Burgtheater: Macbeth

Juni 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Grausamkeit als gruseliges Gedankenspiel

Die drei Hexen schlüpfen in die Rollen von Macbeth, seiner Lady und Duncan: Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer und Ole Lagerpusch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Ein Märchen ists erzählt von einem Irren …“, sagt Macbeth in seinem Schlussmonolog. Dies beherzigend hat Regisseur Antú Romero Nunes deren drei für seine Interpretation des schottischen Stücks auf die Bühne des Burgtheaters gestellt, untote Geister, die drei Hexen, möchte man meinen, die das grausame Geschehen als gruseliges Gedankenspiel wiedergeben. Um nicht weniger geht es, als um die Frage nach Gut und Böse, und wie man die Welt in beidem täuschen kann.

Nunes‘ auf 90 Minuten sehr klug verknappte Kurzfassung kommt mit einer Handvoll Rollen aus, Ole Lagerpusch spielt den Macbeth, Christiane von Poelnitz dessen Lady, Merlin Sandmeyer schlüpft in die Figuren Duncan und Banquo, um die Quintessenz des Shakespeare’schen Stoffs über politischen Ehrgeiz, der zum Machtrausch wird, wiederzugeben.

Los geht es, da ist das Saallicht noch an, dieser im Bühnenbild von Stéphane Laimé gleichsam gespiegelt als wär’s der Mittelrang, Balkon, Kristallluster, roter Samt, auf dem Boden ein Pentagramm, da laufen laut kreischend Mädchen in weißen Nachthemden, flüchten vor den Nachtmahren, die gleich auftreten werden. Der Kinderchor „The Vivid Voices“, angetan wie im Horrorfim „The Ring“, bereitet so schauderhaft das gewitternde Erscheinen der Hexen auf der Heide vor. Die kommen in von Adern und Knochen überzogenen Bodysuits, darüber blutige Kleider, und lang-zerrauften Haaren (Kostüme: Victoria Behr). So wird Atmosphäre vorgegeben, auf seltsame Art archaisch wirkt das Spiel der Darsteller, so als wär’s bereits entrückt von einem längst vergangenen Gemetzel.

„Heil dir, Macbeth, der König wird, danach!“ Ihrer verstörenden Prophezeiung folgend übernehmen die Hexen nun die Parts der angesprochenen Charaktere. Merlin Sandmeyer tritt zunächst als Duncan auf, lasziv tänzelnd in angedachter Heerpauke und leicht trottelig verkündet er Macbeths Sieg über den Aufständischen Macdonwald und darf vom Bühnenbalkon aus auch einmal kalauern: „Die Burg ist … schön gelegen.“ Alldieweil besprechen die Gastgeber die Ermordung ihres hohen Herrn, uneinig darüber, wie ernst die Weissagung zu nehmen ist. Zwar wird sich geküsst und innig umarmt, doch ist klar, dass Christiane von Poelnitz‘ Lady Macbeth die Starke im Team ist. Sie wird mit Duncans Blut die Wachen beschmieren, während Ole Lagerpuschs Macbeth vergeblich versucht, sich die besudelten Hände an den Wänden sauber zu wischen.

Merlin Sandmeyer als Banquo. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kinderchor, Merlin Sandmeyer und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich wird auch Sandmeyers Banquo ein Opfer von Macbeths immer angstverzerrteren Mordtaten werden. Nunes inszeniert das effektvoll, indem er Banquo minutenlang durch Bodennebel hasten und stolpern lässt, dabei auf der Drehbühne doch immer auf der Stelle bleibend. Es sind derlei Einfälle, die den Abend mit einer Sogwirkung ausstatten, der man sich nicht entziehen kann: das synchrone Keuchen der Macbeths nach dem Morden, das Türklopfen, das wie ein Herzschlag klingt …, am Ende Tusch und Donner von der Post und Telekom Musik Wien. Da holt die Lady „The Vivid Voices“ noch einmal heraus, wird sie, während sie „Central Park“ von Woodkid singen, eine nach der anderen in den Tod reißen. Die Aufführung endet mit Lady Macbeths Selbstmord, eine ganze Flasche Theaterblut muss dafür daran glauben, und großem Applaus.

www.burgtheater.at

  1. 6. 2018

Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2018

TAG: Macbeth – Reine Charaktersache

Februar 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Zufall macht den Mörder

Julian Loidl ist der perfekte Macbeth. Bild: Anna Stöcher

Gegen Ende sagt eine der Hexen, Georg Schubert spielt sie, sie hätte jedem der anwesenden Männer den Königswahn in den Kopf pflanzen können. Dass es Macbeth traf und sie damit ausgerechnet sein Schicksal besiegelte, war – Zufall. Mit diesen Gedankenspielereien, was wählt der Mensch, wo wird für ihn gewählt, befasst sich Gernot Plass bei seiner jüngsten Shakespeare-Überschreibung im TAG. Wie immer, wenn Plass zum britischen Barden greift, ist ihm ein exzellenter Abend gelungen. Modern, witzig, temporeich, und das alles, ohne dem Shakespeare’schen Stoff in irgendeiner Weise Gewalt anzutun.

Im Gegenteil, Plass bleibt nahe am Original, seine Sprache ist poetisch, sie kontrastiert die Brutalität der Handlung. „Heutig“ ist die eine Frage, die ihn offenbar umtreibt: In dieser Welt, in der Selbstbestimmtheit ein Recht ist, auf das es zu pochen gilt, wie weit ist’s wirklich damit her? Gibt es so etwas wie freien Willen, freie Entscheidung überhaupt, oder muss sich nicht jedermann Kräften beugen, die von außen auf ihn einwirken? Derlei philosophischem Überbau folgt fantastisches Schauspiel.

Ein mit einem bald besudelten weißen (Leichen-)Tuch bedecktes Podium stellt die Hochebene dar, drauf und drunter wird gemeuchelt und gemordet, dass es eine Freude ist. Den „geilen Bräutigam der Göttin Krieg“ gibt Julian Loidl. Er ist die Idealbesetzung für diesen Typus Macbeth, ein Zögerer und Zauderer, den die zunehmende Macht mit sich steigernder Angst ausstattet, ebendiese wieder zu verlieren. Loidl gestaltet den Hin- und Hergerissenen ganz großartig, erst am Schluss, erneut auf dem Schlachtfeld, wird dieser Krieger wieder zu sich gefunden haben.

Ihm zur Seite steht Elisa Seydel als eine intensive Lady Macbeth (und wie alle anderen außer Loidl in unzähligen weiteren Rollen. Plass gelingt es, mit sechs Darstellern Shakespeares gesamten schottischen Kosmos zum Leben zu erwecken), sie eine vom Ehrgeiz Getriebene, die die Chance der Prophezeiung nicht ungenutzt verstreichen lassen kann. Wie Seydel zetert und tobt, schmeichelt und kurz darauf mit Liebesentzug droht, wenn er nicht nach ihrem Willen tanzt, ist sehenswert. Diese Lady Macbeth ist eine große Manipulatorin.

Die drei Hexen bei der Arbeit: Lisa Schrammel, Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Banquo wird ermordet: Lisa Schrammel, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen ist ein ehrenwerter Banquo, Georg Schubert als despotischer Duncan kein so guter König, wie dem nachgesagt wird. Lisa Schrammel macht unter anderem den Malcolm zum sich ermannenden Söhnchen, Raphael Nicholas ist als Lennox verzweifelt über die politischen Entwicklungen in seiner Heimat. Allesamt Krieger in ihren erstaunlich erstarrten Männlichkeitsritualen, die Bühne (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) ein düsteres Schlachtengemälde, in das ab und an allerdings kräftig Farbe gebracht wird – womit nicht nur das Blutrot gemeint ist.

Denn wie stets, wenn Plass bei Shakespeare die Finger im Spiel hat, kommt natürlich der Humor nicht zu kurz. Zum einen, wenn sich Nicholas, Schrammel und Schubert als gedungene Mörder im Dialektsprechen und Bärbeißigsein üben, zum anderen, wenn die drei als Hexen auftreten. Die sind bei Plass in Leoprint gehüllte Esoteriktanten, die zwischen Hekates Zauberworkshop und den aktuellsten Societymagazinen tändeln. Dass diesen Spaßgesellschaftsgirlies überhaupt jemand etwas glaubt, grenzt an ein Wunder. Doch natürlich kommt’s, wie’s kommen muss. Dafür war gerade der richtige Mann zur richtigen Zeit am falschen Ort. Alles Zufall – oder was?

Gernot Plass im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28155

dastag.at

  1. 2. 2018

Landestheater NÖ: Romeo und Julia

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dramaqueen trifft Keifzange, am Ende beide tot

Upper-Class-Kids beim (selbst)mörderischen Zeitvertreib: Tim Breyvogel und Seyneb Saleh als Romeo und Julia. Bild: Alex Pelekanos

Beim Verlassen des Theaters macht es ein schätzungsweise siebenjähriger Knabe aus der Reihe vor einem deutlich. „Mama, warum sind die alle wieder aufgestanden und haben weitergespielt?“ Jahaha! Weil sich da einer was gedacht hat. Sebastian Schug inszenierte am Landestheater Niederösterreich Shakespeares „Romeo und Julia“ als Mix aus untoten Neo-noir-Film-Fechtkünstlern, sinistrem Lucius-Malfoy-Lookalike und dem Thomas-Bernhard-„Theatermacher“-Zitat:

„Selbst an unseren Staatstheatern lernt kein Mensch mehr sprechen“. Güldene Ausnahme: Johanna Tomek als Amme. Trostlos. Da war man extra nach St. Pölten aufgebrochen, um sich shakespearen zu lassen, doch selten hatte der Welt größte Lovestory weniger Liebe, die Darsteller weniger Charisma, die Inszenierung weniger Tiefgang. Wo’s doch so ist, dass man ob der Seelenblähungen des Lerchen-Pärchens seit Gymnasiumstagen dachte: Durchbrennen, Job suchen, in Glück und Frieden leben, wo liegt euer Problem, Freunde?, so tritt immerhin dies in Schugs Arbeit klar zu Tage. Ein Haufen verwöhnter Upper-Class-Kids macht sich den Ennui mit Mord und Selbstmord spannend. Kraftvolles Spektakel statt romantischer Himmelwärts-Verklärung, das wär‘ was gewesen. Nur bleibt der Versuch nicht im Ansatz stecken, er wird gar nicht erst unternommen …

Wo also anfangen im Unglück? Beim Tschinderassabum? Die Jungs beweisen gleich eingangs, dass sie besser den Degen als Worte führen können. „Romeo“ Tim Breyvogel schaut aus, wie aus dem Wasser gezogen, gepflegt grungig, jedenfalls hat er von Beginn an den irren Märtyrer- und das Selbstmitleid im Blick. Lasst mich den „Unendlichen Spaß“ haben, ich knüpfe mich dafür auch in der Garage auf! Man sagt es wirklich nicht gern, aber, nachdem er unter Donner und Blitz seine Julia kennengelernt hat, ist es tatsächlich besser, dass aus den beiden nix geworden ist.

Julia trinkt das Gift: Seyneb Saleh mit Johanna Tomek als Amme, Elzemarieke de Vos als Mercutio, Josephine Bloéb als Graf Paris, Emanuel Fellmer als Tybalt und „Romeo“ Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Plastikklumpenbett: Seyneb Saleh mit Josephine Bloéb, Stanislaus Dick als Benvolio, Emanuel Fellmer, Elzemarieke de Vos, Martina Spitzer als Lady Capulet und Johanna Tomek. Bild: Alexi Pelekanos

Seyneb Saleh spielt die höhere Tochter höchst ungestüm, wenn diese Julia alles ist, dann kein zartes Fräulein. Im Gegenteil, das Früchtchen, eigentlich: der Trampel, wütet gegen alle ihr Untergebenen, von Eltern bis Amme, und man stelle sich das Angetraute vor: Romeo, die Dramaqueen, Julia, die Keifzange – wo soll das enden, wenn nicht bei Kishon? Ach ja: In der Drei-Stunden-Aufführung schnappen sich Romeo und Julia jedes irgend taugliche Selbstmordinstrument, um sich aus dem Leben zu befördern, werden aber stets von gutmeinenden Helfern am Suizid gehindert. Man hätte früher Zuhause sein können …

Was sonst noch gilt es zu bejammern, außer dem Fehlen des berühmten Balkons? Elzemarieke de Vos erprobt sich als Mercutio und ist ein durchaus schelmisch-tänzelnder Freigeist, der seinen Welthass auskotzt (Mercutio und Tybalt/Emanuel Fellmer schließen mit einem Zombie-Kuss auch den Pausenvorhang), bevor das Ensemble Guns n’Roses schändet. Diese jenseitige Darbietung von „Sweet Child of Mine“ hat sich Axl Rose echt nicht verdient. Josephine Bloéb wäre ein sehr passabler, zarter, leise anbetender Graf Paris, hätte die Regie ihr den Raum gegönnt, den die Figur gelohnt hätte. Stanislaus Dick mimt einen gutgelaunten Benvolio.

Es geht dem Ende zu: Seyneb Saleh mit Martina Spitzer, Thomas Bammer als Bruder Lorenzo und Josephine Bloéb. Bild: Alexi Pelekanos

In den Mittelpunkt des Geschehens rückt Schug ein geschmolzenes und wieder erstarrtes schwarzes Plastikpodest, irgendwie unappetitlich, aber sehr sinnig Beischlafnest und Aufbahrungsbett in einem. Where do we go now? Dem Ende zu. Da darf noch einmal gelacht werden, wenn Romeo unter heftigem Geknarze einen Eisendeckel aufstemmt, um sein Zufallsopfer Paris zu begraben. Den Liebenden gönnt die Regie keinen sanften Tod. Romeo zappelt sich zu Tode, Julia rührt mit dem Dolch in ihrem Bauch herum. Die bereits Gefällten kommen wieder und wieder und wieder. Sie werden als Chor und Bühnencombo benötigt.

Die Produktion läuft bis 31. Jänner am Landestheater Niederösterreich und auch als Silvester-Vorstellung. Am 19. und 20. Dezember ist „Romeo und Julia“ an der Bühne Baden zu Gast.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 10. 2017

Bronski & Grünberg: Richard III.

Oktober 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mordsspaß mit dem Monster

Sympathy for the Devil: Josef Ellers macht aus Richard III. einen charmanten Verführer. Bild: © Philine Hofmann

Es gibt viele gute Gründe, warum Shakespeare-Aficionados sich die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg nicht entgehen lassen dürfen, und es gibt einen sehr guten Grund – namens Josef Ellers. Der 29-jährige Klagenfurter gibt einen „Richard III.“ wie ihn sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Verschmitzt, falsch und verräterisch, um Verständnis, ja um Mitleid heischend, da unschuldig „ums schöne Ebenmaß verkürzt“, und mehr als gewillt, den Dreckskerl aufzuführen. Das Ziel heißt Krone, dafür werden Kollateralschäden in Kauf genommen.

Ellers wischt alle möglichen Vorbilder, die Wien schon gesehen hat, scheint’s unbekümmert aus dem Blickfeld. Er macht auf charmanter Manipulator, und buckelt dabei im Wortsinn wie ein treuer Diener des Staates; statt A-part-Sprechen setzt er aufs Beiseitegrinsen, macht sich so das Publikum zum Komplizen, und tatsächlich, man hat Sympathien für diesen gerissenen Teufel. Der hat Witz, der hat Charisma, man hat einen Mordsspaß mit dem Monster. Und endlich einen Richard, bei dem verständlich ist, warum die diversen Witwen der von ihm Gemeuchelten auf ihn fliegen …

Helena Scheuba ist als Regisseurin und Übersetzerin für diese tadellose Inszenierung verantwortlich, mit der das Bronski & Grünberg seine zweite Saison eröffnete. Auf der Rückwand hat Bühnenbildner Daniel Sommergruber den „Schummelzettel“ angebracht, die Stammbäume der Geschlechter Lancaster und York. Auf einen Blick erklärt sich wer mit oder warum gegen wen, während Richard, das rote Farbkübelchen in der Krüppelhand, blutrünstig und mit Malerpinsel die Namen derer streicht, die er bereits gefällt hat. Ganz am Rande steht – Richmond, und darunter hängt sein Schwert.

Elizabeth schwört ihre Verbündeten ein: Johanna Rehm mit Sophie Aujesky und David Jakob. Bild: © Philine Hofmann

Schwarze Tränen und Verwünschungen für Richard: David Jakob als Königin Margaret. Bild: © Philine Hofmann

Wie überhaupt jeder Figur eine Requisite zugeteilt ist. Sophie Aujesky, Johanna Rehm und David Jakob nehmen sie von den jeweiligen Haken, verwandeln sich blitzschnell in den nächsten Charakter. Das tolle Dreiergespann schlüpft in alle weiteren Rollen, stattet zwei Dutzend Nebenfiguren mit oder ohne Rückgrat, mit übler Gesinnung oder nobler Haltung aus – ob Mann oder Frau ist egal. Und so ist Sophie Aujesky unter anderem ein großartig wütender Eduard, ein ehrenwerter Lord Hastings und eine angewiderte und dennoch leicht um den Finger gewickelte Anne (deren Name auf der Wand entsprechend die Seiten wechselt).

David Jakob brilliert vor allem als Richards Mann fürs Grobe, Buckingham, und als parzenhafte, schwarze Tränen weinende Königin Margaret. Außerdem ist er der im Tower ermordete Bruder George. Johanna Rehm ist eine verzweifelt rasende Elizabeth, ein angstvoller Stanley, und schließlich der ruhmreiche Richmond – inklusive beeindruckendem Schwertkampf mit Ellers‘ Richard. Rehm und Aujesky können auch ihre Slastickqualitäten ausspielen, sei’s als tollpatschige gedungene Mörder, in dieser Szene ist Scheubas Arbeit echtes Shakespeare’sches Volkstheater, oder als präpotent aufsässiges Prinzenpaar, zwei echte Früchtchen, die den Onkel wegen seiner Behinderung verspotten. Ihre Abschlachtung markiert Aujesky als mit dem Feuerzeug spielender Tyrell einfach, indem sie ihre Papierkrönchen anzündet. Zwischen solch symbolhaften, mitunter trashigen Szenen läuft Popmusik zu Liebe, Macht, Schuld.

Am Ende ihrer Politikeransprachen, dem Verbalduell Richard vs Richmond, folgt der Waffengang, Richards Name der letzte, der von den Siegern genussvoll gestrichen wird. Zweieinhalb Stunden dauert die Aufführung im Bronski & Grünberg, jede Minute davon spannend. Als nächstes will das Team um Kaja Dymnicki und Alexander Pschill mittels Crowdfunding einen „Rigoletto“ auf die Beine stellen. Von „Richard III.“ gibt es noch zehn Vorstellungen bis 10. Dezember.

www.bronski-gruenberg.at

5. 10. 2017

Der todkranke Eduard wütet über Richards Ränkespiel: Sophie Aujesky mit Johanna Rehm. Bild: © Philine Hofmann

Buckingham macht sich zu Richards Handlanger: David Jakob und Josef Ellers. Bild: © Philine Hofmann