Jüdisches Museum Wien: Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur

Mai 13, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Shoppen bei Gerngross, Zwieback, Knize und Co.

Fronleichnam bei St. Stephan. Auszug: Kaiser Franz Joseph I. hinter dem Sanctissimum. Im Hintergrund das Kaufhaus Rothberger mit zahlreichen Schaulustigen in den Auslagenfenstern. Bild: Bildarchiv der österreichischen Nationalbibliothek

Eine Postkarte vom Gerngross-Innenraum. Bild: Sammlung Martin Perl

Ab 17. Mai widmet sich das Jüdische Museum Wien mit der Ausstellung „Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur“ einem beinahe verschwundenen und vergessenen Teil der jüdischen Wiener Kulturgeschichte. Im Zentrum der Schau stehen die Entwicklungs-, Erfolgs-, Migrations- und Familiengeschichten der Gründer und Besitzer dieser Betriebe sowie ihr maßgebliches Engagement für den Weg Wiens in die Moderne. Der Ausstellungstitel ist ein Aufruf zur Erinnerung an diese bedeutenden Unternehmen und deren Akteurinnen und Akteure hinter den Geschäftsfassaden. Die Entstehung von Kaufhäusern in Wien war Teil einer gesamteuropäischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts.

Dass viele der Gründer aus jüdischen Familien stammten, ist heute ebenso wenig bekannt, wie die einstige Existenz des Textilviertels im ersten Wiener Gemeindebezirk. Prominente Häuser wie Gerngross, Zwieback, Neumann, Jacob Rothberger, Braun & Co., Goldman & Salatsch, Jungmann & Neffe, Knize, prägten die mondänen Einkaufsmeilen auf der Kärntner Straße und der Mariahilfer Straße. Die Ausstellung ruft aber auch die sogenannten Vorstadtwarenhäuser Dichter und Wodicka ins Gedächtnis der Stadt zurück. Mit ihren Betrieben leisteten diese Familien einen maßgeblichen Beitrag zur Wiener Stadtentwicklung und beeinflussten das Stadtbild bis in die Gegenwart.

Durch die Zäsur der Schoa verschwand diese von Wiener Jüdinnen und Juden geprägte Geschäftskultur fast völlig. Erfolgsgeschichten von Vertriebenen lassen sich im Ausland nachzeichnen – wie etwa jene des Kostümbildners und Grafikers Ernst Deutsch-Dryden oder des Architekten, Stadtplaners und Erfinders der Shopping Mall, Victor Gruen. Viele Unternehmen konnten aber an die Erfolge der Zeit vor 1938 nicht mehr anknüpfen.

Jedenfalls beschlossen die meisten nach 1945 nicht mehr nach Wien zurückzukehren. An die bedeutenden Kaufhäuser sowie an die zahlreichen von Jüdinnen und Juden betriebenen Einzelhandelsbetriebe erinnern heute im Wiener Stadt- und Geschäftsbild nur noch die Namen mancher Nachfolgeunternehmen und in seltenen Fällen Teile der Bausubstanz. Diesem „Verschwinden“ gegenübergestellt ist die Entwicklung des Textilviertels nach 1945. Bedingt durch Migration und Zuwanderung lassen sich hier individuelle Geschichten von Unternehmen wie Schöps, dem Tuchhaus Silesia, Wachtel & Co, Haritex, Zalcotex und vielen mehr erzählen, die auch vom Wiederaufbau der Wiener jüdischen Gemeinde nach 1945 zeugen.

Dirndl-Rummel. Bild: JMW

Silesia-Wanduhr. Bild: Sammlung Robert Granger. JMW_S Gansrigler

Vielfältige Objekte erzählen diese Geschichten nicht nur aus der Perspektive der Betreiber, sondern berichten von Architektur und Inszenierung, den Designern, der Klientel sowie Verkäuferinnen, SchneiderIinen und Schaufensterdekorateuren, aber auch von Anfeindungen, Antisemitismus, Verlust, Flucht und Zerstörung. Die Ausstellung umfasst eine weit gefächerte Auswahl von Objekten – über Artikel, die dort verkauft wurden, Kleidungsstücke, Werbegrafik, Fotografien von Geschäften und ihren Besitzerfamilien, deren private Gegenstände, Büsten und Gemälde, Einrichtungsgegenstände aus den Geschäften bis hin zu Verpackungsmaterial aus den diversen Kaufhäusern.

Drei Erzählstränge begleiten die Besucherinnen und Besucher auf ihrer Reise durch die Geschichte dieser Wiener Geschäftskultur. Von klassischen Kauf- und Warenhäusern über Einzelhandelsbetriebe, beispielsweise den jüdischen k.u.k. Hoflieferanten, bis hin zu den kleinen Geschäftslokalen des Textilviertels spannt die Ausstellung einen breiten Bogen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Jüdische Museum Wien hat die junge Wiener Künstlerin Kathi Hofer eingeladen, Motive der Ausstellung aufzugreifen und so mittels einer künstlerischen Intervention einen anderen Blick auf das Ausgestellte zu ermöglichen. Als Inspiration für den zweiteiligen Epilog – in Form einer „Stilkritik“ im Ausstellungskatalog und als Installation im Museum – diente ein ausgestelltes historisches Objekt.

Fast alle Unternehmen die vorgestellt werden, handelten primär mit Textilien. Diese Schwerpunktsetzung ergibt sich durch die Tatsache, dass die meisten großen Wiener Kauf- und Warenhäuser als Textilhändler begonnen haben und erst im Laufe der Jahrzehnte ihr Sortiment erweiterten. Die Ausstellung konzentriert sich, mit Ausnahme der sogenannten Vorstadtwarenhäuser, auf zwei Ballungsräume des Konsums, die zwar auch heute noch dieselbe Funktion innerhalb der Stadt einnehmen, jedoch mit völlig verändertem Antlitz: zum einen der erste Wiener Gemeindebezirk mit seinen einstigen großen Kauf- und Warenhäusern im Bereich der Kärntner Straße sowie unzähligen kleinen Geschäften rund um den Rudolfsplatz und den Salzgries; zum anderen die Mariahilfer Straße als imposanter Einkaufsboulevard zwischen Innerer Stadt und dem Westbahnhof.

Um das Flair der Kaufhäuser der Jahrhundertwende ins Museum zu holen, wird im Museumscafé Eskeles, eine Vintage-Vitrine in Kooperation mit dem Wiener Label Normalzeit (normalzeit.at) aufgestellt. Dieses Miniatur-Kaufhaus lädt ein Wiener Produkte mit historischen Bezügen kennenzulernen. Zu der von Astrid Peterle und Janine Zettl kuratierten und von Viola Stifter gestalteten Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog im Amalthea Signum Verlag mit zahlreichen farbigen, teils noch nie zuvor veröffentlichten Abbildungen, der im Bookshop Singer und online über den Amalthea Signum Verlag erhältlich ist: amalthea.at/produkt/kauft-bei-juden
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Wien, 13. 5. 2017