Theater in der Josefstadt: Sieben Sekunden Ewigkeit

Januar 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik brilliert in Peter Turrinis Monolog

Sandra Cervik inmitten der Hedy-Lamarr-Schaufensterpuppen. Bild: Sepp Gallauer

Sandra Cervik inmitten der Hedy-Lamarr-Schaufensterpuppen. Bild: Sepp Gallauer

Die Bitte, auf der Bühne an einen Police Officer in Florida gerichtet, erfüllten ihr tatsächlich ihre Kinder Anthony und Deedee. Sie verstreuten zumindest einen Teil der Asche ihrer Mutter Am Himmel im Wienerwald, den anderen Teil setzten sie in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof bei. So verhält es sich mit Peter Turrinis Monolog „Sieben Sekunden Ewigkeit“, der am Donnerstag unter großem Jubel im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht wurde:

Dichtung und Wahrheit. Turrini nähert sich in seiner jüngsten Arbeit dem Phänomen Hedy Lamarr. Lange schon ist der Dichter von dieser Frau fasziniert, die sich bei ihm selbst als die schönste und gleichzeitig klügste der Welt bezeichnen darf. Sein Stück bewegt sich eng entlang der Biografie der Hollywoodschauspielerin und Erfinderin, und ist gleichzeitig weitergreifend eine Folie, auf der er Zeitgeschichte und Themen zur Zeit spiegelt.

Hedy Lamarr wurde 1914 als Hedwig Kiesler in Wien in bessere Kreise geboren. Sie heiratete den wesentlich älteren Waffenfabrikanten Mandl, der Geschäfte mit den Nazis machte, ging ihm durch und in die USA, wurde von Louis B. Mayer unter Vertrag genommen und ein Filmstar. 1942 entwickelte Lamarr eine Funkfernsteuerung für Torpedos. Dieses Frequenzsprungverfahren sollte es den Feinden der Alliierten unmöglich machen, deren Geschosse aufzuspüren. Es wird heute immer noch in der Mobilfunktechnik verwendet.

Doch nicht an diesem großen Wurf wurde die Lamarr stets gemessen, sondern an eben „Sieben Sekunden Ewigkeit“. So lange dauert ihre Nacktszene im Film „Ekstase“ von 1933. Da huscht sie völlig unbekleidet durch einen Wald – als erste Frau, die sich jemals hüllenlos vor der Kamera zeigte. In Stephanie Mohrs Inszenierung läuft diese Sequenz als Hintergrundkulisse. Immer und immer wieder. Vorne eine fulminante Sandra Cervik. Turrini hat ihr den Text auf den Leib geschneidert und sie spielt ihn mit vollem Körpereinsatz; mit Perückenunterziehhaube und im Fatsuit macht sie aus dem Monolog den wütenden Verzweiflungsschrei einer derangierten, einer ausrangierten Diva.

Mit viel Ironie gestaltet Cervik ihre Rolle ... Bild: Sepp Gallauer

Mit viel Ironie gestaltet Cervik ihre Rolle … Bild: Sepp Gallauer

... einer Frau, die ebenso schön wie klug war. Bild: Sepp Gallauer

… einer Frau, die ebenso schön wie klug war. Bild: Sepp Gallauer

Im Jahr 2000 ist Lamarr verstorben; bei Turrini blickt sie vier Jahre vorher auf ihr Leben zurück, erzählt es einem imaginären Gesetzeshüter, der sie alkoholisiert im Straßengraben aufgelesen hat, nicht ahnend welchen Schatz er da birgt. Im Bühnenbild von Miriam Busch kriecht Cervik über die Planskizzen von Lamarrs Erfindung. Sie ist umringt von einem guten Dutzend Schaufensterpuppen, sie zieht sie aus, um sich ihre Verkleidungen anzuziehen, diese vielen Rollen, in die „die Frau“ zu schlüpfen und dabei immer schön zu sein hat. Cervik stattet die Figur mit einer gehörigen Portion Ironie aus. Sie macht sich lustig über den Schönheits- und Jugendwahn, der längst nicht nur die Traumfabrik befallen hat.

Und während sie im einen Moment über Versuche zur Selbstoptimierung zynisch lacht, wird sie im nächsten ernst, wenn sie über Pogrome in Russland und den Faschismus in Deutschland und Österreich spricht. Turrinis Text springt zwischen den Jahreszahlen und zwischen den Emotionen. Wie ein Kaleidoskop dreht sich sein Stück um die Beschreibungen und Zuschreibungen, mit denen er sein literarisches Geschöpf zu fassen sucht.

Dass die Lamarr in der Regie von Max Reinhardt einmal auch am Josefstädter Theater auftrat, ist eine Anekdote, die sich der Dramatiker nicht entgehen lassen konnte und die das Publikum mit einem Lachen bedankt. Das erprobte Team Mohr-Cervik zeigt sich mit dieser Aufführung erneut von seiner besten Seite. Stephanie Mohr hat Sandra Cervik sehr präzise und prägnant in Szene gesetzt; es ist stets die Stärke der Regisseurin ihre Schauspieler schillern zu lassen – und so tut’s die Cervik auch diesmal. Am Ende gab’s viel Applaus für alle Beteiligten und einen glücklich gerührten Peter Turrini. Die Josefstadt setzt ihren Erfolgskurs der Ur- und Erstaufführungen fort; weiter geht es am 2. Februar mit Daniel Kehlmann und seinem „Heilig Abend“.

Video: www.youtube.com/watch?v=xXzBjcKggOk

www.josefstadt.org

Wien, 13. 1. 2017

Volkstheater: Die sieben Todsünden

Oktober 11, 2014 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Bill brilliert als Weill-Interpretin

Maria Bill Bild: © Christoph Sebastian

Maria Bill
Bild: © Christoph Sebastian

Dass Maria Bill eine großartige Chansonnière ist, ist eine Binsenweisheit. Nun interpretiert sie am Volkstheater in einer Inszenierung von Michael Schottenberg Kurt Weills/Bert Brechts „Die sieben Todsünden“. Das heißt: Der Regisseur hat dem nur etwa 35-minütigem Werk neun Weill-Lieder aus seinen Exilen in Paris und den USA vorangestellt – und viel „Dreigroschenoper“. Begleitet von Michael Hornek am Flügel und Milos Todorovski am Bandoneon gibt die Bill La Diva. In schwarzer Courturerobe mit weißem Federkragen, der noch als allerlei Requisit herhalten wird müssen, singt sie sich viersprachig von „Speak Low“ aus dem Musical „One Touch of Venus“ und „Je Ne T’aime Pas“, 1934 verfasst für die Sopranistin Lys Gauty, bis zur „Seeräuber-Jenny“ und „Youkali“ aus Weills Oper „Marie Galante“. Allein dieser Teil des Abends hätte einen schon glücklich gemacht. Das Programm ist wie eine Vorwegnahme des oder eine Erinnerung an das Kommende(n). Eine Primadonna – und wie sie dazu wurde …

Also: „Die sieben Todsünden“. Kurt Weill schrieb das „Ballett mit Gesang“ 1933 in Paris im Auftrag des reichen Engländers Edward James für dessen Ehefrau, die Tänzerin Tilly Losch. Weill, mit Brecht schon verkracht, weil ihn dieser bei den Proben zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als „falschen Richard Strauss“, den er „in voller Kriegsbemalung“ die Treppe hinunterwerfen werde, beschimpft hatte, fungierte als Liberettist. Nachdem Jean Cocteau abgelehnt hatte. Dem Werk war, bis auf eine Plattenaufnahme mit Lotte Lenya 1956, kein Erfolg beschieden. Inhalt: Die Schwestern Anna I und II, eine Sängerin, eine Tänzerin, ein Hirn, ein Herz, Sinn und Sinnlichkeit, werden von der Familie losgeschickt, um mit Anna IIs Kunst genug Geld für ein Haus am Mississippi zu verdienen. Sieben Stationen müssen die Annas durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid sind dabei die Versuchungen kurzfristiger Bedürfnisse, deren Befriedigung aufgeschoben werden muss. Zum Zwecke des Profits. Denn Sünden werden dort zu Tugenden, wo nichts mehr einen Wert hat, was keinen materiellen Wert hat. Die Familie, ein Männerquartett, gibt dazu bibelversähnliche Ermahnungen wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und scheinheilige Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsre Kinder, dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt“ ab.

Ivaylo Guberov, Martin Mairinger, Johannes Schwendinger und Wilhelm Spuller sind „die Familie“. 40 Musiker des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien, unter der Leitung von Milan Turković, glänzen als Meister an ihren Instrumenten. Die Bill entledigt sich ihres Edeloutfits, steigt von Kothurnen und steht da. Ein Mädchen im Blümchenkleid. Wie im Prolog beschrieben: „Wir sind eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige“, verkörpert sie beide Annas. Ich und Über-Ich. Eine gespaltene Persönlichkeit. Die nicht tun will, von dem sie weiß, dass sie es tun muss. Ihr Leben: ein Requisitenkoffer, in dem sie zeitweilig auch lebt. Maria Bill zieht alle Register ihres Könnens. Ist Clownin ebenso wie Tragödin. Erinnert an Paulette Goddard in den Chaplin-Filmen. Singt, tanzt (Schwanenwatschel, äh, -see), spielt, dirigiert – kurz. Es ist die Habgier, die ihr diese Idee eingibt, die Turković kraft seines Amtes aber sofort unterbindet. Am Ende ist das Haus finanziert. Ein erkauftes Unglück. Das Vermächtnis der unwirklich schönen Kunstgestalt vor dem Klavier …

Die folgende minutenlange – es wurde schon der Vorhang heruntergelassen und noch immer applaudiert – Publikumsbegeisterung galt natürlich in erster Linie Maria Bill. Welch eine Sängerin. Welch eine Schauspielerin. Welch ein Star.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/michael-schottenberg-im-gespraech/

Wien, 11. 10. 2014

Michael Schottenberg im Gespräch

September 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geld regiert die (Theater-)Welt

Bild: © Peter Korrak

Bild: © Peter Korrak

Am 10. Oktober hat am Volkstheater Kurt Weills/Bert Brechts „Die sieben Todsünden“ Premiere. Hausherr Michael Schottenberg inszeniert, Maria Bill spielt und singt mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter Milan Turković. Die letzte Zusammenarbeit des Erfolgsduos Kurt Weill und Bertolt Brecht, „Die sieben Todsünden“, entstand im französischen Exil und wurde 1933 in Paris am Théâtre des Champs-Elysées uraufgeführt. Durch die Plattenaufnahme mit Lotte Lenya, die 1956 erschien, wurde das Werk einem großen Publikum bekannt. Es schildert die Odyssee von Anna, die von ihrer Familie in die großen Städte geschickt wird, um für den Bau eines neuen Häuschens am Mississippi Geld zu verdienen. Sieben Stationen muss Anna durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid sind dabei die Versuchungen kurzfristiger Bedürfnisse, deren Befriedigung aufgeschoben werden muss zum Zwecke des Profits. Brecht und Weill bringen die Moral des modernen Materialismus auf den Punkt: Sünden werden zu Tugenden, wo nichts mehr einen Wert hat, was keinen materiellen Wert hat. Weills unverwechselbarer Songstil versüßt die bittere Moral. Jeder Nummer liegt die Adaption einer populären Musikform wie z.B. Walzer, Foxtrott, Shimmy, Dixieland oder Tarantella zugrunde. Psychologisch genau charakterisiert seine Musik die handelnden Figuren. Ein Männerquartett stellt die Familie dar, die Rolle der Mutter wird dabei von einem Bass gesungen. Bibelversähnliche Ermahnungen wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und scheinheilige Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsere Kinder …“ unterstreichen die Verlogenheit der Sippe. Zum Schluss hat Anna zwar das Ziel, das kleine Haus in Lousiana, erreicht, doch ob damit auch das Glück erkauft wurde? Ein Gespräch mit Michael Schottenberg:

MM: Warum jetzt „Die sieben Todsünden“?

Michael Schottenberg: Wann, wenn nicht jetzt? Ich wollte immer schon mit einem bedeutenden Orchester eine große, ernsthafte Musikproduktion machen. Nun ist es auch eine Abschiedsproduktion für Maria Bill – ich versuche ja in meiner letzten Saison am Haus jedem meiner Lebensschauspieler noch schöne Rollen zu geben oder gute Ensemblestücke aufzuführen. Alle dürfen noch einmal glänzen. Außerdem ist die Kombination Bill/Brecht/Volkstheater schon eine eingeführte, es ist unsere vierte, nach „Mutter Courage, „Dreigroschenoper“ und „Arturo Ui“ www.mottingers-meinung.at/volkstheater-der-aufhaltsame-aufstieg-des-arturo-ui. Die Chance habe ich zum letzten Mal. Dann ist Brecht einer meiner Lieblingsautoren, weil er schon 1933 die Effekte der Globalisierung perfekt beschreibt. Mit Dirigent Milan Turkovic wollte ich schon lange etwas machen und eben mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien. Die haben begeistert ja gesagt, weil es auch ein wenig neben ihres Tagesgeschäftes ist. Vierzig Menschen musizieren auf der Bühne! Tolle Musiker! Wenn das keine Riesenherausforderung ist!

MM: Das Stück ist von Kurt Weill als Ballett mit Gesang angelegt. Es gibt zwei Protagonistinnen, zwei Annas, eine davon ist Tänzerin …

Schottenberg: Die haben wir uns geschenkt. Maria Bill spielt beide Annas. Das heißt: Sie ist die schüchterne, den Schmerz erduldende, die am Materialismus verzweifelnde Anna 2. Und die hat eine (singende) Anna 1 im Kopf, die ihr einflüstert: „Du musst, du musst, du musst … Geld machen“. Denn sie soll ja als Showgirl ein Haus für ihre Familie erwirtschaften. Die Familie singen vier wunderbare Opernsänger: Martin Mairinger, Wilhelm Spuller, Johannes Schwendinger und Ivaylo Guberov. Der Abend hat auch einen ersten Teil. Wir stellen den „Sieben Todsünden“ neun relativ unbekannte Lieder von Kurt Weill voraus, die er im Exil in Hollywood geschrieben hat: „Je ne t’aime pas“, „Speak Low“, „Nannas Lied“, „Youkali“ … Da geht’s um Liebe, Lust, beides aber auch als Ware, beides gemessen an ihrem Verkaufswert. Das korreliert perfekt mit dem zweiten Teil. Maria singt das in einer wunderschönen Couturierobe, bis sie das Kleid dann ablegt – Darunter hat sich das Mädchen Anna versteckt.

MM: Da könnte man eine Rückblende reininterpretieren: Der große Star, der sich an seine Anfänge erinnert. Vom Konzert zur Leidensgeschichte.

Schottenberg: Das ist gut, das zeigt auch das Innenleben dieser Diva. Der Reiz am Stoff ist ja die Unmoral: Jede Todsünde wird im Business zur Tugend. Sündigen ist eine Tugend. Wer sich nicht verkauft, ist dumm. Wer seinen Körper nicht zur Schau stellt, wird nie ins Himmelreich kommen. Brecht/Weill kehren das um. Ihre kleinbürgerliche Gesellschaft preist die Sünde als Tugend. Und auf der Strecke, so sagt uns Brecht wie in vielen anderen Stücken, bleibt der Mensch, der sich prostituiert. Die Welt ist ein Hurenhaus. Menschen verhärten sich, lassen den Nächsten fallen, die Zeit der Fische bricht an. Aber apropos: Ich habe keine naturalistischen Szenenbilder, nur ein paar Requisiten. In diesem Sinne ist der ganze Abend tatsächlich ein Konzert. Sehr maskenhaft, eine eigene Erzählform, die ich mir gegönnt habe.

MM: Ihre persönlichen Todsünden?

Schottenberg: Ich bin allen Genüssen verfallen und habe Mühe mich aufrecht zu halten, so verdorben bin ich innen drinnen. Ich bin verrucht.

MM: Aber nicht mehr verraucht 😉 Den Zigaretten haben Sie doch abgeschworen.

Schottenberg: Stimmt. EINE Tugend! Ein Glück!

MM: Das Spielzeitmotto lautet „Täuschungen der Fantasie“ …

Schottenberg: In diesen Rahmen passt das Ding sehr gut, weil ich vorführe, wie eine Fantasie geschaffen wird, nur, um sie wieder zu zerstören, um zu zeigen, was sich dahinter verbirgt. Es geht um Spielarten von Fantasie – und um die Realität der Bühne, der wir alle verfallen sind. Mit der Bühnenrealität kann ich Welten erschaffen, die Zeit anhalten. Und alle wissen, die oben tun nur so, aber ich lasse mich dennoch verführen. Der intelligente Zuschauer will nicht wissen, wie das geht, er lässt sich mitnehmen auf eine Reise und er lässt sich verzaubern. Der realistische Zuschauer will wissen, wo der Zauberer das Kaninchen verschwinden hat lassen. Realität ist genügend diesseits der Rampe, auf der Bühne möge eine andere Realität herrschen, eine magische.

MM: Von der Fantasie dennoch zur Realität: Sie haben eine Spendenkampagne ins Leben gerufen.

Schottenberg: Ja, denn das Gebäude verfällt. Wir kämpfen um Subventionen für die grundlegende Instandsetzung des Volkstheaters, nur selbstverständlich ist nichts. Wir sind ein Privattheater. Und da wir keine Großsponsoren haben, bitten wir unsere Zuschauer um einen Beitrag. Sie mögen sich bitte zu uns bekennen – und sie tun es. Allein am Tag der offenen Tür haben wir schon 7000 Euro eingenommen. Es läuft gut. Man konnte ab 350 Euro Patenschaften für Theatersessel kaufen.

MM: Und es geht weiter. Wie?

Schottenberg: Die BAWAG ist aufgesprungen, da kann man auf ein Treuhandkonto spenden. Die Aktion heißt www.es-geht.at. Man kann Taschen oder Hüte aus alten Werbefahnen kaufen. Und Honig vom Bienenvolk auf dem Dach des Volkstheaters www.volkstheater.at/home/extras/crowdfunding und, und, und. Oder man kann für einen Theaterabend für zehn Personen die Bürgermeisterloge mieten, mit privatem Kellner, der Champagner und Fingerfood serviert. An diesem Abend steht in Leuchtschrift der Name des Gefeierten über dem Haupteingang (mehr dazu unter info@volkstheater.at). Im Grunde genommen ist es eine Bewusstseinskampagne: Wir sind das Theater der Wiener. Und sind jetzt durch diese „schockierenden“ Plakate mit den augenlosen Gesichtern Talk of the Town geworden.

MM: Gestatten Sie die Frage: Warum tun Sie sich das in Ihrer letzten Saison noch an?

Schottenberg: Weil’s ums Volkstheater geht, das ich von Herzen liebe. Und weil es sich zum 125-Jahr-Jubiläum bestens geeignet hat. Da geht’s ja nicht um mich. Sondern um die nächsten 125 Jahre.

www.volkstheater.at

Wien, 30. 10. 2014

Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln

Juni 30, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Grauen, Gruseln, Gänsehaut

Das Haus mit den sieben Giebeln von Nathaniel HawthorneSeine Zeitgenossen und Autorenkollegen stritten, ob „Der scharlachrote Buchstabe“ oder „Das Haus mit den sieben Giebeln“ sein besseres Buch sei. Nun hat die Schande der Hester Prynne durch das Medium Film mehr Aufmerksamkeit erlangt, doch wann verdammt wird sich das Kino endlich des „Haus mit den sieben Giebeln“ annehmen? Verdammt ist übrigens ein gutes Stichwort. Nathaniel Hawthornes von ihm so genannte „Romance“, tatsächlich ein Schauerroman, der den alten Poe noch älter aussehen lässt, bringt alles mit, was es für Gänsehaut braucht: einen hingerichteten Hexer, dessen Fluch, einen verschollenen Familienschatz, eine alte Indianerurkunde, die unermesslichen Landbesitz verspricht, irrlichtende Tote und gespenstische Untote – und die Liebe.

Der Inhalt in aller Kürze: Ende des 17. Jahrhunderts ließ der mächtige Oberst Pynchon den Einsiedler Maule als Hexer hängen, um an dessen Land zu kommen. Noch am Galgen verflucht Maule das Pynchon-Geschlecht: Sie werden alle an ihrem eigenen Blut ersaufen. Pynchon lässt auf Maules Grundstück ein Herrenhaus mit sieben Giebeln errichten – und lädt zur Einweihungsfeier. Doch als er seine Gäste nicht begrüßen kommt, sucht man ihn und findet ihn tot. Den Mund so voller Blut, das es über Kinn und Kragen läuft. So geht es Generation um Generaton. Doch kein Pynchon bringt die Kraft auf, das vermaledeite Anwesen zu verlassen. „Jetztzeit“, heißt: 1851. Im Haus lebt noch die alte Jungfer Hepzibah Pynchon und mit ihr die Gespenster ihrer Ahnen. Der Oberst lehnt sich ab und an aus seinem Gemälde, das immer noch über dem Kamin hängt; die unglückliche Alice hört man bisweilen Klavier klimpern. Hepzibah hat sich wegen ihrer Geldsorgen einen Untermieter genommen, den – sehr modern! – Daguerreotypisten Holgrave. Zur Gesellschaft stößt die entfernte Verwandte Phoebe, ein Landkind, das in der neuenglischen Stadt zur Lady gemacht werden soll, der einzige Sonnenstrahl in all der Düsternis. Und Clifford, Hepzibahs Bruder, der von seinem Cousin Richter Pyncheon zu dreißig Jahren Kerkern verurteilt worden war, weil der angeblich dessen Vater ermordet hatte. Dabei war’s der Fluuuuuch! In dieser Familienaufstellung brechen nun die Schrecken der Vergangenheit wieder hervor. Der Richter will von Clifford das Versteck von Schatz und Indianerurkunde wissen. Doch gibt es beides überhaupt? Ist Holgrave der, für den er sich ausgibt? Ist Clifford wirklich ein Unschuldslamm oder ein durchgeknallter Messerkünstler? Vor dem – darf man das verraten? – Happy End wird jedenfalls noch jede Menge Pyncheon-Blut fließen …

Zum Autor:
Dieser fulminante Roman zeigt Nathaniel Hawthorne (1804–1864), Vorreiter der gothic fiction, jedenfalls auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Als einer der Gründerväter US-amerikanischer Literatur, glänzt er mit seiner Mischung aus dunkler Romantik und hintersinnigem Humor. Übersetzerin Irma Wehrli hat wohltuend seinen Duktus beibehalten und nichts ins Heute transformiert. Schön sind diese Stellen, wo Hawthorne sich an einen wendet: Wir hätten dem Leser diese scheußliche Szene gerne erspart, aber sie ist notwendig, um den Vorgang der Handlung zu verstehen … Großartig! Hawthorne ist ein Kind seines Romans. Geboren – wo sonst –  in Salem, trug er die Last, dass sein Vorfahren erst in Gemetzeln die Indianer um ihr Land brachten, dann die Hexenprozesse leiteten. Als Puritaner war er zutiefst von der Erbsünde überzeugt. Er wurde als grüblerischer Mann beschrieben, der gesenkten Hauptes durch die Straßen schlich. Bis er von der Schriftstellerei leben konnte, arbeitete er beim Zollamt, wog Kohle ab und kam an den meisten Abenden schwarzverschmiert nach Hause. Hawthorne wurde ein Star. Befreundete sich nach und nach mit den Kollegen Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau und William Ellery Channing. „Moby Dick“-Vater Herman Melville, mit dem Hawthorne drei Wochen fischen war, schrieb: allein ihn gekannt zu haben, war es wert gelebt zu haben. Henry James war ein glühender Fan. Und – darf man das verraten? – ein Happy End gab’s auch: Hawthorne heiratete. 

Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 510 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli.

www.randomhouse.de/manesse/