Mord an einer Romafamilie

April 3, 2013 in Film

„Just the Wind“ von Bence Fliegauf

im Künstlerhaus Kino

Ab 5. April läuft im Wiener Künstlerhaus Kino „Just the Wind“ vom ungarischen Regisseur Bence Fliegauf, bei der Berlinale 2012 ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären, dem Großen Preis der Jury.

Just the Wind/Bence Fliegauf Bild: Stadtkino Filmverleih

Just the Wind/Bence Fliegauf
Bild: Stadtkino Filmverleih

Die Nachricht verbreitet sich in Windeseile: In einem ungarischen Dorf wurde eine Roma-Familie ermordet. Die Täter sind entkommen, niemand will eine Ahnung davon haben, wer das Verbrechen begangen hat. Eine andere Roma-Familie, die nahe dem Tatort lebt, sieht sich in ihrer latenten, mühsam verdrängten Angst bestätigt. Der Vater ist weit weg in Kanada; er möchte seine Frau, die Kinder und den Großvater nachholen, sobald es ihm möglich ist. Die Familie, von rassistischem Terror bedroht und von einer schweigenden Mehrheit im Stich gelassen, versucht den Tag nach der Tat zu überstehen. Die Mutter, die Tochter und der Sohn tun alles, um nicht aufzufallen. Aber Bedrohung und Angst sind ihre ständigen Begleiter. Und abends, als die Dunkelheit über das Dorf hereinbricht, rückt man im Bett noch enger zusammen als sonst. Doch die Hoffnung, dem Wahnsinn zu entkommen, erweist sich als trügerisch. Ausgehend von einer realen Mordserie, der in Ungarn in wenig mehr als einem Jahr acht Menschen zum Opfer fielen, schildert Fliegauf die Pogromstimmung, aus der Gewalt gegen Minderheiten entsteht.

Ein hochpolitischer Film, der auf die Grausamkeit der Wirklichkeit baut. Roma-Familien, die nachts von Milizen ermordet werden, sind heute in Ungarn Realität. Hintergrund dieser Morde: Wut auf die Roma, weil diese „auf Kosten des Staates leben“. Fliegauf macht diese Spannung und Bedrohung spürbar. Seine Kamera heftet sich eng an die Fersen der Figuren und macht ihre zunehmende Atemlosigkeit physisch miterlebbar. Auch die sommerliche Hitze und drückende Schwüle nimmt einem im Kinosessel fast die Luft. Eine beklemmende Metapher für Angst der Roma. Fliegauf will so den Zerfall seines Landes zeigen, in dem keiner mehr versucht, zu handeln. Die Polizei bleibt tatenlos, Teile der Bevölkerung nähren den Hass. Eine hoffnungslose Feststellung hinter der der Regisseur seine Hoffnung verbirgt: Das Entstehen eines neuen Bewusstseins, um der Barbarei ein Ende zu setzen.

www.k-haus.at/de/kino/programm/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SbEIsireE2I

Interview mit Bence Fliegauf: www.youtube.com/watch?v=u9ItHK6_gjM

Von Rudolf Mottinger

Wien, 3. 4. 2013