Theater zum Fürchten: Troilus und Cressida

Januar 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Soldateska aufs Korn genommen

Die Griechen bedrängen Cressida: Jürgen Hirsch als Achilles, Max Kolodej als Patroklus, Samantha Steppan als Cressida, Alexander Rossi als Ulysses, Max Spielmann als Ajax und Christoph Prückner als Nestor. Bild: Bettina Frenzel

Dass Bruno Max‘ Shakespeare-Inszenierung zu den besten gehören, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Seit Donnerstag zeigt der Prinzipal des Theaters zum Fürchten an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, vom britischen Barden „Troilus und Cressida“. Ein selten gespieltes, weil schwieriges Stück, nicht Heldendrama, nicht Liebestragödie, nicht Komödie, mit dem sich schon Regisseure von Stefan Bachmann bis Luk Perceval ziemlich vergeblich abgemüht haben.

Nun also Bruno Max, der sich dem Fünfakter in wohlaustarierter Balance von bitterböser Satire, Sentiment, Schlachtenszenen und Schelmentum nähert. Er nimmt die von Shakespeare beschriebene Soldateska aufs Korn, und macht aus ihnen, weil ohnedies pausenlos geballert wird, gleich komplett Schießbudenfiguren. Jedoch nicht ohne auf den Verweis zu vergessen, wie gefährlich diese Meute, wenn erst losgelassen, sein wird. Der Schauplatz ist Troja, das Jahr das siebente im Stillstand dieses Krieges, und in der Scala dörrt die Sonne Libyens die Armeen mittels Drehbühne zwischen umkämpften Häuserruinen und ödem Schlachtfeld, in Schützengräben und Frontstellungen aus. Nichts könnte heutiger sein, als dies: Ein despotischer Familienclan herrscht über eine kleinasiatische Nation, eine Allianz aus 69 selbsternannten Weltgendarmen, hat sich aufgemacht, dem ein Ende zu setzen.

Der offizielle Anlass ist, dem Hahnrei seine Hure zurückzuerobern, dafür wird doch gern gestorben!, und mittendrin lieben sich Troilus und Cressida. Zumindest anfangs. Zum grausame Gegenwart atmenden Bühnenbild von Marcus Ganser gesellt Alexandra Fitzinger die passenden Kostüme, Tarnanzüge und traditionell muslimische Gewänder. Sechzehn Schauspieler gestalten Shakespeares üppiges Personal, die meisten davon in je einer Rolle auf je einer Seite, womit Bruno Max die Austauschbarkeit der Kontrahenten auf gelungene Art ausstellt. Zur opulenten Optik passt ebensolche Akustik, los geht’s mit Gefechtslärm und Geschützdonner und Tom Jones, der unterm rotleuchtenden Plastikherz „It’s Not Unusual“ singt.

Achilles stellt Hector während einer Kampfpause: András Sosko und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Thersites verspottet Achilles und Patroklus: Leonhard Srajer, Max Kolodej und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Da will Onkel Pandarus seine Nichte Cressida, sie die Tochter des Calchas, noch dem trojanischen Königssohn Troilus andrehen, eine Kuppelei, die gelingt, bis der zum Feind übergelaufene Priester bei einem Gefangenenaustausch verlangt, sein Kind ins Griechenlager zu bringen. Dort wird die bis dahin Tugendhafte auf Ulysses‘ Wink reihrund „geküsst“, eine „Untreue“, die der Listenreiche dem Troilus nicht vorenthält, als sich dieser zwecks Zweikampf zwischen Hector und Ajax unter den attischen Kampfmaschinen aufhält. Das Ende ist desaströs, Ehre, Vernunft und Anstand haben ihre Daseinsberechtigung eingebüßt, Liebe ist zur Illusion verkommen, ein sinnloser Krieg geht weiter, die Hurrapatrioten haben weiterhin das Sagen, und Shakespeare lässt seinem Publikum nicht einen Sympathieträger. Nirgendwo.

Den Troilus spielt Thomas Marchart als schon durch die Körpersprache dem Willen seiner im Wortsinn größeren Brüder ausgelieferten Verlierer. Wie er sich dauernd tätscheln lassen muss, versucht ein ganzer Mann zu sein, und doch nur als Schürzenkind wahrgenommen wird, das ist so berührend und Marchart dabei so präsent, dass, wenn schon jemandem die Zuschauergunst gilt, dann ihm. Gefolgt von András Sosko, der als hünenhafter Hector den einzig aufrechten und anständigen Charakter verkörpert. Sosko ist es auch, der mit Maximilian Spielmann als hinreißend einfältigem Kraftlackel Ajax gewaltige Kampfszenen gestaltet. Georg Kusztrich gibt sowohl den Tattergreis Priamus als auch den so planlosen wie großsprecherischen Agamemnon ganz großartig.

Samantha Steppan wird als Cressida von der Feldsanitäterin zum Lagerflittchen. In ihren Gefühlen unsicher, lässt ihr Bruno Max die darstellerische Möglichkeit offen, sich aus Angst vor dem Schlimmsten ihrem einzigen Beschützer unter den Griechen, Johannes Sautner als auf den eigenen Vorteil bedachter Diomedes, hinzugeben. Steppans Seherin Cassandra ist geistig nicht ganz beisammen, weshalb die Familie die Verrückte auch immer wieder aus dem Verkehr zieht, statt auf ihre Warnungen zu hören. Ein schöner Regieeinfall, dass Cassandra mit einem Stoffpferdchen spielt. Johanna Rehm ist als besorgte Andromache ganz Tragödin, als – vormals Schöne – Helena die sturzbetrunkene, ständig „Sorry!“ oder Liebeslieder in ein Mikrofon stammelnde Peinlichkeit des Hofs. Beide Schauspielerinnen beweisen in der Darstellung dieser so unterschiedlichen Frauenfiguren ihre enorme Wandelbarkeit.

Die – vormals Schöne – Helena singt für Pandarus: Johanna Rehm und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

Cassandra hat eine Vision: Georg Kusztrich als Priamus, Samantha Steppan als Cassandra, Leopold Selinger als Aeneas und Leonhard Srajer als Paris. Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler nützt die Prachtrolle des gewieften Schlitzohrs Pandarus für humorige Auftritte, er der mit Wortwitz ausgestattete weise Narr Shakespeares, dem zum Schluss doch der Schmäh ausgeht, und übernimmt auch den Part des Calchas. Jürgen Hirsch ist ganz fabelhaft als erst bauchiger, bierseliger Achilles, dieser eine um große Gesten nie verlegene, ansonsten aber beleidigte Diva. Bevor er rasend vor Wut und mit Irrsinn im Blick Rache für seinen gefallenen Geliebten Patroklus, Max Kolodej zusammen mit Hirsch ein zu Herzen gehendes Liebespaar, fordert.

Alexander Rossi spielt einen intriganten, die anderen gängelnden, an Snackwürstchen kauenden Ulysses, Leopold Seliger den Aeneas als Realpolitiker, Christoph Prückner einen trotteligen Nestor, der definitiv schon bessere Tage gesehen hat, Klaus Schwarz den unfähigen, hinter Bruder Agamemnon herdackelnden Menelaus. Scheinbar mühelos wechselt Leonhard Srajer zwischen dem koksenden Partyprinz Paris und dem, weil beinamputierten, im Rollstuhl sitzenden Zyniker Thersites, er Shakespeares böser Narr, der unzähmbar die ungeschönten Wahrheiten ausspricht. (Nicht nur) vom ihm möchte man im Theater zum Fürchten gern mehr sehen.

Mit „Troilus und Cressida“ ist der längstdienenden freien Theaterkompagnie Österreichs jedenfalls wieder ein großer Wurf gelungen. Ein Abend, der nicht nur vorzüglich unterhält, sondern auch zum Nachdenken darüber anregt, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Krieg unnötig und Liebe ein Menschenrecht wäre.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2019

Volkstheater: Der Kaufmann von Venedig

September 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Antisemitismus auch noch Sexismus

Vermögen weg, Tochter weg: Anja Herden überzeugt als hasserfüllte Jüdin Shylock. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In der Pause schwören Insider Stein und Bein, dass hier nichts gefakt sei, dass alles mit rechten Dingen zugehe, und Anja Herden augenscheinlich nicht damit gerechnet hätte, tatsächlich gewählt zu werden. Es sei. Für die Eröffnungsproduktion am Volkstheater hat sich Direktorin Anna Badora einen besonderen Kniff einfallen lassen: Das Publikum kann sich einen von drei Shylocks aussuchen; die Abstimmung wird per Applausometer überwacht. Jan Thümer, später der Lorenzo, der als Conférencier diese Abstimmung leitet, stellt eingangs die Kandidaten vor.

Ein Spiel mit Klischees hebt also an, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat, die Frage, die sich stellt, lautet, was einen Juden ausmache – und so stehen zur Wahl: Shylock, der seriöse Banker, Rainer Galke, der traditionelle Wiener Jude, kenntlich gemacht durch seine Schläfenlocken, Sebastian Pass, und eben Anja Herden, die als Geschäftsfrau, noch dazu mit Migrationshintergrund, ausgewiesen wird. Thilo Reuther hat für Badoras Interpretation des Shakespeare’schen Stücks ein Casino auf die Bühne gestellt, man versteht: der Casino-Kapitalismus wird damit aufs Korn genommen, dieses Synonym für hoch risikoreiches Geschäftemachen, wie’s Antonio betreibt.

Beinah unablässig, wie die Roulettemaschine, dreht sich die Bühne, Schicksal ist gleich dem eingespielten Geräusch vom Fallen der Kugel in den Kessel. Und während die venezianische Schickeria mit Jetons um sich schmeißt, taucht die Shylock samt ihrem Geldverleiher-Kabäuschen aus dem Untergrund auf. Mit Anja Herdens Darstellung bekommt die geschichtlich angepatzte Figur eine unerwartet neue Dimension. Eine verdächtig freundliche Fassade hat sich die „Madam“ im Feindesland zurechtgelegt, hinter der brodeln Hass und Wut ob erlittener Demütigungen, und wenn sie mit sanfter Stimme von Antonio sein Pfund Fleisch verlangt, dann ist klar, dass sie sich dafür rächt, von ihm am Rialto angespuckt und als Hündin beschimpft worden zu sein.

Antonio will für Bassanio sein Pfund Fleisch geben: Evi Kehrstephan, Rainer Galke, Peter Fasching, Nils Hohenhövel und Lukas Watzl. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bassanio öffnet Portias richtiges Kästchen: Peter Fasching und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für diese Shylock gibt es gleich drei Ausschließungsgründe aus der Gesellschaft: den Glauben, das Geschlecht, die Hautfarbe. Mehrmals wird darauf hingewiesen. Und so kommt diesmal zum Antisemitismus auch noch Sexismus. Die Männer sind allesamt Unsympathen und Machos. Rainer Galkes Antonio trieft vor ekelhaft verächtlichem Hochmut, Jan Thümers Lorenzo behandelt Evi Kehrstephans Jessica als würde er sie am Nasenring führen, Sebastian Kleins Gratiano ist so antisemitisch wie frauenfeindlich, Peter Faschings Bassanio würde seine frisch angetraute Portia jederzeit für Antonios Wohl opfern. So steht’s bei Shakespeare, und Badora lässt in der dekadenten Spaßpartie leicht homoerotische Tendenzen durchschimmern.

In dieser von den Premierenzuschauern gewünschten Fassung spielt Isabella Knöll die Portia. Auch ihr vom verstorbenen Vater verordnetes Kästchenrätsel ist ein Glücksspiel. Im Glitzerkleid lädt die ganz auf Girlie gepolte Knöll die Werber zum Drehen eines Glücksrads ein, sie moderiert deren Fortune als wär’s eine Fernsehgameshow. In Anlehnung an das berühmte Zitat sagt sie: „All the world’s a game and I am the prize.“

Jan Thümer stellt die drei Shylocks zur Wahl: Rainer Galke, Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Elisabeth Plessens Textfassung lässt einiges weg. So ist etwa Sebastian Pass‘ Rolle als Lanzelot Gobbo reduziert, Günter Franzmeier, der ein möglicher Antonio wäre, fallen diesmal nur die kleinen Parts von Tubal und dem Dogen zu. Marius Huth treibt als Dienerin Nerissa Badoras Spiel um Geschlechterrollen auf die Spitze. Am Ende wird Shylock in einer Fast-Vergewaltigungsszene buchstäblich zu Boden gerungen, während Antonio sich diesmal natürlich standhaft weigert, seine Hälfte von deren Vermögen zurückzugeben. Die schlimme Schmach Shylocks währt aber nur kurz, weil Jan Thümer das Publikum schnell in die Nacht hinaus verabschiedet.

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  1. 9. 2018

Burgtheater: Macbeth

Juni 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Grausamkeit als gruseliges Gedankenspiel

Die drei Hexen schlüpfen in die Rollen von Macbeth, seiner Lady und Duncan: Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer und Ole Lagerpusch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Ein Märchen ists erzählt von einem Irren …“, sagt Macbeth in seinem Schlussmonolog. Dies beherzigend hat Regisseur Antú Romero Nunes deren drei für seine Interpretation des schottischen Stücks auf die Bühne des Burgtheaters gestellt, untote Geister, die drei Hexen, möchte man meinen, die das grausame Geschehen als gruseliges Gedankenspiel wiedergeben. Um nicht weniger geht es, als um die Frage nach Gut und Böse, und wie man die Welt in beidem täuschen kann.

Nunes‘ auf 90 Minuten sehr klug verknappte Kurzfassung kommt mit einer Handvoll Rollen aus, Ole Lagerpusch spielt den Macbeth, Christiane von Poelnitz dessen Lady, Merlin Sandmeyer schlüpft in die Figuren Duncan und Banquo, um die Quintessenz des Shakespeare’schen Stoffs über politischen Ehrgeiz, der zum Machtrausch wird, wiederzugeben.

Los geht es, da ist das Saallicht noch an, dieser im Bühnenbild von Stéphane Laimé gleichsam gespiegelt als wär’s der Mittelrang, Balkon, Kristallluster, roter Samt, auf dem Boden ein Pentagramm, da laufen laut kreischend Mädchen in weißen Nachthemden, flüchten vor den Nachtmahren, die gleich auftreten werden. Der Kinderchor „The Vivid Voices“, angetan wie im Horrorfim „The Ring“, bereitet so schauderhaft das gewitternde Erscheinen der Hexen auf der Heide vor. Die kommen in von Adern und Knochen überzogenen Bodysuits, darüber blutige Kleider, und lang-zerrauften Haaren (Kostüme: Victoria Behr). So wird Atmosphäre vorgegeben, auf seltsame Art archaisch wirkt das Spiel der Darsteller, so als wär’s bereits entrückt von einem längst vergangenen Gemetzel.

„Heil dir, Macbeth, der König wird, danach!“ Ihrer verstörenden Prophezeiung folgend übernehmen die Hexen nun die Parts der angesprochenen Charaktere. Merlin Sandmeyer tritt zunächst als Duncan auf, lasziv tänzelnd in angedachter Heerpauke und leicht trottelig verkündet er Macbeths Sieg über den Aufständischen Macdonwald und darf vom Bühnenbalkon aus auch einmal kalauern: „Die Burg ist … schön gelegen.“ Alldieweil besprechen die Gastgeber die Ermordung ihres hohen Herrn, uneinig darüber, wie ernst die Weissagung zu nehmen ist. Zwar wird sich geküsst und innig umarmt, doch ist klar, dass Christiane von Poelnitz‘ Lady Macbeth die Starke im Team ist. Sie wird mit Duncans Blut die Wachen beschmieren, während Ole Lagerpuschs Macbeth vergeblich versucht, sich die besudelten Hände an den Wänden sauber zu wischen.

Merlin Sandmeyer als Banquo. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kinderchor, Merlin Sandmeyer und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich wird auch Sandmeyers Banquo ein Opfer von Macbeths immer angstverzerrteren Mordtaten werden. Nunes inszeniert das effektvoll, indem er Banquo minutenlang durch Bodennebel hasten und stolpern lässt, dabei auf der Drehbühne doch immer auf der Stelle bleibend. Es sind derlei Einfälle, die den Abend mit einer Sogwirkung ausstatten, der man sich nicht entziehen kann: das synchrone Keuchen der Macbeths nach dem Morden, das Türklopfen, das wie ein Herzschlag klingt …, am Ende Tusch und Donner von der Post und Telekom Musik Wien. Da holt die Lady „The Vivid Voices“ noch einmal heraus, wird sie, während sie „Central Park“ von Woodkid singen, eine nach der anderen in den Tod reißen. Die Aufführung endet mit Lady Macbeths Selbstmord, eine ganze Flasche Theaterblut muss dafür daran glauben, und großem Applaus.

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  1. 6. 2018

Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

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  1. 3. 2018

TAG: Macbeth – Reine Charaktersache

Februar 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Zufall macht den Mörder

Julian Loidl ist der perfekte Macbeth. Bild: Anna Stöcher

Gegen Ende sagt eine der Hexen, Georg Schubert spielt sie, sie hätte jedem der anwesenden Männer den Königswahn in den Kopf pflanzen können. Dass es Macbeth traf und sie damit ausgerechnet sein Schicksal besiegelte, war – Zufall. Mit diesen Gedankenspielereien, was wählt der Mensch, wo wird für ihn gewählt, befasst sich Gernot Plass bei seiner jüngsten Shakespeare-Überschreibung im TAG. Wie immer, wenn Plass zum britischen Barden greift, ist ihm ein exzellenter Abend gelungen. Modern, witzig, temporeich, und das alles, ohne dem Shakespeare’schen Stoff in irgendeiner Weise Gewalt anzutun.

Im Gegenteil, Plass bleibt nahe am Original, seine Sprache ist poetisch, sie kontrastiert die Brutalität der Handlung. „Heutig“ ist die eine Frage, die ihn offenbar umtreibt: In dieser Welt, in der Selbstbestimmtheit ein Recht ist, auf das es zu pochen gilt, wie weit ist’s wirklich damit her? Gibt es so etwas wie freien Willen, freie Entscheidung überhaupt, oder muss sich nicht jedermann Kräften beugen, die von außen auf ihn einwirken? Derlei philosophischem Überbau folgt fantastisches Schauspiel.

Ein mit einem bald besudelten weißen (Leichen-)Tuch bedecktes Podium stellt die Hochebene dar, drauf und drunter wird gemeuchelt und gemordet, dass es eine Freude ist. Den „geilen Bräutigam der Göttin Krieg“ gibt Julian Loidl. Er ist die Idealbesetzung für diesen Typus Macbeth, ein Zögerer und Zauderer, den die zunehmende Macht mit sich steigernder Angst ausstattet, ebendiese wieder zu verlieren. Loidl gestaltet den Hin- und Hergerissenen ganz großartig, erst am Schluss, erneut auf dem Schlachtfeld, wird dieser Krieger wieder zu sich gefunden haben.

Ihm zur Seite steht Elisa Seydel als eine intensive Lady Macbeth (und wie alle anderen außer Loidl in unzähligen weiteren Rollen. Plass gelingt es, mit sechs Darstellern Shakespeares gesamten schottischen Kosmos zum Leben zu erwecken), sie eine vom Ehrgeiz Getriebene, die die Chance der Prophezeiung nicht ungenutzt verstreichen lassen kann. Wie Seydel zetert und tobt, schmeichelt und kurz darauf mit Liebesentzug droht, wenn er nicht nach ihrem Willen tanzt, ist sehenswert. Diese Lady Macbeth ist eine große Manipulatorin.

Die drei Hexen bei der Arbeit: Lisa Schrammel, Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Banquo wird ermordet: Lisa Schrammel, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen ist ein ehrenwerter Banquo, Georg Schubert als despotischer Duncan kein so guter König, wie dem nachgesagt wird. Lisa Schrammel macht unter anderem den Malcolm zum sich ermannenden Söhnchen, Raphael Nicholas ist als Lennox verzweifelt über die politischen Entwicklungen in seiner Heimat. Allesamt Krieger in ihren erstaunlich erstarrten Männlichkeitsritualen, die Bühne (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) ein düsteres Schlachtengemälde, in das ab und an allerdings kräftig Farbe gebracht wird – womit nicht nur das Blutrot gemeint ist.

Denn wie stets, wenn Plass bei Shakespeare die Finger im Spiel hat, kommt natürlich der Humor nicht zu kurz. Zum einen, wenn sich Nicholas, Schrammel und Schubert als gedungene Mörder im Dialektsprechen und Bärbeißigsein üben, zum anderen, wenn die drei als Hexen auftreten. Die sind bei Plass in Leoprint gehüllte Esoteriktanten, die zwischen Hekates Zauberworkshop und den aktuellsten Societymagazinen tändeln. Dass diesen Spaßgesellschaftsgirlies überhaupt jemand etwas glaubt, grenzt an ein Wunder. Doch natürlich kommt’s, wie’s kommen muss. Dafür war gerade der richtige Mann zur richtigen Zeit am falschen Ort. Alles Zufall – oder was?

Gernot Plass im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28155

dastag.at

  1. 2. 2018