Michael Köhlmeier: Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle

Dezember 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die politischen Reden des großen Erzählers

„Mir wäre lieber gewesen, man hätte mich nicht gefragt, ob ich hier sprechen will“, sagte Michael Köhlmeier am 4. Mai 2018 in der Wiener Hofburg. Nur etwas mehr als sechs Minuten sprach er, doch seine Rede hallte durchs ganze Land. Eindringlich wandte sich der große Erzähler gegen eine nicht nur in Österreich, sondern weltweit immer salonfähiger werdende Staatsführung der Ablehnung und der Ausgrenzung.

Im bei dtv erschienenen Band „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“ sind nun erstmals Köhlmeiers gesammelte Reden nachzulesen. Unerschrockene Kommentare zur Politik dieser Tage, in der Sinnverdrehungen durch „alternative Fakten“ hoffähig geworden sind, wortmächtige Appelle, sich der so entstehenden Wortverzerrungen bewusst zu bleiben und sich zu empören – über den schleichenden Verfall jeglicher Debattenkultur. Neben dem vor gerechtem Zorn glühenden Hofburg-Auftritt sind im Buch unter anderem eine Rede zur Einweihung eines Mahnmals zur Erinnerung an die Bücherverbrennung 1938, die ORF-Rede 2017, an jenem Neujahrstag, als es keinen Bundespräsidenten gab, und eine zur zehnjährigen EU-Mitgliedschaft Österreichs enthalten.

Als keinen besonders wachen Bürger, „wankelmütig, urteilsunsicher, voller Zweifel, allerorts mit der eigenen Uninformiertheit und Ungebildetheit konfrontiert, schwankend zwischen schmachtender Mediengläubigkeit und anarchistischer Garnichtsgläubigkeit“, bezeichnet sich Köhlmeier. Eine Aussage, die sich spätestens dann ad absurdum fühlt, wenn dem Bürger Köhlmeier, wieder einmal der Geduldsfaden reißt. Wenn Politiker ihre „Sorge“ um den Antisemitismus dazu missbrauchen, Rassismus gegen Muslime zu schüren, wenn der Europagedanke zum Witz degradiert, wenn Demokratie zum Recht der Mehrheit über Minderheiten pervertiert wird.

Fordert jemand Köhlmeier auf, eine politische Rede zu halten, so Hanno Loewy in seinem fabelhaften Nachwort, erzählt er von seinen Begegnungen mit Menschen, oder vom Schmerz darüber, dass ihm solche nicht gelungen sind, erzählt von seiner Großmutter, die ihn in die Welt der Märchen eingeführt hat, von seiner Mutter, dieser unermüdlichen Krankheitsbekämpferin im Rollstuhl. Doch dann kann es ihm passieren, dass seine Trauer über jene, die ihre Geschichte nicht leben konnten, weil sie von der Politik ausgelöscht oder zum Spielball zynischer Ressentiments gemacht wurden, in Wut umschlägt. In eine Wut, der es gilt, die Würde des Menschen zu verteidigen. Das ist mehr politisches Programm, als manche Parteien sich ausdenken können.

Köhlmeier schärft die Sinne seiner Zuhörer, nun Leser, für den Missbrauch von Sprache durch politische Parolen, und für die Aufmüpfigkeit, sich dem Populismus zu widersetzen. Er zitiert Roberto Benigni und Leonard Cohen und Giorgio Agamben und Bertolt Brecht. Er sagt: „Ich nehme unseren Innenminister ernst. Er hat alle Tassen im Schrank; sie sind nur anders angeordnet als meine Tassen, aber geordnet sind sie.“ Er denkt laut darüber nach, was es bedeutet, Flüchtlinge „konzentriert an einem Ort zu halten“, über den Hochmut gegen jene, die sich gefälligst hintanstellen sollen, wenn vor ihnen die Schalter geschlossen, die Mittelmeergrenzen abgeschottet werden, es ihnen „ungemütlich gemacht“ wird.

Er philosophiert beinah prophetisch über die, die „den Namen George Soros als Klick verwenden zu Verschwörungstheorien in der unseligen Tradition der Protokolle der Weisen von Zion“. „Sichthaltige Gerüchte“, sagt Köhlmeier, dieser Terminus werde schon bald seinen Weg in die Wörterbücher finden. Und er kommt zu dem Schluss: „Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung.“ Unbedingt nachlesenswert!

Über den Autor: Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard am Bodensee geboren und lebt heute in Hohenems in Vorarlberg. Er studierte Germanistik und Politologie in Marburg sowie Mathematik und Philosophie in Gießen und Frankfurt. Michael Köhlmeier schreibt Romane, Erzählungen, Hörspiele und Lieder und trat sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Rauriser Literaturpreis, den Johann-Peter-Hebel-Preis, den Manès-Sperber-Preis, den Anton-Wildgans-Preis und den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. Im Herbst 2018 erschien sein neuer großer Roman „Bruder und Schwester Lenobel“.

dtv Literatur, Michael Köhlmeier: „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle. Reden gegen das Vergessen“, politische Reden, 96 Seiten. Mit einem Nachwort von Hanno Loewy.

www.dtv.de

  1. 12. 2018

Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Stadtsaal – Florian Scheuba: Folgen Sie mir auffällig

Februar 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles, was echt ist

Bild: © Ernesto Gelles

Für Florian Scheuba ist das Prädikat des investigativen Kabaretts zu erfinden. Auch in seinem zweiten Soloprogramm „Folgen Sie mir auffällig“, das am Dienstag Premiere im Wiener Stadtsaal hatte, geht es ihm in erster Linie um Aufdeckung und – wie er selber sagt – um die Aufklärung. Dass er dabei faktische Verhältnisse vorlegt, die man für erfunden halten möchte und über die man nur lachen kann, ist bei Scheuba systemimmanent.

So präsentiert er ein Best of Politik und Medien, Schlagzeilen print und online, für die ein Kopfschütteln nicht mehr reicht. Etwa erzählt er über einen Advokaten, der Mitarbeiter zum Mitschreiben in Kabarettvorstellungen setzt, um klagswürdige Passagen zu notieren, und sich den so Vorgeführten später als Rechtsbeistand anzudienen. Oder von einer PR-Agentur, die für ihre Kunden hunderttausende gefälschter Postings in den Sozialen Medien absetzt, um Meinungen sowohl ins Positive als auch ins Negative zu manipulieren. Kunden, deren Institutionsname mit großem Ö anfängt. Und natürlich ist Scheubas liebste Gratiszeitung Thema, die in drei Ausgaben mit drei unterschiedlichen Überschriften punktet.

Darum geht es dem Kabarettisten diesmal: Um Fake News und alternative Fakten, die er um die aggressiven ebensolchen erweitert. Und daneben – um alles, was noch echt ist. Wie das Publikum, das er ob seiner tatsächlichen statt virtuellen Anwesenheit besonders herzlich begrüßt. Scheuba turnt von Kurz (der Satz „Ich schau nur. Kurz“ wird zu dessen „präziser Funktionsbeschreibung“) zum Erdogan-Gollum-Vergleich, von Strache (und seinem Satire-Sager bezüglich ORF) zu Trump’schen Entgleisungen. Wie immer nimmt er sich kein Blatt vor den Mund. Dass er Gegebenheiten nur subtil und unterschwellig streife, kann man ihm wirklich nicht vorwerfen. Er agiert sozusagen ohne Genierer.

Bild: © Ernesto Gelles

Scheubas Kernkompetenz ist die Recherche. Was er findet, setzt er für die Bühne um. Sprachverliebt, kritisch und selbstreflektiv. Sicher, als bewusster Leser weiß man vieles schon, aber niemals wird es einem so satirisch vor Augen geführt wie hier. Besonders schön sind Rückblicke aufs Hektiker-Dasein. Da erinnert sich Scheuba an eine Straßenbefragung zum Autofahren ohne Gurt, ein Jux, den er in den Verkehrsminister-Hofer-Plänen bitterernst zurückkehren sieht.

So viele Unterschriften kamen damals, 1984, zusammen, dass er bis heute an der direkten Demokratie mitunter Zweifel hegt. So schaut das aus, wenn Scheuba aus der Nostalgie Rückschlüsse aufs Heute zieht. Und apropos, Vergangenheit: Die Burschenschaften werden auch mit scharfer Klinge gestreift. Wahrheit, sagt Scheuba, sei eine Richtung, in die man sich zumindest bewegen sollte. Während er sich in Rage redend über Vergleiche von Islam und Neoliberalismus, Scharia und internationalen Schiedsgerichten ergeht, über effektiven Altruismus referiert und den österreichischen Föderalismus mit Leberzirrhose assoziiert. Nach so viel inter- und nationaler Politik ein Ausflug ins Leichte. Scheuba präsentiert die am häufigsten gestellten Duden-Anfragen. In Wien: Empathie. In Kärnten: Flascherl. Im Burgenland: Oh je. Womit die perfekte Schnittmenge fürs Österreichertum gefunden wäre.

florianscheuba.at

www.stadtsaal.com

  1. 2. 2018

Werk X-Eldorado: Sie & Wir

Mai 23, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die verlorenen Söhne und Töchter Europas

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Islamistische und neofaschistische Gruppierungen rivalisieren um die orientierungslose Jugend Europas. Ihrem Mangel an Perspektiven und einem Gefühl des Überflüssig-Seins setzen diese Bewegungen das Versprechen einer radikalen Alternative entgegen: Das Verbreiten von Gewalt und Schrecken.

Das gemeinschaftsstiftende Wir-gegen-die-Anderen verwandeln die Ohnmacht direkt in Allmacht. Doch wer sind diese verlorenen Söhne und Töchter Europas? Die britische Autorin Isley Lynn geht gemeinsam mit dem österreichischen Regisseur Philipp Ehmann dieser Frage nach, in der Uraufführung von „Sie & Wir“ am 30. Mai im Werk X-Eldorado. Inhalt: Sarah, eine deutsch-türkische Jugendliche, ist beflügelt von der Idee sich als Kriegerin im Dschihad am Westen zu rächen. Mit ihrem zukünftigen Bräutigam plant sie via Skype ihre bevorstehende Ausreise in den IS. Der junge Computernerd Jakob schließt sich, angetrieben von narzisstischem Heldenmut, der Operation Ice ISIS des Hacker-Kollektivs Anonymous an. Angeregt durch eine Internetbekanntschaft verlegt er den Kampf gegen den Terrorismus von der digitalen in die reale Welt: Was passiert, wenn Jakob und Sarah mit ihren antagonistischen Weltanschauungen aufeinandertreffen?

Es spielen Miriam Fussenegger, Julia Schneider und Lukas Wurm. Eine Produktion von Kunstgeschrei in Kooperation mit Werk X. Eine Empfehlung!

werk-x.at

Wien, 23. 5. 2016

Galerie der Komischen Künste: Schilling & Blum

März 2, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ärztecartoons und was sonst noch zum Kranklachen ist

Schilling & Blum: Hörsaal Bild: Galerie der Komischen Künste

Schilling & Blum: Hörsaal
Bild: Galerie der Komischen Künste

Am 10. März startet in der Galerie der Komischen Künste die Ausstellung „Wir wissen nicht, was Sie haben, aber es ist etwas Lateinisches!“. Zu sehen gibt es Cartoons über Ärzte und Krankheiten von Schilling & Blum. Ein junges und innovatives Cartoonistenduo, das sich gekonnt mit den Widrigkeiten des Lebens auf wunderbar komische Weise auseinandersetzt. Lachen ist bekanntlich gesund, und mit Humor betrachtet ist eh alles nur halb so schlimm.

Der Eintritt ist frei!

 

 

 

Zu den Künstlern: Schilling & Blum, das sind Michael Schilling, geboren 1983 in Mannheim, und Jan Blum, geboren 1981 in Euskirchen. Von Köln aus führen sie seit 2010 ihren Cartoon-Blog vomlebengezeichnet.de und veröffentlichen unter anderem in der Titanic, im Eulenspiegel und bei Spiegel Online.

www.komischekuenste.com

Wien, 2. 3. 2016