Theater in der Josefstadt: Rosmersholm

November 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Wortgefecht auf rechts gewendet

Letales Ende zweier Liebender: Herbert Föttinger als Johannes Rosmer und Katharina Klar als Rebekka West. Bild: Erich Reismann

Die Männersentimentalitäten der beiden um die in den Freitod gegangene Beate Trauernden, auch die gepflegten Herrenwitze sind bald vorbei. Höflich hilft der Gastgeber dem Gast zwar aus dessen Regenpelerine, man bewegt sich auf akademischem Terrain, der Kultur- wissenschaftler und der Hochschulrektor, aber schon, wie Krolls Kopf dabei kurz vom roten Plastik umschlossen ist – das hat etwas Erstickendes. Die Atmosphäre ist klaustro- phobisch, als gäb’s aus dem schwarzgrünen Strichcode-Bühnenbild kein Entrinnen. Auf dem Gut von Johannes Rosmer trennt sich ebendieses nicht so simpel vom Böse.

An der Josefstadt ist Autor Ulf Stengls Ansatz, Ibsens „Rosmersholm“ via Dramenüber- schreibung zu aktualisieren und auf die politischen Auseinandersetzungen zu fokussieren, aufgegangen. Dies nicht nur zur Freude von Hausherr Herbert Föttinger, der in seinem Spielplan derart eine weitere Uraufführung auflisten kann, sondern auch zu der des Publikums, das bei der von Regisseur Elmar Goerden verantworteten Premiere nicht mit dem Applaus geizte. Stengl, der mit Silvia Merlo auch den abstrakten Bühnenraum entwarf, hat den Vierakter auf zwei Stunden komprimiert und die Charaktere auf drei reduziert:

Johannes, Kroll und Rebekka West. Die gesellschaftlichen Grundsätze der Protagonisten sind bei Stengl auf die jeweilige Gegenseite gewendet. Sympathisierte Rosmer anno 1887 noch mit dem „linken Lager“, so ist der liberale Privatgelehrte längst nach rechtsnational abgedriftet und zum erzkonservativen Kämpfer für die „abend- ländische Kultur“ verkommen. Durch einen Artikel dieses Tenors aufgeschreckt, erscheint Kroll beim Freund und Schwager, die Figur nun logischerweise als Alt-Linker angelegt, freilich auf diesem Auge, heißt: für die Krise der Sozialdemokratie, blind – und im Wortgefecht sofort mit dem Totschlagargument, der Nazikeule, bewaffnet.

Krolls Regenpelerine: Joseph Lorenz mit Föttinger. Bild: Erich Reismann

Gedankenkontrolle? Herbert Föttinger und Klar. Bild: Erich Reismann

Herbert Föttinger hat die Rolle des Johannes Rosmer, Joseph Lorenz den Kroll übernommen, und Goerden seine Inszenierung mit einer feinfühligen Subtilität unterfüttert, die die beiden Kontrahenten ihren ideologischen Infight als gesitteten Disput gelehrter Gentlemen zum Thema gegensätzliche Denkweisen führen lässt. Keine Geste ist zu groß, nichts Gesagtes zu laut, und gerade dieses leise, unaufdringliche Spiel enttarnt die moderat dogmatischen Formulierungen der Streitkulturparteien als standardisierte Banalitäten.

Und apropos, immer wenn Stengl solche zulässt, bei Plattitüden von Flüchtlingskrise bis Überfremdung, das Stück schließlich eindeutig dem Geist des Jahres 2015 geschuldet, wirken sie verheerend authentisch – wie alltäglich zu vernehmende Argumente diverser Polit- diskutanten. Föttinger und Lorenz erschaffen im Zuschauer eine Empfindung, als würden zwei Menschen durchaus ähnlicher Weltanschauung diese allerdings konträr auslegen. Aber weil des zweiteren Kroll mit vom Gedanken der politischen Aufklärung angetriebener Verve die rechte Agitation und Angstmache auseinander- nimmt, gerät Johannes‘ neuerworbene

Position mehr und mehr aus der Bahn. Die ihm diese oktroyiert hat, ist die Dritte im Darstellerbunde, die vom Volkstheater entliehene Katharina Klar als Rebekka, ein in mancherlei Hinsicht problematischer Charakter mit Sprengkraft – nämlich nicht nur fürs Ende, sondern auch für den Schluss. Um ihn ziehen zu können, muss sich die einstmals freigeistige Gesellschaftsdame Beates in eine engstirnige Göre aus der rechtslastigen Unterschicht verwandeln. Was einem Stengl samt Goerden bisher an Stereotypen ersparten, leben sie bei diesem Typ scheint’s genussvoll aus. Ihre Rebekka ist dazu angetan, die besseren Herren mit gleicher Heftigkeit zu schockieren, wie Johannes der jüngeren Geliebten imponieren will, während Kroll den Fremdkörper von Anfang an misstrauisch unters Mikroskop nimmt. Sie, erfährt man, hat Rosmer zur rassistischen Gesinnungsschrift veranlasst, sowie in einem entsprechenden Internetforum publiziert, und à la Original steht zwecks Einnehmen von deren Platz ihre Mitwirkung an Beates Suizid im Raum.

Kroll liest Rosmers rassistischen Zeitungsartikel: Joseph Lorenz mit Katharina Klar und Herbert Föttinger. Bild: Erich Reismann

Klar spielt ganz „angry young woman“, die Sprache vulgär, zu Floskeln verroht, die Attitüde zynisch-aggressiv mit Hang zur Gewalttätigkeit, immer wieder muss sie Hose und Höschen runterlassen, um zu demonstrieren, dass sie prinzipiell auf alles und jeden pisst – und trotz dieser offensichtlichen Vorgaben gelingt Klar die große Kunst, ein Mädchen zu gestalten, zierlich, emotional zerrieben, das auf Johannes‘ versuchte Zärtlichkeiten mit Alarm reagiert. Im von deren Beziehungskonflikt fast vollständig bereinigten Kammerspiel, nimmt sich Katharina Klar, was geht, und es geht eine Menge.

Das ist so stark, dass es tatsächlich verärgert, dass Rebekka eine klischierte Familien- geschichte als Wohlstandsverlierer- und Wutprekariatskind vorgeschaltet wurde, der Adoptiv-, bei Ibsen in Wahrheit leibliche, nun ein Fascho-Stiefvater, der die Tochter natürlich sexuell missbrauchte, die küchen- psychologische Erklärung für ihre politische Indoktrination, ihre seelische Instabilität und ihre allumfassende Anti-Einstellung. Der Rest ist: Rosmer erkennt, dass er sich verrannt hat und schaltet von der Euphorie-Fünften flugs in den Rückwärtsgang, Rebekka reagiert – wie anders als? – mit Eskalation.

Aus Wasser wird Feuer, bereits Beate bevorzugte den Tod in den Flammen, weshalb sich zum Anzünden mit Spirituosen übergossen wird. Das Bild bleibt, nass ist nass, und die Frage, ob die selbsternannt „gemäßigten“ neuen Rechten nicht gefährlicher sind, als die in diesen Reihen demagogisch krakeelenden Ewiggestrigen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=LoOjIe3eOMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019

Theater in der Josefstadt: Die Strudlhofstiege

September 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Totentanz des letzten Überlebenden

Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré, Martin Vischer als René von Stangeler, Igor Kabus als Fraunholzer, Marlene Hauser als Thea, Alma Hasun als Paula Pichler, Alexander Absenger als Honnegger, Dominic Oley als Eulenfeld, Pauline Knof als Etelka von Stangeler und Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann. Bild: Sepp Gallauer

Mit einer Hommage an Heimito von Doderer starten die Wiener Theater in die neue Saison. Bevor kommende Woche Anna Badora am Volkstheater eine Franzobel-Bearbeitung von dessen „Merowingern“ auf die Bühne heben wird, hatte gestern am Theater in der Josefstadt ein weiteres von Doderers „berühmten ungelesenen Büchern der Weltliteratur“ Premiere. So zumindest nennt Nicolaus Hagg „Die Strudlhofstiege“, er, der als Autor für jene Dramatisierung des 900-Seiten-Romans verantwortlich zeichnet, die nun an der Josefstadt uraufgeführt wurde.

Hagg ist ausgewiesener Doderer-Experte. Für die Festspiele Reichenau war er 2009 schon einmal mit dem Monumentalwerk befasst, später auch mit Doderers „Die Dämonen“. Was ihm nun bei der neuerlichen Beschäftigung mit der „Strudlhofstiege“ gelungen ist, ist die Verdichtung der Verdichtung. Hagg macht aus der Vielzahl der raffiniert ineinander verflochtenen, von Zeitsprüngen durchbrochenen, oftmals schwer zu überblickenden Erzählstränge ein konzentriertes Kammerspiel mit etwa einem Dutzend Charakteren, Miniaturen, die er bis ins Detail ausgearbeitet hat. Heißt: Hagg folgt der Vorlage zwar in der Skizzenhaftigkeit ihrer Szenen, versteht es aber gleichzeitig, die eigentliche Handlungsarmut des Buchs bei gleichzeitiger permanenter Innenschau der Figuren stilistisch nachzuformen.

Zusätzlich bedient er sich eines Kniffs, einer Vorblende, mit der er gleichsam genialisch auf das Erscheinungsjahr des Textes, 1951, verweist, und ergo auf Doderers zwischen den Zeilen verborgenes Wissen, auf welch Grauen nach den Romanjahren 1910/11 und 1923/1925 seine Protagonisten zusteuern. Hagg schlägt die Brücke von der Hurra-schreienden Gewaltmentalität anno k.u.k. zum Nationalsozialismus und Doderers eigener NSDAP-Verstrickung. Und so begegnet man Major Melzer, Amtsrat in der Tabakregie, im Jahr 1945. Die Offiziersuniform ist Wehrmacht, Melzer nunmehr Überlebender zweier Weltkriege, ein schwerst Traumatisierter, der die Vergangenheit zum Totentanz bittet. Grete Siebenschein im Konzentrationslager ermordet, Mary K. ebenfalls abgeholt, René von Stangeler Selbstmord aus Überdruss, erfährt man, die ganze Geschichte wie ein Wettlauf zum Tode, bei dem Etelka von Stangeler bekanntlich als erste ankam.

Ein (lebens)müder Melzer und sein guter Geist: Ulrich Reinthaller und Roman Schmelzer als gewesener Major Laska. Bild: Sepp Gallauer

Eine überdrehte Etelka von Stangeler tanzt in ihren Untergang: Pauline Knof und Alexander Absenger als Teddy von Honnegger. Bild: Sepp Gallauer

In der wie stets sensiblen, zartfingrigen, atmosphärisch starken Regie von Janusz Kica gestaltet Ulrich Reinthaller einen Melzer in Stasis. Alles an diesem Mann ist erstarrt, versteinert, reglos geworden. Reinthaller spielt das wie in Trance, der ohnedies entscheidungsunfähige, durchs Dasein mäandernde Melzer wird bei ihm endgültig zur Blassheit in Person, einer, der zum Schluss nicht einmal plausibel machen kann, ob er tatsächlich die Waffe gegen sich richtet oder nicht. Zum Zwiegespräch, zum laut gesprochenen Gedankenaustausch, stellt ihm Hagg den gewesenen Major Laska zur Seite, Roman Schmelzer als im Ersten Weltkrieg gefallener Freund, der Figuren wie Publikum als (guter) Geist durch die Geschehnisse begleitet und Erinnerungen auffrischt.

Dies eine durchaus nützliche Funktion, fühlt man sich zwischen den aneinandergereihten Momenten mitunter doch ein wenig alleine gelassen, mit einem „Wie war?“ und „Wer war?“ im Kopf, Fragen, auf die Schmelzers Laska Antwort weiß. Ist der von Editha Pastré eingefädelte Tabakregie-Betrug die Rückblende, an der Hagg am stärksten interessiert scheint, so führt er neben Melzer René von Stangeler als zweiten Hauptcharakter ein, Doderers Alter Ego, den Hausneuzugang Martin Vischer mit einer Fahrigkeit, fast Verwirrtheit ausstattet, die sein Ende schon vorwegnimmt. Seinen ihn beständig demütigenden Vater, Oberbaurat von Stangeler, gibt Michael König mit der ganzen Dominanz eines Patriarchen.

Als Etelka von Stangeler lechzt Pauline Knof gekonnt nach Freiheit und Freizügigkeit, belässt ihre Figur dabei aber so weit im Gutbürgerlichen, dass man ihr die Schwesternschaft zu Swintha Gersthofers Asta deutlich ansieht. Igor Kabus versucht als Etelkas Geliebter Robby Fraunholzer mit deren Eskapaden mitzuhalten. Matthias Franz Stein trägt als Etelkas Ehemann, Konsul Grauermann, sein Schicksal mit Würde und ab und an mit trockenem Humor. Alma Hasun ist eine sympathisch zupackende Paula Pichler, Marlene Hauser eine zu Herzen gehende Thea.

Zwei der besten darstellerischen Leistungen: Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré und Dominic Oley als Rittmeister von Eulenfeld. Bild: Sepp Gallauer

Überzeugend in ihrem Spiel: Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann, Alexander Absenger als Honnegger und Martin Vischer als René von Stangeler. Bild: Sepp Gallauer

Bleibt das Dreigestirn der Leicht- und Schnelllebigkeit, und damit die drei herausragenden Leistungen dieser Aufführung: Silvia Meisterle, die es meisterhaft versteht, den „Duplizitätsgören“, der „bösen“ Editha und der „braven“ Mimi Pastré, Kontur zu verleihen, und Dominic Oley und Alexander Absenger, die als schlitzohrig-spitzbübische Salonlöwen Rittmeister von Eulenfeld und Teddy von Honnegger immer wieder dafür sorgen, dass der Abend nicht an Fahrt verliert.

Die sinistren sind eben die dankbarsten Rollen und ihnen hat Hagg die besten von Doderers distanziert-ironischen Sätzen mundgerecht aufbereitet, vieles klingt da wie für diese Tage geschrieben, Seitenhiebe auf Politik und Wirtschaftsinteressen, in geschliffener Sprache und voll Wortwitz.

Nach zweieinhalb Stunden ist Ulrich Reinthallers Melzer wieder in seiner 1945er-Gegenwart angelangt und erhebt Klage gegen jene, die zu Hakenkreuze krochen, die den Heiland gegen’s Heil! eintauschten, der Tod von Millionen, und der tote Laska verzeiht ihm nicht, dass er, der schon „ein Mensch“ war, sich wieder zum Soldaten machen hat lassen. Aber ach, Melzer und der ewige Umstand, dass er „eine selbständige Art zu existieren überhaupt noch nicht besessen hat …“

Derart wird „Die Strudlhofstiege“ in der belesenen Bearbeitung von Nicolaus Hagg und der behutsamen Inszenierung von Janusz Kica zur Österreich-Elegie, zur Antenne für eine Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung, die schon wieder um sich greift. „Wohin geht eine Welt, wenn sie untergeht? Wohin weicht ihr Urgrund? Oder härtet er vielleicht aus in den Menschen, die den Untergang durchleben?“, fragt Nicolaus Hagg. Mit ihrer Saisonauftakt-Premiere beweist die Josefstadt jedenfalls, dass sie gewillt ist, ihr striktes Eintreten für Humanismus und Empathie mit dem Programm 2019/20 fortzusetzen.

Nicolaus Hagg im Gespräch über Doderers Dämonen: www.mottingers-meinung.at/?p=20209

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=EKGIY-0nfxM

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Wiener Festwochen: Le Metope del Partenone

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kehrgerät beseitigt den Tod

Leiche Nummer eins in der Kunstblutlacke. Bild: © Guido Mencari, Paris

Auf das Leben folgt der Tod, nach „La vita nuova“ also „Le Metope del Partenone“, beides Arbeiten des italienischen Regisseurs und Festwochen-Stammgasts Romeo Castellucci, die er mit seiner Kompagnie Socìetas dies Jahr in den Gösserhallen zeigt. War erstere eine Art Messias-Suche durch eine mysteriöse Bruderschaft, Propheten eines Aufbruchs, eines Neuanfangs, so geht es nun um letzte Momente und ums Sterben. Und das ziemlich drastisch.

Sechs Mal wird auf verschiedene Weise verschieden, der Zuschauer, ganz klein in dem riesigen Spielort, zum genauen Hinsehen auf das Grauen gezwungen. Als wär’s die Strafe für jeden, der jemals schaulustig an einer Unfallstelle stand. Ein Taumeln, ein Keuchen, ein Umkippen. Schon legt sich eine junge Frau auf den nackten Boden, wird von sachkundigen Weißgewandeten, wie’s davor auch die Bruderschaft war, mit Kunstblut aufs Leichendasein vorbereitet. Eintrifft mit ohrenbetäubendem Signalhorn und Blaulicht der Einsatzwagen des Roten Kreuz. Die Rettungskräfte sind tatsächliche, sie bemühen sich um die Verunfallten. Hilfe, wo es keine mehr gibt, das ereignet sich sozusagen ununterbrochen, laut Weltstatistik sterben täglich an die 150.000 Menschen, mehr an ihrem Lebensstil, heißt: Genuss von Alkohol und Tabak, als durch Kriege.

Castellucci führt das mit seinem wie stets klang- und bildgewaltigem Werk vor, dessen Titel sich auf die Reliefs im Tempel der Pallas Athene auf der Akropolis bezieht, die mythische Kampfszenen zwischen Göttern, Giganten, Kentauren und Griechen darstellen. Von ihm streng choreografiert kommt unweigerlich der Exitus. Die Ursachen dafür sind Säure, die ein Gesicht verätzt, Verbrennungen, mal wird ein Bein abgetrennt, mal quellen Gedärme aus einem Leib. Einen Mann im Anzug durchschüttelt offenbar ein Herzinfarkt, inmitten seiner Urinlacke muss er auch noch die als Schmach ertragen. Schmerz, Entstellung, gellende Hilferufe an der Grenze des Erträglichen, schließlich Ohnmacht, den Schauspielern Silvia Costa, Dirk Glodde, Zoe Hutmacher, Liliana Kosarenko, Maximilian Reichert und Sergio Scarlatella bleiben nicht viel Mittel, als Mimik und Gestik entgleisen zu lassen.

Echte Rettungskräfte im gefakten Einsatz. Bild: © Guido Mencari, Paris

Siehe, sagt Castellucci, so schnell wird man zum Opfer zum Objekt. Denn von Fall zu Fall stellt sich der Herzmonitor auf Flatline, ein Tuch wird den Entschlafenen geworfen, Stille setzt ein, und bei manchen ist man froh, dass endlich eine Ruh‘ ist. Was aber nicht so bleibt, lösen sich die Leichen doch aus ihrer Starre und schreiten als höchst würdevolle Untote durch den Raum. Zu den Wiederauferstehungen werden rätselhafte Sätze von Claudia Castellucci an die Wände projiziert:

„Ich bin allein, aber unter vielen“ oder „Ich bin nie gewesen, aber im Werden begriffen“, „Ich habe keinen Körper, aber du kannst mich sehen“, was eindeutig – und Castellucci würde diesen Konflikt mutmaßlich gar nicht abstreiten – mehr nach Römisch-Katholisch als nach Antik-Griechisch klingt. Mehr Erkenntnisgewinn hat Castellucci diesmal nicht zu bieten. Seine 2015 in Basel erstaufgeführte Performance wird nicht zu einem der von ihm sonst so empathisch angelegten Elementarereignisse. Das „Erlebnis“ Tod, das dem Unabwendbaren Ausgeliefert-Sein verfängt nicht beim Betrachter, daran zu erkennen, dass das Publikum den finalen Zuckungen der Darsteller meist mit abwehrend verschränkten Armen gegenübersteht. Überforderung statt Einfühlung, und keine Katharsis nirgendwo. Am Schluss: eine Kehrmaschine. Kommt und fegt die falschen Körpersäfte weg …

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  1. 6. 2019

Theater in der Josefstadt: Radetzkymarsch

Mai 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die papierene Welt wird in der Luft zerrissen

Freunde im Feld: Florian Teichtmeister als Carl Joseph von Trotta und Alexander Absenger als Rittmeister Tattenbach. Bild: Moritz Schell

Dass man am Dramatisierungsversuch des Joseph-Roth-Romans „Radetzkymarsch“ nur in mal mehr, mal weniger Schönheit scheitern kann, haben schon andere bewiesen. Nun darf sich auch Regisseur Elmar Goerden in diese Riege durchaus illustrer Namen reihen, sein Zugriff auf den Stoff vom Theater in der Josefstadt stolz Uraufführung genannt und gestern ebendort über die Bühne gegangen, seine Inszenierung ein knapp zweistündiges Experiment.

Das lediglich an der Oberfläche des monumentalen Wunderwerks kratzt, aber nie wirklich unter die Haut geht. Was der Aufführung fehlt, ist diese gewisse Tanz-auf-dem-Vulkan-Atmosphäre, mittels der sich Untergang der Habsburger Monarchie und Niedergang der Trotta-Dynastie mischen, wenig weist hier auf den Seelenzwiespalt von dekadenter Lebensführung, Standesdünkel und devoter Pflichterfüllung hin, die der besseren k.u.k.-Gesellschaft schließlich zum Schicksal wurde. Nichts verweist ins Heute, da ein neuer Nationalismus die Länder Europas wie dereinst im Vielvölkerstaat gerade wieder auseinandertreibt.

Goerdens Arbeit ist, wiewohl Carl Joseph von Trotta dem Trunke ja nicht abgeneigt ist, allzu nüchtern. Florian Teichtmeister, den Hausherr Herbert Föttinger bei der Premierenfeier Richtung Burgtheater verabschiedete, zeigt ihn nicht als sensiblen, weichen Charakter, sondern von Beginn weg resignativ, müde, ohne Hoffnung auf ein – in jeder Bedeutung des Wortes – Fortkommen.

Peter Scholz, hier als Kapturak, mit Florian Teichtmeister und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Joseph Lorenz als Bezirkshauptmann Franz von Trotta und Florian Teichtmeister. Bild: Moritz Schell

Das mag daran liegen, dass ihm eine schwarzgewandete Parze gleich zu Anfang sein Ende vorhersagt, den tödlichen Treffer beim Wagnis, für seine Kameraden Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen. Der Gedanke tut sich auf, ob das Ganze so etwas wie Carl Josephs Albtraum ist, dem er erstaunt zusieht, während ihn die Geister seiner Vergangenheit heimsuchen. Andrea Jonasson gibt die hier androgyn schillernde Figur des Grafen Chojnicki als eine Art mephistophelischen Conférencier, ein Chacun à son Goût umlächelt ihre Lippen, doch wie das Gros der Darsteller wechselt sie zwischen Erzählstimme und ihrer Rolle, beides in ausschließlich Originaltext.

Und in einem Tempo, das so rasch von der Totalen ins tiefste Innere der Figuren zoomt und wieder zurückschnellt, dass einem schwindlig werden könnte. Das ist einer der gelungenen Einfälle Goerdens, wenn auch nicht nagelneu, um die Diskrepanz zwischen Gedachtem und Gesagten zu verdeutlichen. So kommt‘s beispielsweise in einer Abschiedsszene zwischen Bezirkshauptmann und Leutnant Trotta aus dem Off: „Obwohl er sagen wollte: Ich liebe dich, mein Sohn!, sagte er lediglich: Halt dich gut.“

Andrea Jonasson als Graf Chojnicki. Bild: Moritz Schell

In diversen Rollen: Pauline Knof, Alexander Absenger, Alexandra Krismer, Michael König und Oliver Rosskopf. Bild: Moritz Schell

Diesen Franz von Trotta stattet Joseph Lorenz als erstem Leidenden am Mythos des Helden von Solferino mit steifer Oberlippe aus, seine Kaisertreue ist das verkrustete Korsett, das ihm die Atemluft aus dem Körper presst, und Lorenz, ein Meister in der Gestaltung des Altösterreichischen, gelingt es, diese Haltung zu wahren, obwohl er in der schnellen Szenenabfolge de facto nicht viel zum Spielen kommt. Mit Jonasson, Teichtmeister und Lorenz hat es sich auch schon mit der Ausführung nur einer Figur, andere stemmen bis zu fünf Rollen.

Michael König etwa alle Alten, vom verwichenen Stammvater Trotta, der sich per Blick durch seinen Gemälderahmen bemerkbar macht, bis zum sterbenden Diener Jacques, der ihm allerdings zur Nachthemd-Karikatur gerät. Gelungen dafür, apropos: Nachthemd, sein Sekundenauftritt als Kaiser Franz Joseph, den der König nicht als senilen Herrscher zeigt, sondern als einen, der in diskreter Audienz mit Trotta-Lorenz die Angelegenheiten für Trotta-Teichtmeister regelt. Nicht viel mehr als vorbeihuschen auch Pauline Knof als die Geliebten Katharina Slama und Eva Demant, mit beide Mal letalem Ausgang.

Und Alexandra Krismer, die Carl Josephs Nummer drei, Valerie von Taußig, wenigstens etwas groteske Exaltiertheit anzuhaften vermag. Mit Alexander Absenger und Oliver Rosskopf ist sie auch auf diverse Offiziere abonniert, wobei das Trio das militärische Personal in unterschiedlichen Schattierungen von schrill anlegt. Peter Scholz ist erst der jüdische Regimentsarzt Doktor Max Demant, dann Kasinobetreiber Kapturak, bleibt aber in Goerdens Versuchsanordnung in beiden Rollen blass.

Zum papierenen Gesamteindruck passt das Setting von Silvia Merlo und Ulf Stengl, ein mit dem empfindlichen Material ausgekleidetes Gerüst, Stelen einer steril-weißen Welt, die mit Ausbruch des Krieges vom Ensemble in der Luft zerrissen wird. Als wär’s das Synonym einer strahlenden Fassade, die längst am seidenen Faden hing. Immerhin: Ein stimmiges Schlussbild für einen Abend, der den Weitblick in den Abgrund zwar verweigert, aber vom Publikum mit freundlichem Applaus bedankt wurde.

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  1. 5. 2019

Kammerspiele: Eine Frau. Mary Page Marlowe

März 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Menschenschicksal als American Quilt

Mary Page mal vier: Johanna Mahaffy, Babett Arens, Sandra Cervik und Livia Ernst, im Hintergrund: Swintha Gersthofer, Igor Karbus und Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Quilt – so nennt sich eine Patchwork-Decke. Ein uramerikanisches Kulturgut seit den ersten Siedlerfrauen über die „Pattern and Decoration“-Bewegung der 1970er-Jahre bis zu den zeitgenössischen Artquilts oder dem berühmten AIDS Memorial Quilt. Gefertigt von jeweils mehreren Näherinnen, die ihre kleinen Stoffkunstwerke am Ende zu einem großen Ganzen zusammenfügen, wobei jedes Teil für sich eine kurze Geschichte erzählt.

Es ist ein stimmiges Bild, dass die Titelfigur von Tracy Letts‘ „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ in ihrer letzten Szene einen solchen in die Putzerei bringen will, hat der Pulitzer-Preisträger dies Theaterstück doch quasi gequiltet. In elf nicht chronologisch aufeinanderfolgenden Szenen erzählt der US-Dramatiker aus der Biografie seiner Protagonistin, wirft Schlaglichter auf ein Menschenschicksal, das mehr Tief- als Höhepunkte hat, Affären und Alkoholexzesse, Lebens- und Liebeskrisen. Eine seiner typischen Tragikomödien, wie immer angesiedelt in Letts‘ bevorzugtem Mittelstandsmilieu im Middle of Nowhere der Vereinigten Staaten. Die Rolle der Mary Page hat Letts für vier Darstellerinnen in vier Lebensaltern konzipiert – und es braucht starke Schauspielerinnen, um diesen Charakter in seinen teils effektgeladenen, teils aber tiefenschärfenarmen Auftritten interessant zu machen. Ein Glück, dass die Kammerspiele der Josefstadt mit Sandra Cervik und Babett Arens über solche verfügen.

Mary Page mit ihrem Geliebten Dan: Sandra Cervik und Roman Schmelzer. Bild: Herwig Prammer

Mary Page beim Psychotherapeuten: Sandra Cervik und Raphael von Bargen. Bild: Herwig Prammer

Dort nämlich hat Regisseurin Alexandra Liedtke „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ nun zur österreichischen Erstaufführung gebracht, eine ausgeklügelte Arbeit, die des Autors Bemühungen ums Well-made Play adelt, da Liedtke auf die Kraft ihrer Akteurinnen setzt und mit ihnen das Figurenschicksal atmosphärisch klar und schnörkellos auf die Bühne bringt. Volker Hintermeier hat dazu ein Bühnenbild erdacht, dass an ein abgewracktes Lichtspielhaus erinnert, mit einer Leinwand, so leer, wie das davor ablaufende Leben, und einem altmodischen Letterboard, aus dem schon einige Buchstaben gefallen sind.

Die Kostüme von Su Bühler sind zeitlich von den 1940er-Jahren bis ans Jetzt angeglichen, die Musik von Karsten Riedel ist eine Reminiszenz von Frank Sinatra über die Rolling Stones bis Jimmy Somerville. Was in diesem Setting verhandelt wird, ist die Welt als Wille und Vorstellung, heißt als Frage: Wieviel Selbst- und wieviel Fremdbestimmung lenken ein Leben? „Ich werde ich sein“ sagt die Collegestudentin Mary Page, da spielt sie Johanna Mahaffy, als sie beim Legen von Tarotkarten das Symbol der Königin aufdeckt.

„Ich weiß nicht, wer ich bin“, sagt Sandra Cerviks erwachsene Mary Page später zum Psychotherapeuten. Man sieht das Kind, Livia Ernst, dem Silvia Meisterle als Mutter harsch jedes Gesangstalent abspricht. Man sieht Babett Arens als gealterte Mary Page, die glücklich einen Behördenbrief liest, der sie über das Ende ihrer zur Bewährung ausgesetzten Gefängnisstrafe informiert.

Die Geschehnisse erfährt man nur bruchstückhaft, erst am Ende hat man all die Letts’schen Puzzlesteine beisammen, vor allem die von der Tragödie um Sohn Louis und die eines Autounfalls bei 3,2 Promille, die diese gewordene Mary Page Marlowe ausmachen. Ein Kunstgriff, den Liedtke unterstützt, indem sie die vier Darstellerinnen immer wieder nebeneinander stellt, als Beobachterinnen einer Situation, die einem früheren oder späteren Ich passiert, in stiller Kommunikation mit sich selber, besorgt, erheitert oder sich verblüfft erinnernd. Leitmotivisch reichen sie sich ein Tuch weiter, das Babydecke, Schal und Gürtel wird, leitmotivisch träumen sie vom Lucy-Jordan-Sehnsuchtsort Paris. Die Drehbühne kreist dazu beständig um dies Schicksalskarussell.

Spätes Glück – Mary Page mit ihrer großen Liebe, Ehemann Nummer drei, Andy: Babett Arens und Martin Zauner. Bild: Herwig Prammer

Was das Ensemble an feinem Schauspiel bietet, geht weit über die von Tracy Letts erdachten Situationen hinaus. Sandra Cervik gestaltet Mary Page in einer Mischung aus nüchterner Selbstkontrolle und leicht aufbrausenden Emotionen. Sie hat mit Liebhaber Dan, den Roman Schmelzer als komödiantisches Kabinettstück zeigt, und dem ihren Sorgen nachbohrenden Seelendoktor Raphael von Bargen zwei der besten Episoden.

Ebenso, wie Babett Arens mit Ehemann Nummer drei, Andy, den Martin Zauner als verschmitzt herumalbernde späte Liebe anlegt. Überzeugend sind auch Nikolaus Barton und Silvia Meisterle als Mary Pages Eltern, der Vater vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet, die Mutter auf dem schmalen Grat zwischen Fürsorge und Unwirschheit. Ein Paradebeispiel dafür, dass die Deformierung eines Menschen meist mit der Erziehung beginnt. Der Quilt jedenfalls kann ausgebessert und gereinigt werden. Mit einem Leben geht das nicht so einfach.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=6&v=cM1CSIx_eSU

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  1. 3. 2019