Art Carnuntum: The Taming of the Shrew

Juli 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare’s Globe bezaubert das Publikum

Haben wieder ihre Instrumente ausgepackt: Cynthia Emeagi, Sarah Finigan, Colm Gormley und Steffan Cennydd. Bild: Marc Brenner

Mit fulminanten Vorstellungen von „The Taming of the Shrew“ und „Twelfth Night“ begeisterte das Londoner Shakespeare’s Globe Theatre sein Publikum im Carnuntiner Amphitheater. Wie stets hatten die Schauspieler ihre Musikinstrumente ausgepackt – Gitarre, Saxophon, Akkordeon, Querflöte und mehr -, um dem britischen Barden ihre Reverenz zu erweisen. Jenseits aller Fragen nach Alter, Geschlecht oder Hautfarbe wurde großartiges Theater präsentiert.

Etwa „The Taming of the Shrew“ als mutmaßlich erste Screwball-Comedy der Welt, die es auch an Slapstick nicht vermissen ließ. Mit einer herausragenden Sarah Finigan als Bianca, die eben noch als Shylock zu sehen war. Schwungvoll ging’s von Versprechen zu Versprechern, und den drei mitgiftjägerischen Bianca-Bewerbern; wenn sich eine Klammer in den diesjährigen Produktionen finden lässt, dann zweifellos die um Reichtum und dessen Erhaltung oder Gewinn. Temperamentvoll und sehr männlich gestaltet Colm Gormley seine Rolle als Petruchio, ein Held in Unterhosen und zerrissenem Wamst, dem Rhianna McGreevy als Katherina nichts schuldig bleibt. Dass deren beider Infight mitunter zu tatsächlichen Handgreiflichkeiten führt, versteht sich.

So geht’s munter zu um die Verschacherung von Frauen, ohne dass die im deutschsprachigen Raum so verbreitete Emanzipationskarte gezogen werden muss. Das ist auch nicht nötig, man versteht auch so, dass es Bianca faustdick hinter den Ohren hat, und Katherina ihren Frischangetrauten manipuliert, um ihren Willen zu bekommen. Am Ende sind Petruchio und sie ein eingespieltes Team, das eine ganze Gesellschaft bloßstellt, um seinen Wettgewinn einzufahren.

Vollblutkomödiant Russell Layton begeistert das Publikum. Bild: Marc Brenner

Neben den Hauptfiguren begeistern Luke Brady als Lucentio, Steffan Cennydd als Hortensio, Cynthia Emeagi als Baptista und Russel Layton als Tranio mit Jaqueline Phillips als Gremio. Was mehr ist zu sagen? See you hopefully next year, wenn Art-Carnuntum-Mastermind Piero Bordin wieder zum Festival bittet.

www.artcarnuntum.at

  1. 7. 2018

Art Carnuntum: The Merchant of Venice

Juni 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Geschichte über Geld machen und Gewinnsucht

Shylock will sein Pfund Fleisch: Sarah Finigan, Russell Layton, Rhianna McGreevy, Jacqueline Phillips, Luke Brady und Steffan Cennydd. Bild: © Barbara Pálffy

Im Programmheft-Interview sagt Regisseur Brendan O’Hea, „Der Kaufmann von Venedig“ sei für ihn kein antisemitisches Stück, sondern ein Stück über Antisemitismus. Das ist spannend anzuschauen, ist Shakespeares Werk im deutschsprachigen Raum doch ein extrem vorbelasteter Text, über den sich Theatermacher höchst selten und wenn mit Samthandschuhen heranwagen.

Nicht so die Londoner. Shakespeare’s Globe ist nach einer Direktorinnenwechsel-bedingten Pause zurück bei Art Carnuntum und zeigt als erste von drei Produktionen, dass man den Shylock auch Ideologie-unbelastet präsentieren kann. Zumal dieser hier von einer Frau gespielt wird. „The Merchant of Venice“ von der Themse entpuppt sich ergo als – wie immer – hochmusikalisches Volkstheater, die Bühne nicht viel mehr als eine „Bretterbude“, und wohl noch nie hat man das Kaufleutegerangel in der Lagunenstadt so humorvoll umgesetzt gesehen. Geschlecht, Alter und Hautfarbe spielen im Ensemble, das in jeweils mehrere Rollen schlüpft, wie man’s kennt, keine Rolle. Sarah Finigan ist als Shylock kein Sympathieträger, auch kein Opfer, aber ein von der Gesellschaft Gedemütigter, der beschließt, seine Rache voll auszuleben. So wird der Schuldschein zur Sache zwischen zwei Männern, Russell Layton brilliert als Antonio, und kaum jemals wurde in einer deutschsprachigen Inszenierung klar, dass er der im Titel angesprochene „Kaufmann von Venedig“ ist.

Jessica und Lorenzo: Cynthia Emeagi und Steffan Cennydd. Bild: © Barbara Pálffy

Wie immer ist die Inszenierung hochmusikalisch: Rhianna McGreevy, Russell Layton, Sarah Finigan, Canthia Emeagi, Colm Gormley und Steffan Cennydd. Bild: © Barbara Pálffy

In O’Heas Regie wird aus dem ernsten Stoff eine Liebeskomödie mit getäuschten Altvorderen, wunderbar etwa wie Steffan Cennydd als Prince of Arragon ein „Ausländer“-Englisch persifliert, wird aus Shylock eine Figur, ein reicher Geizhals, der mehr ums Geld denn um seine – in seinen Augen – entehrte Tochter weint. Das Thema ist Geld machen und Gewinn-/sucht, das passt (noch) zur Finanzstadt London, deren Topographie sich nach dem Brexit wohl drastisch verändern wird. Darüber hinaus setzt O’Hea auf Frauenpower, den Parts von Portia und Nerissa, dargestellt von Jacqueline Phillips und Rhianna McGreevy, und ihrer Intrige als „Advokat“ Balthasar und dessen Gehilfen, wird mehr Platz eingeräumt als hierzulande üblich.

Cynthia Emeagi gibt eine ziemlich emanzipierte, keinesfalls entführte, sondern aus freien Stücken gegangene Jessica, Steffan Cennydd in seiner „Hauptrolle“ einen liebestrunkenen Lorenzo. Luke Brady ist ein ehrenwerter Bassanio, Colm Gormley ein unter dem Pantoffel seiner frischangetrauten Nerissa stehender Gratiano. Am Ende geht’s um Gnade, die „vom Himmel tropft wie Regen“ und „in den Herzen von Königen wohnt“. Einem Kind Österreichs fällt auf, dass Shylock die Szene mit einem wie bei den NS-Deportationen genehmigten kleinen Koffer verlässt.

Offenbar nehmen die Briten das also doch wahr.

www.artcarnuntum.at

  1. 6. 2018

Art Carnuntum: Das London Globe Theatre kehrt zurück

Januar 14, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Und das Publikum wählt diesmal das Stück aus

Die neue künstlerische Leiterin Michelle Terry geht wieder auf Tour, so kommt das Globe Theatre aus London auch nach Österreich. Bild: Sarah Lee

Dieser Tage gab Shakespeare’s Globe Theater in London das diesjährige Programm unter der neuen künstlerischen Leitung von Michelle Terry bekannt. Sie bringt das Globe im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf Tour. Und dies gleich mit drei Stücken, interpretiert von einem spielfreudigen Ensemble großartiger Schauspieler unter der Regie von Brendan O’Hea.

Nach einer Pause im Vorjahr kommt das Theater auch wieder exklusiv für Österreich zu Art Carnuntum – und zwar mit “Der Kaufmann von Venedig”, “Der widerspenstigen Zähmung” und „Was ihr wollt“ (“Twelfth Night”), die vom 29. Juni bis 1. Juli zu sehen sein werden. „Was ihr wollt“ ist gleichzeitig das Motto der Dreifach-Produktion – so kann das Publikum mit einem Stimmzettel bei einer Matinee am Samstag selbst wählen, welches der möglichen Shakespeare-Stücke an diesem Nachmittag gespielt werden soll.

Two Gentlemen of Verona, 2016: Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Hamlet, 2016: Jennifer Leong: Ophelia verfällt dem Wahnsinn. Bild: Shakespeare’s Globe Theatre

„Art Carnuntum ist seit mehr als zehn Jahren – von Anbeginn an – Partner und ,Part of the Game‘ des erfolgreichen Konzeptes Shakespeare auf ursprüngliche Art einem heutigen Publikum näher zu bringen: Protagonisten sind die hervorragenden und vielseitigen Schauspieler. Und dies trifft sich auch mit dem Ziel von Art Carnuntum, das europäische Kulturerbe in ursprünglicher Form zeitgemäß zu beleben – von Aischylos über Sophokles, Euripides, Aristophanes und Plauto bis Shakespeare…“, so Art-Carnuntum-Mastermind Piero Bordin.

Als sensationell kann die Resonanz der britischen und internationalen Presse bezeichnet werden. Bordin: „Die Idee das Publikum wie zu Shakespeares‘ Zeiten abstimmen zu lassen, welches Stück gezeigt werden soll, wurde sehr positiv aufgenommen – Kultur-Headlines gab’s unter anderem bei der Times und beim Guardian.

Das Programm: Freitag, 29. Juni: Der Kaufmann von Venedig, Samstag, 30. Juni: Der widerspenstigen Zähmung,  Sonntag, 1. Juli: Twelfth Night / Was ihr wollt, Matinee am Samstag: „Was das Publikum will”. Eine komplette Programmvorschau für Art Carnuntum 2018 folgt im Frühjahr.

www.artcarnuntum.at

14. 1. 2017

Art Carnuntum – Shakespeare’s Globe Theatre: The Two Gentlemen Of Verona

August 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein flotter Ausflug in die Swinging Sixties

Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Shakespeare’s Globe Theatre ist wieder bei Art Carnuntum zu Gast und hat, zu sehen noch bis 6. August, „The Two Gentlemen Of Verona“ aus London mitgebracht. Regisseur Nick Bagnall verlegte die Irrungen und Wirrungen nicht nur optisch in die Sixties, das Bühnenbild gleich einem leuchtenden Wurlitzerbogen, die Kostüme wie aus den düstersten Ecken des eigenen Kleiderschranks, er zeigt auch eine swingende Musikrevue.

Um eine Band von Blumenkinder dreht sich das rasante Liebeskarussell des britischen Barden. Um Jugendliche, die gern so wild wie Mick und protestgebeutelt wie Bob wären, und doch nur brav Pullunder und Strickwesten tragen. Beige statt Psychedelic. Das heißt: in Verona, denn kaum in der Modemetropole Mailand angelangt, ändern sich Outfit und Attitüde. „The Two Gentlemen Of Verona“ gilt als Shakespeares erstes Stück. In der mutmaßlich rund um 1590 nach portugiesischer Vorlage entstandenen romantischen Komödie sind bereits die Motive für ein gutes Dutzend späterer Meisterwerke angelegt. Zwei Liebespaare über Kreuz, ein Mädchen, das sich als Bursche verkleidet, um dem Herzensmann folgen zu können, ein reumütiger Schurke, dem ergo vergeben wird, und zwei hinreißend komische Dienerfiguren. Shakespeare erlaubte sich einen einmaligen Kniff, den er später nie mehr wiederholen sollte, er schrieb eine stumme Hauptrolle – den Hund Crab, in Inszenierungen mal unsichtbar, mal aus Plüsch und bei Bagnall auf ganz besondere Art interpretiert.

Der vornehme Veroneser Jüngling Valentine muss also nach Mailand reisen, während sein Gefährte Proteus daheim bei seiner angebeteten Julia verweilen darf. In der Fremde angekommen verliebt sich Valentine in die schöne Sylvia, die Tochter des Herzogs, doch tut dies auch Proteus, der vom Vater dem Freund hinterhergesandt wurde. Proteus spinnt eine Intrige, um an sein Ziel zu gelangen, Valentine wird verbannt, nun steht dem Tunichtgut nur noch der tölpelige Thurio im Wege, den der Herzog eigentlich als Ehemann für sein Kind auserkoren hatte. Und dann ist da noch Julia, die in Mailand auftaucht, um nach ihrem Verlobten zu sehen …

Das Ensemble nimmt das Publikum sozusagen mit bis in die Carnaby Street, die Darsteller sind Hippies und Hipsters dieser vergangenen Tage, Youthquaker, und wie es sich für’s Globe gehört, natürlich auch eine einwandfreie Popband mit schrammelnden E-Gitarren, wummerndem Bass und treibendem Schlagzeug. James Fortune hat für die Aufführung neue Songs komponiert, die musikalisch irgendwo zwischen „Let it bleed“ und „Pain in My Heart“ angesiedelt sind, und so sind die Liebesbriefe nun 7″-Singles, die bei Missfallen der A-Seite zerbrochen statt zerrissen werden. Kämpfe werden statt mit dem Degen als Dancefloor-Combat oder als Krieg der Gitarreros ausgetragen, für die flotte Choreo sorgte Tom Jackson Greaves.

Aus besten Freunden werden Rivalen: Guy Hughes als Valentine und Dharmesh Patel als Proteus. Bild: Barbara Pálffy

Männerfreundschaft fürs Leben: Guy Hughes und Dharmesh Patel. Bild: Barbara Pálffy

Garry Cooper als Duke. Bild: Gary Calton

Mit der Geschmeidigkeit und der Grandezza eines Las-Vegas-Veteranen: Garry Cooper gibt den Duke. Bild: Gary Calton

Guy Hughes und Dharmesh Patel sind als Valentine und Proteus zu sehen, ersterer, nachdem von den Mailänder Mädchen fashiontechnisch vorzeigbar gemacht, liebenswert in seinen Liebesnöten, zweiterer ein Grimassen schneidender Windbeutel, der seine bösen Absichten per Seitenblick auf die Zuschauer kundtut, bevor er sie in die Tat umsetzt. Mit Leah Brotherhead als Julia und Aruhan Galieva als Sylvia stehen den Blutsbrüdern zwei überaus ehrenhafte Frauen gegenüber; Amber James spielt nicht nur die kecke Zofe Lucetta, sondern schmeißt als Thurio auch noch eine wunderbar missglückende James-Brown-Performance aufs Parkett. Garry Cooper gibt den Duke mit der geschmeidigen Grandezza eines Las-Vegas-Veteranen.

Zu den Höhepunkten des Abends zählen aber freilich die Auftritte von Charlotte Mills als Launce. Die Vollblutkomödiantin bildet gemeinsam mit dem Speed von Adam Keast ein Dienerduo als ob Laurel und Hardy dafür Pate gestanden hätten. Wenn der Verteiler bewusstseinserweiternder Glückspillen – nomen est omen – auf den Meister/die Meisterin im Missverstehen trifft, dann ist das zum Niederknien komisch. Hinzu kommen Launces Probleme mit Crab, bei dem’s Ansichtssache ist, ob man ihn als Sturkopf, Simpel oder der Welt größten Stoiker nehmen möchte. Zwar sagt er naturgemäß keinen Ton, doch lässt Musiker Fred Thomas, der in seine Haut, heißt: sein Fell schlüpft, philosophisch vielsagend das Banjo sprechen …

Shakespeare im Sixties-Style: Das Ensemble swingt und tanzt. Bild: Barbara Pálffy

Shakespeare im Sixties-Style: Das Ensemble swingt und tanzt. Bild: Barbara Pálffy

Mit all den heiteren Sixties-Augenblicken wird die Sicht auf Shakespeare aber keineswegs verstellt, sondern sein Werk ebenso luftig-leicht wie tiefernst genommen. Dies ja die Spezialität der Briten. Doch Nick Bagnall lässt die Komödie diesmal nicht in Love, Peace & Happiness enden, er entschied sich im Kontrast zum Original für ein modernes Unhappy End. Bei dem die Frauen das letzte, wenn auch frustrierte Wort haben. Freilich, es kriegen sich alle.

Der Duke spricht ein Machtwort, die Männer matchen sich’s aus, es wird einander verziehen und um den Hals gefallen und Valentine freut sich, wie es geschrieben steht, auf „one feast, one house, one mutual happiness“. Bei so viel herrlicher Männerfreundschaft bleibt Julia und Sylvia nur, sich ihr zu erwartendes Ehe-Elend von der Seele zu rocken. Und tatsächlich lassen Leah Brotherhead und Aruhan Galieva ihre innere Janis frei, dass das römische Amphitheater in seinen Grundfesten erbebt: All is loneliness before me … Wofür es vom ohnedies schon hin- und mitgerissenen Publikum einen Extra-Jubel gab. Cheers!

www.artcarnuntum.at

Wien, 5. 8. 2016

Das La MaMa Theatre New York spielt bei Art Carnuntum

Juni 20, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Piero Bordin holt sich Ellen Stewarts legendäre Truppe

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble. Bild: Theo Cote

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble. Bild: Theo Cote

Es ist wohl nicht übertrieben, Folgendes als Sensation zu bezeichnen: Piero Bordin, Gründer und Intendant des Art Carnuntum Welttheater- festivals, hat das La MaMa Theatre New York einmal mehr zu einem Gastspiel nach Nieder- österreich eingeladen. Bereits zum siebenten Mal wird Ellen Stewarts legendäre Truppe damit im römischen Amphitheater Petronell-Carnuntum auftreten.

Allerdings zum ersten Mal nach dem Tod der berühmten Schöpferin. Theaterikone Stewart verstarb 2011 im Alter von 92 Jahren, nun führt Mia Yoo das La MaMa in ihrem Sinne weiter. Am 17. Juli zeigt sie bei Art Carnuntum „Pylades“ von Pier Paolo Pasolini nach Aischylos, in der Inszenierung der kroatischen Regisseurin Ivica Buljan und mit der Originalbesetzung aus New York. Protagonist ist der vielfach ausgezeichnete Film- und Theaterschauspieler Marko Mandic. Mit ihm spielen Perry Yung, Chris Wild, Cary Gant, Eugene the Poogene, Maura Donahue, Valois Mickens, John Gutierrez, und Tunde Sho den Orestes. Mia Yoo selbst ist als Elektra zu sehen. Pylades ist in der griechischen Mythologie der Neffe des Agamemnon. Er ist der treue Gefährte und Freund des jungen Orestes, mit dem er zusammen aufwächst; später heiratet er dessen Schwester Elektra.

Dass Pasolini, der nie ein braves, didaktisches Theater anstrebte, sondern immer ein Theater des Skandals, die griechische Saga auf sich und für seine Zwecke ummünzte, versteht sich. Das Ende des „Pylades“-Drama liest sich wie ein Epitaph auf seinen gewaltsamen Tod: „Die Sonne geht auf über diesem erniedrigten Leib. Geh du! Geh in die alte Stadt, deren neue Geschichte ich nicht kennen will. Warum Schande und Ungewissheit fürchten? Vernunft, sei verflucht, und wer auch deine Gottheit ist, und jede Gottheit.“ Die US-Theaterkritiker jedenfalls waren von der Interpretation des Stücks durch das La MaMa so begeistert, dass sie sie nach ihrer Premiere im Dezember 2015 zur Inszenierung der Saison kürten.

Die Aufführung ist für Zuschauer ab 16 Jahren geeignet. Oder wie das La MaMa auf seiner Webseite schreibt: „Please note: this is a very physical performance and while there is no audience participation, the audience is very close to the action.“ Mehr zur Produktion, Videos und Pressestimmen: lamama.org/pylade/

Mia Yoo als Elektra und Marko Mandic als Pylades. Bild: Theo Cote

Mia Yoo als Elektra und Marko Mandic. Bild: Theo Cote

Mit "Orestes" Tunde Sho. Bild: Theo Cote

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Theo Cote

Am 4. August gibt es ein Wiedersehen mit Shakespeare’s Globe Theatre aus London. Nach dem fulminanten „Hamlet“ im April (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19057) zeigen die Briten nun „The Two Gentlemen of Verona“ aus der Feder ihres Barden. In der Inszenierung von Nick Bagnall präsentiert das exzellente Ensemble mit viel Musik, Liedern, Romantik und Chaos diese zügellose Neuproduktion und katapultiert so Shakespeares anarchische Komödie in die heutige Zeit.

Für den 27. August hat Piero Bordin selbst einen Text verfasst. „The Summit / Der Gipfel“ oder  „Die Tetrarchen: 4 Kaiser – ein Imperium“ heißt sein Stück, das im Amphitheater in seiner Regie uraufgeführt wird. Gegeben wird eine theatralische Zeitreise durch 1700 Jahre Weltgeschichte. Zu einem Ereignis, welches die Welt veränderte und bis heute prägt, nämlich einem Gipfeltreffen der Mächtigen der damaligen Welt und die dabei erfolgte Neuregelung der Herrschaft über das gesamte Römische Imperium. Und dies am historischen Originalschauplatz: in Carnuntum. Die hier entstandene Machtaufteilung führte innerhalb kürzester Zeit zu einem unglaublichen Wandel: zum Ende der Christenverfolgungen und zur Religionsfreiheit. Bordin erkannte diese Zusammenhänge und fasste sie bereits in seinem mehrjährigen internationalen kulturhistorischen Projekt “Die Kaiser von Carnuntum” zusammen. 2014 gab es dafür von der Europäischen Kommission das erste “Europäische Kulturerbe-Siegel”, nun wird Bordin seine Forschungsergebnisse für die Bühne einrichten. Man darf gespannt sein …

www.artcarnuntum.at

Wien, 20. 6. 2016