Kammerspiele: Harold und Maude

Januar 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein grandioses Geburtstagsgeschenk von Erni Mangold

Maude bringt Harold das Lachen und das Leben bei: Erni Mangold und Meo Wulf. Bild: Erich Reismann

Als der Saal beim Schlussapplaus ein Happy-Birthday-Ständchen anstimmte, war sie doch sichtlich gerührt. Das konnte sie weder hinter einer ihrer typischen wegwischenden Handbewegungen noch mit einem flotten Spruch übers Genug, weil „Durscht“ tarnen. An ihrem 90. Geburtstag machte die großartige Erni Mangold sich und ihrem Publikum ein Geschenk: Sie spielt in den Kammerspielen der Josefstadt „Harold und Maude“.

So zartbitter, so edelherb wie die Protagonistin ist dieser Theaterabend geworden, den Regisseur Fabian Alder vom erkrankten Michael Schottenberg übernahm. Er, der die Mangold gern als einen seiner Lebensmenschen und als seine Lehrerin bezeichnet, hatte noch am Text gefeilt, und so kommt’s vor, dass man mitunter das Gefühl hat, die Jubilarin würde aus dem Nähkästchen plaudern, würde ihren Weg mit dem der Maude kreuzen, beide ein ewiges Mädchen, unkonventionell und hinreißend verhaltensinteressant – vor dem Mund kein Blatt und vor dem Kopf kein Brettl. Mit der ihr eigenen lebensweisen Lakonie spricht sie die Sätze der schwarzen Komödie von Colin Higgins, tanzt, singt, turnt, ist alles andere als eine lieblich schrullige Oma. Die Mangold, das ist Sexappeal, dieses gewisse Knistern, frech und frei ist ihre Maude, die Baumretterin und Robben-aus-dem-Zoo-Befreierin, die Autodiebin und Holocaustüberlebende.

Maude trifft Harold. Auf dem Friedhof. Der orientierungslose junge Mann hält seine Umgebung mit inszenierten Selbstmorden auf Trab. Meo Wulf stattet die Figur mit hoher Sensibilität aus und hält mit dieser Darstellung dem Charisma seines Gegenübers stand; Wulfs Harold reagiert mit seinem Nonsense auf den Unfug seiner Mitmenschen, allen voran seine Mutter, doch als er Maude kennenlernt wird er zu einem fürsorglichen, aufopfernden Liebhaber. Es sind diese beiden Tabus, an denen das Stück rührt: eine romantische Beziehung mit erheblichem Altersunterschied, wobei der Skandal nur dann gegeben ist, wenn die Frau die ältere ist, und schließlich ein selbst bestimmter Tod.

Harolds Mutter lässt sich von seinen inszenierten Selbstmorden kaum noch irritieren, …: Meo Wulf mit Martina Stilp. Bild: Erich Reismann

… sie sucht ihm lieber eine Heiratskandidatin: Silvia Meisterle als durchgeknallte Schauspielerin Sunshine. Bild: Erich Reismann

Maude wird Harold ins Leben schleudern, ihr amouröses Abenteuer ist nur ein flüchtiger Moment, die Freundschaft zwischen den beiden Erfindergeistern zählt in Alders Arbeit weit mehr. Und wieder ist es die Mangold, die dominiert, die durchscheint, die man wiedererkennt, die viele Jahrzehnte lang den Schauspielnachwuchs unterrichtete. Sie selbst debütierte 1946 an der Josefstadt, spielte Stücke mit Titeln wie „Miau“; eine weite Strecke, eine bis nach Hamburg, hat sie danach zurückgelegt, um die österreichische Gefühlsduselei zu umschiffen. Das tut sie heute noch. Konsequent, widerborstig, eigensinnig.

Neben dem Liebespaar gibt Martina Stilp Harolds überdrehte Mutter, eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, aber was die Etikette betrifft immer auf der Höhe. Sie sucht eine potenzielle Schwiegertochter und Silvia Meisterle gestaltet diese Sylvies, Nancys und Sunshines, die ob abgehackter Arme und von der Decke baumelnder Körper mal mehr, mal weniger schockiert sind, mit Bravour. Oliver Huether leistet als Psychiater, Pater und Polizist moralischen Beistand, dies alles im wunderbar wandelbaren Bühnenbild von Hans Kudlich. Zur Mangold als Natursensation hat Kudlich eine aus Stoff geschaffen: Die kleine Sissi Guse als Robbe Mr. Malloy holt sich am Ende verdient ihren Jubel ab.

Eine entführte Robbe ruft die Polizei auf den Plan: Oliver Huether und Tany Gabriel auf der Suche nach Sissi Guse als „Mr. Malloy“. Bild: Erich Reismann

Mit einem „Für alte Weiber gibt es sowieso keine Rollen mehr“ verkündete Erni Mangold hernach ihren Abschied von der Bühne. Mal sehen, wandte sie sich doch mit einem neckischen „Nathan den Weisen bietest du mir ja nicht an“ an Hausherr Herbert Föttinger. Der, merkbar dieser Idee nicht abgeneigt, wollte schnell was sagen, kam aber gegen Mangolds Mundwerk nicht an. Der Kulturstadtrat überreichte noch einen Goldenen Rathausmann – und gut war’s. Fürs Erste. Nun kann’s ja weitergehen. Stichwort: Lessing! …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BRKuzFwOcsA

www.josefstadt.org

Wien, 27. 1. 2017