Akademietheater: Zu der Zeit der Königinmutter

Februar 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vorhänge zu und alle Fragen offen

Der Fremde wird konfrontiert mit Feindseligkeit: Elena Todorova, Patrick Dunst, Markus Hering, Mirco Kreibich, Christian Pollheimer, Simon Jensen und Sven Dolinski. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Nein, dass sich einem dieser Abend erschließt, kann man wahrlich nicht behaupten. Soll er mutmaßlich auch nicht. Denn Autor Fiston Mwanza Mujila, 1981 in der Demokratischen Republik Kongo geboren, seit zehn Jahren in Graz lebend und mit seinem Debütroman „Tram 83“ gleich auf der Longlist für den Man Booker International Prize gelandet, versteht sich als Poet, dessen Sache nichts weniger ist, als Wirklichkeit abzubilden. „Aus Chaos entstehen Texte“, ist sein Ausspruch dazu.

Mit seiner Mythensammlung „Zu der Zeit der Königinmutter“, gestern von Regisseur Philipp Hauß am Akademietheater zur Uraufführung gebracht, hat er Neues versucht. Zunächst einmal, erstmals auf Deutsch zu schreiben. Und das merkt man dem Stück, das keines ist, das keinen Plot hat, kein klar zu fassendes Thema umreißt, durchaus an. Mwanza Mujila, der gerne Saxophonist geworden wäre, komponiert seine Schriften im Jazzflow, liest er sie selbst, tut er das lachend, schreiend, singend, und so war’s ihm wohl diesmal darum getan, den Klang seiner nunmehr sechsten Sprache auszukosten. Tatsächlich erinnert seine Arbeit mit ihren sich steigernden Assoziationsketten, den prallen Bildern und dem dichten Rhythmus auch an die explosive Vielfarbigkeit der Gemälde eines Bona Mangangu. „Zu der Zeit der Königinmutter“ ist ein Text mit wenig Angeboten fürs Theater. Dafür entschädigen die zahlreichen Geschichten, von afrikanischen bis biblischen, die man erzählt bekommt.

Dies von einem hervorragenden Ensemble, allen voran die wunderbare Gertraud Jesserer, allesamt virtuose Sprachspieler, die durch ihre Intonation das weitgehende Fehlen von Interaktion vergessen machen. Schauplatz ist, wie schon in „Tram 83“, ein Schankraum, die New-Jersey-Bar, von der Minimalistin unter den Bühnenbildnern, Katrin Brack, einzig durch als Vorhänge eingesetzte bunte Stoffbahnen gestaltet, ein Zufluchtsort für Gestrandete, ein zwielichtiges Völkchen, das in Raum und Zeit festzustecken scheint. Sven Dolinski und Simon Jensen changieren als Mannfrauwesen zwischen Prostituierten und Sapeurs, ihre pastelligen Teddyplüschmäntel konterkariert die Band, Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Elena Todorova, mit Black-Sabbath-Akkorden. Hauß‘ Humor ist unbedingt ein surrealer.

Gertraud Jesserer erzählt vom gewaltsamen Tod der Königinmutter; hinten: Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Simon Jensen. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Mirco Kreibich erzählt vom schrecklichen Schicksal des Lehmjungen Solo. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Markus Hering könnte man mit Fatsuit und fettigen Haarsträhnen als ekligen Wirt interpretieren, so wie eben alles der Interpretation des Betrachters überlassen ist. Auftritt mit Mirco Kreibich ein Fremder, makellos gekleidet, herummäkelnd am Bier und an den sanitären Anlagen – und kurz riecht es nach Streit. Die meiste Zeit aber tauscht man sich über Legenden aus. Die von Jakob, der zu Mamba Muntu, der menschenfressenden Schlange, wurde, die vom König, der nicht schlafen konnte, die vom Lehmjungen Solo, der sich entgegen der Warnungen seiner Eltern dem Regen aussetzt und auf schreckliche, schmerzhafte Weise zerfließt.

Und wenn da gesagt wird: „Solo konnte nicht einmal jammern, weil er kein Gesicht, keinen Mund und keine Nase mehr besaß. Ein großes Loch in der Mitte seines Gesichts … Er konnte weder sehen noch schreien. Sein Kopf war halb matschig, halb zerstört … Sein Körper knackte“, kann man schwer umhin, nicht an die Geschichte des Kongo zu denken, Gewalt und Folter und systematische Säuberungen von Leopold II. bis Mobutu – in dessen Kleptokratie Fiston Mwanza Mujila ja noch zur Welt kam. „Der Hass hat einen Bauch und zwei Füße“, heißt es an einer Stelle.

Doch Mwanza Mujila definiert nicht näher, was er mit diesen Passagen, manche wie Glaubenssätze, manche die Fragwürdigkeit von Heimat und Herkunft ausstellend, manche über Goldminen und gierige Männer, meint. Einmal sagt Markus Hering: „Ich übernehme die Verantwortung für den Kolonialismus und die Sklaverei“, und wird wegen „billiger Philosophie“ gescholten, einmal verortet Mwanza Mujila ein Ereignis: Der immer wieder beschworene „Fluch von 1976“ kann als das erste bekannte Ausbrechen des Ebola-Virus in Yambuku gedeutet werden. Mehr durchdekliniert wird an diesem suggestiv-kakophonischen Gedicht nicht, Philipp Hauß, er ebenfalls ein Musiker, er spielt die Geige, hat all seine inszenatorische Energie in die Schauspielerführung und ins Atmosphärische investiert und auf das Dechiffrieren von Codes verzichtet. Man selbst hat vielleicht zu viel und zu erhitzt Jean Ziegler und Emmanuel Mbolela gelesen und Milo Rau gesehen.

Auch getanzt wird in der Bar: Patrick Dunst, Mirco Kreibich, Simon Jensen, Markus Hering, Sven Dolinski, Komparsen-Bär und Gertraud Jesserer. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Am Ende – die Jesserer. Die bis dahin meist stumm das Tun der anderen verfolgte. Nun aber erzählt „die kleine Gertraud“, woran sie sich vom Ende der Königinmutter erinnern kann. Die die Menschen bei sich aufnahm, ihnen Nahrung und Kleidung gab – und als Prophetin ihren Tod vorhersah, ihr Sterben durch ein Messer. Allein das dunkel raunende Timbre ihrer Stimme lässt einen nicht mehr denken, Mwanza Mujilas Partitur weiteren Analyse- unternehmungen zu unterziehen.

So bleiben, um einen Großen zu paraphrasieren, Bracks Vorhänge zu und alle Fragen offen.

www.burgtheater.at

  1. 2. 2018

Schauspielhaus Wien: AUTOS

Januar 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwarzhumorige Messe für ein Statussymbol

Die AUTO-Fahrer, ihr Auto-Radio und drei seltsame Spukgestalten: Johanna Baader, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Olga Hepnarová, das erzählt Johanna Baader, die Sopranistin zu Gast am Schauspielhaus Wien, war die erste, die mit einem Fahrzeug Menschen tötete. 1973 am Prager Strossmayerplatz ist das geschehen, da fuhr sie mit einem Lastwagen in eine Gruppe von 25 Leuten, die auf die Straßenbahn warteten. Um, wie sie in einem Bekennerbrief schrieb, „Rache zu nehmen an denen, die mich hassen“. Die Opfer kannten ihre Mörderin nicht, und so kam der Terrorismus per Kfz in die Welt.

Mit „AUTOS“ zeigt das Schauspielhaus die zweite Uraufführung eines Texts von Enis Maci, und der Hepnarová’sche Wahnsinn ist nur eine der Auto-Biografien, die die Autorin an diesem Abend in ihren Assoziationsfreiraum entlässt. Vollgepackt wie ein Urlauber-Auto sind Macis Zeilen, in doppeltem Sinn unfassbar, was alles in knapp zwei Stunden passt, in denen sie alle Hervorbringungen des Begriffs abhandelt. Statussymbol und Schutzraum und gern verwendetes Vehikel in Horrorstorys. Als Silbe heißt es „selbst“, also Auto-nomie vs Auto-ritäten, und darum geht’s Maci auf einer Metaebene:

Heimat haben oder Fremdsein, beides auch bei oder mit sich selber, Abnabelung von Vaterfiguren und Vaterländern, woran ihre Charaktere reihum scheitern, und wenn’s denn gelingt, Verrat an der eigenen Vergangenheit, gefolgt von erst Verheißung, dann Fluch eines neuen Lebens. Und während Maci auf einzelne Geschichten zoomt, entwirft sie gleichsam ein Europa als eine von inneren und offen ausgetragenen Konflikten entzündete Wunde. Darin politisches Herumstochern, statt Heilungsversuchen.

An Handlung gibt es dies: Ein Road-Trip. Bruder und Schwester, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff, begeben sich – wie die statt eines Navi verwendete Straßenkarte vermuten lässt, irgendwann in den 1970er-Jahren – auf die Todeszone „Gastarbeiterroute“, um jene Stelle aufzusuchen, an denen einst der Großvater bei einem Auto-Unfall ums Leben kam. Als sie Kinder waren, hat der Vater in nächtlichen Albträumen deshalb laut geschrien und begab sich darob in psychiatrische Behandlung, nun wollen die Geschwister an Großvaters Sterbeort einen Baum pflanzen. Begleitet werden sie vom Auto-Radio, aus dem im Gruselton vorgetragene Nachrichten und Musikfetzen dringen, erstaunlich, wie viele La-La-Lieder geschrieben wurden, im Fond des Wagens drei mit Blutrot gezeichnete Gestalten, Johanna Baader, Simon Bauer und Sebastian Schindegger, die vom Auto als (Fortbewegungs-)Mittel zu Freiheit oder Tod berichten.

Regisseur Franz-Xaver Mayr verwandelt die absurde Poesie der Vorlage in eine schwarzhumorige Messe. Die Stimmung: suspense-ig. Im Halbdunkelnebel auf steiler Schräge, Bühne und Kostüme sind von Korbinian Schmidt, scheinen düstere, in Talare gewandete Priester ein Ritual abzuhalten. Sie erheben die Stimmen zum Chor, mal wird so gesungen, mal gesprochen, mal sind sie Rhythmusmaschine, mal Melodienmacher, sind das Aufheulen des Motors, das Rauschen im Äther, sind schluchzende Geige oder polterndes Blech, Simon Bauer eine schnauzbärtige Tuba – die Baader eine wahrhaftige Opernsängerin.

Einflüsterer unterwegs: Johanna Baader, Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Das Geld liegt auf der Straße: Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Hochmusikalisch ist diese Aufführung, und Mayr, der szenisch wenig Theater macht, tut recht daran, sich im leeren Raum auf die darstellerische Kraft seiner Schauspieler zu verlassen, die die Dialoglosigkeit des Textes dadurch aufheben, dass sie füreinander das absolute Gehör zu haben scheinen, ihr Spiel eine beständige Suchbewegung nach dem Wesentlichen beim anderen, eine Aufmerksamkeit, die zu perfektem Zusammenklang führt. Und weil’s am Schauspielhaus wunderbarer Weise meist so ist, wird das Ganze mit jener tiefernsten Komik vortragen, die noch die allerentsetzlichsten Vorkommnisse in goldhelles Licht taucht.

Die Schicksale sind nämlich schrecklich bis skurril. Bertha Benz, die, weil der Patent-Motorwagen ihres Mannes kein zahlendes Publikum fand, zu PR-Zwecken die erste erfolgreiche Fernfahrt unternahm, damit die Familienkasse klingeln ließ, und später vom Gatten verleugnet wurde, indem er angab, seine Söhne hätten das Fahrzeug gelenkt. Kurierfahrer K., ein migrantischer Tom Selleck, der in seiner Caritas-Kleidung die Zukunft der Runways vorwegnimmt, und Post in den Süden transportiert.

Steffen Link als Daniel Küblböck, der das Verblassen seines DSDS-Starruhms nicht ertrug und sich von der MS Aida ins Meer stürzte. Cem, der aus Alternativlosigkeit am protestantischen Religionsunterricht teilnimmt. Richard Sarrazin zwischen Plattenbau-Armut und Arbeitsamt. Sebastian Schindegger als Walter Kohl, den die Stiefmutter-Witwe nicht zum aufgebahrten Vater vorlässt. Der Syrer Ahmed A., dem kein Aufseher half, als seine deutsche Gefängniszelle in Flammen stand. Albaniens Punkikone Ivi, sein Vater hochrangiger Militär, und deshalb von den Eltern ins Irrenhaus verfrachtet, bevor er mit seinen Widerstandsrufen Kundgebungen des Regimes stören konnte … All diese Töchter/Söhne aufgebrochen, angefeindet, ausgestoßen, abgemahnt. In einer jelinek’schen Passage wird die Wolfsburger Auto-Industrie aufs Korn genommen, die die frühen italienischen Gastarbeiter in genau dem Lager zu wohnen hieß, in dem knapp zuvor noch Zwangsarbeiter und KZ-Häflinge hausten. Solches schildert Maci mit großer Wucht, etwa, wenn es darum geht, ob das Haus der Menschen Vernichtung oder Versöhnung heißt.

Mayr hält Macis so unergründliche wie mächtige Bedeutsamkeiten in Schwebe, nichts wird aufgelöst, nichts erklärt, nicht einmal, ob es in der Videoprojektion am Ende Wasser oder Feuer ist, das in Endlosströmen nach oben fließt. Da berichtet Vassilissa Reznikoff von denen, die im rostigen Mercedes, und dieser daheim trotzdem ein Protz-Auto, sieben Personen pro Pkw, Waschmaschine aufs Dach geschnallt, die Europastraße 5 befahren. Am Straßenrand ausgebrannte Auto-Wracks und Grenzkaufhäuser für letzte West-Geschenke. Heute heißt dieser Weg „Balkanroute“, darauf Flüchtlinge, unterwegs in der Gegenrichtung. Abgezogen von Schleppern und ohne Aufenthaltstitel. Johanna Baader singt betörend schön Kurt Weills Song über den Sehnsuchtsort „Youkali“. Den gibt es nicht, der ist nur Illusion. Und am Straßenrand liegen zwei neue Leichen.

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  1. 1. 2019

Burgtheater: Medea

Dezember 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Magierin endgültig entzaubert

Die Söhne zeigen Clara das Sex-Video ihrer Eltern: Steven Scharf als Lucas, Caroline Peters als Anna, Mavie Hörbiger als Clara, Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Regisseur Simon Stone, für seine Stückeüberschreibungen so gerühmt wie gerügt, hat diesmal nach dem Medea-Mythos gegriffen, und zeigt seine vor vier Jahren über Amsterdam und London entwickelte und immer noch durch Europa tourende Arbeit nun als deutschsprachige Erstaufführung am Burgtheater. „Nach Euripides“ nennt er bescheiden sein Elaborat, und mit dieser Art Etikettenschwindel ist es so eine Sache.

Denn einerseits hat Stone mit seinem trivialen Text die der Magie mächtige Königstochter aus Kolchis dermaßen endgültig entzaubert, dass ihr das von seinen Vorgängern Corneille, Grillparzer, Anouilh hochgehaltene Antikenideal des Archetypischen völlig abhandengekommen ist. Andererseits aber funktioniert seine Alltagsfrau als Bühnenfigur überzeugend gut. Was nicht zuletzt deren Darstellerin Caroline Peters zu danken ist.

Stones „Medea“ ist nicht mehr die Fremde, sondern sich selbst entfremdet, die einst Überlebensgroße nun frisch entlassene Psychiatriepatientin und gerade erst wieder nach Hause gekommen. Diese Geschichte hat Stone einem tatsächlichen Kriminalfall aus Kansas City/USA nachempfunden. Dort vergiftete eine Ärztin ihren ebenfalls Mediziner-Ehemann wegen dessen Affäre mit einer Krankenschwester sukzessive mit Rizinsamen. Als die Tat aufflog, steckte die Frau das Haus in Brand und nahm ihren Söhnen so das Leben. Simon Stone verformt nun König Kreons Korinth in ein Pharmaunternehmen, in dem Anna und Lucas Karriere mit der Entwicklung potenzfördernder Medikamente machen.

Das heißt, bald wird klar, er macht diese, sie, seine ehemalige Vorgesetzte, für die er erst nicht mehr als ein Firmenfeiernfick war (das F-Wort fällt im Text in regelmäßigen Abständen), hat auf den beruflichen Aufstieg zugunsten der Söhne Edgar und Georg verzichtet. Vorkommen des Weiteren, neben der Therapeutin Anne-Marie-Lou und Annas neuem Arbeitgeber Herbert, zwei für die Handlung entbehrlichen Figuren, Lucas‘ Geliebte Clara, die Kreusa-Rolle, sowie deren Bruder und Big Boss Christoph. Als Setting hat sich Stone von Bob Cousins einen klinisch weißen, vollkommen leeren Kubus bauen lassen, dessen obere Hälfte aus einer riesigen, auch absenkbaren Leinwand besteht, auf die man versucht ist, bald öfter zu schauen, als auf das Bühnengeschehen; die Großkaufhauskostüme sind von An D’Huys und Fauve Ryckebusch.

Verzweiflung einer Entfremdeten: Steven Scharf als Lucas und Caroline Peters als Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Tod der Clara: Mavie Hörbiger mit Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Darin brilliert die Peters. Die Schauspielerin des Jahres erschafft auch diesmal einen Charakter, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ihre moderne Medea-Anna entert das Geschehen, aufgesetzt heiter, eindeutig unter dem Einfluss von Psychopharmaka, weshalb sie, denn diese, sagt sie, halten Anna im Gleichgewicht, ihrer Situation auch satirisch begegnet. Nicht, dass das zum Lachen wäre, nein, denn Anna ist überzeugt, dass auch nach ihrem Vergiftungsversuch ein Neuanfang mit der Familie möglich ist.

Und wie Caroline Peters‘ Anna, auf der Großübertragung perfekt zu sehen, mit ihren zuckenden Gesichtszügen, mal verächtlich, mal verzweifelt verzogenen Mundwinkeln, kämpft, die eigene Seele ausgesaugt und dabei, andere Seelen auszusaugen, sich der gewesenen und der kommenden Schuld bewusst, das ist große Kunst. Die Raserei sozusagen vorprogrammiert. Was rund um die Peters passiert, ist schon bedeutend blasser.

Etwa, ebenfalls in Cinemascope, Lucas, sprachlos, den Steven Scharf als Paradebeispiel eines Pragmatikers spielt, dem die Ex peinlich im Wege steht.

Entsprechend überfordert agiert er gegenüber der fordernden Leidenschaft der Wiederkehrerin. Fast scheint’s, als hätten ihm deren Psychiater geraten, den Ball bei der ersten Begegnung flach zu halten, um die Patientin nicht aufzuregen. „Abklatsch eines Mannes“ nennt Anna ihn, und so distanziert, so neben sich steht dieser Lucas da. Und so lässt er sich auch zum Sex mit Anna hinreißen, eine Szene, die die Söhne – bei der Premiere die großartig zwischen sich in die Ecke drängendem Vater und ausgeflippt-alkoholisierter Mutter agierenden Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg – filmen, nur um das Video später Clara zu zeigen.

Dieser Clara verleiht Mavie Hörbiger ihre zarte Gestalt. Im Versuch stark zu sein, ringt sie mit Selbstbewusstsein und Selbstironie um ihre Liebe zu Lucas, Edgar und Georg – bis zum bitteren Ende. Dass ihr Bruder, Christoph Luser als Christoph, von Lucas schließlich Entschlusskraft und Entscheidung verlangt, ist der Knackpunkt, der die Katastrophe ins Rollen bringt. Stone erzählt das alles in parallel laufenden Szenen, immer wieder stehen Figuren auf der Bühne, zu denen die Fäden längst gekappt sind, doch macht das die Aufführung nur noch bedrängender, zwingender, bedrohlicher. Die Sterbebilder schließlich sind so poetisch wie drastisch. Bestehend aus Flaschenblut und Ascheregen. Eine plötzliche Eskalation in dieser unterkühlten, auf Künstlichkeit setzenden Inszenierung.

Ende in der Asche, Medea mordet ihre Kinder: Caroline Peters als Anna, Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Das Premierenpublikum zollte so frenetisch Applaus, als wär’s ein gemeinsames Aufatmen nach dem gewaltsamen Schluss. Auch Irina Sulaver als Sozialarbeiterin Anne-Marie-Lou und Falk Rockstroh als Buchhändler Herbert wurden bejubelt. Dennoch, zu den wirklich großen Medea-Fassungen wird sich diese Adaption eines Zeitungsartikels kaum je zählen lassen.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2018

Womit haben wir das verdient?

Dezember 2, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Kiffen lieber Kopftuch tragen

Mutter Wanda hilft mäßig begeistert beim Burkini-Kaufen: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher und Duygu Arslan. Bild: © Mona Film

„Geht die Nina als Gespenst?“, fragt unschuldig der kleine Bruder, als er seine Schwester zum ersten Mal mit Hijab sieht. Die 16-Jährige ist nämlich zum Islam konvertiert, nennt sich nun Fatima – und hat das Kiffen zugunsten ihres Kopftuchs aufgegeben. Eltern im Schockzustand. Und während der Vater wenigstens versucht, ein wenig Verständnis aufzubringen, ist die Mutter ausschließlich schäumend vor Wut.

Wofür und wogegen – Frauenrechte/Adventkranz – hatte man in StudentInnentagen nicht alles protestiert, und nun das. „Kannst du nicht einfach katholisch werden?“, herrscht die Mutter die Tochter an: „Das wäre für mich schon schlimm genug!“ Solcherart ist der Humor in Eva Spreitzhofers Komödie „Womit haben wir das verdient?“, die am Freitag in die Kinos kommt – frech und sophisticated und so, dass alle Seiten ihr Fett abkriegen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at nannte die Regisseurin und Drehbuchautorin „Monsieur Claude und seine Töchter“ als Genre-Vorbild, und tatsächlich ist ihr diese Art, gesellschaftspolitisch brisante Themen mit einer verspielten Leichtigkeit zu nehmen, perfekt gelungen. Spreitzhofer stellt Weltanschauungen auf den Prüfstand, eine vermeintliche Weltoffenheit, die beim ersten Windhauch in sich zusammenbricht, ebenso, wie eine vermutete Radikalisierung, ohne jemals einen publikumserzieherischen Zeigefinger zu erheben.

Im Mittelpunkt der Irrungen und Verwirrungen steht Burgtheaterschauspielerin Caroline Peters als Ninas Mutter Wanda, erfolgreiche Chirurgin, Feministin, Atheistin und Matriarchin einer Patchworkfamilie. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina, Simon Schwarz Vater Harald. Auch sonst ist der Film mit Hilde Dalik, Alev Irmak, Pia Hierzegger, David Oberkogler, Mehmet Ali Salman oder Johannes Zeiler hochkarätig besetzt. Die Peters überzeugt und unterhält in ihrer Rolle auf ganzer Linie. Wie sie sich auf Erkenntnissuche begibt, ist einfach zu komisch.

Nina/Fatima wird von ihrem Stiefbruder mit einem Würstchen erwischt …: Chantal Zitzenbacher und Angelo Konzett. Bild: © Mona Film

… und wieder rettet Wanda die Situation: Caroline Peters und Chantal Zitzenbacher. Bild: © Mona Film

Ebenso, wie die Meinungen, die sie zu ihrem Problem einzuholen vermag. Vom Schuldirektor, der von Ninas Hijab begeistert ist, Motto: soll doch jeder auf dem Kopf tragen, was er will, Baseballkappen im Klassenzimmer aber verbietet. Über Wandas muslimischen Chirurgenkollegen, der ihr bescheidet: „Der Islam ist voll hipster geworden“. Über ihren Freund, der meint: „Wir schauen uns eine IS-Doku an und dann hat sich das“. Bis zum Imam, der weiß: „Dass Menschen deppert sind, hat mit Allah nichts zu tun“.

Bis zum Burkini lässt Spreitzhofer nichts aus, das irgend für öffentliche Debatten sorgt, doch nichts gerät ihr dabei schwarzweiß, immer stellt sie die auf allen beteiligten Seiten zu findende Bigotterie und Hypokrisie aus. Und während sich Nina/Fatima auf Youtube anschaut, was alles haram ist – Gummibärchen und Fahrradfahren, findet Wanda, um nichts weniger spießig und starrsinnig als ihre „Opponenten“, ausgerechnet in der Mutter von Ninas bester Freundin, Hanife, eine Verbündete.

Auch die ist alles andere als begeistert von der plötzlichen Religiosität der Mädchen. Eva Spreitzhofer ist mit „Womit haben wir das verdient?“ eine feine Satire gelungen, die auf feinfühlige Weise die Bruchstellen, Widersprüche und Grenzen von „Multi-Kulti“ ausleuchtet, und dabei durchaus spaßig ins Schwarze trifft. Großartig, wie eine Figur, die eben noch auf der einen Seite stand, sich gleich darauf argumentativ auf der genau anderen befindet. Dass Spreitzhofer ein, zwei Mal übers Ziel hinausschießt – Wandas Adoptivtochter stammt aus dem Vietnam, und ist somit eine, die sich ihr Andersaussehen nicht ausgesucht hat, der Sohn des Imams muss schwul sein -, dafür entschädigen Einfälle wie dieser:

Die Eltern verkleiden sich für Ninas vermutete Zwangverheiratung: David Oberkogler, Simon Schwarz und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Als Wanda und Harald überzeugt sind, ihre Tochter solle in der Moschee in eine Zwangsehe gedrängt werden, wollen sie das undercover, heißt: mit Tschador verkleidet, verhindern – und geraten prompt in eine Polizeikontrolle. Und weil sie umständlich die Umstände erklären, und der Beamte keine Ahnung hat, wie er mit dem vollverschleierten Ehepaar umgehen soll, ist sein Angebot schließlich: „Wann’s anfoch auf a Gschnas gangerten, tat‘ ma uns alle leichter.“

Am Ende verschiebt Eva Spreitzhofer bei ihrem Feel-Good-Movie noch einmal Grenzen. Zu viel sei nicht verraten, nur, dass die Filmemacherin die Frauensolidarität über alle Konflikte stellt, ebenso wie gegenseitiges Verständnis und ständige Verständigung. Und auch für Mutter Wanda bietet sich eine Lösung – nämlich einfach dies zu sein: Mutter. Die schönste Szene ist, Wanda findet Nina, wie sie auf dem Boden kauernd verzweifelt Bußgebete spricht. Sie konnte dem Würstl im Eiskasten nicht widerstehen. Da nimmt Caroline Peters Chantal Zitzenbacher einfach in den Arm, und ihr das Stückchen Schweinefleisch ab – und steckt es sich selber in den Mund.

Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30758

www.womithabenwirdasverdient.at

  1. 11. 2018

Womit haben wir das verdient? – Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch

November 27, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Debatte ums Kopftuch nicht den Rechten überlassen

Nina eröffnet ihrer Mutter, dass sie zum Islam konvertiert ist: Chantal Zitzenbacher und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Diesen Freitag kommt die Komödie „Womit haben wir das verdient?“ in die Kinos. Darin muss eine Familie ihre stets behauptete Weltoffenheit angestrengt unter die Lupe nehmen, ist doch die pubertierende Tochter zum Islam konvertiert. Nina nennt sich nun Fatima, und die Mutter fällt aus allen Wolken.

Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Spreitzhofer karikiert in ihrem erstem Spielfilm nicht nur leichtfüßig und lustvoll die gängigen Klischees, sie geht auch furchtlos die großen Fragen an: Was heißt radikal? Wie weit kann Toleranz gehen? Wie steht es anno 2018 tatsächlich um die Frauenrechte? Mit Caroline Peters, Simon Schwarz, Alev Irmak oder Mehmet Ali Salman ist „Womit haben wir das verdient?“ hochkarätig besetzt. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina. Eva Spreitzhofer im Gespräch:

MM: Wie frech ist es, die Kopftuch-Debatte in „Womit haben wir das verdient?“ als Komödie anzulegen?

Eva Spreitzhofer: Ich finde, es geht gar nicht anders. Ein so komplexes und umfehdetes Thema ist weder politisch noch im Film ohne Humor anzupacken. Wenn man mit anderen über Dinge lacht, diese Dinge auch zuspitzen kann, dann befreit das den Kopf. Es gibt zu diesem Thema viele Herangehensweisen, es könnte auch eine Doku sein, die vermutlich nicht so viele Leute anschauen würden, wie eine Komödie, aber als Sozialdrama hätte es meines Erachtens gar nicht funktioniert.

MM: Haben Muslimas und Muslime den Film schon gesehen, und haben die gelacht?

Spreitzhofer: Sehr. Und sie waren total begeistert. Die Rückmeldungen sind von allen Seiten so, dass sie sich verstanden gefühlt haben, auch verarscht gefühlt haben, aber in einer Art und Weise, wie sie’s gut nehmen konnten. Das ist ein großes Kompliment für mich. Ich glaube, bis auf echte religiöse Ideologen und Ideologinnen, die naturgemäß völlig humorlos sind, werden sich alle gut amüsieren – und das ist tatsächlich das, was mir am allerwichtigsten war. Ich habe eine ganz klare Haltung zu dem Thema, es ist mir auch wichtig, dass ich von der ausgegangen bin, aber ich wollte einen „Disney-Film“ machen, bei dem die Kinder über etwas anderes lachen als die Erwachsenen. Ich wollte gerne alle abholen, ich habe für jede einzelne Position in diesem Problemfeld eine Figur erfunden. Es gibt keinen Charakter im Film, für den es nicht ein Role Model in der Realität gibt, und es gibt keine Situation, die kein Vorbild hat.

MM: Und Ihre klare Haltung ist?

Spreitzhofer: Im 21. Jahrhundert geht es nicht, dass Frauen unsichtbar gemacht werden. Weder in der Sprache, noch in der Bundeshymne, noch im öffentlichen Raum. Deshalb bin ich fürs Binnen-I, für die Töchter in der Bundeshymne, und bin ich dafür, dass Frauen ihre Reize nicht verdecken müssen, damit Männer nicht geil werden. Wenn Menschen das machen wollen, aus religiösen oder privaten Gründen, dann können sie das gerne tun, aber sie sollen Kinder und junge Mädchen in Ruhe lassen. Und auch zugeben, dass das Kopftuch keine Frage der Selbstbestimmung von Frauen ist, sondern, dass die Art Religion über die gleiche Sexualisierung wie die Werbung funktioniert. Wenn man heute eine Religion oder Ideologie erfinden würde, in der Männer mit Handschellen gefesselt durch die Stadt gehen müssten, damit sie nicht mehr „deppert“ irgendwohin greifen könnten, würde ich mich auch dagegen verwehren. Ich fände das falsch, und ich würde nicht hinnehmen, dass Vertreter dieser Idee sagen: Wir wollen nicht, dass sich jemand einmischt.

MM: Niemand thematisiert allerdings, ob Sikh-Buben einen Patka tragen wollen, oder jüdische eine Kippa.

Spreitzhofer: Weil das einen ganz anderen Ursprung hat. Das kommt nicht daher, dass man’s aufsetzen muss, weil dadurch eine Sittsamkeit, eine Anständigkeit präsentiert wird. Das wird verschleiert von den Menschen, die das Kopftuch als Freiwilligkeit ausgeben, was individuell zweifellos vorkommen kann, aber das ganze Paket, das mit dem Kopftuch mittransportiert wird, bedeutet, eine Frau hat ehrbar, sittsam, anständig zu sein, vor allem unsichtbar zu sein. Und je nach religiöser Radikalität wird das stärker, wird die Schamgrenze unterschiedlich ausgelegt, im schlimmsten Fall mit einer Verhüllung von oben bis unten, also mit Niqab. Das macht ein anderes Straßenbild, als wenn Männer eine Kippa aufsetzen oder einen Turban tragen. Das Problem ist, dass sich weder die Rechten noch die Linken wirklich mit dem Islam beschäftigen, und deswegen lauter Blödsinn verhandelt wird. Das weiß ich natürlich auch erst, seit ich so wahnsinnig viel recherchiert habe.

MM: Wenn man betrachtet, aus welcher Richtung immer wieder der Vorstoß zur Verschärfung des Kopftuchverbots kommt, ist man da als Filmemacherin nicht in Gefahr, sich ins falsche politische Eck zu stellen?

Spreitzhofer: Ganz im Gegenteil. Wir müssen uns die Debatte wieder retour holen, es kann nicht sein, dass wir uns das Thema von den Rechten wegnehmen lassen, die überhaupt keine Lösungen anbieten, die das Ganze nur instrumentalisieren, um Hass und Hetze zu schüren, die selbst ein Frauenbild haben, das genau das gleiche, wie das der Islamisten ist, wie in Österreich, wo die Bundesregierung unheimlich vielen Frauenorganisationen das Geld streicht … Das kann man doch dann nicht ernst nehmen. Auf der anderen Seite steht, dass die SPÖ dazu keine klare Haltung hat, außer der: Da muss man halt ein Integrationspaket schnüren. Das ist natürlich richtig, aber Fakt ist, es gibt unglaublich viele Musliminnen, die selbst der Meinung sind, dass das Kopftuch ein patriarchales Unterdrückungsinstrument ist. Und diese Stimmen muss man endlich einmal hören.

MM: Das wird nicht getan?

Spreitzhofer: Die SPÖ, aber auch die Grünen, haben viel mehr Kontakt mit Vertretern, und jetzt sage ich nicht VertreterInnen, obwohl ich normalerweise gendere, aus islamischen Verbänden, aber nicht mit liberalen Musliminnen und Muslimen, die eine ganz andere Meinung dazu haben. Jetzt ist die große Aufregung, dass Seyran Ateş eine Einladung der FPÖ angenommen hat. Ich halte es auf der einen Seite für ganz falsch, vor denen zu reden, weil sie sich damit instrumentalisieren lässt, es muss da eine hygienische Grenze geben. Auf der anderen Seite muss man sagen: Die SPÖ hat Seyran Ateş meines Wissens noch nie eingeladen. Das ist das Problem. Man treibt solche Leute den Rechten in die Arme. Siehe auch Susanne Wiesinger, die auch erst gehört wird, seit sie sich mit rechteren Medien ins Bett gelegt hat.

MM: Hat Sie als sozusagen Systemfremde nie das Gefühl beschlichen, sie kümmern sich um Dinge, die Sie gar nichts angehen?

Spreitzhofer: Ich überlasse es auch nicht der katholischen Kirche, den sexuellen Missbrauch nicht aufzuklären, wie sie es seit Jahrzehnten tut, sondern finde, die Gesellschaft muss sich einmischen. Ich akzeptiere prinzipiell nicht, dass wir nicht darüber diskutieren können, wo wir uns als Gesellschaft hin entwickeln und welche Werte wir dabei vertreten. Ich bin natürlich für Religionsfreiheit, aber die darf niemals über Frauen- und Kinderrechten stehen. Ich halte viel von dem Satz: Das Private ist politisch. So bin ich aufgewachsen, und das gilt immer mehr. Vor nicht allzu langer Zeit, bis 1989!, war Vergewaltigung in der Ehe straffrei, da waren die Argumente: Kommt jetzt die Polizei ins Schlafzimmer? Wie soll man noch Sex haben? Das erinnert mich sehr an die #MeToo-Debatte, wo man jetzt angeblich nicht mehr weiß, wie man flirten soll.

MM: Und mit dem Kopftuch …?

Spreitzhofer: … ist es das Gleiche: Wenn jemand ihr Frauenbild öffentlich vor sich her trägt, dann reagiere ich darauf. Wenn Frauen sich ein Kopftuch aufsetzen und weite Gewänder anziehen, damit sie eben ihre Reize verhüllen, und wenn das zunimmt in einer Gesellschaft, wenn damit ein Frauenbild verbunden wird, das ich nicht für zeitgemäß halte, dann werde ich das doch hinterfragen dürfen. Egal, ob ich diese Religion habe oder nicht. Ich finde nicht, dass Atheistinnen und Atheisten weniger Rechte haben sollten, als religiöse Menschen.

MM: Sie haben vorhin von Ihrer Recherche gesprochen? Wie sind Sie vorgegangen? Wie sind Sie auf das Thema für Ihren Film gekommen?

Spreitzhofer: Auf das Thema bin ich sehr privat gekommen, als meine Töchter, die nun 18 und 20 sind, am Anfang der Pubertät waren. Ich saß in einer Gruppe von Eltern, und wir haben überlegt, was in den nächsten Jahren Arges auf uns zukommen wird: Schule schwänzen, Drogen, Rechtsradikal werden …, und ich sagte, das Schlimmste, das ich mir vorstellen könnte, wäre, wenn meine Töchter religiös werden und ein Kopftuch tragen würden. Alle, die mich als Atheistin und Feministin kennen, fanden das sehr lustig. So war die Idee zum Film geboren, denn wenn der Protagonistin das Schlimmste passiert, das sie sich vorstellen kann, dann ist das immer ein guter Ausgangspunkt für eine Komödie.

MM: Damals, 2016, war das Thema noch nicht so aufgeheizt.

Spreitzhofer: Es war am Beginn der großen Eskalation, und es war klar, dass man jetzt beginnen muss, das Thema filmisch anzugehen. Was mir Spaß gemacht hat, war es aus diesem liberalen Milieu heraus zu erzählen. „Monsieur Claude und seine Töchter“ hat es von der großbürgerlich-katholischen Seite abgehandelt, das fand ich sehr lustig, ich wollte aber in eine Lebenssituation, in die Patchwork-Familie gehen, die ich sehr gut kenne und die sich dafür sehr gut eignet. Was die Recherche betrifft: Ich bin immer sehr vergnügt, wenn ich in eine mir neue Welt eintauche, weil ich dann sehr offen bin für Zwischentöne. Ich habe mich mit einer schiitischen Hausmeisterin getroffen, mit einem Aleviten, mit dem Leiter der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien, und habe von jedem Tipps bekommen, mit wem ich noch reden könnte. Neben den Fakten habe ich versucht, Persönliches zu hören.

Wanda sucht Rat bei Hanife: Caroline Peters und Alev Irmak. Bild: © Mona Film

Ninas Vater versucht sich getarnt „bei den Muslimen“ einzuschleichen: Simon Schwarz mit David Oberkogler. Bild: © Mona Film

MM: Nämlich?

Spreitzhofer: Was die Leute am Lustigsten finden, was am Schlimmsten. Ich habe mich bemüht, ein möglichst großes Spektrum an Meinungen einzufangen. Über Anekdoten bekommt man einen guten Einblick in eine Gemeinschaft. Außerdem kann man solche Geschichten nie erfinden, die Realität ist immer absurder als das, was man sich ausdenken würde.

MM: Ganz blauäugig gefragt: Gibt es Konvertitinnen?

Spreitzhofer: Jede Menge. Nicht mehr so aktuell sind im Moment die Mädchen, die zum IS gefahren sind, ich erinnere mich da zum Beispiel noch an zwei dm-Lehrlinge mit 15, 16 Jahren, das hat ziemlich aufgehört, weil der IS jetzt anders rekrutiert. Und die, die konvertieren, sind halt oft fanatischer, wie bei vielen anderen Gelegenheiten, wo Leute, die neu in eine Gruppe kommen, und sich dort erst beweisen müssen, radikaler werden als die anderen sind.

MM: Die Figur Nina ist ja so. Würde ich das islamische Pendant kennen, müsste ich nicht sagen, sie ist päpstlicher als der Papst.

Spreitzhofer: Genau. Sie will zeigen, dass sie die Super-Muslima ist. Es gibt da aber auch eine Sinnsuche, ein Verzweifeln an komplexen Problemen, für die die Religion einfache Lösungen bietet. Obwohl mir von vielen Musliminnen und Muslimen versichert wurde, dass der Islam die strengste und komplizierteste Religion ist. Aber da, wo’s viele Regeln gibt, gibt es auch viele Wege sie zu umgehen. Für Nina ist das nicht so. Mir war es jedenfalls wichtig, dass die Muslime mit denen wir in der Moschee gedreht haben, auch im echten Leben muslimisch sind …

MM: Sie haben auch in einer Moschee gedreht?

Spreitzhofer: Wir haben eine nachgebaut, weil wir keine gefunden haben, in der wir drehen durften. Also, wie gesagt, wirkliche Muslime, ich wollte da keine Codes verletzen, mir war wichtig, dass die Komparsen Teil der muslimischen Religion sind, und da wurde es natürlich lustig, denn ich hatte 40 Auskenner am Set, die mir in den unterschiedlichsten Sprachen wertvolle Tipps geben wollten. Ich war da sehr offen, aber Tatsache war, dass sie sich in ihren Tipps sehr widersprochen haben, was meine Annahmen zum Thema Religion nur bestätigt hat.

MM: Ninas entsetzte Mutter heißt Wanda. So intellektuell, liberal, atheistisch sie ist, ist sie doch eine Missionarin für Ihre Weltanschauung.

Spreitzhofer: Natürlich. Wanda ist im Prinzip ich. Und ich bin durchaus ungeduldig, intolerant, besserwisserisch, muss allen für ihr Leben Tipps geben, und ich habe wie Wanda nicht nur immer das Gefühl, es gibt für alles eine Lösung, sondern: ich habe für alles eine Lösung. Gleichzeitig bin ich in einem Alter, in dem ich das immer mehr mit einem Augenzwinkern sehen kann, und deswegen kann ich das auch persiflieren. Es gibt da eine Szene, wo sich Wanda darüber aufregt, dass man eine Frau in einen Käfig gesperrt hat, dabei ist das eine Demonstration gegen das Tragen von Pelzen. Solche Momente, in denen man überschwappt, kenne ich gut. Wanda kann einfach nicht aufhören, die kann ihre Tochter nicht in Ruhe lassen.

MM: Welche Mutter kann das schon?

Spreitzhofer: Ich besonders schlecht, sagen meine Töchter. Die im Film übrigens mitspielen, und zwar sind sie in den Youtube-Videos zu sehen, die sich Wanda von Konvertitinnen ansieht. Das war für mich noch berührender, weil meine Töchter improvisiert haben, ich habe ihnen gesagt, was ich haben möchte, aber sie haben’s mit eigenen Worten aus ihrem eigenen Leben umgesetzt.

MM: Ihr Film endet damit, dass Frauensolidarität über allem steht. Das ist Ihre Vision?

Spreitzhofer: Ja. Viele Menschen, die ich kenne, sind fassungslos über die USA unter Trump, über den Rechtsruck in Europa, über das Wiederkehren vieler Dinge, die wir eigentlich überwunden glaubten, und plötzlich wird vieles wieder infrage gestellt. Das macht mich betroffen und auch ohnmächtig, ich will aber nicht, dass wir glauben, bestimmte Errungenschaften könnten so einfach wieder rückgängig gemacht werden. Für mich war die Frage, wie komme ich intelligent und komödiantisch aus dem Film raus. Es wäre ja nicht gegangen, dass die Nina kein Kopftuch mehr trägt und aus. Ich verrate jetzt nicht, wie’s ausgeht, aber ich finde, dass man am Ende von den Frauen und ihrem Zusammenhalt berührt ist. Der die radikalen Muslime und die Rechten, die sich ja in vielem ähnlich sind, auf einmal hinwegfegt.

MM: Da verschieben Sie die Fronten.

Spreitzhofer: Genau. Ich wurde unlängst bei einer Diskussion in Deutschland gefragt, was meine Lösung fürs Zusammenleben ist, und ich sagte: Bildung, Demokratie und Feminismus. Das wären die Dinge, die uns schon ganz gut weiterbringen würden, der Rest wird sich dann fügen.

MM: Sie haben einen wunderbaren Cast: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher, Duygu Arslan, Alev Irmak, die man vom aktionstheater ensemble, aber auch als Vorarlbergerische Gerichtsmedizinerin in den „CopStories“ kennt.

Spreitzhofer: Ich brauchte die beste Komödiantin, die man kriegen kann, und das ist einfach Caroline Peters. Sie fand das Drehbuch großartig, wir haben uns gut verstanden, damit war das eingetütet. Dann habe ich eine Familie rund um sie gebaut, habe überlegt, wer könnte mit ihr zusammenpassen. Als Simon Schwarz dazukam, haben Caroline und er beim Textlesen nur gelacht, also war das auch klar. Für die Nina wollte ich jemanden, der schon Dreherfahrung hat und mit den Erfahrenen mithalten kann, so kam Chantal dazu. Alev Irmak finde ich einfach seit den Umut-Dag-Filmen grandios. Ich finde es super, wie sie zwischen Österreichisch und Türkisch switcht. Und Duygu Arslan wurde mir von Eva Roth, meiner Casterin, vorgeschlagen, das ist ihr erster Kinofilm, und ich bin sehr glücklich mit ihr.

Wanda in der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien: Caroline Peters. Bild: © Mona Film

MM: Ihnen war auch wichtig, Schauspieler in anderen Rollen als den üblichen Klischees zu besetzen.

Spreitzhofer: Deshalb spielt zum Beispiel Mehmet Ali Salman alias Ali Capone, der Bösewicht aus den „Migrantigen“, bei mir einen Arzt. Der durfte bisher bevorzugt Taxifahrer spielen, dabei schauen so die Oberärzte heute doch aus.

MM: Welches Publikum wünschen Sie sich für Ihre Satire?

Spreitzhofer: So viel wie möglich. Ich habe bis jetzt Fernsehdrehbücher geschrieben, „Schnell ermittelt“ erfunden, und alles, was ich bis jetzt abgeliefert habe, ist im Fernsehen Tagessieger gewesen. Das heißt, ich bin schon publikumsverwöhnt.

Die Kritik zum Film: www.mottingers-meinung.at/?p=30834

www.womithabenwirdasverdient.at

27. 11. 2018