Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Bronski & Grünberg: Tarzan – Affen unter sich

Januar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lange nicht mehr so gelacht

Wolfgang Türks, Bernhard Murg, Daniel Feik, Caroline Frank, Soffi Schweighofer und Tim Hüning. Bild: © Philinie Hofmann

Zwischen „Hu-Haa-Ha“ und „Heee Huhu Ha“ bestehen grundlegende Unterschiede. Die versteht zwar nur der vom Rest des Teams chronisch unterdrückte Dramaturg, dieser von den Diversen dazu noch ständig befragt, was genau er denn eigentlich mache – aber, herrje, ist das nicht immer so? Ja, die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg gewährt tiefe Einblicke in die Abgründe des Theaters, intimstes Insiderwissen wird da ungeniert ausgeplaudert, und dieser Blick hinter die Kulissen ist wahrlich keine Reklame für die Bühnenzunft. Ein Um- und Zustand, den die Zuschauer bei der Uraufführung von „Tarzan – Affen unter sich“ zum Zerkugeln fanden.

Tatsächlich lange nicht mehr so gelacht, und zwar im Fritz-Kortner’schen Sinne, sind einige Gags doch dermaßen Tiefflieger, dass, sagt einer „Stanislawski“ ein anderer „Gesundheit!“ antwortet. Schauspieler Wolfgang Türks hat die Komödie geschrieben, bester Boulevard, eine präzise Persiflage des Betriebs ist ihm mit ihr gelungen, und er hat auch den Part des Dramaturgen Stefan übernommen, kein Geringerer als Werner Sobotka die Regie. Der versteht sich bekanntermaßen auf Slapstick und Klamauk, und versteht es auch, Türks pointierte Dialoge auf den Punkt zu inszenieren.

Entsteht die Komik doch aus der Situation wie der Sprache. Die Figuren sind Meister im Aneinander-Vorbeireden, im Sich-gegenseitig-Missverstehen und im Einander-nicht-Zuhören. Und ganz nach dem Motto „What a life, what a cliché“ amüsante Abziehbilder der Wirklichkeit. Der Schauplatz von Türks Stück ist ein Theater in der Provinz. Dort wird gerade die kommende Premiere vorbereitet, eine weder Kosten noch Mühen scheuende Bühnenfassung der Legende des Herrn der Affen, blöd nur, dass der eigentliche Hauptdarsteller von der Liane geflogen und daher ausgefallen ist, und so muss sofort ein neuer Tarzan her. Der mittels Casting gefunden werden soll. Bereits bei der Kassa werden dem Publikum daher Zettel mit dem eingangs erwähnten Ha-Hu-He-Inhalt in die Hand gedrückt, doch, ein Glück, für einen selber bleibt’s bei der Statistenrolle, mal Gorilla, mal Kannibale, und auf fällt es, dass die Herren im Auditorium nicht nur besonders textsicher, sondern auch lautstark sind.

Bernhard Murg, Caroline Frank, Wolfgang Türks, Tim Hüning, Soffi Schweighofer und Daniel Feik. Bild: © Philinie Hofmann

Bernhard Murg, Caroline Frank, Wolfgang Türks, Tim Hüning, Soffi Schweighofer und Daniel Feik. Bild: © Philinie Hofmann

Der Rest ist Kabale und Liebe, die branchenübliche Missgunst und die obligaten Misstöne, Fanat- und Despotismus, ein bissl Koks und ein Kuriositätenkabinett, in dem die einen G’spritzte sind und die anderen dringend einen solchen brauchen. Die Aufgabenstellung für die sechs Schauspieler lautet ergo: Outrieren beim Schmieren, und das gelingt ihnen mit Verve. Während Wolfgang Türks als um seine Standesehre ringender, selbstverständlich schwuler Stefan keine diesbezüglich stereotype Geste auslässt, spielt Tim Hüning den mit großer Klappe ausgestatteten, ansonsten eher einfach gestrickten Regisseur Malte, in seinem überbordenden Selbstbewusstsein nur übertroffen vom wamperten Intendanten Walter, Bernhard Murg als selbstverliebt polternder Hausherr, dem Auslastung und die Aussicht auf den Posten des Kulturstadtrats über künstlerische Angelegenheiten gehen.

Caroline Frank gibt die Intendantensgattin Petra, im Gegensatz zum Emporkömmling-Ehemann Tochter einer Theaterdynastie, de facto völlig talentfrei, aber aufgrund ihres Status‘ und trotz in der Sache überzogenem Ablaufdatums für die Rolle der Jane vorgesehen. Soffi Schweighofer ist die manisch frauenbewegte Regieassistentin Sabine. Daniel Feik macht alle Tarzan-Kandidaten, vom Impro-Nerd über den Method Actor bis zum AMS-Abgesandten, von einfältig über aufbrausend bis intellektuell, schließlich den dauergechillten Fahrradkurier, der sich als Geschenk der Thalia erweisen wird. Und derweil die Technik mit Dschungelprojektionen und künstlichem Wasserfall kämpft, stellt sich heraus, dass ausgerechnet die auf emanzipiert gepolte Sabine ein Pantscherl mit Walter hat, was Petra nicht verborgen blieb, und Stefan mit Malte noch ein Hühnchen zu rupfen. Hat ihm der doch weiland seine Abschlussarbeit im Regiefach am Reinhardt Seminar verpatzt.

Dass sich Maltes Stargeklingel ob seines Berlin-Triumphs mit „The whole damn bloody Faust“ als Fake entpuppt, ist nicht Türks‘ und Sobotkas einzige Stichelei gegen’s Zeitgenössische. In Traumsequenzen dürfen sich die Figuren ihren „Tarzan“ ersinnen, da steht quasi Körperkraft gegen aufklärerischen Geist, und schon gibt es postkapitalistische, postfeministische, postkolonialistische, post-post… Positionen, eine Tarzanin, eine Sexbomben-Jane mit Marilyn-Solo, tanzen Darsteller*Innen in Tarnburkas und wilde Männer im Baströckchen. Dialekt tritt gegen Schönbrunner- tritt gegen Deutsch-Deutsch an, und die Schauspieler geben schamlos alles. „Tarzan – Affen unter sich“ ist eine weitere Perle auf dem Spielplan des „Bronski & Grünberg“. Wer Sinn für gepflegten Nonsense und Spaß am Vollgas-Spiel hat: nichts wie hin …

www.bronski-gruenberg.at

  1. 1. 2019

Volksoper: Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen

Februar 25, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Show wie aus den Swinging Sixties

Diese Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 21. Februar.

Chuzpe! J. Pierrepont Finch wickelt den Chef mit Verve um den Finger: Peter Lesiak und Robert Meyer als J. B. Biggley. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Und wieder einmal ist es Volksoperndirektor Robert Meyer gelungen, im abgegrasten Musikfeld Musical eine Rarität zu entdecken, in der sein Ensemble glänzen kann. „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ heißt das gute Stück. Und weil man als Frau ja gern drübersteht, wenn die Protagonistin über ihre Ehepläne ohne emanzipatorisches Augenzwinkern preisgibt: „Ich halt‘ ihm gern sein Essen warm“ – und zwar mit „Küchencharme“, ist ein Guter-Laune-Abend garantiert.

Dafür verantwortlich ist ein Team, das dem Haus schon mit „Sweeney Todd“ eine Erfolgsproduktion beschert hat: Dirigent Joseph R. Olefirowicz, Regisseur Matthias Davids und Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau. Entstanden ist eine schmissige Show, die ganz dem Geist der Swinging Sixties verpflichtet ist. Die Musik schwappt zwischen jazzig bis schnulzig, Olefirowicz lässt das Volksopernorchester dafür wie eine Big Band klingen, die Kostüme von Judith Peter kreischen in knalligen Grafikdesigns oder sind von einem betulichen Doris-Day-Pastell, Melissa Kings fabelhafte Choreografie zitiert Modetänze anno Chubby Checker. Die Inszenierung atmet wie ein ganzes Jahrzehnt.

Die Story ist die vom amerikanischen Traum. Der Fensterputzer J. Pierrepont Finch steigt dank eines Karriereratgebers bis in die höchste Etage eines „Wobbel“ erzeugenden Unternehmens auf, deren Sinn und Zweck sich bis zum Ende nicht entschlüsselt. Den Leitfaden zum Lebenslauf hat es tatsächlich gegeben: Shepherd Mead veröffentlichte 1952 das Büchlein „How to Succeed in Business Without Really Trying“ Der Verfasser hatte wie der spätere Musicalheld ganz unten in einer großen Firma angefangen und sich zu deren Vizepräsidenten hochgearbeitet.

Knapp zehn Jahre später nahm sich Broadwaykomponist Frank Loesser des Werks an und schuf gemeinsam mit seinen Buchautoren Abe Burrows, Jack Weinstock und Willie Gilbert eine brillante Parodie, die in Folge mit acht Tony-Awards und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. In Wien war der Kassenschlager einmal zu sehen – 1965 mit Harald Juhnke und Theo Lingen, in deren Fußstapfen nun Peter Lesiak als Finch und Robert Meyer als Big Boss J. B. Biggley treten.

Panik! Der Kaffeeautomat ist leer: Julia Koci als Smitty, Marco Di Sapia als Bud Frump, Wiener Staatsballett und Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ärger! Zur Firmenfeier erscheinen alle im selben Kleid: Sulie Girardi als Miss Krumholtz, Ines Hengl-Pirker als Hedy LaRue, Julia Koci als Smitty. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Peter Lesiak ist ein ganz bezaubernder Blender, dessen Erfolgsrezept eine Mischung aus ehrlichem Interesse für seine Mitmenschen und ein bissl Einschleimen ist. Wie dieser Finch seine Kollegen und Vorgesetzten dusselig quasselt, um ans Ziel zu gelangen, das ist zu komisch. Dazu Robert Meyers Biggley, um nichts weniger Schlitzohr und noch dazu Seitenspringer, aber hilflos gegen die Chuzpe und die Charmeattacken seines neuen Angestellten. Vor allem, wenn dieser vorgibt, das gleiche Hobby zu haben: Biggley strickt gegen den Bürostress – Herrenpullover. Doch noch jemandem sticht Finch ins Auge: Vorzimmerdame Rosemary hört bei seinem Anblick die Hochzeitsglocken läuten, sie sieht sich schon als Heimchen an seinem Herd. Lisa Antoni präsentiert sich in dieser Rolle als patentes Mädl zum Pferdestehlen stimmlich und schauspielerisch stark.

Nicht ein Klischee aus der Arbeitswelt hat Loesser ausgelassen und Matthias Davids setzt sie in seiner Aufführung mit sichtlichem Spaß an der Sache und ohne Angst vor Stereotypen um: Die Sekretärinnen sind entweder Zerberusse oder Sexy-Hexys, die Abteilungsleiter allesamt von der Furcht um ihre Posten gebeutelte Wadlbeißer. Ist der Kaffeeautomat im Pausenraum leer, breitet sich unter den Mitarbeitern blitzschnell Panik aus; schlimmer ist es nur, als zur Firmenfeier alle Schreibkräfte im selben, natürlich als Einzelstück erstandenen Kleid erscheinen …

Lust! Biggley stellt sein Gspusi als Sekretärin ein: Robert Meyer und Ines Hengl-Pirker als Hedy LaRue. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebe! Sekretärin Rosemary angelt sich den ausgefuchsten Aufsteiger Finch: Peter Lesiak und Lisa Antoni. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Ensemble sprüht in diesen skurrilen Szenen vor Witz – und auch ein wenig Wahnsinn. Allen voran Marco Di Sapia, der als intriganter Neffe vom Chef, als garstiger Bösewicht des Stücks, sein Komödiantentum voll ausspielen kann. Ines Hengl-Pirker ist Hedy LaRue, Biggleys Gspusi, dem er in der Firma einen Versorgungsposten verschafft. Nur leider sind Hedys einzigen Qualitäten 99-56-96 und ein Herz aus Gold; Hengl-Pirker gestaltet die Rolle hinreißend, als rothaarigen Blondinnenwitz mit Hüftschwung und Quietschstimmchen.

Julia Koci macht als Sekretärin Smitty auf resolut und burschikos. Nicolaus Hagg und Gernot Kranner schmieden als Finchs Kollegen eine Kabale, um den unliebsamen Konkurrenten zu Fall zu bringen. Der Fall tritt denn auch tatsächlich ein, Finch fliegt auf, doch tritt kurz bevor er rausfliegt Axel Herrig als Aufsichtsratsvorsitzender ex machina auf … Die Herren besorgen sich also ein Happy End und brechen vor Glück in einen Song über den Mann-hilft-Mann-Verein aus. Dies der traurige Moment, an dem der Abend endlich am Heute andockt. Denn an dieser tiefschürfenden Wahrheit über Männerseilschaften bis an die Bürospitze hat sich wenig bis gar nichts geändert. Was hat sich der Feminismus daran nicht schon wundgegendert. Und was macht die Frau 2017? Das Essen warm …

www.volksoper.at

Wien, 22. 2. 2017

Schauspielhaus Wien: Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen …

Januar 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Institution lebt, doch ist sie leider sehr scheu

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Die Produktion mit dem mutmaßlich längsten Titel der Saison hatte Freitag am Schauspielhaus Wien Premiere. Miroslava Svolikova schrieb „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ im vergangenen Jahr als Hans-Gratzer-Stipendiatin unter der Anleitung von Falk Richter.

Nun folgte die Uraufführung dieser Groteske, in der die Dramatikerin lustvoll die Leiden junger Kulturschaffender in einer sich in Selbstauflösung befindlichen Europäischen Union widerspiegelt. Drei Figuren jagt sie in einer Tour de Farce durch ein Assessment Center. Sie alle haben eine Ausschreibung gewonnen und sehen sich nun verpflichtet eine wichtige Aufgabe zu übernehmen. Welche ist allerdings nicht klar, findet sich auf einem Tisch doch nur eine Zettelbotschaft, die sie zur „Rettung der Onion“ aufruft. Die Verwirrung komplett macht der Umstand, dass sich der futuristische Raum, in dem sich das Trio eingefunden hat, als Museum entpuppt, das eine ganze Menge skurriler Exponate beherbergt. Und dann ist da noch der letzte verbliebene Stern der U/Onion, der sich nicht geschlagen geben will und zur Revitalisierung der Gemeinschaft aufruft …

Was Svolikova da verfasst hat, hat im höchsten Maße Komödienpotenzial. Mit viel Sinn für Humor – und, so ist anzunehmen, einem Schuss Selbstironie – nimmt sie den Bewerbungsalltag von Wettbewerblern aufs Korn, von jenen Idealisten, Künstlern und Schwärmern, die immer wieder von Neuem Anträge stellen, um Aufträge rittern und dabei der Auftragsbürokratie öfter ins offene Messer laufen, als dass die ihre Geldbörse öffnen würde. Eine prekäre Situation, die Svolikova in ihrem Stück mit Szenen voll Situationskomik kommentiert. Das Spiel ist freilich auch ein Spiel mit Sprache, mit Wortwitzeleien, die die Autorin durch Wortneuschöpfungen und -neudeutungen kreiert. Dem entsprechend bedient sich Regisseur Franz-Xaver Mayr des Instrumentariums der Boulevardklamotte. Er stattet die surreale Story mit einer gehörigen Portion Klamauk aus, als gelte es den Text durch Klipp-Klapp und andere Schenkelklopfer zu erden.

Simon Bauer, Steffen Link und Katharina Farnleitner hetzt er ohne Atempause über die von Michaela Flück erdachte Bühne, die drei als Prototypen akademischer Hilflosigkeit angesichts auftretender administrativer Probleme. Link gibt den hektisch-beflissenen Streber, Bauer mit vorgeschobenem Unterkiefer den dumben, nichts hinterfragenden Dienstleister, Farnleitner die allzeit und zu allen Bedingungen willige Auftragnehmerin.

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger ... Bild: © Matthias Heschl

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger … Bild: © Matthias Heschl

... endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

… endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

Zu dritt stemmen sie den Querbalken, den Svolikova in ihr Gedankengebäude eingezogen hat, die Frage nach dem Verbleib des Individuums und der Individualität im Vergleich zu Kraft und Stärke des Kollektivs, die Orientierungslosigkeit, die Identitätssuche, letztlich die Schuldfrage – das alles ist so sehr EUropäisch, dass es naturgemäß ohne Antwort bleiben will.

Dolores Winkler ist in diesem Setting nicht nur die Museumsreinigungskraft, sondern auch die „Regisseurin“, eine von denen, die schon alles gesehen, alles erlebt und alles gemacht haben – und ein einsamer übrig gebliebener Stern, der unter wimmerndem Wehklagen das Kollektiv beschwört, sind ihm die anderen Sterne doch in Richtung ihrer nationalistischen Heimatfronten auf und davon gelaufen.

Schließlich Auftritt Sebastian Schindegger als Hologramm. Mit Riff-Raff-Frisur und im Schlurfgang ist er der Führer durch ein Museum, das auf Besucher gar nicht eingestellt ist, weil ohnedies nie welche kommen. Nun aber kann er zeigen, was er an Schätzen hat. Einen abgekauten Kugelschreiber zum Verträge Unterzeichnen, die real existierende Mauer, abgekaute Fingernägel von früheren Kandidaten.

Dazu gibt’s im Schlafmodus zu verzehrende Pommes Frites – bekanntlich eine belgische Erfindung – und eine von oben herabkommende Schaumschlägerei. Die Institution ist zwar als lebendes Exponat an der Ausstellung beteiligt, aber leider nie zu sehen, die Institution, lässt das Hologramm wissen, ist nämlich sehr scheu …

Das Publikum im Schauspielhaus reagierte auf all diese assoziativen Andeutungen und Doppeldeutigkeiten höchst amüsiert. Sowohl Miroslava Svolikovas Text als auch dessen szenische Umsetzung durch Franz-Xaver Mayr wurden am Ende lautstark bejubelt. Und natürlich das Ensemble, das wie stets mit überbordender Spielfreude an die Sache herangeht. Katharina Farnleitner und Dolores Winkler fügen sich nahtlos in den Flow ein; erstere wird diese Spielzeit am Haus auch in „Kolhaaz (AT)“ zu sehen sein, diese feine, satirebegabte Schauspielerin, von der man gar nicht glauben mag, dass sie noch Studentin ist.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y4X-TOHCpco

www.schauspielhaus.at

Wien, 14. 1. 2016

Jeder stirbt für sich allein

November 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fallada-Verfilmung mit Emma Thompson

Nach dem Tod ihres Sohnes an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 18. November kommt die langerwartete Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Pérez in die heimischen Kinos, und es ist schon so, dass diese nunmehr fünfte Kinoarbeit über Hans Falladas erstmals 1947 erschienenen NS-Widerstandsroman eine kleine Enttäuschung ist. Zwar ist sie sogar weniger pathostriefend als befürchtet, doch umso mehr trifft einen, dass es dem Schweizer Regisseur und Drehbuchautor offenbar nicht möglich war über die letzte Hürde zu springen.

In Sets, die aussehen wie die Postkarten, die die Protagonisten schreiben, gedreht wurde einmal mehr in Görlitz, erzählt er in konservativen Bildern in einer für ein großes Publikum weichgespülten Fassung seine Story. Wenig ist noch übrig von der Drastik, der Schonungslosigkeit des Buches, ja, Pérez missversteht Falladas spröden Schreibstil, er geht allzu schematisch vor, er entwirft seine Charaktere grob wie Holzschnitte; er hat nicht verstanden, dass es bei Fallada gerade die vorgetäuschte Emotionslosigkeit der Figuren ist, die einen tief berührt und in die Handlung involviert. Und: Emma Thompson, diese großartige, hochintelligente Schauspielerin, ist keine Anna Quangel. Das deutsche „Muttchen“, das sich mit Näharbeiten ein bisschen was dazu verdient, die unpolitische, einfache Hausfrau, die sich nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront gegen Hitler radikalisiert, die nimmt man ihr nicht ab. Der Trost ist, dass dank ihres Starstatus der Film international Aufmerksamkeit auf sich ziehen und der Welt ein weiteres neues Bild des innerdeutschen Widerstands präsentieren wird. Ein schmerzlinderndes Moment, an das man sich schon bei Tom Cruises „Operation Walküre“ zum Stauffenberg-Attentat gehalten hat, sagte doch sogar die Thompson im Interview: „Ich bin groß geworden mit der Vorstellung, dass alle Deutschen Nazis gewesen sein mussten …“

Die Geschichte ist wahr. Fallada hat sie aus Gestapo-Akten. Otto und Elise Hampel verfassten zwischen September 1940 und September 1942 an die 300 Postkarten und 200 Handzettel, in denen sie zum zivilen Ungehorsam gegen das Dritte Reich, zur Sabotage wichtiger Kriegsarbeiten und zur Auflehnung gegen das Mörderregime aufriefen. „Freie Presse“ nannten sie sich und legten ihre Schriften in Treppenhäusern rund um ihr Wohnviertel in Berlin-Wedding aus. Der Tischlermeister und sein „Muttchen“ wurden von der Gestapo ausgeforscht und 1943 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ durch das Fallbeil hingerichtet. Am Nachkriegsbau Amsterdamer Straße 10, das ursprüngliche Wohnhaus der Hampels wurde durch eine Fliegerbombe zerstört, erinnert heute eine Gedenktafel an das Ehepaar.

Kommissar Escherich auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Kommissar Escherich ist fieberhaft auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Folter in der Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Hausgemeinschaft beschreibt Pérez getreu der literarischen Vorlage, sie ist ein Gesellschaftskaleidoskop, dreht sich um Mitläufer und Überzeugungstäter und eine jüdische Mieterin, der nach der Plünderung ihrer Wohnung und ihrem Selbstmord sogar noch das Armkettchen vom Handgelenk gerissen wird. Im Keller haust der Kleinkriminelle Enno, in der Beletage ein pensionierter Richter, dem es im entscheidenden Moment doch an Courage mangelt. Lars Rudolph und Joachim Bißmeier verstehen es diesen Nebenfiguren dramatisches, sogar tragisches Profil zu geben, ebenso wie Daniel Strässer, der einen von der Nazi-Ideologie durchdrungenen Ermittler spielt und Katrin Pollitt als mitfühlende Briefträgerin. Es sind ihre Aufblitzer, die den Film doch sehenswert machen. Und während Emma Thompson die Anna Quangel mit durchgehend gleichbleibend sorgenzerfurchtem Gesicht gestaltet, man muss allerdings gerechterweise sagen, dass Anna im Roman eine wesentlich aktivere Rolle als im Film zukommt, zeigt Brendan Gleeson die Möglichkeiten auf, die diese Figuren bieten.

In winzigen Nuancen lässt er erahnen, wie es im Inneren seines Handwerkers wirklich aussieht. Wortkarg ist er, ein stiller Ehrenmann, und beim Auslegen der Postkarten ausgestattet mit der Ruhe eines, der nichts mehr zu verlieren hat. Sein Überlebenselexier ist das Anschreiben gegen die „Hitlerei“ und dabei verleiht Gleeson dem Quangel unaufgeregt eine große Würde. Als sein Kontrahent ist Daniel Brühl zu sehen, als Kommissar Escherich ein Mann, der sich als Kriminalist versteht, nicht aber das dumbe Treiben der SS-Schreihälse. Wie er versucht, seinen professionellen Ehrgeiz, den Fall zu lösen, und sein moralisches Empfinden in Einklang zu bringen, ist tatsächlich der einzige interessante innere Konflikt in einem Film, der ansonsten wie am Schnürchen schnurrt.

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Wie Brühl sich vom Standartenführer als „Intellektueller“ beschimpfen lassen muss, ein Begriff, der auch im hiesigen Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten als Schmähwort benutzt wurde, wie er einem Verdächtigen den Gnadentod vor der Gestapofolter gibt, wie er schließlich für sich selbst die Konsequenzen zieht, in diesen Szenen ist der Schauspieler ganz bei Fallada.

Den man, nachdem man den Film gesehen hat, unbedingt zur Hand nehmen sollte, um auch dem Medium Film geschuldete gestrichene Handlungsstränge nachzulesen. Erst dann nämlich erschließt sich der ganze Kreis des Grauens, den das Dritte Reich um die Menschen zog. Ihm fallen auch völlig unbeteiligte, wie Hans‘ Ex-Verlobte, längst anderweitig verheiratet und Mutter, zum Opfer. Oder eine Tierhändlerin, die Enno aus sexuellen Gründen Unterschlupf gewährt. Oder eine kommunistische Zelle in der Holzfabrik, die nur ausgehoben wird, weil man Quangel bereits auf der Spur ist … All das würde den Rahmen des Films sprengen, all das ist aber wichtig, um zu verstehen, wie die Todesmaschinerie der Nazis funktionierte. An einer Stelle sagt Otto über die Postkarten: „Sie sind wie Sandkörner, die wir in diese Maschine füttern. Ein Korn hält die Maschine nicht an. Aber wenn man immer mehr hineintut, dann wird es mit der Zeit Auswirkungen auf die Maschine haben.“

www.jederstirbtfuersichallein.x-verleih.de

Wien, 17. 11. 2016