, Florian Steininger und der Köchin bekannt als Frau Ziii. Die Designer-Gruppe „mostlikely“ mit Mark Neuner und Andreas Lint zieht für zwei Wochen vor und in die Festivalzentrale im alten Kino ein. In einer offenen Werkstatt sind alle eingeladen, an einer – auch ins Gebäude – wachsenden „Küchenskulptur“ mitzubauen. Den Ausgangspunkt der Küchenskulptur bildet ein Tisch, der aus Werkstätte hinaus in den öffentlichen Raum wächst. Auf diesem Weg werden Kochgelegenheiten und Sitzplätze geschaffen und Ideen aus der Nachbarschaft eingebaut. Die Küchenskulptur wird ein Ort der Gastlichkeit sein.

Im „Kahvehane Kongresspark“, einem temporären Kaffeehaus in der ehemaligen Milchtrinkhalle, erforschen Deniz Sözen und der Londoner Bharatnatyam-Künstler Shane Shambhu Herkunft und Migrationsgeschichte des Kaffees. Ein starker und geschmacksintensiver Coffein-Kick und die unterhaltsame Performance eröffnen neue Perspektiven auf ein weltweit konsumiertes Getränk, die vielen Legenden rundum und folgen der Reise des Kaffees von den Ursprüngen bis nach Wien. In einem Projekt der Brunnenpassage wird in Zusammenarbeit mit Flüchtlingen erstmals ein „mobiler Halal Würstelstand“ erprobt, der das kulinarische Angebot traditioneller österreichischer Würstelstände für alle jeden Glaubens erweitert. In einem „Pierogi to go“-Stand zeigen Joanna Zabielska und Daniel Mikolajčák wie Knödel friedlich die Welt erobert haben. In Workshops mit einem internationalen Team fusionieren die Piroggen aus aller Heimat Rezepte.

Im temporären Kaffeehaus "Kahvehane" erforscht Shane Shambhu die Migrationsgeschichte des Kaffees. Bild: © Soezen

Shane Shambhu erforscht die Geschichte des Kaffees. Bild: © Soezen

Im Interspar in der Sandleitengasse ordnen „honey & bunny“ Lebensmittel nach ihrer Nachhaltigkeit. Bild: © honey&bunny

Im Interspar in der Sandleitengasse ordnen „honey & bunny“ Lebensmittel nach ihrer Nachhaltigkeit. Bild: © honey&bunny

„In Memoriam“ von El Seroui wird im alten Kino in Form einer Grabstätte aussterbender Lebensmittelarten – in Konservierungsflüssigkeit, mit Infusionsschläuchen, Temperaturregler und medizintechnischer Überwachung – gedacht. Und unter dem Titel „nachhaltig ORDNEN“ wird der Interspar in der Sandleitengasse bei einer vom Künstler-Duo „honey & bunny“ begleiteten, gemeinschaftlichen Aktion nach Kriterien wie Wasserverbrauch, Transportweg, CO²-Bilanz, Fairness, Arbeitsrecht und Ressourcenverbrauch umsortiert.

www.sohoinottakring.at

Wien, 27. 5. 2016