Burgtheater: Mein Kampf

Oktober 10, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist

Und hereinbricht Hitler: Markus Hering als Schlomo Herzl, Marcel Heuperman als Braunauer Bildermaler und Oliver Nägele als Lobkowitz. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Zusammengefasst, das Ganze entwickelt sich vom jüdischen Witz zur Furz-Farce zu einer Brachialgewalt, die durch George Taboris Groteske schlägt, wie die Heiligen Nägel durch Schlomos Hände. Itay Tiran inszenierte am Burgtheater also „Mein Kampf“, er hat sich am Akademietheater als Regisseur schon in „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508), als Schauspieler in „Der Henker“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36623) von seiner besten Seite gezeigt.

Nun berichtet der im israelischen Petach Tikva geborene Künstler im Programmheft anrührend von seiner „Kämpferin“, Großmutter Deborah Fixler Yahalom, Shoah-Überlebende und Geschichtenerzählerin und Virtuosin eines Überlebenshumors, mit dem sie ihrem Enkel den Horror beschrieb. „Shoah“, sagt Tiran, „ist für sie, wie für viele andere, kein datierbarer Zeitpunkt in der Geschichte, sondern ein Zustand, der anhält und andauert“, und im Interview, dass er, als seine Regiearbeit angefragt wurde, zweifelte, ob er sich mit dem Familientrauma auseinandersetzen möchte, nicht wissend, was er dem in Wien oft und grandios gespieltem Stück an noch nicht Gesagtem hinzufügen könne.

Dies hier erwähnt als Eckpunkte einer Besprechung, die über ein „Ja, so kann man’s freilich auch machen“ hinauskommen möchte, ist es unsachlich zu sagen, man möge von Themen, die einem zu nah sind, die Finger lassen?, kurz: der gestrige Premierenabend hat seine Momente, skurrile und schwere und solche, die es einem nicht leicht machen.

Jessica Rockstroh hat die Vorderbühne mit einem Jossi-Wieler-Rechnitz-Gedächtnisguckkasten zugebaut, ein Vergleich, dem stattgegeben wird, als Frau Tod Herrn Hitler ihren eben rekrutierten Würgeengel nennt. Bis dahin ist es ein mehr als zweistündiger Weg durch diesen gefinkelten Wandverbau, der sich hoch- und wegklappen lässt, die Paneele mal Bett, mal Bügelbrett, und dessen Teile von Anfang bis Ende durchbrochen und zertrümmert werden, wenn die Schauspieler aus ihnen fallen, drängen, drücken. Kein heiles Heim, dafür ein Heil! im Männerwohnheim, der Hitler und der Himmlisch kommen!

Davor, man weiß es, ein heiterer G’tt aus wenig heiterem Himmel, einer, der sich an nichts erinnern kann, solch aktuelle Hinterlist gibt’s von Schnitzel und Flüchtlingsstrom bis zum Jammern der Tödin übers Aussterben der Pandemien (Publikum: Gelächter!). Der Herr und sein Auserwählter sind, man weiß auch das, Koscherkoch Lobkowitz und Buchhändler Schlomo Herzl, Oliver Nägele und Markus Hering, und im Wortsinn über die beiden hereinbricht Marcel Heuperman als Hitler. Der sich erst in einer hochgeschraubten Schwadronade, dann seinen Darm in einen Kübel entleert. Scheiße aus allen Körperöffnungen, wie gesagt, am Furz- und Kotztheater wird hier nicht gespart. Heupermans unappetitlicher Hitler ist ein Theatraliker ennet der Grenze des Geschmacklosen.

Hering, Heuperman und Hanna Hilsdorf als Gretchen, hi.: Huhn Birne als Mizzi. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Ein händewachelndes Ojojoj der Menschenopfer: Makus Hering und Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Rekrutiert ihren Würgeengel: Sylvie Rohrer als Frau Tod und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Itay Tiran, und dies sein Pluspunkt, stellt die Schauspieler in den Mittelpunkt, er gibt ihnen all den Raum, der zwischen drei Wänden möglich ist. Es ist ein einfaches, ein Armes Theater, das er zeigt, mit einem Stück Kreide zeichnet Herings Schlomo Hitlers neues Zuhause wie den Teufel an die Wand; die Kostüme von Su Sigmund wie aus der Kleidersammlung, Trainingsbuxe, Bademantel, die Kippa eine Strickmütze. Heuperman ist ein feistes, berserkerndes Baby, ein hysterisch wütendes Kleinkind, kindisch-grausam, sobald es nicht nach seinem Kopf geht, die schmutzigen Strümpfe auf Halbmast, die versiffte Unter- eigentlich eine beständig rutschende Windelhose, die Heuperman ebenso beständig über dem nackten Hintern hochzieht.

Hering und Nägele geben sich als zwei Käuze, die mit einem händewachelndem Ojojoj ihre Opferbestimmtheit kundtun, Lobkowitz schon ein jenseitiger Mehlzerstäuber, Herzl noch ein herzergreifend Verzweifelter – am jüdischen Glauben und am jüdischen Witz, der mit mütterlichem Masochismus den Braunauer Bildermaler zum Massenmörder stylt und coacht. In diesem Szenario ist allerlei Bärtchen- und Youth-Cut-Slapstick möglich, so weit, so schön läuft der Abend am Schnürchen, mit komischen Typen und ihren Hals- wie Wortverdrehern. Jede Pointe sitzt, auch wenn man hier bereits den Sinn für Taboris nadelspitzen Sarkasmus und seine beißende Tieftraurigkeit vermisst.

Den schönsten und sie bestimmenden Moment schöpft Itay Tirans Aufführung aus der Verkehrung von Schlomo Herzls Satz zu seinem Buch, titelgebend: „Mein Kampf“, der bei Deborah-Enkel Tiran als Schlomos „letzte Chance endlich zu vergessen, woran ich mich seit meiner Jugend erinnern muss“ dasteht. Lässt er doch den Hering bei ins Gelbe gedimmten Standbildern die Mitakteure nach Schlomos Willen arrangieren, auf dass seine Inszenierung unter greller Glühbirne Szene für Szene ins Grauen entgleise.

Herings Schlomo Herzl mit der KZ-Tätowierung auf dem Unterarm fantasiert aus dem Orkus die Schlächter neu herbei. Und er weiß es und er kann es nicht verhindern, kann das Geschehene nicht umschreiben. Aus seinem Transistorradio hört man HC Strache im Wahlkampfmodus. Geschichte wiederholt sich nur als Farce, um Karl Marx abzukürzen.

Keine Akademie? Hitler ist am Boden zerstört: Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Der Schnauzer wird zum Bärtchen gestutzt: Markus Hering und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Goldene Göttin statt deutsches Mädl: Markus Hering und Hanna Hilsdorf, hi.: Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Und wieder wird ein Jude gekreuzigt: Rainer Galke als Himmlisch und Markus Hering. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Von der allerdings ist Tiran mittlerweile weit entfernt. Er hat zur verlangt feinschnittigen Sichel, um noch mal Marx zu bemühen, den dumpfen Hammer hervorgeholt, die Geräuschkulisse von Ludwig Klossek klingt nach Maschinengewehr, Grölen, Stöhnen, Hohngelächter. Mit Bettfedern hereinschneit Gretchen als Goldene Göttin, Hanna Hilsdorf allerdings weder Varganin noch bodenständig deutsches Mädl, sondern in dieser Schlüsselepisode, wie man dem Volk die Stimmung umdreht, deutlich unterbeschäftigt. Am spannendsten und bei Weitem die beste Komödiantin ist die Henne Birne als legendäre Mizzi, die in ein Wandbord gesetzt wird – und man dem Tier am Schnabel ansieht, wie’s überlegt: Wie komm‘ ich da nur wieder runter?

Bleibt: Die großartige Sylvie Rohrer als sich zur Kunstfigur verrenkende Frau Tod, ein bizarrer, kalter Todesengel, als der die Rohrer hier eine Glanzleistung hinlegt: Bleibt: Rainer Galke mit Axt – als Himmlisch von einer Herrenmensch-Rage, der eine Sauerei anrichtet, die Taboris subversives Zotenspiel, seine Assoziationskette von Schmerz zu Scherz zu Ausch-/Witz endgültig zerreißt. Schlomo wird an die Wand gekreuzigt, Mizzi vergast, der Titel „Mein Kampf“, denn ein Buch gibt es nicht, wechselt den Besitzer und Hitler zieht mit seiner Bagage und seinem an den Deportationskoffer gemahnendes Gepäckstück ab, als hätte er Schlomo sogar den gestohlen.

Zusammengefasst, im Dickwanst ist punkto dramatischer Dichte noch Luft drin. Die drastische Oberfläche bräuchte Tiefgang. In Zeiten da Rechts von einer zustimmend nickenden Mitte übernommen wird, braucht es (kultur-)politisch Radikaleres als Horrorclowns wie einen sich ausscheißenden Hitler und einen randalierenden Himmlisch. Ja, George Taboris „Mein Kampf“ ist im Getriebe des Repertoirebetriebs angekommen, kann man ihn aus diesem nun bitte weiterziehen lassen?

Lobkowitz und Robkowitz sitzen im Garten Eden auf einer Bank. Sagt Lobkowitz: Erinnerst du dich noch, wie du auf der Seife ausgerutscht bist und dir den Schädel zerschlagen hast, bevor sie uns vergasen konnten? Robkowitz schüttelt sich vor Lachen und erwidert: Ja, aber weißt du noch, wie du dich beschwert hast, sieben Mann seien zu viel für ein Bett? Kommt G’tt vorbei, böse und aufgebracht darüber, was es denn da zu lachen gebe. Sagt Lobkowitz: Ach Herr, den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist …

www.burgtheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=7x8ihcvJKbQ

  1. 10. 2020

Das Sigmund Freud Museum ist wieder geöffnet

August 30, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Erfinden der Psychoanalyse bis zur Flucht 1938

Wartezimmer von Freuds Praxis. Bild: Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

Das Sigmund Freud Museum in der Wiener Berggasse 19 öffnete gestern nach eineinhalbjähriger Umbauzeit und #COVID-19-bedingter Verzögerung wieder seine Pforten: renoviert, erweitert und barrierefrei. Der „Ursprungsort der Psychoanalyse“, an dem der berühmte Arzt, Psychoanalytiker und Theoretiker Sigmund Freud beinahe ein halbes Jahrhundert lang lebte und wirkte, präsentiert sich mit modernisierten und erweiterten Museumsflächen inklusive

Foyer mit Shop und Café sowie einer neugestalteten Forschungs-und Kommunikationsplattform: Europas größter „Bibliothek der Psychoanalyse“. Drei neu konzipierte Dauerausstellungen, eine Kunstpräsentation im Schauraum Berggasse 19 und eine Sonderausstellung vermitteln Freuds vielschichtiges kulturelles Erbe – sie sind seinem Leben und Werk gewidmet, der Entwicklung der Psychoanalyse in Theorie und Praxis und ihrer Bedeutung für die Bereiche Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst. Auch die Geschichte des Hauses Berggasse 19 sowie die bewegten Schicksale seiner Bewohnerinnen und Bewohner werden ins Blickfeld gerückt.

Die Beletage bleibt zur Gänze der Wissenschaft vorbehalten: Europas größter„Bibliothek der Psychoanalyse“, ausgestattet mit einem neuen Lese-und Vortragssaal, und dem Museumsarchiv. Im neu eingerichteten Foyer sind Museumsshop und Café untergebracht. Die Ausstellungsfläche wurde im Zuge des Umbaus auf circa 550 m² nahezu verdoppelt. Damit sind alle Räume, in denen Freud mit seiner Familie lebte und arbeitete, museal erschlossen: Das gesamte Mezzanin – die Privatwohnung der Familie und die Ordinationen von Sigmund und Anna Freud – bietet umfassende Informationen, die von den historischen Entwicklungen der Psychoanalyse bis hin zur kritischen Beleuchtung ihrer aktuellen Anliegen reichen. Die zeitgemäßen Bezüge werden in der ersten Sonderausstellung „Die unendliche Analyse. Psychoanalytische Schulen nach Freud“ aufgezeigt.

In einem neuen Stiegenhaus, das die Museumsgeschoße miteinander verbindet und einen Rundgang durch alle Ausstellungsräume ermöglicht, steht die Geschichte des Hauses und die seiner Bewohnerinnen und Bewohner im Mittelpunkt. Die ehemaligen Ordinationsräume im Hochparterre werden zum Schauplatz der Kunst: Die von Joseph Kosuth initiierte Sammlung umfasst Werke von John Baldessari, Pier Paolo Calzolari, Susan Hiller, Ilya Kabakov und Franz West, die dort gezeigt werden, wo Freud einst seine Traumdeutung schrieb. Im „Schauraum Berggasse 19“ an der Außenfront des Hauses wird die Installation „Hellion“ des amerikanischen Künstlers Robert Longo präsentiert.

Aussenansicht mit Robert Longo: untitled (Hellion). Bild: Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

Sigmund Freud. Bild: pixabay.com

Herrenzimmer Sigmund Freuds. Bild: Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

An den Wänden wurden Spuren der früheren Nutzung erkennbar freigelegt: Ursprüngliche Wandbemalungen, Tapeten, Befestigungsspuren des Teppichs, der über Freuds Behandlungscouch an der Mauer angebracht war bis hin zu einer Telefonleitung in Tochter Anna Freuds Schlafzimmer wurden von Restauratorinnen befundet und geben Zeugnis von den Raumnutzungen zu Freuds Zeiten. Ausgewählte Fotos, die Edmund Engelman 1938 heimlich und unter Einsatz von Mut und technischem Geschick vom Interieur der unter Gestapo-Observation stehenden Berggasse 19 machen konnte, geben den Besucherinnen und Besuchern Aufschluss über die originale Einrichtung und die Anordnung der Praxisräume vor der Flucht 1938.

Die Privaträume der Familie sind der Ausstellungsidee folgend Freuds Leben als Familienvater und seinem Werdegang als junger Arzt und Neurologe gewidmet. Objekte wie frühe Krankenhausdokumente und medizinische Instrumente, aber auch sein Reisenecessaire, Geschenke an die spätere Ehefrau Martha und weitere persönliche Gegenstände geben Auskunft über das Familienleben. Die Traumdeutung steht im Zentrum des ehemaligenSchlafzimmers der Freuds –Hörstationen ermöglichen dort eine Begegnung mit Sigmund Freuds Träumen, gelesen von Birgit Minichmayr und Philippe Sands. Auch originale Möbel gelangen in den Privaträumen erstmals zur Aufstellung: So konnte als Dauerleihgabe des Freud Museum London eine Kommode gewonnen werden, die im sogenannten „Herrenzimmer“ mit demzugehörigen Intarsientisch einen Teil des originalen historischen Ensembles bildet.

Auch über die gewaltbehaftete Geschichte nach Freuds Vertreibung durch die Etablierung von „Judensammelwohnungen“ wird berichtet – insgesamt 76 Personen mussten im Haus Berggasse 19 auf ihre endgültige Deportation in Vernichtungslager warten. In seinen täglichen Aufzeichnungen notiert Freud am 14. März 1938:„Hitler in Wien“, diesem Eintrag folgt schon am darauffolgenden Tag „Kontrolle in Verlag und Haus“ und nur eine Woche später am 22. März: „Anna bei Gestapo“. Heute vermutet man, dass erst die Festnahme seiner jüngsten Tochter Anna und die bangen Stunden des Wartens auf ihre unversehrte Rückkehr, Freud dazu bewogen haben, seine Heimat zu verlassen – um wie er in der Sprache des Exils schreiben wird „to die in freedom“.

Der gelungenen Flucht Freuds und seinem engsten Familienkreis ins Londoner Exil, seinem Bruder Alexander und dem Schicksal seiner Schwestern Rosa, Marie, Pauline und Adolfine, ihrer Ermordung in den national- sozialistischen Vernichtungslagern Theresienstadt und Treblinka, ist eine eigene Sektion auf der Galerie des Foyers gewidmet, die über das neue Treppenhaus erreicht wird. Die Galerie gibt nicht nur den Blick auf jenen Kabinenkoffer frei, in dem Besitztümer der Familie Freud ins Exil verfrachtet wurden, sondern ebenfalls hinunter auf die Berggasse, die Freud am 4. Juni 1938 nach 47 Jahren für immer verließ.

Granatmedaillon mit Fotos der Kinder Freuds. Bild: Günter König/Sigmund Freud Privatstiftung

Verborgene Gedanken Visueller Natur. Bild: Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

Juwelierschachtel mit Widmung von Sigmund Freud an Martha. Bild: Günter König/Sigmund Freud Privatstiftung

Arzttasche Sigmund Freuds. Bild: Günter König/Sigmund Freud Privatstiftung

Berggasse 19 – ein Ort des Gedenkens: Zum einen ist diese Adresse „Ursprungsort der Psychoanalyse“, an dem Freud die menschliche Psyche und das Unbewusste erforschte und so den Menschen eine neue Selbstsicht eröffnete, die bis heute ihren Niederschlag in Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft findet. Gleichermaßen fungiert dieser Ort als Mahnmal und Gedenkstätte für den Verlust von Kultur und Menschlichkeit unter dem Terrorregime des Nationalsozialismus: Angesichts der historischen Verantwortung Österreichs und Wiens dient die Berggasse 19 dem Gedenken und der Erinnerung an all die vertriebenen und ermordeten Österreicherinnen und Österreicher.

www.freud-museum.at

30. 8. 2020

Lou Andreas-Salomé

September 8, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frau, die über Nietzsche die Peitsche schwang

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

„Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann.“ Mit diesem Satz nahm Lou Andreas-Salomé Verehrern den Wind aus den Segeln. Deren hatte die Schöne viele. Paul Rée, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Gerhart Hauptmann gehörten dazu, später sogar Sigmund Freud. Rilke widmete ihr Gedicht um Gedicht, Wedekind nannte angeblich sein Werk „Lulu“ nach ihr, mit Rée und Nietzsche ging sie kurzfristig eine geistige ménage à trois ein, geistig, weil sich Lou Andreas-Salomé der Körperlichkeit entzog.

Eine selbst auferlegte Askese, war sie doch überzeugt davon, nur der Zölibat schaffe ihr als Frau den nötigen Freiraum, in den Armen eines Mannes aber würde sie sich selbst zum Hausmütterchen degradieren … Es entstand das berühmte Dreierfoto, die Denker vor ihren Karren gespannt, sie mit der Peitsche in der Hand, und man fragt sich, ob in dieser Szene Nietzsches späterer Ausspruch vom Lederriemen und dem Weibe begründet liegt. Der sexuell abgewiesene, der über die Angebetete erst formulierte „Lou ist scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe“, nannte sie dann nämlich die „dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit ihren falschen Brüsten“. Männer! Und unter ihnen so viele Hysteriker, es verwundert nicht, dass Freud folgen musste.

Lou Andreas-Salomé war Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, geboren 1861 in St. Petersburg, gestorben 1937 in Göttingen, war sie eine der gelehrtesten und wissenschaftlich produktivsten Frauen ihrer Generation. Die Berliner Autorin und Regisseurin Cordula Kablitz-Post holt in ihrem Spielfilmdebüt „Lou Andreas-Salomé“, das ab 9. September im Kino zu sehen ist, dieses bewegte Leben aus der Vergessenheit. Entstanden ist ein faszinierendes Frauenporträt, das mit leisem Humor den Weg einer starrköpfigen Streiterin für mehr Rechte, für, wie sie es nannte, mehr „Raum für die Entwicklung der Frau“ nachgeht. Andreas-Salomé lebte die Emanzipation, wiewohl sie es stets weit von sich wies, eine, wie man heute sagen würde, Feministin zu sein.

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit "Mutter" Petra Morzé. Bild: Polyfilm

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit „Mutter“ Petra Morzé. Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als "Ernst Pfeiffer". Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als Ernst Pfeiffer. Bild: Polyfilm

Das Biopic ist bis in kleinste Rollen exzellent besetzt, mit dabei viele Burgtheaterschauspieler, Petra Morzé und Peter Simonischek spielen die Eltern Salomé, Philipp Hauß den Paul Rée. Merab Ninidze brilliert als Friedrich Carl Andreas, der Orientalist, der sich endlich als einziger auf eine sexlose Ehe mit Lou einließ, in seiner Not aber eine lebenslange Zweitliebe mit der Haushälterin einging. Alexander Scheer ist als Nietzsche augenrollend bedrohlicher und ergo skurriler wie Paulus Manker als Almas Kokoschka, Julius Feldmeier als Rilke ein weinerliches Bündel Mensch.

Man muss es sagen, der feinnervige Lyriker verliert in diesem Film deutlich an Boden, so raunzert ist das Bild, das Kablitz-Post von ihm entwirft. Lou Andreas-Salomé hatte ein Händchen dafür, Elegiebürscherln um sich zu sammeln, geknickte Männlichkeiten aufzurichten und künstlerische Karrieren in Schwung zu bringen. Sie war Inspiration, Muse, später auch Mäzenin. Doch so stark und bei messerscharfen Verstand, wie sie war, wirken die Herren der Schöpfung rund um sie wie schwache Männlein.

Diesen Eindruck verdichtet freilich die Darstellung von Katharina Lorenz und Nicole Heesters. Kablitz-Post hat die Figur der Andreas-Salomé in verschiedenen Lebensaltern auf die beiden formidablen Schauspielerinnen aufgeteilt, erstere gestaltet sie angespannt wie eine Feder, zweitere altersweise und ein wenig verschmitzt, die Lorenz ist von strenger Schönheit, die Heesters in überragender Spiellaune. Liv Lisa Fries spielt Andreas-Salomé als 16-Jährige, der Film bewegt sich zwischen den drei Zeiten hin und her, erzählt nicht chronologisch, sondern springt in den Ereignissen als wären’s die Erinnerungen der älteren an ihre gewesenen Ichs. Dies auch ein inhaltlicher Kniff der Filmemacherin, denn so kann sie friktionsfrei die später geschönte Biografie Andreas-Salomés mit anderen, ihr widersprechenden Quellen verknüpfen.

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Ein Gutteil der Dokumente stammt aus dem Archiv von Ernst Pfeiffer, im Film verkörpert ihn Matthias Lier, Andreas-Salomés letzter Psychotherapiepatient und späterer Nachlassverwalter. Der rettete maßgebliche Teile ihres Werks vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Denn im Dritten Reich war man höchst erbost über diese Frau, die sich in den „jüdischen“ Disziplinen des Denkens übte. Und so beginnt der Film denn auch mit einer Bücherverbrennung …

„Lou Andreas-Salomé“ ist ein filmisches Beispiel dafür, dass ein Widerspruchsgeist zu sein und ein Freigeist sein zu wollen zu allererst des Geistes bedingt. Andreas-Salomé hatte alles davon, und im Übermaß. Sie war eine Kämpferin gegen Konventionen, dass sie für das Wegsperren ihrer Gefühle aber auch einen hohen Preis bezahlte, dass sie die nie versiegende Sehnsucht nach einem eigenen Kind schließlich zu einer ganz besonderen Tat verleitet hat, wird der Film am Ende erklären.

Er schließt mit einem Zitat, das die großartige Heesters vorträgt: „Die Welt, sie wird dich schlecht begaben. Glaube mir’s. Sofern du willst ein Leben haben, raube dir’s.“

 

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0qyQgSsi920

Wien, 8. 9. 2016

21er Haus: Sigmund Freud und das Spiel mit der Bürde der Repräsentation

September 17, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine Installation von Joseph Kosuth

Birgit Jürgenssen, Nest, 1979, Belvedere Wien Bild: Bildrecht, Wien, 2014

Birgit Jürgenssen, Nest, 1979, Belvedere Wien
Bild: Bildrecht, Wien, 2014

Ab 19. September zeigt das 21er Haus eine Schau zu Sigmund Freud:  Die Rauminstallation Zero & Not des amerikanischen Konzeptkünstlers Joseph Kosuth wurde anlässlich des 50. Todestages Sigmund Freuds im Jahr 1989 in der Berggasse 19 realisiert. Mit dieser Arbeit wurde ein Grundstein für die zeitgenössische Kunstsammlung des Sigmund Freud Museums gelegt, in der heute herausragende internationale Positionen vertreten sind. 25 Jahre später – zum 75. Todestag des Begründers der Psychoanalyse – entwickelt das 21er Haus gemeinsam mit Joseph Kosuth eine Ausstellung, die, basierend auf Zero & Not, wesentliche freudbezogene Arbeiten des Künstlers in Kombination mit der Contemporary Art Collection des Sigmund Freud Museums, einer Auswahl aus der Sammlung des Belvedere sowie einer Reihe rezenter Werke zum Thema Kunst und Psychoanalyse zeigt.

In ihrem künstlerisch-kuratorischen Zugang manifestiert sich die Ausstellung als raumgreifende Installation Kosuths und knüpft damit an seine bedeutenden Projekte Wittgenstein – Das Spiel des Unsagbaren in der Wiener Secession (1989) und A Play of the Unmentionable im Brooklyn Museum of Art (1990) an. Mit künstlerischen Arbeiten von: Richard Artschwager, John Baldessari, Wolfgang Berkowski, Pierre Bismuth, Marcel Broodthaers, Victoria Browne, Günter Brus, Daniel Buren, Victor Burgin, Pierpaolo Calzolari, Clegg & Guttmann, Thomas Demand, Jessica Diamond, Mark Dion, Jimmie Durham, Fischli/Weiss, Marc Goethals, Douglas Gordon, Georg Herold, Susan Hiller, Hans Hollein, Jenny Holzer, Birgit Jürgenssen, Ilya Kabakov, Mike Kelley, Joseph Kosuth, Liane Lang, Sherrie Levine, Tina Lechner, Thomas Locher, Sanna Marander/Niklas Tafra, Paul McCarthy, Olaf Nicolai, Albert Oehlen, Constanze Ruhm/Matthias Herrmann, Markus Schinwald, Rudolf Schwarzkogler, Cindy Sherman, Cindy Smith, Haim Steinbach, Hito Steyerl, Rudolf Stingel, Jürgen Teller, Rosemarie Trockel, Gavin Turk, Bill Viola, Peter Weibel, Franz West, Tanja Widmann, Francesca Woodman und Heimo Zobernig.

www.21erhaus.at

Wien, 17. 9. 2014