Womit haben wir das verdient?

Dezember 2, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Kiffen lieber Kopftuch tragen

Mutter Wanda hilft mäßig begeistert beim Burkini-Kaufen: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher und Duygu Arslan. Bild: © Mona Film

„Geht die Nina als Gespenst?“, fragt unschuldig der kleine Bruder, als er seine Schwester zum ersten Mal mit Hijab sieht. Die 16-Jährige ist nämlich zum Islam konvertiert, nennt sich nun Fatima – und hat das Kiffen zugunsten ihres Kopftuchs aufgegeben. Eltern im Schockzustand. Und während der Vater wenigstens versucht, ein wenig Verständnis aufzubringen, ist die Mutter ausschließlich schäumend vor Wut.

Wofür und wogegen – Frauenrechte/Adventkranz – hatte man in StudentInnentagen nicht alles protestiert, und nun das. „Kannst du nicht einfach katholisch werden?“, herrscht die Mutter die Tochter an: „Das wäre für mich schon schlimm genug!“ Solcherart ist der Humor in Eva Spreitzhofers Komödie „Womit haben wir das verdient?“, die am Freitag in die Kinos kommt – frech und sophisticated und so, dass alle Seiten ihr Fett abkriegen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at nannte die Regisseurin und Drehbuchautorin „Monsieur Claude und seine Töchter“ als Genre-Vorbild, und tatsächlich ist ihr diese Art, gesellschaftspolitisch brisante Themen mit einer verspielten Leichtigkeit zu nehmen, perfekt gelungen. Spreitzhofer stellt Weltanschauungen auf den Prüfstand, eine vermeintliche Weltoffenheit, die beim ersten Windhauch in sich zusammenbricht, ebenso, wie eine vermutete Radikalisierung, ohne jemals einen publikumserzieherischen Zeigefinger zu erheben.

Im Mittelpunkt der Irrungen und Verwirrungen steht Burgtheaterschauspielerin Caroline Peters als Ninas Mutter Wanda, erfolgreiche Chirurgin, Feministin, Atheistin und Matriarchin einer Patchworkfamilie. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina, Simon Schwarz Vater Harald. Auch sonst ist der Film mit Hilde Dalik, Alev Irmak, Pia Hierzegger, David Oberkogler, Mehmet Ali Salman oder Johannes Zeiler hochkarätig besetzt. Die Peters überzeugt und unterhält in ihrer Rolle auf ganzer Linie. Wie sie sich auf Erkenntnissuche begibt, ist einfach zu komisch.

Nina/Fatima wird von ihrem Stiefbruder mit einem Würstchen erwischt …: Chantal Zitzenbacher und Angelo Konzett. Bild: © Mona Film

… und wieder rettet Wanda die Situation: Caroline Peters und Chantal Zitzenbacher. Bild: © Mona Film

Ebenso, wie die Meinungen, die sie zu ihrem Problem einzuholen vermag. Vom Schuldirektor, der von Ninas Hijab begeistert ist, Motto: soll doch jeder auf dem Kopf tragen, was er will, Baseballkappen im Klassenzimmer aber verbietet. Über Wandas muslimischen Chirurgenkollegen, der ihr bescheidet: „Der Islam ist voll hipster geworden“. Über ihren Freund, der meint: „Wir schauen uns eine IS-Doku an und dann hat sich das“. Bis zum Imam, der weiß: „Dass Menschen deppert sind, hat mit Allah nichts zu tun“.

Bis zum Burkini lässt Spreitzhofer nichts aus, das irgend für öffentliche Debatten sorgt, doch nichts gerät ihr dabei schwarzweiß, immer stellt sie die auf allen beteiligten Seiten zu findende Bigotterie und Hypokrisie aus. Und während sich Nina/Fatima auf Youtube anschaut, was alles haram ist – Gummibärchen und Fahrradfahren, findet Wanda, um nichts weniger spießig und starrsinnig als ihre „Opponenten“, ausgerechnet in der Mutter von Ninas bester Freundin, Hanife, eine Verbündete.

Auch die ist alles andere als begeistert von der plötzlichen Religiosität der Mädchen. Eva Spreitzhofer ist mit „Womit haben wir das verdient?“ eine feine Satire gelungen, die auf feinfühlige Weise die Bruchstellen, Widersprüche und Grenzen von „Multi-Kulti“ ausleuchtet, und dabei durchaus spaßig ins Schwarze trifft. Großartig, wie eine Figur, die eben noch auf der einen Seite stand, sich gleich darauf argumentativ auf der genau anderen befindet. Dass Spreitzhofer ein, zwei Mal übers Ziel hinausschießt – Wandas Adoptivtochter stammt aus dem Vietnam, und ist somit eine, die sich ihr Andersaussehen nicht ausgesucht hat, der Sohn des Imams muss schwul sein -, dafür entschädigen Einfälle wie dieser:

Die Eltern verkleiden sich für Ninas vermutete Zwangverheiratung: David Oberkogler, Simon Schwarz und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Als Wanda und Harald überzeugt sind, ihre Tochter solle in der Moschee in eine Zwangsehe gedrängt werden, wollen sie das undercover, heißt: mit Tschador verkleidet, verhindern – und geraten prompt in eine Polizeikontrolle. Und weil sie umständlich die Umstände erklären, und der Beamte keine Ahnung hat, wie er mit dem vollverschleierten Ehepaar umgehen soll, ist sein Angebot schließlich: „Wann’s anfoch auf a Gschnas gangerten, tat‘ ma uns alle leichter.“

Am Ende verschiebt Eva Spreitzhofer bei ihrem Feel-Good-Movie noch einmal Grenzen. Zu viel sei nicht verraten, nur, dass die Filmemacherin die Frauensolidarität über alle Konflikte stellt, ebenso wie gegenseitiges Verständnis und ständige Verständigung. Und auch für Mutter Wanda bietet sich eine Lösung – nämlich einfach dies zu sein: Mutter. Die schönste Szene ist, Wanda findet Nina, wie sie auf dem Boden kauernd verzweifelt Bußgebete spricht. Sie konnte dem Würstl im Eiskasten nicht widerstehen. Da nimmt Caroline Peters Chantal Zitzenbacher einfach in den Arm, und ihr das Stückchen Schweinefleisch ab – und steckt es sich selber in den Mund.

Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30758

www.womithabenwirdasverdient.at

  1. 11. 2018

Womit haben wir das verdient? – Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch

November 27, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Debatte ums Kopftuch nicht den Rechten überlassen

Nina eröffnet ihrer Mutter, dass sie zum Islam konvertiert ist: Chantal Zitzenbacher und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Diesen Freitag kommt die Komödie „Womit haben wir das verdient?“ in die Kinos. Darin muss eine Familie ihre stets behauptete Weltoffenheit angestrengt unter die Lupe nehmen, ist doch die pubertierende Tochter zum Islam konvertiert. Nina nennt sich nun Fatima, und die Mutter fällt aus allen Wolken.

Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Spreitzhofer karikiert in ihrem erstem Spielfilm nicht nur leichtfüßig und lustvoll die gängigen Klischees, sie geht auch furchtlos die großen Fragen an: Was heißt radikal? Wie weit kann Toleranz gehen? Wie steht es anno 2018 tatsächlich um die Frauenrechte? Mit Caroline Peters, Simon Schwarz, Alev Irmak oder Mehmet Ali Salman ist „Womit haben wir das verdient?“ hochkarätig besetzt. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina. Eva Spreitzhofer im Gespräch:

MM: Wie frech ist es, die Kopftuch-Debatte in „Womit haben wir das verdient?“ als Komödie anzulegen?

Eva Spreitzhofer: Ich finde, es geht gar nicht anders. Ein so komplexes und umfehdetes Thema ist weder politisch noch im Film ohne Humor anzupacken. Wenn man mit anderen über Dinge lacht, diese Dinge auch zuspitzen kann, dann befreit das den Kopf. Es gibt zu diesem Thema viele Herangehensweisen, es könnte auch eine Doku sein, die vermutlich nicht so viele Leute anschauen würden, wie eine Komödie, aber als Sozialdrama hätte es meines Erachtens gar nicht funktioniert.

MM: Haben Muslimas und Muslime den Film schon gesehen, und haben die gelacht?

Spreitzhofer: Sehr. Und sie waren total begeistert. Die Rückmeldungen sind von allen Seiten so, dass sie sich verstanden gefühlt haben, auch verarscht gefühlt haben, aber in einer Art und Weise, wie sie’s gut nehmen konnten. Das ist ein großes Kompliment für mich. Ich glaube, bis auf echte religiöse Ideologen und Ideologinnen, die naturgemäß völlig humorlos sind, werden sich alle gut amüsieren – und das ist tatsächlich das, was mir am allerwichtigsten war. Ich habe eine ganz klare Haltung zu dem Thema, es ist mir auch wichtig, dass ich von der ausgegangen bin, aber ich wollte einen „Disney-Film“ machen, bei dem die Kinder über etwas anderes lachen als die Erwachsenen. Ich wollte gerne alle abholen, ich habe für jede einzelne Position in diesem Problemfeld eine Figur erfunden. Es gibt keinen Charakter im Film, für den es nicht ein Role Model in der Realität gibt, und es gibt keine Situation, die kein Vorbild hat.

MM: Und Ihre klare Haltung ist?

Spreitzhofer: Im 21. Jahrhundert geht es nicht, dass Frauen unsichtbar gemacht werden. Weder in der Sprache, noch in der Bundeshymne, noch im öffentlichen Raum. Deshalb bin ich fürs Binnen-I, für die Töchter in der Bundeshymne, und bin ich dafür, dass Frauen ihre Reize nicht verdecken müssen, damit Männer nicht geil werden. Wenn Menschen das machen wollen, aus religiösen oder privaten Gründen, dann können sie das gerne tun, aber sie sollen Kinder und junge Mädchen in Ruhe lassen. Und auch zugeben, dass das Kopftuch keine Frage der Selbstbestimmung von Frauen ist, sondern, dass die Art Religion über die gleiche Sexualisierung wie die Werbung funktioniert. Wenn man heute eine Religion oder Ideologie erfinden würde, in der Männer mit Handschellen gefesselt durch die Stadt gehen müssten, damit sie nicht mehr „deppert“ irgendwohin greifen könnten, würde ich mich auch dagegen verwehren. Ich fände das falsch, und ich würde nicht hinnehmen, dass Vertreter dieser Idee sagen: Wir wollen nicht, dass sich jemand einmischt.

MM: Niemand thematisiert allerdings, ob Sikh-Buben einen Patka tragen wollen, oder jüdische eine Kippa.

Spreitzhofer: Weil das einen ganz anderen Ursprung hat. Das kommt nicht daher, dass man’s aufsetzen muss, weil dadurch eine Sittsamkeit, eine Anständigkeit präsentiert wird. Das wird verschleiert von den Menschen, die das Kopftuch als Freiwilligkeit ausgeben, was individuell zweifellos vorkommen kann, aber das ganze Paket, das mit dem Kopftuch mittransportiert wird, bedeutet, eine Frau hat ehrbar, sittsam, anständig zu sein, vor allem unsichtbar zu sein. Und je nach religiöser Radikalität wird das stärker, wird die Schamgrenze unterschiedlich ausgelegt, im schlimmsten Fall mit einer Verhüllung von oben bis unten, also mit Niqab. Das macht ein anderes Straßenbild, als wenn Männer eine Kippa aufsetzen oder einen Turban tragen. Das Problem ist, dass sich weder die Rechten noch die Linken wirklich mit dem Islam beschäftigen, und deswegen lauter Blödsinn verhandelt wird. Das weiß ich natürlich auch erst, seit ich so wahnsinnig viel recherchiert habe.

MM: Wenn man betrachtet, aus welcher Richtung immer wieder der Vorstoß zur Verschärfung des Kopftuchverbots kommt, ist man da als Filmemacherin nicht in Gefahr, sich ins falsche politische Eck zu stellen?

Spreitzhofer: Ganz im Gegenteil. Wir müssen uns die Debatte wieder retour holen, es kann nicht sein, dass wir uns das Thema von den Rechten wegnehmen lassen, die überhaupt keine Lösungen anbieten, die das Ganze nur instrumentalisieren, um Hass und Hetze zu schüren, die selbst ein Frauenbild haben, das genau das gleiche, wie das der Islamisten ist, wie in Österreich, wo die Bundesregierung unheimlich vielen Frauenorganisationen das Geld streicht … Das kann man doch dann nicht ernst nehmen. Auf der anderen Seite steht, dass die SPÖ dazu keine klare Haltung hat, außer der: Da muss man halt ein Integrationspaket schnüren. Das ist natürlich richtig, aber Fakt ist, es gibt unglaublich viele Musliminnen, die selbst der Meinung sind, dass das Kopftuch ein patriarchales Unterdrückungsinstrument ist. Und diese Stimmen muss man endlich einmal hören.

MM: Das wird nicht getan?

Spreitzhofer: Die SPÖ, aber auch die Grünen, haben viel mehr Kontakt mit Vertretern, und jetzt sage ich nicht VertreterInnen, obwohl ich normalerweise gendere, aus islamischen Verbänden, aber nicht mit liberalen Musliminnen und Muslimen, die eine ganz andere Meinung dazu haben. Jetzt ist die große Aufregung, dass Seyran Ateş eine Einladung der FPÖ angenommen hat. Ich halte es auf der einen Seite für ganz falsch, vor denen zu reden, weil sie sich damit instrumentalisieren lässt, es muss da eine hygienische Grenze geben. Auf der anderen Seite muss man sagen: Die SPÖ hat Seyran Ateş meines Wissens noch nie eingeladen. Das ist das Problem. Man treibt solche Leute den Rechten in die Arme. Siehe auch Susanne Wiesinger, die auch erst gehört wird, seit sie sich mit rechteren Medien ins Bett gelegt hat.

MM: Hat Sie als sozusagen Systemfremde nie das Gefühl beschlichen, sie kümmern sich um Dinge, die Sie gar nichts angehen?

Spreitzhofer: Ich überlasse es auch nicht der katholischen Kirche, den sexuellen Missbrauch nicht aufzuklären, wie sie es seit Jahrzehnten tut, sondern finde, die Gesellschaft muss sich einmischen. Ich akzeptiere prinzipiell nicht, dass wir nicht darüber diskutieren können, wo wir uns als Gesellschaft hin entwickeln und welche Werte wir dabei vertreten. Ich bin natürlich für Religionsfreiheit, aber die darf niemals über Frauen- und Kinderrechten stehen. Ich halte viel von dem Satz: Das Private ist politisch. So bin ich aufgewachsen, und das gilt immer mehr. Vor nicht allzu langer Zeit, bis 1989!, war Vergewaltigung in der Ehe straffrei, da waren die Argumente: Kommt jetzt die Polizei ins Schlafzimmer? Wie soll man noch Sex haben? Das erinnert mich sehr an die #MeToo-Debatte, wo man jetzt angeblich nicht mehr weiß, wie man flirten soll.

MM: Und mit dem Kopftuch …?

Spreitzhofer: … ist es das Gleiche: Wenn jemand ihr Frauenbild öffentlich vor sich her trägt, dann reagiere ich darauf. Wenn Frauen sich ein Kopftuch aufsetzen und weite Gewänder anziehen, damit sie eben ihre Reize verhüllen, und wenn das zunimmt in einer Gesellschaft, wenn damit ein Frauenbild verbunden wird, das ich nicht für zeitgemäß halte, dann werde ich das doch hinterfragen dürfen. Egal, ob ich diese Religion habe oder nicht. Ich finde nicht, dass Atheistinnen und Atheisten weniger Rechte haben sollten, als religiöse Menschen.

MM: Sie haben vorhin von Ihrer Recherche gesprochen? Wie sind Sie vorgegangen? Wie sind Sie auf das Thema für Ihren Film gekommen?

Spreitzhofer: Auf das Thema bin ich sehr privat gekommen, als meine Töchter, die nun 18 und 20 sind, am Anfang der Pubertät waren. Ich saß in einer Gruppe von Eltern, und wir haben überlegt, was in den nächsten Jahren Arges auf uns zukommen wird: Schule schwänzen, Drogen, Rechtsradikal werden …, und ich sagte, das Schlimmste, das ich mir vorstellen könnte, wäre, wenn meine Töchter religiös werden und ein Kopftuch tragen würden. Alle, die mich als Atheistin und Feministin kennen, fanden das sehr lustig. So war die Idee zum Film geboren, denn wenn der Protagonistin das Schlimmste passiert, das sie sich vorstellen kann, dann ist das immer ein guter Ausgangspunkt für eine Komödie.

MM: Damals, 2016, war das Thema noch nicht so aufgeheizt.

Spreitzhofer: Es war am Beginn der großen Eskalation, und es war klar, dass man jetzt beginnen muss, das Thema filmisch anzugehen. Was mir Spaß gemacht hat, war es aus diesem liberalen Milieu heraus zu erzählen. „Monsieur Claude und seine Töchter“ hat es von der großbürgerlich-katholischen Seite abgehandelt, das fand ich sehr lustig, ich wollte aber in eine Lebenssituation, in die Patchwork-Familie gehen, die ich sehr gut kenne und die sich dafür sehr gut eignet. Was die Recherche betrifft: Ich bin immer sehr vergnügt, wenn ich in eine mir neue Welt eintauche, weil ich dann sehr offen bin für Zwischentöne. Ich habe mich mit einer schiitischen Hausmeisterin getroffen, mit einem Aleviten, mit dem Leiter der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien, und habe von jedem Tipps bekommen, mit wem ich noch reden könnte. Neben den Fakten habe ich versucht, Persönliches zu hören.

Wanda sucht Rat bei Hanife: Caroline Peters und Alev Irmak. Bild: © Mona Film

Ninas Vater versucht sich getarnt „bei den Muslimen“ einzuschleichen: Simon Schwarz mit David Oberkogler. Bild: © Mona Film

MM: Nämlich?

Spreitzhofer: Was die Leute am Lustigsten finden, was am Schlimmsten. Ich habe mich bemüht, ein möglichst großes Spektrum an Meinungen einzufangen. Über Anekdoten bekommt man einen guten Einblick in eine Gemeinschaft. Außerdem kann man solche Geschichten nie erfinden, die Realität ist immer absurder als das, was man sich ausdenken würde.

MM: Ganz blauäugig gefragt: Gibt es Konvertitinnen?

Spreitzhofer: Jede Menge. Nicht mehr so aktuell sind im Moment die Mädchen, die zum IS gefahren sind, ich erinnere mich da zum Beispiel noch an zwei dm-Lehrlinge mit 15, 16 Jahren, das hat ziemlich aufgehört, weil der IS jetzt anders rekrutiert. Und die, die konvertieren, sind halt oft fanatischer, wie bei vielen anderen Gelegenheiten, wo Leute, die neu in eine Gruppe kommen, und sich dort erst beweisen müssen, radikaler werden als die anderen sind.

MM: Die Figur Nina ist ja so. Würde ich das islamische Pendant kennen, müsste ich nicht sagen, sie ist päpstlicher als der Papst.

Spreitzhofer: Genau. Sie will zeigen, dass sie die Super-Muslima ist. Es gibt da aber auch eine Sinnsuche, ein Verzweifeln an komplexen Problemen, für die die Religion einfache Lösungen bietet. Obwohl mir von vielen Musliminnen und Muslimen versichert wurde, dass der Islam die strengste und komplizierteste Religion ist. Aber da, wo’s viele Regeln gibt, gibt es auch viele Wege sie zu umgehen. Für Nina ist das nicht so. Mir war es jedenfalls wichtig, dass die Muslime mit denen wir in der Moschee gedreht haben, auch im echten Leben muslimisch sind …

MM: Sie haben auch in einer Moschee gedreht?

Spreitzhofer: Wir haben eine nachgebaut, weil wir keine gefunden haben, in der wir drehen durften. Also, wie gesagt, wirkliche Muslime, ich wollte da keine Codes verletzen, mir war wichtig, dass die Komparsen Teil der muslimischen Religion sind, und da wurde es natürlich lustig, denn ich hatte 40 Auskenner am Set, die mir in den unterschiedlichsten Sprachen wertvolle Tipps geben wollten. Ich war da sehr offen, aber Tatsache war, dass sie sich in ihren Tipps sehr widersprochen haben, was meine Annahmen zum Thema Religion nur bestätigt hat.

MM: Ninas entsetzte Mutter heißt Wanda. So intellektuell, liberal, atheistisch sie ist, ist sie doch eine Missionarin für Ihre Weltanschauung.

Spreitzhofer: Natürlich. Wanda ist im Prinzip ich. Und ich bin durchaus ungeduldig, intolerant, besserwisserisch, muss allen für ihr Leben Tipps geben, und ich habe wie Wanda nicht nur immer das Gefühl, es gibt für alles eine Lösung, sondern: ich habe für alles eine Lösung. Gleichzeitig bin ich in einem Alter, in dem ich das immer mehr mit einem Augenzwinkern sehen kann, und deswegen kann ich das auch persiflieren. Es gibt da eine Szene, wo sich Wanda darüber aufregt, dass man eine Frau in einen Käfig gesperrt hat, dabei ist das eine Demonstration gegen das Tragen von Pelzen. Solche Momente, in denen man überschwappt, kenne ich gut. Wanda kann einfach nicht aufhören, die kann ihre Tochter nicht in Ruhe lassen.

MM: Welche Mutter kann das schon?

Spreitzhofer: Ich besonders schlecht, sagen meine Töchter. Die im Film übrigens mitspielen, und zwar sind sie in den Youtube-Videos zu sehen, die sich Wanda von Konvertitinnen ansieht. Das war für mich noch berührender, weil meine Töchter improvisiert haben, ich habe ihnen gesagt, was ich haben möchte, aber sie haben’s mit eigenen Worten aus ihrem eigenen Leben umgesetzt.

MM: Ihr Film endet damit, dass Frauensolidarität über allem steht. Das ist Ihre Vision?

Spreitzhofer: Ja. Viele Menschen, die ich kenne, sind fassungslos über die USA unter Trump, über den Rechtsruck in Europa, über das Wiederkehren vieler Dinge, die wir eigentlich überwunden glaubten, und plötzlich wird vieles wieder infrage gestellt. Das macht mich betroffen und auch ohnmächtig, ich will aber nicht, dass wir glauben, bestimmte Errungenschaften könnten so einfach wieder rückgängig gemacht werden. Für mich war die Frage, wie komme ich intelligent und komödiantisch aus dem Film raus. Es wäre ja nicht gegangen, dass die Nina kein Kopftuch mehr trägt und aus. Ich verrate jetzt nicht, wie’s ausgeht, aber ich finde, dass man am Ende von den Frauen und ihrem Zusammenhalt berührt ist. Der die radikalen Muslime und die Rechten, die sich ja in vielem ähnlich sind, auf einmal hinwegfegt.

MM: Da verschieben Sie die Fronten.

Spreitzhofer: Genau. Ich wurde unlängst bei einer Diskussion in Deutschland gefragt, was meine Lösung fürs Zusammenleben ist, und ich sagte: Bildung, Demokratie und Feminismus. Das wären die Dinge, die uns schon ganz gut weiterbringen würden, der Rest wird sich dann fügen.

MM: Sie haben einen wunderbaren Cast: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher, Duygu Arslan, Alev Irmak, die man vom aktionstheater ensemble, aber auch als Vorarlbergerische Gerichtsmedizinerin in den „CopStories“ kennt.

Spreitzhofer: Ich brauchte die beste Komödiantin, die man kriegen kann, und das ist einfach Caroline Peters. Sie fand das Drehbuch großartig, wir haben uns gut verstanden, damit war das eingetütet. Dann habe ich eine Familie rund um sie gebaut, habe überlegt, wer könnte mit ihr zusammenpassen. Als Simon Schwarz dazukam, haben Caroline und er beim Textlesen nur gelacht, also war das auch klar. Für die Nina wollte ich jemanden, der schon Dreherfahrung hat und mit den Erfahrenen mithalten kann, so kam Chantal dazu. Alev Irmak finde ich einfach seit den Umut-Dag-Filmen grandios. Ich finde es super, wie sie zwischen Österreichisch und Türkisch switcht. Und Duygu Arslan wurde mir von Eva Roth, meiner Casterin, vorgeschlagen, das ist ihr erster Kinofilm, und ich bin sehr glücklich mit ihr.

Wanda in der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien: Caroline Peters. Bild: © Mona Film

MM: Ihnen war auch wichtig, Schauspieler in anderen Rollen als den üblichen Klischees zu besetzen.

Spreitzhofer: Deshalb spielt zum Beispiel Mehmet Ali Salman alias Ali Capone, der Bösewicht aus den „Migrantigen“, bei mir einen Arzt. Der durfte bisher bevorzugt Taxifahrer spielen, dabei schauen so die Oberärzte heute doch aus.

MM: Welches Publikum wünschen Sie sich für Ihre Satire?

Spreitzhofer: So viel wie möglich. Ich habe bis jetzt Fernsehdrehbücher geschrieben, „Schnell ermittelt“ erfunden, und alles, was ich bis jetzt abgeliefert habe, ist im Fernsehen Tagessieger gewesen. Das heißt, ich bin schon publikumsverwöhnt.

Die Kritik zum Film: www.mottingers-meinung.at/?p=30834

www.womithabenwirdasverdient.at

27. 11. 2018

Schauspielhaus Wien: Die Hauptstadt

September 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Menasses Inside-Brüssel-Roman als Bühnensatire

Die Fädenzieher im Hintergrund: Steffen Link als Romolo Strozzi und Jesse Inman als schweinsköpfiger Attila Hitegkuti. Bild: © Matthias Heschl

Man könne, so dachte man, mit der Umsetzung von Robert Menasses mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Brüssel-Bestseller „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646) auf der Bühne nur in Schönheit scheitern. Zu viele Protagonisten, viel zu viele verzwirbelte Handlungsstränge, als dass ein solches Unterfangen gelingen könnte. Falsch gedacht.

Am Schauspielhaus Wien zeigen Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster, beide für die Bühnenfassung des Texts verantwortlich, wie’s geht. Sie haben die Essenz dieser Europa-Satire exemplarisch destilliert, und behandeln in knackigen zwei Stunden Menasses große Themen – vom scheint‘s undurchdringlichen Dickicht der EU-Bürokratie über die grotesk-intrigante Beamtenschaft und auf eigenstaatlichen Standpunkten beharrenden Politiker bis zum nicht klein zu kriegenden Geist des Nationalismus.

Dieser entzündet sich diesmal an einem eigentlich für ein Prestigeprojekt gedachten Papier: Weil die Europäische Kommission unter Imageproblemen zu leiden hat, soll die Generaldirektion für Kultur zum 50. Geburtstag derselben einen Festakt organisieren. Ergo macht man sich in der ungeliebten, vernachlässigten Abteilung Gedanken um ein mögliches Motto – und landet bei Auschwitz. Das Vernichtungslager der Nazis als Motor der Gründung der Europäischen Union, geschuldet einem Niemals Vergessen! und einem Nie mehr wieder! Ein entsprechender Plan wird ausgearbeitet und rundgemailt – und schon bricht die Hölle los, brechen alte Gräben auf. Die Beamten darin Aufrechterhalter eines Status quo, ohne Vorstellungskraft für die Zukunft, die Politiker festgezurrt an ihr Modell des Nationalismus als Identifikationsobjekt für ihre jeweils wahlberechtigen Bürger.

Bihler verlegt das Geschehen in eine von Josa Marx gestaltete Bar wie aus grünem Onyx. Darin tummeln sich seltsame, kafkaeske Gestalten, die Gesichter weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, aber fesch glänzend in Schale, die ganze untote Brüsseler Beamtenschaft. Viel Pantomimisches läuft hier ab, ein Zombietanz, ein Gespensterballett, immer wieder Stasis, Zeitlupe, dann Zeitraffer-Bilder, Zuckungen wie von Insekten, die gegen Flammen fliegen. Der Zeremonienmeister in dieser Szenerie ist Bardo Böhlefeld als diabolischer Barmann. Er ist gleichsam Erzähler wie Spielleiter, eine Art Maschinenmensch mit zunehmender Funktionsstörung. Unheimlich, wie er um die anderen Figuren schleicht, wie er Vanitas-Videos, ein verrottendes Stillleben mit Milch und Motte, an die Wand werfen lässt, bis ihm selbst schließlich wortwörtlich der Saft ausgeht.

Der diabolische Spielmacher und seine Beamtenfiguren: Jesse Inman, Bardo Böhlefeld und Sophia Löffler. Bild: © Matthias Heschl

Brüsseler Zombietanz: Simon Bauer, Steffen Link, Jesse Inman, Sophia Löffler und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Antiheld des Ganzen ist Simon Bauer als Martin Susman, ein schwermütiger, ein österreichischer Mensch ganz am Rande des Machtzentrums, aufgerieben zwischen den Begehrlichkeiten seines Bruders, der den Jüngeren als Lobbyist für seine Schweinezucht-Interessen instrumentalisieren will, und denen seiner Vorgesetzten Fenia Xenopoulou, die eigentlich auf dem Sprung zum nächsten Karriereschritt wäre, der aber nicht kommen mag, so lange sie in der „Kultur“ vor sich hin dümpelt.

Bauer stattet seinen Susman mit einer augenrollend komischen Verzweiflung aus, Sophia Löffler macht aus Fenia eine flirrende Person, die um vermeintlich höher Gestellte verlegen umhertänzelt, während sie ihre eigene Truppe mit harschem Kommando führt. Ständig arbeitet es in ihrem um „Visibility“ bemühten Gesicht, aber ach, der Pragmatismus … Jesse Inman darf als Susmans begrenzt enthusiastischer Kollege Bohumil Smekal Elvis singen (muss sich aber gleichzeitig wegen der Heirat seiner Schwester mit einem tschechischen Nationalisten grämen), und als Attila Hitegkuti Fenias Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Schließlich Steffen Link, der sich als Fenias Liebhaber Frigge zähnebleckend geschmeidig macht, und als Florian Susman zum typisch hiesigen Funktionär, bevor er als Kabinettchef Romolo Strozzi – dieser cool in güldenen Frauenkleidern und auf High Heels – Fenias Plänen die Fäden zieht. Bihler zeigt Robert Menasses heiter bis wolkige Liebeserklärung an die große Idee Europa als Brüsseler Spitzen. In genau jenen Zerrbilder und Klischees, die für etliche die unelastischen EU-Eingeweide ausmachen. Viel ließe sich über die Aufführung am Schauspielhaus noch sagen. Böhlefeld etwa berichtet über den im Buch überaus wichtigen David de Vriend, einen Holocaustüberlebenden, der nun in einem Altersheim seinem Lebensabend entgegendämmert. Kommissar Émile Brunfaut und dessen Mörderjagd fehlen, was verständlich, aber schade ist, weil seine Geschichte direkt mit der de Vriends zu tun hat. Die Sau, die Menasse leitmotivisch durch seinen Roman laufen lässt, eine Metapher für eine ganze Breite ideologisch geprägter Europabilder, taucht im Schweinsgalopp der Inszenierung immer wieder nur kurz auf.

Bleibt Professor Alois Erhart, der zweite Österreicher im Setting, gespielt von Sebastian Schindegger, und bereits im Roman eine faszinierende Figur. Wie ein Fremdkörper tritt er immer wieder dann in Erscheinung, will er sich offenbaren, wenn die anderen mit „wichtigen Geschäften“ beschäftigt sind. Ein sympathisch-tollpatschiger Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Thinktank über die Zukunft der Union eingeladen. Den sprengt er ob des dargebotenen Schwachsinns mit einer Rede, in der er seine Sorge formuliert, Europa könnte derzeit von Politikern gemacht werden, von denen der europäische Grundgedanke so weit weg ist, wie eine gute Kinderstube. Dem lässt sich angesichts aktueller Entwicklungen nichts hinzufügen. Auf der Schauspielhaus-Bühne wird indes mit Robert Menasse weiter diskutiert werden über dieses als nachnationale Gemeinschaft gedachte Gebilde, geboren aus einem europäischen Wahnsinn, den jetzt viele wieder für normal halten.

www.schauspielhaus.at

  1. 9. 2018

Burgtheater: Mephisto

September 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer bergauf auf dem Beförderband

Nicholas Ofczarek als Hendrik Höfgen, Sylvie Rohrer als Dora Martin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Lady Gaga gibt den Ton an. Im Wortsinn. Ihr Song „Applause“, von Sylvie Rohrer als Dora Martin auf vier Mal unterschiedlichste Weise interpretiert, ist der musikalische Leitfaden durch Bastian Krafts Bühnenfassung von Klaus Manns Roman „Mephisto“. Eine fulminante Aufführung ist das geworden, mit einem überragenden Ensemble, allen voran Nicholas Ofczarek in der Rolle des Hendrik Höfgen. Alias Gustaf Gründgens. Einer, der der Macht verfällt, und dabei so brutal wie buckelnd agiert.

In einen Rahmen hat Kraft sein durchchoreografiertes Spiel vom Glanz und Elend des eitlen Mimen gespannt. Ein schlanker Mann im weißen Anzug tritt aus dem Dunkel und an die Schreibmaschine, er, der Schriftsteller, als Gegenpart zum bulligen Schauspieler, den er erdacht und doch nicht erdacht hat, Sebastian Bruckner, Klaus Manns Alter Ego. Fabian Krüger gestaltet die Figur feinnervig und nobel, er ist Erzähler, Kommentator, aber auch Souffleur und sogar Requisiteur. Bruckner/Mann ist da schon im Exil, in Paris, später Südfrankreich, drischt er auf die Tasten und damit auf das NS-Regime ein.

Sabine Haupt als Nicoletta von Niebuhr, Fabian Krüger als Sebastian Bruckner, Nicholas Ofczarek und Dörte Lyssewski als Barbara Bruckner. Bild. Reinhard Werner/Burgtheater

Simon Jensen als Julien. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Martin Vischer, Simon Jensen, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Petra Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bruckners Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Schwager Höfgen, Krüger vs Ofczarek, wird zum gewitzten Disput darüber, wie Mensch sich angesichts von Totalitarismus und Staatsterror positionieren soll. Ofczarek gibt den Höfgen mit gewaltiger Intensität, gibt mal den teuflischen Verführer, mal den in tiefste Abgründe Gelockten, gibt sich im Zweikampf mit dem gewesenen Freund mal sanft säuselnd, mal metallisch donnernd. „Seine Falschheit ist seine Echtheit“, charakterisiert Bruckner den faustischen Höfgen.

Und der Karrierist und Opportunist sucht gutes Gewissen darin, dass er einen Juden, Hans Dieter Knebel als Garderober Böck, und seinen schwulen Liebhaber, Simon Jensen als Julien – die originale Homoerotik von Kraft anstelle der erfundenen Juliette Martens eingesetzt, vor der Gestapo gerettet hat. Beim kommunistischen Kollegen Otto Ulrichs/Hans Otto, ihn stellt Peter Knaack dar, hat er es immerhin versucht, den Parade-Nazi Miklas, Martin Vischer, hat er ohne viel Federlesen aus dem Ensemble entfernen lassen.

Ge- und befördert vom „Ministerpräsidenten“ und seiner Ehefrau, Martin Reinke und Petra Morzé liefern als Göring und dessen überspannte Gattin eine gekonnte Farce auf Hinterlist und Heimtücke, arrangiert sich Höfgen mit den neuen Herrschenden. Peter Baurs phänomenales Bühnenbild stellt den steilen Aufstieg mittels stetig emporgeschraubtem Laufband dar, darauf Ofczarek mit ausholendem Schritt, die Arme zackig mitgeschwungen, eine Hanswurstiade mit schwarzweiß-gestreifter Hofnarrenkappe, wiewohl’s immer schwerer wird, die nächste Klippe zu erklimmen.

Den fabelhaften Cast runden ab: Dörte Lyssewski und Sabine Haupt als Frau Höfgen eins und zwei, Barbara Bruckner und Nicoletta von Niebuhr, sarkastisch-scharf die eine, klug-berechnend die andere, und Bernd Birkhahn, der unter anderem als „der Professor“/Max Reinhardt wesentlich zu Höfgens Aufstieg beiträgt.

Auf vier Videotürme lassen Kraft und Baur Ofczareks Gesicht mit einer Live-Kamera projizieren. Da ist dessen Hendrik Höfgen längst zum Gruselclown mutiert. Die charakteristisch steilen schwarzen Augenbrauen, der blutrote Mund verschmiert. Wen immer er damit küsst, der ist besudelt. Eines von vielen starken Bildern. Am Ende eine Spiegelung des Publikums, vom Burgtheater 2018 ins Preußische Staatstheater 1936. Etliche der gefallenen Sätze sind so, wie man sie gerade wieder hört.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018

Akademietheater: Der Rüssel

April 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alpenländische Absurditäten

Alles kniet vor dem Elefanten: Barbara Petritsch, Falk Rockstroh, Christoph Radakovits, Simon Jensen, Peter Matić, Markus Meyer, hinten: Sebastian Wendelin und Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Man möchte sich erlauben, es zu deuten, dass dieser Text ausgerechnet an einem 20. April uraufgeführt wurde. Ein Stück, in dem zu seinem unrunden Geburtstag das Bild eines tyrannischen Urgroßvaters immer wieder von der Wand fällt, dessen Urenkel sich verpflichtet hat, des Alten Traum wahr zu machen: Afrika im Alpenland, samt eines Elefanten auf dessen Geburt sehnsüchtig gewartet wird. Kaum aus der Wildbachtaufe gehoben wird das Tier zwar in hiesigen Verhältnissen eingekeilt, doch gleichsam als Heilsbringer verehrt.

Und der Nachfahr‘ schwingt sich in der nunmehr wortwörtlichen Bananenrepublik zum neuen Diktator auf … Christian Stückl hat am Akademietheater Wolfgang Bauers „Der Rüssel“ auf die Bühne gehoben. 1962, mit nur 21 Jahren, schuf der Grazer Autor dieses Frühwerk. Das Literatur-Enfant-Terrible zählt zu den wichtigsten Stimmen einer im Schatten des Dritten Reichs und im Halbdunkel von Verdrängen, Vergessen, Vergeben entstandenen österreichischen Nachkriegsdramatik. Am Rande allgemeiner Wiederaufbau-Aufbruchsstimmung entstand also „eine Tragödie in elf Bildern“, die alsbald verloren ging – und erst 2015 im Nachlass des Leibnitzer Komponisten Franz Koringer wiederentdeckt wurde. Eine Sensation.

Die, wenn denn Zuordnungen sein müssen, sich am ehesten mit einem Theater des Absurden, verwandt den ebenfalls frühzeitig verfassten Mikrodramen Bauers, in Bezug setzen lässt. Stückl trägt dem Rechnung. Der Intendant des Münchner Volkstheaters inszeniert ebendieses – Volkstheater. Seine Interpretation bleibt nah am Werk, das Ganze wirkt wie Anzengruber auf Speed, und immer knapp bevor die Frage auftaucht, ob man afrikanische Zeremonien und Riten so veralbern darf, sagt Stückl: Pfeif‘ auf p.c., wir wollen doch nur spielen mit derlei ironisiert kolonialen Stereotypen. Na gut.

Falk Rockstroh als Bürgermeister Trauerstrauch und Markus Meyer als Kaplan Wolkenflug. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Familie Tilo: Barbara Petritsch als Großmutter, Christoph Radakovits und Simon Jensen als Wilderer-Brüder. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Stückl schöpft aus dem Vollen. Mit Donner, Blitz, Sturmgebraus und verdächtigen Schritten auf dem Dachboden. Von Herrgottswinkel bis Gipfelkreuz. Anfangs alles dunkel-schwarz, bäuerlich-dumpf, Bauers Typen dargestellt als ländliches Unsittenbild aus traditionsbewusster Engstirnigkeit, obrigkeitsgläubigem Katholizismus und salopp demonstrierter sexueller Gewalt. Darin tummelt sich das Gebirglerpanoptikum: die einfältigen Wilderer-Brüder Tilo, Christoph Radakovits und Simon Jensen, deren bigotte Großmutter und notgeiler Großvater, Barbara Petritsch und Branko Samarovski, ebenfalls geil, aber nach Geschäften, der Bürgermeister Trauerstrauch, Falk Rockstroh. Der mit seinem Eh-klar-Mantra „Wir schaffen das!“ ein paar Extralacher auf seiner Seite hat.

Markus Meyer ist Gottes hysterischer Kaplan Wolkenflug und Peter Matić der umsatzbewusste Kaufmann Kuckuck. Dirk Nocker gibt einen Reporter. Und schließlich das jugendliche Liebespaar: Stefanie Dvorak als Kellerbirn Anna und Sebastian Wendelin als Außenseiter Florian Tilo, im Text er der einzige Rothaarige, bei Stückl sind’s alle. Auch die Gesangskapelle Hermann, die hier und dort um die Ecke lugt, und von unheilverkündend bis frohlockend, von „Ein Prost mit harmonischem Klange“ bis „Sag‘ zum Abschied leise Servus“ immer das richtige Lied zum surrealen Losschmettern auf den Lippen hat. Dies mitunter auch in Suaheli. Denn hereinbricht mit aller Wucht Afrika.

Mit „heidnischen Palmen“, Giftschlangen unterm Hemdkragen und Riesenspinnen auf dem Steirerjanker (Bühnenbild und Kostüme: Stefan Hageneier). In den eigenen Aberwitz setzt sich der Irrwitz des Anderen. Und was gerade noch als Segen betrachtet wurde, wird schnell zum Fluch. „Das Fremde“, auch darin ist der Abend erstaunlich aktuell zu deuten, wird bald mit Abscheu und Angst beäugt, der Elefant ebenso zum Sterben verurteilt wie sein herrischer, nunmehr als „Hexendoktor“ gekleideter und von der Kirche bereits als Satanas abgeurteilter Besitzer …

Afrika im Alpenland: Gesangskapelle Hermann, Sebastian Wendelin als Florian Tilo und Stefanie Dvorak als Kellerbirn Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Gespielt wird auf Teufel-komm-raus, mit verschmitzter Freude an theatralen Gags und Gimmicks, Bauers überhöhte Kunstsprache dabei genauso genüsslich dargeboten, wie auf die große Geste nicht verzichtet wird. Es macht Spaß so viel Spiellust beim Outrieren zuzuschauen, und vor allem die Petritsch, Meyer und Rockstroh leisten da das Ihre. Peter Matić ist ein köstlich kauziger Kuckuck, Branko Samarovski mit Schlagrahm-Rasierschaum im Gesicht überzeugt als unheimlich-gemütlicher Ulpian.

Sebastian Wendelin schließlich wandelt sich vom Revoluzzer zum repressiven Machtmenschen – und landet als solcher auf der Spitze des Kalvarienberges. Wie’s ihm dort ergeht, zeigt er noch in einer Akrobatikeinlage. Bleibt zu hoffen, dass diese Heimatgroteske zu einer Wolfgang-Bauer-Renaissance an heimischen Bühnen führt.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2018