Art Carnuntum streamt Shakespeare’s Globe: Hamlet

April 15, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Dänenprinz tarnt sich als verrückte Weißclownin

Die Globe-Chefin in der Prinzenrolle: Michelle Terry als Hamlet. Bild: © Tristram Kenton

Das Art Carnuntum Festival bringt auch in Zeiten von #Corona Welttheater nach Österreich, und bietet auf seiner Webseite www.artcarnuntum.at Inszenierungen des Shakespeare’s Globe Theatre zum kostenlosen Stream an. Seit mehr als zehn Jahren ist die gefeierte Londoner Kompagnie Stammgast im Amphitheater, für dieses Jahr waren Aufführungen von „A Midsummer Night’s Dream“

und „The Tempest“ geplant, aber ach … Nun zeigt man bis 19. April online eine Aufzeichnung von „Hamlet“, wobei Globe-Chefin Michelle Terry in dieser 2018er-Inszenierung von Federay Holmes und Elle While höchstselbst in die Rolle des Dänenprinzen schlüpft. Cross-gender Acting ist auch für andere Figuren angesagt, Catrin Aaron spielt Horatio, Bettrys Jones den Laertes, dessen unglückliche Schwester Ophelia spielt Shubham Saraf.

Was vom zwölfköpfigen Ensemble geboten wird, ist, man kennt es von den Niederösterreich-Auftritten, im besten Sinne des Wortes Volkstheater samt Live-Musik, befreit von jeder Schlegel-Tieck’schen Moralinsäure, aber auch – beinah – bar jeder neuinterpretatorischen Perspektive. Die Regie setzt im shakespearisch leeren Raum ganz auf die Kraft der Darsteller, und das kann sie getrost, einzig die zeitgemäßen Kostüme der jungen Edelleute bilden im Kontrast zur elisabethanischen Gewandung des Hofs den Brückenschlag zwischen Historie und Heute.

Das Lachen eines höchst amüsierten Globe-Publikums begleitet den Filmbetrachter, selbst an „I Like Him Not“-Stellen, an denen’s kein hiesiges Publikum wagen würde, auch nur eine Miene zu verziehen – das liegt an der besonderen Art dieser Shakespeare-Spezialisten die Sprache ihres britischen Barden zu bedienen, und ist der reine Hörgenuss. Auch an der hierzulande dringlichen Frage Geist-oder-Nichtgeist wird nicht lange herumgeheimst, Grandseigneur Colin Hurley gespenstert voll geharnischt über die Bühne, nicht als Spukgestalt, sondern als ein seinen Sohn um Erlösung bittender Sünder.

Der Geist von Hamlets Vater: Der große Colin Hurley mit Michelle Terry. Bild: © Tristram Kenton

Bettrys Jones als Laertes und Shubham Saraf als dessen liebreizende Schwester Ophelia. Bild: © Tristram Kenton

Michelle Terrys verrückter Harlekin-Hamlet mit Richard Katz als Polonius. Bild: © Tristram Kenton

Rosencrantz und Guildenstern: Pearce Quigley und Nadia Nadarajah. Bild: © Tristram Kenton

Dass Hurley in der Schauspieler-Szene ausgerechnet den zu ermordenden Gonzaga mimt, und später in unübertrefflichem Cockney die nicht zu übersetzenden Wortspiele des Totengräbers schnapsdrosselt, lässt freilich Deutungsspielraum, was deren drei nebst Polonius‘ Position im upcoming Schlachtfest betrifft …

Michelle Terry ist als Hamlet herausragend. Kein zauderndes Elegiebürscherl, sondern ein zupackender Umstürzler, der den Satz von den Dingen zwischen Himmel und Erde mit politischem Hintersinn auflädt, mit seinem „O Cursed Spite, That Ever I Was Born To Set It Right!“ glasklar auf das geplante Attentat auf den stiefväterlichen Onkel hindeutet, aggressiv, angeschlagen, anrührend – wie ihre Stimme vor Trauer bricht, wie sie schäumt vor Verachtung, ihr Changieren zwischen Süffisanz und Schwermut.

Verkleidet als Weißclownin mit grotesk geschminktem Gesicht macht sie auf Narretei, Hamlet wird zum bös‘-subversiven Harlekin, doch je mehr sich die Gewaltspirale dreht, vor allem nach dem Hinscheiden des Polonius‘, je mehr lässt Terry offen, wie viel an Wahnsinn, wie viel Gefahr für sich und die anderen ihr Immerhin-nun-Mörder-Hamlet nur antäuscht.

Die Schauspieler: Jack Laskey, Tanika Yearwood, Colin Hurley, hi.: Helen Schlesinger, Catrin Aaron. Bild: © Tristram Kenton

Bettrys Jones, Helen Schlesinger als Gertrude und James Garnon als Claudius. Bild: © Tristram Kenton

Temperamentvolles Damenfechten: Michelle Terry und Bettrys Jones als Laertes. Bild: © Tristram Kenton

Horatio will mit Hamlet in den Tod gehen: Michelle Terry und Catrin Aaron. Bild: © Tristram Kenton

Neben Terry agieren Catrin Aaron als stirnrunzelnder Ankläger Horatio und Bettrys Jones als Laertes sowie als „Schauspieler“/Pierrot-Pantomime im Part des mundtot gemachten Gonzago-Sohn – und damit als Hamlets Alter Ego. Punkto Disgust-Grimasse kommt allerdings nur der grandiose James Garnon als Claudius an Michelle Terry heran. Der Thron- und Königinnenbesteiger ist hier ein Selbstbräuner-oranger Populist, ein Machtpolitiker und Manipulator, ein jovialer Schurke, ein Usurpator scheint’s ohne Unrechtsbewusstsein, doch ist es Garnons Qualität, hinterm zahngebleckten Grinsen ein letztlich doch zubeißendes Gewissen erkennen zu lassen.

Dass dieser Claudius die Gebärdensprache weit schlechter beherrscht, als der Rest von Helsingør ist im Zusammenhang logisch, Pearce Quigley und die taube Schauspielerin Nadia Nadarajah sind das kongeniale Duo Rosencrantz und Guildenstern, und mit ihr unterhält sich alles in British Sign Language – besonders schön ist das am Ende beim gemeinsamen Life-Goes-On-Line-Dance. Und um die Riege der großen Namen abzuschließen: Richard Katz, wie Colin Hurley von der Royal Shakespeare Company ins Terry-Team gewechselt, bekannt auch aus Blockbustern wie „Guardians oft he Galaxy“, zeigt sich als Polonius einmal mehr als begnadeter Komödiant.

Sein Oberkämmerer ist sowohl berechnender Schmeichler, der um seine Stellung von Claudius‘ Gnaden weiß, der seine Tochter Ophelia leichthin als Lockvogel anpreist, sich selbst als Spion anbietet, doch nie erkennen lässt, was er tatsächlich von der neuen Majestät hält. Altvaterisch dozierend, mit einer nervtötenden Beflissenheit und seinem Zwischen-zwei-Brillen-Wechseln sorgt Katz zwar für Gelächter, das einem jedoch im Halse steckenbleibt, als Hamlet seinen Leichnam wie einen Sack Erdäpfel abschleppt.

Helen Schlesinger als Gertrude und Michelle Terry. Bild: © Tristram Kenton

Für diese Szene hat sich Helen Schlesinger des Hermelins und des Perückenbombasts entledigt, ihre Gertrude im Schlafgemach ist eine alterslos elegante Frau, von der Liebe zu Claudius und Hamlet in Stücke zerrissen, beinah glaubt man zum Schluss, sie trinke bewusst aus dem Giftkelch. Der im Wortsinn trostloseste der Charaktere ist und bleibt selbstverständlich die Ophelia, die Shubham Saraf mit zu Herzen gehender Anmut und Ernsthaftigkeit ausstattet, bevor sie in besorgniserregender Verzweiflung ertrinkt.

So verstörend ist ihre Verstörtheit, die Geh-in-ein-Kloster-Demütigung, ihre schmerzhaft tiefempfundene Würde, dass Saraf es ist, der endgültig die Tragi- zur -komödie gesellt, Ophelias Bestattung ein stiller Moment im ansonsten turbulenten Treiben. Kurz: Dieser „Hamlet“ des Shakespeare’s Globe Theatre hat alles, die ganze Klaviatur der Gefühle, von Posse bis Pathos – und Spieler, deren überbordende Bühnenpräsenz man unbedingt auf dem Schirm haben sollte.

Coming Soon: „Hamlet“ wird noch bis 19. April kostenlos gezeigt, danach folgt am 20. April „Romeo and Juliet“ und ab 4. Mai „A Midsummer Night’s Dream“ aus Shakespeare’s Globe. Mitunter erheiternde (siehe Übersetzungsfehler lie/lüge/liege) deutschsprachige Untertitel können zugeschaltet werden.

Trailer „Hamlet“: www.youtube.com/watch?v=V-C2ZaK04v8           www.youtube.com/watch?v=ijiDTRQBm2k

www.artcarnuntum.at           www.shakespearesglobe.com

  1. 4. 2020

Bronski & Grünberg: Julius Caesar

November 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Despotin trägt Leopardenpelz

Konfrontation vorm Kapitol: Sophie Aujesky als Julius Caesar, Josef Ellers als Brutus, Franziska Hetzel als Marc Anton. Bild: © Philine Hofmann

Das Bronski & Grünberg hat Helena Scheubas Shakespeare-Überschreibung von „Julius Caesar“ wiederaufgenommen, und wer die brillante Produktion bis dato versäumt hat, dem sei sie nun wärmstens empfohlen. Nach „#Werther“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24657) und „Richard III.“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26488) ist dies die dritte Zusammenarbeit der Theatermacherin mit der Progressiv-Boulevard-Bühne, und einmal mehr versteht sie es einen Klassiker der Weltliteratur ganz ohne Gewaltanwendung frech und frisch und flott zu machen.

Das heißt, Scheuba lässt die Handlung strikt entlang des Originals ablaufen, hat aber den Shakespeare’schen O-Ton ins Heute weiterentwickelt – was die 400 Jahre alten Zitatenschatzsätze des britischen Barden, vom ersterbenden „Et tu, Brute?“ über die Spottrede auf den „ehrenwerten Mann“ bis zum angedrohten Wiedersehen bei Philippi, mit einer aktuellen Brisanz ausstattet, und dem absolutistisch-elisabethanischen Konfliktstoff, interpretiert mal pro, mal contra Tyrannenmord, sozusagen neue Sprengkraft verleiht. Scheuba scheut sich nicht, anhand ihrer Schauspieler

Sophie Aujesky und Josef Ellers eindeutiger als die Vorlage zu definieren, wer gut und wer böse ist. „Wir leben in unruhigen Zeiten“, lässt sie die Verräter-Poetin Cinna sagen. Die Kostüme von Raphaela Böck sind modern, Lederjacke, Rollkragenpullover und Kleines Schwarzes, die Bühne von Niklas Murhammer und Pauline Scheuba ist mit Plakaten zugeklebt, mittels derer für eine „Alle Wege führen nach Rom“-TaxiApp, einen xxx-Shop namens „Veni, Vidi, Veni“ und das Getreideprodukt „Brotus – Alles für die Ähre“ geworben wird – die Affichen allerdings die einzigen Zugeständnisse ans groteske Bronskieske, die Aufführung ansonsten von großer Ernsthaftigkeit. Der Clou des Ganzen ist ein anderer, nämlich, dass Scheuba die Shakespeare-Figuren gegendert hat.

Calpurnias Albträume und Todesängste halten Caesar nicht auf: Felix Krasser und Sophie Aujesky. Bild: © Philine Hofmann

Ein Freiheitskämpfer verfängt sich im Intrigenspiel: Josef Ellers‘ Brutus ist tatsächlich ein ehrenwerter Mann. Bild: © Philine Hofmann

Statt beleibter Männer lasst also gefährliche Frauen um mich sein, auftritt die fabelhafte Sophie Aujesky als Julius Caesar, die Despotin umhüllt von Leopardenpelz und einer Aura des Jovial-Gönnerhaften, die Aujeskys souveränes Spiel alsbald als Maske vor dem Willen zur Macht enttarnt. Um nichts weniger als Teufelin aus Teflon präsentiert sich Franziska Hetzels Marc Anton, gerade wurde ihr die Krone im doppelten Wortsinn nicht abgenommen, nun steht sie mit Coffee-to-go-Becher da, um ihren nächsten Schritt auszuklügeln. Alma Hasun will als Mordkomplott schmiedende Cassius

den darob irritierten Brutus für ihre Idee zu den Iden des März instrumentalisieren. Felix Krasser warnt als sorgenvoller, von Albträumen geplagter Calpurnia die Gattin vor dem Gang zum Kapitol. In schnellem Takt wechseln die Darstellerinnen die Charaktere, vor allem die wunderbar wandel- bare Samantha Steppan hat diesbezüglich von Patrizier bis Plebs misera eine Menge zu tun. Die Viererbande gestaltet die Casca als zynisch und tratschsüchtig, die Lepidus als Langweilerin, die Marc Anton schnell loszu- werden gedenkt, schließlich eine kühl-reservierte Octavian, die buchstäblich über Leichen geht.

Es ist Josef Ellers, dem mit dem Brutus nur eine Rolle überantwortet ist, und der macht aus Caesars Ziehsohn tatsächlich einen ehrenwerten Mann. Sein Brutus ist ein gehetzter Freiheitskämpfer, der dem routinierten Intrigenspinnen der anderen nicht gewachsen scheint. Wenn er sagt, die Rüstung, mit der er in die Schlacht ziehe, sei die Aufrichtigkeit, so glaubt man das sofort. Seit James Mason war kein Brutus mehr ein derart an seiner Tat zweifelnder, an ihr verzweifelnder Sympathieträger, und, dass die Auseinandersetzung mit Aujeskys Caesar durch den Geschlechtertausch einen erotischen Anstrich bekommt, ist nur eine der Besonderheiten dieses Abends – dessen Herzstück der Streit zwischen Brutus und Cassius ist, sie heißblütig, er scheinbar stoisch in seinem Schmerz, aber wegen des Suizids seiner Ehefrau Portia mit in Tränen schwimmenden Augen.

Die Verschwörer unterwegs zum Schlachtfeld: Josef Ellers, Felix Krasser, Samantha Steppan und Alma Hasun. Bild: © Philine Hofmann

Lucius beweint Brutus: Samantha Steppan mit Josef Ellers, hi.: Alma Hasun, Felix Krasser und Sophie Aujesky. Bild: © Philine Hofmann

Seit 44 v. Chr. weiß man, wie schnell die politische Stimmung umschlagen kann, die Revolution frisst ihre Kinder, Destiny’s Child singen „Survivor“, und es ist der ultimative Gänsehautmoment, wenn Octavian, die davor schon Großonkels Leopardenmantel übergeworfen hat, nun dem toten Brutus eine rotzige Würdigung hinterherwirft, bevor sie sich einen protzigen Löwenring an den Finger steckt. Es lebe Augustus! oder: Wie’s zugeht, wenn das Gesetz ausgehebelt und eine Republik niedergerissen wird.

Mit ihrem zeitgenössischen Zugriff auf die Tragedy muss Scheuba auf keinen Gegenwartsbezug pochen, muss auch keine krampfhaften Parallelen zum Jetzt ziehen, ihre „Julius Caesar“-Adaption ist rundum geglückt – und beglückend ist das authentisch agierende Ensemble, das sich seiner theatralen Aufgabe mit überbordender Spielfreude in die Arme wirft.

www.bronski-gruenberg.at

Teaser: www.facebook.com/joe.ellersdorfer/videos/10220687349313172           www.facebook.com/helena.scheuba/videos/10222126693822621

  1. 11. 2019

Theater zum Fürchten: Troilus und Cressida

Januar 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Soldateska aufs Korn genommen

Die Griechen bedrängen Cressida: Jürgen Hirsch als Achilles, Max Kolodej als Patroklus, Samantha Steppan als Cressida, Alexander Rossi als Ulysses, Max Spielmann als Ajax und Christoph Prückner als Nestor. Bild: Bettina Frenzel

Dass Bruno Max‘ Shakespeare-Inszenierung zu den besten gehören, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Seit Donnerstag zeigt der Prinzipal des Theaters zum Fürchten an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, vom britischen Barden „Troilus und Cressida“. Ein selten gespieltes, weil schwieriges Stück, nicht Heldendrama, nicht Liebestragödie, nicht Komödie, mit dem sich schon Regisseure von Stefan Bachmann bis Luk Perceval ziemlich vergeblich abgemüht haben.

Nun also Bruno Max, der sich dem Fünfakter in wohlaustarierter Balance von bitterböser Satire, Sentiment, Schlachtenszenen und Schelmentum nähert. Er nimmt die von Shakespeare beschriebene Soldateska aufs Korn, und macht aus ihnen, weil ohnedies pausenlos geballert wird, gleich komplett Schießbudenfiguren. Jedoch nicht ohne auf den Verweis zu vergessen, wie gefährlich diese Meute, wenn erst losgelassen, sein wird. Der Schauplatz ist Troja, das Jahr das siebente im Stillstand dieses Krieges, und in der Scala dörrt die Sonne Libyens die Armeen mittels Drehbühne zwischen umkämpften Häuserruinen und ödem Schlachtfeld, in Schützengräben und Frontstellungen aus. Nichts könnte heutiger sein, als dies: Ein despotischer Familienclan herrscht über eine kleinasiatische Nation, eine Allianz aus 69 selbsternannten Weltgendarmen, hat sich aufgemacht, dem ein Ende zu setzen.

Der offizielle Anlass ist, dem Hahnrei seine Hure zurückzuerobern, dafür wird doch gern gestorben!, und mittendrin lieben sich Troilus und Cressida. Zumindest anfangs. Zum grausame Gegenwart atmenden Bühnenbild von Marcus Ganser gesellt Alexandra Fitzinger die passenden Kostüme, Tarnanzüge und traditionell muslimische Gewänder. Sechzehn Schauspieler gestalten Shakespeares üppiges Personal, die meisten davon in je einer Rolle auf je einer Seite, womit Bruno Max die Austauschbarkeit der Kontrahenten auf gelungene Art ausstellt. Zur opulenten Optik passt ebensolche Akustik, los geht’s mit Gefechtslärm und Geschützdonner und Tom Jones, der unterm rotleuchtenden Plastikherz „It’s Not Unusual“ singt.

Achilles stellt Hector während einer Kampfpause: András Sosko und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Thersites verspottet Achilles und Patroklus: Leonhard Srajer, Max Kolodej und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Da will Onkel Pandarus seine Nichte Cressida, sie die Tochter des Calchas, noch dem trojanischen Königssohn Troilus andrehen, eine Kuppelei, die gelingt, bis der zum Feind übergelaufene Priester bei einem Gefangenenaustausch verlangt, sein Kind ins Griechenlager zu bringen. Dort wird die bis dahin Tugendhafte auf Ulysses‘ Wink reihrund „geküsst“, eine „Untreue“, die der Listenreiche dem Troilus nicht vorenthält, als sich dieser zwecks Zweikampf zwischen Hector und Ajax unter den attischen Kampfmaschinen aufhält. Das Ende ist desaströs, Ehre, Vernunft und Anstand haben ihre Daseinsberechtigung eingebüßt, Liebe ist zur Illusion verkommen, ein sinnloser Krieg geht weiter, die Hurrapatrioten haben weiterhin das Sagen, und Shakespeare lässt seinem Publikum nicht einen Sympathieträger. Nirgendwo.

Den Troilus spielt Thomas Marchart als schon durch die Körpersprache dem Willen seiner im Wortsinn größeren Brüder ausgelieferten Verlierer. Wie er sich dauernd tätscheln lassen muss, versucht ein ganzer Mann zu sein, und doch nur als Schürzenkind wahrgenommen wird, das ist so berührend und Marchart dabei so präsent, dass, wenn schon jemandem die Zuschauergunst gilt, dann ihm. Gefolgt von András Sosko, der als hünenhafter Hector den einzig aufrechten und anständigen Charakter verkörpert. Sosko ist es auch, der mit Maximilian Spielmann als hinreißend einfältigem Kraftlackel Ajax gewaltige Kampfszenen gestaltet. Georg Kusztrich gibt sowohl den Tattergreis Priamus als auch den so planlosen wie großsprecherischen Agamemnon ganz großartig.

Samantha Steppan wird als Cressida von der Feldsanitäterin zum Lagerflittchen. In ihren Gefühlen unsicher, lässt ihr Bruno Max die darstellerische Möglichkeit offen, sich aus Angst vor dem Schlimmsten ihrem einzigen Beschützer unter den Griechen, Johannes Sautner als auf den eigenen Vorteil bedachter Diomedes, hinzugeben. Steppans Seherin Cassandra ist geistig nicht ganz beisammen, weshalb die Familie die Verrückte auch immer wieder aus dem Verkehr zieht, statt auf ihre Warnungen zu hören. Ein schöner Regieeinfall, dass Cassandra mit einem Stoffpferdchen spielt. Johanna Rehm ist als besorgte Andromache ganz Tragödin, als – vormals Schöne – Helena die sturzbetrunkene, ständig „Sorry!“ oder Liebeslieder in ein Mikrofon stammelnde Peinlichkeit des Hofs. Beide Schauspielerinnen beweisen in der Darstellung dieser so unterschiedlichen Frauenfiguren ihre enorme Wandelbarkeit.

Die – vormals Schöne – Helena singt für Pandarus: Johanna Rehm und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

Cassandra hat eine Vision: Georg Kusztrich als Priamus, Samantha Steppan als Cassandra, Leopold Selinger als Aeneas und Leonhard Srajer als Paris. Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler nützt die Prachtrolle des gewieften Schlitzohrs Pandarus für humorige Auftritte, er der mit Wortwitz ausgestattete weise Narr Shakespeares, dem zum Schluss doch der Schmäh ausgeht, und übernimmt auch den Part des Calchas. Jürgen Hirsch ist ganz fabelhaft als erst bauchiger, bierseliger Achilles, dieser eine um große Gesten nie verlegene, ansonsten aber beleidigte Diva. Bevor er rasend vor Wut und mit Irrsinn im Blick Rache für seinen gefallenen Geliebten Patroklus, Max Kolodej zusammen mit Hirsch ein zu Herzen gehendes Liebespaar, fordert.

Alexander Rossi spielt einen intriganten, die anderen gängelnden, an Snackwürstchen kauenden Ulysses, Leopold Seliger den Aeneas als Realpolitiker, Christoph Prückner einen trotteligen Nestor, der definitiv schon bessere Tage gesehen hat, Klaus Schwarz den unfähigen, hinter Bruder Agamemnon herdackelnden Menelaus. Scheinbar mühelos wechselt Leonhard Srajer zwischen dem koksenden Partyprinz Paris und dem, weil beinamputierten, im Rollstuhl sitzenden Zyniker Thersites, er Shakespeares böser Narr, der unzähmbar die ungeschönten Wahrheiten ausspricht. (Nicht nur) vom ihm möchte man im Theater zum Fürchten gern mehr sehen.

Mit „Troilus und Cressida“ ist der längstdienenden freien Theaterkompagnie Österreichs jedenfalls wieder ein großer Wurf gelungen. Ein Abend, der nicht nur vorzüglich unterhält, sondern auch zum Nachdenken darüber anregt, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Krieg unnötig und Liebe ein Menschenrecht wäre.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2019

Volkstheater: Der Kaufmann von Venedig

September 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Antisemitismus auch noch Sexismus

Vermögen weg, Tochter weg: Anja Herden überzeugt als hasserfüllte Jüdin Shylock. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In der Pause schwören Insider Stein und Bein, dass hier nichts gefakt sei, dass alles mit rechten Dingen zugehe, und Anja Herden augenscheinlich nicht damit gerechnet hätte, tatsächlich gewählt zu werden. Es sei. Für die Eröffnungsproduktion am Volkstheater hat sich Direktorin Anna Badora einen besonderen Kniff einfallen lassen: Das Publikum kann sich einen von drei Shylocks aussuchen; die Abstimmung wird per Applausometer überwacht. Jan Thümer, später der Lorenzo, der als Conférencier diese Abstimmung leitet, stellt eingangs die Kandidaten vor.

Ein Spiel mit Klischees hebt also an, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat, die Frage, die sich stellt, lautet, was einen Juden ausmache – und so stehen zur Wahl: Shylock, der seriöse Banker, Rainer Galke, der traditionelle Wiener Jude, kenntlich gemacht durch seine Schläfenlocken, Sebastian Pass, und eben Anja Herden, die als Geschäftsfrau, noch dazu mit Migrationshintergrund, ausgewiesen wird. Thilo Reuther hat für Badoras Interpretation des Shakespeare’schen Stücks ein Casino auf die Bühne gestellt, man versteht: der Casino-Kapitalismus wird damit aufs Korn genommen, dieses Synonym für hoch risikoreiches Geschäftemachen, wie’s Antonio betreibt.

Beinah unablässig, wie die Roulettemaschine, dreht sich die Bühne, Schicksal ist gleich dem eingespielten Geräusch vom Fallen der Kugel in den Kessel. Und während die venezianische Schickeria mit Jetons um sich schmeißt, taucht die Shylock samt ihrem Geldverleiher-Kabäuschen aus dem Untergrund auf. Mit Anja Herdens Darstellung bekommt die geschichtlich angepatzte Figur eine unerwartet neue Dimension. Eine verdächtig freundliche Fassade hat sich die „Madam“ im Feindesland zurechtgelegt, hinter der brodeln Hass und Wut ob erlittener Demütigungen, und wenn sie mit sanfter Stimme von Antonio sein Pfund Fleisch verlangt, dann ist klar, dass sie sich dafür rächt, von ihm am Rialto angespuckt und als Hündin beschimpft worden zu sein.

Antonio will für Bassanio sein Pfund Fleisch geben: Evi Kehrstephan, Rainer Galke, Peter Fasching, Nils Hohenhövel und Lukas Watzl. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bassanio öffnet Portias richtiges Kästchen: Peter Fasching und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für diese Shylock gibt es gleich drei Ausschließungsgründe aus der Gesellschaft: den Glauben, das Geschlecht, die Hautfarbe. Mehrmals wird darauf hingewiesen. Und so kommt diesmal zum Antisemitismus auch noch Sexismus. Die Männer sind allesamt Unsympathen und Machos. Rainer Galkes Antonio trieft vor ekelhaft verächtlichem Hochmut, Jan Thümers Lorenzo behandelt Evi Kehrstephans Jessica als würde er sie am Nasenring führen, Sebastian Kleins Gratiano ist so antisemitisch wie frauenfeindlich, Peter Faschings Bassanio würde seine frisch angetraute Portia jederzeit für Antonios Wohl opfern. So steht’s bei Shakespeare, und Badora lässt in der dekadenten Spaßpartie leicht homoerotische Tendenzen durchschimmern.

In dieser von den Premierenzuschauern gewünschten Fassung spielt Isabella Knöll die Portia. Auch ihr vom verstorbenen Vater verordnetes Kästchenrätsel ist ein Glücksspiel. Im Glitzerkleid lädt die ganz auf Girlie gepolte Knöll die Werber zum Drehen eines Glücksrads ein, sie moderiert deren Fortune als wär’s eine Fernsehgameshow. In Anlehnung an das berühmte Zitat sagt sie: „All the world’s a game and I am the prize.“

Jan Thümer stellt die drei Shylocks zur Wahl: Rainer Galke, Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Elisabeth Plessens Textfassung lässt einiges weg. So ist etwa Sebastian Pass‘ Rolle als Lanzelot Gobbo reduziert, Günter Franzmeier, der ein möglicher Antonio wäre, fallen diesmal nur die kleinen Parts von Tubal und dem Dogen zu. Marius Huth treibt als Dienerin Nerissa Badoras Spiel um Geschlechterrollen auf die Spitze. Am Ende wird Shylock in einer Fast-Vergewaltigungsszene buchstäblich zu Boden gerungen, während Antonio sich diesmal natürlich standhaft weigert, seine Hälfte von deren Vermögen zurückzugeben. Die schlimme Schmach Shylocks währt aber nur kurz, weil Jan Thümer das Publikum schnell in die Nacht hinaus verabschiedet.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2018

Burgtheater: Macbeth

Juni 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Grausamkeit als gruseliges Gedankenspiel

Die drei Hexen schlüpfen in die Rollen von Macbeth, seiner Lady und Duncan: Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer und Ole Lagerpusch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Ein Märchen ists erzählt von einem Irren …“, sagt Macbeth in seinem Schlussmonolog. Dies beherzigend hat Regisseur Antú Romero Nunes deren drei für seine Interpretation des schottischen Stücks auf die Bühne des Burgtheaters gestellt, untote Geister, die drei Hexen, möchte man meinen, die das grausame Geschehen als gruseliges Gedankenspiel wiedergeben. Um nicht weniger geht es, als um die Frage nach Gut und Böse, und wie man die Welt in beidem täuschen kann.

Nunes‘ auf 90 Minuten sehr klug verknappte Kurzfassung kommt mit einer Handvoll Rollen aus, Ole Lagerpusch spielt den Macbeth, Christiane von Poelnitz dessen Lady, Merlin Sandmeyer schlüpft in die Figuren Duncan und Banquo, um die Quintessenz des Shakespeare’schen Stoffs über politischen Ehrgeiz, der zum Machtrausch wird, wiederzugeben.

Los geht es, da ist das Saallicht noch an, dieser im Bühnenbild von Stéphane Laimé gleichsam gespiegelt als wär’s der Mittelrang, Balkon, Kristallluster, roter Samt, auf dem Boden ein Pentagramm, da laufen laut kreischend Mädchen in weißen Nachthemden, flüchten vor den Nachtmahren, die gleich auftreten werden. Der Kinderchor „The Vivid Voices“, angetan wie im Horrorfim „The Ring“, bereitet so schauderhaft das gewitternde Erscheinen der Hexen auf der Heide vor. Die kommen in von Adern und Knochen überzogenen Bodysuits, darüber blutige Kleider, und lang-zerrauften Haaren (Kostüme: Victoria Behr). So wird Atmosphäre vorgegeben, auf seltsame Art archaisch wirkt das Spiel der Darsteller, so als wär’s bereits entrückt von einem längst vergangenen Gemetzel.

„Heil dir, Macbeth, der König wird, danach!“ Ihrer verstörenden Prophezeiung folgend übernehmen die Hexen nun die Parts der angesprochenen Charaktere. Merlin Sandmeyer tritt zunächst als Duncan auf, lasziv tänzelnd in angedachter Heerpauke und leicht trottelig verkündet er Macbeths Sieg über den Aufständischen Macdonwald und darf vom Bühnenbalkon aus auch einmal kalauern: „Die Burg ist … schön gelegen.“ Alldieweil besprechen die Gastgeber die Ermordung ihres hohen Herrn, uneinig darüber, wie ernst die Weissagung zu nehmen ist. Zwar wird sich geküsst und innig umarmt, doch ist klar, dass Christiane von Poelnitz‘ Lady Macbeth die Starke im Team ist. Sie wird mit Duncans Blut die Wachen beschmieren, während Ole Lagerpuschs Macbeth vergeblich versucht, sich die besudelten Hände an den Wänden sauber zu wischen.

Merlin Sandmeyer als Banquo. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kinderchor, Merlin Sandmeyer und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich wird auch Sandmeyers Banquo ein Opfer von Macbeths immer angstverzerrteren Mordtaten werden. Nunes inszeniert das effektvoll, indem er Banquo minutenlang durch Bodennebel hasten und stolpern lässt, dabei auf der Drehbühne doch immer auf der Stelle bleibend. Es sind derlei Einfälle, die den Abend mit einer Sogwirkung ausstatten, der man sich nicht entziehen kann: das synchrone Keuchen der Macbeths nach dem Morden, das Türklopfen, das wie ein Herzschlag klingt …, am Ende Tusch und Donner von der Post und Telekom Musik Wien. Da holt die Lady „The Vivid Voices“ noch einmal heraus, wird sie, während sie „Central Park“ von Woodkid singen, eine nach der anderen in den Tod reißen. Die Aufführung endet mit Lady Macbeths Selbstmord, eine ganze Flasche Theaterblut muss dafür daran glauben, und großem Applaus.

www.burgtheater.at

  1. 6. 2018