Theater Hamakom: „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“

Oktober 28, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Patton spielt Theresia Walsers „Hitler“

Simon Hatzl, Andreas Patton, Heinz Weixelbraun Bild: Theater Nestroyhof Hamakom

Simon Hatzl, Andreas Patton, Heinz Weixelbraun
Bild: Freda Fiala/Theater Nestroyhof Hamakom

Im Theater Nestroyhof Hamakom ist derzeit Theresia Walsers grandiose Satire „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ zu sehen, ein Schauspiel für zwei Hitler-Darsteller und einen Goebbels. Drei Schauspieler sitzen im Fernsehstudio und warten auf ihren Auftritt. Gleich werden sie in einer Kultursendung über die Grenzen der Theaterkunst diskutieren. Sie wissen, wovon sie reden. Denn alle drei haben sich als Nazigrößen-Darsteller bewährt. Ihr Auftritt verzögert sich, also kommen sie ins Gespräch, aber in was für eines. Ein fast fundamentalistischer Kulturkampf tobt hier – zwischen dem alten „Naturalismusschwindel, bei dem man wie vor hundert Jahren Text aufsagt“ und den „narzisstisch überdrehten Provokationsdeppen, die sich in Selbstbespiegelung suhlen“.

Aber ebenso zwischen denen, die als Hitler Schokoladekuchen gegessen und bei jeden Bissen die Vernichtung mitgespielt haben und jenen, die nie versuchten, unten im Bunker als Hitler ihre Suppe bösartig zu löffeln. Da kann es schon einmal vorkommen, dass der eine froh ist, heute wieder ohne Polizeischutz auszukommen, nachdem er einmal nackt auf der Bühne kniend mit den Zähnen Seiten aus dem Koran gerissen hatte – gewisse Leute haben das fehlinterpretiert, die haben nicht verstanden dass man doch auf ihrer Seite war – und der andere, dass er einen Schweizer Pass hat, ohne den er Hitler nie spielen hätte wollen, weil ja doch nicht jeder aditauglich ist.

Andreas Patton, Simon Hatzl und Heinz Weixelbraun gestalten in der Regie von Hans-Peter Kellner dieses außergewöhnlich witzige und scharf pointierte Stück Theater. Es geht um die Problematik der Darstellung des Bösen auf der Bühne, die Debatte um die Kunstfreiheit, und die Frage von Werktreue versus Regietheater. Die perfiden Wortspiele der drei Bühnengranden teilen tüchtig Tachteln aus für die schon zum Allgemeingut gewordene Schaustellerei. Das Lachen, das aus Theresia Walsers Text aufsteigt, ihr Witz ist eine Einladung: Wer gewillt ist, sich weder von Angst dumm noch vom Vorurteil blind machen zu lassen, wird sich köstlich unterhalten.

„Die Sicherheit der Sicherheit“: 10 Jahre Wiener Wortstaetten

Von 5. bis 7. November findet im Theater Nestroyhof Hamakom das Festival zum Zehn-Jahres-Jubiläum der Wiener Wortstaetten statt. Aus gegebenem gesellschaftspolitischem Anlass und unter dem Titel „Die Sicherheit der Sicherheit“ wurden 14 Autorinnen und Autoren beauftragt, Monologe zu verfassen, die sich mit der Fragestellung auseinandersetzen. Denn: Das einzige, was im Leben eines Menschen sicher ist, ist der Umstand, dass er oder sie einmal sterben wird. Oder auf gut Wienerisch formuliert: Sterbn muaß a jeder. Inszeniert haben die Texte von u. a. Ibrahim Amir, Ákos Nemeth und Peca Stefan die Regisseure Alex. Riener, Hans Escher und Bernhard Studlar. Es spielen Paola Aguilera, Elisabeth Findeis, Ingrid Lang, Marcel Mohab, Andreas Patton, Boris Popovic, Sonja Romei und Michael Smulik.

www.hamakom.at

www.wortstaetten.at

Wien, 28. 10. 2015

Uraufführung von Joshua Sobol

Oktober 23, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Oder nicht sein“ im Theater Drachengasse

Bild: © Andreas FRIESS / picturedesk

Bild: © Andreas FRIESS / picturedesk

Am 28. Oktober wird im Theater Drachengasse Joshua Sobols „Oder nicht sein“ uraufgeführt.

-Geh zum Teufel!
-Gute Idee! Wenigstens ist dort die Heizung gratis.

547355 ist seit Jahren arbeitslos. Wie kann er je wieder seine Familie ernähren?  Beim Militär hat Nummer 547355 getötet. Damit ist er ein idealer Kandidat für die  „Und Tschüs-Agentur“, die Menschen hilft, Störendes loszuwerden. Sein Doktorat in Biologie und die richtige Einstellung zu Wasser bringen ihn in die engere Auswahl,  um sich von Menschen anspucken zu lassen. Ein Job ohne Altersgrenze.  Das Department of Human Recycling bietet ihm eine halbe Million Dollar, denn sein biometrisches Profil stimmt perfekt mit dem eines reichen Oligarchen überein. Im Austausch für Niere, Leber, Lunge, Herz, Hirn, Augen, Zunge wird er reich sein. Seine Augen werden die ganze Welt sehen, seine Zunge wird Champagner schmecken. Und er wird Ruhm als edelmütiger Mensch, der seine Familie rettet,  ernten, Medienrummel inklusive. Was soll an einer halben Million nicht stimmen?

Zum Autor: Joshua Sobol – Geboren 1939 in Tel Mond, Israel, lebte in einem Kibbuz und studierte in Paris Philosophie. Weltweit bekannt wurde er mit den Theaterstücken Weiningers Nacht, Ghetto und Alma. 2001 erschien Sobols erster Roman Schweigen, 2005 Whisky ist auch in Ordnung. Dem Theater Drachengasse und Regisseur Günther Treptow vertraute Joshua Sobol schon mehrfach die Uraufführung seiner „kleineren“ Stücke an.

OR NOT 2B
Nie zuvor konnten Menschen so leicht miteinander kommunizieren wie heute. Es gibt zahllose soziale Netzwerke: Oldtimer wie Facebook, Twitter oder Linkedin, oder täglich neue Chat-nets oder Dies-nets und Das-nets, die auf unserem Bildschirm aufpoppen, um innerhalb von Tagen oder Wochen veraltet und überflüssig zu werden. Aber haben die Menschen einander noch Bedeutsames mitzuteilen? Allein die Frage ist altmodisch. Das Wort „bedeutsam“ selbst ist altmodisch in einer Welt, in der „Sein“ „Online-sein“ bedeutet. Sogar Hamlets Frage muss neu formuliert werden: „2B online or not 2B“. Als vor langer Zeit – im Oktober 2010 – Instagram lanciert wurde, wurde uns versprochen, dass wir unser Leben mit Freunden und Familie teilen und damit die Welt verändern würden. Sehr nett – aber was bedeutet hier „teilen“, „Freunde“, „Welt“? Die ursprüngliche Bedeutung von teilen ist „ein Ganzes in Teile spalten und Teile des Ganzen an andere abgeben“. Leute teilten ihr Brot oder ihren Wohnraum mit Freunden oder Zimmergenossen. Heute bedeutet „teilen“ „sharen“, d. h. mit der
Fingerspitze auf ein virtuelles Zeichen auf einem virtuellen Keyboard tippen. Oder das Wort „Freund“: In einer sagenumwobenen Vergangenheit war ein Freund eine vertraute Person, mit der man in gegenseitiger Zuneigung verbunden war, auf die man sich verlassen konnte, wenn man Hilfe brauchte. Facebook hat das geändert: Ein „Freund“ ist ein fremder Name, der auf deinem Bildschirm auftaucht, mit der Option accept/reject. Um diesen Fremden zu deinem Freund zu machen, brauchst du nur accept zu drücken. Manche haben 500 bis 5000 „Freunde“, die ihnen scheißegal sind, mit denen sie aber „ihr Leben teilen“, indem sie aufzeichnen, wie eine Katze mit ihrem Schwanz spielt oder eine Fliege am Saft von Essensresten saugt. 5000 „Freunde“ teilen zur selben Zeit das Leben eines „Freundes“, für den sie nicht einmal ein Schnippsel ihres kleinen Fingernagels opfern würden. Aber haben diese „Freunde“ überhaupt ein reales Leben? Die Leute gehen auf der Straße, den Blick starr auf ihre Handflächen gerichtet. Sehen sie überhaupt noch die reale Welt um sich herum, oder sehen sie nur die Kaffeetasse, die ihnen ein anonymer „Freund“ aus einem gottverlassenen Café geschickt hat, um sein Leben mit ihnen zu teilen? Die Blogosphäre ist voll von Bloggern, die unreflektierte Meinungen, flüchtige Gedanken, zufällige Impressionen oder Links an andere Blogger schicken, die ihrerseits Beliebiges, das irgendwie mit dem Output anderer Blogger zu tun hat, an noch andere Blogger weiterschicken. Vielleicht nützt oder schadet diese Scheinaktivität ja irgendjemandem? Vielleicht irgendwelchen naiven Seelen, die noch immer glauben, dass ihre Präsenz in der Blogosphäre irgendjemandem irgendetwas bedeutet? Wenn sie das glauben, haben sie natürlich verdammt recht: Die Tatsache, dass so viele Menschen vor ihrer Einsamkeit in soziale Netzwerke, Blogosphären oder andere virtuelle Welten flüchten, hat einige Typen über Nacht superreich gemacht. Das sind natürlich die wenigen cleveren Superschlauen, die die verzweifelte Bedürftigkeit von Millionen verlorener Menschen erraten haben, die zum Nicht-Sein verurteilt sind in einer Welt, in der Sein Haben bedeutet und Nicht-Haben Nicht-Sein bedeutet. Und Nicht-Sein heißt: deine Stimme wird nicht gehört, deine Intelligenz und deine Fähigkeiten werden nicht gebraucht, deine Arbeit ist unterbewertet und unterbezahlt und deine Menschlichkeit wird auf Nichts reduziert auf dem heutigen Markt menschlicher Arbeitskraft, auf dem das Angebot die Nachfrage bei weitem übersteigt. In dieser makaberen Karikatur einer „schönen neuen Welt“ ist deine Niere oder dein Herz auf dem Markt menschlicher Organe mehr wert als deine Person als lebendiges Wesen. Arme Menschen verkaufen bereits ihre Organe, um das  Überleben ihrer Familien zu sichern. In manchen afrikanischen oder asiatischen Wüsten werden Flüchtlinge, die gerade mörderischen Stammes-oder Religionskriegen entkommen sind, von Barbaren abgeschlachtet und ausgeweidet, damit ihre Organe auf dem Schwarzmarkt der reichen Länder, wo die Nachfrage nach diesen Waren das Angebot übersteigt, verkauft werden können. Angesichts dieser unmenschlichen Realität konnte ich als Theaterautor nur eine Farce schreiben über einen armen Kerl, der in lächerlich unwahrscheinliche Situationen gerät bei seinem tragischen Versuch, sein Leben zu fristen in einer Welt, die selbst eine grausame Farce ist. Mein namenloser Protagonist kann es sich nicht leisten „zu sein“, ihm stellt sich nur die Frage, wieviel seine mittellose Familie dafür kriegen kann, wenn er sich für das „Nicht Sein“ entscheidet. Eine arme Welt, in der ein Mensch seinen eigenen Tod vermarkten muss, und zwar nicht wegen der Lebensversicherung, die er sich ohnehin nicht mehr leisten kann, sondern indem er seine Organe verkauft! Weil sie sein einziges Kapital sind, das in einer Gesellschaft des obszönen Kapitalismus noch Wert hat.

Joshua Sobol, September 2013

Regie: Günther Treptow. Es spielen: Karin Yoko Jochum,  Christina Scherrer, Michael Smulik, Doina Weber. Joshua Sobol wird bei der Premiere anwesend sein.
www.drachengasse.at

Wien, 23. 10. 2013